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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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Wenn die alten Weiber des gewesenen Ratsherrn Tilo Brandts vorübergingen, so blickten sie scheu zu zwei Fenstern empor, die mit weißen Tüchern verhangen waren. Dann humpelten sie von dannen, so schnell sie konnten, schlugen wohl auch aus alter Gewohnheit ein Kreuz und tuschelten miteinander, wie es wohl komme, daß der Mann, der dort hinter den Fenstern liege, noch immer nicht gestorben sei. Ganz geheuer sei es ja nie mit ihm gewesen, denn er habe immer mehr gekonnt als andere Leute, nun aber sehe man, wohin das führe.

Sie meinten damit Hans Wildefüer, den das seltsame und traurige Schicksal betroffen hatte, daß er nicht leben und nicht sterben konnte. Als man ihn vom Rathause getragen hatte, da waren sofort die beiden weisen und hochgelehrten Ärzte eines ehrbaren Rates an sein Lager berufen worden. Beide, Magister Hermanus und Magister Philippus aus der Judenstraße, hatten das Urteil abgegeben, er würde die Nacht nicht überleben. So hatte denn die gesamte Bürgerschaft erwartet, daß am anderen Morgen die Glocken von Sankt Andreas ihren ehernen Mund auftun und der Stadt den Tod des Bürgermeisters verkündigen würden. Aber sie waren stumm geblieben, – denn Hans Wildefüer war nicht gestorben. Tag reihte sich an Tag, Woche an Woche, und aus den Tagen und Wochen wurden viele Monate. Hans Wildefüer starb nicht. Die grünen Blätter der Linde vor dem Rathause wurden gelb und fielen ab, Herbststürme brausten über den Markt hin, die Kälte des Winters kam, der Rolandsbrunnen fror ein, und die Dächer der Häuser schimmerten weiß, und Hans Wildefüer war immer noch am Leben. Aber sein Leben war kein Leben mehr. Meist lag er in dumpfer Bewußtlosigkeit und gab auf keine Frage, die man an ihn richtete, Antwort. Dann fuhr er plötzlich auf, aß und trank gierig, was ihm gereicht wurde, und führte wirre Reden, die niemand verstand. Seine kleinen Enkel, die ihn so zärtlich geliebt hatten, fürchteten sich jetzt vor ihm und waren nicht zu bewegen, das Krankenzimmer zu betreten. Die alten Freunde und Bekannten, die am Anfang häufig gekommen waren, um nach seinem Befinden zu sehen, kamen immer seltener und blieben endlich ganz weg. Er weilte noch unter den Lebenden, aber er war für die Welt gestorben.

Frau Gesche Brandis weinte deshalb oftmals die bittersten Tränen, ja, sie haderte zuweilen mit Gott, weil er über ihren Vater ein solches Schicksal verhängt hatte. Sie war auch nicht abzubringen von dem Glauben, daß ihr Vater eines Tages wieder genesen werde. In Minden lebte ein hochberühmter Arzt. Der hatte schon vielen Leuten, die von anderen Ärzten aufgegeben waren, noch geholfen. Auf ihn setzte sie ihre Hoffnung. Jost Wildefüer mußte nach Minden fahren und den großen Mann in seinem Wagen nach Hildesheim bringen. Aber auch er vermochte an des Kranken Zustand nichts zu ändern. Er ließ ihm etliche Medizin einflößen, die nicht anschlug, und reiste nach ein paar Tagen achselzuckend und kopfschüttelnd wieder ab, nicht ohne sich zuvor eine stattliche Summe für seine Bemühungen auszahlen zu lassen. Aber er gab doch vor seiner Abfahrt der weinenden Frau Gesche die tröstliche Versicherung, nach seiner Ansicht werde ihr Vater eines Tages von selber wieder zur Vernunft kommen.

