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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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In der Frühe des folgenden Tages begab sich Hans Wildefüer aufs Rathaus, um die Briefe einzusehen, die während seiner Abwesenheit eingelaufen waren. Seine Brust weitete sich, als er vor seine Tür trat, und mit Behagen sog er die frische, kühle Luft des Frühlingsmorgens ein. Er freute sich des hellen Sonnenscheins, der auf den Dächern und Giebeln lag, und er freute sich des erwachenden Lebens in der Stadt. Langsam schritt er die Almstraße hinauf, bog in den Molkenmarkt ein und stand gleich darauf neben dem prächtigen neuen Amtshause der Knochenhauer, das eben seiner Vollendung entgegenging. Die Gesellen der Malergilde kletterten mit ihren Farbentöpfen auf die Gerüste hinauf, um die Vorderseite des stattlichen Bauwerkes mit leuchtenden Farben zu schmücken, und der Bürgermeister sah ihnen eine kleine Weile zu. Dann wandte er seinen Blick nach dem Markte hin, der noch halb im Schatten des Rathauses lag. Trotz der frühen Stunde waren schon viele Bauernweiber mit ihren Karren und Körben hereingekommen, und bei dem Anblick fiel ihm ein Stein vom Herzen. Denn seine Hausfrau hatte ihm gestern abend noch erzählt, es seien wieder eine ganze Menge Leute an der Seuche gestorben in den letzten beiden Tagen. Das hatte ihm schwere Sorgen geschaffen und ihn des Nachts wenig schlafen lassen. Jetzt aber wurde ihm das Herz leichter. »Das ist doch, Gott sei es gedankt, noch ganz anders als in Goslar,« dachte er. »Dort fliehen die Leute aus der Stadt, hier kommen sie herein, um Handel zu treiben. Dort alles stumm und tot, hier regt sich das Leben. Gott gebe, daß es nicht auch bei uns noch anders werde!«

In solchen Gedanken überschritt er den Markt und trat in das Rathaus ein, wo eben ein Stadtknecht das kleine Bürgermeisterstübchen aufschloß. Dort öffnete er die Lade, zu der nur er und sein Amtsgenosse, der andere Bürgermeister, die Schlüssel in den Händen hatten, und nahm einen Pack von Schriftstücken heraus, die obenauf lagen. Es waren Briefe und Bittgesuche an den Rat, die abgegeben waren, während er der Stadt fern gewesen war. Viel Wichtiges enthielten sie nicht, und so war er bald damit zu Ende. Er legte sie auf den Tisch und trat langsam ans Fenster und blickte hinaus. Aber das Bild des Lebens und Treibens auf dem Markte fesselte ihn nicht lange. Seine Gedanken flogen zurück an das Totenlager seines Freundes, an dem er vorgestern in Goslar gestanden hatte, und dann gingen sie noch viel weiter zurück in eine ferne, entlegene Zeit, in der Klaus von Hary um seine Schwester Ilsabe Wildefüer gefreit und sie endlich in sein Haus geführt hatte, obwohl mehrere reiche Geschlechtersöhne von Hildesheim, ein Harlessem und ein Blome und sein jetziger Freund und Mitbürgermeister Hinrich Galle, seine Nebenbuhler gewesen waren. Sechsundzwanzig Jahre waren seitdem verflossen, aber Hans Wildefüer entsann sich auf alle Einzelheiten der fröhlichen Hochzeit, die drei Tage gewährt hatte. Am vierten Tage war dann das junge Paar mit drei schwerbeladenen Leiterwagen voller Hausrat und geleitet von zwanzig Reitern, nach der neuen Heimat der Braut abgefahren. Was für ein Paar war das gewesen! Seine Schwester Ilsabe das schönste Mädchen Hildesheims, sein Freund Klaus einer der stattlichsten und kraftvollsten Männer des Harzbezirkes.

Frau Ilsabes Schönheit war nun schon längst vermodert, und ihren Gatten hatte er gestern früh neben ihrem Grabe in die Erde gebettet, und an dem Grabe des an der Pest Verstorbenen hatte außer ihm und der verwaisten Tochter niemand gestanden als der Priester und der Totengräber. Wer hätte ihm einst in den Tagen des Glückes und der Freude einen solchen Tod und ein solches Begräbnis weissagen wollen! Hätte es ihm aber jemand vorhergesagt, so würde er gelacht und ihm nimmermehr geglaubt haben. Denn jeder meint, in dem undurchdringlichen Dunkel, das vor ihm liegt, warte das Glück auf ihn, und wer ihm Unheil vorhersagt, den hält er für einen schwarzseherischen Toren. Er selber, Hans Wildefüer, war nicht anders gewesen in seiner Jugend, und auch jetzt noch hätte er bis vorgestern jeden, der ihm Unheil hätte prophezeien wollen, kurz und kalt zurückgewiesen. Aber seit er gestern von Goslar weggeritten war, hatte ihn die Sorge nicht losgelassen: Wie wird einst dein eigenes Ende sein? Immer wieder war er darauf zurückgekommen. Das schnelle, düstere Ende seines Freundes hatte die Frage in ihm angeregt, und sie lag ihm ja eigentlich nahe genug. Zwar vor der Pest fürchtete er sich nicht, dagegen glaubte er sich gefeit. Aber er spielte schon seit geraumer Zeit ein hohes, gefährliches Spiel, in dessen Karten nur wenige Vertraute hineinblicken durften. Wurde vorzeitig verraten, was er im Sinne hatte, um seine Stadt beim alten Glauben zu erhalten und dadurch zugleich die Macht Roms im Norden des Reiches zu festigen, so konnte es leicht um seinen Hals gehen. Dann starb er vielleicht nicht in seinem Bette, wie sein Freund, sondern auf dem Hochgericht, oder er mußte, wenn ihm das glückte, bei Nacht und Nebel aus seiner Vaterstadt entweichen.

So stand er in finstere Gedanken verloren eine ganze Weile da, und sie übermannten ihn so, daß ihn ein Zittern durchflog. Das Gemach, in dem er stand, erschien ihm plötzlich wie ein Gefängnis oder wie ein Totengewölbe, und es war ihm, als solle er m seiner dumpfen Luft ersticken. Mit so heftiger Gewalt riß er das Fenster auf, daß es beinahe aus seinen Angeln gefallen wäre.

In diesem Augenblick traf sein Ohr ein betäubendes Geschrei aus etwa dreißig Knabenkehlen. Die Rangen lieferten offenbar eine Schlacht, denn sie hieben mit hölzernen Schwertern und Spießen wacker aufeinander ein und stießen dabei ein Geheul und Gebrüll aus, als ob es gälte, einen Toten zu erwecken.

Der Bürgermeister lachte. Seine schweren Gedanken waren mit einem Male verflogen, und er dachte daran, wie gar manchmal er selbst in seiner Kindheit auf Markt und Straßen getobt hatte. Jetzt tobte da sein Enkel, der siebenjährige Henni Brandis, mit dem er auf sehr vertrautem Fuße stand. Nicht ohne Genugtuung bemerkte er, daß dieser der Wildeste und Keckste der ganzen Rotte war. Er hielt es aber doch für geraten, dem Unfug ein Ende zu machen, denn die Buben prügelten sich gar zu ernsthaft, und es konnte vielleicht doch ein Auge oder ein Nasenbein zu ernstem Schaden kommen.

»Wollt ihr wohl aufhören!« schrie er hinunter. »Was tut ihr denn da?«

»Wir hauen uns! Wir führen Krieg!« tönte es von unten zurück, und der kleine Brandis rief: »Wir sind Helden. Ich bin du, Großvater! Siehst du, das ist meine Streitaxt!« Dabei schwang der Knirps ein hölzernes Ding, das aussah wie ein Böttcherhammer. Es sollte eine Nachbildung des gewaltigen stählernen Fausthammers darstellen, der Wildefüers liebste Waffe war, und den in der Stadt jedermann kannte.

Hans Wildefüer schmunzelte. »Geh mal zur Großmutter!« rief er. »Die Trine bäckt heute Wecken. Wenn du noch zur Zeit kommst, kannst du in der Küche den Topf auslecken.«

»Das darf ich nicht. Die Trine hat mir's das vorige Mal verboten, sie ist ein gräßliches altes Weib. Ich bin mit ihr böse,« antwortete der junge Brandis. »Dann sei wieder gut mit ihr und sage, der Großvater hätte es erlaubt.«

Aus dem Munde des jungen Helden kam ein lauter Freudenschrei, und seine Schlachtkeule im Triumphe schwingend, sauste er über den Markt hin.

Der Bürgermeister lachte noch einmal kräftig und schloß dann das Fenster, denn er hörte hinter sich das Zufallen der schweren Zimmertür. Als er sich umwandte, blickte er in das Antlitz seines Freundes Galle, und das Lachen verging ihm. Kränklich war sein Amtsgenosse schon vor drei Tagen gewesen, als er ihn verlassen hatte. Seitdem aber schien er ernstlich erkrankt zu sein, denn er hielt sich offenbar kaum aufrecht auf den Beinen und fror trotz des dicken Mantels, den er sich umgelegt hatte. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, und sein Gesicht zeigte eine ganz unnatürliche Farbe. Es sah aus wie eine Zitrone.

»Hinrich!« rief Wildefüer. »Was ist mit dir? Hast du die Seuche?«

»Dieses weniger«, erwiderte Galle und ließ sich in einen Stuhl fallen. »Aber die Gelbsucht kann's schon sein. Ich habe sie mir gestern an den Hals geärgert.«

»Was ist denn geschehen? Hast du Verdruß gehabt in deinem Hause? Hier habe ich nichts gefunden, was einem die Galle aufregen könnte.« »Das glaube ich«, knurrte Galle. »Nichts Geschriebenes hat mich in Ärger und Verdruß gebracht, sondern etwas Erlebtes. Die Sache ist die: Ehegestern, du warst kaum weggeritten, ward ein Prädikant ergriffen, der in den Häusern hin und her die lutherische Lehre gepredigt, auch wie einer sagte, das hochwürdige Sakrament gespendet hatte nach der Weise der martinischen Sekte. Ich ließ ihn auf der Stelle in das Ratsgefängnis bringen und wollt' ihn gestern verhören. Aber siehe, da war der Vogel ausgeflogen. Und weißt du, wer ihn hat ausfliegen lassen?«

»Nun?«

»Unser Freund Harmen Sprenger.«

Wildefüer fuhr zurück und erblich. »Unmöglich!« rief er laut.

