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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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26
William Lovell an Eduard Burton

Rom.

Du klagst darüber, daß ich Dir und meinem Vater in so langer Zeit nicht geschrieben habe? Du siehst, daß ich in diesem Briefe meinen Fehler wieder gutzumachen suche; besorge die Einlage an meinen Vater.

O ja, teurer Freund, ich fürchte selbst es ist schon lange, daß ich Dir nicht geschrieben habe. Alles hier hat mich verwickelt und verstrickt, eine Gesellschaft, eine Zerstreuung hat mich der andern aus dem Arme genommen; ich bin in ein Labyrinth hineingeraten, in welchem ich mich nur an Deiner Hand, durch Deine Hülfe wieder ans Tageslicht finden kann. O mir ist, als säß ich in eisernen Banden und träumte vergebens von Befreiung; alles umher, was ich ansehe, wird mir zu einem Geheimnisse, ganz Italien kommt mir wie ein Kerker vor, in welchem mich ein böser Dämon gefangenhält: darum will ich zu Dir, zu Dir und Amalien zurück.

Amalie! o daß ich diesen süßen Namen wieder nennen kann! – Wie geht es ihr? Denkt sie noch an mich? – Erinnerst Du Dich noch so oft, wie sonst, Deines Freundes William? – O ich muß hier auf einen Augenblick die Feder niederlegen; meine Seele ist zu voll, meine Hand zittert.

Ich fange wieder an zu schreiben, nur muß Dir bis hieher dieser Brief wie ein Rätsel vorkommen. Ach, Eduard, Deiner Freundschaft muß ich von neuem das Bekenntnis meiner Schwäche ablegen, verzeihe mir wiederum, denn nach jeder Probe komme ich mit erneuerter Liebe zu Dir zurück.

Seit Mortimers Abreise ward Rosa mein vertrauter Freund, diese Freundschaft wuchs mit jedem Tage. Unsre Seelen wurden immer inniger aneinandergefesselt, hundert neue Gedanken und Vorstellungen gingen aus ihm in meinen Geist über; in kurzer Zeit war ich sein Schüler, der Schüler einer egoistischen, sinnlichen Philosophie. Er war itzt meine liebste und häufigste Gesellschaft; allenthalben wo ich war, traf ich auch ihn, und allenthalben wünschte ich ihn zu treffen.

Balder war indes in Neapel krank geworden; seine Melancholie, die durch ein Fieber verstärkt worden, artete zuweilen in völlige Verrückung aus. In dringenden Briefen bat er mich, ihn zu besuchen: ich reiste endlich ab.

Ich fand ihn entstellt, bleich, mit tiefeingesunkenen Augen, einem irren Blicke und allen Spuren einer gefährlichen Seelenkrankheit. Als ich in sein Zimmer trat, war sein Geist abwesend, und er erkannte mich nicht, er kämpfte mit Phantomen seiner Einbildungskraft, die ihn ängstigten, er sah Gespenster um sein Bette stehn, seine scheuen Augen funkelten auf eine entsetzliche Art, er sprach einen zusammenhängenden Unsinn, dessen seltsame und fürchterliche Bilder mich oft erschreckten. – Eduard, er beschrieb in seiner Phantasie einen Alten, der vor seinem Bette stehe, und – o denke Dir mein Entsetzen! – seine Beschreibung paßte Zug für Zug auf den fürchterlichen Greis, von dem ich Dir neulich erzählt habe, der einem Porträt in unserm Hause so ähnlich ist. – Ich sah mich ängstlich im Zimmer um, es war niemand zugegen, aber er muß ihn kennen, Eduard – o wer weiß, wie wunderbar sich die Fäden meines Schicksals ineinanderfügen!

Lächle nicht über mich, Eduard; noch ehe Du diesen Brief zu Ende gelesen hast, wirst Du einsehn, daß Du keine Ursache hast. Du wirst mir recht geben und das Grauen des Freundes mitempfinden.

Balder erregte mein tiefes Mitleid; ich betrachtete ihn, wie einen, der ohne es zu wissen, mit meinen innersten Gedanken zusammenhinge; ich konnte in der Nacht nicht schlafen, seine Beschreibung hatte das Bild jenes seltsam schrecklichen Greises wieder gar zu lebhaft in meiner Phantasie erweckt.

