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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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8
Karl Wilmont an Mortimer

Bondly.

Du wunderst Dich gewiß über diesen Brief, besonders wenn Du bemerkst, von wo er datiert ist. Wundre ich mich doch selbst darüber, ich kann es Dir also nicht übelnehmen. Du hast mich nun gewiß spätestens in diesen Tagen in London vermutet; auch ich selbst war fest überzeugt, daß ich morgen dort sein würde, und nun sitz ich plötzlich hier auf Burtons Gut und fange einen Brief an Dich an, der eine Entschuldigung, Erzählung, wie es gekommen, und das Versprechen, daß Du mich nun ehestens sehen wirst, enthalten soll.

Die Entschuldigung, Mortimer, magst Du mir erlassen. – In Glasgow saß ich wochenlang in dem Hause eines alten Onkels, ohne zu wissen, wie ich die Zeit hinbringen sollte. – Wie wir uns verändert haben! Ich dachte unaufhörlich an Emilien und an die Zukunft. Man wollte mich gern lustig haben, aber ich hatte alle Elektrizität verloren, und war dumm und gefühllos; selbst der Wein konnte nur auf einzelne Minuten meine frohe Laune zurückbringen.

Langeweile ist gewiß die Qual der Hölle, denn bis jetzt habe ich keine größere kennengelernt; die Schmerzen des Körpers und der Seele beschäftigen doch den Geist, der Unglückliche bringt doch die Zeit mit Klagen hinweg, und unter dem Gewühl stürmender Ideen verfliegen die Stunden schnell und unbemerkt: aber so wie ich dasitzen und die Nägel betrachten, im Zimmer auf und nieder gehn, um sich wieder hinzusetzen, die Augenbraunen reiben, um sich auf irgend etwas zu besinnen, man weiß selbst nicht worauf; dann wieder einmal aus dem Fenster zu sehen, um sich nachher zur Abwechselung aufs Sofa werfen zu können – ach, Mortimer, nenne mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme, der nach und nach die Zeit verzehrt, und wo man Minute vor Minute mißt, wo die Tage so lang und der Stunden so viel sind, und man dann noch nach einem Monate überrascht ausruft: »Mein Gott, wie flüchtig ist die Zeit! Wo sind denn diese vier Wochen geblieben?«

Oft ärgerte ich mich, daß ich noch in Schottland war, und machte doch nicht die kleinsten Anstalten zur Abreise; ich führte mit meinen Verwandten das elendeste und platteste Leben von der Welt; ein Viehverkäufer genießt es auf eine gesundere Art; ja ein Mensch, der mit einem armseligen Schattenspiel von einem Dorfe zum andern wandert und in jedem seine elenden Späße wiederholt, beschäftigt sich geistreicher, als ich in dieser ganzen unermeßlich langen Zeit getan habe. Mein Blut war so träge und phlegmatisch, daß ich manchmal meine Finger gegen die Tischecke schlug, um mir nur Schmerz zu machen, mich zu ärgern und zu erhitzen, denn nichts ist widriger, als wenn in der Sanduhr unsers Körpers so recht gemach ein Tropfen nach dem andern langsam und zögernd unser Leben abmißt, je mehr die Ströme des Bluts durcheinanderrauschen, und freilich die Maschine etwas mehr abnutzen, um so heller und deutlicher lebt der Mensch – Ich wünschte oft in Glasgow mit Sehnsucht, daß ein Gezänk oder Schlägerei auf der Gasse vorfallen möchte, damit ich nur etwas hätte, wofür ich mich interessieren könnte; es ward mir am Ende wichtig, wenn der dicke Mann im benachbarten Hause einen andern Rock als gewöhnlich trug. Ich schäme mich noch jetzt dieses Lebens, so qualvoll und langsam, so schleichend und doch so ohne Ruhe, wie eine Schnecke leben muß, die bei ihren Wanderungen ihr Schalenhaus verloren hat, und es im heißen Sonnenschein wieder sucht.