»Er hat es abgeleugnet, aber er hat es doch getan«, fuhr Galle grimmig fort. »Ich kenne ihn ja von klein auf und weiß genau, wie er aussieht, wenn er lügt. Wir kamen in einen scharfen Wortwechsel, und was sagte mir der Bube? Wir sollten die Sache laufen lassen, wie sie liefe. Der Prädikant sei ein Hesse gewesen, unter dem Landgrafen daheim, und wir sollten froh sein, daß er aus der Stadt entwischt sei, denn da hätte die Stadt keine Händel zu befürchten mit dem Landgrafen, der ja ohnehin auf uns erbittert sei. Ich schrie ihn an, denn ich erboste mich heftig, in Hildesheim habe man zu richten nach Hildesheimer Recht und brauche nicht danach zu fragen, ob einer der lutherischen Bundesbrüder von Schmalkalden die Stirn dazu runzele oder nicht. ›Ihr werdet schon sehen, wie weit ihr mit dieser Dickköpfigkeit kommt, und die Stadt hat dann für euch die Zeche zu zahlen‹, gab er zur Antwort, fing an ein Liedlein zu pfeifen und ging aus der Stube. Ich aber erboste mich so, daß ich zu Mittag und zur Nacht keinen Bissen essen konnte, und gestern abend bin ich krank geworden.«

Wildefüers Antlitz hatte sich während der Rede seines Freundes immer mehr verdüstert, und eine tiefe Falte war zwischen seinen Brauen erschienen. Er schwieg eine Weile, dann sagte er mit einer Stimme, der seine innere Erregung deutlich anzumerken war: »Daß Harmen Sprenger sich den Martinianern zuneigt, glaube ich trotzdem nicht. Aber er hat Angst, wie eben die meisten. Sie haben alle Angst vor dem Schmalkaldener Bündnis und denken, sie könnten ihm nicht widerstehen, denn sie kennen seine Schwäche nicht. Ich aber kenne sie. Der Bund hat zwei Häupter, deren jedes etwas anderes will: den Landgrafen und den Kurfürsten von Sachsen. Darum wird er niemals etwas Großes erringen, und wenn er etwas beginnt, wird er's nicht durchführen. Könnt' ich doch die Leute alle von dieser Weisheit überzeugen! Aber sie sehen immer nur, was vor Augen ist, nämlich daß die Schmalkaldener viel Land und Leute besitzen. Darum wagen sie nicht, die Prädikanten mit harter Faust anzupacken, obwohl unser Stadtrecht klar genug ist. Mit Sprenger rede ich darüber noch heute. – Was gibt's?« rief er, sich dem Stadtknecht zuwendend, der in die Türe trat und sich unbeholfen verneigte.

»Herr, der hochwürdige Domherr Fridag sendet zu Euch. Er läßt Euch bitten, Ihr wollet Euch zu ihm bemühen. Er ist im Dome.«

»Gut«, erwiderte Wildefüer. »Sage dem Boten, ich käme auf der Stelle.«

»Gewiß wieder ein Brief des Herzogs von Wolfenbüttel«, sagte Galle, als der Knecht die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Wildefüer nickte. »Wahrscheinlich. Und viel Gutes wird er nicht bringen.«

»Hast du in Goslar gehört, wie sich der Herzog jetzt erzeigt, nachdem er von der Kaiserlichen Majestät ermahnt worden ist, Goslar und Braunschweig in Ruhe zu lassen?«

Wildefüers Antlitz ward finster. »Wohl hab' ich's gehört, und es hat mich nicht gefreut, was ich hörte. Wahrlich, Herzog Heinrich macht's uns schwer, an ihm festzuhalten. Er kümmert sich um das kaiserliche Edikt keinen Deut und fährt fort, die beiden Städte zu bedrängen. Vor etlichen Tagen hat er wieder zwei Goslaer Kaufleute, die auf der Heimreise waren, auf der Landstraße niederwerfen lassen und in Haft genommen. Das tut er, obschon ihm die Majestät strengstens anbefohlen hat, sich jeder Gewalttat zu enthalten.«

»Er meint wohl, daß es dem Kaiser nicht Ernst ist«, warf Galle ein. »Er weiß, daß ihn der Kaiser lieber hat als jeden anderen Fürsten des Reiches hier im Norden. Denn die anderen sind fast alle abgefallen von der heiligen christkatholischen Kirche, nur Herzog Heinrich ist ihr unverbrüchlich treu. Will Kaiser Karl einmal – Gott gebe, bald! – die Ketzerei wieder ausrotten in den deutschen Landen, so kann er sich in unserem Teile des Reiches nur auf den Herzog stützen. Darum muß und wird er ihm alles nachsehen.«

Wildefüer schüttelte den Kopf. »Wenn du dich nur nicht täuschest! Wohl ist Heinrich von Wolfenbüttel die Säule unserer heiligen Kirche, und deshalb halten wir beide ja auch an ihm fest und wollen unsere Stadt enger mit ihm verbünden. Aber den Bruch des Landfriedens, den der Herzog wieder und immer wieder begeht, kann der Kaiser auf die Dauer nicht mit ansehen. Er muß Ernst gegen ihn gebrauchen, es mag ihm leid sein oder lieb. Läßt der Herzog nicht ab, Goslar und Braunschweig zu schädigen, so werden die Schmalkaldener den Kaiser zwingen, daß er ihn ächtet, und sie werden die Acht an ihm mit tausend Freuden vollstrecken. Im Namen des Kaisers vertreiben sie dann des Kaisers Freund und unseres Glaubens feste Stütze aus seinem Lande, wenn ihnen der Herzog nicht mit der Waffe widersteht.«

Galle schlug mit der Rechten auf die Lehne seines Stuhles und murmelte eine Verwünschung.

»Geschähe das,« fuhr Wildefüer fort, »so wäre es mit der heiligen katholischen Religion in unserem Lande vorbei. Auch Hildesheim bliebe schwerlich bei ihr, denn wir stünden dann da wie eine kleine Insel mitten im Meere, gegen die tagaus und tagein die wütenden Wogen anprallen. Daher müssen wir dem Herzog helfen und ihm beistehen, so schwer er's uns macht. In welche Lage bringt uns der wilde, unbezähmbare Mann! Er bedrängt zwei Städte, mit denen wir in nachbarlicher Freundschaft leben. So bringt er uns, die wir seine Freunde sind und heißen, in üblen Geruch bei allen Städten. Wie sollen wir, wenn's zum Kampfe mit den Schmalkaldenern kommt, unsere Bürger vermögen, daß sie ihm zu Hilfe ziehen? Den Rat vermögen wir wohl dazu, aber wenn sich unter den Sprechern der Bauernschaft einer fände, der das Volk aufwiegelte gegen den Herzog als gegen den Feind der Städte und Landfriedensbrecher, dann könnte es einen großen Rumor geben in Hildesheim.«

Galle schlug wieder gegen die Lehne des Stuhles. »Gott sei Dank und allen Heiligen, daß sie keinen haben!« rief er. »Und ich wüßte auch keinen in der ganzen Stadt, den sie bei der nächsten Wahl zum Sprecher und Häuptling gegen dich küren könnten, unsere heimlichen Martinianer.«

»Ich auch nicht!« versetzte Wildefüer. »Aber nun lebe wohl, Hinrich, ich gehe nach dem Dome. Wenn du gescheit bist, so legst du dich in dein Bett, denn du siehst schlecht aus. Ich komme heute gegen Abend noch einmal in dein Haus und sehe nach dir.«

»Du hast recht. Ich schreibe hier nur noch ein paar Zeilen, dann folge ich deinem Rate. Einstweilen gehab' dich wohl. Komme doch nachher gleich zu mir und sage mir, ob der Hochwürdige eine Nachricht vom Herzog an uns hat, und was in dem Briefe steht.«

»Gut, das will ich tun«, erwiderte Wildefüer und wandte sich der Tür zu. Auf der Schwelle aber hielt ihn ein Ruf des Freundes noch zurück.

»Hans Wildefüer,« sagte Galle mit gedämpfter Stimme, »hast du alle Briefe des Herzogs sorglich verwahrt? So sorglich und fleißig, daß sie kein Mensch finden kann?«

»Das versteht sich. Wie kommst du darauf?«

»Weil ich immer so kuriose Träume habe. Die Krankheit steckte wohl schon lange in mir und machte mich unruhig. So träumte ich ehegestern nacht, du und ich wurden nach dem Rabenstein hinausgeführt, und dort stand ein schwarzes Gerüst, und zwölf Trompeter bliesen uns an, denn wir sollten gerichtet werden.«

»Und was hatte das mit des Herzogs Briefen zu schaffen?«

»Gerade diese Briefe hatten uns in die Not gebracht. Du weißt, ein Bürger, der mit fremden Potentaten und Herren Briefe wechselt, ohne sie dem Rate vorzulegen, wird als ein Verräter der Stadt angesehen und peinlich gerichtet.«

»Das weiß ich. Aber selbst wenn es herauskäme, wer würde mich anklagen? Keiner in der ganzen Stadt. Meinst du das nicht auch?«

»Ich hoffe es«, entgegnete Galle nach einigem Nachdenken. »Ja, nochmals, Gott sei Dank, sie haben keinen, keinen, der wider dich aufkommen könnte, obwohl dir viele gram sind in der gemeinen Bürgerschaft, weil du die Lutherei niederhältst mit eiserner Hand. Die Heiligen seien gelobt! Und lange wird es ja nicht mehr währen, da werden den Bürgern die Augen aufgehen. Wenn der Kaiser kommt und dem Unfuge ein Ende macht, dann wird Hildesheim die Frucht unserer Sorgen ernten. Du weißt, daß er uns in einem Briefe gelobt hat um unserer Treue willen und uns ermahnt hat, bei der guten Sache auszuharren. So wird er uns nicht vergessen, wenn der Tag der Abrechnung kommt, und wird uns begnaden vor allen Städten.«

»Das ist zu hoffen«, entgegnete Wildefüer. »Aber es bestimmt mein Tun und Handeln nicht. Wenn ich der Kirche die Treue halte, so verlange ich dafür keinen Lohn, zum wenigsten keinen, der auf Erden erteilt wird.«

Er wandte sich zum Gehen, aber noch einmal rief ihn Galle zurück. »Hans,« sagte er, »verüble mir's nicht, wenn ich dich noch etwas frage. Halt' es meinem Zustand zugute, ich bin krank und schwach. Meinst du, daß der alte Fridag, durch dessen Hand unsere Briefe an den Herzog gehen, ganz sicher und verschwiegen ist?«

Wildefüer fuhr mit einem Ruck herum und sah geradezu verblüfft aus. »Mensch!« rief er. »Der Domherr Arnold Fridag? An dem willst du zweifeln? Was fällt dir ein! Er ist der Kirche treuer als jeder andere.«

»Sicherlich, Hans, sicherlich. Aber er ist so alt, so uralt! Wie, wenn er eines Tages kindisch würde und zu plaudern und zu schwätzen anhübe?«

»Du bist wirklich sehr krank, lieber Hinrich«, erwiderte Wildefüer. »Sonst würdest du dir solche Gedanken nicht machen. Sie würden dir nicht einmal ins Hirn kommen. Arnold Fridag ist so klaren Geistes wie wir beide. Gott hat ihn wunderbar begnadet und ihm, während sein Leib schon halb und halb verfällt, am Geiste jung erhalten. Schlage dir solche Gedanken aus dem Kopfe, und nun gehab' dich wohl.«

