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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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15
Willy an seinen Bruder Thomas

Rom.

Jetzt muß ich fort, Thomas, ich muß nach England, oder der Gram macht, daß ich mich hier in dem fremden, fatalen Lande muß begraben lassen. Ach, wer hätte das wohl noch vor einem Jahre gedacht! Wer mir es gesagt hätte, den hätte ich für einen Lügner gescholten, oder ihn wohl gar geschlagen, wenn es sich sonst hätte tun lassen. Aber kein Mensch kann auf solche Sachen fallen, das ist gewiß, weil bei der ganzen Geschichte der böse Feind sein Spiel haben muß, das glaube ich nunmehr gewiß und ganz festiglich. Ach Thomas, wenn man jetzt noch nach Dir schlagen und stoßen wollte, Leute, die Du hast groß werden sehn, es würde mir wie kalt Wasser durch die ganze Seele gehn, ja, und so muß Dir nun auch als einem redlichen Bruder zumute werden, wenn Du so was von mir hörst, da ich noch älter bin, als Du bist. – Mein Herr – denke Dir, letzt kam er ganz betrunken nach Hause, wie er fast alle Tage oder Nächte tut, und ich hatte die ganze lange kalte Nacht auf ihn warten müssen; ich dachte an seinen alten kranken Vater, und die Tränen kamen mir darüber in meine beiden Augen. Ich stellte ihm also seinen ganzen Lebenswandel vor, und daß er sich bessern und ändern solle, ich sagte ihm so alles recht aus meinem alten ehrlichen Herzen heraus, und da, Thomas, lachte er mich aus, wie ein wahrer Heide. Da wurde ich denn auch hitzig, denn ich bin auch nur ein Mensch, lieber Bruder, und jetzt schon alt und schwächlich, gebrechlich und baufällig, ich fuhr mit so etlichen gottselichen Redensarten und Kernsprüchen heraus, und da – lieber Bruder, seit der Zeit ist mir, wie einem armen Sünder zumute, da schlug er mit dem kleinen Stocke nach mir, den er noch aus unserm lieben England mitgenommen hat, mit demselben Stocke, den ich ihm noch in London gekauft habe; hätt ich das wohl damals denken können!

Nun läßt es mir hier keine Ruhe mehr, ich habe viel geweint, denn ich bin einmal etwas weibisch, ich kann es immer nicht vergessen, und der junge Lovell kommt mir nun ganz anders vor; ich kann ihn nicht mehr mit derselben Liebe ansehn, ich bin so kleinmütig und so gedemütigt, als wenn ich jemand ermordet hätte, welches Gott zeit meines Lebens verhüten möge.

Und sollt ich zu Fuß nach England gehn, so muß ich jetzt fort, und sollt ich heimlich wie ein Schelm fortlaufen, so kann ich nicht hierbleiben. Ach Bruder, stirb mir ja nicht vorher, denn sonst hätt ich gar keine Freunde auf dieser Erde mehr, sondern lebe im Gegenteil recht wohl, bis Dich mündlich wiedersieht

Dein armer Bruder
Willy.

16
Eduard Burton an William Lovell

Bondly.

Deine Briefe, so wie der Gedanke an Dich betrüben mich seit einiger Zeit außerordentlich. Ach William, ich möchte Dir alles schicken, was Du mir ehemals geschrieben hast, dann solltest Du Dich selbst wie in einem Gemälde betrachten, und Dich fragen: Bin ich diesem Bilde noch ähnlich? Aber ich fürchte, Du wirfst alles ungelesen ins Feuer, obgleich die Tat wahrlich ein Mord an der Liebe zu nennen wäre.

Durch Deine Abtrünnigkeit von unserm Bunde bin ich gedemütigt, ich fühle mich verstoßen und enterbt, und seh, indem ich schreibe, über die Wiese nach der mittägigen fernen Gegend, als wenn Du dort vom Hügel herunterkommen müßtest, als wenn dann die ganze ehemalige Zeit wieder da wäre. –

Sollten wir denn aber wirklich ganz voneinandergerissen sein? Ach ja, es ist, denn ich erkenne in Deinem Briefe den Lovell nicht wieder, den ich ehemals liebte. Damals war Dein Leben und Deine Art zu fühlen, wie ein sanfter Bach, den meine Wellen mit einer stillern und unmusikalischern Melodie begleiteten – jetzt erscheinst Du wie ein Wassersturz, dem ich erschrocken aus dem Wege trete.

Eine schwarze Ahndung geht mir durch die Seele, daß Du vielleicht den altväterischen lahmen Ton in meinem Briefe belachst, und mir mit einer neuen, noch frechern Dithyrambe antwortest. Aber wenn Du es nun deutlich bemerkt hast, wie vieles, was man wahr und groß nennt, in sich selbst zusammenfällt, wenn man den Grund des Gebäudes untersuchen will; so wage es nun auch, Dich selbst wie ein Mann anzurühren, und den Stoff Deiner eigenen Gedanken näher zu betrachten. Sei aufrichtig gegen Dich selbst, und Du findest dann vielleicht, daß Du in denselben Fehler gefallen bist, den Du so hitzig vermeiden wolltest, daß Du ein eifriger Systematiker bist, indem Du auf alle Systeme schmälst.