Endlich dacht ich an Dich und an London, an die Zerstreuungen dort, an alle die philosophischen Gespräche, die wir miteinander führen könnten: ich unterdrückte es gewaltsam, wenn mir auch diese Aussicht manchmal langweilig vorkommen wollte. Ich entschloß mich kurz, nahm von allen meinen Freunden und Bekannten zärtlichen Abschied, setzte mich zu Pferde, und ritt mit frischem Leben erfüllt davon.

Mein Herz schlug immer gewaltiger, je mehr Meilen ich auf englischem Boden zurücklegte. Ei! dacht ich, ein paar Tage mehr oder weniger! und beschloß dicht vor Bondly vorüberzureiten, aber ja niemand da zu besuchen; es könne doch von ohngefähr sein, daß ich Emilien durch das Gartentor erblickte. Ich machte gar keinen Plan, wie ich mich nehmen würde, wenn dies der Fall sein sollte, denn ich handle sehr gern aus dem Stegreif, und habe mich von jeher besser dabei befunden; denn meine dümmsten Streiche waren immer die, die aus einem weitläuftigen, recht vernünftigen Plan entstanden.

Ich ritt so in Gedanken vertieft hin und näherte mich dem Landhause Burtons früher als ich geglaubt hatte. Ein junger Mensch zu Fuß fragt mich plötzlich, wo der Weg nach Bondly gehe, er sei bis zur nächsten Stadt gefahren und habe sich nun verirrt. Ich führte ihn auf den Weg und ritt gedankenvoll neben ihm hin. Warum sollt ich nicht den jungen Burton auf einen halben Tag besuchen dürfen? sagt ich zu mir selbst. Am Ende sieht mich selbst der Vater gern. Und könnte mich nicht jemand von ohngefähr durch das Dorf reiten sehn, Emilie es erfahren und für die größte Gleichgültigkeit auslegen? – Ich könnte überdies zum Alten sagen, daß ich deswegen einen kleinen Umweg genommen hätte, um den Boten, der ihn sprechen wollte, gewiß und sicher nach Bondly zu bringen. – Ach ich hatte noch hundert andre Vorstellungen, tausend Stimmen in mir, die alle laut riefen: ich solle und müsse im Schlosse absteigen! – Ich gehorchte, denn was tut man nicht alles, um nur eines solchen Lärmens loszuwerden?

Ich sprach den jungen Burton, den Vater und Emilien. – Sie ist doch sehr schön, und so gut, so liebenswürdig! Ist es hier Sünde, wenn man wünscht? – Alle Federn meines Wesens haben neue Spannkraft erhalten, ich denke mit Schrecken an meinen Aufenthalt in Schottland. Hier leb ich doch, noch hab ich nicht ein einzigmal gegähnt; die Stunden verfliegen mir wie Minuten, und ich erobre ein Lächeln, einen freundlichen Blick nach dem andern von Emilien! – Eduard hat mir seltsame Sachen von Lovell erzählt, er muß sich sehr geändert haben; indes ich gebe auf diese Änderungen nicht viel; je mehr er auf der andern Seite übertreibt, um so eher kann er zu seiner vorigen Torheit zurückkommen. Und ist er denn überhaupt ein Tor gewesen? Damals glaubt ich es; jetzt glaub ich, daß ich ihn verkannt habe.

Emilie scheint sehr auf sich achtzugeben; ich kann manchmal nicht klug daraus werden, ob diese Kälte und Zurückgezogenheit erzwungen oder natürlich ist.

Schreibe mir ja, denn sonst habe ich noch einen Vorwand länger hierzubleiben, als ich sollte, weil ich dann noch auf Deinen Brief warten würde. – Eduard läßt Dich grüßen; er ist ein vortrefflicher, herzensguter Mensch, und der Vater ist wieder ganz freundlich gegen mich, aber dann wieder plötzlich fremde, abwechselnd wie Herbstwetter; ich habe schon diese Gesichter bei mehreren reichen Leuten gefunden, sie setzen mich leicht in Verlegenheit. – Lebe wohl und antworte bald.

 

9
Mortimer an Karl Wilmont

London.