Er verließ das Gemach und das Rathaus, überschritt den Markt und eilte auf dem kürzesten Wege durch ein Gewirr von Gassen und Gäßchen dem Dome zu. Als er sich dem gewaltigen Gotteshause näherte, kam ihn plötzlich ein Lachen an, indem er der Befürchtung seines Freundes Hinrich Galle gedachte. Daß der Mann, der ihn hatte rufen lassen, und zu dem er ging, schwach und kindisch sein könne, darauf konnte wirklich nur ein Kranker verfallen. Der alte Domherr war ein Mensch, der einige Jahrhunderte zu spät geboren war. Hatte er in den Tagen Bernwards oder Godehards gelebt, so wäre er wahrscheinlich heilig gesprochen worden wie diese beiden. Aber es wehte zurzeit in Deutschland keine Luft, in der Heilige gediehen, denn die Gemüter waren nicht darauf gestimmt, Wunder und Zeichen zu sehen. Sonst hätte der Greis mit dem schneeweißen Barte, der mitten im großen Reichtum wie ein Weltverzichter lebte, sicherlich schon ruchbare Wunder getan. Er vollendete in Kürze sein achtundneunzigstes Lebensjahr, und nie hatte ihn jemand etwas anderes genießen sehen als ein paar Bissen Brot, ein Glas Milch und einige Früchte. Seit einem Jahrzehnt ging er nur noch von seinem Hause in den Dom. Andere Gänge mied er, denn seine Füße waren schwach geworden, und in einer Sänfte wollte er sich nicht tragen lassen. Aber im Dome blieb er oft stundenlang. Denn Herr Arnold Fridag verwendete die eine Hälfte seines Einkommens auf Werke der Barmherzigkeit und die andere auf Werke der kirchlichen Kunst. Es lebte in seiner Seele etwas vom Geiste des heiligen Bernward, der in seinen Tagen der größte Künstler diesseits der Alpen gewesen war. Schon manches Gemälde, manches Standbild der gebenedeiten Gottesmutter und mehrere Fenster mit herrlichen Glasmalereien hatte er dem Dome und anderen Kirchen seiner lieben Vaterstadt Hildesheim zum Geschenk dargebracht. Jetzt arbeitete schon seit einem Jahre ein trefflicher Künstler mit seinen Gehilfen an einem Lettner, der seinesgleichen nicht haben sollte im deutschen Lande. Er war erst zur Hälfte fertig, eben wurde das Kreuzigungsbild über seiner Mitte aufgerichtet. Der Greis schaute dem zu, auf einem gepolsterten Lehnstuhle sitzend, der in einiger Entfernung davon im Mittelgange aufgestellt war. Als Wildefüer den Dom betrat, leuchteten ihm schon von ferne aus der Halbdämmerung die silbernen Löckchen entgegen, die das Haupt des alten Domherrn zierten.

Die hallenden Schritte des Näherkommenden weckten den Greis aus seiner tiefen Versunkenheit. Er kehrte ihm sein Antlitz zu, lächelte freundlich und rief ihm mit dünner, aber klarer Stimme entgegen: »Gelobt sei Jesus Christus!«

»In Ewigkeit. Amen!« gab Wildefüer zurück, dann begann er: »Ihr habt mich rufen lassen, Ehrwürden« – Aber der Greis unterbrach ihn.

»Tritt hierher hinter mich, mein Sohn,« sagte er, »und siehe dorthin. Sieh, eben fällt ein Strahl darauf. Ist es nicht göttlich schön?«

Der alte Domherr nannte jeden Hildesheimer du, denn er hatte sie alle aufwachsen sehen, ja, die Väter der meisten waren Kinder gewesen, als er schon die Weihen empfangen hatte. Auch mit dem regierenden Bürgermeister machte er keine Ausnahme, und der ließ es sich gern gefallen. Er trat gehorsam hinter den Stuhl des Greises und blickte empor zu dem Bilde, wohin jener mit der Hand wies, und was ihm da entgegenglänzte in bunter Farbenpracht und feinster Ausstattung der Gestalten entzückte auch ihn, und er versenkte sich eine ganze Weile in den Anblick. »In Wahrheit,« sagte er endlich, »es ist prächtig, und wenn das Werk fertig dastehen wird, so wird es alle Herzen erbauen.«

»Es ist das einzige, was mich noch an diese Welt fesselt«, sprach der greise Domherr mit leiser Stimme. »Ich bete zu dem Allmächtigen und der heiligen Jungfrau, daß sie mich das fertige Werk noch schauen lassen. Ich bete so, obschon es ein törichtes Gebet ist. Denn so mich der Tod hinwegreißen würde, würde ich ganz andere Werke schauen in der Stadt des ewigen Lichtes, die zu erblicken ich sehnlich hoffe und fest glaube.« Nach einigen Augenblicken setzte er hinzu: »Das ist's, weshalb ich dem Wittenberger Zerstörer unsrer heiligen Kirche am heftigsten grolle: er stürzt die Altäre in den Staub, und wo seine Lehre zum Siege kommt, da gibt es keine Bilder mehr in der Kirche, deren Schönheit die Gemüter zur Andacht stimmt.«

Darauf erwiderte Wildefüer nach einigem Nachdenken: »Ihr wißt es, ehrwürdiger Vater, wie abhold ich ihm bin. Aber die Gerechtigkeit verlangt es zu sagen, daß er dieses Frevels nicht schuldig ist; er hat immer den Schwärmern gewehrt, die in ihrer viehischen Tollheit die Bilder aus der Kirche werfen und zerschlagen wollten.«

»Es ist so, und doch habe ich recht!« rief der Greis eifrig. »Du siehst nur, was vor Augen liegt. Ich blicke tiefer. Sei dessen gewiß: wo man den Glauben verliert an die Heiligen und sie zum Gespött macht, da malt und bildet man auch keine Heiligen. Der Glaube muß den Meißel und den Pinsel führen, sonst ist die Kunst hohl und tot, und der Künstler schafft nur leere Larven. Doch wohin verlieren wir uns! Hier, mein Sohn, ist wieder etwas angekommen an dich, was mir mein Vetter zugetragen hat im Auftrage des Herzogs Heinrich, der ein großer Sünder ist, aber wenigstens ein treuer Diener unsrer heiligen Kirche. Nimm es und birg es in deinem Wamse und lies es zu Hause, denn hier könnte einer dir aufpassen.«

Aus einem Ledertäschchen, das er am Gürtel trug, nahm er einen schmalen, vielfach umschnürten und versiegelten Brief und übergab ihn Wildefüer. Es sah aus, als ob er ihm die Hand zum Abschied reiche.

Wildefüer behielt den Zettel in seiner geschlossenen Faust und sagte mit einer ehrfürchtigen Verneigung: »Ich danke Euch, ehrwürdiger Vater, daß Ihr Euch immer wieder bereitfinden lasset, die Briefe zwischen Herzog Heinrich und mir zu vermitteln. Es ist nun schon das fünfte Mal.«

»Ich mische mich sonst nicht mehr in die Handel dieser Welt, wie du ja weißt!« gab der Greis zur Antwort. »Ich will es auch gar nicht wissen, was du mit Herzog Heinrich sinnst und planst. Genug, daß ich weiß, es ist zu Nutz und Ehre unsrer Kirche.«

»Darauf könnt Ihr Euch allerdings fest verlassen. Und nun lebt wohl, ehrwürdiger Vater.«

»Der Herr segne dich und behüte dich, mein Sohn«, sagte Fridag, erhob segnend die Hand gegen ihn und nickte ihm freundlich zu. Dann versank er sogleich wieder in die Betrachtung des vor ihm sich erhebenden Kunstwerkes.

Wildefüer verließ den Dom durch eine Seitentür. Als er sich im Portal unbeobachtet sah, barg er schnell den Brief in der Tasche seines Wamses. Dann eilte er mit hastigen Schritten seinem Hause zu.

Als er an der Kirche zu Sankt Andreas vorüberkam, blieb er plötzlich stehen, und ein freudiger Schimmer leuchtete in seinen Augen auf. Vor der Tür des Gotteshauses hielten zwei Knechte mit drei Pferden, und aus der Kirche trat jetzt ein Mann, der den Reisemantel und das breite Schwert an der Seite trug. Wildefüer erkannte ihn auf der Stelle. Es war Christof von Hagen, der aus der Verbannung zurückkehrte in seine Vaterstadt. Und sein erster Gang in der Heimat war die Kirche gewesen, in der er getauft und gefirmelt worden war, und in der die Grabsteine seiner Ahnen standen. Hier vor dem Hochaltar hatte er gekniet, um Gott und seinen Heiligen für seine glückliche Heimkehr zu danken. Das litt keinen Zweifel. Was hätte er sonst hier wohl vollbringen wollen?

Wildefüer gedachte an das, was er seinem sterbenden Freunde Klaus von Hary gesagt hatte, und eine tiefe Genugtuung darüber, daß er recht gehabt hatte, erfüllte seine Seele. Wer in seinem Hause aufgewachsen, wer in seiner Zucht groß geworden war, der blieb dem Glauben der Väter treu, dem war die Ehrfurcht vor der Kirche zu tief ins Blut gesenkt worden, als daß er ihr jemals untreu werden konnte. Christof von Hagen kehrte in die Heimat zurück als derselbe, der er gewesen war, als er hatte hinausziehen müssen. Es stand also nichts im Wege, die Hand Lucke Harys in seine Hand zu legen und die zu vereinigen, die sich liebhatten. Nach seinem Glauben brauchte er ihn nun gar nicht mehr zu fragen. Er sah es ja mit Augen, wie es darum stand. Er gönnte ihm auch von ganzem Herzen sein Glück, denn er hatte den wilden, heißblütigen Menschen stets gern gehabt und ihn gerade dann oft mit geheimem Wohlgefallen betrachtet, wenn er ihn bändigen mußte. Mochte er mit der schönen Lucke Hary so glücklich werden, wie er selbst einst gewesen war, als er seine blonde Mette heimgeführt hatte! Zu dem allen schoß ihm plötzlich der Gedanke durchs Hirn, dieser junge Mann könne vielleicht einmal seine Stelle in Hildesheim einnehmen als Hort und Vorkämpfer des alten Glaubens, wenn Gott ihn etwa früher abrief, als er glaubte. Denn sein Sohn Jost, der zurzeit auf der hohen Schule in Ingolstadt weilte, war ja ein wackerer junger Mann von guten Gaben, aber ein stiller, sinniger Mensch, kaum geeignet, auf Rat und Volk bestimmend einzuwirken. Der Gedanke überfiel ihn mit großer Kraft.

