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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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Hans Blomes Haus lag dem Hagenschen schräg gegenüber, und so war es denn kein Wunder, daß der junge Ratsherr ein paar Minuten später erschien, um zu fragen, was geschehen sei.

»Wildefüersche Justiz!« rief Hagen bitter lachend. »Sie haben in meinem Hause einen lutherischen Prädikanten gefunden und führen ihn nun, wie das in unserem lieben Hildesheim Rechtens ist, in das Ratsgefängnis, wahrscheinlich in den Diebeskeller.«

Hans Blome sperrte seinen nicht eben kleinen Mund vor Erstaunen weit auf. »Ein Prädikant? Bist du denn – was hat er denn bei dir gewollt?«

»Er war heimlich in der Stadt und hat gehört, daß ich zurück bin. Da wollte er mich, besuchen, denn wir sind in Nürnberg Freunde geworden.«

Blome öffnete den Mund noch weiter und blickte ihn eine Weile höchlich verwundert an. »Du bist eines lutherischen Prädikanten Freund?« rief er endlich. »Bist du denn – ?«

Er wagte die Frage nicht zu vollenden, aber Christof von Hagen reckte sich hoch auf, sah ihm fest ins Gesicht und rief: »Ja, Hans, ich sage dir's offen und ehrlich, ich bin lutherisch und will auf diesem Glauben stehen mein Leben lang und in Luthers Lehre leben und sterben. – Ich hoffe, es kostet mich mein Geständnis nicht deine Freundschaft«, setzte er hinzu, als Blome zunächst keine Antwort gab. und streckte ihm die Rechte entgegen.

Hans Blome faßte sie stürmisch mit beiden Händen. »Nein, ganz gewißlich nicht«, rief er laut. »Ich will dir's sagen und bekennen: Auch ich neige Luthern zu. Du weißt, ich bin seit etlichen Monden verheiratet. Nun ist Ewert Plates Frau in der Neustadt die Muhme meiner Anna und hat sie zu dem neuen Glauben bekehrt, und sie wieder hat mich dazu vermocht, in der Heiligen Schrift und in den Schriften Doktor Luthers zu lesen.«

»Ach, daher wußte es Fricke«, warf Hagen ein.

»Wer ist Fricke?«

»Ebender Prädikant, mein Freund, den sie festgefaßt haben. Er hat es wohl von der Platenschen gehört und zählte dich mir unter denen auf, die zu Gottes Wort hielten.«

Hans Blomes Antlitz wurde mit einem Male sehr ernst. »Die Platensche Muhme sollte doch ihre Zunge ein bißchen hüten. Wenn das ruchbar wird in der Stadt, so kann mich's in große Ungelegenheiten bringen.«

»Ich meine, Fricke hat es keinem anderen gesagt als mir. Aber hätte er's gesagt, was könnte dir geschehen?«

Blome sah ihn groß an. »Das fragst du? Zum ersten, sie setzen mich aus dem Rate, und ich bin doch eben erst hineingekommen. Zum zweiten, sie durchschnüffeln mein ganzes Haus und suchen nach den verbotenen Büchern. Finden sie meine Bibel, so gnade mir Gott! Dann kann ich auf zwei, drei Jährchen aus der Stadt springen und habe doch erst vor kurzem ein Weib genommen.«

»Du wirst ein sicheres Versteck für deine Bibel haben. Nicht?«

»Das schon. Sie finden sie schwerlich. Aber es bringt Schande und üble Nachrede in der ganzen Stadt, wenn sie bei einem Manne, wie ich bin, das Haus von oben bis unten durchsuchen, wie bei Diebsgesindel. Insonderheit die Frauen nehmen sich solches gar sehr zu Herzen.«

»Warum lassen wir es uns gefallen? Warum darf bei uns jedes Bürgers Haus durchsucht werden bis in die geheimsten Winkel, wenn er verdächtig ist, der Lutherischen Lehre anzuhängen? Warum leiden wir das?«

»Weil Bürgermeister und Rat es so beschließen. Sollen wir das Schwert nehmen und uns auflehnen gegen unsere Obrigkeit? Das wäre Frevel gegen Gottes Gebot, auch würde es nichts nützen.«

»So ändert Eure Obrigkeit!« versetzte Hagen schroff.

