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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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Nach einer Nacht voll wilder und schreckhafter Träume ritt Hans Wildefüer am frühen Morgen von der Stauffenburg hinweg. Herzog Heinrich gab ihm eine Strecke weit mit einem Fähnlein geharnischter Knechte das Geleit, denn er wollte in den Forsten bei Gandersheim jagen. Die Domina des reichen und altberühmten Klosters war seine Schwester. Darum standen die feisten Klosterhirsche seiner Weidmannslust zur Verfügung.

Des Vorfalls der vergangenen Nacht wurde zwischen den beiden Männern nicht mehr gedacht. Der Herzog spielte den Unbefangenen und versuchte, einen munteren und scherzhaften Ton anzuschlagen. Wildefüer aber ging darauf nicht ein, sondern blieb schweigsam und gab einsilbige Antworten. Ihm graute vor dem Manne, der einen ruchlosen Frevel auf der Seele trug, ohne auch die leiseste Spur von Reue zu zeigen. Er war ja fest entschlossen, auch fürderhin mit ihm zusammenzustehen. Darin konnte es für ihn, um der Religion willen, kein Schwanken geben. Aber es war ihm unheimlich in seiner Nähe, und so trennte er sich bald von ihm. Er hätte ihn nach Gandersheim begleiten und dann über Lamspringe und Rodenburg heimreiten können, und dieser Weg wäre wohl der bequemere gewesen. Aber er schützte vor, Geschäfte im Kloster Derneburg zu haben, und wählte den Weg über Bockenem. So nahm er Abschied von ihm und zog allein seine Straße fürbaß.

In Wahrheit dachte er gar nicht daran, im Kloster Derneburg einzukehren, denn eine unerklärliche Unruhe war über ihn gekommen und trieb ihn der Heimat zu. Von Kindheit an war ihm ein merkwürdiges Ahnungsvermögen eigen gewesen, die Gabe, ein kommendes Unheil vorauszuempfinden. Als er mit sechzehn Jahren zum Besuch eines Oheims in Hannover weilte, war er plötzlich bei Tische von einer so tiefen Traurigkeit befallen worden, daß er in Tränen ausbrach und niemand ihn hatte beruhigen können. Zu derselben Stunde war daheim seine Mutter gestorben, die er innig geliebt hatte. Seitdem hatte sich Ähnliches öfters ereignet, und in Hildesheim glaubten alle Leute, daß ihr Bürgermeister mit einer übernatürlichen Gabe gesegnet sei. Er habe das Zweite Gesicht, hieß es, und er könne vorausahnen, was in Zukunft geschehen werde, wisse auch, was in weiter Ferne geschehe. Die Scheu, die seine gewaltige Persönlichkeit dem niederen Volke einflößte, wurde dadurch noch mehr gesteigert. Aber in seiner Gegenwart durfte keiner davon reden, denn er empfand die wunderliche Gabe nicht als eine Gnade des Himmels, sondern als eine Last, die Gott ihm zur Prüfung auferlegt habe.

Niemals war das rätselhafte Gefühl mit solcher Gewalt über ihn gekommen, niemals hatte es seine Seele so schwer bedrückt wie am heutigen Tage. Es geschah etwas in Hildesheim, oder es war bereits etwas geschehen, was ihm selbst oder der Stadt großes Unglück bedeutete. Das wußte er ganz genau. Aber was mochte es sein? Seine Einbildungskraft erschöpfte sich in allerlei Vermutungen, und Bilder traten vor seine Seele, von denen eines schreckhafter war als das andere. Daher strebte er mit fieberhafter Eile und Hast danach, heimzukommen, denn auch die traurigste Gewißheit deuchte ihn besser als die marternde Ungewißheit. Aber der Weg von der Stauffenburg nach Hildesheim war weit und sehr beschwerlich. An vielen Stellen mußte er absteigen und sein Roß am Zügel führen, da die Waldpfade zum Reiten nicht geeignet waren. Noch dazu verlor das Tier hinter Bockenem ein Eisen, so daß er umkehren und es zum Schmied führen mußte, und der war ein langsamer Geselle, der sich viel Zeit bei der Arbeit nahm.

So kam es, daß Wildefüer erst kurz vor Mitternacht vor dem Goslarschen Tore anlangte. Es war dem Stadtwächter eigentlich verboten, um diese Zeit noch jemanden in die Mauern einzulassen, er sei, wer er wolle. Aber als der Torhüter die rufende Stimme des Bürgermeisters vernahm, öffnete er eilfertig das Tor und begrüßte ihn mit großer Unterwürfigkeit.

»Ist etwas Sonderliches geschehen in Hildesheim, dieweilen ich fort war?« fragte Wildefüer.

»Ja, Herr«, erwiderte der Torwart. »Heute am Nachmittage in der vierten Stunde ist Herr Hinrich Galle gestorben. Gott gebe seiner Seele Gnade!«

»Ja, Gott gebe seiner Seele Gnade. Amen!« sagte Hans Wildefüer, aber seine Brust hob sich, als wäre er von einer schweren Last befreit. Das also war es gewesen, was ihn bedrückt und gequält hatte. Es war ja traurig genug, denn er verlor in Galle seinen vertrautesten Freund, und die Sache, der er diente, erlitt einen harten Verlust, aber er hatte noch Schlimmeres zu hören befürchtet – er wußte selbst nicht, was.

»Der Herr Bürgermeister ist an der Seuche gestorben. Sie hat wieder viele befallen in den letzten Tagen«, berichtete der Torwart weiter, aber Wildefüer hörte ihn nicht mehr. Er hatte sein Roß, das dem Ansporn nur widerwillig gehorchte und müde dahintrottete, wieder in Bewegung gesetzt. Langsam ritt er die Straßen vor bis an den Platz, wo die Kreuzstraße nach links abzweigte. Dort zügelte er seinen Gaul und ließ ihn eine kleine Weile halten. Denn dort stand an der Ecke, vom Lichte der untergehenden Mondsichel grell beschienen, das Haus des Mannes, der heute verstorben war. Kein Fenster war erleuchtet. Es mochte wohl niemand die Totenwache halten bei einem, den die Seuche hinweggerafft hatte. Wer hätte es auch tun sollen? Angehörige hatte er nicht mehr besessen, nachdem sein einziger Sohn im vorigen Jahre plötzlich gestorben war. Er war der Letzte seines Stammes gewesen, mit ihm erlosch das Geschlecht der Galles, das so lange Zeit in Hildesheim geblüht und der Stadt manchen Bürgermeister und Ratsherren gegeben hatte.

»Alles Rauch und Staub!« murmelte Wildefüer. Dann faltete er die Hände über dem Hals seines Pferdes und sprach ein De profundis und ein Pater noster für die Ruhe des Toten.

Als er sein Roß zum Weitergehen antreiben wollte, stutzte er und hielt noch eine Weile auf der Stelle, indem er scharf in die Nacht hinaushorchte. Wer sang denn in der Stadt um diese Stunde? Der lebhafte Wind aus dem Abend, der sich aufgemacht hatte, trug auf seinen Schwingen vereinzelte Töne an sein Ohr, und als er angestrengt lauschte, unterschied er eine ganze Reihe von Tönen. Er wußte sofort, was das bedeutete, und ritt mit zusammengepreßten Lippen die Kreuzstraße ein Stück hinunter. Aber mit einem Male verstummte das Singen.

