Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Tieck >

William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

23
William Lovell an Rosa

Rom.

Nein, Rosa, Ihre Ideen sind dem Freunde nicht unverständlich. Ist es nicht endlich einmal Zeit, daß ich Sie und Ihre Meinung ganz fasse?

Freilich kann alles, was ich außer mir wahrzunehmen glaube, nur in mir selber existieren. Meine äußern Sinne modifizieren die Erscheinungen, und mein innerer Sinn ordnet sie, und gibt ihnen Zusammenhang. Dieser innere Sinn gleicht einem künstlich geschliffenen Spiegel, der zerstreute und unkenntliche Formen in ein geordnetes Gemälde zusammenzieht.

Geh ich nicht wie ein Nachtwandler, der mit offenen Augen blind ist, durch dies Leben? Alles, was mir entgegenkommt, ist nur ein Phantom meiner innern Einbildung, meines innersten Geistes, der durch undurchdringliche Schranken von der äußern Welt zurückgehalten wird. Wüst und chaotisch liegt alles umher, unkenntlich und ohne Form für ein Wesen, dessen Körper und Seele anders, als die meinigen organisiert wären: aber mein Verstand, dessen erstes Prinzip der Gedanke von Ordnung, Ursach und Wirkung ist, findet alles im genausten Zusammenhange, weil er seinem Wesen nach das Chaos nicht bemerken kann. Wie mit einem Zauberstabe schlägt der Mensch in die Wüste hinein und plötzlich springen die feindseligen Elemente zusammen, alles fließt zu einem hellen Bilde ineinander – er geht hindurch und sein Blick, der nicht zurücke kann, nimmt nicht wahr, wie sich hinter ihm alles von neuem trennt und auseinanderfliegt.

    Willkommen, erhabenster Gedanke,
        Der hoch zum Gotte mich erhebt!
    Es öffnet sich die düstre Schranke,
    Vom Tod genest der matte Kranke
Und sieht, da er zum ersten Male lebt,
Was das Gewebe seines Schicksals webt.

    Die Wesen sind, weil wir sie dachten,
        In trüber Ferne liegt die Welt,
    Es fällt in ihre dunkeln Schachten
    Ein Schimmer, den wir mit uns brachten:
Warum sie nicht in wilde Trümmer fällt?
Wir sind das Schicksal, das sie aufrecht hält!

    Ich komme mir nur selbst entgegen
        In einer leeren Wüstenei.
    Ich lasse Welten sich bewegen,
    Die Element' in Ordnung legen,
Der Wechsel kommt auf meinen Ruf herbei
Und wandelt stets die alten Dinge neu.

    Den bangen Ketten froh entronnen,
        Geh ich nun kühn durchs Leben hin,
    Den harten Pflichten abgewonnen,
    Von feigen Toren nur ersonnen.
Die Tugend ist nur, weil ich selber bin,
Ein Widerschein in meinem innern Sinn.

    Was kümmern mich Gestalten, deren matten
        Lichtglanz ich selbst hervorgebracht?
    Mag Tugend sich und Laster gatten!
    Sie sind nur Dunst und Nebelschatten!
Das Licht aus mir fällt in die finstre Nacht,
Die Tugend ist nur, weil ich sie gedacht.

So beherrscht mein äußrer Sinn die physische, mein innerer Sinn die moralische Welt. Alles unterwirft sich meiner Willkür, jede Erscheinung, jede Handlung kann ich nennen, wie es mir gefällt; die lebendige und leblose Welt hängt an den Ketten, die mein Geist regiert, mein ganzes Leben ist nur ein Traum, dessen mancherlei Gestalten sich nach meinem Willen formen. Ich selbst bin das einzige Gesetz in der ganzen Natur, diesem Gesetz gehorcht alles. Ich verliere mich in eine weite, unendliche Wüste – ich breche ab.

 

24
Willy an seinen Bruder Thomas

Rom.