Blome lachte. »Das heißt: Ändert Hans Wildefüer. Aber den ändert keiner, und er selber ändert sich auch nicht!«

»Widerständen ihm der Rat und die Vierundzwanzig, so könnte er gar nichts tun.«

»Ach, lieber Christof, hast du Hildesheimer Herkommen und Gewohnheit vergessen, dieweilen du in der Fremde warst? Daß drei oder vier Leute in den Rat und in die Vierundzwanzig kommen, die er nicht will, das kann er nicht hindern. Ich zum Exempel bin mit seinem Mißfallen hineingekommen, denn mir und meinem Bruder ist er nicht grün. Aber die allermeisten Ratsstühle werden immer wieder besetzt von seinen geschworenen Freunden, denn es sind ja immer wieder dieselben Leute, die den Rat und die Vierundzwanzig küren. Nur wenige kommen jedes Jahr neu hinzu. Nein, da ist nichts zu machen. Einmal wird's anders in Hildesheim, das ist an dem Tage, da der Bürgermeister gestorben ist. Eher nicht.«

»Dann könnten wir wohl noch zwanzig Jahre und länger warten, denn ist er auch stark in den Fünfzigen, so steht er doch noch in seiner vollen Kraft. So lange will ich nicht heucheln und meinen Glauben vor der Welt verbergen. So lange will ich auch nicht zusehen, wie meinen Bürgern und Landsleuten das reine Wort Gottes vorenthalten wird. Ich will auch nicht leiden, daß die Pfaffen meine lieben Bürger und Landsleute noch weiterhin pressen und aussaugen. Gehe nach Goslar, Braunschweig, Hannover, in alle Städte ringsum, da gibt es keine Pfaffen mehr, sie sind wie von der Erde verschwunden. Bei uns – daß Gott erbarm'! – man kann nicht auf die Straße gehen, ohne daß man auf einen trifft. Da gibt's allein am Dome mehr denn siebzig Kanoniker und Vikare, von denen der anderen Kirchen zu schweigen. Da hat allein das Michaeliskloster so viele Reichtümer, wie sie mancher Fürst nicht hat, von den anderen Klöstern nicht zu reden. Wieviel des Guten könnte mit dem Gelde geschafft werden, das bei uns die Pfaffen verprassen und vertun! Es jammert und verdrießt mich über die Maßen, ja, es tut mir in der Seele weh, wenn ich das bedenke!«

»Da hast du recht! Da hast du sehr recht!« erwiderte Hans Blome. »Das kann einen auch jammern und verdrießen. Aber ich weiß es nicht zu ändern.«

»Du bist ja Ratsherr«, rief Hagen. »So steht dir ein Weg offen. Stelle im Rate den Antrag, die Gemeine zu berufen und sie zu befragen, ob in Hildesheim fürderhin der alte Glaube noch gelten solle oder der neue.«

»Das hat schon einer gewagt, Hermann Varnheide. Und weißt du, was da geschehen ist?«

»Nun?«

»Sie haben ihn abgesetzt und aus dem Rate gestoßen.«

»Aber das ist ja eine unerhörte Gewalttat!«

Blome nickte. »So würde mir's auch ergehen. Hans Wildefüer will keine Berufung der Gemeinheit mehr, hat sie auch seit zehn Jahren nicht mehr berufen.«

»So handelt er wider das klare Recht und unserer Stadt beschworene Einigung. In allen gewichtigen Dingen sollen der Rat und die Vierundzwanzig die sechs Bäuerschaften berufen und befragen und also die Sache vor die Gemeinheit bringen. Erst wenn die sechs Bäuerschaften der Gemeinheit mit dem zufrieden sind, was der Rat will, erst dann ist des Rates Wille für die Bürger von Hildesheim Gesetz.«

»Aber der Rat hat da zu entscheiden, was als gewichtig Ding anzusehen ist«, warf Blome ein.

»Nun, beim Himmel!« rief Hagen, »ist wohl ein gewichtigeres Ding auf Erden als dieses, wo sich's handelt um der Seelen Seligkeit?«

»Gewißlich nicht. Aber wenn der Bürgermeister sagt, er halte die Sache nicht für gewichtig genug, und der Rat könne allein damit fertig werden und bedürfe dazu nicht der Gemeinheit, so kann ihn niemand widerlegen. Dem Buchstaben nach steht er auf dem Boden des Rechts.«

