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William Lovell

Ludwig Tieck: William Lovell - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleWilliam Lovell
pages235-697
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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18
Die Comtesse Blainville an Rosa

Paris.

Seit meinem neulichen Briefe hat sich manche sehr wichtige Begebenheit ereignet, und gestern hielt mich Lovell so belagert, daß ich Ihnen unmöglich etwas davon sagen konnte, ich muß daher wieder zum Schreiben meine Zuflucht nehmen.

Mit meinem teuersten Onkel bin ich so gut wie versprochen, endlich ist das Geständnis über seine Lippen gekommen.

Der Graf besuchte mich neulich, so wie er oft tut. Ich war gerade mit einer Stickerei beschäftigt. Natürlich bewunderte er, was gar nicht zu bewundern war, und lobte, wo nur irgendein Faden lag; man wird an so etwas gewöhnt und ich gab daher gar nicht besonders darauf acht. Das Kammermädchen ging von ohngefähr hinaus und nun nahm das Gespräch eine andere Wendung.

»Sie sind so oft allein, liebe Nichte, wird Ihnen denn nicht zuweilen die Zeit lang?«

»Nie – da Sie mir überdies den Gebrauch Ihrer Bibliothek erlaubt haben.«

Er nahm einige Visitenkarten in die Hand, die auf dem Tische lagen, und sah sie ganz gleichgültig durch. –

»Rosa?« fing er an – »wie kömmt's, daß ich ihn so lange nicht gesehn habe?«

»Ich weiß nicht, welche Geschäfte ihn abhalten müssen –«

»Wenn er seine Unart nicht wieder gutmacht, so wird er sich Ihren Unwillen zuziehn.«

»Er hat über seine Zeit zu gebieten.«

»Ich glaube gar, Sie sind schon itzt böse auf ihn«, fuhr er lachend fort. –

»Wie kommen Sie zu dieser Meinung?«

»Je nun« – er legte die Karten wieder auf den Tisch und tat, als betrachtete er die Stickerei, indem er mich verstohlen aufmerksam und fest beobachtete. – »Sie haben ihn von je ausgezeichnet, und er erwidert Ihre Höflichkeit mit Undank –«

»Ausgezeichnet?« indem ich mit der größten Kälte etwas ausbesserte. »Sie wollen sagen, daß er mich auszuzeichnen schien, und oft zu meinem größten Verdruß.«

»Verdruß?«

»Bin ich denn nicht seitdem auf einem hohen Tone mit meiner kleinen Freundin Cäcilie? hat denn der närrische Belfort nicht seitdem gänzlich mit mir gebrochen, der mich so oft zu lachen machte? – Ich bin froh, daß dieser Rosa mir nicht mehr soviel Langeweile macht. –«

»Wenn Rosa Ihnen Langeweile macht, so muß dies mit Ihren übrigen Gesellschaftern noch mehr der Fall sein.«

»Leider!«

»Und Sie nehmen gar keinen aus?« – Er sah mich mit einem leichten Lächeln an.

» Ein Besuch ist mir jederzeit angenehm.«

Ein plötzlicher Schreck zuckte wie ein Blitz durch seine lächelnden Lippen, er sah mit einem Male sehr ernsthaft aus. – »Und dieser eine?« fragte er, indem er sich in ein Lachen aufs Geratewohl hineinwarf, das noch so ziemlich natürlich ward – »darf ich ihn nicht wissen?« –

»O ja«, antwortete ich ihm munter. »Sollten Sie im Ernste nicht gemerkt haben, daß ich Sie meine?«

»Mich? auf dieses Kompliment war ich freilich nicht vorbereitet.«

»Es soll auch kein Kompliment sein.« –

»Also Ernst?«

»Was sonst?«

»Sie würden diese Versicherung vielleicht bald bereuen, wenn ich in Versuchung käme, Sie öfter zu sehn?«

»Sie werden sehn, wie groß mein Vergnügen sein wird.«

»Wenn ich Ihnen ganz glauben dürfte?«

»Und warum wollen Sie zweifeln?«

»Louise, liegt Ihnen wirklich nichts an jenen jungen, witzigen, artigen Gesellschaftern?«

»Sie sind mir lästig.«

»Sie lieben überhaupt nicht die große Welt und ihre Freuden.« –

»Sie macht mir Langeweile.«

»Sie sind für ein stilles, häusliches Glück geboren.«

»Ich wünsche mir kein andres und werde nichts darin entbehren.«

»Glücklich ist der Mann, den Sie einst Ihren Gatten nennen.« – Er stand auf und ging schweigend auf und ab; ich war stumm und arbeitete an der Stickerei weiter.

