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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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11
Rosa an Andrea Cosimo

Rom.

Deine Meinung ist auch vollkommen die meinige. Ich finde es so wahr, was Du in Deinem neulichen Briefe sagst, es ist so schwer und wieder so leicht, die Seelen der Menschen zu beherrschen, wenn man nur etwas die Fähigkeit besitzt, sich in die Gesinnungen anderer zu versetzen, ihre Verschiedenheiten zu bemerken, und dann Fassung und Gleichmütigkeit genug zu behalten, um in keinem Augenblicke ihnen sein eignes Selbst darzustellen. So wie die Sprache nur in konventionellen Zeichen besteht, und jedermann doch mit dem andern spricht, ob er gleich recht gut weiß, daß jener durch seine Worte vielleicht keinen Begriff so bekömmt, wie er es wünscht: ebenso sollte aller unser Umgang beschaffen sein. Ich spreche mit dem Franzosen französisch und mit dem Italiener seine Muttersprache; ebenso rede ich mit jedermann nur die Meinungen, die er versteht, das heißt, die ich ihm zutraue; ich suche mich selbst ihm niemals aufzudrängen, sondern ich locke seine Seele allgemach über seine Lippen, und gebe ihm seine eigne Worte anders gewandt ins Ohr zurück. Welche Gesinnungen stehen dann in uns so fest und hell, um sie fremden Gemütern aufzudrängen? Und wenn es der Fall sein könnte, wo finde ich Brücken, um sie nach fremden Ufern hinüberzuschlagen?

So ging ich lange Zeit mit Lovell um, ich sprach mich ganz in ihn hinüber, und er erstaunte nicht wenig über die Sympathie unsrer Seelen, und traute mir nun jeden seiner flüchtigsten Gedanken, jede seiner seltsamen Empfindungen zu. Diejenigen, die er nicht bei mir wahrzunehmen glaubte, hielt er bald von selbst für unreif und töricht, dagegen fing er emsig einen hingeworfenen Wink von mir auf, und dachte lange über den darin liegenden Sinn. In kurzer Zeit täuschte er sich selbst so, daß er unsre Seelen für verschwistert hielt, nur daß ihm die meinige einige Jahre voraus sei.

Nichts ist dem Menschen so natürlich, als Nachahmungssucht. Lovell ward in einigen Monaten eine bloße Kopie nach mir. Jeder Ausspruch, jedes Wort, das wir für klug nehmen, rückt an der Form unsrer Seele. Er verachtet jetzt tief alle Meinungen, die seinen jetzigen widersprechen.

Die Eitelkeit ist gewiß das Seil, an welchem die Menschen am leichtesten zu regieren sind; sobald man es nur dahin bringen kann, daß sie sich ihrer gestrigen Empfindung schämen, handeln sie morgen gewiß anders; ein Freund oder Bekannter darf ihnen nur zu verstehen geben, was er für groß hält, und morgen suchen sie sich ihm in dieser Größe unvermerkt zu präsentieren. Die Sucht, sich auszubilden, ist im Grunde nur die Sucht zu gefallen, und zuerst denen, die uns umgeben; so formt sich der Mensch wider seinen Willen, und steht am Ende seiner Wanderschaft schwer behangen mit einem Trödelkram erlogner Meinungen und Gefühle.

Ich habe Dir meine Auslegung über Deine Ideen zu geben gesucht, und überreiche Dir errötend meine Übung; eine Verbesserung von Dir wird mehr wert sein, als mein ganzer Brief; nur laß mich es wissen, wo ich Dich vielleicht mißverstanden habe.

 

12
Andrea Cosimo an Rosa

Neapel.

