Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Tieck >

William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

23
Amalie Wilmont an Emilie Burton

London.

Ich bin Ihrem Rate gefolgt, liebste Freundin, um nur endlich der marternden Unruhe loszuwerden. Ich bin mit Mortimer verlobt, und fühle mich recht froh und leicht. – Sie haben recht, es sind meistenteils nur kränkliche Einbildungen, mit denen wir uns ängstigen, Sorgen, deren zehnter Teil nur aus Wirklichkeit besteht, das übrige ist Traumgestalt. Ich denke mir jetzt mein zukünftiges Leben recht schön und froh. Mortimer ist weit herzlicher, als ich je von ihm geglaubt hätte, denn er freute sich über meine Einwilligung so sehr, daß es mich bei einem so gescheiten Manne ordentlich überraschte. – Er findet mich gewiß viel zu gut und verständig; ich weiß es zu gut, daß ich kindisch und voller Torheiten bin: ach, wenn er sich nur nicht so mit mir betrogen findet, wie ich mich an Lovell geirrt habe.

Wir werden beide künftig recht einsam wohnen, in keiner großen Stadt, selbst von einer großen Heerstraße abgelegen. Ach, so wird ja nun endlich doch mein Lieblingswunsch erfüllt, in der freien Natur zu leben. Ich bedarf um froh zu sein keiner Zerstreuung und keiner großen Gesellschaften; ich wünsche, daß uns niemand besuche, als gute Freunde, so wie Sie und Ihr Bruder, dann wollten wir dort einmal das schöne Leben von neuem führen, das ich bei Ihnen im vorigen Frühjahre genoß, als ich zuerst Lovell kennenlernte.

Doch, ich wollte ja nicht mehr an ihn denken. Ich soll mich ja mehr in meiner Gewalt haben, wie Sie mir selbst geraten haben. Ich finde auch, daß ich es so ziemlich gelernt habe: nur manchmal widerstreben mir törichte Erinnerungen. – O ich werde gewiß, auch wenn ich zuweilen an Lovell denke, an Mortimers Seite glücklich sein. – Er kömmt mir jetzt immer vor, wie ein gestorbener Bruder, und ich muß noch manchmal weinen, aber es sind nicht mehr die brennenden Tränen, die ich ehemals vergoß.

Sie sehen, daß ich immer bleibe, wie ich war. Ich habe Sie schon oft um diesen schönen graden Sinn beneidet, den ich nie erlangen werde. –

Mein Bruder hat Ihren Vater nach Bondly begleitet, und mich dünkt, ich habe die Ursache erraten. – Sind Sie gar nicht begierig, sie zu wissen? – Doch still, ich darf wohl über meine, aber nicht über die Geheimnisse andrer Leute schwatzen. Das letztere ist unerlaubt, wenn das erste nur kindisch ist.

 

24
Rosa an William Lovell

Tivoli.

Sie dauern mich mit Ihrer neuen Liebschaft. Rosaline mag nach Ihrer Beschreibung ein ganz hübsches Mädchen sein, aber Sie sind und bleiben doch wahrhaftig ein Schwärmer. – Und die Not, bekannt mit ihr, und von ihr erhört zu werden! – Lieber Lovell, haben Sie denn Ihren ganzen Cursum mit so geringem Nutzen gemacht? – Es ist höchst unrecht, daß Sie noch von irgendeinem Mädchen können in Verlegenheit gesetzt werden.

Wenn Sie einmal so sehr von ihr entzückt sind, so müssen Sie alles versuchen, ihr näherzukommen. Es gibt nichts Verdrießlichers, als Leute zu sehn, die ein Gut über alles wünschen, und nicht die kleinsten Mittel anwenden, seiner habhaft zu werden. Ich wollte, ich könnte Pandarus sein, um meinen armen Troclus zu beruhigen. Wenn gar nichts helfen sollte (woran ich zweifle), müssen Sie ihr die Ehe versprechen; am dritten Tage glaubt sie das Märchen, und am vierten ist sie die Ihrige. Am zehnten spätestens wird sie Ihnen denn doch nicht mehr wie eine Gottheit erscheinen.

