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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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28
Walter Lovell an seinen Sohn William

London.

Ich habe Deinen Brief, William, zugleich mit einem andern Deines Freundes Burton erhalten. Ich bin froh darüber, daß ich ohne Ursache bekümmert gewesen bin; doch, was sag ich ohne Ursach? Soll der Leichtsinn eines Sohnes dem Vater nicht ebensoviel Gram machen, als es eine Krankheit tun würde? Und Leichtsinn, William, war es denn doch wohl, was Dich so lange vom Schreiben zurückhielt, und Leichtsinn, jugendlicher Leichtsinn, was Dich Deinen letzten Brief schreiben hieß. – Ich kann mir denken, daß Du itzt den Erstaunten spielst, daß Du Dich in Deiner Leidenschaft so weit vergissest, Deinen Vater, dessen zärtliche Liebe gegen Dich ohne Grenzen ist, herabzusetzen und seine Liebe Eigennutz zu schimpfen; aber ich vergebe Dir im voraus, William, eben weil ich Dich liebe. Aber meine Liebe macht mich nicht blind für Dein wahres Glück, darum schreib ich mit väterlichem wohlwollenden Herzen eine abschlägige Antwort nieder.

Wenn Du Dir nur nicht anmaßen wolltest, zu behaupten, daß Du alles reiflich erwogen hast, was ich ohngefähr gegen Deinen Antrag einzuwenden haben möchte. Daß ihr jungen Leute doch so gar leicht glaubt, die Ideen eines alten erfahrnen Mannes zu erschöpfen: ihr seht nur mit einem Blicke der Phantasie in die Verhältnisse der Welt hinein, wenn ihr glaubt, mit dem Verstande alles reiflich und von allen Seiten überlegt zu haben. Du weißt nicht, was ich für Dich tun will und zum Teil schon getan habe; Du siehst nicht die Umstände, die sich günstig vereinigen, um Dir die Bahn zum Glücke zu ebnen: was Dein Vater seit Jahren mühsam zusammenträgt, darfst Du nicht wie ein mutwilliger Knabe mit einem einzigen Steinwurfe vernichten. – Nein, mein Sohn, ich kann Dir zu Deiner vorgeschlagenen Verbindung nie meine Einwilligung geben. Glaube nicht durch eine Menge von Briefen über diesen Gegenstand meine Einwilligung zu erbitten, oder zu ertrotzen, ich dürfte hierin mehr Standhaftigkeit besitzen, als Du mir vielleicht zutraust.

Führe nicht meine Liebe zu Deiner Mutter an; ich liebte nicht töricht, wie Du; unsre Familien waren sich gleich, an Ansehn und Vermögen; mögen diese Hindernisse Zufall sein; meinetwegen, aber der weise Mann geht dem undurchdringlichen Zufalle aus dem Wege, da im Gegenteile das Leben des Toren nichts als ein rastloser ohnmächtiger Kampf gegen Zufall und Notwendigkeit ist. Glaube mir, daß ich meine Liebe würde zu bekämpfen gewußt haben, wenn sich diese Schwierigkeiten unsrer Verbindung in den Weg gestellt hätten. Darum folge dem Rate und dem Beispiele Deines Vaters.

Es scheint mir überhaupt, als dürftest Du etwas die Vergleichung mit mir in Ansehung unsrer Liebe scheuen. Deine Mutter war die verehrungswürdigste Frau, sanft und verständig, gefühlvoll ohne Empfindelei, ein Herz schlug in ihrer Brust, wie sie nur selten auf dieser Erde gefunden werden: und Du wagst es, mit ihr Amalie Wilmont zu vergleichen? Ein Wesen, dessen Gutmütigkeit und Weichheit sie vielleicht etwas aus den ganz gewöhnlichen Frauenzimmern herausheben. – Und dann liebst Du sie auch nicht einmal wirklich! – Diese sogenannte Liebe ist eine leichte Nahrung Deiner Phantasie, eine sanfte Empfindsamkeit, die sich Deines Herzens bemeistert hat und deren Ursprung Du nun in einer Liebe gegen dieses Mädchen suchst. – Glaubst Du denn wirklich, daß Du mit einem Herzen voll Liebe hättest nach Italien reisen können? bis itzt froh und unbefangen leben und die Luft da einziehn, wo sie nicht atmet? – Du siehst wenigstens, daß ich nicht die Kälte von Dir verlange, die unbesonnene Jünglinge gewöhnlich ihren Vätern vorwerfen; um desto mehr aber überzeuge Dich auch, daß ich in diesem Verhältnisse richtiger und weiter sehe, als Du. – Schon im ersten Monate Eurer Ehe würdet Ihr Euch beide getäuscht finden; man würde erstaunen, daß die Wärme so schnell verflogen wäre; es würde eine von den gewöhnlichen Ehen werden, deren trauriges Gemälde ich nur zu oft sehe, um zu wünschen, daß es durch meinen Sohn noch einmal wiederholt würde.

