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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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48
Rosaline an Antonio

Ach, Antonio, Antonio! Komm doch so bald, als möglich. Ich getraue mich gar nicht, meine Mutter anzusehn; alles was ich sonst gern tat, ist mir jetzt zur Last, mir ist, als gehört ich gar nicht mehr in dieses Haus. – Ich möchte einsam und unbemerkt im Winkel sitzen, und den ganzen Tag über weinen. Ach, Antonio! was hast Du aus mir gemacht? – Ich lebte so still vor mich hin, und war mit allem zufrieden, und jetzt ist mir das ganze Haus zu enge, ich denke unaufhörlich an Dich und an gestern, und mit einer quälenden Unruhe; mein Herz schlägt schwer und gewaltsam. O komm heut recht früh, damit ich nur wieder ein Paar Augen finde, die ich ansehn darf, und die ich, ach! so gern betrachte.

 

49
Rosaline an Antonio

Ach, Antonio, Du weißt es gar zu gut, daß ich Dir nichts abschlagen kann, und das macht Dich so stark und dreist, weil ich nur zu schwach bin. Aber habe Mitleid mit mir. – Ach, was kann mir nun alles noch helfen? Meine Laute macht mir keine Freude mehr, meine Mutter ist mir oft in der Seele zuwider; und doch möcht ich ihr manchmal um den Hals fallen, und ihr alles, alles sagen. Aber es hält mir die Zunge fest, es drängt mir in der Kehle, daß mir die Sprache versagt. Ich weine viel, und sie meint, es sei um den armen Pietro. – Ach, Antonio, halte nur Dein Versprechen, ich beschwöre Dich bei der Muttergottes, denn sonst bin ich gänzlich verloren.

 

50
William Lovell an Rosa

Rom.

Wenn man recht froh und zufrieden lebt, in einer schönen Einförmigkeit, den einen Tag, so wie den andern, so schreibt man ungern, weil man nichts zu schreiben hat. Ich habe mich mit Rosalinen nun ganz gut eingerichtet, und ich fühle nach langer Zeit die schöne Behaglichkeit wieder, die Erfüllung aller Wünsche zu sehn, ohne jenen Sturm des Bluts, ohne jenes ängstliche Herzklopfen, das aus unserm Leben unangenehme Abschnitte macht. Ich wäre ganz glücklich, wenn mich der Eigensinn und die Launen Rosalinens nicht zuweilen störten. Daß sich doch keine von den Schwachheiten ihres Geschlechtes losmachen kann! Sie ist unzufrieden mit der Art, mit der ich Willy behandle, täglich wird sie dringender, daß ich sie heiraten soll, und, was das Traurigste ist, alle ihre Munterkeit, ihre Laune ist hin, und mit ihr jener unaussprechliche Zauberreiz. Soll ich es mir gestehn, daß sie mich nicht liebt? Denn sonst könnte sie das nicht beweinen, was mich glücklich gemacht hat.

Willy hätte jetzt Gelegenheit, nach England zu reisen, wenn es nur nicht mein Verhältnis mit Rosalinen störte.

 

51
Rosa an William Lovell

Tivoli.

