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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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4
Der Advokat Jackson an Burton

London.

Hochgeborner Herr,

Meine Bemühungen gegen Ew. Gnaden aufzuwenden, ward mir schon seit einigen Wochen eine unangenehme Pflicht, da ich von der Rechtmäßigkeit der Sache, für die ich streite, nicht überzeugt werden kann; seit ich aber durch Ew. Gnaden Neuliches mit der Vortrefflichkeit und dem Edelmute der Gesinnungen meines hochgebornen Herrn bekannt bin, so fühlt Ihr untertänigster Diener seitdem die Last seines Geschäftes doppelt. Es wird daher stets unmöglich sein, niedrig genug zu denken, gegen eine nicht unrechtmäßige Sache mit Erbitterung zu streiten, oder einen Herrn zu beleidigen, für den ich die tiefste und innigste Verehrung empfinde, und Ew. Gnaden können versichert sein, daß ich nichts eifriger wünsche, als daß meine itzigen Verhältnisse mich nicht zurückhielten, um ganz zu zeigen, wie sehr ich bin

Meines Hochgebornen Herrn
ergebenster und untertänigster Knecht
Jackson.

5
Burton an den Advokaten Jackson

Bondly.

Ihre Antwort hat mir viele Freude gemacht, denn ich sehe daraus, daß ich nun dem Gange des Prozesses etwas ruhiger zusehn kann. Ich wünsche nur, daß Sie zu meiner Freundschaft ein ebenso großes Vertrauen hätten, als ich zu Ihren Talenten habe, dann könnte ich mich noch dreister meiner gerechten Sache und der Entscheidung des Gerichtes überlassen; dann könnte ich glauben, daß die Absicht meiner Feinde gewiß nicht gelingen werde. Ich kann und darf Sie itzt auf keine Weise überreden, Lovell zu verlassen und auf meine Seite überzutreten; aber da Sie von der Unrechtmäßigkeit der Sache, für die Sie streiten, überzeugt zu sein scheinen, und da ich sehe, daß ich mit einem verständigen Manne spreche, so könnten wir uns vielleicht auf einem andern Wege begegnen. Wenn es unsre Pflicht ist, nach unsrer Überzeugung zu handeln, und das Gute zu befördern, soviel wir können: warum wollen wir uns denn ängstlich an die äußere Form der Sache halten und nicht mehr auf unsern Endzweck selber sehn? Wer kann es mir verbieten, Ihre Talente und Ihre Freundschaft für mich auf das reichlichste zu belohnen, selbst wenn Sie auch in einem Prozesse mein Gegner sind, und welche vernünftige Ursache kann Sie zurückhalten, zu meinem Vorteile zu handeln, da dieser mit Ihrer Überzeugung zusammentrifft? Warum sollte man hier den günstigen Zufall unbenutzt lassen, der Sie grade an einen Ort gestellt hat, wo Sie mehr für mich tun können, als mein eigner Advokat? Etwa darum, weil es nur Zufall ist? Als wenn der Lebenslauf des Weisen und des Toren sich nicht eben dadurch am meisten unterschiede, daß dieser hin und her schweift, hier die günstige Gelegenheit rechts, dort eine andre links liegen läßt; der Verständigere aber jede Kleinigkeit in seinen Plan und Nutzen verbindet und es eben dadurch bewirkt, daß es für ihn keinen Zufall gibt! – Ich bin überzeugt, daß ein so vernünftiger Mann, wie Sie, hier nicht lange voller unnützen Zweifel wählen wird. In dieser Hoffnung bin ich

Ihr Freund und Beschützer Baron Burton.

Nachschrift: Ich mache es, weil dies allenthalben meine Gewohnheit ist, zur Bedingung unsrer Korrespondenz, daß Sie mir diesen, wie meinen ersten Brief und alle etwanigen künftigen Briefe zurückschicken; wenn Sie es verlangen, will ich mit den Ihrigen ebenso verfahren.

 

6
Willy an seinen Bruder Thomas

Florenz.

