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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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Unweit des Almtores in Hildesheim stand das stattliche, hochragende Haus, das der Bürgermeister Hans Wildefüer bewohnte. Vor etwa dreißig Jahren hatte es sein Vater käuflich erworben. Damals war es ein ziemlich unansehnlicher Bau gewesen, der sich von den Nachbarhäusern wenig unterschied. Je reicher aber Hans Wildefüer im Laufe seines tätigen und glückbegünstigten Lebens geworden war, um so mehr hatte sich auch das Aussehen seines Wohnhauses verändert, und der alte Jost Wildefüer würde es schwerlich wiedererkannt haben, wenn er seiner Gruft auf dem Andreaskirchhof hätte entsteigen können. Die Hildesheimer waren ja von jeher baulustige, kunst- und farbenfrohe Leute gewesen. In früheren Zeiten hatten sie diesen Zug ihres Wesens an ihren Gotteshäusern betätigt, weswegen Hildesheim so viele prächtige und kunstvolle Kirchen und Kapellen aufzuweisen hatte wie kaum eine andere Stadt von gleicher Größe im ganzen Heiligen Römischen Reiche. Dann waren sie darauf verfallen, ihr Rathaus, ihre Gilden- und Amtshäuser aufs herrlichste zu schmücken und herzurichten. Nun seit einigen Jahrzehnten war die gesamte Bürgerschaft von dem Verlangen ergriffen worden, in schönen, bunten und kunstvoll verzierten Häusern zu wohnen. Einige reiche Leute hatten damit angefangen, andere waren ihnen nachgefolgt, zuletzt wollte keiner nachstehen, auch die Ärmsten nicht. Wer wenig Geld in der Truhe hatte, ließ wenigstens über der Tür ein paar geschnitzte Figuren aus Holz oder Rosetten unter den Fenstern anbringen und Sprüche oder Verse auf die Hauswand pinseln, deren Anfangsbuchstaben in hellen Farben, in einem tiefen Rot oder in schimmerndem Blau leuchteten. Die Reichen aber ließen die ganze Vorderseite ihrer Häuser mit hölzernen Schnitzwerken überkleiden, und es gab Meister in Hildesheim, die darin eine hohe Kunst entfalteten. Da sah man ganze Volkssagen bildlich dargestellt und häufiger noch biblische Geschichten – Simson, wie er den Löwen zerreißt und die Philister erschlägt; Joseph, wie er von seinen Brüdern verkauft, dann von Potiphars Frau übel versucht wird und am Hofe des Pharao zu hohen Ehren gelangt, und zwischen diesen Männern und Frauen des Alten Testaments die Gestalten der hohen Heiligen Hildesheims, Bernward und Godehard, oder die starken Helden der Weltgeschichte, Hektor den Trojaner, Julius Cäsar, Kaiser Karl den Großen und andere. Sie alle standen da in bunten Gewändern, die Harnische blinkten silbern, die Kronen und sonstigen Zierrate waren vielfach vergoldet. Wer an einem hellen Sonnentage durch die Stadt wandelte, dem mochten wohl die Augen weh tun von all der Farbenpracht, die da zu schauen war, und er mochte gern einmal den Blick ausruhen lassen auf den grauen Mauern der riesigen Kirchen, die unter den bunten Häusern standen wie düstere Propheten der Vorzeit in härenem Gewand unter den lachenden, genußfrohen Kindern dieser Welt.

