Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Schiller >

Wilhelm Tell

Friedrich Schiller: Wilhelm Tell - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
booktitleWilhelm Tell
authorFriedrich Schiller
titleWilhelm Tell
firstpub1804
senderanonymus@abc.de
Schließen

Navigation:

Zweite Szene

Eine Wiese von hohen Felsen und Wald umgeben. Auf den Felsen sind Steige, mit Geländern, auch Leitern, von denen man nachher die Landleute herabsteigen sieht. Im Hintergrund zeigt sich der See, über welchem anfangs ein Mondregenbogen zu sehen ist. Den Prospekt schliessen hohe Berge, hinter welchen noch höhere Eisgebirge ragen. Es ist völlig Nacht auf der Szene, nur der See und die weissen Gletscher leuchten im Mondlicht.

Melchtal, Baumgarten, Winkelried, Meier von Sarnen, Burkhardt am Bühel, Arnold von Sewa, Klaus von der Flüe und noch vier andere Landleute, alle bewaffnet.

Melchtal noch hinter der Szene:
Der Bergweg öffnet sich, nur frisch mir nach,
Den Fels erkenn ich und das Kreuzlein drauf,
Wir sind am Ziel, hier ist das Rütli.

Treten auf mit Windlichtern.

Winkelried:
Horch!

Sewa:
Ganz leer.

Meier:
's ist noch kein Landmann da. Wir sind
Die ersten auf dem Platz, wir Unterwaldner.

Melchtal:
Wie weit ist's in der Nacht?

Baumgarten:
Der Feuerwächter
Vom Selisberg hat eben zwei gerufen.

Man hört in der Ferne läuten.

Meier:
Still! Horch!

Am Bühel:
Das Mettenglöcklein in der Waldkapelle
Klingt hell herüber aus dem Schwyzerland.

Von der Flüe:
Die Luft ist rein und trägt den Schall soweit.

Melchtal:
Gehn einige und zünden Reisholz an,
Dass es loh brenne, wenn die Männer kommen.

Zwei Landleute gehen.

Sewa:
's ist eine schöne Mondennacht. Der See
Liegt ruhig da als wie ein ebner Spiegel.

Am Bühel:
Sie haben eine leichte Fahrt.

Winkelried zeigt nach dem See:
Ha seht!
Seht dorthin! Seht ihr nichts?

Meier:
Was denn? – Ja wahrlich!
Ein Regenbogen mitten in der Nacht!

Melchtal:
Es ist das Licht des Mondes das ihn bildet.

Von der Flüe:
Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen!
Es leben viele, die das nicht gesehn.

Sewa:
Er ist doppelt, seht, ein blässerer steht drüber.

Baumgarten:
Ein Nachen fährt soeben drunter weg.

Melchtal:
Das ist der Stauffacher mit seinem Kahn,
Der Biedermann lässt sich nicht lang erwarten.

Geht mit Baumgarten nach dem Ufer.

Meier:
Die Urner sind es, die am längsten säumen.

Am Bühel:
Sie müssen weit umgehen durchs Gebirg,
Dass sie des Landvogts Kundschaft hintergehen.

Unterdessen haben die zwei Landleute in der Mitte des Platzes ein Feuer angezündet.

Melchtal am Ufer:
Wer ist da? Gebt das Wort!

Stauffacher von unten:
Freunde des Landes.

Alle gehen nach der Tiefe, den Kommenden entgegen. Aus dem Kahn steigen Stauffacher, Itel Reding, Hans auf der Mauer, Jörg im Hofe, Konrad Hunn, Ulrich der Schmied, Jost von Weiler, und noch drei andere Landleute, gleichfalls bewaffnet.

Alle rufen:
Willkommen!

Indem die übrigen in der Tiefe verweilen und sich begrüssen, kommt Melchtal mit Stauffacher vorwärts.

Melchtal:
O Herr Stauffacher! Ich hab ihn
Gesehn, der mich nicht wiedersehen konnte!
Die Hand hab ich gelegt auf seine Augen,
Und glühend Rachgefühl hab ich gesogen
Aus der erloschnen Sonne seines Blicks.

Stauffacher:
Sprecht nicht von Rache. Nicht Geschehnes rächen,
Gedrohtem Uebel wollen wir begegnen.
– Jetzt sagt, was Ihr im Unterwaldner Land
Geschafft und für gemeine Sach geworben,
Wie die Landleute denken, wie Ihr selbst
Den Stricken des Verrats entgangen seid.