»Es ist eine der martinischen Weisen«, dachte er. »Durch nichts fängt der vermaledeiete Mensch die Seelen so wie durch seine Lieder. Die hat ihm vor allen anderen der Teufel eingegeben, die arme Christenheit zu verführen. Das Volk ist toll darauf, sie zu singen. Irgendwo sitzen sie zusammen in einem Hause und plärren die Lieder des Wittenberger Mönches und erbauen sich daran. Was in unseren großen und schönen Kirchen gesungen und gesagt wird, ist ihnen nicht gut genug. So sie sich erbauen wollen, müssen sie in einen Winkel kriechen. Das ist die Art der Sektierer und Rottengeister. Könnt' ich doch dem Unfuge ein Ende machen! Ich werde den Wächtern befehlen, scharf Obacht zu haben und aufzupassen. Am besten wird es sein, wenn ich dem einen Preis aussetze, der die Buben aufspürt in ihren Spelunken.«

Unter solchen Gedanken bog er in die Almstraße ein. Sie lag im Schatten der Nacht, nur die Dächer der Häuser flimmerten im Mondschein.

Als er sich seinem Hause näherte, durchzuckte ihn ein Schreck. Sonst pflegte um diese Zeit alles im Schlafe zu liegen, Herrschaft und Gesinde, sofern nicht Gäste bewirtet wurden. Heute aber mußte noch jemand wach sein, denn aus dem Fenster der Diele drang ihm ein schwacher Lichtschein entgegen.

Er sprang vom Pferde und eilte auf die Tür zu, um den eisernen Klopfer zu ergreifen. Da ward sie von innen geöffnet, und der alte Valentin trat auf die Schwelle. »Ich hab's gedacht, Herr, daß Ihr es wäret«, sagte er.

»Wie kommt's, daß du noch wach bist?« rief Wildefüer.

»Ach Herr, unsere Frau liegt oben und ist sehr krank.«

Wildefüer faßte ihn mit eisernem Griff am Arme. »Was ist mit ihr?«

»Herr, es wird wohl die Seuche sein. Der Herr Oldecop war da und wollte ihr die Zehrung geben. Aber sie hat ihn nicht wollen haben.«

Wildefüer stand einen Augenblick wie erstarrt. Seine düstere Ahnung hatte ihn nicht betrogen. Es mochte wohl noch ein ganz anderes Leid über ihn hereinbrechen, als der Tod seines Freundes Galle. War seine Frau von der Seuche erfaßt worden, so hielt ihr zarter, von vielfacher schwerer Krankheit geschwächter Körper dem Angriff schwerlich stand, und sie mußte dem Tode erliegen. Zähe, kräftige Naturen widerstanden der Seuche nicht selten. Schwächliche Leute kamen kaum jemals mit dem Leben davon, und so mußte er denn auf das Schwerste gefaßt sein. Nur daß sie den Priester zurückgewiesen hatte, hielt noch ein Fünkchen der Hoffnung in ihm lebendig. Hätte sie gefühlt, es ginge mit ihr zu Ende, so hätte sie doch sicherlich nach den Tröstungen der Religion verlangt.

Mit müden, schweren Schritten stieg er die Treppe hinan. Seine Füße trugen ihn kaum. Tief atmend blieb er droben eine kleine Weile stehen und lauschte. Kein Ächzen oder Schreien drang an sein Ohr, alles blieb still, als wäre der Tod schon eingekehrt. Endlich entschloß er sich dazu, die Tür des Gemaches zu öffnen, in dem die Kranke lag.

Er sah, als er eintrat, zuerst nur Lucke von Hary, die in einem Armstuhle saß, das Haupt zurückgelehnt, die Hände über einem großen Buche gefaltet haltend. Als er näher hinzutrat, erkannte er, daß sie fest schlief. Auch seines Weibes wurde er nun gewahr. Sie lag auf dem Bette im Schatten eines Schirmes, der zwischen sie und die Kerze auf den Tisch gestellt war. Auch sie schien zu schlafen, denn sie hatte die Augen geschlossen und rührte sich nicht. Oder war sie vielleicht schon gestorben?

Mit raschen, leisen Schritten näherte er sich dem Bette und beugte sich über sie. Nein, Gott sei Preis und Lob, das Leben war noch nicht aus ihr gewichen. Er hörte ihr Atmen und faltete die Hände zu einem Dankgebet.

Dann richtete er sich auf, und sein Blick fiel auf Lucke, deren er vorher nicht geachtet hatte. Was war denn das für ein Buch, das sie im Schoße hielt? Es war ihm fremd, zu den wenigen Büchern, die er im Hause hatte, gehörte es nicht. Er trat zu ihr hin und blickte ihr über die Schultern, und seine Augen trafen auf die Worte: »Den Frieden lasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.«

Er fuhr zurück und taumelte fast. Wie kam das hierher? Es war eines der Bücher, die er zu mehreren Dutzenden auf dem Markte durch des Henkers Hand hatte verbrennen lassen. Die Stadtknechte, begleitet von Mönchen, hatten sie in den Häusern von Bürgern, die der Lutherei verdächtig waren, aufgespürt. Nun war eins davon in seinem Hause, und das Mädchen, das er vor jedem Seelengifte zu hüten geschworen, hatte darin gelesen, vielleicht sogar seiner Frau daraus vorgelesen.

Das Herz erstarrte ihm bei diesem Gedanken. Dann überkam ihn ein furchtbarer Zorn. Bis in sein Haus, bis an das Krankenbett seines Weibes drang das Gift der Ketzerei! Es war wie die Seuche, die in die Häuser kam, man wußte nicht, wie, und die man nicht fassen, nicht bannen konnte. Er hätte laut aufschreien mögen. Aber er rang mit seinem Zorn und zwang ihn nieder und riß nicht der Schlafenden das Buch hinweg, wozu er sich in der ersten Aufwallung schon angeschickt hatte, sondern er zog es vorsichtig unter ihren Händen fort, so daß sie nicht erwachte. Dann hob er es zu dem Lichte empor und schlug das Titelblatt auf, als wolle er sich Gewißheit verschaffen. Es war, wie er gefürchtet hatte, die Heilige Schrift, verdeutscht von dem großen Ketzer zu Wittenberg, und oberhalb des Titels stand in festen, klaren Zügen geschrieben:

»Dieses Buch habe ich verehrt meinem günstigen jungen Freunde Herrn Christoph von Hagen aus Hildesheim. Dr. Martin Luther.« Darunter der Spruch: »Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werk verkündigen.«

Da konnte sich Hans Wildefüer nicht mehr beherrschen. Ein lautes Stöhnen brach aus seiner Brust, und das Buch entglitt seinen Händen und fiel polternd auf den Boden.

Lucke fuhr empor und war sofort wach, als sie die glühenden Augen ihres Vormundes auf sich gerichtet sah. Sie erhob sich, und ihr Gesicht ward weiß wie Schnee, aber sie wich seinen Blicken nicht aus. Hochaufgerichtet stand sie ihm gegenüber.

Er war so völlig fassungslos, daß er erst nach einigen Augenblicken Worte fand. »Wie kommt das hierher?« zischte er.

»Ich habe es hergebracht.«

»Was wolltest du damit tun?«

»Ich habe darin gelesen.«

»Hast du der Muhme vorgelesen?«

»Nein«, sagte Lucke nach einigem Zögern. Sie sprach die Unwahrheit, aber sie wollte die Kranke schonen, alle Schuld auf sich nehmen.

