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Wilhelm Tell

Friedrich Schiller: Wilhelm Tell - Kapitel 14
Quellenangabe
typedrama
booktitleWilhelm Tell
authorFriedrich Schiller
titleWilhelm Tell
firstpub1804
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Zweite Szene

Edelhof zu Attinghausen.

Der Freiherr, in einem Armsessel, sterbend. Walther Fürst, Stauffacher, Melchtal und Baumgarten um ihn beschäftigt. Walther Tell knieend vor dem Sterbenden.

Walther Fürst:
Es ist vorbei mit ihm, er ist hinüber.

Stauffacher:
Er liegt nicht wie ein Toter – Seht, die Feder
Auf seinen Lippen regt sich! Ruhig ist
Sein Schlaf und friedlich lächeln seine Züge.

Baumgarten geht an die Türe und spricht mit jemand.

Walther Fürst zu Baumgarten:
Wer ist's?

Baumgarten kommt zurück:
Es ist Frau Hedwig, Eure Tochter,
Sie will Euch sprechen, will den Knaben sehn.

Walther Tell richtet sich auf.

Walther Fürst:
Kann ich sie trösten? Hab ich selber Trost?
Häuft alles Leiden sich auf meinem Haupt?

Hedwig hereindringend:
Wo ist mein Kind? Lasst mich, ich muss es sehn –

Stauffacher:
Fasst Euch, bedenkt, dass Ihr im Haus des Todes –

Hedwig stürzt auf den Knaben:
Mein Wälti! O er lebt mir.

Walther Tell hängt an ihr:
Arme Mutter!

Hedwig:
Ist's auch gewiss? Bist du mir unverletzt?

Betrachtet ihn mit ängstlicher Sorgfalt.

Und ist es möglich? Konnt er auf dich zielen?
Wie konnt er's? O er hat kein Herz – Er konnte
Den Pfeil abdrücken auf sein eignes Kind!

Walther Fürst:
Er tat's mit Angst, mit schmerzzerrissner Seele,
Gezwungen tat er's, denn es galt das Leben.

Hedwig:
O hätt er eines Vaters Herz, eh er's
Getan, er wäre tausendmal gestorben!

Stauffacher:
Ihr solltet Gottes gnäd'ge Schickung preisen,
Die es so gut gelenkt –

Hedwig:
Kann ich vergessen,
Wie's hätte kommen können – Gott des Himmels!
Und lebt' ich achtzig Jahr – Ich seh den Knaben ewig
Gebunden stehn, den Vater auf ihn zielen,
Und ewig fliegt der Pfeil mir in das Herz.

Melchtal:
Frau, wüsstet Ihr, wie ihn der Vogt gereizt!

Hedwig:
O rohes Herz der Männer! Wenn ihr Stolz
Beleidigt wird, dann achten sie nichts mehr,
Sie setzen in der blinden Wut des Spiels
Das Haupt des Kindes und das Herz der Mutter!

Baumgarten:
Ist Eures Mannes Los nicht hart genug,
Dass Ihr mit schwerem Tadel ihn noch kränkt?
Für seine Leiden habt Ihr kein Gefühl?

Hedwig kehrt sich nach ihm um und sieht ihn mit einem großen Blick an:
Hast du nur Tränen für des Freundes Unglück?
– Wo waret ihr, da man den Trefflichen
In Bande schlug? Wo war da eure Hülfe?
Ihr sahet zu, ihr ließt das Gräßliche geschehn,
Geduldig littet ihr's daß man den Freund
Aus eurer Mitte führte – Hat der Tell
Auch so an euch gehandelt? Stand er auch
Bedauernd da, als hinter dir die Reiter
Des Landvogts drangen, als der wüt'ge See
Vor dir erbrauste? Nicht mit müß'gen Tränen
Beklagt' er dich, in den Nachen sprang er, Weib
Und Kind vergaß er und befreite dich –

Walther Fürst:
Was konnten wir zu seiner Rettung wagen,
Die kleine Zahl, die unbewaffnet war!

Hedwig wirft sich an seine Brust:
O Vater! Und auch du hast ihn verloren!
Das Land, wir alle haben ihn verloren!
Uns allen fehlt er, ach! wir fehlen ihm!
Gott rette seine Seele vor Verzweiflung.
Zu ihm hinab ins öde Burgverlies
Dringt keines Freundes Trost – Wenn er erkrankte!
Ach, in des Kerkers feuchter Finsternis
Muss er erkranken – Wie die Alpenrose
Bleicht und verkümmert in der Sumpfesluft,
So ist für ihn kein Leben als im Licht
Der Sonne, in dem Balsamstrom der Lüfte.
Gefangen! Er! Sein Atem ist die Freiheit,
Er kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte.