An dieses Wort klammerte sie sich an und blieb voller Zuversicht, obwohl weder ihr Bruder noch ihr Mann ihre Hoffnungen teilten. »Du weißt ja gar nicht, was du deinem Vater wünschest«, sagte Herr Tilo Brandis. »Würde er wieder gesund, so käme er in eine Welt zurück, die ganz verwandelt ist. In das Hildesheim, das Christof Hagen mit seinem Anhange regiert, paßt er nicht hinein. Was würde er sagen, wenn er hörte, daß Sankt Andreas eine lutherische Kirche geworden ist! Das Herz würde sich ihm im Leibe umdrehen. Gott hat ihm eine Gnade erwiesen, daß sein Geist umnachtet ist. So sollten wir nicht darum bitten, daß er ihn wieder ins Leben zurückführe, sondern daß er ihm ein seliges Sterbestündlein verleihe.«

So sprach Herr Tilo oftmals, aber seine Frau schüttelte dazu stets den Kopf und erwiderte: »Wenn er auch nicht wieder gesund wird, so möcht' ich doch, daß er noch einmal zu klaren Sinnen käme, ehe er von uns scheidet.«

»Welch ein törichter Wunsch!« pflegte dann Tilo Brandis auszurufen. »Vergönne doch deinem Vater, daß er in Bewußtlosigkeit hinüberschlummert! So wird doch dem Menschen das Sterben am leichtesten.«

Aber Frau Gesche erklärte auf solche Reden ihres Ehemannes sehr entschieden: »Ich kenne den Vater besser als du, und ich weiß, daß er bei voller Klarheit seiner Sinne sterben möchte. Er hat das früher auch einmal selber gesagt. Auch steht er ja nun einmal fest im alten Glauben. So wäre es ihm sicher ein großer Trost, wenn er sich vor seinem Ende noch könnte mit der heiligen Wegzehrung versorgen lassen.«

»Es würde uns übel verdacht werden in der Stadt, wenn wir dazu einen Priester ins Haus riefen. Es sind ja auch die meisten aus der Stadt gewichen«, brummte Tilo Brandis.

»Es sind eine ganze Menge da«, erwiderte Frau Gesche, »und mag es uns verdacht werden oder nicht, und wenn es mitten in der Nacht wäre, ich holte einen, damit der Vater nicht ohne Trost stürbe.«

Tilo Brandis erwiderte darauf nichts, denn er war davon überzeugt, daß man seinen Schwiegervater eines Tages tot in seinem Bette finden werde. Aber Frau Gesche sollte wirklich das Wunder erleben, auf das sie hoffte.

Am Nachmittage vor dem heiligen Abend ging sie hinauf nach dem Gemach, wo ihr Vater lag, um einmal nach ihm zu sehen, und als sie in die Türe trat, blieb sie wie versteinert stehen, und das Gefäß mit Wasser, das sie in der Hand trug, entfiel ihr. Denn ihr Vater saß aufgerichtet auf seinem Lager, und an dem klaren Ausdruck seiner Augen sah sie auf den ersten Blick, daß er vollkommen bei Bewußtsein war.

»Vater!« rief sie, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Vater, erkennt Ihr mich?«

»Warum soll ich dich nicht erkennen? Was soll das heißen?« erwiderte Hans Wildefüer unwirsch, aber mit sehr schwacher Stimme. »Warum hast du dich denn so? – Und was ist mit mir?« setzte er hinzu, seine dünnen, abgezehrten Hände betrachtend. »Ich war wohl krank? Wie komme ich hierher?«

»Ach, sehr krank wart Ihr, lieber Vater, sehr krank, und habt so lange ohne Bewußtsein hier gelegen«, entgegnete sie und eilte auf ihn zu und ergriff seine Hände.

Er brummte undeutlich vor sich hin: »Wie ist das möglich? Was ist geschehen?« Offenbar suchte er in seinem Gedächtnis nach einer Erklärung dafür, wie er in diesen Zustand geraten sei, aber es schien ihn im Stiche zu lassen. Nach einer Weile fragte er mit allen Zeichen des Erstaunens: »Was fällt dir denn ein? Warum hast du Feuer im Ofen angemacht, wo es doch warm ist in der Natur?«

»Es ist nicht mehr warm draußen, Vater. Es ist Winter. Heute ist Weihnachten«, gab sie zur Antwort.