Da klang es leise, aber deutlich vernehmbar von dem Bette her: »Lucke, liebes Kind, gehe hinaus! Ich habe mit dem Ohm allein zu reden.«

Wildefüer stürzte, als er die Stimme seines Weibes vernahm, sofort zu ihr hin und sank vor ihrem Lager auf die Knie. Um Lucke kümmerte er sich nicht mehr. Da nahm sie die Bibel vom Boden auf und schritt schnell aus dem Gemach.

»Gott sei Dank, du lebst!« rief Wildefüer. »Und so er will, wirst du leben. Und so du aufkommst von dieser Krankheit« – er erhob sich und streckte die Rechte zum Schwur empor – »so du dich unserer erbarmst, schmerzensreiche, gebenedeiete Mutter Gottes, so will ich dir ein Kirchlein stiften, in dem dein Name gepriesen werde. Das gelobe ich und will's halten, so wahr mir Gott helfe!«

Die Kranke schwieg eine Weile, dann sagte sie ebenso leise wie vorher: »Du wirst dieses Eides bald quitt sein, lieber Mann, denn ich werde nicht leben, sondern bald sterben. Aber ich danke Gott, daß ich nicht sterben mußte, dieweil du fort warst. Ich muß dir etwas sagen, ich kann nicht anders, ich will mit der Lüge nicht von dir gehen. Hätte ich den Mut gehabt, so hätte ich dir's längst gesagt. Aber ich hatte den Mut nicht und konnt's nicht über mich gewinnen, dich auf den Tod zu betrüben.«

Wildefüers Antlitz ward fahl. »Mette, du bist doch nicht –? Nein! nein!« schrie er auf, »nur das nicht! Großer Gott, nur das nicht!«

Frau Mette war zurückgesunken. Ihr Angesicht glich jetzt ganz dem einer Toten.

»Mette!« schrie er noch einmal. »Sage nein! Sage, daß es nicht wahr ist!«

Sie schlug die Augen auf und sah ihm mit klaren Blicken ins Gesicht. »Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater«, murmelte sie. Dann kamen stoßweise die Worte aus ihrem Munde: »Ich kann nicht anders – ich stehe bald vor Gottes Richterstuhle – ich muß es dir sagen, sonst erbarmt sich der Heiland meiner nicht – ich bin eine heimliche Lutherin gewesen und gehe in diesem Glauben hinüber. Jesu, du Sohn Gottes, erbarme dich meiner!«

Damit schloß sie die Augen. Es war totenstill im Zimmer. Wildefüer stand regungslos. Die beiden mächtigen Fäuste hatte er gegen die Brust gepreßt, aus seinem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen. Starr, mit unnatürlich weit geöffneten Augen schaute er auf sie nieder, als erblicke er etwas Grauenhaftes.

Allmählich aber wich der Ausdruck des Entsetzens aus seinen Zügen und machte dem des höchsten Schmerzes Platz. Als sie wieder die Augen zu ihm emporhob, sah sie seinen Blick so voller Gram auf sich gerichtet, daß ihr Herz noch einmal vor Leid aufwallte. »Vergib mir! Vergib mir!« flehte sie. »Ich kann ja nicht anders. Die Wahrheit Gottes hat mich überwältigt.«

Da kniete er wieder vor ihrem Bette nieder und redete mit ihr, sanft und mild, wie ein Vater oder eine Mutter redet mit einem verirrten Kinde, und die Worte, die er zu ihr sprach, drangen herauf aus den Tiefen seiner Seele. »Nicht Gottes Wahrheit hat dich überwältigt, meine Mette, der Teufel hat dich zu verblenden gewußt. Er trachtet ja nach den Seelen der besten Menschen. Du bist in eine schwere Sünde verfallen, aber du kannst Vergebung finden, so du nun umkehrst. Ach, Mette, liebste Mette, ich sehe deine Seele in großer Gefahr! Laß mich den Priester holen, damit er dir deine Sünde vergibt im Namen des Gekreuzigten! Sonst gehst du ewig verloren.«

Die Kranke schüttelte schwach den Kopf. »Laß mich doch in Frieden sterben. Ich gehe zu Jesus«, murmelte sie.

Da rutschte er auf den Knien ganz nahe an sie heran und erfaßte ihre Hand, und seine Rede wurde zum heißen, inbrünstigen Flehen: »Mette, du weißt es, ich habe nie einen Menschen so liebgehabt wie dich. Ich bin dir auch immer treu gewesen, und wenn einmal meine Sinne mich hinrissen zu einem anderen Weibe, ich habe doch stets widerstanden. Denn du warst meine Liebe ganz allein. So sollt' es auch bleiben in Ewigkeit. Da drüben hofft' ich dich wiederzufinden, um mit dir weiterzuleben. Nun willst du mir meine große Hoffnung nehmen! Denn lösest du dich von der Kirche, so gehörst du dem Teufel. Außer der Kirche ist kein Heil! Dann bin ich allein in der Ewigkeit, und wie kann ich da selig sein? Tue mir das nicht an, Mette! Bei Gottes Barmherzigkeit bitte und beschwöre ich dich: Kehre zurück zu unserem alten, heiligen Glauben! Laß uns den Priester holen, damit du kannst selig werden!«

Als sie ihn so flehen hörte und seinen Blick mit dem Ausdruck qualvoller Verzweiflung auf sich gerichtet sah, da zerbrach die Kraft des sterbenden Weibes. »So hole ihn!« hauchte sie. Dann schwand ihr das Bewußtsein.

Wildefüer sprang zur Tür und schrie ins Haus hinunter: »Valentin! Sofort zu Herrn Oldecop. Er soll kommen mit dem heiligen Sakrament!« Dann warf er sich wieder vor dem Bette auf die Knie und betete und stammelte wirre Worte.

Eine Viertelstunde später trat der Dechant in das Gemach. Er kam gerade noch rechtzeitig genug, um ihr die letzte Ölung zu erteilen, mußte aber dann sogleich an ein anderes Sterbebett eilen, denn in dieser Nacht ging der Tod um in Hildesheim und forderte viele Opfer. Als er am Vormittage wiederkam, war alles vorüber. Frau Mette lag still und weiß in ihren Kissen und schlief den ewigen Schlaf, und der Bürgermeister war wieder vor ihrem Lager niedergesunken.

Oldecop machte über der Leiche das Zeichen des Kreuzes. Dann beugte er sich zu dem Bürgermeister nieder und rührte ihn an der Schulter. »Herr und Freund!« sagte er. »Gott hat Euch schwer heimgesucht. Ich traure mit Euch und bete, er möge Euch mit seinem Trost erfüllen, daß Ihr es tragt, wie es einem Christen geziemt.«

Als Wildefüer keine Antwort gab und ohne sich an seine Worte zu kehren, liegenblieb, setzte er hinzu: »Ich hatte schon gestern abend gehört, wie krank sie sei, und war hier, um sie mit dem heiligen Sakrament zu versehen. Da hat sie mich abgewiesen – sie hat wohl nicht geahnt, daß der Tod ihr so nahe sei.«

»Sie ist als katholische Christin gestorben«, sprach Wildefüer, indem er sich erhob. »Sie ist als katholische Christin gestorben«, wiederholte er überlaut und in so drohendem Tone, daß Oldecop erschrak. »Der Mann ist nicht bei sich«, dachte er und erwiderte: »Gewißlich ist sie das. Gott wird ihr die ewige Ruhe geben und das ewige Licht ihr leuchten lassen.«

»Amen«, sagte Wildefüer. »Und nun waltet Eures Amtes!« Er sank von neuem neben dem Bette auf die Knie – und der Priester begann das Totengebet.