Hans Wildefüers Haus war unter den vielen prächtigen Gebäuden der Stadt eines der prächtigsten. Das entsprach seinen Neigungen und seiner Stellung. Er hatte das Nachbarhaus angekauft und niederreißen lassen. Dadurch war es ihm möglich gewesen, sein Haus fast um die Hälfte zu vergrößern. Dann hatte er vor etwa zehn Jahren auf die dicke Mauer des Unterstockes noch einen Stock aus Fachwerk aufsetzen und verschwenderisch ausschmücken lassen. In ellenhohen Figuren war da die ganze Geschichte des Täufers Johannes dargestellt, denn der Bürgermeister war am Tage dieses Gottesmannes geboren und getauft worden und hatte nach ihm den Namen empfangen. Da sah man ihn, wie er mit dem Jesusknaben spielte, wie er den Pharisäern und Schriftgelehrten Gottes Zorn weissagte, den Herrn im Jordan taufte und Herodes des Ehebruchs bezichtigte. Auch der Tanz der Salome fehlte nicht, und es konnte leider nicht behauptet werden, daß der Künstler die Reize der jüdischen Königstochter und ihrer Mutter Herodias allzu sittsam verschleiert hätte. Den Schluß bildeten die Enthauptung und die Vortragung des blutigen Hauptes auf einer Schüssel. Diese Schüssel war von ungeheurer Größe, stark vergoldet und mit vier Bildern aus der Belagerung von Peine durch Herzog Heinrich den Jüngeren von Braunschweig geziert. Sie war eine genaue Nachbildung der Schüssel, die Henni Konerding, der Bürgermeister, seinem Freunde Hans Wildefüer geschenkt hatte zum Gedächtnis an die ruhmvolle Verteidigung der hartbedrängten Burg. Wildefüer hatte das kostbare Geschenk zur Hochzeitsschüssel in seiner Familie bestimmt, in der dem Herkommen und Brauche nach beim Hochzeitsmahle die Gaben für Braut und Bräutigam von den Gästen eingesammelt werden sollten. Wenn auf diesem Bilde die Abendsonne lag, wie es jetzt geschah, so mußte man den Blick nach einer Weile geblendet abwenden, so funkelte es von Gold und Purpur.

An dem kleinen Fenster gerade über dem Bilde war der blonde Kopf einer Frau sichtbar, die in einem schmalen Buche las. Sie hielt es mit beiden Händen hoch empor, um das letzte Licht des scheidenden Frühlingstages sich dienstbar zu machen. Sie war von hohem Wuchse, ein Weib, auf dessen ganze Erscheinung das Wort »stattlich« wie kein anderes paßte. Schön war sie nicht zu nennen, dazu waren ihre Züge zu groß. Wer den Bürgermeister kannte, der sah auf der Stelle, daß sie seine Tochter war. Nur die Farbe ihres Haares hatte sie offenbar von ihrer Mutter geerbt, einer kaum mittelgroßen, feingliedrigen Frau, die ihr gegenübersaß und, die Hände im Schoße gefaltet, ihr zuhörte. Sie mochte wohl eine höhere Vierzigerin sein, aber der Ausdruck ihres schmalen, blassen Gesichtes hatte etwas Kindliches. Sie saß in einem großen Lehnstuhle, gehüllt in Kissen und Decken, denn sie hatte eben erst ein schweres Gliederreißen überwunden und war heute zum ersten Male von ihrem Krankenlager erstanden. Mit großen, glänzenden Augen blickte sie auf die Lesende. Sie sah aus, als wäre ihr Geist gänzlich der Welt entrückt.

Das kleine Buch, in das sich die beiden Frauen versenkt hatten, war Doktor Martin Luthers Auslegung des 14., 15. und 16. Kapitels des Johannesevangeliums. Der Ratsherr Tilo Brandis, der im geheimen der neuen Lehre anhing, hatte es vor einigen Tagen seiner Frau Gesche aus Braunschweig mitgebracht.

Die Vorlesende war von dem Buche offenbar nicht weniger gefesselt als die Zuhörende. Sie las mit blitzenden Augen und geröteten Wangen, und ihre Stimme schallte zuweilen so laut, als wolle sie eine geräumige Kirche ausfüllen. Sie konnte das ohne Gefahr wagen, denn das Gesinde arbeitete im Garten vor der Stadt, und das ganze Haus war leer. Ihres Vaters Heimkehr aus Goslar war noch kaum zu erwarten, auch konnte er sich nicht unbemerkt dem Hause nähern.

»Das ist meine Sprache«, klang es tönend von Frau Gesches Lippen. »Friede heißt Unfriede, Glück heißt Unglück, Freude heißt Angst, Leben heißt Tod in der Welt, und wiederum, was in der Welt heißt Unfriede, Angst, Tod, das heiße ich Friede, Trost und Leben. Leben ist es, Freude und Trost ist es; aber nicht in der Welt, sondern in mir werdet ihr solches finden, daß euer Herz durch mein Wort werde ein Demant wider alle Welt, Teufel und Hölle. Wenn ihrer noch vieltausendmal mehr wären und noch viel zorniger wären, so sollten sie es doch so böse nicht machen mit ihrem Zorn und Toben, daß sie mich euch können nehmen, denn ich bin ihnen so hochgesessen, daß ich von ihnen weg kann bleiben. – Darum ist solches ›in ihm Frieden haben‹ nichts anderes denn das: ›Wer sein Wort im Herzen hat, der wird so keck und unerschrocken, daß er kann der Welt und des Teufels Zorn und Toben verachten und dawider Trotz bieten; wie sich's auch bewiesen hat an den heiligen Märtyrern, ja auch ein junges Maidlein, als S. Agathe und Agnes, die so fröhlich zur Marter sind gegangen, als gingen sie zum Tanze und ihrer zornigen Tyrannen dazu spotteten‹.« –

