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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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3
William Lovell an Rosa

Rom.

Warum schwärmen Sie schon wieder in Neapel herum, und verlassen Ihren Freund? – Ich mag nicht Ihr Begleiter sein, weil ich Baldern fürchte, sein Anblick und seine Art des Wahnsinns schneiden durch mein Herz. Ich fühle mich hier in manchen Stunden außerordentlich einsam, ich gehe aus, um Sie zu sehen und vergesse, daß Sie nicht in Rom sind. Ich habe soeben einen Brief an meinen Freund Eduard gesiegelt und die Tränen stehen mir noch heiß in den Augen; alles, was ich je empfand, kam ungestüm, wie ein Waldstrom in meine Seele zurück; ich unterdrückte dies Gefühl, das immer heftiger in mir emporquoll, und schrieb endlich in einer Angst, in der ich mir selber trotzte, mich einer blinden Sucht zu übertreiben ergab, mußte aber den Brief plötzlich abbrechen, weil die Tränen endlich ihrer Fesseln ledig wurden und ich laut schluchzend und klagend in meinen Sessel sank. Wie aus den Wolken schwindelte ich herunter, alles, was mich aufrecht erhielt, verließ mich treulos; – der Mensch ist ein elendes Geschöpf!

Ja das Blendwerk der jugendlichen Phantasie ist jetzt von meinen Augen genommen, ich habe mich über meine Empfindungen belehrt, und verachte mich jetzt eben da, wo ich mir einst als ein Gott erschien – aber ach, Rosa, ich wünsche mir jetzt in manchen Stunden dies kindische Blendwerk zurück. Was ist aller Genuß der Welt am Ende, und warum wollen wir die Täuschung nicht beibehalten, die uns auf jedem Felsen einen Garten finden läßt? –

Und ist denn meine jetzige Meinung nicht vielleicht ebensowohl Täuschung, als meine vorhergehende? – Mir fällt es erst jetzt ein, daß beide Ansichten der Welt und ihrer Schätze einseitig sind, und es sein müssen – alles liegt dunkel und rätselhaft vor unsern Füßen; wer steht mir dafür ein, daß ich nicht einen weit größeren Irrtum gegen einen kleineren eingetauscht habe?

Als ich mich so meiner vorigen Existenz erinnerte, als ich alle Szenen, die mich sonst entzückten, meinen Augen vorübergehen ließ, als ich an die Aussichten des Lebens dachte, wie sie damals vor mir lagen – o Rosa, wie eine untergehende Sonne beschien mich der blasse Strahl, ohne mich zu erwärmen; es fiel eine seltsame, rätselhafte Ahndung meine schwankende Seele an – ich kann Ihnen meinen Zustand unmöglich deutlich machen. – Mir war's, als käme es wie eine göttliche Offenbarung auf mich herab, es gingen die verschlossenen Türen in meinem Innersten auf, und ich schaute in die seltsame verworrene Werkstatt meiner Seele. Wie wüst und ungeordnet lag alles umher, was ich so schön und zierlich aufgepackt glaubte, in allen Gedanken fand ich ungeheure Klüfte, die ich aus trunknem Leichtsinn vorher übersehen hatte, das ganze Gebäude meiner Ideen fiel zusammen, und ich erschrak vor der leeren Ebene, die sich durch mein Gehirn ausstreckte. Nun stiegen alle Erinnerungen noch schöner und goldener in mir auf, die Vergangenheit stand noch frischer und lebendiger vor mir, und ich sah nur, wie viel ich verloren hatte, und konnte keinen Gewinn entdecken.

Ist in jeglichem Lebenslaufe nicht vielleicht eine schöne blumenreiche Stelle, aus der sich ein Bach ergießt, und dem Wanderer durch sein ganzes Dasein frisch und erquickend nachfolgt? Hier muß er dann anfangen, sein Glück zu gründen; Liebe, Freundschaft und Wohlwollen wandeln in dieser schönen Gegend, und warten nur darauf, daß er ihre Hand ergreife, um ihn zu begleiten. Wenn nun der Mensch hindurchgeht und nicht auf den Gesang der Vögel horcht, die ihn anrufen, daß er hier verweilen solle – wenn er wie ein nüchterner Träumer einen öden Pfad sucht, und der Quelle vorübergeht – wenn ihm Liebe und Freundschaft, alle zarten Empfindungen vergebens nachwinken, und er lieber nach dem Gekrächze des heisern Raben hinhorcht – ach, so verliert er sich endlich in Wüsten von Sand, in verdorrte Gegenden des Waldes; alles hinter ihm ist zugefallen, und er kann den Rückweg nicht entdecken; er erwacht endlich, und fühlt die Einsamkeit um sich her. – –