So trat er denn, einer raschen Aufwallung folgend, auf Christof von Hagen zu, streckte ihm die Hand weit entgegen und rief: »Sei gegrüßt in der Heimat, Christof! Du bist im Zorne von mir geschieden, aber ich denke, du kehrst ohne Zorn zu mir zurück. Wir wollen vergessen, was vor zwei Jahren geschehen ist, und miteinander sein, wie wir früher waren!«

In Hagens Antlitz trat eine helle Röte, und er senkte den Blick. Gleich aber hob er ihn wieder und sah ihm fest in die Augen. »Ich danke Euch, Ohm Wildefüer«, erwiderte er, seine Hand mit festem Druck ergreifend. »Nein, ich zürne Euch nicht mehr, mein Zorn ist draußen verraucht und verflogen.«

»Du bist, wie ich meine, über Goslar geritten?« fragte Wildefüer schnell. »Du weißt, was dort geschehen ist?«

Hagen neigte das Haupt. »Ich weiß, daß Luckes Vater tot ist, will sie nun von Euch zum Weibe verlangen. Denn ich denke, da sie mit Euch gegangen ist, werdet Ihr auch ihr Vormund sein.«

»Der bin ich, mein Sohn, und ich werde sie dir nicht vorenthalten. Ihr Vater hat ja damals deine Werbung zurückgewiesen, aber er hatte zuletzt nichts mehr dagegen. So komme nachmittags in der vierten Stunde zu mir, da will ich sie dir angeloben. Ich lüde dich gern zum Essen, aber wir essen heute bei Brandisens, da die Mutter, zum ersten Male wieder ausgehen darf.«

»Oh! War sie wieder einmal krank?«

»Sehr krank, mein Junge. Diesmal nahe am Tode, aber Gott hat sie mir noch einmal gerettet. – Du kommst also in der vierten Stunde?«

»Ich werde pünktlich da sein, Ohm Wildefüer, darauf verlaßt Euch. Und grüßt mir einstweilen die Muhme und die Lucke, und grüßt auch Brandisens von mir. Und ich danke Euch noch einmal.«

Wildefüer bot ihm wieder die Hand. »Ich habe Eile, drum Gott befohlen! Auf Wiedersehen. Gott segne deinen Einzug in Hildesheim!«

Mit raschen Schritten ging er von dannen. Christof von Hagen sah ihm mit glänzenden Augen nach, ja, sein ganzes Antlitz strahlte. So nahe war er dem Ziele. Der Tod des alten Hary war nur ein Glücksfall für ihn gewesen, denn der strenge, düstere Mann, der stets ernst und gemessen war in allen seinen Lebensäußerungen, hatte ihn niemals gemocht. Der Alte hatte ihn immer mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet, und nach dem Frevel gegen die Stadtgesetze, den er vor zwei Jahren begangen, hatte er ihm erklärt, von einer Verbindung mit seiner Tochter könne nunmehr keine Rede sein. Auch die Tränen seiner Tochter, die er liebte, und der er sonst so ziemlich den Willen ließ, hatten ihn nicht umzustimmen vermocht. Wie kam es wohl, daß er auf dem Totenbette anderen Sinnes geworden war? Hatte es ihm eingeleuchtet, daß der reiche Hildesheimer Geschlechtersohn für seine zurückbleibende Tochter doch am Ende eine gute Versorgung war? Oder hatte Ohm Wildefüer, auf den er mehr hörte als auf jeden anderen Menschen, ein Wort zu seinen Gunsten eingelegt? Nach der Art, wie ihn der Bürgermeister soeben empfangen hatte, war das sehr wahrscheinlich. Aber bei diesem Gedanken durchzuckte ihn ein plötzlicher Schreck, und der freudige Glanz in seinen Augen erlosch. Nimmermehr, dessen war er sich deutlich bewußt, nimmermehr hätte Wildefüer zu seinen Gunsten geredet, wenn er gewußt hätte, wie es um seinen Glauben stand. Vielmehr würde er dann alles getan haben, um ihn und Lucke zu trennen, und vielleicht würde er das jetzt noch versuchen. Da war es denn als ein zweiter Glücksfall zu preisen, daß der Tote bereits seine Einwilligung gegeben hatte. Denn gegen den Willen des Vaters konnte der des Vormundes nicht aufkommen. Aber wie würde er es aufnehmen, was er doch schon heute erfahren mußte? Ach, hätte ihn Hans Wildefüer doch lieber kurz und unfreundlich empfangen, dann wäre es ihm leichter geworden, sein Bekenntnis abzulegen. Nun aber nach seiner herzlichen, beinahe väterlichen Begrüßung schien es ihm mit einem Male unsäglich schwer, den Mann zu enttäuschen, zu dem er als Knabe und Jüngling mit wahrer Ehrfurcht und wie zu einem Vorbilde emporgeblickt hatte.

Eine Bewegung seines jüngeren Knechtes, der dem älteren einen verwunderten Blick zuwarf, ließ ihn aus seinen Gedanken auffahren. Er mußte in der Tat ein wunderliches Bild gewähren, wie er in Sinnen verloren mitten auf dem Platze vor der Kirche stand, und die beiden hatten ein Recht, einander erstaunt anzublicken. So ergriff er denn mit einem schweren Seufzer den Zügel seines Rosses und schritt neben ihm seiner Behausung zu, die in geringer Entfernung von Sankt Andreas auf dem hohen Wege lag.


In seiner besten Feiertagsgewandung näherte sich am Nachmittage Christof von Hagen dem Wildefüerschen Hause. Aber er sah nicht aus wie ein Freier, der seinem nahen Glücke zuschreitet, vielmehr wie ein Mann, der einem ernsten Zweikampf entgegengeht. Ein Zweikampf mußte es ja auch werden, was ihm bevorstand, und er konnte ihm nicht ausweichen und wollte es auch nicht. Vorübergehend war ihm der Gedanke aufgestiegen, er täte vielleicht am besten, wenn er die Wandlung seiner Glaubensüberzeugung dem Bürgermeister ganz verschwiege und jedem Gespräche darüber auswiche, oder gar, wenn das unmöglich sein sollte, die Wandlung, die in ihm vorgegangen war, verleugnete. Aber er fühlte wohl, daß er eine Lüge in diesen Dingen nimmermehr über seine Lippen bringen könne. Er sah Luthers mächtige Augen auf sich gerichtet, der ihn erst vor wenigen Tagen mit einem Segenswunsche für sein großes Vornehmen in Hildesheim aus seinem Hause hinausgeleitet hatte. Sollte er dieses Vornehmen mit einer Lüge anfangen und erst später damit hervortreten? Bekennertreue, furchtlose Wahrhaftigkeit – das war es doch, was der gewaltige Mann vor allem forderte von denen, die seine Anhänger heißen wollten, und er forderte es im Namen seines himmlischen Herrn. Wollte er seiner würdig sein, so durfte er nicht lügen. Aber auch um Wildefüers willen war ihm das unmöglich. Mochte sich dieser Mann von ihm abwenden, mochte er ihn hassen als einen Abtrünnigen, so war das doch noch hundertmal besser, als wenn er ihm eines Tages voller Verachtung hätte sagen können: »Du hast mich betrogen, du hast dein Glück durch eine Lüge erschlichen!« Das hätte er nicht ertragen, denn es hätte ihn aufs tiefste und auf alle Zeit vor ihm selbst gedemütigt. So hatte er denn die Versuchung rasch überwunden und betrat nun das ihm so vertraute Haus mit dem festen Vorsatz, ehrlich und mit offenem Visier um das Weib, das er liebte, zu kämpfen. Aber er konnte es nicht hindern, daß ihm vor diesem Kampfe heimlich graute.

Zu seinem höchsten Erstaunen erfuhr er bereits im Vorflur, daß der Bürgermeister nicht daheim war. Valentin, der alte Knecht, der ihn einst als Knabe das Reiten gelehrt hatte und sein Freund und Vertrauter gewesen war bei vielen wilden Jungenstreichen, empfing ihn mit Tränen in den Augen und drückte seine Hand immer wieder, und wäre Christof von Hagen in anderer Stimmung gewesen, so hätte ihm die Wiedersehensfreude des Alten sicherlich das Herz bewegt. So aber hatte er kaum acht darauf, denn sein Gemüt war viel zu beschwert, als daß er etwas anderes hätte denken können. »Wohin ist der Herr Bürgermeister geritten? Wie ist das möglich? Ich bin doch auf diese Stunde bestellt!« fragte er kurz und hastig.

»Der Herr hat mir nicht gesagt, was er vorhatte. Aber er kommt wohl erst in einigen Tagen wieder«, entgegnete Valentin und machte ein etwas betretenes Gesicht, denn er war auf eine andere Begrüßung gefaßt gewesen. »Ich sollt' Euch aber, hat er gesagt, an unsere Frau verweisen. Die weiß alles, hat er gesagt. Sie ist oben in der roten Stube.«

»Gut«, versetzte Hagen und schritt der Treppe zu. Als er schon den Fuß auf die erste Stufe gesetzt hatte, wandte er sich noch einmal um und entnahm seiner Tasche einen Doppeltaler, denn das betrübte Gesicht des alten Knechtes tat ihm mit einem Male leid. »Ich habe jetzt keine Zeit für dich, Valentin,« sagte er, »aber hier nimm einstweilen, was ich dir von meiner Reise mitgebracht habe.«

Valentin machte einen tiefen Kratzfuß, und seine Augen strahlten. Für einen Mann, wie er war, bedeutete ein so großes Geldstück ein fürstliches Geschenk. Einen ganzen Monat hindurch konnte er dafür im Wirtshaus »Zum Pfeifer« Abend für Abend eine große Kanne des guten Hildesheimer Bieres trinken, und diese Aussicht erfreute sein Gemüt aufs höchste. »Ihr seid doch noch, der Ihr immer wart!« rief er und bewegte seine steifen Beine so, als beabsichtige er, einen Luftsprung zu tun. »Dachte schon, Ihr hättet den alten Valentin vergessen in der langen Zeit, wo Ihr fort wart. Aber ich hab's immer gesagt, wenn Euch die Leute schelten wollten, weil Ihr den Brandis niedergeschlagen hattet: Der Christof von Hagen, der ist einer. Auf den laß ich nichts kommen. Hat jemand in Hildesheim eine so offene Hand? Nicht einmal der alte Herr Fridag hat sie, denn der gibt den Kindern nur getrocknete Birnen und Äpfel und kleine Silbergroschen. Aber wo ist einer, der jemandem gleich einen ganzen Doppeltaler gibt?«

So schwatzte der Greis noch lange voller Freude vor sich hin. Hagen hörte ihn längst nicht mehr. Er hatte ihm freundlich zugenickt und war dann langsam die hölzernen Stufen hinaufgestiegen. Kindheitserinnerungen kamen über ihn, als er das kunstvolle Schnitzwerk der Treppe sah, und ganz überwältigt wurde er von ihnen, als er nun in dem wohlvertrauten Zimmer mit dem rosenroten Anstrich der Wände vor dem Lehnstuhl der Muhme Wildefüer stand. Sie war zwanzig Jahre älter als er und hätte ganz wohl seine Mutter sein können, aber als Knabe von vierzehn und fünfzehn Jahren hatte er diese Frau geliebt, wie eben ein Knabe liebt, mit einer reinen Glut, die fast zur Anbetung wild. Sie war so ganz anders gewesen als alle anderen Frauen, die er kannte, die kraftvollen, derben Geschlechterfrauen von Hildesheim – still, zart und sein, als wäre sie aus einem anderen Stoffe gemacht als die übrigen Menschen. Im Dome stand ein kleines Bild der heiligen Gottesmutter, gemalt von eines welschen Meisters Hand. Dem sah sie ähnlich, und deshalb pflegte er damals vor dem Bilde zu beten und konnte es halbe Stunden lang in Andacht und Verzückung betrachten. Ein Blick, ein Lächeln von ihr vermochte alles über ihn; oft hatte er seinen Trotz überwunden nicht aus Furcht vor des Oheims Zorn, sondern nur, weil sie ihn liebreich mahnend ansah. Dabei war diese Knabenliebe so völlig ohne Wunsch, daß ihn nichts froher machte, als wenn er sah, daß ihr Mann ihr eine Zärtlichkeit erwies. Er hatte freilich wenig Gelegenheit, das zu sehen, denn Hans Wildefüer vergötterte zwar seine zarte, leidende Frau und erfüllte ihr womöglich jeden Wunsch und wehrte alles Unfreundliche von ihr ab, soweit er das vermochte, aber mit Zärtlichkeiten in Gegenwart anderer, besonders der Kinder, war er karg.