Melchtal:
Durch der Surennen furchtbares Gebirg,
Auf weit verbreitet öden Eisesfeldern,
Wo nur der heisre Lämmergeier krächzt,
Gelangt ich zu der Alpentrift, wo sich
Aus Uri und vom Engelberg die Hirten
Anrufend grüssen und gemeinsam weiden,
Den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch,
Die in den Runsen schäumend niederquillt.
In den einsamen Sennhütten kehrt ich ein.
Mein eigner Wirt und Gast, bis dass ich kam
Zu Wohnungen gesellig lebender Menschen.
– Erschollen war in diesen Tälern schon
Der Ruf des neuen Greuels der geschehn,
Und fromme Ehrfurcht schaffte mir mein Unglück
Vor jeder Pforte, wo ich wandernd klopfte.
Entrüstet fand ich diese graden Seelen
Ob dem gewaltsam neuen Regiment,
Denn so wie ihre Alpen fort und fort
Dieselben Kräuter nähren, ihre Brunnen
Gleichförmig fliessen, Wolken selbst und Winde
Den gleichen Strich unwandelbar befolgen,
So hat die alte Sitte hier vom Ahn
Zum Enkel unverändert fortbestanden,
Nicht tragen sie verwegne Neuerung
Im altgewohnten gleichen Gang des Lebens.
– Die harten Hände reichten sie mir dar,
Von den Wänden langten sie die rost'gen Schwerter,
Und aus den Augen blitzte freudiges
Gefühl des Muts, als ich die Namen nannte,
Die im Gebirg dem Landmann heilig sind,
Den Eurigen und Walther Fürsts – Was Euch
Recht würde dünken, schwuren sie zu tun,
Euch schwuren sie bis in den Tod zu folgen.
– So eilt' ich sicher unterm heil'gen Schirm
Des Gastrechts von Gehöfte zu Gehöfte –
Und als ich kam ins heimatliche Tal,
Wo mir die Vettern viel verbreitet wohnen –
Als ich den Vater fand, beraubt und blind,
Auf fremdem Stroh, von der Barmherzigkeit
Mildtät'ger Menschen lebend –

Stauffacher:
Herr im Himmel!

Melchtal:
Da weint ich nicht! Nicht in ohnmächt'gen Tränen
Goss ich die Kraft des heissen Schmerzens aus,
In tiefer Brust wie einen teuern Schatz
Verschloss ich ihn und dachte nur auf Taten.
Ich kroch durch alle Krümmen des Gebirgs,
Kein Tal war so versteckt, ich späht es aus,
Bis an der Gletscher eisbedeckten Fuss
Erwartet ich und fand bewohnte Hütten,
Und überall, wohin mein Fuss mich trug,
Fand ich den gleichen Hass der Tyrannei,
Denn bis an diese letzte Grenze selbst
Belebter Schöpfung, wo der starre Boden
Aufhört zu geben, raubt der Vögte Geiz –
Die Herzen alle dieses biedern Volks
Erregt' ich mit dem Stachel meiner Worte,
Und unser sind sie all mit Herz und Mund.

Stauffacher:
Grosses habt Ihr in kurzer Frist geleistet.

Melchtal:
Ich tat noch mehr. Die beiden Festen sind's
Rossberg und Sarnen, die der Landmann fürchtet,
Denn hinter ihren Felsenwällen schirmt
Der Feind sich leicht und schädiget das Land.
Mit eignen Augen wollt ich es erkunden,
Ich war zu Sarnen und besah die Burg.

Stauffacher:
Ihr wagtet Euch bis in des Tigers Höhle?

Melchtal:
Ich war verkleidet dort in Pilgerstracht,
Ich sah den Landvogt an der Tafel schwelgen –
Urteilt, ob ich mein Herz bezwingen kann,
Ich sah den Feind und ich erschlug ihn nicht.

Stauffacher:
Fürwahr das Glück war Eurer Kühnheit hold.

Unterdessen sind die andern Landleute vorwärts gekommen und nähern sich den beiden.

Doch jetzo sagt mir, wer die Freunde sind,
Und die gerechten Männer, die Euch folgten?
Macht mich bekannt mit ihnen, dass wir uns
Zutraulich nahen und die Herzen öffnen.

Meier:
Wer kennt Euch nicht, Herr, in den drei Landen?
Ich bin der Mei'r von Sarnen, dies hier ist
Mein Schwestersohn, der Struth von Winkelried.