»Man gewinnt nichts in jener sogenannten großen Welt«, fuhr er endlich ernsthaft fort, »man verliert sein Leben in einem langweiligen Spiele, man lernt keine Freude des Herzens kennen, man findet im Entbehren seinen Stolz und ein eingebildetes konventionelles Glück. Ich habe nun lange in dieser Welt gelebt, Louise, und kein Glück gekannt.«

»Weil Sie es vielleicht nicht suchten.«

»Eine elende Eitelkeit hintergeht uns mit betrügerischen Versprechungen, wir schämen uns täglich, besser als andre zu sein; wir vergehn alle in einer Langenweile, weil es die strenge Mode so fordert – aber ich will mich itzt von diesem Vorurteile losmachen. – Wenn ich ein Herz fände, das so wie das meinige fühlte, das eine Ahndung vom wahren Glücke hätte und an einem langweiligen Traume nichts verlöre –«

»Sollten diese Herzen so selten sein?«

»Sie sind es, Louise. Man wagt es nicht, der Natur und ihrer Lockung zu folgen – wenn ich eine Seele fände, die mich liebte, der es nicht schwer würde, fade Vorurteile von sich zurückzuweisen – o Louise, wenn Sie diese wären!«

Ich konnte nicht antworten.

»Wenn Sie diese wären!« fuhr er feuriger, aber immer sehr ernsthaft fort. – »Antworten Sie mir.«

»Und wenn –«

»Ich will Sie nicht übereilen, ich will Sie nicht überreden, fragen Sie Ihr Herz und antworten Sie mir nach einigen Tagen. – Ich bin der bisherigen Art zu leben überdrüssig. Ich habe Sie erzogen, ich kenne Sie, Sie haben mir schon viele Freuden gewährt, meine Vorsorge hat die schönsten Früchte hervorgebracht, ich gefalle mir in Ihnen, wie in einem verschönernden Spiegel.« – –

So weit schreibe ich Ihnen ungescheut alle diese Lobeserhebungen, weil mehr als die Hälfte auf ihn selber zurückfiel, aber die übrigen verschweig ich, weil sie mich nur allein trafen. – Er verließ mich endlich.

Soll ich Ihnen gestehn, Rosa, daß ich in einer Art von sonderbaren Stimmung war, als er mich verlassen hatte? Er war so ernsthaft gewesen, wie ich ihn noch nie gesehn hatte, er hatte mit Rührung gesprochen. – Sein itziges ganzes Leben ist ihm flach und uninteressant erschienen, ein Herbstwind hat die Blätter von den Bäumen geschüttelt, die Gegend ist dürr und öde geworden, und er übersieht mit einem Durchblicke die lichten Stellen des Gartens, wo einst die versteckten Partieen den höchsten Reiz ausmachten. – Er will ein genußreicheres Dasein suchen, er appelliert an mein Herz und will sich von mir eine neue, freudenreichere Existenz erkaufen – und soll ich ihn hintergehn? –

Ich war wirklich weichherzig geworden, meine Schwäche hatte mich so sehr überrascht, daß ich mir vornahm, (Rosa, ich schäme mich, es niederzuschreiben,) zu jenen kindischen Gefühlen und Ideen meiner frühesten Jahre meine Zuflucht zu nehmen, mir selbst alle meine Erfahrungen und reiferen Gedanken abzuleugnen und sie Lügner zu schelten. – Kurz, ich war auf dem Wege, eine vortreffliche Matrone aus der Provinz zu werden, die ihren Töchtern einen gründlichen Unterricht im Katechismus gibt oder über eine Stelle in der Bibel ihre frommen Tränen vergießt; – oh, die Schwachheit ist der weiblichen Natur so eigen, daß wir ohne diese vielleicht aufhören würden, Weiber zu sein: – der eine Liebhaber rührt uns durch seine Schönheit, der andre durch Geschenke, der dritte durch Zärtlichkeit, ein vierter durch Aufwand von moralischen Maximen und beweglichen Bitten, und sollt er selbst unser Onkel sein. –