Die Vorleserin hielt plötzlich inne, denn ein leiser Wehlaut zitterte durch das Gemach. Sie blickte erschrocken auf ihre Mutter, deren Augen sich mit Tränen gefüllt hatten, und um deren Mund es zuckte wie von verhaltenem Weinen.

»Liebste Mutter! Was ist Euch?« rief sie und sprang erschrocken auf. »Habt Ihr wieder Schmerzen?«

»Nicht in den Gliedern, aber in der Seele«, erwiderte Frau Mette Wildefüer, indem ihr eine große Träne über die Wange rollte. »Solche Worte gehen mir durchs Herz wie ein Schwert. Der Luther hat ja recht: Wer Gottes Wort im Herzen hat, der wird so keck und unerschrocken, daß er den Teufel selber kann verachten. So trage ich denn also Gottes Wort nicht im Herzen, denn ich bin nicht keck und unerschrocken, sondern ganz schwach und verzagt. Wie oft habe ich mir ein Herz wollen fassen und deinem Vater sagen, wie es mit mir steht, und daß ich heimlich eine Lutherin bin! Aber so er mich nur anschaut, sinkt allsogleich mein Mut dahin. So sündige ich zwiefach, bin untreu meinem Manne, der mir vertraut, und bin untreu meinem Heiland, der gesagt hat: ›Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.‹ Das liegt wie eine Last auf meiner Seele, und viele Stunden der Nacht verbringe ich mit Weinen und Seufzen.«

»Ihr seid ja krank und schwach, liebes Mütterchen«, tröstete die Tochter. »Von kranken und schwachen Menschen verlangt wohl Jesus Christus nicht, daß sie sich als Helden erweisen.«

Frau Mette Wildefüer schüttelte leise den Kopf. »War nicht Sankt Paulus auch ein kranker Mann? Geplagt mit der Fallsucht und anderen Gebrechen? Und er konnte doch von sich schreiben: ›Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.‹ Und ist der Doktor Luther nicht auch mit vielerlei Leibesschwachheit heimgesucht? Und bietet er nicht aller Welt die Stirn und trotzt der Hölle und dem Teufel? So sollten wir auch sein.«

»Das sind die Großen, die Gott auserwählt hat zu seinen Rüstzeugen«, erwiderte Gesche Brandis beruhigend. »Er verlangt wohl nicht von allen das gleiche.«

»Er verlangt, daß wir alle seinen heiligen Namen bekennen«, versetzte Frau Mette entschieden. »Das aber tue ich nicht, und ich bin in großer Angst und Sorgenpein, ob Gott der Herr mir's vergeben und mich gnädig ansehen wird.«

Über Gesches Antlitz flog ein Schatten, und sie entgegnete gedrückt: »Auch mir kommen zuweilen solche Gedanken. Tun wir's doch alle nicht. Keiner wagt es, das Evangelium frei zu bekennen; auch Tilo, mein Mann, hält sich damit zurück.« Sie blickte eine Weile nachdenklich vor sich nieder, dann setzte sie hinzu: »Wenn es nicht gerade der Vater wäre, der dem Evangelium widerstrebt, so träten wir wohl beide frei hervor, denn wir fürchten uns vor keinem. Aber es kommt uns über die Maßen schwer an, den zu kränken und zu betrüben, der uns viel Gutes getan hat, und der zudem ein besserer Mann ist als jeder andere, den wir von Angesicht kennen. Man kann wohl niemandem so schwer Widerpart halten wie dem, den man liebhat, und auf den man in herzlicher Ehrfurcht hinschaut.«