»Zum Teufel mit dem Buchstaben!« brauste Hagen auf. »Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Sieht nicht ein Kind, daß das Flausen und Vorwände sind? Er beruft die Bäuerschaften nicht, weil er weiß, es geht dann mit dem alten Glauben zu Ende. Deshalb darf sich das Volk nicht aussprechen. Aber es ist ein Recht der Gemeinheit, befragt zu werden, wenn sich's um so große Dinge handelt. Es müßte einer der Sprecher den Mut haben, die Gemeinheit zu versammeln auf eigene Hand, und dann mit dem Rate offen reden.«

»Täte das einer, so entzündete er den Stadtkrieg in Hildesheim«, entgegnete Blome nach einigem Nachdenken. »Denn der Rat gäbe nicht nach, weil Wildefüer hinter ihm steht. Das Volk gäbe auch nicht nach, weil es das Evangelium will. Das könnte ein gefährlicher Tag sein für Hildesheim. Die Altgläubigen haben doch noch einen starken Anhang, und du glaubst es wohl selber nicht, daß ein Mann wie Hans Wildefüer ohne Kampf zur Seite tritt. So flösse denn Bürgerblut in den Straßen der Stadt, und was wäre das Ende? Wohl könnte Gottes Wort so zur Herrschaft kommen, aber dabei könnt' es eine große Wandlung geben in der Stadt. Was zu oberst ist, könnte zu unterst kommen, und von unseren Stühlen im Rathause würden sie wohl uns alle herunterwerfen.«

»Und daß man auf diesen Stühlen sitzt, ist wichtiger, als daß Gottes Wort in der Stadt triumphiert«, versetzte Hagen spöttisch.

»Ach, lieber Freund, du kennst mich ja!« rief Hans Blome mit einem etwas verlegenen Lächeln. »Ich bin nicht zum Märtyrer geschaffen. Ich habe Luthers Lehre herzlich liebgewonnen, und die Heilige Schrift ist mir ein großer Trost, und ich lese und forsche eifrig darin. Tausend Gulden und mehr wollte ich geben, wenn wir könnten lutherische Prediger haben, die uns Gottes Wort rein und unverfälscht verkünden. Aber um den Preis des Aufruhrs möchte ich das nicht erkaufen. So hänge ich ihm in der Stille an und warte auf die Zeit, wo wir's freiöffentlich bekennen dürfen. Sie kommt ja doch einmal.«

Hagen lachte bitter. »Von selber kommt gar nichts. Alles muß erkämpft werden. Hätten die Apostel so gedacht, wie du, so wäre Christi Lehre untergegangen. Denn dann hätten sie sich unter die jüdische Obrigkeit geduckt und wären hingegangen in ihre Häuser, als der Herr am Kreuze hing. Aber sie hielten dafür, daß man zeitliche Güter gering achten müsse gegen das ewige Gut, und daß man Gott mehr gehorchen müsse denn den Menschen.«

»Dafür waren sie eben Apostel. Ich aber bin ein Hildesheimer Ratsherr, was mein Vater vor mir war, und was mein Sohn, so Gott will, nach mir sein wird. Meine Anna wird mir ja wohl einen schenken. Ich achte, so wirst du auch denken lernen, wenn du erst einmal in das Ehegemach geschritten bist. Übrigens wird es dem Bürgermeister mächtig in die Nase fahren, wenn er hört, daß du einen lutherischen Prädikanten bei dir gehabt hast und deshalb in deinem Hause verfestet bist. Aber du wirst dich ja herausreden können.«

»Ich werde mich gar nicht herausreden. Ich werde ihm frei ins Gesicht sagen, wie die Dinge stehen«, erwiderte Hagen fest.

»Du bist nicht recht gescheit! Willst du denn, daß er dir Steine auf den Weg wälzt? Das tut er sicher, wenn er hört, daß du dem neuen Glauben anhängst, ja, er wird dir völlig feind werden. Du bist ja wirklich ganz des Teufels. Der Mensch muß doch ein bißchen klug sein! Sage ihm doch, der Mann wäre zu dir gekommen, du wüßtest selber nicht, warum und wozu, und du hättest ihn eben hinauswerfen wollen, als Becker gekommen sei. Tätest du das nicht, so könnte mir deine Lucke wirklich leid tun, daß sie ihr Herz an einen solchen – an dich gehängt hat.«

»An einen solchen Narren, wolltest du sagen.«

»Ich habe es nicht gesagt,« lachte Blome. »Aber in einer halben Stunde muß ich aufs Rathaus und muß mich noch anziehen. So lebe für jetzt wohl, Christof. Was ich auf dem Rathaus für dich tun kann, das tue ich gewiß. Und deine Narretei rede ich dir noch aus.«