Am Tage nach ihrem Tode um die Mittagszeit wurde der Sarg Frau Mettes in die Sankt Andreas-Kirche übergeführt, um dort feierlich beigesetzt zu werden. Alle Männer und Frauen der angesehenen Stadtgeschlechter, soweit sie nicht selbst einen Toten im Hause liegen oder einen Kranken zu pflegen hatten, folgten der Leiche nach. Vor allem aber war der Andrang des gemeinen Volkes ungeheuer, denn die Hingeschiedene war den Armen eine Wohltäterin gewesen, so wie sie selten gefunden werden, eine, die nicht nur mit Spenden und Geschenken wohltut, sondern auch mit Blicken, Worten und Gebärden. Jedermann hatte die stille, freundliche Frau liebgehabt, und so erfüllte die riesige Halle der Kirche ein solches Weinen und Schluchzen, daß die Stimme des Priesters, der die Gebete las, kaum zu vernehmen war. Hans Wildefüer schritt hinter dem Sarge her wie ein völlig gebrochener Mann, tiefgesenkten Hauptes und mit unsichern Tritten, geführt von seiner Tochter Gesche und seinem Eidam Tilo Brandis. Er weinte und schluchzte nicht wie die anderen, und keine Träne rann ihm über die Wange, aber als der Sarg in die Gruft hinabgelassen ward, brach er zum tödlichen Erschrecken der Seinen bewußtlos zusammen. Erst nach einigen Minuten erholte er sich und vermochte es, die drei Hände voll Erde in das Grab hinabzuwerfen. Dann wandte er sich um und schritt mit versteinertem Antlitz, ohne rechts und links zu blicken, durch das Volk, das ihm scheu und ehrfürchtig auswich, aus der Kirche hinaus seinem Hause zu. Dort schloß er sich ein und kam nicht wieder zum Vorschein, aß nicht und trank nicht und antwortete auch nicht, als seine Tochter mit ihrem Manne noch einmal erschien und ihn flehentlich bat, zu ihnen herauszukommen.

»Ach Gott, er hat sich wohl ein Leids angetan. Wir müssen die Tür aufbrechen lassen«, rief sie endlich unter Tränen, als alles Rufen und Klopfen vergeblich war. Aber Tilo Brandis schüttelte den Kopf. »Da kennst du deinen Vater schlecht. Der tut sich nimmermehr ein Leids an. Er will allein sein, kann die Menschen jetzt nicht ertragen. Du weißt doch, er war immer anders als andere Leute. So ist er eben auch in seinem Schmerz anders. Laß ihn nur in Ruhe. Mit der Zeit wird sich sein Kummer schon sänftigen.«

»Ja, so bist du. Das ist ganz deine Art«, schmollte Frau Gesche ärgerlich. »Abwarten! Abwarten! Das ist dein drittes Wort.«

»Das ist es auch, und hier ist es ganz am Platze«, erwiderte der Ratsherr ruhig. »Was willst du bei deinem Vater? Ihn trösten? Das vermag jetzt keines Menschen Wort. Laß die Wunde sich ungestört ausbluten. Um so schneller wird sie vernarben. Komm, laß uns heimgehen.«

»Ach!« rief Gesche, und sich an einen Türpfosten lehnend, brach sie in Tränen aus. »Mir ist es, als könne ich heute nicht aus dem Hause gehen, als müsse ich hierbleiben. Mir ist es, als müsse sie jeden Augenblick aus der Tür hier treten.«

Während sie noch sprach, öffnete sich die Tür, und Lucke erschien auf der Schwelle. Sie streckte Gesche die Hand hin und sagte: »Ich durfte nicht mit zur Leiche deiner Mutter gehen, aber ich will dir doch sagen, daß mich ihr Tod herzlich betrübt hat, und daß ich mit dir traure.«

»Du durftest nicht zur Leiche gehen?« rief Gesche erstaunt. »Warum nicht? Wer verwehrte dir's?«

»Dein Vater hatte mir's verboten.«

»Mein Vater? Aber warum denn?«

Lucke schlug die Augen nieder und erblaßte. »Ich darf dir's nicht sagen. Dein Vater hat mich lassen geloben, daß ich es niemand solle sagen, bevor er selber mit mir darüber gesprochen habe.«

Betroffen blickte Gesche sie an, und auch ihr Mann machte ein verwundertes Gesicht. Was war denn das? Sollte etwa – in Gesche stieg ein häßlicher Verdacht auf, und sie fragte hart und hastig: »Du hast doch nicht der Mutter noch etwas Unliebes angetan vor ihrem Ende? Oder bist du aus dem Hause gewischt und hast sie allein gelassen, wo du doch wachen solltest?«

»Nein, bei Gott nicht!« rief Lucke. »Ich habe ihr nur Gutes getan nach ihrem eigenen Wunsch und Willen und bin nicht eher von ihrem Lager gewichen, als bis dein Vater mich hinwegtrieb.«

»Und warum hast du uns nicht zurückgerufen? Ich kann mir's doch nie vergeben, daß ich nicht da war, als meine Mutter starb!« rief Gesche und begann von neuem zu weinen.

»Deine Mutter hatte mir's streng verboten. Sie meinte nicht, daß sie sterben müsse, und wollte dich nicht beunruhigen und erschrecken.«

Gesche weinte heftiger. »Das zeigt mir so recht ihr liebreiches Herz. So war sie allzeit. Aber sie hat mir dadurch für immer einen Stachel ins Gemüt gesenkt. Ach, daß die Menschen einander so viel Weh zufügen durch allzu große Rücksicht und Güte!«

»Und wenn sich doch die Menschen nicht alle möglichen Gedanken machen wollten, die sie sich gar nicht zu machen brauchten!« warf ihr Mann ein. »Was kannst du dafür, daß deine Mutter so schnell gestorben ist? Konnte das einer von uns ahnen? Wie kann das also ein Stachel in deinem Gemüte sein?«

»Das verstehen die Männer nicht,« entgegnete Gesche empfindlich, »du bist nicht anders als alle die andern. Ich meine, du hast nur Eile, heim zu kommen, damit du dich an den Tisch setzen und Schweinefleisch mit Erbsen essen kannst.«

»In Wahrheit,« erwiderte der Ratsherr, »ich habe einen mächtigen Hunger.«

»Siehst du. Sogar wenn ihr voll Trauer sein solltet, habt ihr Männer keinen anderen Gedanken, als wie ihr essen und trinken möget. Ich rühre heute keinen Bissen an.«

»Das halte, wie du willst. Mir soll einmal einer verdenken, daß ich Hunger habe. Bin gestern vor dem Essen von Hannover abgeritten und war doch deshalb mit hinübergefahren, auf daß ich dem verdammten Fasten hier entrönne. In Hildesheim wird man ja schon gestraft, wenn man auch nur Käse ißt am Freitag, und man ist nie sicher, ob einen nicht jemand anzeigt beim Rate, so man sich darüber hinwegsetzt. Mir als Ratsherrn wäre das besonders ärgerlich. Heule nun habe ich, in der Eile und Aufregung kaum ein paar Bissen gegessen.«

»Mir ist's auch so gegangen, Lieber. Aber mir läßt auch die Trauer gar nicht den Wunsch danach aufkommen.«

»Je trauriger ich bin, um so hungriger bin ich«, versetzte der Ratsherr hartnäckig. »Komm heim.«

»Ich komme ja – Lucke,« wandte sie sich an die Jungfrau, »wenn etwas mit Vater geschehen sollte, kommst du sogleich zu uns! Ich bitte dich!«

Jetzt ward Herr Tilo Brandis aber ernstlich ungehalten über seine liebe Frau. »Du stellst dich an wie eine« – er verschluckte noch beizeiten das Wort, das er auf der Zunge hatte, denn er wußte, wie sehr sie den Vergleich übelnahm mit den Vögeln, die er gebraten über alles schätzte. »Was denkst du von deinem Vater! Hältst du ihn für ein schwaches Weib? Er ist stärker denn wir alle. Entschlage dich der dummen Gedanken und komme mit mir.«

Seufzend folgte Frau Gesche der Weisung ihres gestrengen Eheherrn, aber am Nachmittage erschien sie wiederum und vor Dunkelwerden noch einmal, um nach ihrem Vater zu fragen. Aber Hans Wildefüer ließ sich nicht sehen.