Ich kam wieder aus meiner Zerstreuung zurück, meine Eitelkeit, mein Stolz erwachte; ich schämte mich vor mir selber. So leicht, sagt ich zu mir, bin ich also zu bewegen, dem angenehmsten Liebhaber den unangenehmern vorzuziehn? Wie wenig Wert muß mein Verstand haben, da es so wenig kostet, mich dahin zu bringen, die Gedanken eines glänzenden Lebens so leicht aufzuopfern? – Es fiel mir ein, wie es vielleicht mehr Eitelkeit als Liebe sei, die den Grafen zu diesem Schritte treibe.

Der letzte Gedanke tat meiner eigenen Eitelkeit wehe, es schien mir am Ende doch, daß er mich wirklich liebe. Ich würde vielleicht noch einmal den Kampf mit mir selber angefangen haben, als sich Mortimer und Lovell melden ließen: da ich also jetzt keine Zeit hatte, schob ich mein Nachdenken und alle Empfindungen darüber bis zu einer bequemern Zeit auf.

Lovell war sehr ernsthaft und zurückhaltend, ich weiß nicht welche Gedanken ihn mit ganz neuer Kraft überrascht haben mußten, er war still und selbst kalt. Wir waren auf einige Augenblicke allein, und diese benutzte ich so, daß ich ihn aus allen seinen Verschanzungen trieb. Er wurde verwirrt, wollte sprechen und konnte nicht; bald nachher verließ er mich sehr unruhig.

Schon gestern am Morgen ließ er sich anmelden: gleich beim Eintritte bemerkt ich, daß er heut einen großen Coup machen wollte, und ich hatte mich nicht geirrt. Er war in einer beständigen Verlegenheit, er hatte mir immer etwas zu sagen und wagte es doch nicht, er ward rot und blaß.

Endlich als er mich verließ, faßte er den großen Entschluß, er küßte mir außerordentlich feurig die Hand, gab mir ein Papier und eilte aus dem Zimmer. – Dieses Blatt will ich Ihnen beilegen.

Zwei solche aufeinanderfolgende Triumphe müssen meiner Eitelkeit schmeicheln, nicht wahr? – –

Ich sehe, daß mein Brief sehr lang geworden ist, das Schreiben fängt an mich zu ennuyieren, leben Sie wohl.

 

19
William Lovell an die Comtesse Blainville
(Einlage)

Paris.

Nicht länger will ich, kann ich schweigen. Überraschen Sie diese Worte, so bin ich verloren; aber nein, auch ohne Worte müssen Sie längst gefühlt haben, was Sie mir sind, und warum soll ich nicht gestehn, was ich nicht Kraft zu verschweigen habe: erfahren Sie es also durch einen irdischen Laut, daß ich Sie liebe und unaussprechlich liebe. Zürnen Sie mir, so habe ich Sie zum letzten Male gesehn.

 

20
Andrea Cosimo an Rosa

Rom.

Wie kömmt es, daß Du uns gar keine Nachrichten von Dir und Deinem Auftrage gibst? – Hast Du mich und Deine übrigen Freunde vergessen? – Lege unsern Entwürfen nicht selbst durch Verzögerung Hindernisse in den Weg und vergiß nie, daß bei uns vom Argwohne zur Verfolgung und Strafe nur ein Schritt ist. –

 

21
Willy an seinen Bruder Thomas

Paris.