»Du sprichst aus, was ich denke!« rief die Mutter und schlug die Hände vor die Augen, aus denen jetzt die Tränen stromweise hervorbrachen. »Das ist es! Ich kann deinem Vater nicht wehe tun, und ich kann ihm nicht widerstreben, denn er hat mir so viel Glück gegeben in meinem Leben, wie selten eine Frau genießen darf. Und mit welcher Liebe und Treue umgibt er mich noch jetzt, obwohl ich seit mehreren Jahren schon dahinsieche und oft gelähmt bin, so daß er nur eine Last an mir hat! Es träfe ihn allzu tief ins Herz, müßte er erfahren, daß ich abgewichen bin von seinem Glauben. Ich kann es ihm nicht sagen, ich kann es nicht! Aber wie will ich damit vor Gott bestehen?«

Sie sank in die Kissen zurück, und ein Schluchzen erschütterte ihren schmächtigen Körper. Gesche nahm ihre Hände und streichelte sie liebevoll. Dann sank sie vor dem Stuhle in die Knie und legte ihre Stirn auf den Schoß der Mutter. »Ach liebes, liebes Mütterchen,« sagte sie, »entschlagt Euch doch jetzt der schweren Gedanken, sonst könnt Ihr ja nicht gesund werden! Wer weiß, ob nicht eines Tages Gott den starren Sinn des Vaters erweicht, so daß er sich doch noch der neuen Lehre zukehrt, wie das so viele getan haben. Dann wendet sich ja alles von selber zum besten.«

Frau Mette legte ihre durchsichtigen Hände der Tochter aufs Haupt und strich zärtlich drüber hin. »O Kind,« erwiderte sie, »wie habe ich gebetet, daß das geschehen möge! Aber ich hoffe nicht mehr darauf. Der Vater sperrt sich ja ab gegen alles, was von Luther kommt. Gäbe ihm jemand eine Schrift des Wittenbergers, so würfe er sie auf der Stelle ins Feuer. Ja, selbst das heilige Wort Gottes, das uns Luther verdeutscht hat, würde er nicht verschonen. Du weißt, daß ich es nicht wage, eine Bibel im Hause zu bewahren, so sehr auch meine Seele danach lechzt. Aber ich könnte das große, schwere Buch nicht verstecken. Wie bist du zu beneiden, daß du mit deinem Manne im Glauben eins bist! Du brauchst wenigstens in deinem Hause nichts zu verstecken und zu verbergen. Wenn ich das erlebte, ich stürbe wohl vor Freude, und ich stürbe ja gern. Aber ich werde sterben müssen mit meiner Heimlichkeit auf der Seele.«

Gesche hob den Kopf und blickte ihre Mutter liebevoll an. »Ihr werdet, so Gott will, noch lange nicht sterben, sondern bei uns bleiben noch viele Jahre, und Gott wird alles zum besten kehren.«

»Ach Kind, ich bin so schwach und werde immer schwächer. Jedesmal, wenn der Winter kommt, ergreift mich die böse Krankheit, und ich bin siech, bis es wieder warm wird in der Natur. Jedesmal aber werde ich weniger und komme schwerer wieder zu Kräften. Vielleicht ist das der letzte Frühling, den ich erlebe. – Aber sieh einmal nach, Gesche, was vor dem Hause ist. Hörst du es nicht? Der Vater kommt wohl von Goslar zurück?«

Gesche sprang auf und trat schnell ans Fenster. »Ja, der Vater!« rief sie. Dann eilte sie rasch auf eine große Truhe zu, die neben der Tür stand, schlug den Deckel zurück und verbarg das Buch Doktor Luthers unter den Linnenstücken, die da aufgespeichert waren. »Der Vater kommt nicht allein«, sprach sie dabei hastig. »Er bringt uns einen Besuch mit. Wenn ich recht gesehen habe, ist es Lucke Hary.«

»Ach, dann wird wohl Klaus gestorben sein!« rief Frau Mette, und ein ehrliches Bedauern klang aus ihrer Stimme. »Ich habe ihn immer gern gehabt, ob er gleich ein wunderlicher und einsiedlerischer Mann geworden war. Und den Vater wird sein Tod schwer getroffen haben, denn er war sein letzter Freund aus der Jugend.«

Während sie noch redete, erklangen schon Hans Wildefüers feste Tritte auf dem Estrich des Vorsaals, und gleich darauf trat der Bürgermeister ein. Er begrüßte seine Tochter, die noch in der Nähe der Tür stand, durch einen Händedruck und ein freundliches Zunicken, dann eilte er auf seine Frau zu, nahm ihr Haupt in seine linke Hand und küßte sie auf den Mund. »Du bist aus dem Bett heraus? Es geht dir besser? Sind die Schmerzen fort?« rief er freudig.