In der Frühe des nächsten Morgens rüstete sie sich eben zum Ausgehen, um den Versuch zu wiederholen, da sah sie von ihrem Fenster aus zu ihrer großen Freude ihren Vater über den Markt gehen. In Hildesheim standen die Leute mit den Hühnern auf, und so waren die Ratssitzungen häufig auf sechs Uhr am Morgen angesetzt, und heute sollte ja, wie sie gestern gehört hatte, eine stattfinden.

»Tilo,« rief sie, die Tür zur Schreibstube ihres Mannes aufreißend, »sieh zum Fenster hinaus! Dort geht der Vater in den Rat! Das hätt' ich nimmer gedacht, daß er das heute vermöchte!«

»Siehst du!« sagte der Ratsherr. »Wer hatte recht? Wer kennt deinen Vater besser? Aber das Donnerwetter! Ist's schon so weit? Da muß ich gleich hinüber. Schnell bürste mir das Barett ab!«

Er legte eilig das Buch, das vor ihm auf dem Tische lag, in einen Wandschrank. Das war ein dicker, in Schweinsleder gebundener Band. Herr Tilo Brandis hatte nicht etwa darin gelesen, sondern in ihm aufgezeichnet, was am vorhergehenden Tage in der guten Stadt Hildesheim sich ereignet hatte, und was ihm von den Händeln des Reichs und der Kirche zugetragen worden war. Dazu benutzte er stets die früheste Stunde des Tages. So hatte schon sein Vater getan, der große Bürgermeister Henning Brandis, der einst vor vielen Jahren in der Stadt Herr gewesen war, wie jetzt Hans Wildefüer, und dann so bitteren Undank und so tiefes Herzeleid von seinen Mitbürgern hatte erfahren müssen und erst im Alter zur Aussöhnung mit der Stadt gekommen war.

Neben des Vaters Buch stellte nun der Sohn das seine und schritt dann hinüber in das Rathaus. Seinen Schwiegervater sah er im Gespräch mit Harmen Sprenger die Freitreppe hinaufgehen, und er folgte ihm eilig.

Der Rat und die Vierundzwanzig, die Sprenger als Vertreter des verstorbenen Bürgermeisters Galle noch am Abend des gestrigen Tages hatte laden lassen, begaben sich zunächst in die kleine Kapelle neben dem Festsaale. Dort wurde nach altem Brauche eine Messe angehört, bevor die Sitzung begann. Brandis, der heimlich in Luthers Schriften las und in der Bibel, bedachte sich keinen Augenblick, daran teilzunehmen. Sie war zwar in seinen Augen eine verwerfliche Zeremonie, die man lieber hätte abschaffen sollen, er jedoch wollte nicht dagegen auftreten. Das mochten andere tun. Aber die taten es auch nicht.

Vor dem kleinen Altar standen die Stühle der worthabenden Bürgermeister, alle anderen mußten stehen, und sie standen dicht beieinander. Der eine Sitz war leer. In dem anderen saß Hans Wildefüer, finster und starr vor sich hinblickend. Mancher entsetzte sich über seinen Anblick, denn er sah aus, als sei er um Jahre gealtert.

Nachdem die heilige Handlung vorüber war, schritten die Ratsherren paarweise hinüber zu dem Sitzungszimmer. Es lag an der Nordseite des Prunksaales, der mit den Bildern früherer Bischöfe geschmückt war. Dort ließen sie sich auf ihren wuchtigen Eichenstühlen nieder, gewärtig, daß die Sitzung sogleich eröffnet werde. Aber sie mußten lange warten, denn Wildefüer hatte Sprenger in die Bürgermeisterstube gezogen und redete dort mit ihm wohl eine halbe Stunde lang. Endlich erschienen die beiden – Wildefüer düster und gramvoll wie vorher, Sprenger, der hinter ihm dreinschritt, verlegen, gedrückt und ärgerlich, wie ein Schulknabe, der gerade vom Lehrer gescholten ward.

Wildefüer nahm seinen Platz an der Mitte des langen Tisches ein und begann: »Liebe Freunde und Ratsgesellen! Wir gedenken zuvörderst daran, daß es dem allmächtigen Gott gefallen hat, einen von uns aus dem Leben dieser Zeit abzurufen. Mein alter Freund Hinrich Galle, der mit mir Bürgermeister war so manches Jahr und dreißig Jahre lang im Rate hat gesessen, ist vor drei Tagen heimgegangen, und ihr selbst habt ihn ehegestern in Sankt Jacobi begraben. Ich konnte nicht dabei sein, sintemal ich selbst – mein Weib« – seine Stimme wurde heiser, als ob ihn etwas im Halse würge, und er mußte eine Weile seine Rede unterbrechen.

Dann hub er von neuem an: »Gott gnade seiner Seele in Ewigkeit und geb' ihm dereinstens fröhliche Urständ! Wir gedenken dankbar an das, was er für unsere Stadt getan, und wie er uns ein lieber und treuer Geselle ist gewesen und werden sein Gedächtnis in unseren Herzen wohl bewahren.«

Er machte wieder eine Pause, denn die Bewegung drohte ihn nochmals zu übermannen. Dann fuhr er mit erhobener Stimme fort: »Wir sind nicht hier, die Toten zu beklagen, so leid uns ihr Scheiden auch ist. Wir sind hier um einer großen und wichtigen Sache willen. Ich habe den Rat und die Vierundzwanzig nicht zusammengerufen. Harmen Sprenger hat's getan. Ich habe erst vor einer Stunde von meinem Knechte gehört, daß heute Ratssitzung sein sollte.«

»Du warst gestern nicht zu finden«, warf Sprenger kleinlaut ein. »Deine Tochter Brandis hat uns das selber gesagt gegen Abend, als sie von deinem Hause kam.«

»Ich tadle dich darob nicht, Harmen Sprenger«, sagte Wildefüer. »Du hast ganz recht getan. Die Sache ist gewichtig genug, um die wir beraten sollen. Es handelt sich um dies, liebe Ratsgesellen. Die von Braunschweig haben uns geschwinde Botschaft gesandt, daß wir sollten einen Prädikanten frei lassen zu ihnen zurückgehen. Den hat Burchard Meier am Mittag ergriffen in Christofer Hagens Hause. Wollen wir ihnen das zugestehen, so wollen sie uns hold und gewärtig sein. Wollen wir den Prädikanten richten nach unserem Recht, so besorgen sie, daß unser Gericht viel Irrungen werde anrichten zwischen uns und ihnen. Liebe Freunde! Vor etlichen Tagen hat mir mein Freund Hinrich Galle berichtet, da ich von Goslar heimkam, Harmen Sprenger habe einen der lutherischen Buben zum Tore hinausgelassen aus Furcht vor dem Landgrafen von Hessen, auf den jener sich berufen habe.«

»Ich habe dir gesagt, daß es nicht wahr ist«, unterbrach ihn Sprenger. »Der Galle ließ ihn vorführen, und da hat ihn der Knecht, der ihn aus dem Diebskeller heraufbringen sollte, lassen entlaufen und ist mit ihm entlaufen durch den Eselsteig in die Neustadt. Dort haben sie beide Unterschlupf gefunden, denn die Neustadt ist voll heimlicher Martinianer. So war die Sache. Und wenn Hinrich etwas anderes gesagt hat, so hat er – aber ich will über die Toten nichts Abfälliges reden!« Er warf sich, gelb vor Ärger, in seinen Stuhl zurück.

