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Wilhelm Tell

Friedrich Schiller: Wilhelm Tell - Kapitel 11
Quellenangabe
typedrama
booktitleWilhelm Tell
authorFriedrich Schiller
titleWilhelm Tell
firstpub1804
senderanonymus@abc.de
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Dritte Szene

Wiese bei Altdorf. Im Vordergrund Bäume, in der Tiefe der Hut auf einer Stange. Der Prospekt wird begrenzt durch den Bannberg, über welchem ein Schneegebirg emporragt.

Friesshardt und Leuthold halten Wache.

Friesshardt:
Wir passen auf umsonst. Es will sich niemand
Heranbegeben und dem Hut sein' Reverenz
Erzeigen. 's war doch sonst wie Jahrmarkt hier,
Jetzt ist der ganze Anger wie verödet,
Seitdem der Popanz auf der Stange hängt.

Leuthold:
Nur schlecht Gesindel lässt sich sehn und schwingt
Uns zum Verdriesse die zerlumpten Mützen.
Was rechte Leute sind, die machen lieber
Den langen Umweg um den halben Flecken,
Eh sie den Rücken beugten vor dem Hut.

Friesshardt:
Sie müssen über diesen Platz, wenn sie
Vom Rathaus kommen um die Mittagstunde.
Da meint' ich schon, 'nen guten Fang zu tun,
Denn keiner dachte dran, den Hut zu grüssen.
Da sieht's der Pfaff, der Rösselman – kam just
Von einem Kranken her – und stellt sich hin
Mit dem Hochwürdigen, grad vor die Stange –
Der Sigrist musste mit dem Glöcklein schellen,
Da fielen all aufs Knie, ich selber mit,
Und grüssten die Monstranz, doch nicht den Hut. –

Leuthold:
Höre Gesell, es fängt mir an zu deuchten,
Wir stehen hier am Pranger vor dem Hut,
's ist doch ein Schimpf für einen Reitersmann,
Schildwach zu stehn vor einem leeren Hut –
Und jeder rechte Kerl muss uns verachten.
– Die Reverenz zu machen einem Hut,
Es ist doch traun! Ein närrischer Befehl!

Friesshardt:
Warum nicht einem leeren hohlen Hut?
Bückst du dich doch vor manchem hohlen Schädel.

Hildegard, Mechthild und Elsbeth treten auf mit Kindern und stellen sich um die Stange.

Leuthold:
Und du bist auch so ein dienstfert'ger Schurke,
Und brächtest wackre Leute gern ins Unglück.
Mag, wer da will, am Hut vorübergehn,
Ich drück die Augen zu und seh nicht hin.

Mechthild:
Da hängt der Landvogt – Habt Respekt, ihr Buben.

Elsbeth:
Wollt's Gott, er ging und liess uns seinen Hut,
Es sollte drum nicht schlechter stehn ums Land!

Friesshardt verscheucht sie:
Wollt ihr vom Platz? Verwünschtes Volk der Weiber!
Wer fragt nach euch? Schickt eure Männer her,
Wenn sie der Mut sticht, dem Befehl zu trotzen.

Weiber gehen.

Tell mit der Armbrust tritt auf, den Knaben an der Hand führend. Sie gehen an dem Hut vorbei gegen die vordere Szene, ohne darauf zu achten.

Walther zeigt nach dem Bannberg:
Vater ist's wahr, dass auf dem Berge dort
Die Bäume bluten, wenn man einen Streich
Drauf führte mit der Axt?

Tell:
Wer sagt das Knabe?

Walther:
Der Meister Hirt erzählt's – Die Bäume seien
Gebannt, sagt er, und wer sie schädige,
Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe.

Tell:
Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit.
– Siehst du die Firnen dort, die weissen Hörner,
Die hoch bis in den Himmel sich verlieren?

Walther:
Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern,
Und uns die Schlaglawinen niedersenden.

Tell:
So ist's, und die Lawinen hätten längst
Den Flecken Altdorf unter ihrer Last
Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht
Als eine Landwehr sich dagegenstellte.

Walther nach einigem Besinnen:
Gibt's Länder, Vater, wo nicht Berge sind?

Tell:
Wenn man hinuntersteigt von unsern Höhen,
Und immer tiefer steigt, den Strömen nach,
Gelangt man in ein grosses ebnes Land,
Wo die Waldwasser nicht mehr brausend schäumen,
Die Flüsse ruhig und gemächlich ziehn,
Da sieht man frei nach allen Himmelsräumen,
Das Korn wächst dort in langen schönen Auen,
Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.

Walther:
Ei Vater, warum steigen wir denn nicht
Geschwind hinab in dieses schöne Land,
Statt dass wir uns hier ängstigen und plagen?