Dein Brief hat mir gefallen, weiter kann ich Dir nichts sagen. Nicht eben deswegen, weil ich so ganz Deiner Meinung beiträte, oder weil ich glaubte, daß Du alles, was ich Dir neulich schrieb, ganz so, wie ich es wünschte, gefaßt habest, sondern weil ich in diesem Briefe Dich so ganz wiederfinde. O ihr Menschenkenner! die ihr aus der Seele der Menschen ein Exempel macht, und dann mit euren armseligen fünf Spezien hineinaddiert und dividiert! Ihr wollt einen Aufriß von einem Gebäude machen, das ihr nicht kennt. Ich habe von je die freche Hand bewundert, die mit dem Rätselhaftesten und Unbegreiflichsten gewöhnlich so umgeht, wie ein Bildhauer mit seinem Marmor; er wird geschlagen und geschliffen, als wenn alle die heruntergerissenen Stücke nun wirklich von dem Wesen getrennt wären, und am Ende ein Bild daraus entstünde, wie man es zu seinem Wohlgefallen, oder zu seiner Bequemlichkeit haben wollte. Wenn nun plötzlich eine lange zurückgehaltene Empfindung wie ein Waldstrom in die Seele zurückschießt? O biete denn einmal im Moment der Überraschung deine Rednerkünste auf, suche die Schleuse, die ihn wieder zurückdrängt! – Dankt Gott, daß der Mensch die Konsequenz nicht hat, auf die ihr eure Berechnungen gründet, denn dadurch allein trifft er oft zufälligerweise mit euern Exempeln zusammen.

Du sprichst über die Eitelkeit gut und richtig, weil Du über Dich selbst sprichst. Es ist gar nicht nötig, daß die Menschen aufrichtig sind, man findet ihre Meinung doch unter dem Wust von Lügen heraus. Aber glaube mir, daß bei Dir nur ein paar Zufälle nötig wären, um Dich aus Deiner Philosophie, oder Überzeugung oder Stimmung (nenn es wie Du willst) herauszuwerfen. Die meisten Menschen gehören gern zu irgendeiner Schule, alle Vorzüge und Vortrefflichkeiten ihrer Vorgänger ziehn sie dann stillschweigend auf sich, weil sie den Namen ihrer Anhänger tragen: sie haben es gern, wenn sie alle Meinungen und Empfindungen wie in einem Schema vor Augen haben, daß sie in vorkommenden Fällen nur unter den gemachten Linien und Einteilungen nachsuchen dürfen, um nicht im Zweifel zu bleiben, daher sind sie aber auch meistenteils so leicht aus ihren Überzeugungen herauszuschrecken.

Bei Lovell magst Du übrigens im ganzen recht haben, aber er ist auch unter den Menschen einer von denen, die ich die Scheidemünze nennen möchte. Er gehört nicht zu den freien Geistern, die jede Einschränkung der Seele verachten, er verachtet nur die, die ihm grade unbequem ist, und seine Verachtung ist dann Haß. Er findet sich und alles was er denkt, viel zu wichtig, als daß es nicht sehr leicht sein sollte, auch seine innersten Gedanken von ihrem Throne zu stoßen. Wenn er die Menschen aber wie vorübergehende Bilder, und ihre Gesinnungen, wie das zufällige Kolorit ansähe, dann sollte es Dir gewiß unmöglich werden, irgend etwas auf ihn zu wirken.

Jeder Mensch ist im Grunde gescheiter wie der andere, nur will dies keiner von ihnen glauben. Die Ecke des einen greift in die Fuge des andern, und so entsteht die seltsame Maschinerie, die wir das menschliche Leben nennen. Verachtung und Verehrung, Stolz und Eitelkeit, Demut und Eigensinn: alles eine blinde, von Notwendigkeiten umgetriebene Mühle, deren Gesause in der Ferne wie artikulierte Töne klingt. Vielleicht ist es keinem Menschen gegeben, alles aus dem wahren Standpunkte zu betrachten, weil er selbst irgendwo als umgetriebenes und treibendes Rad steckt.

 

13
Amalie Wilmont an Emilie Burton

London.

Liebe Freundin, wenn ich doch bei Ihnen wäre, oder Sie bei mir sein könnten! Das ist die wiederholte Klage in allen meinen Briefen; ich sehne mich, wenn ich allein bin, mit einem unbeschreiblichen Gefühle nach Ihrem Garten hin, ich gehe in Gedanken durch alle Gänge spazieren, und höre Ihr angenehmes und unterrichtendes Gespräch. Ach, in Ihrer Gesellschaft würde ich gewiß fröhlicher sein, denn Sie würden mir zeigen, wie ungereimt mein Schmerz ist, es würde mir manches gleichgültiger werden, was mir jetzt so außerordentlich wichtig vorkömmt. An Ihrer Seite habe ich im vorigen Jahre so viel gelernt; ich würde gewiß ruhig werden, und Sie würden viele meiner Zweifel auflösen, die mich jetzt ängstigen.