Ich glaube Dir darin, lieber Bruder, was Du mir von wegen meiner Briefe sagst, ich weiß es auch, daß sie bei weitem nicht die schönsten sind, die einem der Briefträger bringen kann; aber das kannst Du mir doch auf mein Wort glauben, daß sie aus dem allerbesten Herzen kommen. Und dann weiß ich ja auch, daß Du Deinen guten redlichen Verstand hast, der immer gleich weiß, was man sagen will, sonst würd ich wahrhaftig mit meinem Briefschreiben übel ankommen; aber einem Gelehrten ist gut predigen. Was ich Dir in dem nächsten Briefe geschrieben hatte, ist hier immer noch wahr und ich kann Dir keine andern besondern Neuigkeiten schreiben, außer daß wir nun bald von Paris abreisen werden. Der Italiener, von dem ich Dir neulich ein paar Worte schrieb, reist mit uns, und das ist mir gar nicht ganz lieb; der Mann ist mir sehr fatal, aber ich weiß selber nicht, warum. Du wirst es auch wohl wissen, Thomas, daß einem manchmal Menschen zuwider sind, aber man kann es nicht herauskriegen, wie es in aller Welt zugeht; so geht es mir mit dem Herrn Rosa, der aus Italien gebürtig ist. Wir haben noch eine neue Gesellschaft an dem Herrn Balder, der aus der Gegend von Deutschland ist, den mag ich viel lieber leiden: wenn er auch oft etwas verdrüßlich aussieht, so ist ihm doch immer recht freundschaftlich zumute; er ist ein sehr guter Freund von meinem Herrn William, der Dich auch bei der Gelegenheit herzlich wieder grüßen läßt. Wir bedauern beide die gute Tante, die in Waterhall gestorben ist, aus allen Kräften, aber es kann ihr doch nichts mehr helfen; allein es ist unsre Schuldigkeit und Deine auch, Thomas, und ich traue Dir auch so viel christliche Nächstenliebe zu, daß Du im stillen dies Bedauern für Dich treibst, wenn Du mir auch in Deinem Briefe nichts davon geschrieben hast.

Was mich wundern soll, ist, wie das Italien aussehen wird, die Landkarte davon kommt mir närrisch genug vor, an einigen Orten ist es so enge, daß sich schwerlich zwei Wagen ausweichen können; ich will Dir doch manches darüber schreiben, so weißt Du es doch von einem Manne, der alles mit Augen gesehn hat, und noch dazu von einem Bruder, der Dir also nichts vorlügen wird. Viel Künste sollen sie in Italien können, aber ich glaube doch, daß nichts über das englische Wettrennen geht, wenigstens hab ich bis jetzt gar nichts Schöneres gefunden.

Mir ist hier in Paris die Zeit oft herzlich lang geworden; die Leute, die Pariser, und die Franzosen überhaupt, wollen mir nicht ganz gefallen, sie könnten besser sein. In England sehn die Leute viel gesunder und stärker aus; wir haben auch Krüppel, die sich gewiß gegen jeden französischen dürfen sehen lassen, aber sie sind nicht so ausgehungert und demütig. –

Antworte mir, wenn Du Zeit hast; wenigstens bleibe mein treuer Bruder.

Willy

 

22
Die Comtesse Blainville an Rosa

Paris.

Sie zweifelten neulich an meinem Siege, ich schreibe Ihnen, nachdem er errungen ist.

Ich hatte Lovell gestern abends zu einem Tête-à-tête zu mir bestellt. Er stellte sich pünktlich ein, der Graf ist auf mehrere Tage verreist, mein Kammermädchen hatte ihre gemessene Ordre. Sein Gesicht hatte sehr etwas anziehend Schwermütiges, worunter eine sanfte Freude hervorleuchtete; er hatte mir so viel zu sagen, aber wir sprachen nur wenig, Küsse, Umarmungen, zärtliche Seufzer ersetzten die Sprache. Ich mußte ihm mehrere Sachen auf dem Fortepiano spielen, der Mond goß durch die roten Vorhänge ein romantisches Licht um uns her, die Töne zerschmolzen im Zimmer in leisen Akzenten. – Sie kennen ja das Gefühl, wenn die hochgespannte Empfindung uns in ätherische und überirdische Entzückungen versetzt, die doch so nahe mit der Sinnlichkeit verwandt sind; der erhabenste Mensch glaubt sich zu veredeln, indem er sinkt, und kniet wonnetrunken vor dem Altare der irdischen Venus nieder. – Durch alle jene geheimen Nuancen der Wollust ging Lovell; endlich schwur er in meinen Armen seine Kälte und Unempfindlichkeit ab; ich freue mich, ihn bekehrt zu haben.

Leben Sie wohl, ich bin müde und schläfrig. –

Louise Blainville.

Nachschrift. Apropos! Was macht die kleine Blondine, von der Sie mir neulich erzählten? Sind Sie noch gesonnen, sie als Jockei mit auf die Reise zu nehmen?

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