Er blickte sie starr an und erwiderte lange nichts. Es war, als grüble er über etwas nach, worüber er nicht ins reine kommen konnte. Endlich sagte er: »Es war aber doch Sommer. In unserem Garten blühten die Rosen, als ich von meinem Hause wegging. Wohin ging ich nur?«

»Ihr ginget aufs Rathaus, Vater, und dort wurdet Ihr plötzlich krank. Nun aber werdet Ihr, so Gott will, genesen.«

»Und es ist wirklich Weihnachten heute?«

Gesche Brandis öffnete das Fenster. »Seht auf die weißen Dächer der Häuser da drüben, Vater, und überzeugt Euch, daß es Winter ist.«

»So hat Gott ein Wunder getan, daß er mich noch einmal erwachen ließ nach so langer Zeit«, sagte Hans Wildefüer nach langem Sinnen. »Und ich werde wohl genesen, Kind, aber nicht zu diesem Leben. Sage deinem Mann, er solle mir Herrn Oldecop holen lassen. Dem will ich beichten, und er soll mich versehen. Ich mache es wohl nimmer lange.«

»Tilo ist in Peine«, antwortete Frau Gesche, »er kommt erst gegen Abend zurück. Und Herr Oldecop ist nicht in der Stadt.«

»Wo ist er denn?«

»Das weiß ich nicht. – Es sind«, fügte sie mit stockender Stimme hinzu, »gar viele Priester aus der Stadt entwichen in der letzten Zeit.«

»So sende zu Herrn Arnold Fridag. Er wird mir den Liebesdienst nicht weigern, kann sich in einer Sänfte herbringen lassen. Er ist mein alter Freund und Beichtvater.«

»Ja, Vater, ich will gleich nach ihm schicken«, erwiderte Frau Gesche und verließ das Gemach. Als sie nach kurzer Zeit zurückkehrte, sagte ihr Vater: »Ich erinnere mich nun gar wohl dessen, was geschehen ist. Du aber setzest dich hier vor mich und erzählst mir, was in Hildesheim seither sich ereignet hat, und weshalb so viele Priester, wie du sagst, aus der Stadt gewichen sind. Ich ahne, daß du mir Übles zu künden hast, aber ich fordere von dir volle Wahrheit.«

So setzte sich denn Frau Gesche und begann ihren Bericht, und so schwer es ihr wurde, die bittere Wahrheit zu sagen, so vermochte sie doch nicht zu lügen. Sie erzählte, daß Herzog Heinrich von Wolfenbüttel, am Siege verzweifelnd, aus seinem Lande geflohen sei und es den Schmalkaldenern überlassen habe. In Hildesheim seien drei Kirchen den Lutherischen übergeben, die andern geschlossen worden. In Sankt Andreas habe Bugenhagen gepredigt und das Gotteshaus zu einer lutherischen Kirche geweiht.

»Wo meine Mette liegt!« stöhnte der Kranke.

»Ach, grämt Euch darüber nicht, Vater«, begann Frau Gesche, aber er unterbrach sie mit dem gebieterischen Befehl: »Es ist gut. Fahre fort!«

Sie berichtete weiter, der Rat sei abgesetzt. Christof von Hagen gebiete als ein Hauptmann in der Stadt, außer ihm und seinen Vertrauten habe niemand etwas zu sagen. Seine Lucke habe er heimgeführt noch im Herbst, sie sei jetzt die Königin von Hildesheim. Gewalttaten seien noch nicht geschehen, man könne täglich noch schlimmeres erwarten, und deshalb seien viele Priester auf und davon gegangen. Der neue Rat, so heiße es, wolle dem Schmalkaldischen Bunde beitreten.