Damit ging er. Hagen blickte ihm sehr nachdenklich und mit umwölkter Stirne nach. Dieser sein Freund war einer der Besten unter den reichen und vornehmen jungen Bürgern der Stadt, vielleicht etwas leichtlebig, aber bieder, ehrlich, wohlwollend, ein fröhlicher Kumpan beim Becher, seinen Freunden ein hilfsbereiter, treuer Freund. Auch wenn es galt, mit dem Schwerte dreinzuschlagen, stand er seinen Mann. Diese Art von Mut besaß er. Aber den Mut, anders zu handeln als seinesgleichen, der großen Mehrheit seiner Standesgenossen mit der Meinung, die er im Herzen trug, frei entgegenzutreten, sich nicht zu scheuen vor dem Urteil und der Nachrede der Leute, diesen Mut besaß er nicht. So waren sie eben fast alle geartet, diese Blomes, Brandissens, Meiers, Sprengers und wie sie sonst hießen, die den Stadtrat von Hildesheim bildeten, und weil sie so waren, hatte der Mann, der sie an Entschlußkraft und Willensstärke weit überragte, alle unter sein Regiment gebeugt. Nicht wenige unter ihnen waren ihm heimlich gram, manche seine Todfeinde und hatten ihn gern beseitigt gesehen. Aber sie dachten doch alle mit seinen Gedanken, und ihr Geist ging auf den Wegen, die er ihnen vorgezeichnet hatte. Die Lutherei ist der Umsturz – diesen Satz hatte er ihnen fest in die Seele eingehämmert. Selbst die heimlichen Lutheraner unter ihnen waren mit ihm darin einig, daß sie keine Berufung der Gemeinheit wollten, wodurch doch allein der Sieg der neuen Lehre herbeigeführt werden konnte. Sie fürchteten, wenn einmal das Volk über eine seiner Angelegenheiten entscheiden dürfe, so werde es auch über die anderen entscheiden wollen, und die einmal entfesselten Wogen könnten sie von ihren Ratsherrenstühlen hinwegschwemmen.

Von diesen Leuten war also gar nichts zu erwarten. Das hatte er freilich längst geahnt, aber nun, da ihm diese Gesinnung so unverfälscht bei einem seiner nächsten Freunde entgegentrat, drückte es ihn doch nieder und machte ihn verstimmt und unfroh.

Aber gleich darauf hatte er ein Erlebnis, das seine Zuversicht wieder mächtig emporschnellen ließ.

Er war eben dabei, ein Brieflein zu siegeln, und schärfte seinem Knechte, der vor ihm stand, ein, es niemandem in die Hand zu geben als der Jungfrau Lucke von Hary im Hause des Bürgermeisters Wildefüer. Da pochte es kräftig an die Tür, und in das Gemach trat ein Mann von höchst auffallendem Aussehen. Er sah aus wie einer der waffenschmiedenden Zwerge, von denen die Sage erzählte, klein, aber riesig breit in den Schultern und mit langen Armen und gewaltigen Händen. Ein eisgrauer Bart bedeckte seine ganze Brust, und in dem brandroten Antlitz mit der turmartigen Nase funkelten die auffallend scharfen Augen aus tiefen Höhlen heraus.

»Ei, Meister Kuntze aus der Eckemeckerstraße, seid mir gegrüßt!« rief Hagen. »Lebt Ihr auch noch, alter Freund? Kommt her, setzt Euch zu mir und erzählt, wie's Euch ergangen ist. Wir haben uns ja so lange nicht gesehen! –

Du gehst sogleich ins Haus des Bürgermeisters«, wandte er sich an seinen Knecht. »Du weißt, was du zu tun hast?«

»Ja, Herr.«

»Wem sollst du den Brief geben?«

»Der Jungfrau Lucke von Hary!«

»Es ist gut. Eile dich!«

»Ach, Herr Christof von Hagen«, rief der alte Meister der Weißgerber, als der Knecht das Zimmer verlassen hatte, »ich freue mich, daß Ihr zurück seid. Aber nun sagt mir um Gottes willen, ist es wahr, was sie in der Stadt reden? Ist wirklich der Herr Fricke in die Hand der Gottlosen gefallen?«