Nehmen Sie meinen Brief nicht übel; ich bin hier durch einen Zufall in eine Stimmung versetzt, in welcher mir Ihre Anbetung eines kleinen unbedeutenden Mädchens notwendig kindisch erscheinen muß.

Wenn mancher von unsern armseligen Bekannten dies Billet sähe, würde er mich mit hochweiser Miene Ihren Verführer nennen, und wunder meinen, wie viel er dabei dächte. Ich höre von so manchen Menschen dies unschuldige Wort auf so unschuldige Leute anwenden, daß ich jetzt immer darüber lachen muß. Es gibt keinen größern Unsinn, als zu glauben, daß der Verstand auf unsre Gefühle und Handlungen Einfluß habe, und nun gar, daß eine fremde Idee jemals die meinige werden könne, wenn ich sie nicht schon vorher gehabt habe. –

Leben Sie wohl, und geben Sie mir von Ihren Progressen Nachricht. Ich werde dieses Abenteuer als den guten oder schlechten Plan einer Komödie ansehn; zeigen Sie sich daher im dramatischen Fache, wenigstens als ein ebenso guter, wo möglich noch besserer Dichter, als Sie bis jetzt im Lyrischen getan haben.

 

25
William Lovell an Rosa

Rom.

Es ist alles vergebens. Ich bin mir in meinem Leben noch nicht so einfältig vorgekommen, als seit einigen Tagen. – Oder sollte das seltsame Ding, was in einem Lande Schande, im andern Ehre bringt, woran keiner glaubt, und wogegen die ganze Natur sich empört – sollte die sogenannte weibliche Tugend hier wirklich einmal kein Vorurteil sein? Und doch ist es nicht möglich, mein Benehmen ist nur linkisch und ungeschickt. Das Mädchen mit diesen glänzenden Augen muß Temperament haben, nur versteh ich nicht die Kunst, Sinnlichkeit, Eigenliebe und Eigennutz bei ihr auf die wahre Art in Bewegung zu setzen.

Spotten Sie übrigens, wie Sie wollen, es ist gewiß ein himmlisches Geschöpf!

 

26
William Lovell an Eduard Burton

Rom.

Ich bin Dir noch die Nachricht schuldig, daß ich mich jetzt besser befinde, und daß ich nunmehr bei kälterem Blute Deinen Brief gründlicher zu verstehen glaube. Was Du gegen meine Ideen sagst, ist sehr wahr und gegründet; allein jeder Mensch hat seine eigene Philosophie, und die langsamere oder schnellere Zirkulation des Blutes macht im Grunde die Verschiedenheit in den Gesinnungen der Menschen aus. Daher hast Du in Deiner Person völlig recht, und ich in der meinigen nicht unrecht. Das ist eben das Hohe in der menschlichen Seele, daß sich ihr einfacher Strahl in so unendlich mannigfaltige Farben brechen kann; ich gebe Dir zu, daß keine von allen die wahre sei, aber ebensowenig kannst Du behaupten, jene ist ganz verwerflich, weil jedes Auge jede Farbe anders sieht, und Du das vielleicht blau nennst, was mir als rot erscheint.

Doch wir wollen darüber nicht weiter disputieren. Du irrst aber darin völlig, wenn Du meinst, daß meine Gedanken nur Wiederholungen von fremden sind. Von Jugend auf habe ich die Menschen gehaßt und verachtet, die nur das Echo andrer sind, denn ihnen fehlt das Kennzeichen der Menschen; in die Klasse dieser kläglichen Geschöpfe wirst Du mich hoffentlich niemals geworfen haben; und dann ließe sich wohl immer noch die Frage aufwerfen, ob es bei einem Menschen von einigem Verstande möglich sei, ihn zu einer andern Denkungs- oder Handelsweise zu verleiten, bei der seine sogenannte Moralität litte.