Stauffacher:
Beruhigt Euch. Wir alle wollen handeln,
Um seinen Kerker aufzutun.

Hedwig:
Was könnt ihr schaffen ohne ihn? – Solang
Der Tell noch frei war, ja da war noch Hoffnung,
Da hatte noch die Unschuld einen Freund,
Da hatte einen Helfer der Verfolgte,
Euch alle rettete der Tell – Ihr alle
Zusammen könnt nicht seine Fesseln lösen!

Der Freiherr erwacht.

Baumgarten:
Er regt sich, still!

Attinghausen sich aufrichtend:
Wo ist er?

Stauffacher:
Wer?

Attinghausen:
Er fehlt mir,
Verlässt mich in dem letzten Augenblick!

Stauffacher:
Er meint den Junker – Schickte man nach ihm?

Walther Fürst:
Es ist nach ihm gesendet – Tröstet Euch!
Er hat sein Herz gefunden, er ist unser.

Attinghausen:
Hat er gesprochen für sein Vaterland?

Stauffacher:
Mit Heldenkühnheit.

Attinghausen:
Warum kommt er nicht,
Um meinen letzten Segen zu empfangen?
Ich fühle, dass es schleunig mit mir endet.

Stauffacher:
Nicht also, edler Herr! Der kurze Schlaf
Hat Euch erquickt, und hell ist Euer Blick.

Attinghausen:
Der Schmerz ist Leben, er verließ mich auch,
Das Leiden ist, so wie die Hoffnung, aus.

Er bemerkt den Knaben.

Wer ist der Knabe?

Walther Fürst:
Segnet ihn o Herr!
Er ist mein Enkel und ist vaterlos.

Hedwig sinkt mit dem Knaben vor dem Sterbenden nieder.

Attinghausen:
Und vaterlos lass ich euch alle, alle
Zurück – Weh mir, dass meine letzten Blicke
Den Untergang des Vaterlands gesehn!
Musst ich des Lebens höchstes Maß erreichen,
Um ganz mit allen Hoffnungen zu sterben!

Stauffacher zu Walther Fürst:
Soll er in diesem finstern Kummer scheiden?
Erhellen wir ihm nicht die letzte Stunde
Mit schönem Strahl der Hoffnung? – Edler Freiherr!
Erhebet Euren Geist! Wir sind nicht ganz
Verlassen, sind nicht rettungslos verloren.

Attinghausen:
Wer soll euch retten?

Walther Fürst:
Wir uns selbst. Vernehmt!
Es haben die drei Lande sich das Wort
Gegeben, die Tyrannen zu verjagen.
Geschlossen ist der Bund, ein heil'ger Schwur
Verbinde uns. Es wird gehandelt werden,
Eh noch das Jahr den neuen Kreis beginnt,
Euer Staub wird ruhn in einem freien Lande.

Attinghausen:
O saget mir! Geschlossen ist der Bund?

Melchtal:
Am gleichen Tage werden alle drei
Waldstätte sich erheben. Alles ist
Bereit, und das Geheimnis wohlgewahrt
Bis jetzt, obgleich viel Hunderte es teilen.
Hohl ist der Boden unter den Tyrannen,
Die Tage ihrer Herrschaft sind gezählt,
Und bald ist ihre Spur nicht mehr zu finden.

Attinghausen:
Die festen Burgen aber in den Landen?

Melchtal:
Sie fallen alle an dem gleichen Tag.

Attinghausen:
Und sind die Edeln dieses Bunds teilhaftig?

Stauffacher:
Wir harren ihres Beistands, wenn es gilt,
Jetzt aber hat der Landmann nur geschworen.

Attinghausen richtet sich langsam in die Höhe, mit großem Erstaunen:
Hat sich der Landmann solcher Tat verwogen,
Aus eignem Mittel, ohne Hülf der Edeln,
Hat er der eignen Kraft so viel vertraut –
Ja, dann bedarf es unserer nicht mehr,
Getröstet können wir zu Grabe steigen,
Es lebt nach uns – durch andre Kräfte will
Das Herrliche der Menschheit sich erhalten.

Er legt seine Hand auf das Haupt des Kindes, das vor ihm auf den Knieen liegt.

Aus diesem Haupte, wo der Apfel lag,
Wird euch die neue bessre Freiheit grünen,
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.