Ich fühlte, daß Balders Krankheit für mich ansteckend sein könnte; ich reiste also schon gestern nach Rom zurück. Es war gegen Abend, als ich in die Nähe der Stadt kam, die Sonne ging sehr schön unter, und ich ließ den Wagen fahren, um durch einen Umweg nach dem Tore zu kommen. Ich gehe seitwärts, und entferne mich immer mehr von der großen Straße; plötzlich seh ich in einiger Entfernung von mir zwei Gestalten in einem tiefen Gespräche vorübergehn – o Eduard! und ich wünschte, der Boden möchte unter mir brechen – es war Rosa, Rosa am Arme jenes fürchterlichen Ungeheuers! jenes entsetzlichen Gespenstes, das hohl und leise hinter mir geht und sich der Fäden bemeistert hat, an denen es mein Schicksal lenkt. – Es ist kein Mensch, Eduard, denn so hat noch nie ein Mensch ausgesehn – und Rosa, Rosa der Vertraute meines Herzens, dem ich meine Seele aufzubewahren gegeben hatte – an seinem Arme! im vertrauten freundlichen Gespräche mit ihm! – Meine Liebe und mein Abscheu gehn mir Arm in Arm vorüber und die Zukunft öffnet sich mir, wie mit einem gewaltigen Risse, und ich sehe tief, tief hinunter nichts als Unglück und Gräßlichkeiten.

O Eduard! wer könnte dabei kalt und gelassen bleiben? Von diesem Augenblicke ist mir Rosa ein fremdes Wesen geworden, Rom ist mir seitdem verhaßt, der Himmel über Italien trübe und verderbenschwanger; wie ein verirrtes Kind sehn ich mich nach meiner Heimat zurück.

Ja, Eduard, nun will ich, nun muß ich nach meinem lieben Englande zurückkehren! Ich muß mich von den Fesseln losmachen, die man mir anlegte, indes ich schlief. O wie schmachte ich nach der Freude des Wiedersehens an Deiner Brust! Eine wehmütige Wonne macht meine Hand erzittern, wenn ich an Amalien und ihre Liebe denke. Mit einem frischen Glanze übergossen, kömmt mir mein künftiges Leben entgegen, ich atme froh und frei, und mein Herz fühlt sich leicht bei dieser Aussicht. – Schicke die Einlage an meinen Vater und schreibe ihm selbst einige Worte, denn er hat viel Vertrauen zu Dir; er muß mir seine Einwilligung zu meinem Glücke geben, er muß Amaliens Hand in die meinige legen, ach und er tut es gewiß. Bange seh ich der Antwort entgegen, furchtsam schleicht bis dahin die Zeit: öde und finster, verworren und lästig ist mir die Gegenwart. – Wenn aber jener Sonnenstrahl, auf den ich hoffe, durch die Verwüstung bricht – wenn ich nun das Siegel von dem erwünschten Briefe löse, wenn ich keinen Freund hier habe, dem ich mein Entzücken mitteilen kann – o so will ich weinend auf die Kniee fallen, und jenem unbekannten fernen Freunde meine kindische Freude, meine Wonnetränen zum Opfer bringen, daß er es verstattet, daß ich wieder zu meinen frühern frommen Empfindungen zurückwandeln darf. – Beneide mich, Freund, um diesen glückseligen Augenblick meines Lebens!

Und wenn er nicht kömmt! – Wenn kalte Worte meine Verzweiflung und mein Entzücken gleich stark zu Boden schlagen. – Kalte Tränen treten mir bei dem Gedanken in die Augen. – Ach, Freund, es mag immerhin etwas Kindisches sein, manche abenteuerliche Gespenstergeschichten, die man mir in meiner Jugend erzählte, fallen mir itzt täglich ein, und ich finde immer Anwendungen darin auf mich. Kennst Du das Märchen, in welchem ein Knabe unaufhörlich von einem gräßlichen Unholde verfolgt wird? ihm immer entflieht und von neuem in die Arme läuft?

Du hast kein Gefühl dafür, wie seltsam mir alles vorkömmt; seit gestern betrachte ich jeden Gegenstand mit starren Augen, als wenn ich allenthalben ein Wunder erwartete: mir ist itzt nichts unwahrscheinlich. Ich bin eingeschlossen, um nicht von Rosa überrascht zu werden, ich könnte bei seinem Eintritte wie beim Anblicke eines Basilisken erschrecken.

Ich denke jetzt daran, wie Ferdinand, Rosas Bedienter, seit einiger Zeit ein so geheimnisreiches Wesen hat, daß ich schon oft über ihn nachgedacht habe. Er drängt sich bei allen Gelegenheiten an mich, es scheint, als wollte er mir etwas eröffnen, wobei er doch seinen Herrn fürchte. – Wohin ich sehe, reckt sich mir aus der Dunkelheit etwas entgegen: ich stehe vor einem Rätsel, dessen Sinn sich mir gewiß mit Schrecken auftun wird. –

Es klopft jemand. – Es ist gewiß Rosa. Ich kann nicht aufmachen, ich denke recht lebhaft an Dich, um des Grauens loszuwerden, das sich zu mir hinanschleicht. – O Freund, er ging an seinem Arme! –

Er ist fortgegangen und ich bin wieder frei. – O wenn ich doch erst wieder die Küste meines Vaterlandes begrüßte! – Ich hoffe bald.