Schilt mich nicht wieder einen Sophisten, denn ich will nun einmal recht kalt und gemäßigt sprechen. – Denke Dir den Fall, daß man einen guten unbefangenen Menschen nach und nach so betäubt, daß er unvermerkt in irgendeine Handlung hineintaumelt, die unsere strengere Moral nicht gutheißen kann; bei diesem Umstande ist nur zweierlei möglich. Entweder er ist nach begangener Tat ebenso unschuldig, als vorher, er hat sie, ohne den Vorsatz Böses tun zu wollen, ausgeführt: nun so ist er zwar im Angesichte des buchstäblichen Gesetzes schuldig, aber wahrlich nicht in den Augen der Vernunft, die nicht bloß die grobe äußere, meistenteils nur zufällige Erscheinung, sondern den innern boshaften Sinn bestraft, selbst wenn dieser keine Handlungen hervorbringt. – Der zweite Fall ist also nun dieser: daß schändliche Handlungen aus einem schändlichen Vorhaben entstehen. – Wie kann aber meine Seele fremde Überzeugung wirklich als die ihrige annehmen? Wo willst Du den Punkt, den Moment auffinden, in welchem eine reine Seele zu einer schlechten wird? Geschieht es durch einen Zufall: wie ist es möglich, daß sich dadurch ein Flecken im Geiste erzeugt, da er nur immer gute Gedanken und Vorsätze fassen kann? – Durch die Meinung eines andern? Er wird mit reinem Sinne den fremden nicht begreifen, und wenn er ihn begreift, so setzt dies schon voraus, daß er selbst verdorben sei. – Du wirst Dich aus diesem Labyrinthe von Widersprüchen nicht herausfinden können; nimm also meine Meinung an, und gib mir zu, daß Deine Furcht gänzlich ungegründet ist.

Aber unmöglich kann mein verständiger Eduard zu den Toren gehören, die nur ihresgleichen lieben können; ich weiß, wie entfernt er von diesem Sektierergeiste ist, daher brauch ich nicht zu heucheln, wenn ich von seiner Meinung abweiche, um nur seine Freundschaft nicht zu verlieren. Ich darf mich daher ebenso dreist wie sonst unterschreiben, meines geliebten

Freundes zärtlicher Freund
William Lovell.

27
Walter Lovell an seinen Sohn

London.

Lieber Sohn!

Ich weiß nicht, ob Du noch immer auf Deinen unglücklichen Vater zürnest, Deine sparsamen und wortkargen Briefe lassen es mich befürchten. Ich habe Dir bis jetzt unausgesetzt das verlangte Geld geschickt, ohne bisher ein Wort darüber zu verlieren, ob Du gleich in jedem Vierteljahre mehr als im vorigen gebraucht hast. Du findest hierbei auch den Wechsel, den Du so ungestüm gefordert hast; nur zwingen mich diesmal die äußern Umstände, einige Worte hinzuzufügen, die Dir und mir gleich unangenehm sein müssen.

Ich habe seit mehrern Jahren nur in Dir und in der Aussicht einer schönen Zukunft gelebt: aber seit einem halben Jahre hat sich Dein Herz von Deinem Vater abgewandt; ich wüßte kaum, daß Du noch lebtest, wenn Deine Briefe, in denen Du mich, wie ein ungestümer Gläubiger um Geld mahnest, mich nicht mittelbar davon benachrichtigt hätten. Ich gab Dir alles gern, denn ich habe mein Vermögen von je als ein Mittel angesehn, Dich glücklich zu machen; ich war dabei überzeugt, daß sich das Herz meines William wieder erweichen würde, und so ließ ich Deinen Torheiten freien Lauf.

Wenn Du aus diesem Briefe schließest, daß ich wieder krank bin, so irrst Du nicht, ich bin es, und vielleicht gefährlicher, als je. Ich fühle die Lebenskraft gleichsam nur noch tropfenweise durch meinen Körper rinnen, darum kehre bald nach England zurück, teurer Sohn, damit ich Dich noch wiedersehe, und mir wenigstens noch ein Glück auf dieser Erde übrigbleibt.

