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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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Christof von Hagen hatte die Morgensuppe ausgelöffelt, die seine alte Haushälterin ihm gebracht hatte. Nun saß er mit gesenktem Haupte auf dem dreibeinigen Schemel vor dem Tische und blickte tiefsinnig in den geleerten Teller hinein. Er dachte an den gestrigen Tag, und es wollte ihn bedünken, als hatte er nie einen wunderlicheren erlebt.

Er ließ die einzelnen Erlebnisse, die er ihm gebracht hatte, an seinem Geist vorüberziehen. Am frühen Morgen die Ankunft in der geliebten, so lang entbehrten Heimat, dann die Begegnung mit Hans Wildefüer, am Nachmittag das Wiedersehen mit seiner Braut und ihr überraschendes Geständnis, am Abend und bis weit in die Nacht hinein ein wildes Zechgelage mit seinen Jugendfreunden, die den Heimgekehrten mit lärmender Freude feierten. Man hatte erst in der Domweinschenke dem Rheinwein fleißig zugesprochen. Da aber der tugendsame Wirt zu der Stunde, die der Rat angesetzt hatte, Feierabend gebot und keine Gäste mehr in seinem Hause duldete, so war man in ein Wirtshaus gezogen, dessen Besitzer weniger strengen Grundsätzen huldigte. Hart an dem Goslarschen Tore stand ein Wirtshaus, dessen Inhaber zwar ein Hildesheimer Kind, aber ein weitgereister Mann war. Er hatte sich viele Jahre lang in Wien aufgehalten und von dort eine Frau mit heimgebracht. Von ihrem Gelde hatte er das etwas verfallene Haus seiner Väter stattlich ausgebaut und ihm, das früher »Zum grünen Esel« benannt gewesen, den stolzen und besser klingenden Namen »Zum Wiener Hof« verliehen. In der großen Vorhalle tranken kleinere Bürger und Fuhrleute ihren Schoppen, und die wurde jeden Abend pünktlich geschlossen, wenn der Wächter die zehnte Stunde ausrief. Aber dahinter befand sich ein Gemach für bessere Gäste, die nicht den billigen Bräuhan tranken, sondern das gute Eimbecker Bier oder gar Wein aus Rheinland und Franken, und die ließ der fromme Wirt zechen, so viel und lange sie wollten, und wenn es bis zum Morgengrauen dauerte. Kein Wunder, daß sich dieses Wirtshaus bei der reichen und vornehmen Jugend Hildesheims eines lebhaften Zuspruchs und einer innigen Verehrung erfreute. Als Hagen vor zwei Jahren der Stadt verwiesen ward, war des Hauses Stern eben erst im Aufsteigen gewesen. Jetzt stand er im Zenit, und so war er denn von Hans und Henning Blome und den anderen, die sich seiner Rückkehr freuten, im Triumph dorthin geleitet und bis weit nach Mitternacht festgehalten worden. Mit schwerem Kopfe hatte er gegen ein Uhr den Heimweg angetreten und war sofort in einen tiefen Schlaf versunken. Aber als die Uhr der nahen Andreaskirche die vierte Stunde schlug, war er aus einem schreckhaften Traume emporgefahren und hatte von da an keinen Schlaf mehr gefunden, denn durch sein Hirn fuhren wilde und schwere Gedanken und ließen ihn nicht mehr los.

Was sollte mit ihm und Lucke von Hary werden? Kehrte Hans Wildefüer von seiner Reise zurück, so tat er sicherlich sehr bald die verhängnisvolle Frage, die einen furchtbaren Sturm heraufbeschwören mußte. Der Bürgermeister war viel zu gewissenhaft, als daß er sie unterlassen hätte, auch mußte er ja ohnehin bald merken, wie es um ihn stand. Dann kam es zum Bruche, ja zur Feindschaft zwischen ihnen, und Wildefüer würde mit all der unbeugsamen Kraft, die ihn auszeichnete, sein Mündel ihm zu entreißen suchen. Mittel und Wege dazu standen ihm ja reichlich zu Gebote, solange Lucke in seinem Machtbereiche sich befand, denn er besaß nach dem Tode ihres Vaters Rechte über sie, die den väterlichen Rechten fast gleichkamen. Ach, daß doch die Weiber niemals mündig wurden! Als Mädchen wie als Frauen unterstanden sie immer einem fremden Willen, nur als Witwen erlangten sie eine bescheidene Selbständigkeit. Wäre Lucke ein junger Mann gewesen, so hätte sie mit ihren einundzwanzig Jahren tun können, was ihr beliebte. Aber da sie ein Mädchen war, so hatte sie durch den Tod ihres Vaters nur ein Joch mit dem anderen vertauscht.