Stauffacher zu Walther Fürst:
Seht, welcher Glanz sich um sein Aug' ergießt!
Das ist nicht das Erlöschen der Natur,
Das ist der Strahl schon eines neuen Lebens.

Attinghausen:
Der Adel steigt von seinen alten Burgen,
Und schwört den Städten seinen Bürgereid,
Im Üchtland schon, im Thurgau hat's begonnen,
Die edle Bern erhebt ihr herrschend Haupt,
Freiburg ist eine sichre Burg der Freien,
Die rege Zürich waffnet ihre Zünfte
Zum kriegerischen Heer – Es bricht die Macht
Der Könige sich an ihren ew'gen Wällen –

Er spricht das Folgende mit dem Ton eines Sehers – seine Rede steigt bis zur Begeisterung:

Die Fürsten seh' ich und die edeln Herrn
In Harnischen herangezogen kommen,
Ein harmlos Volk von Hirten zu bekriegen.
Auf Tod und Leben wird gekämpft und herrlich
Wir mancher Pass durch blutige Entscheidung.
Der Landmann stürzt sich mit der nackten Brust,
Ein freies Opfer, in die Schar der Lanzen,
Er bricht sie, und des Adels Blüte fällt,
Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne.

Walther Fürsts und Stauffachers Hände fassend:

Drum haltet fest zusammen – fest und ewig –
Kein Ort der Freiheit sei dem andern fremd –
Hochwachten stellet aus auf euren Bergen,
Dass sich der Bund zum Bunde rasch versammle –
Seid einig – einig – einig –

Er fällt in das Kissen zurück – seine Hände halten entseelt noch die andern gefasst. Fürst und Stauffacher betrachten ihn noch eine Zeitlang schweigend, dann treten sie hinweg, jeder seinem Schmerz überlassen. Unterdessen sind die Knechte still hereingedrungen, sie nähern sich mit Zeichen eines stillern oder heftigern Schmerzens, einige knieen bei ihm nieder und weinen auf seine Hand, während dieser stummen Szene wird die Burgglocke geläutet.

Rudenz zu den Vorigen.

Rudenz rasch eintretend:
Lebt er? O saget, kann er mich noch hören?

Walther Fürst deutet hin mit weggewandtem Gesicht:
Ihr seid jetzt unser Lehensherr und Schirmer,
Und dieses Schloss hat einen andern Namen.

Rudenz erblickt den Leichnam und steht von heftigem Schmerz ergriffen:
O güt'ger Gott – Kommt meine Reu zu spät?
Konnt er nicht wen'ge Pulse länger leben,
Um mein geändert Herz zu sehn?
Verachtet hab ich seine treue Stimme,
Da er noch wandelte im Licht – Er ist
Dahin, ist fort auf immerdar, und lässt mir
Die schwere unbezahlte Schuld! – O saget!
Schied er dahin im Unmut gegen mich?

Stauffacher:
Er hörte sterbend noch was Ihr getan,
Und segnete den Mut, mit dem Ihr spracht!

Rudenz kniet an dem Toten nieder:
Ja heil'ge Reste eines teuren Mannes!
Entseelter Leichnam! Hier gelob ich dir's
In deine kalte Totenhand – Zerrissen
Hab ich auf ewig alle fremden Bande,
Zurückgegeben bin ich meinem Volk,
Ein Schweizer bin ich und ich will es sein
Von ganzer Seele – (Aufstehend.) Trauert um den Freund,
Den Vater aller, doch verzaget nicht!
Nicht bloß sein Erbe ist mir zugefallen,
Es steigt sein Herz, sein Geist auf mich herab,
Und leisten soll euch meine frische Jugend,
Was euch sein greises Alter schuldig blieb.
– Ehrwürd'ger Vater, gebt mir Eure Hand!
Gebt mir die Eurige! Melchtal auch Ihr!
Bedenkt Euch nicht! O wendet Euch nicht weg!
Empfanget meinen Schwur und mein Gelübde.

Walther Fürst:
Gebt ihm die Hand. Sein wiederkehrend Herz
Verdient Vertraun.

Melchtal:
Ihr habt den Landmann nichts geachtet.
Sprecht, wessen soll man sich zu Euch versehn?

Rudenz:
O denket nicht des Irrtums meiner Jugend!

Stauffacher zu Melchtal:
Seid einig! war das letzte Wort des Vaters,
Gedenket dessen!