Du hast lange keinen Brief von mir bekommen, lieber Bruder, und das macht, weil ich Dir gar nichts zu schreiben hatte. Uns allen hier, ich meine, mir, meinem Herrn und seinen Freunden, uns allen geht es hier recht wohl, außer dem Herrn Balder, der in Neapel krank liegt, weil er einen Anstoß vom Fieber bekommen hat. Man erzählt sich allerhand von ihm; so sagt man unter andern, er habe in manchen Stunden den Verstand ganz verloren und sei gar nicht bei sich, da rede er denn wunderlich Zeug durcheinander. – Wenn ich so etwas höre, Thomas, so danke ich Gott oft recht herzinniglich, daß mir so etwas noch nicht begegnet ist: vielleicht aber auch, Thomas, daß, um verrückt zu werden, mehr Verstand dazu gehört, als wir beide haben; ich meine nämlich, wenn man nur immer so viel Verstand hat, als man zur höchsten Notdurft braucht, so kann man ihn ohne sonderliche Mühe in Ordnung halten. Wer aber zu viel hat, dem wird das Regiment saurer, und da geht dann manchmal alles bunt übereck. – Ich denke, es muß ohngefähr so sein, wie mit dem Gelde: wer seine Einkünfte immer in der Tasche bei sich trägt, ist meistenteils ein guter Wirt; wer aber so viel Geld hat, daß er es nicht gleich im Kopfe zusammenrechnen kann, der gibt oft so viel aus, daß er noch Schulden obendrein macht.

Der Herr Rosa will mir immer noch nicht gefallen. Er kömmt mir vor, wie ein Religionsspötter, von denen ich schon manchmal in unserm Vaterlande habe erzählen hören; solche Leute können kein gutes Herz haben, weil sie nicht auf die Seligkeit hoffen, und wer darauf nicht hofft, Thomas, der hat keinen festen Grund, worauf er seinen Fuß setzen kann, und das hiesige Leben kommt mir doch immer nur als eine Probearbeit vom künftigen vor; sie machen also ihre Probe sehr flüchtig und nachlässig, und tun Gott und allen Menschen so vielen Schabernack, als sie nur immer können. Ich weiß nicht, Thomas, wie es diesen Leuten künftig ergehen wird; im Himmel würden sie doch nur die Ruhe und Einigkeit stören; – mag's sein, wie es will, ich will nichts mit ihnen zu tun haben.

Aber der Herr William läßt sich jetzt viel mit diesem gefährlichen Menschen ein. Sie sind jetzt recht vertraut und der Herr William kommt mir manchmal ganz kuriose vor, es ist manchmal gar nicht mehr derselbe gute Herr, der er wohl vor Zeiten war. Wenn der Italiener ihn nur nicht verführt! Ich könnte mich darüber zu Tode grämen. Der ganze Himmel mit aller seiner Seligkeit würde mir künftig nicht gefallen, wenn ich meinen lieben Herrn anderswo (Du weißt wohl, Thomas, wo ich meine) wissen sollte.

Du siehst, lieber Bruder, daß ich jetzt viel an den Tod und über die Unsterblichkeit der Seele denke: das macht, weil ich jetzt fast beständig so betrübte Gedanken habe, daß ich mich nicht zu lassen weiß. An allem ist mein Herr William schuld; er ist nicht mehr so freundlich gegen mich, wie sonst, er bekümmert sich wenig um mich, ja, Thomas, er lacht mich sogar manchmal aus, ob ich doch gleich um viele Jahre älter bin, als er. Du wirst gewiß nicht sagen können, daß er daran recht tut. Neulich kam mir das Weinen in die Augen, daß ich es nicht verstecken konnte, und da lachte er noch weit mehr. Mag ihm das Gott vergeben, so wie ich es ihm vergeben habe. Auch ist hier keine rechte Kirche für unsereinen, das ist schlimm, mein Herr geht oft in die Messe, doch hoffe ich immer noch, er tut es mehr der Weiber wegen, denn wenn er gar Andacht da hätte und katholisch würde, nein, Thomas, das könnt ich nimmermehr verwinden. Und es ist ein verführerisches Wesen mit dem Singsang und den prächtigen Kleidern; ja, lieber Bruder, ich habe mich wohl auch hinein verleiten lassen, und habe ein- oder zweimal (erschrick nur nicht), selbst eine Art von Andacht gespürt. Das darf nicht wieder kommen. Ei, wenn ich meine rechtgläubige, englische Gottesfurcht nicht wieder ganz heil und gesund mit mir zurückbrächte, was würdest Du oder jeder Christ von mir denken müssen?