»So kann es ein Irrtum Hinrichs gewesen sein«, sagte Wildefüer. »Kein Irrtum aber war es doch wohl, daß du geäußert hast, wir sollten froh sein, daß er entwischt wäre, denn dadurch wären wir Händeln und Spänen mit dem Landgrafen entgangen, und wir sollten sehen, wohin wir mit unserer Dickköpfigkeit kämen. Die Stadt müsse sonst die Zeche für uns bezahlen.«

»Das habe ich gesagt,« knurrte Sprenger, »und es muß auch einmal heraus: Wir werden aller Welt zuwider durch unsere strengen Gesetze. Der Hesse ist uns schon längst nicht grün, weil wir damals den Lister, seinen Pfaffen, haben ins Gefängnis geworfen und dann mit Unehre durch den Henker haben aus der Stadt gebracht. Jetzt kommen die Braunschweiger, bitten uns, wir sollen ihren Mann entlassen, der bei uns gefangen sitzt. Wollen wir uns dessen weigern? Laßt doch den armseligen Buben laufen! Stäupt ihn meinetwegen vorher, dann jagt ihn fort! Soll wegen eines Lumpen, der nicht drei Gulden in seinem Beutel hat, der Unfrieden ausbrechen zwischen uns und Braunschweig? Freunde sind wir schon nicht mehr. Sollen wir Feinde werden? Fort mit dem Menschen! Laßt ihn laufen, soweit der Himmel blau ist! Das ist mein Rat.«

Wildefüer richtete sich hoch auf. »Dem widerspreche ich«, rief er. »Kannst du leugnen, Harmen Sprenger, daß ein Schuhknecht die Seuche hat eingeschleppt in Goslar, woran viele hundert Menschen gestorben sind?«

»Nein, das soll ja wohl wahr sein.«

»So kann ein einzelner geringer Mann Tod bringen über eine ganze Stadt, und er kann noch Schlimmeres bringen. Denkt an die Greuel von Münster! Wer sind die Leute gewesen, die dort das Königreich Zion aufgerichtet hatten? Große, vielmögende Herren? Nein, Schneider- und Bäckerknechte, so von außen her in die Stadt gewandert waren. Meine nicht, Harmen Sprenger, daß nur Leute etwas in der Welt vermögen, die viele tausend Gulden in ihrem Kasten haben. Hirn und Mund richten oft viel größere Dinge aus als die größte Geldkatze.«

Über die Gesichter vieler der Ratsmannen flog bei diesen Worten ein verständnisvolles Grinsen. Sie kannten den unbändigen Stolz Sprengers auf seinen großen Reichtum, hatten sich manchmal darüber geärgert und gönnten ihm den Hieb. Andere zogen die Stirne kraus. Sie gehörten zu den Anhängern Wildefüers, waren aber auch Sprenger befreundet oder verpflichtet, und Mißhelligkeiten zwischen den zweien wären ihnen sehr unlieb gewesen. Sie dachten schon daran, Sprenger auf den Bürgermeisterstuhl zu erheben, den Hinrich Galle innegehabt hatte. Der Ratsherr selber suchte sich den Anschein zu geben, als fühle er sich nicht im geringsten getroffen. Aber sein Gesicht ward noch bleicher und gelber als vorher, und seine Blicke fuhren unruhig umher. Hatte ihn schon gewurmt, was ihm Wildefüer unter vier Augen gesagt hatte, so kränkten ihn jetzt seine Worte noch mehr, ja, sie erbitterten ihn im Innersten und sanken in sein Herz als Keime, aus denen wohl einst eine böse Saat entsprießen mochte.

Als der Bürgermeister die Gesichter ringsumher ansah, erschrak er, denn er hatte Sprenger nicht eigentlich beleidigen wollen. Er kannte seine große Empfindlichkeit und seinen lange nachtragenden Sinn und wußte, daß er ihm das nicht leicht vergeben werde. Aber er fühlte auch, daß jedes Wort der Entschuldigung die Sache nur ärger gemacht hätte, und daß es am besten war, schnell darüber hinwegzugehen. Daher fuhr er sogleich fort: »Solch ein Mann vermag wohl, wie wir gesehen haben an Jan Bockelson in Münster, Blut und Tränen zu bringen über eine ganze Stadt und mag einen Sturm erregen, der die Regenten von ihren Stühlen wirft. Und weil wir das wissen, haben wir jedem Prädikanten bei schwerer Leibesstrafe unsere Stadt verboten. Und weil wir das verboten haben, so müssen wir auch auf das Verbot halten. Sonst werden wir der Welt zum Gelächter. Wem unser Stadtrecht nicht mehr paßt, der mag draußen bleiben. Wer aber hereinkommt, tut's auf eigne Gefahr. Wir können nicht – Was gibt's?« wandte er sich an den städtischen Rottenführer Dickens, der die Tür aufstieß und den Kopf hereinsteckte.

»Herr, er steht unten in der Laube«, meldete er.

»Es ist gut. Bewahre ihn und führe ihn herein, wenn ich dir's sage«, gebot Wildefüer, und als ihn etliche fragend anblickten, sagte er: »Ich habe einen laden lassen. Ihr werdet es nachher gewahr werden. Zuvor aber laßt mich ausreden. Wir können nicht, so wollt' ich sagen, den einen laufen lassen, weil er ein Hesse ist, und der Landgraf könnte zürnen, den anderen, weil er ein Sachse ist, und der Kurfürst könnte ein schiefes Gesicht ziehen. So können wir auch denen von Braunschweig nicht zu Willen sein. Liebe Freunde und Ratsgesellen! Ich will nicht, daß der Mann gepeinigt wird, darin wollen wir den Braunschweigern nachgeben, denn darum bitten sie insonderheit. Aber ohne ernstliche Strafe darf er nicht bleiben. Wollt Ihr ihn laufen lassen, so ändert zuvor unser Stadtrecht. Du, Harmen Sprenger, du, Hans Spalder, und du, Burchard Meier, Ihr habt ihn ja gestern verhört, wie mir Sprenger sagte, und er hat nicht geleugnet, daß er ein lutherischer Prädikant sei, und hat gesagt, er habe in der Neustadt zu tun gehabt. Er hat auch nicht abgeleugnet, daß er wußte, wie wir mit seinesgleichen verfahren. So bin ich dafür, daß wir ihn ein halbes Jahr im Diebskeller gefangenhalten und dann vom Meister Nachrichter lassen aus der Stadt führen, damit er das Wiederkommen vergesse.«

Die Mehrzahl nickte und murmelte Beifall. »Zum Teufel!« rief Eckhard Unverzagt und schlug auf den Tisch. »Der Bürgermeister hat recht. Unsere Gesetze müssen gelten für jedermann! Wer sie außer acht setzt, der mag daran glauben.«

»Wer gegen meinen Wunsch und Antrag ist, der hebe die Hand empor!« rief Wildefüer.