»Ja, er ist in des Rats Gewahrsam, und mir haben sie Einlager gegeben in meinem Hause.«

Der Greis hob seine beiden Hände hoch empor. »Das kann ein großes Unglück werden, Herr«, rief er. »Seid Ihr Herrn Frickes Freund?«

»Der bin ich.«

»So seid Ihr wohl gar auch der Lehre, die er predigt, zugetan?«

Hagen reichte ihm die Hand. »Auch das bin ich, lieber Meister. Und ich weiß, Ihr seid es auch. Ist's nicht so?«

Der Alte drückte Hagens Rechte immer wieder mit stürmischer Heftigkeit. »Das freut mich! Das freut mich!« rief er laut. »Aber dann helft dazu, daß Herr Fricke aus seiner Verstrickung kommt. Denn wenn sie ihn peinlich befragen, so wird er die nennen, bei denen er im Hause gewesen ist, und es werden dann viele eingesetzt werden in die Keller oder aus der Stadt springen müssen.«

»Auch Ihr fürchtet das, Meister Kuntze?«

»Noch mehr fürchte ich's für meinen Sohn, der erst vor vier Wochen seine Wirtschaft gehabt hat mit der Nolteschen Tochter auf dem Kläpperhagen. Den träfe es hart.«

»Sagt mir einmal, Meister, wie dünkt Euch: Sind mehr Lutherische in der Stadt oder solche, die am alten Glauben hangen?«

»Herr, fast die ganze Gemeinheit dürstet nach Gott und schreit nach seinem Worte, wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser. Aber man will sie nicht trinken lassen.«

»So sollte man sie zwingen, der Gemeinheit ihren Willen zu tun. Meister, ist eine Bürgerschaft nicht töricht und träge, die sich von einer Handvoll Tyrannen läßt Gottes Wort verbieten?«

Des alten Meisters Augen glühten auf wie Funken, in die ein Windstoß bläst. »Ihr wißt's, Herr Christof, ich war unter denen, die vor acht Jahren den großen Rumor machten, angestiftet von Eurem Vetter Hennig, daß der Rat uns wolle lutherische Prediger geben. Ihr wißt auch, wie's auslief, und wie wir das Spiel verloren. Ich lag lange im Keller, dann mußt' ich aus der Stadt und kam schwer wieder heim. Es war eine böse Zeit. Zum zweiten Male möcht ich's nicht wagen, ich könnte denn sicher glauben, es gelänge.«

»Aber könntet Ihr das glauben, so wagtet Ihr's?«

»Warum fragt Ihr mich danach, Herr Christof?« antwortete der Alte nach einigem Zögern.

»Weil in Hildesheim einer könnte sein zu dieser Zeit, der sich wohl unterwinden dürfte, solch ein Spiel wiederum anzuheben.«

»Ihr, Herr Christof?«

»Denket, es wäre so, lieber Meister.«

»Dann sage ich Euch, Herr: Mit Euch wollt' ich's wohl wagen!« rief der Greis ohne jedes Besinnen. »Ihr seid ein ganz anderer Mann als Euer Vetter Hennig, der nur schürte und hetzte und dann nach Braunschweig ritt, als die Sache losging, und uns im Stiche ließ. Ich meine, Ihr seid ein Mann, der vor dem Risse stehen wird, wenn es Ernst wird.«

»So gebt mir Eure Hand, Meister!« rief Hagen mit starker Stimme. »Ihr und ich, wir zwei machen einen Bund miteinander, in Hildesheim das teure Evangelium zum Siege zu bringen. Wißt Ihr noch andere, die denken wie Ihr?«

»Eine ganze Menge, Herr. Da ist der Wirt zum ›Neuen Schaden‹ in der Kreuzgasse! Bei dem kommen wir alle Montage und alle Donnerstage zusammen, und wenn vorn die Trinkstube geschlossen ist am Abend und alle Gaste fort sind, dann bleiben wir in der hinteren Stube zusammen und lesen die Schriften und singen die Lieder Doktor Luthers.«

»Gut. Denen allen sagt, sie sollen zu mir kommen, einer nach dem anderen, damit sie sich zu unserem heimlichen Bunde geloben. Und wenn wir zwölf oder fünfzehn sind, dann kommen wir zusammen im ›Schaden‹ oder an einem anderen Ort, und dann wollen wir uns darüber beraten, was wir tun müssen, damit wir unsere Ketten brechen. Wollt Ihr das tun, Meister?«

Die Augen des Greises glänzten. »Mit Freuden, Herr!« rief er.