Ich will nur zu schreiben aufhören, um Dir nur nicht noch mehr vorzuklagen. Aber ich wünschte, ich säße bei Dir in unserm frommen England; wenn es anginge, möchte ich wohl zurückreisen: wie froh wollt ich Dich in meine alten Arme nehmen und mit einer Freude, wie ein kleines Kind, ausrufen: Gottlob, daß ich wieder da bin, daß ich Dich wiederhabe! – Nun so lebe wohl, gebe der Himmel nur, daß wir uns noch einmal wiedersehn!

 

25
Balder an William Lovell

Neapel.

Rosa will nach Rom zurückreisen; wenn Du noch einiges Mitleids fähig bist, so leiste mir einige Tage über Gesellschaft. Ich bin in einer fürchterlichen Lage, meine Krankheit, (wenn ich es so nennen kann) nimmt mit jedem Tage zu, alle Freuden und Hoffnungen verlassen mich, in einem kalten Trübsinne sehe ich der Leere jedes folgenden Tages entgegen. Mein Gehirn ist wüst, eine heiße Trockenheit brennt in meinem Kopfe, alles flieht, ich kann keinen Gedanken festhalten: alles saust mir vorüber, kein Ton dringt mehr in meine Seele.

Mir ist zuweilen, als stehe ich auf dem Scheidewege, um vom Leben Abschied zu nehmen, oft ist mir sogar zumute, als wenn schon alles in einer weiten, weiten Ferne läge, wie von der Spitze eines Turmes seh ich mit trübem Auge in die Welt hinunter und vermag keinen Gegenstand deutlich zu unterscheiden. Zuweilen aber werde ich wieder zurückgerissen, meine Sinne tun sich den Eindrücken wieder auf, und die Seele kömmt zu ihrem Körper zurück. – Komm doch zu mir, William, in Deiner Gegenwart gewinne ich vielleicht eine bestimmtere Existenz, entweder ich komme ganz wieder zu den Menschen hinüber, oder ich werde jenseits in ein dunkles, chaotisches Gebiet geschleudert, das sich dann vielleicht meinem Geiste entwickelt: daß ich dann mit der Seele einheimisch bin, wohin mir kein Gedanke der übrigen Sterblichen folgt.

Ja, Lovell, ich bin immer noch in Zweifel darüber, was aus mir werden würde, wenn die Leute mich wahnsinnig nennen; o ich fühle es, daß ich in vielen Augenblicken diesem Zustande so nahe bin, daß ich nur noch einen einzigen kleinen Schritt vorwärts zu tun brauche, um nicht wieder zurückzukehren. Ich brüte oft mit anhaltendem Nachdenken über mir selber; zuweilen ist's, als risse sich eine Spalte auf, daß ich mit meinem Blicke in mein innerstes Wesen und in die Zukunft dringen könnte; aber sie fällt wieder zu, und alles, was ich fesseln wollte, entflieht treulos meinen Händen. – Als Kind stand ich oft mit Ehrfurcht und ahnender Seele vor dem Klavier meiner Eltern und betrachtete stumm und unverwandt den künstlich ausgeschnitzten Stern des Resonanzbodens; ich sahe scheu durch ihn in die Dunkelheit hinein, weil ich wähnte, dort unten wohne der Genius des Gesanges, der leise mit den Flügeln rausche, wenn die Tasten angeschlagen wurden. Ich sah ihn oft in meinen Gedanken emporsteigen, wie er leise schwebend von seinen süßen Tönen getragen wird und immer höher und höher steigt und ein glänzendes Gewimmel von Harmonieen sich um ihn versammelt, dann wieder still und langsam in seine Tiefe hinabsinkt und schweigend unten wohnt. – Als ich älter ward, dachte ich oft mit Lächeln an diese seltsame Idee meiner Kindheit und fühlte mich, wunder wie klug! – Aber verstand ich darum die Entstehung und seltsame Wirkung der Töne?