Harmen Sprenger hob die Hand, drei oder vier andere folgten ihm zögernd. Des Bürgermeisters Antrag war mit großer Mehrheit angenommen.

»Wir wollen das den Braunschweigern schreiben«, sagte er. »Sie werden dann eine weitere Supplik an uns richten, auf die wir nach gemessener Zeit antworten. So gehen die Wochen dahin. – Nun aber, liebe Freunde, haben wir noch ein Ding, und das gegen ein Kind unserer Stadt. Den Prädikanten habe ich gar nicht lassen vorladen. Er war seiner Schuld geständig, auch ist an solchen Leuten nichts gelegen. Nun ist aber der Bube betroffen worden in Christof Hagens Hause, und Ihr kennt unser Gesetz: Wer einen Sekten- und Winkelprediger atzt oder tränket, hauset und hofet und übergibt ihn nicht allsogleich der Gerechtigkeit, der hat auf einige Zeit aus der Stadt zu weichen. Daran ist ja nicht zu deuteln und zu rütteln. Die Länge der Zeit aber zu bestimmen, steht bei uns. Darum, wenn's Euch gefällt, wollen wir ihn verhören, auf daß wir erkennen mögen, wie schuldig er ist. Kurt Bödecker, ich bitte dich, führe ihn herein!«

Eine Minute später stand Christof von Hagen vor dem Rate. Er neigte das Haupt kaum merklich vor den hochmögenden Herren, dann hob er es hoch empor und blickte dem Bürgermeister steif ins Gesicht. Wildefüer hatte ihn gestern tief gekränkt und erbittert, denn auf seine Bitte, sein Einlager aufzuheben, auf daß er mit zu Frau Mettes Begräbnis gehen könne, hatte er ihn abschlägig beschieden. Jetzt aber, als er bemerkte, wie bleich und vergrämt der Bürgermeister aussah, wollte ihn fast ein Mitleid ankommen. Es verschwand indessen sogleich, als Wildefüer zu reden anhub, denn seine Stimme klang so hart und befehlerisch, wie er sie schon einmal gehört hatte, als sie ihn vor zwei Jahren von der Heimat schied.

»Christof Hagen,« begann der Bürgermeister, »es ist ein lutherischer Prädikant in deinem Hause ergriffen worden. Was wollte der Mann bei dir?«

»Er ist mein Freund und wollte mich besuchen«, antwortete Hagen kurz.

»Wußtest du, daß es Hildesheimer Bürgern verboten ist, solche Leute in ihrem Hause zu dulden?«

»Ja.«

»Wußtest du auch, daß unser Stadtrecht gebietet, die Winkelprediger allsogleich, wenn man ihrer habhaft werden kann, dem Gericht des Rates zu überliefern?«

»Ja.«

»Warum hast du es nicht getan?«

»Ich könnte ja sagen, es blieb mir keine Zeit dazu. Burchard Meier mit seinen Leuten kam in mein Haus, als Fricke, der Prädikant, kaum eine Viertelstunde bei mir war. Aber sagt' ich das, so wär's eine Lüge und Ausrede. Nein, ich sage Euch ehrlich: Ich wollte nicht tun nach Euren gottlosen Geboten, sondern wollt' ihn herbergen bei mir und ihm dann zur Stadt hinaushelfen.«

Von verschiedenen Seiten wurden Ausrufe der Verwunderung laut, auch einzelne Flüche wurden hörbar. Dieser Hagen zeigte eine Kühnheit, die fast schon Frechheit zu nennen war. Der alte, etwas schwerhörige Ratsherr Harmen Willmar, der am Ende des langen Tisches saß, stand auf und begab sich hinter den Stuhl des Bürgermeisters, um kein Wort zu verlieren.

Wildefüer blieb ganz ruhig, aber die Hand, die er auf den Tisch gestemmt hatte, zitterte merklich, und eine heiße Röte stieg ihm in die Stirn. Auch seiner Stimme war die innere Erregung anzumerken, als er nun sagte: »Warum nennst du unser Gesetz gottlos?«

Hagen stockte einige Augenblicke. Was er jetzt sagen wollte, mußte einen Sturm gegen ihn entfesseln, und Gott allein konnte wissen, was für Folgen er haben mochte. Aber dann kam etwas über ihn wie ein Rausch, wie eine wunderbare Trunkenheit der Seele. So ähnlich mußte es wohl den ersten Zeugen Christi zumute gewesen sein, als sie der Geist antrieb, ihren Herrn zum ersten Male frei zu bekennen vor aller Welt, und sie mit Zungen redeten und die ungläubigen Juden spottend riefen: »Sie sind voll süßen Weines.« Er trat hart an den Tisch heran und rief mit lauter Stimme: »Gottlos nenne ich dieses Gebot, weil es gerichtet ist gegen die Zeugen der heilsamen und seligmachenden Wahrheit. Ihr Männer von Hildesheim, heute, da Ihr Gottes Stimme höret, so verstocket Eure Herzen nicht! Wahrlich, der Herr hat mir geboten. Euch zu sagen, daß Ihr auf einem falschen Wege seid, und Euch zu weisen auf den Weg des Lebens. Denn es gibt nur einen Weg, der zu Gott führt und zur ewigen Seligkeit: Das ist Gottes Wort, die Heilige Schrift. Alles andere ist Menschenwitz und Menschentrug, und wer sich darauf verläßt, der fährt ins Verderben. Und Gott hat gesandt einen Propheten seinem Volke, der es führen und leiten soll zu dieser Quelle der göttlichen Wahrheit: Doktor Martinus Luther.«

Bis hierher hatte man ihn reden lassen. Jetzt aber brach ein Tumult los, der unbeschreiblich war. Nicht einer der Männer blieb auf seinem Sitz. Die Ratsherren fuhren von ihren Stühlen, die Vierundzwanzig von ihren Bänken auf, und die meisten schrien und brüllten durcheinander. Einige schrien nicht mit. Die Zunge schien ihnen vor Schrecken und Erstaunen stillzustehen, und in den Blicken von vieren oder fünfen hätte Hagen nicht Grimm und Entrüstung lesen können, sondern eher Bewunderung über seine unerhörte Kühnheit, wenn er darauf geachtet hätte. Die große Mehrzahl aber tobte und lärmte und bedrohte ihn mit Fäusten, und der alte Burchard Meier gebürdete sich gar wie ein Unsinniger. Er sank auf seinen Sitz zurück, trampelte mit den Füßen, schlug sich gegen die Brust, knirschte mit den Zähnen und stieß schrille Schreie aus.

Hans Wildefüer, dem sich schließlich aller Augen zuwandten, stand aufrecht und starr in dem tobenden Haufen und sah Hagen unverwandt ins Gesicht. Er schrie nicht gegen ihn wie die anderen. Im Anfang war auch er aufgefahren in Zorn und Grimm, aber dann hatte sich der Ausdruck seines Antlitzes gewandelt, und nun ruhte sein Blick eiskalt auf ihm, voll der tiefsten Verachtung.