Hast Du wohl den wahren Gesichtspunkt, wenn Du jetzt mit so vielem Mutwillen, mit solcher verachtenden Ereiferung über Dein voriges Leben sprichst? Wir sollten doch immer daran denken, daß jede unsrer jetzigen Meinungen mit einer früheren zusammenhängen muß, daß die vorhergehende die spätere erzeugt, und daß aus unsern jetzigen Ideen wieder neue hervorgehen werden und müssen, und daß wir uns so durch unmerkliche Abstufungen endlich wieder einer längst veralteten Vorstellungsart nähern können: – alles dies sollte uns bewegen, nicht immer aus den vorigen Wohnungen unsrer Seelen Ruinen zu schlagen, um aus dem jetzigen Palaste mit lachendem Spotte auf sie hindeuten zu können. Wie den Aufenthalt meiner Kindheit, wie meine alten Bilderbücher liebe ich alles, was ich einst dachte und empfand, und oft drängt sich eine Vorstellung aus den frühsten Knabenjahren auf mich ein, und belehrt mich über meine jetzigen Ideen. Der Mensch ist so stolz, sich für vollendet zu halten, wenn er sein ganzes voriges Leben für verworfen ansieht – und wie unglückselig müßte der sein, der nicht mit jedem Tage etwas Neues an sich auszubessern fände, der das schönste und interessanteste Kunstwerk gänzlich aufgeben müßte, mit dem sich die menschliche Seele nur immer beschäftigen kann: die allmählige höchstmögliche Vollendung ihrer selbst.

Was soll ich Dir sagen, William? Ich fühl es, daß alle Worte vergebens sind, wenn sich der Gegner einer eigensinnigen, rechthaberischen Sophisterei ergeben hat, die doch nur einseitig ist. Diese mit der Leidenschaft verbunden, ist der Sirenengesang, dem vielleicht kein Sterblicher widerstehen kann, wenn er nicht wie der griechische Held von der Unmöglichkeit zurückgehalten wird. Und es kann sein, daß auch dann die giftigen Töne durch das ganze Leben nachklingen, daß die Seele beständig wie eine versengte Ähre, selbst im Wachstume, die Spur davon behält. – Dein Vater ist sehr krank, und ich fühle, daß ich es auch werden kann, wenn ich recht lebhaft an Dich denke; wir gewöhnen uns so leicht daran, das Unglück, das wir nicht wirklich vor uns sehen, als eine poetische Fiktion zu betrachten, daß alle Jammertöne gleichsam unbefiedert in uns anschlagen. Aber wenn ich mich dann zu Dir hinversetze, wenn mir die Bücher in die Hand fallen, die wir ehemals zusammen lasen, und ich noch einzelne Papierzeichen finde, oder angestrichne Stellen von Dir entdecke – O komm zurück, komm zurück, William! Gedenke der süßen Harmonieen, die Dich sonst umschwebten, ein frommer kindlicher Sinn wohnte Dir im Busen, Du machtest Dir das Kleinste groß, und vergaßest darüber das Große; ach vergib, daß ich Dich damals so oft dieses zarten Kunstsinns wegen schalt, ich sehe jetzt mit Bedauern ein, daß die Seelen feinere Fühlfäden haben, die sich um Tautropfen und Lilien mit Wohlbehagen legen, als die sich an Felsen ansaugen müssen, um mit einer ungeheuren Masse ein Wesen zu werden, damit sie sich selber interessieren. Ich dachte Dich dahin zu lenken, wo ich zu stehen glaubte, und Du bist nun, wie mit zu stark gewachsenen Flügeln, unwissend über das Ziel hinausgeflogen, das ich Dir setzen wollte.

Wenn Dir jetzt Deine ehemalige Liebe so abgeschmackt erscheint, in welchem Lichte muß dann unsre Freundschaft vor Dir stehn? War sie nicht auch ein Werk jugendlicher Begeisterung, das Bedürfnis einer schönen Eingeschränktheit des Gemütes? War ich nicht etwas eifersüchtig, als ich zuerst Deine Neigung zu Amalien bemerkte? Ach Lieber, untersuche doch ums Himmels willen nicht die kleinen Widersprüche, die so oft in unsern edelsten Neigungen und Gefühlen liegen. Es ist der grüne duftlose Stengel der Blume, aber beide können nur zusammen existieren. – Was ist der Mensch nach Deinen Ideen, die sich doch in sich selber widersprechen? Die nichtswürdigste Verbindung seelenloser Glieder – was gibt Dir denn nun diesen feurigen Enthusiasmus für Deine Meinung, wenn Du nichts mehr, als diese verworfene Maschine bist? Und könntest Du ihn ohne jene edlere Gefühle haben; so wärst Du eben durch diese trunkene Schwärmerei das verächtlichste unter allen denkbaren Wesen.