Es ging also nicht anders, sie mußte ihrem Vormund aus den Händen gerissen werden, und dazu war er, Gott sei Dank, wenigstens ihres Einverständnisses sicher. Sie hatte Mut, sie würde etwas wagen – daran zweifelte er nicht, wenn er sich ihres entschlossenen Antlitzes von gestern erinnerte. Aber was war zu tun? Wohin konnte er sie bringen? Wo war sie in wirklicher Sicherheit?

Er hatte gestern an Braunschweig gedacht, wo er angesehene Freunde und Verwandte besaß. Heute aber beim Morgengrauen verwarf er diesen Gedanken, und auch Goslar und Hannover dünkten ihm nicht sicher genug zu sein. Wer konnte wissen, wie die wackeren Bürger über die Flucht einer Jungfrau aus dem Hause ihres Vormundes dachten? Wer konnte wissen, wie weit ihre Furcht vor dem Zorne Wildefüers ging? Und wenn sie schon gewillt waren, ihm zu helfen und seine Braut bei sich aufzunehmen – war es nicht sehr wohl denkbar, daß ihre Obrigkeit sie zwang, das Mädchen nach Hildesheim wieder auszuliefern? Wenn etwa Wildefüer persönlich vor dem Rate zu Braunschweig oder Goslar erschien, so war drei gegen eins zu wetten, daß solches geschah. Denn obwohl ihn viele haßten und die meisten ihm grollten um der Religion willen, ins Angesicht widerstanden sie ihm schwerlich. Er hatte eine Art, gegen die keiner von ihnen allen recht aufzukommen vermochte. Hatte er sie aber wieder in seiner Gewalt, so war es ihm wohl zuzutrauen, daß er sie in ein Kloster steckte, damit sie dort anderen Sinnes werde. In Hildesheim hätte ihn kein Mensch daran gehindert.

Dem jungen Manne wurde siedeheiß bei diesem Gedanken. Er sprang von seinem Schemel auf und raste in dem Gemach auf und nieder wie ein gefangener Wolf in seinem Käfig. Das mußte auf alle Fälle verhindert werden! Sie mußte fort! Aber wohin? Wohin?

In seiner Versunkenheit rannte er gegen ein Tischchen an, worauf allerlei Dinge lagen, die er von seiner Reise mitgebracht hatte. Dabei rollte ein Büchschen von der Platte herab und schlug mit hellem Klang auf den Boden auf. Halb noch in Gedanken verloren, nahm er es in die Hand, schraubte den Deckel auf und roch an den verwelkten Veilchen, die es in sich barg. Sie waren aus dem Luthergarten zu Wittenberg. Die kleine Magdalene Luther hatte ihm vor seiner Abreise das zierliche, mit Blumen bemalte Ding aus Dankbarkeit geschenkt und es mit Veilchen aus ihres Vaters Garten vollgestopft.

Da kam ihm, während er den schwachen, süßen Duft einsog, plötzlich eine Erleuchtung. Zuerst erschien ihm der in seinem Hirn aufsteigende Gedanke wie eine ungeheure Keckheit, und er war geneigt, ihn sogleich wieder zu verwerfen. Aber bald befreundete er sich mit ihm und fand, daß ihm ein besserer kaum hätte kommen können.