Lovell hat mich vergessen, ich muß es mit jedem Tage mehr glauben, und alle Nachrichten von ihm bestätigen es. Und es ist auch recht gut, daß ich nicht eine Ursache mehr werde, seinem kranken Vater Kummer zu machen. Er kömmt mir jetzt nur vor, wie ein Bild aus einem Traume der Kindheit, schön und glänzend, aber entfernt und unkenntlich. –

Mortimer spricht oft über alle diese Gegenstände sehr klug, und überredet mich manchmal auf ganze Tage; nur sagt er denn zuweilen wieder etwas, das meiner Seele ganz fremd und zuwider ist. In den recht verständigen Menschen liegt zuweilen eine zurückstoßende Kälte. Man schämt sich oft etwas zu sagen, was man für wahr hält, weil man nicht gleich die passendsten Worte dazu findet. Ich glaube, daß Mortimer mir nur in manchen Sachen recht gibt, um mir nicht zu widersprechen, weil er mich für zu einfältig hält, ihn ganz zu verstehen. Sein Herz ist nicht warm genug, er hat zu sehr die Welt und die Menschen kennengelernet. Und doch fühl ich mich ihm zuweilen so geneigt, daß ich meine, ich habe ihm mit diesem Gedanken das größte Unrecht getan. Wenn mir nur nicht immer wieder so manches von meinen vorigen Empfindungen zurückkäme! dann ist mir, wie wenn man von großen Schätzen träumt, und plötzlich in der stillen dürftigen Nacht aufwacht: man sucht mit den Händen nach den Perlen und Diamanten, und stößt sich an der harten Wand.

Bin ich nicht töricht? Was sagen Sie dazu, liebe, nachsichtige Freundin? Ich bin ein Kind, nicht wahr, das ist Ihre ganze Meinung? –

 

14
William Lovell an Rosa

Rom.

Ich lebe hier in einem Taumel von einem Tage zum andern, ohne Ruhepunkt oder Stillstand fort. Mein Gemüt ist in einer ewigen Empörung, und alles vor meinen Augen hat eine tanzende Bewegung. Man urteilt nur dann über das Leben am richtigsten, wenn man im eigentlichen Sinne recht viel lebt, nicht nur den Becher einer jeden Freude kostet, sondern ihn bis auf die Hefen leert, und so durch alle Empfindungen geht, deren der Mensch fähig ist. – Mein Blut fließt unbegreiflich leicht, und meine Imagination ist frischer.

Mit der ersten Gelegenheit denke ich meinen Willy nach England zurückzuschicken; mit seinem altväterschen Wesen und seiner gutgemeinten Überklugheit fällt er mir zur Last. Er will mit aller Gewalt mein Freund sein, und es möchte hingehn, wenn er nur nicht den Bedienten ganz darüber vergäße. Als ich neulich spät in der Nacht, oder vielmehr schon gegen Morgen mit dem fröhlichsten Rausche nach Hause kam, hielt er mir eine pathetische Rede, und verdarb mir meine Laune. Er will gern fort, und sein Wille soll geschehn. –

Sie munterten mich ehedem auf, das Leben zu genießen, und jetzt sind Sie zurückgezogener als ich. Kommen Sie her, damit ich den verworrenen Rausch in Ihrer Gesellschaft genieße, und meine Sinne noch trunkener werden. Ich bin eben bei unsrer Signora Bianca gewesen, die das Muster der Zärtlichkeit ist, sie kann den teuren Rosa immer noch nicht vergessen, und spricht mit Enthusiasmus von ihm; Sie tun unrecht, das zärtliche Geschöpf so ganz zu vernachlässigen, ich habe noch viele andre Grüße zu bestellen, die Sie mir erlassen mögen, genug, Sie stehn bei allen unsern schönen Bekanntschaften im besten Angedenken. Ich bin auf heut abend zur schwarzäugigen Laura hinbestellt, die jetzt schon meine ganze Phantasie beschäftigt.