Ja ich will nur endlich kommen, denn es scheint mir selbst, als wenn Sie meiner bedürften. Lieber Freund, Sie sind in Ihren Briefen nicht mehr so aufrichtig, als Sie es anfangs waren; Sie fangen an, sich zu maskieren, aber ich sehe gar nicht warum. Schämen Sie sich zu gestehen, daß Ihre Leidenschaft nun nach dem Genusse nicht mehr jenes stürmende, drängende Gefühl ist, voller Ahndung und Ungewißheit? Sagen Sie es nur dreist heraus, denn die Schuld davon liegt nicht an Ihnen, sondern an der Einrichtung unsrer Natur, der wir uns unbedingt unterwerfen müssen. – Erinnern Sie sich, was ich Ihnen mit prophetischem Geiste schon in einem meiner frühern Briefe sagte, daß man sich nie zwingen müsse, mit Enthusiasmus die Leere auszufüllen, die sich oft plötzlich in alle unsre Gefühle reißt, denn dies ist die höchste Qual des Lebens, die wahre Tortur der Seele. Geben Sie sich und Ihren Empfindungen nach, denn alle Ihre Schwüre, alle Ihre poetischen Beteurungen haben Sie im Grunde gar nicht getan, sondern es sind nur notwendige Äußerungen des Gefühls, das Sie damals hatten; Sie haben nicht gesprochen, sondern Ihre Leidenschaft; diese ist jetzt fort, und mit ihr das Wesen, das Sie so sprechen ließ. – Doch mündlich ein mehreres. In wenigen Tagen bin ich selbst in Rom; dann will ich doch auch Ihre Gottheit sehn und sprechen. –

 

52
Willy an seinen Bruder Thomas

Rom.

Gottlob, Bruder, der Tag der Erlösung ist nun endlich da. Ach, mir ist recht froh und leicht, fast so, wie wenn ich manchmal von einem recht schlimmen Traume aufwache, und mich im warmen sichern Bette wiederfinde; ich kann nun doch endlich nach England zurückreisen. Ein Franzose, ein Bekannter meines Herrn, auch so einer von den Herzensfreunden, reist nach England; je nun, er ist immer noch gut genug, daß ich mit ihm reisen kann, und doch nun meinen lieben Bruder wiedersehe. Ich hätte auch hier das gotteslästerliche Leben nicht mehr aushalten können, das kannst Du mir glauben, lieber Thomas; ich war hier ganz, wie unter Heiden und Türken geraten, und hatte keinen einzigen frohen Augenblick. Mein Herr ist verloren, der böse Feind hat ihn gänzlich und ganz und gar eingenommen; lauter Unglück hat er angestiftet. Da ist hier ein armes, blutarmes und unschuldiges Kind, ein hübsches Mädchen, das hat er verführt, das merk ich so aus ihrem stillen, jammernden Wesen. Ich mag Dir nur nicht alles schreiben, wie ich es denke, und es ist unrecht von mir, daß ich so denke: aber ich kann nicht dafür, lieber Bruder, die Gedanken kann man sich nicht geben und nicht nehmen, sie kommen ganz ungerufen, und quälen uns oft ebenso, wie Mücken und Stechfliegen. Die sind hier sehr häufig, und auch so bei mir die schlimmen Gedanken. – Nun ich denke, Gott wird mich schon wieder zurechtbringen, sobald ich nur wieder auf unserm frommen, väterlichen Boden stehe. O wie freue ich mich, Dich und meinen alten Herrn, den guten Herrn Lovell wiederzusehn! – Grade, wie sich ein Kind auf den Heiligen Christ freut, so ist mir zumute. – Lebe wohl bis dahin, bester Bruder.

 

53
Rosaline an Antonio

Wo bleibst Du doch, Antonio, daß ich Dich gestern gar nicht gesehn habe? Willst Du mich denn ganz allein lassen? – Ach, ich habe viel zu Gott und seinen Engeln gebetet, aber mir ist keine Erhörung geworden, recht ohne Trost bin ich vom Himmel, wie eine Sünderin, abgewiesen. – Die Saiten auf meiner Laute sind gesprungen, und ich mag keine neue aufziehn: meine Laute, die ich von Kindheit auf kenne, die ich sonst so innig liebte. Siehst Du, so weit ist es schon mit mir gekommen. Die Tränen sind eine Gabe des Himmels, ich kann manchmal ordentlich gar nicht weinen, wenn ich es auch so gerne möchte. – O komm, komm, Antonio, ich bin sonst wie ein Kind, das sich im Walde verirrt hat. Alles erschreckt mich, aber wenn Du da bist, ist es wieder wie ein Frühlingsschein um mich her. – Wenn ich Dich heut nicht sehe, kann ich wieder die ganze Nacht nicht schlafen; mir fällt so mancherlei ein, wovor mir graut. – Ach, wohl dem armen Pietro, daß er tot ist! –