Willst Du nach England zurückkommen, so wirst Du mir viel Freude machen: ich strecke Dir die Arme entgegen, meine Kraft nimmt mit jedem Tage ab, ich werde dem Grabe zugebeugt, laß mich in Deinen Armen sterben! – Viele neue Freunde erwarten Dich sehnsuchtsvoll in London; du sollst die Lady Bentink kennenlernen, ein Frauenzimmer, deren Vortrefflichkeit allen Foderungen eines Mannes von Kopf und Herz entspricht; in ihrer Gesellschaft wirst Du die Bedeutung des Wortes Liebe verstehen lernen.

Ich traue Deinem guten, edlen Herzen zu, daß Du dieses Briefes wegen nicht lange auf Deinen Vater zürnen wirst. –

 

29
William Lovell an Amalie Wilmont

Rom.

Es ist entschieden, und ich kann nun nichts weiter sagen, als: leben Sie wohl! leben Sie ewig wohl! – Im Vertrauen zu der Liebe meines Vaters hab ich um seine Einwilligung gebeten – aber – o ich möchte seiner scharfsinnigen, überweisen Antwort lachen – aber, o nicht wahr, Sie raten es gewiß schon, was er geantwortet hat? – O Amalie, ich will nicht mehr von meiner Liebe, meinen Hoffnungen mit Ihnen sprechen, alle diese Träume sind nun ausgeträumt, und erwacht stehn wir nun da und lächeln über die verflogenen, bunten Gemälde. – Vergessen Sie mich, denn ich selbst arbeite schon daran, mich zu vergessen. Ich bin ausgerottet aus der Reihe der Glücklichen, aus dem Paradiese mit dem Worte der Willkür hinausgestoßen, und nun will ich auch das Maß meines Elendes bis oben anfüllen! – Wenn wir dem Verhängnisse zum grausamen Spiele dienen, nun so wollen wir dem Zuchtmeister, der uns in das eherne Joch spannt, wenigstens ein verächtliches Lächeln entgegengrinsen. – Leben Sie wohl!

Warum machen wir denn auch die lächerliche Foderung, glücklich zu sein? Wunderbar! – Gähnend durchs Leben hinzuschlendern, mit einer Gefährtin, deren Vater genauso viele Goldstücke aufweisen kann, als der meinige, so recht gleich und gleich gesellt, dem Tode entgegenzukriechen, dies ist unsre große, ehrenvolle Bestimmung! – Sie denken, ich bin erhitzt und bitter. O ich bin so kalt, daß ich meinem Vater eine Abhandlung schreiben könnte, um zu beweisen, wie sehr er recht hat. – O Amalie! Soll ich denn ganz Ihren Namen aus meinem armen, blutenden Herzen reißen? Soll ich auch die Wurzel meiner Seligkeit ausrotten, damit mich nie der grüne Schimmer einer jungen Pflanze wieder erquickt? – Ich kann es nicht, und will es nicht.

Über die weite Entfernung hinüber reiche ich Ihnen meine zitternde Hand zum ewigen, schrecklichen Abschiede. – Mein Vater mag es mir verzeihen, o seine Furcht ist unnütz, daß ich ihn mit bettelnden Briefen belagern werde, kein Wort mehr soll er darüber hören, wie ein Diener seinem Herrn will ich ihm schreiben: ich schwöre, daß er dann meine Briefe vernünftig findet.