»Ja, Hans, es geht mir, Gott sei Dank, viel besser. Seit gestern abend bin ich die Schmerzen los«, erwiderte Frau Mette.

»Nun, das ist ja schön. Das freut mich von Herzen. Leider aber habe ich dir sehr Trauriges zu erzählen.« Er faßte das junge Mädchen, das an der Tür stehengeblieben war, bei der Hand und führte es zu seiner Frau. »Ich bringe dir hier Lucke Hary, die du nicht gesehen hast seit ihrer Firmelung. Sie ist eine Waise, denn mein alter Klaus ist gestern gestorben. Ich habe ihm gelobt, sie wie mein Kind zu halten in meinem Hause bis zu ihrer Heirat. Ich denke, Mette, du wirst sie wie eine Mutter aufnehmen.«

»Danach brauchst du nicht erst zu fragen. Das versteht sich von selber.« Sie streckte dem Mädchen beide Hände entgegen und zog es zu sich heran. »Komm, liebes Kind, laß dir einen Kuß geben. Willkommen in unserem Hause! Und Gott segne deinen Eingang!«

Die junge Lucke war mütterliche Zärtlichkeit nicht gewohnt, denn ihre Mutter war schon vor vielen Jahren gestorben. Aber als sie die Augen der Muhme so voller Freundlichkeit und Güte auf sich gerichtet sah und dann ihren Kuß auf ihrer Wange fühlte, kam ein Gefühl über sie, das sie bisher kaum gekannt hatte. Ihr Herz flog der Frau entgegen, die ihr doch halb fremd geworden war, weil sie schon seit Jahren nicht mehr nach Goslar gekommen war, wenn ihr Ohm Wildefüer seinen alten Freund, ihren Vater, besucht hatte. Mit heißem Weinen glitt sie vor ihr auf den Boden nieder und küßte ihre bleichen, durchsichtigen Hände und ließ ihre warmen Tränen auf sie herniederfallen.

Hans Wildefüer war ein paar Schritte zurückgetreten und stand hochaufgerichtet da, mit seiner linken Hand in seinem starken schwarzen Barte wühlend, wie er zu tun pflegte, wenn er erregt war. Er hatte es ja gehofft, daß seine Mette die Tochter seines verstorbenen Freundes mit mütterlicher Freundlichkeit aufnehmen werde. Dagegen hatte er nicht geringe Sorge gehabt, wie Lucke sich verhalten werde. Das Mädchen war ihm unterwegs rätselhaft erschienen. Wie versteinert hatte sie zwischen ihm und Oldecop auf dem Pferde gesessen, ohne Träne, aber wortkarg und verschlossen, und wenn er sie verstohlen von der Seite angesehen, hatte er bemerkt, daß sie zuweilen wie eine Verzweifelte vor sich hinstarrte. Trug sie so schweres Leid um ihren Vater? Das dünkte ihn seltsam, denn sein alter Klaus war mit zunehmenden Jahren immer herber im Umgange mit den Menschen geworden und hatte auch gegen seine Tochter keine Ausnahme damit gemacht. Sie mochte in den letzten Jahren wenige freundliche Worte gehört haben aus dem Munde des Mannes, an dessen Herzen der Gram fraß darüber, daß seine geliebte Vaterstadt sich von dem alten Glauben abgewendet hatte, und daß er unter seinen Mitbürgern, denen er einst so viel gegolten, ein Einsamer geworden war. Ihm war sie jederzeit von Herzen dankbar gewesen für jede Freundlichkeit, für jedes gute Wort, das er ihr sagte, so oft er nach Goslar hinaufkam. Sie hatte gegen ihn auch jederzeit eine geradezu töchterliche Zuneigung an den Tag gelegt, wie sie denn auch gestern ihn empfangen hatte wie eine Tochter, die sich in großem Leid an die Brust des Vaters flüchtet. Was hatte sie nun so ganz verwandelt, auch gegen ihn? Er hatte es nicht zu ergründen vermocht, aber gefürchtet, sie werde das liebevolle Entgegenkommen seiner Frau mit eisiger Zurückhaltung erwidern und Mettes freundliches Herz dadurch kränken und erkälten. Daß es nun so ganz anders kam, erfüllte ihn mit hoher Befriedigung, und mit frohen Blicken schaute er auf die beiden Frauen nieder.