Lieber Rosa, was sagen Sie zu diesem Briefe und zu Ihrem Freunde? – so weit hatte ich geschrieben, als ich unwillig die Feder niederwarf, und im roten Abendschein durch die Straßen ging. Bald floß mein Blut schneller durch meine Adern, als mir so manche von den bekannten Gesichtern begegneten, als ich unsre Donna Bianca an ihrem Fenster sah. Die Einsamkeit, die engen Wände sind es, die uns verdrüßlich und melancholisch machen; mit der freieren Luft atmet der Mensch eine freiere Seele ein, und fühlt sich wie der Adler, der sich mit regerem Flügelschlag über die finstern Wolken hinaushebt. – Ich komme jetzt eben von der schönen Bianca zurück, und mein Brief ist mir unverständlich. Ich bin oft darauf gefallen, daß man nur immer suchen sollte, recht viele Menschen und ihre Gemütsart und Ansicht der Dinge kennenzulernen, wir verlieren uns sonst gar zu leicht in klägliche Träumereien: aber jedes neue Gesicht und jedes fremde Wort eröffnet uns die Augen über unsre Irrtümer. Ich kann oft einem einfältigen Menschen wie einem Orakel zuhören, weil er mich durch seine Reden in einen ganz neuen Gesichtspunkt stellt, weil ich mich so in ihn hineindenken kann, und dabei zugleich meine eigene Gemütsstimmung vergleiche, daß ich selbst in seinem einfältigsten Geschwätz einen tiefen gedankenreichen Sinn entdecke. Bei Weibern vorzüglich habe ich aus jedem gesprochenen Worte, selbst aus dem unbedeutendsten, etwas gelernt.

Bianca läßt grüßen; sie ist ein liebenswürdiges Geschöpf. Wir sprachen heute lange darüber, wie ich sie zuerst durch Sie hätte kennen lernen; ich finde sie jetzt noch schöner als damals, ihr großes feuriges Auge hat einen Strahl in seiner Gewalt, der bis ins Innerste des Herzens dringt, sie hat alle meine Sinne in Aufruhr gesetzt, und ich habe sie verlassen, auf die schönste glücklichste Art beruhigt.

Ich werde von ihr und von Ihnen träumen; antworten Sie mir bald.

 

4
Rosa an William Lovell

Neapel.

Ihr Brief hat mich sehr amüsiert, lieber Freund; er macht so ein wahres Gemälde des Menschen aus, daß ich ihn oft gelesen habe. – Vorzüglich lustig ist die Schwermut, mit der er anhebt; und der Übergang aus diesem Adagio in das gesetzte und feste Andante ist so überraschend und doch so natürlich, daß mir alles so deutlich war, als hätte ich es selbst geschrieben. Ich denke, Sie werden noch öfter ähnliche Erfahrungen an sich machen, und die Klagen werden sich, wenn Sie sonst wollen, ebenso kalt und philosophisch schließen, wie dieser Brief es tut. Es ist leider ebenso demütigend als wahr, daß bei Ihrer Melancholie nicht die philosophische, sondern die medizinische Untersuchung die richtigere war. Bianca hat Sie von einer Krankheit geheilt, die kein Weiser, kein Dichter, kein Spaziergang, kein Gemälde, keine Musik heilen konnte.

Die klemmende unbekannte Sehnsucht, die so oft den Busen des Jünglings und des aufkeimenden Mädchens zusammenzieht, was ist sie anders, als das Vorgefühl der Liebe? Und was ist die Liebe mit allen ihren fröhlichen Qualen und ihren peinigenden Freuden weiter, als das Drängen nach dem Genusse, dem Ziele, nach welchem jeder rennt, ohne es zu glauben? Meinen Sie nicht, daß wenn man den Petrarka in seine Muttersprache übersetzte, seine langweiligen Gedichte die lustigste Lektüre von der Welt sein müßten?

Grüßen Sie Bianca von mir und weihen Sie ihr eine Ihrer feurigsten Oden, denn sie hat es um Sie verdient. Diese Mädchen verdienen nicht nur mit dem Rosenkranze der Liebe, sondern auch mit der eichenlaubigen Bürgerkrone geschmückt zu werden. Dante war gewiß ebenso enthaltsam, als Sie, sonst hätte er sein finsteres Gedicht nicht geschrieben, an dessen Existenz wir nichts gewonnen haben: folgen Sie meinem Rate, denn nur der Phlegmatische wird nicht bei einer ähnlichen Art zu leben düster und melancholisch.

Ich sehe die Gegenden um Neapel und die Mädchen der Stadt mehr, als den finstern Balder, der wie eine Mumie in einer Katakombe in seinem Zimmer liegt, und selbst das Licht der Sonne verachtet, weil es ihm ein Bild der Fröhlichkeit ist. – Ich möchte, wenn ich ein Dichter wäre, nichts als lachende Satiren schreiben, ohne Bitterkeit und schiefe Spitzen; wenn man die Menschen genauer ansieht, so gibt es keinen, den man bemitleiden kann, sie erschüttern nur das Zwerchfell und die Tränen sind bei den Menschen nur eine andre Art zu lachen, ebenso wollüstig, ohne traurig zu machen. Beides Schwäche, aber liebenswürdige Schwäche der Muskeln, ein Krampf, ohne den die Gesichter ganz ihre Mannigfaltigkeit verlieren würden. Ihr Shakespeare hat nie so etwas Wahres gesagt, als wenn er den Puck zum Oberon sagen läßt:

Lord, what fools these mortals be!

Lesen Sie die Stelle und den ganzen Zusammenhang im Midsummernight's dream, sie ist der beste Kommentar über meine Meinung.

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