Rasen möcht ich dann wieder, wenn ich mir Ihr Bild recht lebhaft in die Seele zurückrufe! – Nun gut, gut, er mag es haben! Schon seh ich die wilden Pferde die Zügel zerreißen, rasselnd springen sie mit dem Wagen den schroffen Felsenweg hinunter, an den Klippen zerschmettert liegt das Fuhrwerk da, und er steht und beweint den Verlust. – Er hat es gewollt, es sei! –

Lebe wohl, teure Seele, unsre Wege nehmen von itzt eine verschiedene Richtung: der meinige in das wildverwachsene Dickicht des Waldes hinein, wo der Wind aus unterirdischen Klüften pfeift, und der Deine? – Ich wünsche Dir Glück, mag er führen wohin er will! –

 

30
Amalie Wilmont an Emilie Burton

London.

Mein Schicksal ist entschieden! – William hat dem Vater seine Liebe entdeckt, und – ach, Emilie, Tränen sind auf diese Stelle hinabgefallen, die deutlich genug sprechen. – Ein kalter Schauder überfällt mich, wenn ich daran denke, daß es nun entschieden ist; entschieden, was ich immer fürchtete, aber das Endurteil immer noch weit, weit, von einem Monate zum andern hinausschob. Nun ist endlich so plötzlich die Stunde hereingebrochen, die unbarmherzig alles zu Boden schlägt und auch keiner einzigen Hoffnung Raum zum Wachsen übrigläßt. – Ach Emilie, Freundin! – Keinen Trost, denn ich verstehe ihn nicht, da Sie nicht meinen Schmerz verstehn, schenken Sie mir eine Träne und mehr will ich nicht. – Sehn Sie, daß Sie unrecht taten, mir zuweilen meine schwarzen Ahndungen abzuleugnen! O meine Liebe sah über die Zukunft hinweg und zitterte schon im voraus vor dem fürchterlichen Schlage. – Mortimer will mich trösten; ich sehe sein gutes Herz und seinen guten Willen, aber ich muß doch weinen, wenn es mir einfällt, daß nun alles entschieden ist. Ich habe die ganze Nacht geweint; aber was ist das nun mehr? Fodre ich denn Ihr Mitleid für meine Tränen? Ach mein wundes Herz – wie es langsam und krampfhaft emporzuckt, wenn ich daran denke! – Ach, was kann mir Mitleid helfen? –

 

31
William Lovell an Rosa

Rom.

Ich bin kälter geworden, seit einiger Zeit? – Wahrlich, lieber Freund, wenn dies war, so war es nur, um desto glühender zu Ihnen zurückzukommen. Nein, Ihre Freundschaft ist mir noch immer ebenso teuer, ja teurer als ehemals, lassen Sie uns nicht den Bund zerreißen, den wir geschlossen hatten.

Hoch triumphierend steh ich oben, über dem Leben und seinen Freuden und Leiden erhaben, ich sehe mit stolzer Verachtung in das Gewühl der Welt hinab. – Wer sind jene armseligen Geschöpfe, die so schwer und keuchend an den Bürden der Pflichten und der Tugenden tragen? – Meine Brüder? – Nimmermehr! – Die Willkür stempelt den freien Menschen; von allen Banden losgelassen, rausch ich wie ein Sturmwind dahin, Wälder niederreißend und mit lautem und wildem Geheul über die steilen Gebirge hinfahrend. Mag's hinter mir stürzen und vor mir wanken, was sind mir die Ruinen, die mich in meinem Laufe aufhalten sollten? –

Fliege mit mir, Ikarus, durch die Wolken, brüderlich wollen wir in die Zerstörung jauchzen, wenn unser Verlangen nach Genuß nur ersättigt wird! Wir sind unsre Gesetzgeber und unsre Untertanen: im jugendlichen Rausche wollen wir der Abendröte entgegentaumeln und in ihrem Schimmer untersinken. –

 

32
William Lovell an Eduard Burton

Rom.