Warum sollte er nicht Luthers Beistand in Anspruch nehmen? Sein Haus war die Zuflucht so vieler Bedrängter – konnte nicht auch Lucke dort Aufnahme finden? Eine Jungfrau, die seiner Lehre anhing, von den Bekehrungsversuchen eifriger Römlinge erretten, das mußte ja den großen Verkünder der evangelischen Freiheit ein ersprießliches, gottgefälliges Werk dünken. Auf seine Veranlassung hatten Torgauer Bürger neun Nonnen des Klosters Nimbschen zu heimlicher Flucht verholfen, deren eine jetzt seine Ehefrau war. Das wußte die ganze Welt, denn er hatte es in einem kleinen Büchlein seinen lieben Deutschen frei und offen kundgegeben und sein Verhalten gerechtfertigt. So war mit Sicherheit anzunehmen, daß Luther die Entführung billigen und seine Hilfe ihm nicht verweigern werde. Auch Frau Käthe Luther würde der Schutzsuchenden gern die Tür ihres Hauses auftun, denn beim Abschied hatte sie ihm mit den herzlichsten Worten ihrer Dankbarkeit versichert, und zudem gedachte er ihr ein sehr stattliches Kostgeld anzubieten.

In Zeit von fünf bis zehn Minuten war er mit sich im reinen, und der ganze Plan stand fertig vor seiner Seele. Nicht etwa bei Nacht und Nebel wollte er die Geliebte aus dem wohlbehüteten Hause ihres Vormundes und durch die noch besser behüteten Tore der Stadt hinwegführen, sondern am hellen, lichten Tage wollte er sich mit ihr irgendwo in der Stadt treffen und mit ihr aus dem Goslarschen Tore wandeln, als hätten sie beide einen harmlosen Lustgang vor. In dem Gehölz am Galgenberge sollten zwei Knechte seiner harren mit vier Pferden. Die konnten leicht aus den verschiedenen Toren zur Stadt hinausgebracht werden. Dann konnte die Flucht beginnen. Ehe Lucke daheim vermißt ward, vergingen wohl Stunden, und an ein Einholen war dann nicht mehr zu denken. Da Hans Wildefüer nicht da war, unternahm wahrscheinlich überhaupt niemand den Versuch dazu, und man ließ sie ganz unbehelligt ins Weite ziehen. Die einzige Gefahr bei der ganzen Sache war eigentlich nur die, daß er nicht wußte, wohin der Bürgermeister geritten war, und ihm vielleicht gerade in die Hände lief. Aber das wäre doch immerhin ein sehr sonderbarer Zufall gewesen, und er war ein Mann, der vor Wagnissen und Gefahren nicht zurückschrak und in allen Dingen seinem guten Glücke vertraute.

Sofort machte er sich daran, die Ausführung seines Planes vorzubereiten, denn die höchste Eile war geboten. Frau Mette hatte davon gesprochen, daß ihr Mann wohl etwa vier Tage ausbleiben werde. Daher mußte die heimliche Reise womöglich schon am Nachmittag des morgenden Tages angetreten werden. Die Zeit zur Vorbereitung war also sehr kurz.

Die Gäule, mit denen er gestern heimgekehrt war, mußten noch tagelang stehen, bevor sie wieder zu einem weiten Ritte tauglich wurden. So brauchte er vor allem Pferde, und die beschloß er sich auf der Stelle zu verschaffen. Er zog sich die Stiefel an, warf den Mantel um und stülpte sich die Mütze auf, um zu seinem Freunde Hans Blome zu gehen und sich bei dem Rats zu erholen. Da trat ein junger Knecht in das Zimmer und meldete: »Herr, es ist einer unten, der will zu Euch.«

»Du kennst ihn nicht?«

»Habe ihn mein Lebtag nicht gesehen.«

»Wie sieht er aus?«

»Er hat einen ehrwürdigen weißen Bart, aber einen schäbigen Rock. Er trägt einen Kasten an einem Riemen. In dem Kasten sind Büchsen und Flaschen. Er ist wohl ein armer Balsamkrämer.«

Hagen griff in seine Tasche und entnahm ihr ein kleines Geldstück. »So bringe ihm das und laß ihn laufen. Brauchen kann ich seinen Kram nicht.«

Der Diener verschwand, und Hagen schritt hinüber in das Gemach, wo er seine Geldtruhe stehen hatte, denn er wollte sich mit etlichen Dukaten versehen. Als er sodann die Treppe hinunterschritt, stand der Fremde noch da, in lebhaftem Wortwechsel mit dem Knechte begriffen. »Was wollt Ihr noch, guter Freund?« rief Hagen. »Ich habe jetzt keine Zeit für Euch. Wenn Ihr etwas Dringliches habt, so kommt gegen Mittag wieder.«