Ich kann nicht umhin, meine anfängliche Drohung zu erfüllen, denn Du mußt ja doch einmal alles erfahren. Meine schöne erträumte Zukunft, der Glanz unsers Hauses, Deine Größe – alle meine Hoffnungen sind dahin, und auf ewig zernichtet! – Ich habe meinen Prozeß verloren, und Burton ist jetzt Herr meiner Ländereien. Wie es möglich geworden, auf welchen Wegen er dahin gekommen ist, das alles kann ich nicht begreifen: aber genug, daß es geschehen ist! – Mir bleibt nun nichts weiter übrig, als die kleinen beiden Güter in Hampshire, wo ich in dem alten verfallenen Hause freilich noch zum Sterben Raum genug finde. – Ich sehe es schon voraus, wie sich alle meine Bekannten, die mir bisher schmeichelten, zurückziehen werden. Man kümmert sich so wenig um den Unglücklichen, der sich aus der großen Welt verliert, alles ist kalt und empfindungslos, wie die Lichter am Firmamente, wenn ein Stern heruntersinkt. Dies ist das passendste Bild meines Unglücks.

Burton besuchte mich schadenfroh einige Tage vorher, ehe das Urteil meines Prozesses gesprochen ward. Er war ungewöhnlich freundlich, er betrachtete das Haus und den Garten aufmerksam, schon als sein Eigentum – und ich will ihm auch mein hiesiges Gut verkaufen, um nicht in der Nähe von London zu leben.

Tröste Dich, mein Sohn, und wenn Du vielleicht von diesem Schlage weniger getroffen sein solltest, als ich, so versuche Deinen Vater zu trösten. Ich ziehe in zwei Wochen von hier fort; Du weißt also, wohin Du Deinen Brief zu adressieren hast.

Daß Du jetzt weniger Aufwand machen mußt; daß es das letztemal ist, daß ich Dir einen so ansehnlichen Wechsel schicke, brauche ich wohl nicht erst hinzuzufügen. – Ach, mein Sohn! stände Dein Glück in meiner Hand! – Doch ich will abbrechen. Lebe wohl.

 

28
William Lovell an Rosa

Rom.

Ich habe mancherlei Nachrichten aus England, die mich interessieren sollten, allein ich kann einzig an die schöne Rosaline denken. Himmel! welch ein Mädchen. Ich sehe unaufhörlich die hellen braunen Augen vor mir, ich kann nichts anders denken, als ihren Gang und ihren schlanken Wuchs. Ich habe sie seitdem mehr als einmal gesprochen; aber alles ist vergebens. Sie hat eine Menschenscheu, die unüberwindlich ist, sie geht mir aus dem Wege, und wenn ich vor ihr stehe, schlägt sie die Augen zur Erde, und sieht mich nicht einmal an. – Es ist, als wenn ich zu dem Mädchen hingezaubert wäre, ich habe noch nie ein Geschöpf mit dieser Heftigkeit, ich möchte sagen, mit diesem Wahnsinne geliebt. Sowie ich nur die Augen schließe, steht sie vor mir; ich bin seit einigen Tagen wie verrückt.

Ich mag weder Bianca noch Laura sehen; jedes andre Mädchen erscheint mir langweilig und abgeschmackt. – Ach, Rosaline! Ich möchte nach ihrem Hause hinüberfliegen, oder unsichtbar neben ihr sein. – Sie spotten bloß, weil Sie kälteres Blut haben, weil Sie sie nicht kennen.

O wie lebt man anders, wenn man ein Wesen kennt, für das man lebt! Alles steht mir in Bezug mit Rosalinen. – Die menschliche Seele ist doch ein kleines, armseliges Ding: denn ganz dasselbe sagt der Dichter und der religiöse Schwärmer auch von seiner Kunst. Der Philosoph findet allenthalben seine Systeme wieder, der Gelehrte zieht alles nach seinem Mittelpunkte – Oh, so will ich denn einzig für sie leben! Sie soll die Sonne sein, um die wie Planeten meine Gedanken und Gefühle laufen.

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.