Wenn Du noch nicht bald des seltsamen Herumtreibens überdrüssig bist, so weiß ich nicht, was ich von Dir denken soll.

Manches stimmt mich melancholisch; der alte Melun ist in Paris an einer Auszehrung gestorben, die Comtesse mit ihrem Liebhaber entlaufen, niemand weiß wohin. Daß so viele von den Leuten, die ich gekannt habe, schon begraben sind! daß sich schon so manche dem Verderben in die Arme geworfen haben!

Was ist es überhaupt für ein armseliges Ding um das, was man gewöhnlich Ausbildung nennt. In den meisten Fällen ist es nur Veränderung. Wie weise habe ich mich so oft in meinem zwanzigsten Jahre gefühlt, daß ich mich über manche Narrheiten des Menschengeschlechts erhaben fühlte: und jetzt rücken mir manche der Torheiten so nahe, daß sie sich, wenn das Verhältnis so fortschreitet, bald mit meinem innersten Selbst vereinigen werden.

Du wirst bemerken, daß ich hier vorzüglich von meiner Liebe zu Amalien spreche. Eine Liebe, die vielleicht noch glühender ist, als die, mit der Lovell sie einst beglückte. Er hat sie vergessen, und fühlt sich größer; ich habe meine Unempfindlichkeit abgelegt, und fühle mich edler. Sie ist mir weit ergebener als ehemals, aber es tut mir sehr leid, daß sie für meinen Verstand Achtung, eine viel zu übertriebene Achtung empfindet. Alle Gefühle, die ich ihr zeige, hält sie nur für Spiele meines Witzes, und sie behält sich daher beständig in ihrer Gewalt. Auch sie hat den leichtsinnigen William etwas mehr vergessen; nur seh ich, wie zuweilen die alten Erinnerungen in ihrer Seele wieder aufwachen, und sie dann meinen Umgang plötzlich fade und abgeschmackt findet.

Die Seelen sind viel wert, die sich noch nicht ganz der Mode und der sogenannten Lebensart zum Opfer gebracht haben. Sie sind sehr selten, und man sollte sie darum köstlich achten.

Grüße Eduard Burton, und komme bald nach London.

 

10
Der Baron Burton an den Advokaten Jackson

Bondly.