Stauffacher:
Ihr nennt mir keinen unbekannten Namen.
Ein Winkelried war's der den Drachen schlug
Im Sumpf bei Weiler und sein Leben liess
In diesem Strauss.

Winkelried:
Das war mein Ahn, Herr Werner.

Melchtal zeigt auf seine Landleute:
Die wohnen hinterm Wald, sind Klosterleute
Vom Engelberg – Ihr werdet sie drum nicht
Verachten, weil sie eigne Leute sind,
Und nicht wie wir frei sitzen auf dem Erbe –
Sie lieben's Land, sind sonst auch wohl berufen.

Stauffacher zu den beiden:
Gebt mir die Hand. Es preise sich, wer keinem
Mit seinem Leibe pflichtig ist auf Erden,
Doch Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.

Konrad Hunn:
Das ist Herr Reding, unser Altlandammann.

Meier:
Ich kenn ihn wohl. Er ist mein Widerpart,
Der um ein altes Erbstück mit mir rechtet.
– Herr Reding, wir sind Feinde vor Gericht,
Hier sind wir einig.

Schüttelt ihm die Hand.

Stauffacher:
Das ist brav gesprochen.

Winkelried:
Hört ihr? Sie kommen. Hört das Horn von Uri!

Rechts und links sieht man bewaffnete Männer mit Windlichtern die Felsen herabsteigen.

Auf der Mauer:
Seht! Steigt nicht selbst der fromme Diener Gottes,
Der würd'ge Pfarrer mit herab? Nicht scheut er
Des Weges Mühen und das Graun der Nacht,
Ein treuer Hirte für das Volk zu sorgen.

Baumgarten:
Der Sigrist folgt ihm und Herr Walther Fürst,
Doch nicht den Tell erblick ich in der Menge.

Walther Fürst, Rösselmann der Pfarrer, Petermann der Sigrist, Kuoni der Hirt, Werni der Jäger, Ruodi der Fischer und noch fünf andere Landleute, alle zusammen dreiundreissig an der Zahl, treten vorwärts und stellen sich um das Feuer.

Walther Fürst:
So müssen wir auf unserm eigenen Erb
Und väterlichem Boden uns verstohlen
Zusammenschleichen wie die Mörder tun,
Und bei der Nacht, die ihren schwarzen Mantel
Nur dem Verbrechen und der sonnenscheuen
Verschwörung leihet, unser gutes Recht
Uns holen, das doch lauter ist und klar,
Gleichwie der glanzvoll offne Schoss des Tages.

Melchtal:
Lasst's gut sein. Was die dunkle Nacht gesponnen,
Soll frei und fröhlich an das Licht der Sonnen.

Rösselmann:
Hört was mir Gott ins Herz gibt, Eidgenossen!
Wir stehen hier statt einer Landsgemeinde,
Und können gelten für ein ganzes Volk,
So lasst uns tagen nach den alten Bräuchen
Des Lands, wie wir's in ruhigen Zeiten pflegen,
Was ungesetzlich ist in der Versammlung,
Entschuldige die Not der Zeit. Doch Gott
Ist überall, wo man das Recht verwaltet,
Und unter seinem Himmel stehen wir.

Stauffacher:
Wohl, lasst uns tagen nach der alten Sitte,
Ist es gleich Nacht, so leuchtet unser Recht.

Melchtal:
Ist gleich die Zahl nicht voll, das Herz ist hier
Des ganzen Volks, die Besten sind zugegen.

Konrad Hunn:
Sind auch die alten Bücher nicht zur Hand,
Sie sind in unsre Herzen eingeschrieben.

Rösselmann:
Wohlan, so sei der Ring sogleich gebildet,
Man pflanze auf die Schwerter der Gewalt.

Auf der Mauer:
Der Landesammann nehme seinen Platz,
Und seine Weibel stehen ihm zur Seite!

Sigrist:
Es sind der Völker dreie. Welchem nun
Gebührt's, das Haupt zu geben der Gemeinde?

Meier:
Um diese Ehr mag Schwyz mit Uri streiten,
Wir Unterwaldner stehen frei zurück.

Melchtal:
Wir stehn zurück, wir sind die Flehenden,
Die Hülfe heischen von den mächt'gen Freunden.

Stauffacher:
So nehme Uri denn das Schwert, sein Banner
Zieht bei den Römerzügen uns voran.

Walther Fürst:
Des Schwertes Ehre werde Schwyz zuteil,
Denn seines Stammes rühmen wir uns alle.