»Noch einen Dienst erbitte ich von Euch«, fuhr Hagen fort. »Ich setze sogleich ein Schreiben auf an Herrn Magister Lafferdes in Braunschweig. Darin gebe ich ihm wahrhaftigen Bericht über das, was mit Herrn Fricke geschehen ist, und bitte ihn, er wolle die Herren von Braunschweig mahnen, daß sie sich ihres Predigers annehmen. Wenn der Rat von Braunschweig Fürbitte einlegt für ihn, so bewahren wir ihn am besten vor der peinlichen Frage. Sie werden ihn dann wohl einige Wochen im dunkeln Keller halten und hernach aus der Stadt weisen. Wollt Ihr mir das Schreiben nach Braunschweig besorgen?«

»Herr, ich schicke Euch meinen Sohn. Der hat junge Beine und kommt dreimal so schnell hinüber als ich.«

»Tut das«, erwiderte Hagen und entließ ihn mit einem kräftigen Händedruck.

Von da an wurde sein Haus von Besuchern kaum leer. Es kamen zunächst seine Standesgenossen, junge Ratsherren und Geschlechtersöhne, die hören wollten, was er eigentlich verbrochen habe. Ihnen allen gab er ausweichende Antworten, auch denen, die ihm mit warmen Worten ihre Teilnahme aussprachen. Er traute keinem von ihnen und war fest entschlossen, sich allein aufs Volk zu stützen. Von oben her war Hildesheim in absehbarer Zeit nicht zu reformieren, es mußte von unten her geschehen, und die kleinen Handwerksmeister und Handwerksgesellen und Handelsleute, die in der Stadt heimlich dem Evangelium anhingen, schienen nur darauf gewartet zu haben, daß einer aus den Herrengeschlechtern sich zu ihrem Führer aufwürfe. Es kamen Leute zu ihm, die er kaum dem Namen nach kannte und früher niemals beachtet hatte, Männer mit schwieligen, arbeitsharten Händen, besonders viele aus den Innungen der Gerber und Schuhmacher. Alle waren entschlossen, für Gottes Wort etwas zu wagen, bei einigen erschreckte ihn geradezu die düstere Glut, die ihm aus ihren Worten und Gedanken entgegenschlug. Sie erwiesen sich als wunderbar beschlagen in der Heiligen Schrift, führten allerdings fast nur die Sprüche im Munde, die von der Erwählung der Ungelehrten, Kleinen und Geringen und von dem Strafgericht über die Gottlosen, der Zerschmetterung der Großen und Mächtigen dieser Welt redeten. Er mußte sich gestehen, daß mancher weniger das Evangelium als die Besserung seiner äußerlichen Lage im Auge hatte, und daß es schwerhalten werde, den Strom, den er entfesseln wollte, in dem rechten Gange zu halten. Aber er traute sich's zu, und vorderhand freute er sich der Fortschritte seines heimlichen Werkes.

Allerdings wurde ihm diese Freude sehr beeinträchtigt durch die quälende Sorge um seine Liebste. Lucke schickte ihm gegen Abend einen Zettel zu, auf den sie mit ungeübter, aber klarer und fester Hand geschrieben hatte: »Gnad' und Fried' zuvor. Mein allerliebster Schatz, ich trage großes Leid, daß sie Dir Einlager gegeben haben in Deinem Hause und Du nicht kannst zu mir kommen. So wollt' ich zu Dir kommen und hatte die Wildefüersche Muhme gebeten, mich zu Dir zu geleiten, und sie hatte es mir versprochen. Da ist sie unpaß geworden mit einem Male, und ich habe Sorge, denn die Brandissens sind auf zween Tage gen Braunschweig gefahren, und ich bin mit ihr allein, nur daß die alte Berndtsche noch da ist. So kann ich heute nicht zu Dir kommen und empfehle Dich der Gnade Gottes und bete, daß es morgen sollte möglich sein.«