Wer kann die unbegreiflichen Launen zählen und beschreiben, die im Menschen wohnen? Die seit einigen Wochen in mir erwacht sind, und aus meinem Leben das bunteste und wunderlichste Gemälde bilden? Frohsinn und Melancholie, seltsame Ideen in der ungeheuersten Verbindung, schweben und gaukeln vor meinen Augen, ohne sich meinem Kopfe oder Herzen zu nähern. Man nenne doch die schöne Erweckung der innersten Gefühle nicht Rausch! man sehe nicht mit Verachtung auf den Menschen hinab, dem sich plötzlich in der glücklichsten Erhitzung neue Tore der Erfahrungen auftun, dem neue Gedanken und Gefühle wie schießende Sterne durch die Seele fliegen, und einen blaugoldnen Pfad hinter sich machen.

O Wein! du herrliche Gabe des Himmels! fließt nicht mit dir ein Göttergefühl durch alle unsre Adern? Flieht nicht dann alles zurück, was uns in so manchen unsrer kalten Stunden demütigt? Nie stehn wir in uns selbst auf einer so hoch erhabnen Stufe, als wenn die Augen wie Sterne funkeln, und der Geist wie eine Mänade wild durch alle Regionen der frechsten und wildesten Gedanken schwärmt. Dann pochen wir auf unsre Größe, und sind unserer Seele und Unsterblichkeit gewiß, kein lahmkriechender Zweifel holt den fliegenden Geist ein; wir durchschauen wie mit Seherblicken die Welt, wir bemerken die Klüfte in unsern Gedanken und Meinungen, und fühlen mit lachendem Wohlbehagen, wie Denken und Fühlen, Träumen und Philosophieren, wie alle unsre Kräfte und Neigungen, alle Triebe, Wünsche und Genüsse nur eine, eine glänzende Sonne ausmachen, die nur in uns selbst zuweilen so tief hinuntersinkt, daß wir ihre verschiedene Strahlenbrechung für unterschiedene getrennte Wesen halten.

Spotten Sie nicht, Rosa, wenn ich Ihnen sage, daß jetzt eben diese Glut des Weins aus mir spricht: oder spotten Sie vielmehr, so viel Sie wollen, denn auch das gehört zu den Vortrefflichkeiten des Menschen.

Ha! welche Wesen sind es, die das Tor
    Der dunkeln Ahndungen entriegeln?
Was hebt den Geist auf goldbeschwingten Flügeln
    Zum sternbesäten Himmelsplan empor? –

Es schlägt der schwarze Vorhang sich zurücke,
    Und wundervolle Szenen tun sich auf,
Seltsame Gruppen meinem starren Blicke:
    Gleich Traumerinnerung! mit frischem Glücke
    Beginn ich froh den neuen Lebenslauf!

Ich fühle mich von jeder Schmach entbunden,
    Die uns vom schönen Taumel rückwärts hält,
Die jämmerlichen Ketten sind verschwunden,
    Mit Freudejauchzen stürzen goldne Stunden
    Rasch auf mich ein, und ziehn mich tanzend durch die Welt.

Es sammlen sich aus den verborgnen Klüften
    Die Freuden wie Mänaden um mich her,
Es klingen ungesehne Lieder in den Lüften,
    Es wogt um mich ein ungestümes Meer,
Und Töne, Jauchzen, Wonne schwebt auf Blumendüften,
Und alles stürmt um mich, ein wildes Heer.

Ich steh im glanzgewebten Feenlande,
Und sehe nicht zur dürren Welt zurück,
Es fesseln mich nicht irdischschwere Bande,
    Entsprungen bin ich kühn dem meisternden Verstande,
Und taumelnd von dem neugefundnen Glück! –

Hinweg mit allen leeren Idealen,
    Mit Kunstgefühl und Schönheitssinn,
Die Stümper quälen sich zumalen,
Und nagen an den dürren Schalen
    Und stolpern über alle Freuden hin.

Hinweg mit Kunstgeschwätz und allen Musen,
Mit Bilderwerk, leblosem Puppentand –
Hinweg! ich greife nach der warmen Lebenshand,
Mich labt der schön geformt lebendge Busen.