Tell:
Das Land ist schön und gütig wie der Himmel,
Doch die's bebauen, sie geniessen nicht
Den Segen, den sie pflanzen.

Walther:
Wohnen sie
Nicht frei wie du auf ihrem eignen Erbe?

Tell:
Das Feld gehört dem Bischof und dem König.

Walther:
So dürfen sie doch frei in Wäldern jagen?

Tell:
Dem Herrn gehört das Wild und das Gefieder.

Walther:
Sie dürfen doch frei fischen in dem Strom?

Tell:
Der Strom, das Meer, das Salz gehört dem König.

Walther:
Wer ist der König denn, den alle fürchten?

Tell:
Es ist der eine, der sie schützt und nährt.

Walther:
Sie können sich nicht mutig selbst beschützen?

Tell:
Dort darf der Nachbar nicht dem Nachbar trauen.

Walther:
Vater, es wird mir eng im weiten Land,
Da wohn ich lieber unter den Lawinen.

Tell:
Ja wohl ist's besser, Kind, die Gletscherberge
Im Rücken zu haben, als die bösen Menschen.

Sie wollen vorübergehen.

Walther:
Ei Vater, sieh den Hut dort auf der Stange.

Tell:
Was kümmert uns der Hut? Komm, lass uns gehen.

Indem er abgehen will, tritt ihm Friesshardt mit vorgehaltner Pike entgegen.

Friesshardt:
In des Kaisers Namen! Haltet an und steht!

Tell greift in die Pike:
Was wollt Ihr? Warum haltet Ihr mich auf?

Friesshardt:
Ihr habt's Mandat verletzt, Ihr müsst uns folgen.

Leuthold:
Ihr habt dem Hut nicht Reverenz bewiesen.

Tell:
Freund, lass mich gehen.

Friesshardt:
Fort, fort ins Gefängnis!

Walther:
Den Vater ins Gefängnis! Hülfe! Hülfe!

In die Szene rufend:

Herbei, ihr Männer, gute Leute helft,
Gewalt, Gewalt, sie führen ihn gefangen.

Rösselmann der Pfarrer und Petermann der Sigrist, kommen herbei, mit drei andern Männern.

Sigrist:
Was gibt's?

Rösselmann:
Was legst du Hand an diesen Mann?

Friesshardt:
Er ist ein Feind des Kaisers, ein Verräter!

Tell fasst ihn heftig:
Ein Verräter, ich!

Rösselmann:
Du irrst dich Freund, das ist
Der Tell, ein Ehrenmann und guter Bürger.

Walther erblickt Walther Fürsten und eilt ihm entgegen:
Grossvater hilf, Gewalt geschieht dem Vater.

Friesshardt:
Ins Gefängnis, fort!

Walther Fürst herbeieilend:
Ich leiste Bürgschaft, haltet!
– Um Gottes willen, Tell, was ist geschehen?

Melchtal und Stauffacher kommen.

Friesshardt:
Des Landvogts oberherrliche Gewalt
Verachtet er, und will sie nicht erkennen.

Stauffacher:
Das hätt der Tell getan?

Melchtal:
Das lügst du Bube!

Leuthold:
Er hat dem Hut nicht Reverenz bewiesen.

Walther Fürst:
Und darum soll er ins Gefängnis? Freund,
Nimm meine Bürgschaft an und lass ihn ledig.

Friesshardt:
Bürg du für dich und deinen eignen Leib!
Wir tun, was unsers Amtes – Fort mit ihm!

Melchtal zu den Landleuten:
Nein, das ist schreiende Gewalt! Ertragen wir's,
Dass man ihn fortführt, frech, vor unsern Augen?

Sigrist:
Wir sind die Stärkern, Freunde, duldet's nicht,
Wir haben einen Rücken an den andern!

Friesshardt:
Wer widersetzt sich dem Befehl des Vogts?

Noch drei Landleute herbeieilend:
Wir helfen euch. Was gibt's? Schlagt sie zu Boden.

Hildegard, Mechthild und Elsbeth kommen zurück.

Tell:
Ich helfe mir schon selbst. Geht, gute Leute,
Meint ihr, wenn ich die Kraft gebrauchen wollte,
Ich würde mich vor ihren Spiessen fürchten?

Melchtal zu Friesshardt:
Wag's, ihn aus unsrer Mitte wegzuführen!

Walther Fürst und Stauffacher:
Gelassen! Ruhig!

Friesshardt schreit:
Aufruhr und Empörung!

Man hört Jagdhörner.

Weiber:
Da kommt der Landvogt!

Friesshardt erhebt die Stimme:
Meuterei! Empörung!

Stauffacher:
Schrei, bis du berstest, Schurke!

Rösselmann und Melchtal:
Willst du schweigen?

Friesshardt ruft noch lauter:
Zu Hülf, zu Hülf den Dienern des Gesetzes.