Mit den Jahren war dann die knabenhafte Schwärmerei aus seinem Herzen gewichen, aber sie zu lieben und zu verehren hatte er nie aufgehört, und als er vor zwei Jahren aus Hildesheim hatte weichen müssen, war er doch noch zu ihr gekommen, um Abschied zu nehmen, obwohl er ihrem Gatten damals heftig zürnte. Nun ward ihm ganz wunderlich weich und warm ums Herz, als er wieder die Augen auf sich gerichtet sah, die seiner Kindheit Sterne gewesen waren, und als er den milden Klang ihrer Stimme wieder vernahm.

»Grüß' Gott, Christof«, sagte sie und streckte ihm freundlich die Hand entgegen, indem sie sich erhob und ihm entgegentrat. »Bist du wieder daheim? Das freut mich sehr.«

Als sie ihm dabei ihr Antlitz voll zuwandte, bemerkte er erst, wie blaß und durchsichtig ihre Züge geworden waren, und daß in den blonden Haaren schon einzelne silberne Fäden schimmerten. Da wurden ihm die Augen feucht, und er bückte sich tief und küßte ihre Hände. So taten in Hildesheim die Söhne den Müttern, wenn sie nach längerer Abwesenheit wieder heimkehrten in ihr Vaterhaus. Sonst war es nicht gebräuchlich, den Frauen die Hand zu küssen. Ihm aber war es in diesem Augenblicke zumute, als kehre er zu seiner lieben Mutter heim, deren Güte und Fürsorge er lange Zeit entbehrt hatte.

Frau Mette entzog ihm ihre Hand nicht und sagte freundlich: »Setze dich her zu mir, Christof, und erzähle mir, wie dir's ergangen ist in der Fremde.« Doch gleich fügte sie mit einem schalkhaften Lächeln hinzu: »Aber nein, was rede ich doch! Du hast jetzt Besseres zu tun, als mit einer alten Frau zu snaken. Das können wir ein andermal. Jetzt gehe dorthinein zu deiner Braut. Der Ohm hat ihr nichts gesagt, daß du in der Stadt bist, und mir anbefohlen, ihr nichts zu sagen. Du weißt, daß er Überraschungen liebt. Ich sollte sie dir zuführen, hat er gewollt, aber ich denke, ihr redet zunächst einmal miteinander unter vier Augen. Das wird euch wohl am liebsten sein.«

Hagens Augen glänzten. »Ich danke Euch, liebe Muhme Mette. Aber wo ist der Ohm? Warum ist er nicht daheim?«

»Er hat in Geschäften der Stadt schnell verreisen müssen. Es war ihm sehr unlieb, denn er wäre viel lieber zu Hause geblieben. Wann er wiederkommt, weiß ich nicht, vielleicht erst in vier oder fünf Tagen. Aber er hat mir gesagt, ich sollte euch für ein Paar halten; es stünde nichts im Wege, daß ihr in den nächsten Wochen Hochzeit machtet.«

Hagen drehte sich auf den Hacken um und sprang auf die Tür zu, so daß Frau Mette unwillkürlich lachen mußte. Aber sie rief ihn noch einmal zurück. »Christof, nimm einen Rat von mir«, sagte sie. »Sei nicht so ungestüm. Schone Luckes Trauer. Der Tod ihres Vaters muß sie furchtbar getroffen haben. Sie hat, solange sie hier ist, wohl noch nicht zwanzig Worte gesprochen.«

»Ich will's bedenken, Muhme«, erwiderte er, aber die Schnelligkeit, mit der er in das Nebengemach enteilte, deutete nicht gerade darauf hin, daß ihre Warnung auf fruchtbaren Boden gefallen war.

Lucke Hary saß in der Nähe des Fensters vor einem Spinnrade, aber ihre Hände lagen müßig im Schoße. Sie hielt das Haupt tief gesenkt und die Augen geschlossen. Es sah aus, als schlummere sie und sei in einen leidvollen Traum versunken.

Als sie die raschen Schritte vernahm, schaute sie auf und wandte dem Eintretenden ihr Antlitz zu. Einen Augenblick starrte sie ihn an, als sähe sie etwas Unfaßbares. Dann fuhr sie von ihrem niederen Sitze empor. Eine heiße Blutwelle schoß ihr ins Gesicht und bedeckte ihre Wangen mit Purpurglut. Sie hatte wohl noch niemals in ihrem Leben so schön und begehrenswert ausgesehen wie in diesem Augenblicke.

Christof von Hagen überkam es bei ihrem Anblick wie ein Taumel. Fast drei Jahre war es her, seit er diesen roten Mund geküßt hatte – heimlich im Garten ihres Vaters vor Goslar, dann niemals wieder. Nun stand sie vor ihm und war sein, nichts stand mehr zwischen ihnen, in wenigen Wochen war sie sein Weib. Der Gedanke berauschte ihn wie schwerer Wein, und er vergaß alle Zurückhaltung und Vorsicht, die ihm soeben Frau Mette anempfohlen hatte. Er stürzte auf sie zu und riß sie in seine Arme und küßte sie, küßte sie immer wieder, heiß, leidenschaftlich, toll, als wolle er alles in einer Minute nachholen, was er in Jahren entbehrt hatte.

Lücke ließ den Sturm seiner Zärtlichkeit über sich hinbrausen, ohne den Versuch zu machen, ihm zu widerstreben, aber auch ohne seine Liebkosungen zu erwidern. Sie schien wie gelähmt zu sein, und als er endlich von ihr abließ und nun seine Arme von ihrem Nacken löste, glitt sie mit einem Male wieder auf ihren Sitz und schlug beide Hände vor ihr Antlitz, das noch von seinen Küssen brannte.

Christof von Hagen erschrak heftig, und Frau Mettes Mahnung fiel ihm schwer aufs Herz. Ja, sie hatte recht gehabt. Ein Mädchen, dem vor einigen Tagen erst der Vater gestorben war, umfing und küßte ein feinfühlender Mann nimmermehr in dieser Weise, auch wenn er noch so verliebt in sie war und hoffen durfte, sie bald als sein Weib zu umarmen. Das mußte sie verletzen, gerade dann, wenn sie ihn sehr liebhatte. Wieder einmal hatte er sein wildes Blut nicht bändigen können, und Scham und Reue stiegen in seinem Herzen auf.

»Lucke!« bat er mit leiser Stimme, indem er sich zu ihr niederbeugte, »liebste Lucke, vergib mir. Als ich dich sah, vergaß ich ja ganz, daß du in so tiefem Leide bist, und dachte nicht daran, nur, daß du bald mein sein wirst.«

Sie nahm die Hände vom Gesicht und blickte zu ihm empor. Mit Erschrecken sah er, daß ihre Wangen erblichen waren. »Hab' ich dich so erschreckt? Verzeihe mir!« sagte er noch weicher und leider als vorher.

Sie schien ihn gar nicht gehört zu haben, denn sie blickte starr vor sich nieder und erwiderte kein Wort.

»Aber Lucke!« bat er, »sage mir doch, daß du mir nicht böse bist. Du mußt doch wissen, daß ich dir nicht wehe tun wollte. Ich weiß ja, daß du in Trauer bist, und deine Trauer ist meine Trauer, wenn auch dein Vater mir nicht günstig war. Aber wir sind ja doch nun Brautleute, und du wirst mir bald angehören als mein liebes Weib.«

Da sah sie ihm auf einmal fest ins Gesicht und sagte mit harter, schleppendes Stimme: »Weißt du es so gewiß, daß ich dir bald gehören werde?«

Christof von Hagen, fuhr zurück. Es war ihm, als hätte er sie nicht richtig verstanden. »Was sagst du da? Was soll das?« rief er. »Was steht denn zwischen uns, nachdem dein Vater auf dem Totenbette unseren Bund gesegnet hat?«

»Wohl hat er das getan, aber nur unter einer absonderlichen Bedingung«, erwiderte sie. »Ich darf nur einem Manne angehören, der unverbrüchlich fest hält am alten Glauben, und der dem Ohm Wildefüer das beschwört mit einem heiligen Eide. Das steht zwischen uns, und das ist wahrlich nichts Geringes.«

In Hagens Antlitz spiegelte sich die höchste Überraschung. Er hatte einige Male aus der Fremde an Lucke geschrieben, aber die kleinen Brieflein hatten nichts enthalten als Beteuerungen seiner beständigen Liebe und Treue. Dem Papiere mehr anzuvertrauen, war ihm gefährlich und auch überflüssig erschienen. Von der großen Wandlung seines Inneren hatte er ihr nichts anvertraut. Liebte sie ihn, und wurde sie sein Weib, so wurde sie auch seines Glaubens – von dieser Meinung war er fest durchdrungen gewesen und war noch jetzt davon überzeugt, denn in Luthers Lehre lag nach seiner Überzeugung eine sieghafte Kraft, und wer sich nicht dagegen verstockte, der mußte von ihr überwältigt werden. Nicht eine Viertelstunde lang hatte er sich darüber Gedanken gemacht, ob es ihm gelingen werde, sie zu bekehren. Aber wie konnte sie wissen, was er innerlich erlebt hatte? Wer in aller Welt konnte ihr das zugetragen haben? Blitzschnell zogen an seinem Geiste die wenigen Leute vorüber, die bisher von seinem Glaubenswechsel wußten, aber es war keiner darunter, der zu Goslar irgend eine Beziehung hatte.

»Woher weißt du, daß ich diese Bedingung deines Vaters nicht erfüllen kann oder will?« sagte er.

»Oh«, erwiderte sie, ohne ihn anzusehen und das Staunen in seinem Antlitz zu bemerken, »ich zweifle nicht daran. Du bist ja in Ohm Wildefüers Haus groß geworden und kehrst gewißlich so zurück, wie du fortgegangen bist. Ich aber« – sie stockte und erblaßte, und es schien ihr schwer, die Worte zu finden für das, was sie sagen wollte. Aber dann mit einem Male erhob sie sich und sah ihm in die Augen, und während allmählich jeder Blutstropfen aus ihren Wangen wich, sagte sie mit einer Stimme, die vor Erregung heiser klang: »Du hast mir die Treue gehalten und begehrst mich zum Weibe, Christof. So bin ich dir denn ein offenes Geständnis schuldig. Ich kann keinem Manne folgen als sein Weib, der wie du fest am alten Glauben hängt. Er wäre mit mir betrogen, denn ich« – sie stockte wieder und senkte den Blick, und ihre Stimme sank zum Flüstern herab – »ich bin in meinem Herzen dem alten Glauben nicht mehr treu.«

Hagen stand einen Augenblick starr da. Dann reckte er sich hoch auf. »Du bist eine Lutherin?« rief er. Er schrie es fast.

Sie duckte sich unwillkürlich, als erwarte sie einen Schlag und vermochte kaum, ein »ja« zu stammeln.