»Ja, etwas Dringliches habe ich«, entgegnete der Mann, »und es leidet nicht Aufschub bis Mittag. Ich denke, Herr Christof von Hagen, ein paar Minuten werdet Ihr mir doch schenken können.«

Hagen stutzte. Die Stimme kam ihm merkwürdig bekannt vor. Wer unter seinen Bekannten sprach nur mit diesem tiefen Baß? Er faßte ihn scharf ins Auge, aber in dem Dämmerlichte der Diele konnte er seine Züge nicht erkennen. Auch schien der Fremde nicht erkannt werden zu wollen, denn er hatte die Mütze tief ins Gesicht gedrückt und nahm sie auch nicht ab, als der Herr des Hauses vor ihm stand.

»Wer seid Ihr?« rief Hagen.

»Das will ich Euch sagen, wenn wir allein sind.«

Hagen schüttelte den Kopf und überflog seine Gestalt mit schnellem Blick. Eine Waffe trug der Mann nicht bei sich, das sah er, höchstens konnte er ein kurzes Messer im Rocke versteckt halten.

»So sei es denn! Geht voran!« sagte er, die Hand an den Griff seiner Waffe legend. Der Fremde gehorchte ohne Widerrede und stieg vor ihm die steile Treppe hinan – mit seltsamer Behendigkeit für einen so alten Mann, wie Hagen mit Verwunderung feststellte. »Hier hinein!« gebot er.

Als Hagen die Tür hinter beiden geschlossen hatte, zog der Ankömmling die Mütze vom Kopfe, stellte seinen Kasten auf den Fußboden und nahm den lang und breit herabwallenden weißen Bart ab. Hagen prallte mit einem Rufe des höchsten Erstaunens zurück, denn vor ihm stand der Mann, der ihn vor länger als einem Jahre in Nürnberg zum neuen Glauben bekehrt hatte.

»Fricke!« schrie er, »Hinrich Fricke! Mensch, wie kommst du hierher? Weißt du nicht, daß es lutherischen Prädikanten bei schweren Leibesstrafen verboten ist, Hildesheim zu betreten?«

Fricke nickte. »Das weiß ich wohl. Aber der Herr Christus forderte von mir, daß ich trotzdem hierherkäme, und da kam ich.«

Hagen faßte ihn bei beiden Schultern und drückte ihn auf einen Stuhl nieder. »Mensch, ich freue mich ja so sehr, daß ich dich wiedersehe! Setze dich! Hast du deine Morgensuppe schon gegessen? Was willst du trinken? Soll ich dir eine Flasche Malvasier aus dem Keller holen? Meine Leute haben gut hausgehalten, als ich fort war. Der Keller ist gefüllt.«

Fricke wehrte entschieden ab. »Nein, in dieser Frühe keinen Wein! Auch meine Morgensuppe habe ich gegessen und bin ganz satt. Vor allem befiehl deinem Knecht, daß er jetzt keinen Menschen mehr hereinläßt. Es darf mich niemand hier sehen.«

Hagen öffnete die Tür und schrie hinunter: »Klaus! Schließe die Haustür zu. Du läßt keinen herein, und wenn jemand pocht, gibst du keine Antwort. Sage das auch in der Küche. Und es braucht niemand zu wissen, daß einer bei mir ist. Hörst du?«

»Jawohl, Herr«, klang es zurück.

»Und nun sage mir: was in aller Welt hat dich bewogen, den Kopf in den Rachen des Löwen zu stecken?« fragte Hagen, ins Zimmer zurücktretend.

»Nun, du weißt wohl, daß ich seit einem halben Jahre in Braunschweig bin?«

»Nein, das weiß ich nicht. Habe seit Monaten von dir kein Sterbenswörtchen gehört und dachte, du wärst in Erfurt, wohin du ja gehen wolltest.«

»Dann sind die Briefe verlorengegangen, die ich dir schrieb. Ich war nur einen Monat in Erfurt, dann rief mich Magister Lafferdes nach Braunschweig. Ich sollte ihn bei seinem heiligen Amte unterstützen und kann das besser als die meisten anderen, denn ich bin der niederdeutschen Mundart mächtig, da ich sie als Kind geredet habe. Die Städte hier sind so schwer mit Predigern zu versehen, weil die meisten lutherischen Prädikanten aus Sachsen und Thüringen kommen, und die können unsere Leute nur schwer verstehen. Da zählt jeder doppelt, der Platt spricht.«