Walther Fürst:
Da ist der Vogt! Weh uns, was wird das werden!

Gessler zu Pferd, den Falken auf der Faust, Rudolf der Harras, Berta und Rudenz, ein grosses Gefolge von bewaffneten Knechten, welche einen Kreis von Piken um die ganze Szene schliessen.

Rudolf der Harras:
Platz, Platz dem Landvogt!

Gessler:
Treibt sie auseinander!
Was läuft das Volk zusammen? Wer ruft Hilfe?

Allgemeine Stille.

Wer war's? Ich will es wissen. (Zu Friesshardt:) Du tritt vor!
Wer bist du und was hältst du diesen Mann?

Er gibt den Falken einem Diener.

Friesshardt:
Gestrenger Herr, ich bin dein Waffenknecht
Und wohlbestellter Wächter bei dem Hut.
Diesen Mann ergriff ich über frischer Tat,
Wie er dem Hut den Ehrengruss versagte.
Verhaften wollt ich ihn, wie du befahlst,
Und mit Gewalt will ihn das Volk entreissen.

Gessler nach einer Pause:
Verachtest du so deinen Kaiser, Tell,
Und mich, der hier an seiner Statt gebietet,
Dass du die Ehr versagst dem Hut, den ich
Zur Prüfung des Gehorsams aufgehangen?
Dein böses Trachten hast du mir verraten.

Tell:
Verzeiht mir lieber Herr! Aus Unbedacht,
Nicht aus Verachtung Eurer ist's geschehn,
Wär ich besonnen, hiess ich nicht der Tell,
Ich bitt um Gnad, es soll nicht mehr begegnen.

Gessler nach einigem Stillschweigen:
Du bist ein Meister auf der Armbrust, Tell,
Man sagt, du nähmst es auf mit jedem Schützen?

Walther Tell:
Und das muss wahr sein, Herr – 'nen Apfel schiesst
Der Vater dir vom Baum auf hundert Schritte.

Gessler:
Ist das dein Knabe, Tell?

Tell:
Ja, lieber Herr.

Gessler:
Hast du der Kinder mehr?

Tell:
Zwei Knaben, Herr.

Gessler:
Und welcher ist's, den du am meisten liebst?

Tell:
Herr, beide sind sie mir gleich liebe Kinder.

Gessler:
Nun Tell! Weil du den Apfel triffst vom Baume
Auf hundert Schritte, so wirst du deine Kunst
Vor mir bewähren müssen – Nimm die Armbrust –
Du hast sie gleich zur Hand – und mach dich fertig,
Einen Apfel von des Knaben Kopf zu schiessen –
Doch will ich raten, ziele gut, dass du
Den Apfel treffest auf den ersten Schuss,
Denn fehlst du ihn, so ist dein Kopf verloren.

Alle geben Zeichen des Schreckens.

Tell:
Herr – Welches Ungeheure sinnet Ihr
Mir an – Ich soll vom Haupte meines Kindes –
– Nein, nein doch, lieber Herr, das kömmt Euch nicht
Zu Sinn – Verhüt's der gnäd'ge Gott – das könnt ihr
Im Ernst von einem Vater nicht begehren!

Gessler:
Du wirst den Apfel schiessen von dem Kopf
Des Knaben – Ich begehr's und will's.

Tell:
Ich soll
Mit meiner Armbrust auf das liebe Haupt
Des eignen Kindes zielen – Eher sterb' ich!

Gessler:
Du schiesst oder stirbst mit deinem Knaben.

Tell:
Ich soll der Mörder werden meines Kinds!
Herr, Ihr habt keine Kinder – wisset nicht,
Was sich bewegt in eines Vaters Herzen.

Gessler:
Ei Tell, du bist ja plötzlich so besonnen!
Man sagte mir, dass du ein Träumer seist,
Und dich entfernst von andrer Menschen Weise.
Du liebst das Seltsame – Drum hab ich jetzt
Ein eigen Wagstück für dich ausgesucht.
Ein andrer wohl bedächte sich – Du drückst
Die Augen zu, und greifst es herzhaft an.

Berta:
Scherzt nicht, o Herr! mit diesen armen Leuten!
Ihr seht sie bleich und zitternd stehn – So wenig
Sind sie Kurzweils gewohnt aus Eurem Munde.

Gessler:
Wer sagt Euch, dass ich scherze?

Greift nach einem Baumzweige, der über ihn herhängt.

Hier ist der Apfel.
Man mache Raum – Er nehme seine Weite,
Wie's Brauch ist – Achtzig Schritte geb ich ihm –
Nicht weniger, noch mehr – Er rühmte sich,
Auf ihrer hundert seinen Mann zu treffen –
Jetzt Schütze triff, und fehle nicht das Ziel!

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