Alles hatte Christof von Hagen eher erwartet als dieses Geständnis. Es überwältigte ihn so, daß er einige Augenblicke keines Wortes mächtig war. Dann aber ergriff ihn ein ungeheures Glückgefühl, und wie in einem Jubelsturm rief er, die Worte fast überstürzend: »Und ich? Weißt du denn, wie es mit mir steht? Weißt du, wo ich herkomme? Ich war bei Luther selber vor wenigen Tagen. Ich gehöre ganz zu den Seinen und will seiner Lehre hier zum Siege helfen. Lucke, meine Lucke! Ist es nicht ein Wunder Gottes, daß wir uns so wiederfinden? Ich wollte dich zur Wahrheit führen, wenn du mein Weib geworden wärest. Nun hast du den Weg schon selber gefunden! Gott sei Lob und Dank!«

Er breitete ihr die Arme entgegen, und nun warf sie sich mit einem Male an seine Brust und schlang ihre Arme fest um seinen Hals. »Ist das Wahrheit?« flüsterte sie. Dann brach sie in Tränen aus.

Christof von Hagen strich ihr liebkosend und beruhigend übers Haar. »Wie bist du dazu gekommen?« fragte er nach einer Weile.

»Durch meine Muhme Bröcker. Die hat mich aus der Schrift überzeugt.«

»Und dein Vater wußte nichts davon?«

»Ich konnt' es ihm nicht sagen. Ich glaube, hätt' er's gewußt, er hätte mich verstoßen und verflucht und wäre vor Gram gestorben. Er hielt so fest an der alten Kirche wie der Ohm Wildefüer.«

Sie schraken beide bei der Nennung dieses Namens unwillkürlich empor. »Dein Vater«, fragte er nach einer Pause, »hat den Ohm Wildefüer zum Vormund über dich gesetzt? Und er hat ihm geloben müssen, dich keinem zu geben, der nicht schwört, dem alten Glauben treu zu sein? Wunderlich. Wie konnte da Ohm Wildefüer nun sagen, er wolle dich mir nicht vorenthalten, ich solle herkommen, damit er dich mir angelobe, denn es stünde nichts mehr zwischen uns?«

»Wie? Du hast mit ihm gesprochen?« fragte sie erstaunt. »Er ist doch gleich nach dem Essen weggeritten.«

»Ich sah ihn am frühen Vormittag. Er sprach sehr liebreich und herzlich mit mir, als ich aus der Andreaskirche kam. Ich war gestern in Goslar und konnte Hildesheim nicht mehr erreichen. So kam ich in der Frühe hier an, und es trieb mich, dort zu beten, wo ich mit meinen Eltern einst gebetet hatte, und Gott zu danken für meine glückliche Heimkehr. Warum sollt ich auch nicht? Ist mir die Stätte auch nicht heilig wie den Gläubigen des Papstes, so ist sie mir doch lieb und ehrwürdig.«

»Ach!« rief Lucke, »dann hat er gewißlich gemeint, er brauche dich gar nicht mehr zu fragen. Denn daß du gleich in der Kirche warst, das sagte ihm genug.«

»Da hast du wohl das Rechte getroffen«, erwiderte er nachdenklich. »Aber er wird die Frage nachholen, darauf können wir uns verlassen.«

Sie schmiegte sich fest an ihn. »Was wird dann, Liebster?« sagte sie leise.

»Es wird ein Kampf und sicherlich ein schwerer Kampf, denn ich kann ihn nicht belügen, um seinetwillen, um meinetwillen und um des Evangeliums willen nicht.«

»Ach liebster, liebster Schatz, was wird er tun? Mir bangt vor seinem Zorn.«

Er schüttelte den Kopf. »Mir bangt vielmehr vor seiner Trauer. – Es ist wohl eine Fügung Gottes, daß er auf etliche Tage weggeritten ist. Wir gewinnen so Zeit, zu überlegen, was zu tun ist. Auch der Tod deines Vaters, mein lieber Schatz, dünkt mich eine Fügung des Himmels, so weh er dir getan hat. Denn lebte er, so hätte er uns sicherlich getrennt. Das wird ja Ohm Wildefüer auch versuchen, aber er wird es schwerlich durchsetzen. Weiß die Muhme etwas von der Bedingung deines Vaters?«

»Ich acht' wohl, sie weiß noch nichts davon.«

»Und hast du ihr gesagt, wie's um deinen Glauben steht?«

»Kein Wörtchen. Niemand hat mich darum gefragt.«

»So hüte dich, daß sie oder sonst wer jetzt darum erfährt. Mir schwant, es wird das beste sein, wenn ich dich von hier fortbringe zu Freunden und Genossen unseres Glaubens nach Braunschweig, ehe das Wetter hier losbricht. Hättest du den Mut, etwas zu wagen?«

Sie warf sich wieder in seine Arme. »Wenn du es willst, so wage ich alles.«

Da erklang ein Klopfen an der Tür, und die Muhme steckte lächelnd den Kopf herein. »Mich dünkt, ihr könntet nun aus eurem Himmel auf die Erde zu uns Menschen zurückkehren«, sagte sie und zog sich zurück.

Christof von Hagen küßte seine Braut noch einmal innig auf den Mund. »Komm, wir dürfen sie nicht länger warten lassen«, sagte er. »Und sei nur guten Mutes, liebster Schatz. Wenn wir fest aneinanderhangen, so soll uns niemand trennen! Auch nicht der Wille eines Toten, der im Irrtum des Glaubens lebte, und nicht der Wille eines Lebendigen.«

Lucke nickte und sah ihn mit strahlenden Augen an, in denen ein festes Gelöbnis lag. Dann gingen sie hinüber zur Muhme.


»Es zieht ein Unwetter aus dem Abend heran. Tretet einmal her zu mir, Wildefüer, und seht's Euch an. Ihr könnt Eurem Schutzpatron danken, daß es nicht einige Stunden früher gekommen ist. Sonst wäret Ihr am Ende gar nicht auf der Staufenburg angelangt.«

So sprach Herzog Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, als dessen Gast Hans Wildefüer seit kurzem auf dem Bergschlosse Staufenburg weilte. Er war gestern nachmittag nach Derneburg geritten und hatte im Kloster übernachtet. Dann war er im Geleit von zehn reisigen Knechten des Welfen südwärts gezogen, zum Teil auf der Heerstraße, zum Teil auf einsamen Waldwegen, bis er nach langem, mühseligem Ritt bei sinkender Sonne auf der Burg angelangt war. Allein hatte ihn der Herzog empfangen, allein mit ihm zur Nacht gespeist, und nun saßen die beiden wiederum allein beim Nachttrunke einander gegenüber. Keiner der ritterlichen Herren seines Gefolges schien den Herzog hierhergeleitet zu haben, er hatte offenbar nur Knechte mit sich genommen, und auch die wohnten nicht in der Burg, sondern in ein paar Häusern, die am Fuße des Berges lagen. Der Bürgermeister hatte sich darüber verwundert und insgeheim seine Gedanken gemacht. Denn es gingen im Volke seltsame Gerüchte um von einem Geheimnis, das die grauen Mauern vor der Welt verbergen sollten. Herzog Heinrich, so raunten die Leute einander zu, hätte dort ein Weib verborgen, das er aus Italien mitgebracht habe. Sie sei eine Frau von wunderbarer Schönheit, aber eine böse Zauberin, die eigentlich auf den Holzstoß gehöre. Auch in Hildesheim redete das Volk so, und dem Bürgermeister war manches darüber zu Ohren gekommen, ohne daß er irgend welches Gewicht darauf gelegt hätte. Es mochte wohl eine Erfindung der verdammten lutherischen Prädikanten sein, die ihrem Todfeinde etwas am Zeuge flicken wollten. Aber während er so ganz allein saß mit dem Herzog, der sich sonst mit einem großen, glänzenden Gefolge zu umgeben liebte, schoß ihm wieder und wieder der Gedanke durch den Kopf, es könne doch vielleicht etwas an der Sache sein.

Jetzt erhob er sich und trat an die Seite des Herzogs, der das Fenster geöffnet hatte. Es war ein eigentümlicher und eindrucksvoller Anblick, der sich ihm darbot. Zur rechten Hand standen, noch vom Lichte des Vollmonds beleuchtet, die mächtigen Waldberge des Harzgebirges, wie die schwarze Mauer einer Riesenburg, über den unbewaldeten Vorhügeln, und vom Westen schob sich's heran wie ein anderes, noch gewaltigeres Gebirge – eine ungeheure, finstere Wolkenwand, aus der hier und da fahlrote und schwefelgelbe Blitze zuckten, während das Grollen des Donners erst schwach zu hören war.

Wildefüer blickte gespannt hinüber. Seine Augen glänzten. »Von allen Schauspielen, so die Natur uns bietet, ist mir das Gewitter das schönste und liebste«, sagte er. »Das Brausen des Meeres, wenn der Sturm tobt, mag ihm wohl die Stange halten«, warf der Herzog ein.

»Das habe ich gehört mehr, als mir lieb war, als ich zum Kaiser nach Hispanien reiste«, entgegnete Wildefüer. »Um ein Haar hätten uns da die Wogen verschlungen, als wir der normannischen Küste zufuhren, und es ward mir übel und weh dabei, denn ich war des Seefahrens nicht gewohnt. Danach lüstet mich nicht mehr. Aber wenn ein Gewitter aufzieht, so wird mir immer zumute, als würde ich wieder jung. Am liebsten würfe ich mich dann auf mein Roß und jagte mit dem Sturm um die Wette.«

Der Herzog lachte und sah ihn wohlgefällig von der Seite an. »Gerade wie ich«, sagte er und legte ihm vertraulich die Hand auf den Arm. »Euch hat der Teufel zum Stadtbürger gemacht, Wildefüer. Ihr seid ein rechter alter Sachse, und wenn die Leute sagen, Euer Stamm gehe zurück auf die alten Grafen von Wohldenberg – wahrlich, so möcht' ich das glauben.«

»Das könnt Ihr auch getrost für wahr halten, Herzogliche Gnaden, denn es ist wahr. Mein Vorfahre Jost war ein Wohldenberger, wenn auch kein echter. Er war von der Bank gefallen.«

»Das sind oftmals die besten Männer«, versetzte der Herzog.

»Ein tüchtiger Kämpe war er, Herr, in allen Fehden der Stadt und des Bischofs. Und weil er sich im Kampfe als ein wildes, fressendes Feuer erzeigte, so nannten sie ihn Wildefüer, und der Name ist uns geblieben seit zweihundert Jahren bis auf den heutigen Tag.«

»Und Ihr habt ihn zu hohen Ehren gebracht!« rief der Herzog. »Das wilde Feuer in Eurem Bürgerwappen hat der Kaiser überhöht mit einem Ritterhelm. Ihr könnt's wohl auch noch weiter bringen. Wenn der Kaiser einmal Gericht hält über die Lutherischen – mich dünkt, da wird manche Herrschaft im deutschen Lande ihren Herrn verlieren und einen anderen Herrn erhalten. Da könnt Ihr noch Reichsgraf werden, Herr Bürgermeister von Hildesheim.«

»Nach solchen Dingen hab' ich noch niemals getrachtet, Herr«, erwiderte Wildefüer. »Vielleicht tat' ich's, wär' ich dreißig Jahre jünger. Nun aber will ich als Bürger sterben, wie ich als Bürger gelebt habe. Da steh' ich bis zu meinem Ende fest in meinen Schuhen, weiß, was ich bin und habe.«

»Man muß auch an die Nachkommen denken«, warf der Herzog ein.