Das alles erzählte sie mit den schonendsten Worten, aber sie wagte es nicht, ihren Vater dabei anzusehen. Der unterbrach sie mit keinem Worte mehr, und als sie geendet hatte, legte er sich stumm in die Kissen zurück und lag so, den Blick an die Decke heftend, bis Herr Arnold Fridag kam.

Der uralte Domherr wurde von zwei Knaben, die auch die heiligen Gefäße trugen, die Treppe hinaufgeführt. Er war ganz erschöpft, als er oben anlangte, und mußte sich erst eine Weile erholen. Nach Atem ringend, saß er neben Wildefüers Bett und faßte nach dessen Hand, während Frau Gesche leise das Zimmer verließ.

»Es ist mir herzlich leid, ehrwürdiger Vater, daß ich Euch bemühen mußte«, sagte der Bürgermeister. »Aber ich wußte, Ihr würdet mir nicht Hilfe und Beistand weigern in meiner Todesnot. Denn ich weiß es, ich stehe dicht an der Pforte des Todes. Gott hat mich noch einmal zum Leben erweckt, damit ich nicht hinfahre ohne den Trost unserer heiligen Kirche.«

»Das wird wohl so sein«, erwiderte der Greis. »Ich habe an vielen Totenbetten gestanden und weiß es, wie die aussehen, die der Tod gezeichnet hat. Du trägst sein Zeichen, und du fürchtest dich davor so wenig, wie ich mich fürchten würde. So bekenne denn deine Sünden, auf daß ich dir Absolution erteilen kann im Namen dessen, der unserer Kirche Haupt ist.«

Hans Wildefüers Beichte war nicht lang, denn auf die Sünden seiner Jugend- und Mannesjahre zurückzukommen, untersagte ihm der Domherr. »Die sind dir langst vergeben«, sagte er, »und du hast sie ja auch längst bereut. Rede von dem, was du gefehlt hast in den letzten Jahren, seit ich deine Beichte nicht mehr gehört habe.«

»Ihr wißt es, ehrwürdiger Vater, daß ich mich versündigt habe gegen meiner Stadt Recht und Gesetz, indem ich heimlich ein Bündnis gemacht hatte mit fremden Herren und Potentaten. Das ist jedem Bürger verboten und verstößt gegen seinen Eid. Und ich habe noch etwas getan, was Ihr nicht wißt. Ich habe dem Weibe, mit dem Herzog Heinz von Wolfenbüttel seine große und schwere Sünde vollbracht hat, Unterkunft gegeben in unserer Stadt, bis mir das Gewissen also beschwert ward, daß ich sie bei Nacht wieder habe fortführen lassen. Ich hätte den Bitten des Herzogs nicht nachgeben sollen. Daß ich an dieser Sache mit bin schuldig geworden, das bedrückt mich am meisten. Denn ich bin solchen Greueln zeit meines Lebens von Herzen Feind gewesen.«

»Das ist nur eine Verfehlung, mein Sohn, keine Todsünde. Ich meine, das wird dir Gott in seiner Gnade nicht allzu hoch anrechnen. Weißt du sonst nichts zu beichten von Sünden und Verfehlungen wider seine heiligen Gebote?«

Wildefüer dachte lange nach und erwiderte endlich: »Von groben Sünden weiß ich nichts zu sagen. Ich habe ja wohl an keinem Tage so gelebt, wie es einem vollkommenen Christen geziemt, aber einzelnes weiß ich nicht zu künden. Ich hätte wohl oftmals können milder und sanftmütiger sein, statt daß ich hart und zornig war. Jähzorn und Härte sind meine Fehler von Jugend an gewesen, und ich bin ihrer nie ganz Herr geworden, habe auch oftmals gar nicht mit Ernst gegen sie angekämpft.«

Er schwieg und schaute still vor sich hin. »Weiter hast du nichts zu bekennen, mein Sohn?« fragte der Domherr nach einer Weile.

»Ich weiß nichts weiter«, entgegnete Wildefüer.

Da erhob sich Herr Arnold Fridag und sprach die lateinischen Worte der Lossprechung. Dann versah er ihn mit den heiligen Sterbesakramenten.