Hagen nickte. »Und wie kommst du nun von Braunschweig nach Hildesheim?«

»Das macht die Seuche, Freund. Derhalben hat Frau Hedwig Plate an den Magister geschrieben, es möchte doch um Gottes willen ein Prediger der reinen Lehre nach Hildesheim kommen und den armen Leuten vor ihrem Tode noch das heilige Sakrament spenden, so wie es unser Herr und Heiland selbst eingesetzt habe. Man sollte sich doch in Braunschweig der großen und erschrecklichen Not erbarmen, daß so viele Seelen von hinnen müßten fahren ohne den Trost des hochwürdigen Sakraments. Denn der Pfaffen Messe sei Mummenschanz und Teufelstrug.«

»Wie?« rief Hagen, »Hedwig Plate? Ewert Plates Eheweib? Die hat das gewagt? Er ist jetzt wieder Bürgermeister der Neustadt, so hört' ich gestern. Weiß er denn darum, und billigt er's?«

»Er weiß es und hat's gebilligt. Nur verlangt er von seinem Weibe, daß alles in Heimlichkeit bliebe. Aber er ist im Herzen unseres Glaubens.«

Hagen machte ein sehr erstauntes Gesicht. »Wer hätte das gedacht, als ich die Stadt verließ!« sagte er. »Damals saß kein Lutheraner auf einem Ratsstuhle, weder in der Altstadt noch in der Neustadt.«

»Oder es war dir verborgen, lieber Freund. Wer hätte dir auch damals gesagt, wie er im geheimen gesinnt war? Aber schwerlich sind in zwei Jahren so viele hochmögende und ehrbare Männer und Frauen dazugekommen, die Luther jetzt anhängen. In der Neustadt ist schon der halbe Rat unser. Jacob Brandis, Heinz Schüring, Kurt Schlüter, Kurt Hatteln und die Düringschen Brüder sind allesamt heimlich lutherisch. Und wie steht es in der Altstadt? Da hängt das Volk der neuen Lehre an, alle die Kleinen und Geringen tragen das Evangelium im Herzen. Aber auch unter den Großen sind einige, die uns zuneigen. Die Herren Hans und Henning Blome lesen in ihren Häusern Doktor Martini Schriften und die Heilige Schrift.«

Hagen fuhr in die Höhe. »Hans Blome? Da irrst du dich wohl! Ich habe gestern mit ihm zusammengesessen vier Stunden lang. Er ist mein bester Freund und trägt beim Wein das Herz auf der Zunge. Aber kein Wort ist gefallen, aus dem ich hätte spüren können, daß er in der Religion andersdenkend geworden sei denn früher.«

»Er wird dir nicht getraut haben in diesem Punkte. Das ist es ja eben, drei Viertel der Stadt und mehr sind lutherisch, aber keiner geht mit der Sprache heraus. Verüble mir nicht, Freund Christof, wenn ich dir sage: Ich habe von dem Mute deiner Landsleute eine geringe Meinung. Täten ein paar von diesen Leuten den Mund auf und beständen männlich auf ihrer Meinung, so fiele ihnen das ganze Volk zu, und Hildesheim käme zum Evangelium, so wie Goslar und Braunschweig dazu gekommen sind. Aber kein einziger wagt es, der Katze die Schellen anzuhängen. Alles kriecht und duckt sich vor dem einen Manne, der in seiner Stadt alles Bösen Grund- und Eckstein ist. So furchtsam und ängstlich ist das Volk in Hildesheim.«

Hagen lächelte. »Du kannst auch anders sagen. Du kannst auch sagen: Was muß das doch für ein Mann sein, der eine ganze Stadt zu seinem Willen zwingt! Damit kämst du der Wahrheit näher. Denn wahrlich, hätten Goslar und Braunschweig einen Hans Wildefüer gehabt, so wären sie, wo wir sind. Du kennst diesen Mann nicht.«