»Meine Tochter hat einen Ratsherrn gefreit, und mein Sohn eines Ratsherrn Tochter, und wenn er heimkommt, so sucht er sich einen Stuhl im Rate. Sie trachten nach nichts anderem, und dem Fische ist's am wohlsten, wenn er im Wasser ist. Dort soll man ihn belassen.«

»Nun!« rief der Herzog, »wenn Ihr denn einen höheren Stand nicht begehrt, so soll Euch der Kaiser anders lohnen. Er soll Euch Euren Hut dreimal mit Golddukaten füllen.«

Wildefüer lachte. »Die Majestät möge getrost Ihr Gold zu anderen Zwecken verwenden. Sie borgt, wie ich höre, bei Fuggern und Welsern und ist in ewiger Bedrängnis, obschon ihr die halbe Welt untertan ist. – Nein,« setzte er ernsthaft hinzu, »ich begehre keinen Lohn. Keinen. Gott wolle mich's erleben lassen, daß die lutherische Pest ausgerottet wird im deutschen Lande! Das ist's, was ich noch sehen möchte, ehe ich sterbe, und auf daß es geschehen kann, diene ich dem Kaiser mit allen meinen Kräften.«

Der Herzog betrachtete ihn einige Augenblicke schweigend. »Ihr seid ein merkwürdiger Mensch, Wildefüer«, sagte er dann. »Einen zweiten wie Euch gibt es vielleicht im ganzen Römischen Reich nicht. Alle, die ich kenne, Pfaffen und Laien, denken vor allem an sich und ihren Gewinn und nur halb an die Sache, der sie dienen. Ihr wollt nur an die Sache denken, nicht an Euren Vorteil. Ihr tut ja wie die Heiligen, die sich selbst verleugnen. Es ist mir unbehaglich, daß Ihr so tugendhaft seid. Fast möcht ich mich vor Euch schämen.«

Wieder lachte Wildefüer. »Nun, das brauchen Eure Herzogliche Gnaden wahrlich nicht!« rief er. »Ich bin niemals gewillt gewesen, heilig zu sein, habe eine große Freude gehabt an allem, was die heiligen Menschen meiden müssen, an Wein und Bier und Spiel und Frauenliebe und habe meine Vorteile in allen Händeln der Welt kräftig wahrgenommen, bin auch wohl dabei gediehen. Aber in Sachen der Religion mache ich eine Ausnahme. Da diene ich nur Gott zu Gefallen, denn ich meine, er wird mir meine vielen Sünden hergeben, wenn ich seiner heiligen Kirche mithelfe, daß sie siege auf Erden. Darum bin ich auch gern bereit, das Werk zu fördern, das Ihr vorbereitet.« Er wies auf den Tisch, der mit Papieren und Schriften bedeckt war. »Ich bin Eurer Herzoglichen Gnaden herzlich dankbar, daß Ihr mich die Briefe aller der Herren habt lesen lassen.«

»Der Vizekanzler Held, der Euch sehr wohl will und viel auf Euch hält, hat mir dazu geraten«, entgegnete der Herzog. »Ich hätte Euch aber ohnedies eingeweiht und zum Beitritt aufgefordert. Ich weiß, was Ihr als Feind bedeutet, denn wäret Ihr nicht, so hatte ich Peine und Steuerwald erobert. Als Freund werdet Ihr nicht weniger bedeuten.« Er goß aus einer gewaltigen Kanne roten Wein aus Frankreich in zwei kleine silberne Becher und ergriff den einen und erhob ihn gegen seinen Gast. »Trinken wir darauf,« rief er, »daß es Euch gelinge. Eure Stadt für uns zu gewinnen!«

Wildefüer stieß mit ihm an, und beide leerten die Becher bis auf den Grund, aber während des Trinkens war eine tiefe Falte zwischen seinen Brauen erschienen. »Es wird schwerhalten, gnädiger Herr, sehr schwer. Ihr glaubt nicht, wie sehr das niedere Volk der Lutherei geneigt ist.«

»Nun, Ihr wißt mit dem Volke fertig zu werden«, versetzte der Herzog. »Das habt Ihr wahrhaftig bewiesen. Mehr denn siebzig Bürger habt Ihr verbannt und so der Schlange den Kopf zertreten.«

»Ich habe die Mehrzahl wieder aufnehmen müssen, da sie sich unterwarfen und Gehorsam gelobten«, entgegnete Wildefüer finster. »Sie sind mir nun alle bis aufs Blut verfeindet, denn wenn sie auch ihre Ketzerei abgeschworen haben, so sind sie doch innerlich alle noch Ketzer und sehnen den Tag herbei, an dem sie es auch äußerlich sein dürfen. Der Rat ist ja im allgemeinen noch wohlgesinnt, aber die meisten der Ratsherren sind Schwächlinge.«

»Da die meisten Menschen Schwächlinge sind, so ist es nicht zu verwundern, daß auch der Hildesheimer Rat zum größten Teil aus solchen Leuten besteht«, erwiderte der Herzog. »Dankt Gott, daß es so ist, sonst würdet Ihr sie ja nicht beherrschen.«

»Sie sind aber allzu schlapp und ängstlich«, sagte Wildefüer. »Sie geben dem Volke so viel nach, daß ich schon bei manchem den Argwohn gehabt habe, er sei lutherisch und verberge es nur. Hätten die sechs Bäuerschaften der Gemeinde einen entschlossenen Mann an ihrer Spitze, so müßte ich daran verzweifeln, die Stadt für den heiligen Bund zu gewinnen, den Ihr mit dem Kaiser und dem römischen König, dem Bayernherzog und anderen Fürsten und Bischöfen geschlossen habt. Ja, ich brauchte gar nicht damit anzufangen, denn dann wagte der Rat gar nichts mehr. Aber, Gott sei gedankt und allen Heiligen, sie haben keinen, und so will ich denn unverdrossen an die Arbeit gehen.«

»Und Ihr werdet dem Bunde beitreten?« fragte der Herzog.

»Es ist mir eine sonderliche Ehre, daß ich meinen Namen mit unter den Bundesbrief setzen darf, ein einfacher Bürger neben so vielen hochgeborenen und hochwürdigen Herren.«

»Der Mann ist uns so viel und mehr wert als eine ganze Stadt«, »das sind die eigenen Worte des kaiserlichen Vizekanzlers«, sagte der Herzog. »Und ich meine, er hat recht.«

»So gebt mir den Brief, Herzogliche Gnaden, auf daß ich meinen Namen druntersetze.«

Der Herzog schob ihm ein Schriftstück zu, tauchte selber die Feder in das Tintenfaß und bot sie ihm dar. Aber als Wildefüer die Hand ausstreckte, um sie zu ergreifen, zuckte er zurück, und beide fuhren unwillkürlich von ihren Sitzen empor. Denn mit einem Male war das Gemach in blendendes Feuer gehüllt, und der Donner brüllte so gewaltig, daß die Scheiben klirrten, und ein mächtiges Hirschgeweih, das an der Wand hing, löste sich von dem Nagel und fiel krachend auf den Teppich.

»Alle Teufel!« rief der Herzog, aber das Wort erstarb ihm im Munde. Noch einmal und noch einmal flammte der Blitz auf, und plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und eine hohe Frauengestalt erschien auf der Schwelle. Ihr Haar war gelöst, das Gewand, das sie in der Eile übergeworfen hatte, stand vorn offen und ließ Brust und Schultern sehen, und auf den Armen trug sie ein Kind, das kläglich wimmerte.

»Hinweg!« schrie der Herzog. »Ich komme!« Mit einem wilden Satze sprang er zur Tür hinaus und schlug sie schmetternd hinter sich zu.

Wildefüer saß auf seinem Stuhle, als hätte der Blitz ihn gelähmt, und stierte unverwandt nach der Stelle, wo die Erscheinung verschwunden war. Was er gesehen hatte, deuchte ihn so ungeheuerlich, so unfaßlich, daß es ihm zumute war, als äffe ihn ein Spuk des Teufels. Denn das Weib, das sein Auge geschaut hatte, war seit zwölf Jahren tot. Er hatte selbst dabeigestanden, als man ihren Sarg zu Gandersheim in die Gruft senkte, und hatte ihre Seelenmessen mitangehört. Er hatte sie selbst im Sarge liegen sehen, von Blumen fast verhüllt und von Weihrauchwolken umwogt. Ein Zweifel war nicht möglich. Als die Herzogin Maria mit ihrem Hofstaate in Hildesheim geweilt hatte, da war unter ihren Hoffräulein auch die schöne Eva von Trott gewesen, die allen Männern die Köpfe verdreht hatte und, wie die Leute schon damals einander zuraunten, dem Herzog Heinrich besser gefiel, als es recht war. Verwunderlich war das wenigen erschienen, denn der Herzog hatte heißes Blut in den Adern, und ein junges Weib von so sündhaftem Liebreiz wie dieses hessische Edelfräulein war vielleicht in allen deutschen Landen nicht wieder zu finden. Als er, Hans Wildefüer, sie vor dreizehn Jahren auf dem Rathause in Hildesheim im Reigen geführt hatte, war ihm seltsam schwül geworden bei ihrem verführerischen Lächeln und den Blicken ihrer nachtdunklen Augen, und er hatte tags darauf seinem Beichtvater mancherlei anzuvertrauen gehabt, was Frau Mette, sein liebes Eheweib, nicht mit Freuden gehört hätte. Darum war ihr Bild auch nicht aus seinem Gedächtnis geschwunden, und er hatte sie auf der Stelle wiedererkannt, obgleich ihr Angesicht vom Schreck entstellt gewesen war.

Was war das? Wie kam sie hierher? Hatte sie in der Gewitternacht der Teufel hergeführt, dem ihre Seele vielleicht gehörte? Oder war der Herzog der höllischen Kunst mächtig, die Toten zu beschwören? Solche Leute gab es ja. Man hatte ihm einst in Augsburg einen Mann gezeigt, er hieß Doktor Faustus, der konnte die Toten aus der Erde holen, daß sie gingen und standen und redeten und sogar mit den Lebenden aßen und tranken. Aber solche Macht und Gewalt erhielt ein Mensch nur durch die Hilfe des Fürsten der Finsternis und war ihm mit Leib und Seele verfallen, wenn sein letztes Stündlein kam, wie denn auch jenen hochberühmten Zauberer und Nekromanten der Teufel in eigener Person geholt hatte.

Ein Grauen, ja ein Entsetzen ergriff ihn bei dem Gedanken, daß Herzog Heinrich wahrscheinlich auch diesem Schicksal verfallen sei. Er liebte ihn nicht sonderlich, denn Menschen, die nicht gelernt hatten, sich in Zucht zu halten, und ihren Trieben und Leidenschaften folgten, stießen ihn ab. Aber er ehrte in ihm den Mann von großen Gaben, den tapferen, furchtlosen Krieger und vor allem den treuen, gläubigen Katholiken, den einzigen unter den großen Fürsten Norddeutschlands, der das Panier des alten heiligen Väterglaubens noch hochhielt. Und nun war diese Säule der Kirche ein ruchloser Zauberer, ein ewig Verlorener, dessen Seele der Hölle verfallen war! Konnte das sein? War er toll geworden? Er preßte die Fäuste gegen die Stirn und ächzte.