Ganz andere Gefühle bewegten derweilen das Herz seiner Tochter. Frau Gesches Augen wurden immer größer und starrer, während sie das Bild betrachtete, das sich ihr darbot. Seit Jahren war sie die nächste Vertraute und Freundin ihrer Mutter und liebte sie mit einer Zärtlichkeit, die ihr niemand zugetraut hätte. Auch in der Seele der großen blonden Frau lebte das Bedürfnis, zu schützen, zu hegen und zu pflegen, und dazu ward ihr in ihrem Hause allzuwenig Gelegenheit geboten. Ihr Mann, der Ratsherr Tilo Brandis, stand breit und fest in seinen Schuhen, war ebenso klar und bestimmt wie seine Ehehälfte, bedurfte nie des Schutzes und der Pflege. Krank war er höchstens dann, wenn auf dem Rathause in der Trinkstube der Gildehäuser gar zu gewaltig pokuliert worden war, und diese Krankheit erstreckte sich nur auf einige Morgenstunden und war mit Hilfe eines sauren Herings leicht zu heilen. Die Kinder des kerngesunden Paares waren ebenso kerngesunde, dralle und rotbäckige kleine Buben, denen nie das Geringste fehlte. Sie fragten auch gar nicht nach Zärtlichkeit, sondern nach Wurst- und Butterbroten, Äpfeln und Kirschen und machten den Eltern durch nichts eine Sorge als durch ihre wilde Unbändigkeit und Rauflust, infolge deren sie täglich Risse und Schäden an den Wamsen und Höslein und dicke Beulen an ihren runden Köpfen mit heimbrachten. So war die Mutter die einzige Person, an der Frau Gesche ihr Pflegebedürfnis befriedigen konnte, und je zarter und kränklicher Frau Mette geworden war, um so zärtlicher umgab sie die Liebe und Fürsorge der Tochter. Sie kam jeden Tag mehrmals, um nach ihr zu sehen, und blieb oft stundenlang bei ihr, und sie konnte das auch mit gutem Gewissen tun, denn ihre Wirtschaft daheim ging wie am Schnürchen. Mit der Zeit hatte sich das Verhältnis der beiden Frauen geradezu umgekehrt; die kraftvolle, willensstarke Tochter pflegte, schützte und leitete die Mutter und erlangte über sie ein vollkommenes Übergewicht, das sie freilich nur dazu brauchte, ihr alle Sorge des Lebens, soweit sie es vermochte, abzunehmen und ihr Liebes und Gutes zu erweisen. Dafür wollte sie aber auch den ersten Platz einnehmen im Herzen der Mutter. Die Mitherrschaft des Vaters duldete sie, denn es war nun einmal so von Gott geordnet, daß eine Frau ihren Mann liebhatte. Aber sonst sollte es niemand versuchen, ihr den Rang streitig zu machen. Mit Widerwillen und Unbehagen sah sie daher, daß Lucke von Hary da kniete, wo sie selbst soeben gekniet hatte, und als sie nun sah, daß ihre Mutter der Fremden liebkosend über das Haar strich, wie ihr vorhin, da wallte eine Eifersucht in ihr auf, die sie nicht bezähmen konnte. Am liebsten hätte sie das Mädchen hinausgewiesen, wenn die geringste Aussicht bestanden hätte, gegen den Wunsch und Willen ihres Vaters aufzukommen. Eine solche Aussicht bestand nicht, aber diesem Auftritt mußte sie sobald als möglich ein Ende machen.

Sie trat rasch auf die beiden zu, und indem sie sich gewaltsam zur Freundlichkeit zwang, sagte sie: »Komm, Lucke, stehe auf! Du wirst ja doch in dem Stübchen wohnen, wo ich wohnte, als ich noch im Hause war. Komm, ich will dir's zeigen. Und sei auch mir willkommen.«

Ein dankbarer Blick ihres Vaters belohnte sie dafür, und ihre Mutter rief erfreut: »Ja, das tue. Ich könnte es ja nur schwer tun. Geh, Kind, und laß dich von Gesche führen. Sie ist so gut und wird dich liebhaben wie eine Schwester.«

Gesches Wangen brannten bei diesen Worten ihrer Mutter, und sie schämte sich ihrer Eifersucht. Aber es war ihr unmöglich, sie zu unterdrücken oder auch nur zurückzudrängen, und während sie droben der Fremden half, ihre Truhe zu öffnen und ihre Kleider und Schmucksachen in einen Schrank zu räumen, dachte sie heimlich fortwährend nur das eine: Wäre dieses Mädchen doch nicht ins Haus gekommen! Könnte man sie doch recht bald auf gute Art wieder loswerden!