»Ich kenne ihn wohl. Ich habe ihn in Braunschweig gesehen und habe gehört, wie er auf dem Rathause redete. Er sprach mit großer Kunst und Kraft, und es tat mir leid, daß er ein Diener des Antichristes ist, und weil er der Wahrheit mit Fleiß widerstrebt, als ein Sünder wider den Heiligen Geist ewig muß verloren sein. Aber als er dann nahe bei mir vorüberschritt, da erfaßte mich ein Grauen, denn ich dachte bei mir: So muß ein Diener Luzifers aussehen, wie der Mann mit dem schwarzen Barte und den blauen Augen, die wie Blitze flammen. Es graut mir jedesmal, wenn ich einen Menschen von Angesicht sehe, von dem ich ganz sicher weiß, daß er der ewigen Verdammnis entgegengeht.«

Hagens Antlitz verdüsterte sich. »Wer weiß, vielleicht bekehrt er sich doch noch. Es steht geschrieben: ›Er wird die Starken zum Raube haben.‹«

»Darauf warte nicht, Christof von Hagen. Die anderen warten wohl auch darauf und wollen schweigen bis dahin, und so leidet das Evangelium Gewalt, und Gottes Wort wird unterdrückt. Du mußt gegen ihn in die Schranken, so du Hildesheim reformieren willst. Oder denkst du nicht mehr an dein Fürnehmen?«

»Es gab wohl keinen Tag, an dem ich nicht daran gedacht hätte«, erwiderte Hagen. »Auch gedachte ich keineswegs zu feiern und zu säumen. Dessen sei gewiß: Ehe eine halbe Woche ins Land gezogen ist, haßt mich Hans Wildefüer wie keinen anderen Menschen in Hildesheim. Denn ich sage ihm ins Gesicht, daß ich zu Luthers Fähnlein geschworen habe.«

Fricke zog die Stirn in Falten. »Das dürfte nicht klug sein. Denn dann wird er dich aus der Stadt vertreiben, ehe du dein Werk begonnen hast.«

»Das kann er nicht. Wer lutherische Schriften liest und lutherische Lieder singt und die Priester und ihren Tand und Firlefanz schmähet, der muß aus der Stadt weichen. Aber ich werde mich vorsehen. Gedanken und Meinungen straft bei uns niemand, nur Taten.«

»Aber er wird es hindern, daß du in den Rat kommst.«

»Das wird er. Aber ich will auch gar nicht in den Rat, wenigstens zuerst nicht.«

»So? Was willst du denn?«

»Ich will mich an die kleinen Leute halten und ihr Führer werden. Du weißt wohl nicht, oder habe ich dir's einmal erzählt, daß bei uns alle Bürger, die keinem Amt oder keiner Gilde angehören, sechs Bäuerschaften bilden. Sie senden ihre Sprecher in den Rat, daß sie dort für die Gemeinde reden und sie vertreten. So ein Sprecher will ich werden, und das wird leicht geschehen, denn der gemeine Mann hat mich lieb. Ich habe die Art, mich mit den Leuten zu betun. Schon mein Vater hatte sie, sie ist mir angeboren. Bin ich aber Sprecher der Gemeine, so will ich den Herren im Rathause manch Sprüchlein in die Ohren schreien, das ihnen nicht gefallen soll. Die Gemeine aber wird innewerden, daß sie die paar Herren, die ihr Gottes Wort verweigern, zu ihrem Willen zwingen kann, wenn's not tut, mit Gewalt.«

»Es mag dir wohl gelingen«, entgegnete Fricke. »Daß dich die Leute liebhaben, glaube ich gern, hab's auch selber ersehen. Der alte Meister Kuntze aus der Eckemeckerstraße erzählte mir, du wärest wieder da, und freute sich ersichtlich darüber.«

»Siehst du? Bringe ich diesen Leuten bei, daß ich ihnen das reine Wort Gottes freimachen will, so wählen sie mich auf der Stelle. Leider muß die Sache noch einen Aufschub haben, denn ich muß noch eine Reise tun.«

»Du willst schon wieder aus der Stadt und bist doch kaum zurückgekommen?«

»Ich muß, so leid mir's ist. Fricke, du bist mein Freund und ein ganz anderer Freund als die anderen, die ich habe. Du hast mir den Weg gezeigt, der zur Seligkeit führt, das muß ich dir immer danken. Darum will ich dir auch vertrauen, wie meine Sachen stehen, und was ich vorhabe. Denn ich achte, ich kann mich mehr auf dich verlassen denn auf andere Menschen. Auch weiß ich, daß du verschwiegen bist.«