Wir sind nun, lieber Bruder, schon mitten in dem sogenannten Italien, wo mir alles hier herum so ziemlich gut gefällt. Was mir immer närrisch vorkömmt, ist, daß in jedem Lande so eine eigne Sprache Mode ist, so daß mein gutes Englisch hier kein Mensch versteht, und ich verstehe wieder oft gar nicht, was die Leute von mir wollen. Wir sind über Savoyen und Genua gereist, aber allenthalben wird Italienisch gesprochen, ob wohl gleich die närrischen Savoyarden nicht zu gut dazu wären, auch einmal Englisch zu reden; aber es ist, als wenn sich alle Leute hier meiner Muttersprache schämten.

Wir sind über hohe Gebirgsgegenden einigemal weggegangen. Wie einem doch von da Gottes Welt so groß und herrlich aussieht! Ich kann Dir nicht sagen, Thomas, wie sehr ich mich manchmal gefreut habe; aber die Tränen traten mir doch oft in die Augen, wie ich denn überhaupt manchmal etwas wie ein altes Weib bin, wie Du wohl auch ehemals zu sagen pflegtest. Aber ich kann's nicht ändern, wenn sich mir das Herz umkehrt, wenn ich so von einem Steinfelsenberge so viele Meilen ins Land hineinsehe, Äcker, Wiesen und Flüsse und Berge gegenüber und die Sonne mit den roten Strahlen dazwischen – und dabei gesund und froh! O Thomas, es ist ums Reisen eine herrliche Sache, ich wollt es Dir zeitlebens nicht abraten, wenn Du jemals zu einer Reise Gelegenheit hast. Was mir ganz ein Rätsel werden könnte, ist, wie man unter Gottes schönem Himmel so betrübt und verdrüßlich sein könnte, als mir der Herr Balder zu sein scheint. Er tut wahrhaftig unrecht daran. Aber er sieht manchmal aus, wie ein armer Sünder, der am folgenden Morgen gehängt werden soll, so verloren und kümmerlich; dem guten Manne muß doch irgend etwas fehlen, denn sonst, Thomas, würde ich ihn für eine Art von Narren halten, wie es wohl zuweilen etliche bei uns in England gibt, die sich freventlich und vorwissentlich totschießen können, ohne daß sie selber eigentlich wissen, was sie wollen. – Beim Totschießen fällt mir doch auch etwas ein, was ich Dir noch zu erzählen vergessen hatte, denn das Gedächtnis fängt bei mir an in Verfall zu geraten, und man sieht und erlebt so viele Dinge und mancherlei, Bruder, daß mir manchmal ist, als wenn ich in einem Traume läge und alle Sachen umher gar nicht da wären. – Wir fuhren einmal sehr langsam einen steilen Berg herunter, mein Herr William aber ritt zu Pferde, um die Gegend etwas genauer sehn zu können, und neben ihm ritt ein gewisser kleiner Bedienter des Herrn Rose, den er sich noch aus Frankreich mitgenommen hat, weil er ihn so gern leiden mag, wie es denn auch wirklich ein sehr artiger und flinker junger Bursche ist. Wir alle bekümmerten uns nicht viel um den Herrn William und er blieb eine gute Strecke hinter uns zurück; dieser Ferdinand, von dem ich eben geredet habe, ritt auch zu Pferde neben ihm her. Mit einem Male hörten wir hinter uns etliche Schüsse – und nun, Thomas, hättest Du sehen sollen, wie alles so geschwind aus dem Wagen sprang und wie schnell ich von meinem Bocke herunter war – es war, als hätten wir alle auf Pulver gesessen, das eben anbrennen wollte. – Wer geschossen hatte, das war niemand anders als mein Herr William, fünf Spitzbuben und der junge Ferdinand gewesen; einer lag schon davon tot auf dem Boden, das war aber zum Glücke nichts weiter, als einer von den Spitzbuben. Der Herr William sagte uns, er wäre in großer Gefahr gewesen, aber Ferdinand hätte ihm meistenteils durch seine Courage sein Leben errettet, worüber wir uns denn alle gar gewaltig wunderten, besonders aber der Herr Rose, denn man sieht es wirklich dem jungen Burschen gar nicht an; aber so geht es oft in der Welt, Thomas, der Schein betrügt und aus einem Kalbe kann mit Gottes Hülfe bald ein Ochs werden, und darauf hoffen wir auch alle itzt bei dem jungen Ferdinand, aus dem gewiß noch mit der Zeit ein ganzer Kerl wird, da er schon so früh anfängt, sich tapfer zu halten. – Er eben hatte den einen Spitzbuben totgeschossen und war einem andern mit seinem Hirschfänger nachgejagt, als sich mein Herr indes mit den andern beiden herumbalgte. So waren sie endlich Sieger geworden. Mir tut es leid, daß ich dabei nichts weiter habe tun können, als zusehn, und auch das nicht einmal recht, denn wir kamen erst hin, als alles schon vorbei war. Ich hätte mich mit Herzenslust auf meine alten Tage noch gern einmal mit jemand durchgeschlagen und wär's auch nur ein Spitzbube gewesen, denn sie sind im Grunde doch auch Menschen, und wenn sie anfangen zu schießen und stechen, so treffen ihre Kugeln oft besser, als die von ehrlichen Leuten: wie denn die ehrlichen Leute überhaupt selten so viel Glück haben, als die Spitzbuben; ich denke immer, daß es eine kleine Genugtuung für sie sein soll, daß sie nicht ehrlich sind; – doch, das weiß Gott allein am besten, und darum will ich mir den Kopf darüber nicht zerbrechen.