 

54
Rosaline an Antonio

Ja wohl möcht ich sterben, sterben, Antonio. Du kömmst also nicht und siehst nach der kranken Rosaline, der Du sonst so viel von Deiner innigen Liebe vorgesprochen hast? – Ach, bleib noch ein paar Tage länger, und Du kömmst dann vergebens, um sie zu suchen. – Wer ist nun treulos? Hab ich es nicht immer gefürchtet, daß Du so sein würdest? – Wenn ich erst tot bin, so will ich Dir erscheinen, Dich gewiß auffinden, und Deine Seele martern. – Dein Vater ist auch fort; Gott, wie mag das alles zusammenhängen? – Ich will den Brief zu Dir hinübertragen, ich weiß nicht, ob Du ihn erhalten wirst. Ach, was kann es mir auch helfen? – Mein Bild, das Du gezeichnet hattest, lag bei Dir auf dem Boden, man hatte schon daraufgetreten, es war ganz unkenntlich, ach, und es sieht mir jetzt gewiß sehr ähnlich. – Siehst Du, so ist Deine Liebe! – Ach, Antonio, wenn Du schon so bist, welche Ungeheuer müssen dann die übrigen Männer sein! – Ich habe Dein Halstuch mitgenommen, und bewahr es wie ein Heiligtum. – Ach Du geliebter Bösewicht, wohl versteh ich es jetzt, was ich sonst nicht begreifen konnte, wenn Menschen sich vom Bösen versuchen ließen; Deine Gestalt, Dein Wesen hat er dann angenommen. – Ich kann nicht weiter, ich muß laut schluchzen; sollt ich Dich denn auch heut nicht wiedersehn?

 

55
Rosaline an William Lovell

Ja, ja, nun ist mein Unglück gewiß. – Gott, ich werd es nicht überleben. – Welche Ostern hab ich gefeiert! es sind die letzten, das fühl ich. – Du bist also nicht der, für den Du Dich ausgibst? O Himmel! Mein Antonio ist ein Betrüger! – Mein Antonio? – Nein, Du bist nicht mein; Du bist mir fremd, Du bist vornehm, Du kannst nie der meinige werden. Und jetzt könnt ich Dich auch nicht mehr lieben. – Ach, wo ist alles, alles so plötzlich hingekommen, was ich für Dich empfand? Hast Du mich denn wirklich nicht auf dem Platze der Peterskirche gesehn? O gewiß, denn Deine Augen waren immer nach mir hingerichtet. Aber Du schämst Dich jetzt meiner – Du – ich sollte Dich nicht so nennen, denn Du bist nicht meinesgleichen, Du liebst mich nicht. – Mein Herz klopfte ängstlich – ich kannte Dich gleich am Ziehen der rechten Augenbraune, an der Art zu lächeln – an dem kleinen Flecke am Munde, ich wollte mich zu Dir drängen, ich konnte nicht; ich dachte in Ohnmacht zu sinken. – Ich konnte nicht den Heiligen Vater ansehn, als er den Segen sprach, denn ich sahe nur Dich, Dich einzig und allein in der ungeheuren Volksversammlung; meine Mutter stand hinter mir, und blieb zurück, als ich mich vordrängte. – Ach wohin wollt ich mich drängen? – Lebe wohl, ich sterbe bald, der Segen des Heiligen Vaters ist meine Einsegnung zum Grabe gewesen. – Und Du warst so froh – ach, Antonio – vergib, daß ich Dich immer noch bei diesem schönen Namen nenne – Antonio – o was kann ich sagen! Mein Kopf schwindelt. – Soeben sang meine Mutter still vor sich hin eins von unsern alten Liedern. – Ach, diese Lieder kennen mich nicht mehr, sie wollen mich nicht mehr trösten. – Nein, ich will auch nicht getröstet sein, ich will verzweifeln, ich will wahnsinnig werden, und so zu Dir rennen, so Dir mit fliegenden Haaren wild vor die Augen treten, und Dich verlachen, wenn Du mich dann nicht mehr kennst. – Ich glaube, mir ist im Kopfe eine Ader gesprungen, ich blute heftig, und bin wie betäubt. O Ungetreuer, mit diesem Blatte empfängst Du zugleich meine Blutstropfen; bald soll man meine Leiche vor Dir vorübertragen; freue Dich dann Deines Werks! –