Darauf hatte er ihr geschrieben, sie solle sofort einen Boten nach Braunschweig senden, um die Brandissens zurückzuholen, und solle die höchste Vorsicht walten lassen bei der Pflege der Kranken. Aber dieses Schreiben blieb ohne Antwort, ebenso zwei Briefe, die er ihr am nächsten Tage zuschickte. Er wartete von Stunde zu Stunde, aber der Tag verrann, und keine Nachricht drang zu ihm. Als die Dämmerung hereingebrochen war, schritt er, gefoltert von Angst und Unruhe, in seinem Gemache auf und nieder und erwog bereits, ob er nicht sein Einlager brechen und zu ihr eilen solle. Vielleicht hatte die Muhme die Seuche, an der, wie er gehört hatte, im Laufe der vergangenen Nacht wieder viele Menschen erkrankt waren. Vielleicht hatte sie Lucke damit angesteckt, und sie lag darnieder an der Krankheit, von der die meisten nicht wieder genasen. Nur ein paar hundert Schritte weit von ihm entfernt kämpfte sie vielleicht mit dem Tode. Vielleicht? Nein, wahrscheinlich, denn warum hätte sie ihm sonst den ganzen Tag über keine Zeile gesandt?

Schon war er fast zu dem Entschlusse gekommen, wenn die volle Dunkelheit hereingebrochen sei, nach dem Wildefüerschen Hause zu eilen, mochte geschehen, was da wolle. Da steckte sein Knecht den Kopf in das halbdunkle Gemach und meldete: »Herr, die Jungfrau Lucke von Hary steht draußen auf der Straße und verlangt nach Euch.«

Mit wenigen großen Sätzen sprang Hagen die Treppe hinab und trat auf die Schwelle seines Hauses. Draußen stand Lucke, gehüllt in einen weiten, dunkeln Mantel, das Haupt von einem Kopftuche bedeckt, so daß außer den glänzenden Augen von ihr nicht viel zu sehen war. Der alte Valentin hatte sie geleitet. Er hielt sich ein Stück abseits.

Hagen sprudelte die Worte von den Lippen: »Gott sei gelobt, daß du lebst und gesund bist, Liebste! Aber was ist geschehen? Warum hast du mir nicht geschrieben? Ich bin fast gestorben vor Sorge um dich. Aber nun komm herein zu mir!«

Lucke schüttelte den Kopf und trat noch einen Schritt zurück. »Ach, herzliebster Schatz, das ziemt sich nicht. Ich kann nicht in dein Haus kommen. Es ist auch keine Zeit zum Küssen und Umfangen. Die Muhme wird wohl sterben.«

H»gen fuhr zurück. »Steht es so schlimm mit ihr?«

»Sie wird wohl nicht wieder aufkommen und meint selber, es gehe mit ihr zu Ende.«

»Sind Brandissens noch nicht da? Ist der Ohm Wildefüer noch nicht zurück?«

»Nach Brandissens ist erst vor zwei Stunden geschickt worden. Sie wollte nicht, daß ihre Tochter erschreckt würde. Erst als sie fühlte, sie müsse sterben, hat sie es erlaubt. Und der Ohm ist vor morgen wohl nicht zu erwarten.«

»So bist du mit ihr allein?«

»Ja, ganz allein, und ich muß gleich wieder zu ihr. Ich komme zu dir mit einer großen Bitte. Ich bitte dich, und die Muhme bittet mit mir.«

»Was wollt Ihr? Was soll ich tun?«

»Hast du eine Bibel, Christof?«

»Eine Bibel habe ich von Wittenberg mitgebracht. Aber –«

»So gib sie mir. Gib sie mir schnell, um Gottes willen! Frage nicht weiter, ich bitte dich. Später wirst du alles erfahren.«

Hagen stürzte die Treppe wieder hinauf und kehrte nach ein paar Minuten mit dem Buche zurück, um das er in der Eile ein Tuch geschlungen hatte. Ohne ein Wort reichte er es seiner Braut hinaus. Lucke nahm es und ließ es hastig unter ihrem Mantel verschwinden. Dann streckte sie ihm die Hand entgegen. »Ich danke dir, Herzliebster. Lebe wohl.«

»Willst du nicht –?« begann er, aber schon war ihre Gestalt um die Ecke verschwunden. Er starrte ihr nach wie betäubt. Ein tiefer Schmerz erfüllte ihn, weil die Frau in Todesnot war, die er nächst seiner Lucke mehr liebte als alle Frauen der Welt, zugleich eine hohe Freude darüber, daß sie sterben wollte mit dem Troste, den Doktor Luther seinen Deutschen dargeboten hatte. Denn es war kein Zweifel: die Frau Hans Wildefüers war eine heimliche Lutherin gewesen und schickte sich an, als solche zu sterben. –

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