Ich bin Ew. Wohledlen für die Nachrichten, die mir Dieselben durch den jungen Fenton haben zukommen lassen, außerordentlich verbunden. Ich freue mich sehr über den Eifer und über die Tätigkeit, womit Sie unaufhörlich zu meinem Besten beschäftigt sind; ich gebe Ihnen von neuem die Versicherung meiner ewigen unveränderlichen Dankbarkeit. Ich bin überzeugt, daß Ihre Bemühungen nun bald sichtbarere Folgen haben werden, die bis jetzt ein ungünstiger Zufall immer noch zurückgehalten hat. Eilen Sie aber, damit meine Hoffnungen nicht immer nur Hoffnungen bleiben, damit ich endlich aufhöre, mit jedem Tage wieder meinen Genuß auf viele Tage aufzuschieben. Ich bin alt, und nicht mehr so für Hoffnungen gemacht, wie der jüngere Mann; die Unentschiedenheit ängstigt mich, und je gewisser ich meiner Sache zu sein glaube, um so mehr Einwürfe und Zweifel fallen mir wieder ein: alles dies beschäftigt meine Seele zu sehr, und macht sie unruhig. Das Alter kann diese Wogen nicht so leicht in Ruhe legen, als der Jüngling. Vor zwanzig Jahren würde mich dieser Prozeß beschäftigt und zugleich unterhalten haben; aber jetzt kann ich nur in dem entscheidenden Moment einen freudigen Moment erblicken. Sie sehen, wie fest ich darauf vertraue, daß sich alles zu meinem Vorteile entscheiden wird, aber Sie sehn auch zugleich, wie nötig es ist, daß Sie meinen Besorgnissen so früh als möglich ein Ziel setzen. Denn ich finde es sehr natürlich und billig, daß Sie in Ihrer Lage durch Aufschub und Verlängerung meine Dankbarkeit verlängern und meine Verbindlichkeit vermehren wollen. Sie glauben, daß ich jetzt in einer gewissen Abhängigkeit von Ihnen existiere, bei der Sie unvermerkt einen Teil meiner Schwächen nach dem andern für sich erobern können. Ich finde an dieser Klugheit nichts zu tadeln, sondern sie ist lobenswürdig, und der ist ein Tor, der in dem verworrenen Wechsel des Lebens nicht die wiederkehrende Flut geschickt benutzt, um sein Fahrzeug flottzumachen. Sie sehen, wie sehr ich Ihren Verstand schätze; nur muß ich Ihnen sagen, daß Ihre Klugheit bei mir unnütz ist, der ich mich Ihnen außerordentlich verbunden erkenne, wenn der Prozeß auch morgen geendigt ist, und der ich Sie grade ebenso belohnen würde, als wenn das Endurteil noch einige Jahre hindurch von einem Tage zum andern aufgeschoben würde. Sie können auf die Art alle Interessen, die Sie gewinnen wollen, auf eine weit schnellere und entschiedenere Art zusammenziehn, als wenn Sie auf ein langweiliges Sparen ausgingen, das am Ende denn doch ungewiß sein dürfte. Für Ihre Sorgfalt mir den jungen Fenton zu schicken, muß ich Ihnen Dank sagen; nur gestehe ich Ihnen zugleich, daß ich die Notwendigkeit dieser Abgesandtschaft nicht eingesehen habe. Durften Sie alle diese nicht außerordentlich bedeutenden Nachrichten keiner Post vertrauen? In diesem Falle treiben Sie die Besorglichkeit zu weit, und kein Mann handelt gut und richtig, wenn er ängstlich handelt. Sie dürfen also nur künftig dreister verfahren, und nicht einen Mitwisser unsers Geheimnisses erschaffen, der uns beiden auf jeden Fall zur Last fällt. Wenigstens kommt es meinem Verstande so vor, und ich denke, auch Sie werden mir darin vollkommen recht geben, denn jeder andre, als ich, würde dadurch in Ihrer Hand stehn, und einem so billigen Manne, wie Sie, muß es weh tun, wenn man auch nur auf einen Augenblick einen solchen Gedanken von ihm hegen könnte. Ich würde mich aber auf keinen Fall abhalten lassen, so zu handeln, wie ich mir zu handeln vorgesetzt habe. Ich habe schon oft mit meinen Freunden über den Satz gestritten, daß es so gut wie unmöglich sei, einem Manne, dem seine Plane ernst sind, das Kleinste oder das Größte in den Weg zu legen, das er nicht wieder fortschaffen, oder selbst zu seinem Vorteile brauchen könnte. Ich habe schon manchen meiner Verfolger mit seinen eigenen Waffen geschlagen; denn nichts ist dem Manne von Kopf unerträglicher, als zu sehn, wie jeder nach den Fäden greifen will, an denen er regiert wird; ich halte es nicht für unmöglich, sie alle durchzuschneiden, so daß dann der Mensch frei und ungehindert seinen Weg fortgeht. Ew. Wohledlen sind mir auch noch den letzten meiner Briefe schuldig, den Sie mir nach unserm Übereinkommen sogleich hätten zurückschicken sollen. Sie verzeihen, daß ich Sie an diese Zerstreuung erinnert habe, ebenso, daß ich Ihnen mit einem so weitläuftigen Briefe zur Last gefallen bin. Die Zeit eines jeden Geschäftsmannes ist edel und fast unbezahlbar; ich bitte um Vergebung, wenn ich Ihre bessere Gedanken mit meinen schlechten unterbrochen habe; sollte ich aber so glücklich gewesen sein, Ihren Eifer von neuem zur Beschleunigung des Prozesses etwas anzufeuren, so haben wir beide bei diesem kleinen Stillstande gewonnen, und in dieser Hoffnung bin ich

Ihr Gönner und Freund
Burton.
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