So kommen mir itzt mehr Ideen aus meinen frühesten Jahren wieder; ich sehe ein, daß ich itzt ebenso mit ahndender, ungewisser Seele vor dem Rätsel meiner Bestimmung und der Beschaffenheit meines Wesens stehe. – Vielleicht, daß das Kind, das im ersten Augenblicke den Lichtstrahl des Tages erblickte, klüger ist als wir alle. Die Seele weiß noch nicht die ihr aufgeladenen Sinne und Organe zu gebrauchen, die Erinnerung ihres vorigen Zustandes steht ihr noch ganz nahe, sie tritt in eine Welt, die sie nicht kennt und die ihrer Kenntnis unwürdig ist; sie muß ihren höhern eigentümlichen Verstand vergessen, um sich mühsam in vielen Jahren in die bunte Vermischung von Irrtümern einzulernen, die die Menschen Vernunft nennen. – Vielleicht, daß ich wieder dahin zurückkommen kann, wo ich war, als ich geboren ward.

Vergib mir mein Geschwätz, das Dir vielleicht überdies unverständlich ist; aber komm zu mir, komm! o laß mich nicht vergebens bitten.

Ich habe schreckliche Träume, die mir alle Kräfte rauben, und fürchterlich ist es, daß ich auch im Wachen träume. Heere von Ungeheuern ziehn mir vorüber und grinsen mich an, wie ein heulender Wassersturz fallen Gräßlichkeiten auf mich herab und zermalmen mich. Ich schlafe nicht und kann nicht wachen; wenn ich schlafe, ängstigt mich meine boshafte Phantasie, ich wache dann auf und kann nicht erwachen, sondern setze meine Träume fort. – Heulende Orkane jagen hinter mir her, und betäuben mich mit ihrem Brausen; ich fahre erbleichend zusammen, wenn ich meine Hand aufhebe: wer ist der Fremdling, frage ich erschrocken, der mir den Arm zum Gruße entgegenstreckt? – Ich greife ängstlich darnach und ergreife schaudernd meine eigne, leichenkalte Hand, wie ein fremdartiges Stück, das mir nicht zugehört. – Phantome jagen sich mir vorüber, die all mein Blut in Eis verwandeln. Fürchterliche Gesichter drängen sich aus der Mauer, und wenn ich hinter mich sehe, streckt sich mir ein schneebleiches Antlitz entgegen, und begrüßt mich mit wehmütig entsetzlichem Lächeln. – Komm, William, und rette mich – je nun, so komm, komm doch! hörst Du nicht das ängstliche Geschrei Deines armen Freundes? – Du lachst? O wehe Dir und mir, wenn Du mich verspottest; dann schicke ich Dir einst alle Gespenster zu, daß sie Dir auch den Schlaf und die Ruhe wegquälen. – Vergib mir, aber komm.

Eine blinde Wut könnte mich ergreifen, wenn ich das armselige Geschwätz der Ärzte von Fieberhitze und Paroxysmus höre. Die Narren! weil ihre Sinnen erblindet und betäubt sind, so halten sie den für töricht, der mehr sieht, als sie. – O ich höre recht gut das leise schauerliche Rauschen, von den Flügeln meines Schutzgeistes, ich sehe recht gut die Hand, die mich ernst hinüberwinkt. – Lebe wohl, William! Ich folge, und werde nie zu Dir zurückkehren.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.