Melchtal:
Hier ist meine Hand!
Des Bauern Handschlag, edler Herr, ist auch
Ein Manneswort! Was ist der Ritter ohne uns?
Und unser Stand ist älter als der Eure.

Rudenz:
Ich ehr ihn, und mein Schwert soll ihn beschützen.

Melchtal:
Der Arm, Herr Freiherr, der die harte Erde
Sich unterwirft und ihren Schoß befruchtet,
Kann auch des Mannes Brust beschützen.

Rudenz:
Ihr
Sollt meine Brust, ich will die eure schützen,
So sind wir einer durch den andern stark.
– Doch wozu reden, da das Vaterland
Ein Raub noch ist der fremden Tyrannei?
Wenn erst der Boden rein ist von dem Feind,
Dann wollen wir's in Frieden schon vergleichen.

Nachdem er einen Augenblick innegehalten.

Ihr schweigt? Ihr habt mir nichts zu sagen? Wie!
Verdien ich's noch nicht, dass ihr mir vertraut?
So muss ich wider euren Willen mich
In das Geheimnis eures Bundes drängen.
– Ihr habt getagt – geschworen auf dem Rütli –
Ich weiß – weiß alles, was ihr dort verhandelt,
Und was mir nicht von euch vertrauet ward,
Ich hab's bewahrt gleich wie ein heilig Pfand.
Nie war ich meines Landes Feind, glaubt mir,
Und niemals hätt' ich gegen euch gehandelt.
– Doch übel tatet ihr, es zu verschieben,
Die Stunde dringt und rascher Tat bedarf's –
Der Tell ward schon Opfer eures Säumens –

Stauffacher:
Das Christfest abzuwarten schwuren wir.

Rudenz:
Ich war nicht dort, ich hab nicht mit geschworen.
Wartet ihr ab, ich handle.

Melchtal:
Was? Ihr wolltet –

Rudenz:
Des Landes Vätern zähl ich mich jetzt bei,
Und meine erste Pflicht ist, euch zu schützen.

Walther Fürst:
Der Erde diesen teuren Staub zu geben,
Ist Eure nächste Pflicht und heiligste.

Rudenz:
Wenn wir das Land befreit, dann legen wir
Den frischen Kranz des Siegs ihm auf die Bahre.
– O Freunde! Eure Sache nicht allein,
Ich habe meine eigne auszufechten
Mit dem Tyrannen – Hört und wisst! Verschwunden
Ist meine Berta, heimlich weggeraubt,
Mit kecker Freveltat aus unsrer Mitte!

Stauffacher:
Solcher Gewalttat hätte der Tyrann
Wider die freie Edle sich verwogen?

Rudenz:
O meine Freunde! Euch versprach ich Hülfe,
Und ich zuerst muss sie von euch erflehn.
Geraubt, entrissen ist mir die Geliebte,
Wer weiß, wo sie der Wütende verbirgt,
Welcher Gewalt sie frevelnd sich erkühnen,
Ihr Herz zu zwingen zum verhassten Band!
Verlasst mich nicht, o helft mir sie erretten –
Sie liebt euch, o sie hat's verdient ums Land,
Dass alle Arme sich für sie bewaffnen –

Walther Fürst:
Was wollt Ihr unternehmen?

Rudenz:
Weiß ich's? Ach!
In dieser Nacht, die ihr Geschick umhüllt,
In dieses Zweifels ungeheurer Angst,
Wo ich nichts Festes zu erfassen weiß,
Ist mir nur dieses in der Seele klar:
Unter den Trümmern der Tyrannenmacht
Allein kann sie hervorgegraben werden,
Die Festen alle müssen wir bezwingen,
Ob wir vielleicht in ihren Kerker dringen.

Melchtal:
Kommt, führt uns an. Wir folgen Euch. Warum
Bis morgen sparen, was wir heut vermögen?
Frei war der Tell, als wir im Rütli schwuren,
Das Ungeheure war noch nicht geschehen.
Es bringt die Zeit ein anderes Gesetz,
Wer ist so feig, der jetzt noch könnte zagen!

Rudenz zu Stauffacher und Walther Fürst:
Indes bewaffnet und zum Werk bereit
Erwartet ihr der Berge Feuerzeichen,
Denn schneller als ein Botensegel fliegt,
Soll euch die Botschaft unsers Siegs erreichen,
Und seht ihr leuchten die willkommnen Flammen,
Dann auf die Feinde stürzt, wie Wetters Strahl,
Und brecht den Bau der Tyrannei zusammen.

Gehen ab.

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