 

56
Rosaline an William Lovell

Verwünschungen, Flüche hinter Dir her! – Sie werden Dich ereilen und ergreifen. – Nein, ich kann nicht länger im Hause bei meiner Mutter bleiben, ich kann nicht länger in dieser Welt bleiben, wo jeder Baum, jeder Grashalm mich an Dich erinnert. – Mir ist seltsam, ich will durch die Welt wandern, und Dich suchen, und wenn ich sterbe, sieh! dann treff ich Dich doch jenseits; denn Du mußt auch sterben, da kannst Du meinen Vorwürfen nicht entlaufen. – O weh Dir, Antonio, daß Du sterben mußt; dann wird Dir das Verzeichnis Deiner Sünden, aller, von der kleinsten, bis zur größten, verlesen. Mir ist der Tod ein Trost, Dir wird er wehe tun. – Ich hab es schon lange heimlich geglaubt, aber keinem Menschen und auch Dir nicht sagen mögen, daß Du an Pietros Tode schuld bist. – O wehe Dir, wenn es so ist! – Ich werde hingejagt vom unbekannten Geiste in Tod und Grab, es brennt in meinen Eingeweiden, und die Fluten der Tiber sollen diese Flammen löschen. – Aber ich muß Dich noch sehn vorher, ich will Dir Deine Briefe zurückbringen; ich will – ach, ich weiß selbst nicht, was ich will – sterben gewiß.

 

57
Leonore Silva an William Lovell

Ach, gnädiger Herr! Sie verzeihen es wohl einer alten Frau, wenn sie sich untersteht, Ihnen zur Last zu fallen. – Meine Tochter, die letzte Stütze meines Alters, ist tot; Gott mag ihrer Seele gnädig sein! Sie ist in die Tiber gesprungen, gestern am Abend; vorher ist sie die ganze Stadt durchlaufen, und hat immer nach Ihnen gefragt. Dann haben sie einzelne Leute in den Gärten vor der Porta St. Angelo gesehn, sie hatte die Haare los, und schrie und sang, man hielt sie für verrückt, konnte sie aber nicht einholen. Mit der Dämmerung und dem aufgehenden Monde ist sie in die Stadt zurückgekommen. Auf der Brücke St. Angelo stand sie endlich still, und sah ins Wasser, sie deutete auf den Mondschein, und sagte: sie wolle jetzt in das goldene Paradies; ein Mann, der dort stand, hat es ganz deutlich gehört: so stürzte sie sich vom Geländer hinunter. – Man zog sie tot ans Land. – Ach, lieber gnädiger Herr, nun bin ich ganz verlassen, erzeigen Sie mir doch die Ehre, mich noch einmal zu besuchen, und eine arme, alte, verlaßne Frau etwas zu unterstützen. Gott sei Rosalinens Seele gnädig: ich bete fleißig einen Rosenkranz zu ihrem Heil, und auch für Sie, dem Gott gnädig sein wolle, wenn Sie mir gnädig sind. Helfen Sie mir die wenigen traurigen Tage leben. Meinen Gram, meine Klagen will ich Ihnen nicht vorschwatzen. Gott ist über uns alle.

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