Überlege, daß das Leben eines so reizbaren Geistes, als der Deinige ist, nur einer magischen Laterne gleicht, die an der Wand die bunten Gegenstände abspiegelt, die ihr vorgehalten werden; daß es nur Sinnenreiz ist, was aus Dir spricht, nicht die innere, durch Gefühl und Nachdenken gereifte Überzeugung. Gib mir wenigstens zu, daß dies möglich sein kann, und untersuche Dich genauer, und kehre zurück, wenn Du es so findest. – Ach es sind vielleicht nur die wiederholten Sprüche eines kalten, verschlossenen Freundes, der mich aus Deinem Herzen verdrängt hat, dessen Philosophie nichts als ein blendendes Feuerwerk sein soll, das seine Eitelkeit seinen Freunden gibt, und die Du, törichter Jüngling, aus übelverstandener Anhänglichkeit in Dein Herz aufnimmst. – – Oh, vergib mir, William, es ist wahrlich nicht Härte, die aus mir spricht, nur mein herzliches Gefühl, das ich mir und Dir unmöglich verbergen kann.

Gib Deiner Seele einmal das traurige Fest, laß die wehmütigen tragischen Empfindungen ungehindert zu Dir kommen, und denke recht lebhaft mich, Deinen Vater und Amalien! denke sie mit der Frühlingsempfindung wieder, wenn Du jemals für sie empfunden hast, und Deine ganze Liebe nicht Affektation war. Mir schien es, als würde Dir in einem Deiner letzten Briefe die Entsagung Amaliens gar zu leicht, weil Du nun um so erlaubter Deine neue Lebensbahn antreten konntest. – – Wie komme ich zu diesem Argwohn gegen meinen William? – Ja, in manchen Augenblicken tritt es, wie der böse Feind, zwischen uns, und will mein Herz ganz dem Deinigen abwendig machen; aber es soll gewiß nicht geschehn.

Wärest Du mir nicht zu wichtig; so könnte ich Dir noch von meinem und Deinem Vater manche Umstände schreiben, Dich auf manches vorbereiten, Dir zeigen, wie oft mit dem Unglücke das Glück des Menschen zusammenhängen könne: aber ich will lieber schließen. Findest Du noch einiges Interesse für Deine ehemaligen Wünsche, so soll Dich der nächste Brief von mir weitläuftig darüber unterrichten.

Lebe wohl, lebe wohl, teurer William! antworte mir bald, und zeige mir, daß Du noch etwas von Deinem ehemaligen Gefühle für Deinen Eduard übrig hast. – Es ist mir ängstlich den Brief zu schließen, weil ich nicht weiß, ob ich Dich im mindesten überzeugt habe, aber ich kann kein Wort mehr hinzusetzen. In manchen Rechtshändeln des Lebens kann nur das Gefühl allein das Wort führen, ein Händedruck, eine Träne ersetzt eine ganze Abhandlung – ach und meine Tränen kannst Du ja nicht sehn, die Seufzer hab ich nicht niedergeschrieben. –

 

17
William Lovell an Eduard Burton

Rom.

Ja, Freund, Geliebter, Einziger, ich will, ich muß Dir antworten. Welchen Eindruck hat Dein Brief auf mich gemacht! – O wie ein Gewitter ist jedes Wort durch meinen Busen gegangen, und die Frühlingssonne ist auf einzelne Momente zwischen den Regenschauern zurückgekehrt. – Ich wollte Dir so vieles sagen, und weiß nun keine Worte zu finden. Ich bin beklemmt, die Angst drängt mein Blut nach der Kehle – ach, ein Blutsturz würde mir Linderung schaffen, und meinem Herzen ein Labsal sein. – Und doch könnt ich nicht froh sein, ich möchte mein ganzes Dasein in stürzenden Tränengüssen dahinweinen, um nur der drückenden Bürde des Lebens loszuwerden. – Wenn ich an mein voriges Glück denke, und der gestrige Taumel noch wie ein Dampf voll ungeheurer Gestalten vor meinen trüben Augen zittert – Du hast gewaltig an die Kette gerissen, die unsre Seelen aneinanderbindet; die Wunde, die sich gespaltet hat, ist schmerzhafter, als jene, die Du hast heilen wollen.

Ach Eduard, wenn ich nicht meinen Vater fürchtete, so flög ich jetzt nach England zurück, und stürzte als reuiger und beschämter Sünder vor Amaliens Füßen nieder, daß sie mir vergäbe, oder ich den Tod von ihrer Hand empfinge.

Es ist wie Wetterleuchten am Horizont meines Lebens – wie Glocken, die aus der Ferne den Gotteslästerer zur Kirche und zur Strafe rufen. – Vergib Du mir zuerst, mein Eduard – ach, weiß ich denn nicht, daß, wenn mein Schicksal in Deiner Hand stände, ich der Glücklichste der Menschen wäre!

Möcht ich wenigstens nicht wieder von diesem Taumel der Angst erwachen, die mich allmächtig ergriffen hat – ach ich fühle schon jetzt die düstere entsetzliche Leere, die ihr folgen wird. – Lebe wohl, Teurester meiner Seele, und erquicke mich durch Deine Briefe, so wie Du mir durch diesen den letzten Mut entrissen hast.

Ich kann nicht weiter. –

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