»Freunde und liebe Herren!« rief er, als der Lärm sich gelegt hatte. »Es gelüstet wohl keinen unter uns, mehr von den Lästerungen zu hören. Wir bedürfen keines weiteren Zeugnisses. Christof von Hagen, tritt hinaus auf den Saal! Kurt Bödecker, geleite ihn!«

Hagen trat aus dem Sitzungszimmer hinaus in den großen Festsaal, wo die Stadtknechte unter ihrem Rottenführer seiner harrten. Er dachte an den Spruch der Heiligen Schrift: »Sie gingen aber fröhlich von des Rats Angesichte, daß sie würdig gewesen, gern um seines Namens willen Schmach zu leiden.« So war ihm zumute. Er hatte für Christus und seine Wahrheit gezeugt und fühlte sich wunderbar gehoben. Daneben wunderte er sich über den Bürgermeister. Lucke hatte ihm durch einen heimlichen Zettel kund getan, daß seine Bibel in Wildefüers Hände gefallen sei. So hatte er denn erwartet, auch deshalb angeklagt zu werden, denn auf den Besitz ketzerischer Schriften stand nach Hildesheimer Stadtrecht schwere Strafe. Aber Wildefüer hatte das gar nicht erwähnt. Wahrscheinlich wollte er nicht, daß zur Sprache kam, wozu diese Bibel in sein Haus gekommen war. Hagen wußte durch Luckes Zettel, daß Frau Mette vor ihrem Sterben aus Luthers Bibel Trost geschöpft hatte. Es mochte wohl dem Bürgermeister wie eine Schmach erscheinen, wenn das ruchbar wurde. Deshalb schwieg er darüber. Ob er wohl deshalb auch einige Milde walten ließ bei dem Spruch, den er jetzt da drinnen mit seinen Freunden über ihn fällte?

Es dauerte geraume Zeit, bis ihm darüber Gewißheit ward. Nach seinem Abgange war eine tiefe Stille eingetreten. Wildefüer hatte sich auf seinen Sitz niedergelassen, als wäre er von einer plötzlichen Erschöpfung übermannt. Von den anderen redete keiner, denn jeder wollte erst hören, was der Bürgermeister sagen würde.

Der erhob sich endlich. »Liebe Ratsgesellen,« begann er mit einer Stimme, die seltsam tonlos und matt klang, »so ist denn Christof von Hagen von unserem heiligen Glauben abgefallen. Ich wußt' es schon, und es hat mich nicht überrascht. Aber es tut mir leid und schmerzt mich sehr. – Nun haben wir darüber zu befinden, wie lange er von der Stadt Frieden soll geschieden sein.«

»Nein!« rief Burchard Meier, »der Bube darf nicht aus der Stadt. Er hat frei und öffentlich bekannt, daß er ein Ketzer ist. So gehört er unter des Bischofs Gericht. Der mag ihn brennen!«

Hier erhob sich von mehreren Seiten her ein Brummen des Mißfallens. »Bischof Valentin ist nicht daheim!« rief Hans Kill. »Er reist vom Kaiser zum Papst und vom Papst zum Kaiser und von Pontius zu Pilatus, weil er das Land wiederhaben will, das ihm der Kaiser abgesprochen hat nach der Fehde ums Stift vor zwanzig Jahren.«

»Und wäre er zehnmal daheim, so dürften wir ihm doch keinen von unseren Bürgern ausliefern«, schrie laut der dicke Hinrich Ungemach, und trotzig auf den Tisch schlagend, fügte Leuthold Lüdecker hinzu: »Hildesheimer Bürger richten ihre Leute selber, das fehlte noch, daß wir den Bischof einladen, seine Nase in unsere Sachen zu stecken.«

»Du siehst, Burchard Meier, du findest schon hier Widerspruch«, sprach Wildefüer. »Dein löblicher Eifer für unseren Glauben treibt dich zu weit. Es war von jeher unser oberster Grundsatz, keine Herren, auch den Bischof nicht, in unsere Händel hineinzuziehen. Wichen wir davon ab, so würde die Gemeinheit schwierig, ja, es dürfte vielleicht gar zum Aufruhr kommen.«

»So soll er auf zehn Jahre aus der Stadt, darum, daß er den Glauben verleugnet hat!« schrie Burchard Meier.

»Wir haben ihn nicht zu richten, weil er gefrevelt hat wider die Religion, sondern weil er sich vergangen hat gegen Recht und Gesetz unserer Stadt«, erwiderte Wildefüer.

»Frißt dir nicht der Gram am Herzen, daß so etwas hat gesagt werden dürfen auf dem Rathause zu Hildesheim?« rief Meier zornig.

»Nicht weniger als dir«, versetzte der Bürgermeister. »Aber wenn ich richten muß in meinem Amte, so lasse ich dem Zorne nicht Raum, sondern richte nach Recht und Gerechtigkeit. Zehn Jahre sind eine viel zu harte Buße für seinen Frevel.«

»Ein halbes Jahr wäre wohl auch genug!« rief Hans Blome, erschrak dann aber allsogleich über seine große Kühnheit.

»Ein Jahr dürfte nicht zu viel und nicht zu wenig sein«, sagte der alte, wohlbeleibte Ratsherr Hinrich Ungemach, der selten, aber dann mit großer Würde sprach.

Wildefüer neigte beistimmend das Haupt. »Ich denke wie du, Gevatter. Ein Jahr, liebe Ratsgesellen, ist wohl die rechte Sühne. Was meint Ihr?«

Viele riefen Beifall, und bei der Abstimmung ergab sich, daß nur fünf dagegen waren. »So ruft ihn herein, daß er sein Urteil empfange«, sagte Wildefüer.

»Christof Hagen,« sprach er sodann, als der Verurteilte wieder vor ihm stand, »der Rat hat über dich gerichtet mit den Vierundzwanzig zugleich und weist dich auf ein Jahr aus der Stadt um deines Frevels willen. Kaum bist du eingeritten, so ziehst du wieder von dannen. Drei Tage kannst du noch weilen in der Stadt, da magst du deine Reise rüsten. Dann, wenn der vierte Morgen graut, und sie läuten zur heiligen Messe in Sankt Andreas, ziehst du zum Tore hinaus.«

Er sprach das alles, ohne ihn anzusehen, über ihn hinweg, wie in die leere Luft hinein. Als Hagen nichts erwiderte, setzte er hinzu: »Willst du zufrieden sein mit diesem Urteil oder dich dawider setzen?«

»Ich will mich nicht dawider setzen, ich reite aus der Stadt. Doch gedenke ich nicht allein zu reiten, Herr Bürgermeister. In dieser Stadt ist ein Mädchen, das mir angelobt ist –«

»Das gehört nicht aufs Rathaus!« unterbrach ihn Wildefüer schroff. »Darob stehe ich dir anderswo Red' und Antwort. Tritt ab, Christof von Hagen!«

Damit wandte er sich von ihm ab ohne Blick und Gruß. Hagen verneigte sich vor dem Rate und verließ das Haus. Als er die Freitreppe nach dem Markt hinunterschritt, sah er, daß etwa fünfzig Leute am Ratsbrunnen standen, die eiligst herankamen, als sie seiner ansichtig wurden. Es waren Meister Kuntze, Dittrich Rhüden und andere geheime Anhänger des Evangeliums, die sich erkundigen wollten, wie der Handel ausgegangen sei.

»Ich muß auf ein Jahr die Stadt meiden«, gab ihnen Christof von Hagen Auskunft. »Drei Tage, wie üblich, hat man mir bewilligt, daß ich alle meine Dinge ordne und richte, bevor ich hinausfahre. Kommt heute abend alle in den ›Schaden‹, Freunde. Dort wollen wir uns besprechen, was nun zu tun ist. Jetzt habe ich noch eine Sache vor, die keinen Aufschub leidet.«

Er reichte jedem unter ihnen die Hand und eilte dann mit schnellen Schritten durch das Tor des Knochenhaueramtshauses nach dem Hause Hans Wildefüers.

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