»Ja, mir ist der Schnabel nicht lang gewachsen. So sprich und erleichtere dir das Herz.«

Christof von Hagen erzählte mit kurzen Worten, was sich ereignet hatte, und was er zu tun gedenke, um Lucke aus der Gewalt des Bürgermeisters zu befreien. Während er redete, nahm Frickes Antlitz immer mehr den Ausdruck der Bestürzung und des Schreckens an, und als Hagen geendet hatte, sprang er auf und rang die Hände. »Christof!« rief er, »das darf nimmermehr geschehen! Nimmermehr!«

»Was fällt dir ein? Warum nicht?« rief Hagen.

»Siehst du denn nicht ein, daß du dem Menschen damit Waffen in die Hand gibst? Um einer Gewalttat willen warst du verbannt. Jetzt willst du wieder eine Gewalttat begehen, und er wird dich zum anderen Male verbannen, und diesmal wird er als dein Feind das Urteil über dich sprechen. Er wird dich aus der Stadt treiben, vielleicht auf viele Jahre.«

»Das kann er nicht. Meinst du, ich hätte das nicht auch schon bedacht? So einer eine Jungfrau entführt mit Gewalt und wider ihren Willen, so kann ihm der Richter sogar an den Hals. Ist sie aber willig, so steht nur eine geringe Buße darauf. Solche Dinge kann man nach unserem Rechte mit Geld abmachen. Sie ist noch dazu eine Goslarsche, gehört nicht nach Hildesheim.«

»Er wird sich an das Recht nicht kehren! Erfährt er, wohin du sie gebracht hast, so kennt sein Zorn sicherlich keine Grenzen, und er wird suchen, dich auf lange unschädlich zu machen.«

»Er richtet nicht allein. Er richtet mit zwei Schöffen.«

»Die werden ihm den Willen tun, wie sie ihm bisher den Willen getan haben in allen Stücken.«

Hagen ballte die Fäuste und warf ihm einen wilden Blick zu. »Ich kann sie doch nicht in seinen Händen lassen!« rief er. »Vielleicht zwingt er ihr einen anderen auf. Oder wenn er merkt, daß sie vom alten Glauben abgefallen ist, steckt er sie ins Kloster, damit sie dort bekehrt werde. Dort gehen die Pfaffen aus und ein, und was für Buben unter ihnen sind, das weißt du ja. Davor will ich sie bewahren.«

»Es ist ein böser Handel«, seufzte Fricke. »Auf der einen Seite« – er brach plötzlich ab. Man hörte laute Stimmen unten im Hause, und gleich darauf polterten schwere Tritte die Treppe herauf. Schreckensstarr blickte er seinem Freunde ins Gesicht. »Was ist das?« stammelte er.

Auch Hagen war bleich geworden, aber er faßte sich rasch. »Der Esel hat jemanden eingelassen gegen meinen Befehl. Hol' ihn der Teufel! Wer mag es sein? Sie dürfen dich nicht hier finden. Rasch, hier hinein! Und den Riegel vor!«

Er drängte seinen Freund in ein kleines Nebengemach und ergriff den Kasten, um ihn nachzuschieben. Dabei verfuhr er in der Hast so ungeschickt, daß mehrere der Flaschen auf den Boden rollten. Mit einem Fluche raffte er sie auf, aber sie entglitten seinen Händen, als sich jetzt nach kurzem, scharfem Pochen die Tür öffnete. Ein leiser Ausruf des Schreckens entfuhr ihm, denn herein traten der Ratsherr Burchard Meier, einer der nächsten Freunde und eifrigsten Anhänger Hans Wildefüers, ein Mönch des Michaelisklosters und hinter ihnen mehrere Stadtknechte.