Ach, alles flieht wie trübe Nebelschatten,
    Was ihr mit kargem Sinne schenken wollt:
Nur der besucht Elysiums schöne Matten,
Nur dem ist jede Gottheit hold,
    Der keinem Sinnentrug sein Leben zollt.

Der nicht in Lustgefilden schweift,
    Und sich an Dunstphantomen weidet,
Durch kranke Wehmut und Begeistrung streift –
Nein, der die schlanke Nymphe rasch ergreift,
    Die sich zum kühlen Bad entkleidet.

Ihm ist's vergönnt zum Himmel sich zu schwingen.
Es sinkt auf ihn der Götter Flammenschein,
Er hört das Chor von tausend Sphären klingen,
Er wagt es zum Olymp hinaufzudringen,
Und wagt es nur ein Mensch zu sein.

Sie haben schon oft über meine Verse gespottet, und hier gebe ich Ihnen eine neue und noch bessere Gelegenheit, denn ich habe die Silben und ihre Längen und Kürzen nicht nachzählen mögen; ein so korrekter Kritiker, wie Sie, findet also für seine Bemerkungen Stoff genug. –

Ich durchschweife oft in meinen abenteuerlichen Stimmungen die Stadt, und labe mich in der magischen Nacht an den wunderbaren und rätselhaften Bildern der äußern Gegenstände. Oft schwebt die Welt mit ihren Menschen und Zufälligkeiten wie ein bestandloses Schattenspiel vor meinen Augen. – Oft erschein ich mir dann selbst wie ein mitspielender Schatten, der kömmt und geht, und sich wunderlich gebärdet, ohne zu wissen warum. Die Straßen kommen mir dann nur vor, wie Reihen von nachgemachten Häusern mit ihren närrischen Bewohnern, die Menschen vorstellen; und der Mondschein, der sich mit seinem wehmütigen Schimmer über die Gassen ausstreckt, ist wie ein Licht, das für andere Gegenstände glänzt, und durch einen Zufall auch in diese elende lächerliche Welt hineinfällt.

Dann schweif ich im wundervollsten Genuß der Phantasie auf den freien Plätzen und zwischen den Ruinen umher, und ergötze mich an den Gestalten, die vorübergehn und mein Gefühl nicht kennen, und von mir nichts wissen. – Am liebsten aber begleite ich irgendeines der vorüberstreifenden Mädchen, oder besuche eine meiner Bekanntinnen und träume mir, wenn mich ihre wollüstigen Arme umfangen, ich liege und schwelge an Amaliens Busen. – Nichts macht mir dann meine eingebildete, alte schwärmerische Liebe so abgeschmackt und lächerlich, als dieser vorsätzliche Betrug.

Wie seltsam wird mir oft, wenn ich einem Mädchen nachfolge, die mich in ihre finstre enge Wohnung führt, wo ein Kruzifix über dem Bette hängt, und die Bilder der Madonne und von Märtyrern neben Schminktöpfen und schmutzigen Gläsern mit Schönheitswassern; oder wenn ich im Gedränge von Lazzaronis und Handarbeitern in einer Herberge hinter einer andern stehe, und mit ebenso vieler Andacht den pöbelhaften Späßen eines Pulicinello zuhöre, mit der ich ehedem den Shakespeare sah. – Das Leben ist nichts, wenn man es nicht auf die sinnlichroheste Art genießt; der Widerschein der Wollust fällt auf alle Gegenstände, und färbt auch die uninteressantesten mit einem goldenen Schimmer. – Amalie ist auch nur einer von den wandelnden Schatten, die Zeit ergreift sie ebenso, wie mich, und wirft das abgenutzte, veraltete Bild in ihre dunkeln Tiefen, in die kein Auge dringt, und wo die Marionetten von tausend Jahrhunderten in bunter Vermischung aufgehäuft übereinanderliegen.

Leben Sie wohl, und kommen Sie nach Rom, es ist endlich Zeit, kommen Sie gleich nach Empfang dieses Briefes; ein wiederkehrender Freund erregt eben die Empfindung in uns, wie dem Kinde der wiederkehrende Frühling.

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