»Verziehet noch eine kleine Weile, ehrwürdiger Vater, wenn's Euch möglich ist«, sagte der Bürgermeister und ergriff die Hand des Greises. »Bleibt hier sitzen neben mir. Ich fühle, wie meine Kräfte schwinden, und das Sterben ist doch ein wunderlich Ding, sonderlich ein Sterben wie das meine. Denn ich gehe als Besiegter aus dieser Welt. Alles, wofür ich gestritten mein Leben lang, wofür ich recht und unrecht getan habe, ist zerfallen. So müßt' ich denn mit großer Bitterkeit von hinnen fahren. Aber ich habe schon längst erkannt, daß dieser Welt Wesen vergeht und dahinschwindet wie ein Schatten. So liegt wohl nichts daran, ob wir Sieger bleiben oder umsonst kämpfen, wenn wir nur allezeit recht gestritten haben zu Gottes Ehre, so daß er uns brauchen kann in der besseren Welt, die auf uns wartet.«

Der Domherr nickte. »Da denkst du richtig. Gott wird niemanden richten nach seinen Erfolgen auf Erden, sondern er wird nur danach fragen, ob er den rechten Glauben gehabt habe, und ob er im Glauben geblieben sei.«

»So ist es denn mein Trost,« fuhr Wildefüer fort, »daß ich von dem Tage an, da der martinische Unfug aufkam, für unsre heilige Kirche gestritten habe mit aller Kraft. Ich denke, das wird die Menge meiner Sünden zudecken. Auch habe ich allezeit die gebenedeite Jungfrau und die lieben Heiligen fleißig angerufen, habe mehrmals große Wallfahrten unternommen ihnen zu Ehren, habe ihnen Altäre errichtet und Opfer gebracht, wie ich denn auch in meinem letzten Willen der heiligen Jungfrau eine große Summe ausgesetzt habe, daß ihr ein Kirchlein gebaut werde. An ihrer Fürsprache wird es mir nicht fehlen, und so bin ich der gewissen Hoffnung, daß Gott mir wird gnädig sein und mich zu sich nehmen wird in sein Reich.«

Der Greis lächelte, und es war ein Lächeln, das sein verwittertes Antlitz wunderbar verschönte. »Ist das dein Trost, lieber Sohn,« sagte er, »so fahre darauf in Frieden hin. Aber ich will dir in dieser Stunde nicht verhehlen, daß ich für mich einen anderen Trost habe, wenn es mit mir zum Sterben kommt.«

Wildefüer blickte ihn verwundert an. »Einen andern? Nun, Ihr seid ja freilich viel heiliger gewesen als ich, seid ein Exempel der Frömmigkeit und Gottseligkeit« –

»Nichts davon!« unterbrach ihn der alte Domherr mit ungewöhnlichem Nachdruck. »Das alles sind Narreteidinge, wenn wir uns in unserer letzten Stunde darauf verlassen. Denn wir sind allesamt unnütze Knechte und fehlen und sündigen immerdar. Nur eins macht uns gerecht vor Gott: das Verdienst unsres Heilandes Jesu Christi. Er ist für uns gestorben, auf daß er uns mit Gott versöhne. Darauf will ich mich verlassen, wenn ich sterbe, nicht auf die Fürbitte der Heiligen und nicht auf die Werke der Heiligen und nicht auf mein Verdienst.«

Wildefüer fuhr jäh aus seinen Kissen empor und starrte ihn erschrocken an. »Ehrwürdiger Vater, was redet Ihr da?« rief er. »Das ist der Trost des Ketzers von Wittenberg.«

»Nein«, erwiderte Arnold Fridag ruhig. »Das stammt nicht von ihm. Das hat die Kirche schon lange gewußt, und unzählige fromme Priester haben es solchen gesagt, die sie trösten mußten in ihrer Sterbestunde. Denn an die Sterbebetten gehört solcher Trost. Gegen die Lebenden und Gesunden schweigt man lieber davon. Predigt man es als das Hauptstück der Christenlehre auf allen Märkten und Straßen, so wird es den Leuten ein bequemes Ruhekissen, und sie wollen keine guten Werke mehr tun, und alle Zucht sinket dahin. Darum soll man nur die damit trösten, die nichts mehr tun können, als seufzen und beten.«

»Wenn nun aber einer von hinnen fährt, ohne daß man's ihm sagt?« warf Wildefüer ein.