»Es wird gesagt, Christof Hagen, in dein Haus sei ein lutherischer Prädikant gegangen«, begann der Ratsherr ohne jedes Wort der Begrüßung. »Der Mensch soll sich seit etlichen Tagen bei uns aufhalten unter der Vermummung eines wandernden Krämers. Ist es an dem? Ist er bei dir oder bei dir gewesen?«

»Hier liegt sein Kram!« rief der Mönch triumphierend dazwischen. »Da wird der Bube nicht weit sein.«

»Nein, er ist hier«, sagte Fricke, hinter der Tür hervortretend. Er sah ein, daß eine Flucht nicht möglich und alles Leugnen vergeblich sei.

»Kurt Grüber, ist das der Mann, den du kennst, und dem du nachgegangen bist?« rief der Mönch.

Ein Mensch in ziemlich zerlumpten Kleidern mit strohgelbem Haar und Bart drängte sich zwischen den Stadtknechten vor. Er musterte Fricke von oben bis unten und sagte dann mit frechem Grinsen: »Ja, das ist der Prädikant aus Braunschweig. Ich erkannte ihn gleich, als er die Schuhstraße heraufkam. Ich habe ihn in Braunschweig gesehen mit zwei lutherischen Teufelsmeistern zusammen, und meine Muhme Wilke hat ihn auch gesehen.«

»Leugnet Ihr?« fragte der Ratsherr.

»Nein, ich bin Diener des reinen Evangeliums und wohne in Braunschweig. Aber daß ich in Eurer Stadt etwas Übles getan hätte, das müßt Ihr mir erst beweisen.«

Der Ratsherr lachte spöttisch. »In Hildesheim hat kein Prädikant etwas zu suchen, und keiner darf hier verweilen. Das weiß jedes Kind auf der Straße, und Ihr wißt es auch gar wohl, sonst wäret Ihr nicht in einer Vermummung hierhergekommen. Ihr werdet verhört werden und Euer Urteil empfangen. Legt ihm die Handschellen an!«

»Nein!« schrie Hagen, der bis dahin, starr vor sich niederblickend und an seiner Unterlippe nagend, dagestanden hatte. »Laßt den Mann gehen. Ich verbürge mich für ihn!«

»Christof Hagen«, sagte der Ratsherr, ihn argwöhnisch betrachtend, »du bist mir hochverdächtig, daß du den lutherischen Buben sehr genau kennst. Sonst würde er seine Mummerei nicht bei dir abgelegt haben. Wie du dazu kommst, verstehe ich nicht, denn du wirst ja doch deinen christkatholischen Glauben nicht verleugnet haben. Wie willst du dich denn für ihn verbürgen? Hier ist gar nichts zu bürgen. Siehe zu, daß du dich selbst reinigen kannst! Es wird ja Licht in die Sache kommen, wenn der Bürgermeister wieder in der Stadt ist. Vorderhand aber muß ich dir Einlager auferlegen in deinem Hause. Gibst du mir den Eid, daß du in deinem Hause willst bleiben und es nicht verlassen, bis du vom Rate angefordert bist? – Wenn nicht,« fügte er drohend hinzu, »muß ich dich mitnehmen und in Haft halten, bis deine Schuld oder Unschuld an den Tag kommt. Du weißt, daß niemand in Hildesheim solche Leute in seinem Hause aufnehmen darf.«

Christof von Hagen hatte sich zähneknirschend abgewendet, aber er war klug genug sich zu sagen, daß Widerstand seine Sache verschlimmern müsse. Nicht einmal sein Schwert hatte er zur Hand, sondern nur ein kurzes Dolchmesser, und wenn er sich damit auch einen Weg ins Freie gebahnt hätte, so wäre er nur dem peinlichen Gericht verfallen oder hätte die Stadt auf der Stelle als Flüchtling verlassen müssen. Daher sagte er nach kurzem Zögern, die Worte zwischen den Zähnen hervorstoßend: »Ich gelobe es dir.«

»So gehab' dich wohl. Den hier führt ab!« Hagen wandte sich nach seinem Freunde um und wollte ihm die Hand reichen, aber er verstand den Blick, den Fricke ihm zuwarf, und ließ sie schnell wieder sinken. Eine Minute später sah er, wie sein Freund den Hohen Weg hinuntergeführt wurde, gefolgt von einer Schar von Kindern und halbwüchsigen jungen Leuten, die sich rasch angesammelt hatten. Er aber blieb zurück als Gefangener in seinem eigenen Hause.

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