Ich muß Dir schreiben, Eduard, und wär es auch nur der lieben Gewohnheit wegen. Sollte man doch fast schwören, das Leben wäre bei den meisten Menschen nichts weiter, als eine Gewohnheit, so nüchtern unbefangen, so jämmerlich und phlegmatisch schleppen sie sich durch die spannenlange Zeit, die ihnen vom kargen Verhängnisse gegönnt ist.

Daß mein Vater mir meine Bitte abgeschlagen hat, wirst Du wissen; eine Sache, die mir jetzt ganz gleichgültig ist. Es kommt mir manchmal vor, als würde mir überhaupt das sehr gleichgültig werden, was man im gemeinen Leben Unglück nennt. Da ich auf dieser Seite nicht mein Glück habe finden können, muß ich es natürlicherweise auf der andern suchen. Ich will von Stufe zu Stufe klettern, um die oberste und schönste Spitze der Freude zu finden und hoch herab auf alle Trübsale und Demütigungen blicken, womit die Sterblichen in diesem Leben verfolgt werden. Stürz ich schwindelnd von oben hinunter, was ist es denn mehr?

Ich stehe itzt an einem Scheidewege, der manches Gehirn zum Schwindeln bringen könnte, aber ich bin fast gleichgültig geblieben. Ich fange überhaupt an, wie es mein Vater will, kalt und vernünftig zu werden; ich hoffe es am Ende wohl noch dahin zu bringen, den Enthusiasmus in meiner Brust auszulöschen, den er und auch Du so oft an mir getadelt habt. – Doch, ich wollte Dir einen sonderbaren Vorfall erzählen, der sich seltsam genug an die übrigen reiht.

Vorgestern erhielt ich von einem Unbekannten folgendes Billet:

Folgen Sie dem Überbringer, wenn Sie etwas erfahren wollen, was Ihnen außerordentlich wichtig sein muß.

Ich ging mit dem Unbekannten, der mich jenseits Maria Maggiore in die Einsamkeit nach Santa Cruce zu führte; in einem abgelegenen Garten trete ich in ein kleines Häuschen, das an einen alten Tempel gebaut ist; alles war still und einsam; ich öffne die Tür eines Zimmers, und ein Mädchen kömmt mir entgegen. Ich dachte ein lustiges Abenteuer zu finden und erschrak etwas, als ich in dem Mädchen den blonden Ferdinand, den Bedienten Rosas erkannte.

Wir setzten uns, ich war betreten und in Verlegenheit.

»Um Gottes willen«, fing sie an sehr ängstlich zu sprechen, »ich kann es Ihnen nicht länger bergen, es drückt mir sonst das Herz ab: seit dem ersten Tage, da ich Sie kennenlernte, ward ich unwillkürlich zu Ihnen hingezogen; ich weiß manches, was Sie nahe angeht – hüten Sie sich vor Rosa!«

Sie sagte die letzten Worte mit einer sonderbaren Bedeutung; der fürchterliche Alte ging meiner Seele wieder vorüber, ein kalter Schauer schlich über meinen Rücken hinab. – In demselben Augenblicke trat Rosa herein, der eben von Neapel kam. Er war anfangs verlegen, mich hier zu finden, und entdeckte mir endlich das Geheimnis, das er mir schon lange habe eröffnen wollen, daß nämlich sein Bedienter Ferdinand ein artiges Mädchen sei, das er schon aus Paris mitgenommen habe.

Seitdem habe ich das Mädchen nicht wiedergesehn; die Szene hat meiner Vertraulichkeit gegen ihn Schaden getan, und er bemerkt es recht gut. – Wir suchen oft beide zu einer Erklärung zu kommen, und brechen wieder ab. –

Hüten Sie sich vor Rosa! – Was hat man mit mir vor? – Diese Frage würde manchen an meiner Stelle sehr beschäftigen. – Je nun, es ist ja das Spielwerk des Lebens, daß sich die Menschen betrügen; alles ist maskiert, um die übrige Welt zu hintergehn, wer ohne Maske erscheint, wird ausgezischt: was ist es denn nun mehr? –

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