Rösselmann:
Den edeln Wettstreit lasst mich freundlich schlichten,
Schwyz soll im Rat, Uri im Felde führen.

Walther Fürst reicht dem Stauffacher die Schwerter.
So nehmt!

Stauffacher:
Nicht mir, dem Alter sei die Ehre.

Im Hofe:
Die meisten Jahre zählt Ulrich der Schmied.

Auf der Mauer:
Der Mann ist wacker, doch nicht freien Stands,
Kein eigner Mann kann Richter sein in Schwyz.

Stauffacher:
Steht nicht Herr Reding hier der Altlandammann?
Was suchen wir noch einen Würdigern?

Walther Fürst:
Er sei der Ammann und des Tages Haupt!
Wer dazu stimmt erhebe seine Hände.

Alle heben die rechte Hand auf.

Reding tritt in die Mitte:
Ich kann die Hand nicht auf die Bücher legen,
So schwör ich droben bei den ew'gen Sternen,
Dass ich mich nimmer will vom Recht entfernen.

Man richtet die Schwerter vor ihm auf, der Ring bildet sich um ihn her, Schwyz hält die Mitte, rechts stellt sich Uri und links Unterwalden. Er steht auf sein Schlachtschwert gestützt.

Was ist's, das die drei Völker des Gebirgs
Hier an des Sees unwirtlichem Gestade
Zusammenführte in der Geisterstunde?
Was soll der Inhalt sein des neuen Bunds,
Den wir hier unterm Sternenhimmel stiften?

Stauffacher tritt in den Ring:
Wir stiften keinen neuen Bund, es ist
Ein uralt Bündnis nur von Väterzeit,
Das wir erneuern! Wisset Eidgenossen!
Ob uns der See, ob uns die Berge scheiden,
Und jedes Volk sich für sich selbst regiert,
So sind wir eines Stammes doch und Bluts,
Und eine Heimat ist's, aus der wir zogen.

Winkelried:
So ist es wahr, wie's in den Liedern lautet,
Dass wir von fernher in das Land gewallt?
O teilt's uns mit, was Euch davon bekannt,
Dass sich der neue Bund am alten stärke.

Stauffacher:
Hört, was die alten Hirten sich erzählen.
– Es war ein grosses Volk, hinten im Lande
Nach Mitternacht, das litt von schwerer Teurung.
In dieser Not beschloss die Landsgemeinde,
Dass jeder zehnte Bürger nach dem Los
Der Väter Land verlasse – das geschah!
Und zogen aus, wehklagend, Männer und Weiber,
Ein grosser Heerzug, nach der Mittagsonne,
Mit dem Schwert sich schlagend durch das deutsche Land,
Bis an das Hochland dieser Waldgebirge.
Und eher nicht ermüdete der Zug,
Bis dass sie kamen in das wilde Tal,
Wo jetzt die Muotta zwischen Wiesen rinnt –
Nicht Menschenspuren waren hier zu sehen,
Nur eine Hütte stand am Ufer einsam,
Da sass ein Mann, und wartete der Fähre –
Doch heftig wogete der See und war
Nicht fahrbar; da besahen sie das Land
Sich näher und gewahrten schöne Fülle
Des Holzes und entdeckten gute Brunnen,
Und meinten, sich im lieben Vaterland
Zu finden – Da beschlossen sie zu bleiben,
Erbaueten den alten Flecken Schwyz,
Und hatten manchen sauren Tag, den Wald
Mit weitverschlungenen Wurzeln auszuroden –
Drauf als der Boden nicht mehr Gnügen tat
Der Zahl des Volks, da zogen sie hinüber
Zum schwarzen Berg, ja bis ans Weissland hin,
Wo hinter ew'gem Eiseswall verborgen,
Ein andres Volk in andern Zungen spricht.
Den Flecken Stanz erbauten sie am Kernwald,
Den Flecken Altdorf in dem Tal der Reuss –
Doch blieben sie des Ursprungs stets gedenk,
Aus all den fremden Stämmen, die seitdem
In Mitte ihres Lands sich angesiedelt,
Finden die Schwyzer Männer sich heraus,
Es gibt das Herz, das Blut sich zu erkennen.

Reicht rechts und links die Hand hin.

Auf der Mauer:
Ja wir sind eines Herzens, eines Bluts!

Alle sich die Hände reichend:
Wir sind ein Volk, und einig wollen wir handeln.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.