Indem trat der Herzog wieder ein. In seinen Zügen zeigte sich eine gewisse Verlegenheit, und er hielt sein Haupt von seinem Gaste abgewandt, als er sagte: »Es war nichts weiter. Der Blitz hatte wohl eingeschlagen, aber nicht gezündet, und das Wetter zieht ab.«

Er bemühte sich sichtlich, ruhig und unbefangen zu erscheinen, aber seine Stimme zitterte doch merklich, und als er jetzt den Krug ergriff, um neuen Wein in seinen Becher zu gießen, schwankte das Gefäß derart, daß ein Teil des purpurnen Trankes sich auf den Boden ergoß.

Er stürzte den Wein hinab und goß sich wieder ein. »Wildefüer, Euren Becher!« sagte er dann, noch immer, ohne den Bürgermeister anzublicken. »Wollen einmal anstoßen auf das Wohl des Kaisers und des römischen Königs Gesundheit und darauf, daß unser Bund floriere!«

Er erhielt keine Antwort, und so mußte er sich denn entschließen, sich umzudrehen und Wildefüer ins Angesicht zu blicken. Da trat er erschrocken zurück, und seine Hand legte sich unwillkürlich an den Griff des Dolchmessers, das er im Gürtel trug. Denn Wildefüer hatte sich langsam erhoben und stand nun da, beide Hände vor sich auf den Tisch gestützt, und sah ihm mit unheimlich starrem, drohendem Blick gerade in die Augen.

»Was ficht Euch an?« rief der Herzog. »Seid Ihr krank geworden?«

»Herr Herzog,« entgegnete Wildefüer mit dumpfer Stimme, »wer war die Frau, die ich eben sah?«

»Was ficht Euch an?« rief der Herzog noch einmal. »Was Teufel geht das Euch an? Was kümmern Euch die Weiber, die ich auf meinen Schlössern halte? Das ist Fürstenbrauch!«

Er warf sich auf den Stuhl, streckte die Beine weit von sich und versuchte ein Gelächter auszustoßen, wich aber den glühenden Blicken des Bürgermeisters aus und schaute zur Seite.

Es entstand eine kurze Stille. Dann sprach Wildefüer: »Herzog Heinrich, ich kann hinfort keine Gemeinschaft mit Euch haben, denn Ihr steht mit dem Teufel im Bunde.«

Aufs höchste überrascht, fuhr der Herzog empor. Diesen Vorwurf hatte er offenbar nicht im mindesten erwartet. »Was meint Ihr?« rief er erstaunt.

»Ihr habt durch die höllische Kunst der Magie eine Tote zum Leben erweckt und hauset mit ihr. Ich weiß, daß dieses Weib vor Jahren gestorben ist, denn ich war selbst dabei, als man sie zu Gandersheim in die Gruft senkte. Ich habe Eva von Trott gar wohl gekannt.«

Herzog Heinrich sank in seinen Stuhl zurück, und sein Antlitz ward fahl. »Ihr kennt sie?« stammelte er.

Wildefüer betrachtete ihn eine Weile schweigend. Allmählich wich aus seinen Zügen der Ausdruck des Zornes, und eine tiefe Traurigkeit überschattete sein Antlitz. »Um aller Heiligen willen, herzogliche Gnaden«, sagte er, »was hat Euer fürstlich Gemüt zu solcher Schandtat verführt? Welcher Bube hat Euch die verruchte Kunst gelehrt? Um Gottes willen, Herr, beschwöre ich Euch, laßt ab davon. Schickt die Tote zu den Toten zurück. Denkt an Eure Seele! Fahrt nach Rom und beichtet dort den ungeheuren Frevel, auf daß Euch der Heilige Vater losspreche von der Sünde, die Euch ewig verderben muß!«

Bleich, auf seinem Sitze in sich zusammengesunken, hörte der Herzog die Worte an, die stoßweise aus dem Munde des ihm Gegenüberstehenden kamen. Plötzlich aber fuhr er mit einem Ruck in die Höhe, und indem er dem Bürgermeister fest ins Gesicht blickte, entgegnete er finster: »Da Euch der Teufel oder der Zufall zum Mitwisser gemacht hat, so sollt Ihr auch die ganze Wahrheit wissen. Eures Schweigens bin ich sicher, denn schweigt Ihr nicht um meinetwillen, so sicher um der Sache willen, die wir beide verfechten. Ihr meint, ich hätte eine Tote durch höllische Kunst zum Leben erweckt? Eure Meinung ist falsch. Eva von Trott war niemals tot. Ich habe sie nur vor der Welt sterben lassen, damit ich sie um so sicherer besitzen möchte.«

Wildefüer starrte ihn an. Er war keines Wortes mächtig. »Ich habe sie doch mit eigenen Augen im Sarge liegen sehen!« stotterte er endlich.

»So haben Eure Augen Euch getäuscht. Ein Wachsbild lag im Sarge, und damit niemand herantrete, um es in Augenschein zu nehmen, ward gesagt, sie sei an der Pest gestorben, und der Sarg ward in dichte Weihrauchwolken eingehüllt, damit niemand die Züge der im Sarge Liegenden genau erkennen möge.«

Wildefüer saß wieder eine Weile schweigend da. »Und habt Ihr nicht die heilige Messe lesen lassen für die Gestorbene, die doch keine Gestorbene war? Ein ruchloses Gaukelspiel! Das ist unerhört, und Ähnliches ist wohl noch nie geschehen, solange es eine Christenheit gibt auf deutscher Erde.«

»Da möget Ihr recht haben«, erwiderte der Herzog kalt.

»Und nun? Was soll nun geschehen?« fragte Wildefüer.

»Was meint Ihr?«

»Ich meine: Wollt Ihr den Frevel weitertreiben, Herzogliche Gnaden?«

»Was denkt Ihr denn, daß ich tun soll?«

»Ihr sollt das Weib, das Eure Buhle ist, von Euch tun und mit Eurem Ehegemahl so leben, wie es einem christlichen Fürsten ziemlich ist.«

»Meint Ihr? Mich dünkt, ich täte damit eine noch viel größere Sünde, als ich schon, ich leugne es nicht, getan habe.«

»Ich verstehe Euch nicht.«

»So hört mich an! Meine Frau ist kein böses Weib, aber sie paßt nicht zu mir, denn sie denkt in allen Dingen anders als ich. So lebt' ich jahrelang mit ihr dahin ohne Freud' und Genügen, oft im Zwist und Unfrieden, und hätte uns nicht das Sakrament der Ehe verbunden, wir wären jeden Tag auseinandergegangen. Da kam Eva von Trott an unseren Hof, und sie nahm vom ersten Tag an mein Herz gefangen.«

»Wohl mehr Eure Sinne, Herzogliche Gnaden«, warf Wildefüer ein. »Ich meine, sie hat Euch mit ihrer Schönheit, die vom Teufel ist, verhext und verzaubert.«

Der Herzog warf ihm einen funkelnden Blick zu und schlug hart mit der Hand auf den Tisch. Dann aber fuhr er fort, als habe er den Einwurf überhört: »Ich warb um ihre Gunst und mußte lange werben. Leicht hat sie mir's nicht gemacht. Endlich ergab sie sich mir und ward mein. Die Sache wurde meiner Frau verraten, und es zog sich ein Unwetter über uns zusammen, denn es wurden Stimmen laut, sie sei eine Hexe und müsse gerichtet werden, und meine Frau nahm das Gerücht mit Begierde auf. Da ersann ich die List und ließ sie vor der Welt sterben und brachte sie auf diese Burg. Und hier lebt sie nun seit mehr denn zwölf Jahren einsam mit ein paar getreuen Frauen und den Kindern, die sie mir geboren hat. Bedenkt, was das heißen will! Sie hat mir ihre Jugend, ja ihr Leben zum Opfer gebracht. Und ich sollte sie nun von mir werfen, wie man ein abgetragenes Kleid von sich wirft? Warum? Weil es einige Moralisten geben könnte, die sagten, wenn's ruchbar würde: Sie ist nicht Euer angetrautes Weib! Ich wäre der ärgste Bube, wenn ich so täte. Wohl habe ich eine Sünde getan, aber so ich diese Treue verriete, so täte ich zehnfältige, ja hundertfältige Sünde. Wie dünket Euch, Wildefüer? Habe ich nicht recht?«

Wildefüer blickte düster vor sich hin. Es lag etwas in den Worten des Herzogs, was ihn fast versöhnlicher stimmen wollte. In Wahrheit, wie mußte dieses Weib den Herzog lieben, wenn sie sich von einem glänzenden Hofe, wo ihre Schönheit täglich Triumphe gefeiert hatte, hinwegbringen ließ, mit dem Tode selbst einen ruchlosen Scherz trieb und dann zwölf Jahre lang, von der Welt verlassen, auf einer einsamen Burg hauste, die er nur ab und zu besuchen konnte! Sie hatte ein ungeheures Opfer gebracht und brachte es noch Tag für Tag; er konnte ihr und selbst dem Herzog, der so fest an ihr hing, ein gewisses Mitgefühl nicht versagen. Aber trotzdem empörte sich alles in ihm gegen den furchtbaren Frevel, der von den beiden verübt worden war.

»Nun, Wildefüer? Wie dünkt Euch?« drängte der Herzog, als der Bürgermeister nicht antwortete.

»Mich dünkt, Ihr müßt sie nun freilich für ihre Lebenszeit versorgen, da sie die Mutter Eurer Kinder geworden ist«, erwiderte Wildefüer. »Laßt sie hier auf der Burg. Aber scheidet Euch hinfort von ihr und seht sie nimmermehr!«

Der Herzog lachte hart auf. »Da täte ich ihr das Ärgste an. Ich denke, sie stürzte sich dann wohl von dem Turme herab. Denn sie liebt mich, Freund, sie liebt mich, wie nur ein Weib einen Mann jemals geliebt hat. Ich acht', Ihr habt von solcher Liebe in Eurem Leben nichts erfahren.«

Wildefüer bewegte abweisend das Haupt und sagte mit einem schweren Seufzer: »Davor bewahre mich Gott! Im übrigen, Herr, bin ich Euer Richter nicht. Ihr müßt es verantworten, was Ihr getan habt und noch immer tut, wenn Ihr einst Rechenschaft ablegen werdet vor dem ewigen Gott. Aber davor zittere ich, daß diese Sache ruchbar werden könnte unter den Leuten. Denn wenn das geschieht, so werden die Ketzer jubeln.«

»Sie ist zwölf Jahre verschwiegen geblieben. Sie wird auch fürderhin wohl verschwiegen bleiben«, warf der Herzog ein.

»Das meiste Böse kommt eines Tages ans Licht der Sonne, und weniges bleibt auf die Dauer verborgen«, entgegnete Wildefüer. »Von mir erfährt kein Mensch ein Wort, auch meine Frau nicht, das schwöre ich Euch. Ich gäbe aber gern dreitausend Goldgulden oder mehr, wäre ich nicht zum Mitwisser geworden.«

Er trat an den Tisch heran, ergriff die Feder und setzte seinen Namen unter das Schreiben. »So, Herzogliche Gnaden, ich habe unterschrieben. Und nun erlaubt mir, daß ich mich zurückziehe in mein Gemach. Mein Herz ist zu bekümmert, als daß ich mit Euch heute noch trinken und reden könnte. Morgen in der Frühe laßt mich, darum bitte ich Euch, heimgeleiten bis Derneburg. Und sollte Eure Herzogliche Gnaden noch Weiteres verhandeln wollen mit mir, so bitte ich: Bestimmt dazu ein anderes Schloß. Hierher reite ich niemals wieder.«

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