Dasselbe dachte sie, als sie eine halbe Stunde später ihrem Hause zuschritt, wobei sie ein Knecht geleitete, denn eine ehrbare Frau ließ sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr ungeleitet auf den Straßen sehen, am wenigsten die Frau eines Geschlechterherrn. Immer grübelte sie darüber nach, wie Lucke wohl zu entfernen sei, denn inzwischen war ihr eingefallen, daß Lucke von Hary, Klaus von Harys Tochter, natürlich eine starre Anhängerin des alten Glaubens sein werde, und daß ihre Mutter in ihr eine gefährliche Aufpasserin erhalten habe. Das beste war vielleicht, sie brachte es dahin, daß sie in ihr eigenes Haus übersiedelte. Denn wie es sonst möglich sein sollte, mit der Mutter heimlich die Schriften Luthers zu lesen, sah sie nicht ein. In ihrem Hause war Lucke unschädlicher. Aber durfte sie es wagen, diese ausbündig schöne Person mit den flimmernden Goldhaaren in ihr Haus einzuführen? Wer konnte wissen, was sie sich damit auflud? Ihr Tilo war ja über die erste Jugend hinaus und fing nicht leicht Feuer, aber den Männern war nun einmal nicht zu trauen, auch den besten nicht. Der Himmel mochte wissen, welch ein Kreuz und Elend sie sich vielleicht ins Haus nahm. Sie konnte nicht darüber ins reine kommen.

An diesem Abend verwunderte sich der Ratsherr Tilo Brandis mehrmals höchlich über seine Frau, denn sie war einsilbig und verstimmt und gab zerstreute und verkehrte Antworten. Noch mehr verwunderte er sich, als sie ihm später, nachdem die Kinder ins Bett gebracht waren, ihre Besorgnisse enthüllte. »Was ficht dich an!« sagte er. »Es ist doch sonst nicht deine Art, Gespenster zu sehen. Die Lucke Hary, das weißt du ja, war dem Christof von Hagen versprochen. Der wird nun bald zurückkommen, denn die Zeit seiner Verbannung ist um. Eigentlich könnte er schon da sein. Nun wollte ja wohl damals der alte Hary nicht mehr, daß er sein Eidam werde, nachdem er meinen Bruder im Streite niedergeschlagen hatte. Aber jetzt ist der Alte tot, und so wird er sie wohl noch kriegen. Der Vater wird ihm keinen Stein in den Weg legen, denn er hatte immer viel für ihn übrig, und es war ja auch damals der Hagen im Recht und nicht mein Bruder, wie wir wohl wissen. Hoffentlich hat der Christof Hagen sich nicht draußen im Reiche an eine andere verplempert. Aber das sähe ihm gar nicht gleich. Er wird ihr wohl die Treue gehalten haben, denn er war toll in sie verliebt, und Geld hat sie ja auch. Paß auf, wir werden in drei oder vier Wochen auf ihrer Hochzeit tanzen. Dann ist deine Mutter sie los, und alles ist wieder im Frieden.«

Das war verständig gesprochen, und Frau Gesche hätte können beruhigt sein. Sie war aber nicht beruhigt, obgleich sie sich nichts davon merken ließ. Nachdem ihr Mann langst entschlummert war, fand sie noch keinen Schlaf, sondern lag sinnend und grübelnd da, und als sie endlich in einen kurzen Schlummer verfiel, träumte ihr, Lucke von Hary schaue aus dem Kammerfenster ihres väterlichen Hauses heraus, und das rotgoldene Haar auf ihrem Haupte wachse länger und länger und werde zur feurigen Lohe und setze das ganze Dach mit einem Male in Brand. – Da schrie sie laut auf und erwachte. Auch ihr Eheherr erwachte und erzeigte sich sehr ungnädig, denn eine ungestörte Nachtruhe betrachtete er als einen großen Segen des Himmels und außerdem als heiliges Recht eines Hildesheimer Bürgers und Ratsherrn, und das sollte und durfte ihm ohne dringende Not niemand stören, auch nicht sein ihm angetrautes eheliches Weib.

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