Wir sind itzt in Florenz, aber schade, daß wir etwas zu spät angekommen sind. Da hab ich nämlich mit Wunder und Erstaunen gehört, wie hier mitten im Sommer viele Pferde ein großes Wettrennen halten müssen, ganz allein nämlich und nach ihrem eignen Kopfe; ich meine nämlich, daß keiner darauf reitet. Das muß herrlich anzusehen sein, und es sollen auch dann immer eine große Menge von Menschen hieherkommen, um es zu sehn. Das ist nun auch gewiß der Mühe wert. Was das lustigste dabei ist, ist, daß den Pferden bei der Gelegenheit eiserne Kugeln mit Sporen über den Buckel gelegt werden; wenn sie nun anfangen zu laufen, so stechen sie sich damit selbst und ganz freiwillig, weil die Kugeln immer hin und her gehn. Wenn die Pferde nur etwas mehr Verstand hätten, so könnte man sie auf die herrlichste Art ganz allein Kurier reiten lassen, aber dazu fehlt ihnen noch bis jetzt die Einsicht, ob ich freilich wohl in England ein paar Pferde gesehn habe, die so viele Kunststücke machten, daß sie gewiß mehr Verstand haben müssen, als etliche von meinen besten Freunden; ja manches darunter hätte ich selber nicht nachmachen können. Aber die Gaben sind oft wunderlich verteilt.

Von den Gemälden und vielen andern Sachen, die wir hier alle Tage besehen, kann ich nicht viel halten, ich weiß freilich nicht warum, aber sie gefallen mir doch nicht recht. Mitunter sind einige freilich wohl recht schön, manchmal ist das Obst so natürlich, daß man es essen möchte, von diesen hält mein Herr und Herr Rose aber gar nicht viel. Aber wenn ein Gemälde gut sein soll, so muß es doch die Sache, die es nachmachen will, so natürlich nachmachen, daß man sie selber zu sehn glaubt; aber das ist bei den übrigen großen Gemälden gar nicht möglich. So glaub ich immer, daß die Maler aus der römischen Schule, (so heißen die Gemälde, die mir nicht gefallen wollen) keinen recht guten Schulmeister gehabt haben, der nicht strenge genug mit ihnen umgegangen ist, oder er hat selber seine Sachen nicht recht verstanden, denn sonst würden sie wohl vieles besser und natürlicher gemacht haben. – Herr William hält aber diese Gemälde gerade für die schönsten; ich glaube aber, daß Herr Rose daran schuld ist, weil der aus Rom gebürtig ist.

An den Statüen finde ich auch nichts Besonders; die, welche sich als Antiken ausgeben, wollen mir gar nicht gefallen, diese sollen viele tausend Jahr alt sein, aber das Alter ist vielleicht das Beste an ihnen; manche sehn auch schon ganz verfallen und ungesund aus. An allen diesen Arten von Künsten ist nicht viel, es sind mit einem Worte brotlose Künste.

Lebe wohl, lieber Bruder Thomas, und denke oft an mich; ich denke sehr oft an Dich, und wünsche Dich oft her, besonders wenn mir die Zeit lang wird, und das ist doch manchmal der Fall. Bleibe mein Freund, wie ich

Dein Bruder.

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