»Dann ist er auch nicht verloren, sofern er nur die Gnade Gottes nicht von sich stößt. Denn Gott nimmt alle an, die auf seine Gnade trauen. Sie ist uns aber in Christo erschienen, und deshalb ist es ein absonderlicher Trost, sein Bild im Sterben vor Augen zu haben und sich zu sagen: Um seinetwillen ist Gott uns gnädig und vergibt uns alles, was wir verschuldet haben.«

Er stand auf und legte ihm die welke, zitternde Hand aufs Haupt und machte dann das Kreuzeszeichen über ihn. »Fahre hin in Frieden!« murmelte er. »Hier sehen wir uns nicht wieder, aber droben wohl bald.«

Er wartete keine Antwort ab, und es erfolgte auch keine. Mit weitgeöffneten Augen blickte Wildefüer dem Greise nach, der mit leisem, schlürfendem Schritt das Zimmer verließ, aber er sprach kein Wort. Allmählich erst löste sich die Spannung in seinen Zügen. Sein Antlitz verlor den Ausdruck schreckhaften Staunens, und ein heller Glanz trat in seine Augen.

So fand ihn Frau Gesche, als sie nach einigen Minuten wieder in das Gemach trat, und sie fragte erfreut: »Wie geht's Euch, Vater? Wie fühlt Ihr Euch?«

»Sehr schwach, Kind, es geht wohl mit mir zu Ende. Aber ich bin ganz getrost und voller Freudigkeit. Er hat mir einen großen Trost ins Herz gegeben.« Nach einer Weile setzte er hinzu: »Man sollte das den armen Leuten doch eher sagen, als wenn sie sterben müssen.«

»Was denn, Vater?« fragte Frau Gesche.

Er erwiderte nichts darauf, sondern rief, sich in den Kissen aufrichtend: »Was ist das? Warum läuten sie?«

»Sie läuten Weihnachten ein, Vater.«

»Da müßten doch die Domglocken anfangen?«

»Der Dom ist geschlossen, Vater. Nur die drei Kirchen dürfen läuten, die den Lutherischen eingeräumt sind.«

Wildefüers Gesicht verfinsterte sich, aber gleich darauf lächelte er. »Das geht mich nun alles nichts mehr an«, sagte er. »Gott mag hier alles fügen, wie er will. Seine Kirche wird nicht untergehen, auch wenn ich und andere nicht mehr für sie streite».«

Dann sank er auf sein Kissen zurück und faltete die Hände, und Frau Gesche sah mit Erschrecken, wie seine Züge sich veränderten und sein Antlitz immer hagerer und bleicher wurde. »Wie ist Euch, Vater?« fragte sie endlich beklommen und dem Weinen nahe.

»Sage Herrn Arnold Fridag, ich sei auf seinen Trost gestorben«, erwiderte der Sterbende. Von da an gab er auf keine Frage mehr eine Antwort, nickte nur und lächelte, wenn seine Tochter das Wort an ihn richtete. Seinen Schwiegersohn und seine Enkel erkannte er nicht mehr und schlug nicht einmal die Augen nach ihnen auf, als sie an sein Lager traten. So lag er lange, und sein Atem wurde immer schwächer. Aber plötzlich hob er sich empor in den Kissen, als ob er lauschen wolle, und sagte mit leiser, aber deutlich vernehmbarer Stimme: »Es sind doch die Glocken, die ich als Kind gehört habe; sie rufen mich zum Frieden.« Dann sank sein Haupt wieder zurück – ein tiefer Seufzer noch – und seine Seele war hinüber.

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