 

27
William Lovell an seinen Vater
Einlage des vorigen Briefes

Rom.

Das lange Stillschweigen des Sohnes hat dem zärtlichsten Vater Kummer gemacht? – das muß nicht öfter kommen; Ihr Sohn muß nicht neuen Gram zu jenen Sorgen hinzufügen, von denen Sie gedrückt werden. – Sie haben gefürchtet, ich hätte irgendein Unglück erlitten? O lieber Vater, lassen Sie sich von diesem Briefe beruhigen und beruhigen Sie dafür Ihren Sohn, der Ihnen eine Bitte vorzutragen hat, an deren Erfüllung das Glück seines Lebens hängt.

Der Gedanke, daß mein Wohl Sie unaufhörlich bekümmert, macht mich heute zu einem Geständnisse dreist genug, das ich bis itzt nie gewagt habe: aber Ihr zärtlicher Brief hat mein Herz ganz eröffnet: auch keinen Wunsch, nicht einen Gedanken will ich vor Ihnen verborgen halten.

Ich wünsche nach England zurückzukommen und Sie wieder in meine Arme zu schließen: ich wünsche meine Reise geendigt, von Ihren teuren Lippen wünsche ich die Einwilligung zu meinem Glücke zu holen.

Ich liebe, mein Vater! O wenn ich es doch vermöchte, Ihnen alles das zu sagen, was ich Ihnen sagen müßte, um Sie von meiner Liebe zu überzeugen! Lassen Sie Ihr Herz für mich sprechen und ersparen Sie mir Worte, die doch nur Dunst und Nebel gegen das Feuer sind, das rein und hell in meiner Seele brennt. – Amalie Wilmont heißt meine Geliebte, itzt beruht mein Glück auf dem Ausspruche Ihres Mundes. O lassen Sie mich glücklich werden!

Mein Genius ängstigt mich fort aus Italien, er treibt mich nach meiner Heimat zurück; o um aller väterlichen Liebe willen, nehmen Sie mich gütig auf! Ich weiß alles, was Sie gegen diese Verbindung sagen könnten, ich habe alles lange und reiflich überlegt. Sie wünschen und suchen vielleicht mein Glück auf einem andern, auf einem glänzenderen Wege; aber kehren Sie zurück, wenn sie Ihren einzigen Sohn lieben.

O Gott, mein Vater, welch ein armseliges, dürftiges Gewebe ist unser Leben! Grob und ungeschickt sind alle Farben aufgetragen: alle Freuden sind nur Langeweile, die etwas weniger drückt, alles verrinnt und verfliegt; wie Bettler stehn wir am Ende unsrer Wanderschaft, die unterwegs schon alle die dürftigen Almosen verzehrt haben, die sie gesammelt hatten, sie sind ebenso arm, als indem sie ihren Weg antraten. – Ach nur ein Glück geleitet uns über den dürren Pfad und bestreut ihn mit Blumen; alle Erscheinungen, die uns entgegenkommen, grüßen uns und gehn flüchtig vorüber; nur die Liebe allein ergreift herzlich unsre Hand, und begleitet uns treulich durch das Leben. Um dieser Liebe willen, um der Liebe willen, mit der Sie einst meine Mutter liebten, geben Sie Ihre väterliche Einwilligung in mein Glück. Glauben Sie nicht, daß es eine vorübergehende Torheit ist, die mich zu dieser Bitte bewegt; an Amaliens Seele ist die Kette meines Lebens und meiner Tugend befestigt, das fühle ich unwidersprechlich im Innersten meines Herzens; wenn Sie uns auseinanderreißen, so zerschneiden Sie mein Glück, mein Leben, meine Tugend. Nur in diesem Kreise sind alle meine Wünsche und Glückseligkeiten gelagert; o mein Vater, erwärmen Sie Ihr väterliches Herz so, daß es die Vorteile der Welt und ihre Glücksgüter vergißt: ich beschwöre Sie, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab. – Könnten Sie sich in meinen Geist versetzen, wahrlich, Sie würden mit zitternder Hand eilen, den Brief zu schreiben, der mich meiner Seligkeit versichert; Sie würden keinen Augenblick anstehn und sich bedenken – denn rasch rennen die Stunden vorüber, die Blüten der Freude verwelken schnell. – O nein, mein Vater, ich fürchte Ihre Antwort nicht, ich habe keine Ursache, sie zu fürchten. Sie sind bekümmert und haben schlaflose Nächte, weil Sie mich krank glauben; o Sie werden nicht mit einem harten Federzuge mein Unglück entscheiden. – Leben Sie wohl und glücklich! Ich wünsche diesem Briefe Flügel und dem Ihrigen die Schnelligkeit des Windes.

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