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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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Meister Lukas Cranach saß in seiner Werkstatt zu Wittenberg und malte. Die anderen Staffeleien in dem großen Raume waren unbesetzt, denn die Malergehilfen und -lehrlinge dehnten sich noch alle in den Federn. Den fast siebzigjährigen Meister jedoch hatten die ersten Strahlen der winterlichen Morgensonne von seinem Lager aufgescheucht und an die Staffelei getrieben. Er konnte nicht anders. Wenn ein Bild seinen Geist beschäftigte, so arbeitete er daran vom ersten Hahnenschrei bis in die sinkende Nacht und vergaß darüber des Essens und sogar des Trinkens. Darum vermochte er es, Bildnisse, an denen andere wochenlang arbeiteten, in wenigen Tagen zu vollenden.

Vorgestern nun war ihm durch einen gesegneten Zufall ein Modell ins Haus gekommen, wie es in Wittenberg wahrlich nicht alle Tage zu finden war. Frau Käthe Lutherin hatte ihn und seine Eheliebste gebeten, ein junges Weib auf einige Tage oder auch auf einige Wochen ins Haus zu nehmen, da im Lutherhause, wo sie eine Zuflucht gesucht hatte, zur Zeit kein Platz für sie wäre. Solche Gefälligkeiten hatten die befreundeten Häuser einander schon gar manchmal erwiesen, herüber und hinüber, und Meister Lukas war diesmal besonders gern bereit gewesen, den Wunsch der Freundin zu erfüllen. Denn kaum hatte er die Fremde erblickt, so war der Wunsch in seinem Herzen aufgewallt, sie zu malen. Er hatte ihr das gleich in der ersten Viertelstunde kundgetan, und sie war ohne jede Ziererei und Zimperlichkeit bereit gewesen, ihm zu sitzen. Das war gestern in der Frühe zum ersten Male geschehen und hatte sich am Nachmittage wiederholt, und dann hatte sie ihm versprochen, heute am frühen Morgen in seiner Werkstatt zu erscheinen. Sie war noch nicht da, aber an den Gewandstücken konnte er ja auch ohne ihre Gegenwart weiterarbeiten. Während er unablässig mit der linken Hand den zwiegespaltenen, langen grauen Bart strich, malte und malte er mit der Rechten, ohne auch nur einmal den Pinsel sinken zu lassen, voll des glühendsten Eifers.

Er war so vertieft in seine Arbeit, daß er überhörte, wie die Tür aufging und ein Mann hereintrat. Der Ankömmling war von mittelgroßer, gedrungener Gestalt und gehörte offenbar zu den Herren vom kurfürstlichen Hofe oder wenigstens zu den vornehmen Bürgern der Stadt, denn sein Mantel vom feinsten flandrischen Tuch war mit dem teuersten Pelzwerk besetzt. Als er den Meister so beschäftigt sah, blieb er eine Weile unschlüssig stehen und schien sich wieder entfernen zu wollen. Dann aber trat er ihm leise näher und blickte ihm spähend über die Schulter.

Ein lauter Ausruf des Staunens entfuhr ihm. »Donnerwetter, Lukas!« rief er, »was ist denn das? Spinnst du das aus deiner Phantasie heraus? Dann muß ich dir sagen, daß du niemals etwas Schöneres erfunden hast.«

Der Maler hatte sich rasch umgewendet und fuhr sich nun seufzend durch das dichte graue Haar. »Oh, Kanzler Brück!« brummte er, »wer wäre ich, wenn ich solches erfinden könnte! Nein, ich male hier nur nach, was die Natur in vollster Pracht geschaffen hat.«

»Und wer ist dieses Weib? In Wittenberg habe ich noch nichts Ähnliches gesehen.«

»Bist du nicht gestern abend mit dem Herrn von Lochau zurückgekommen?«

»Ja, und es war spät genug.«

»Dann konntest du sie auch noch nicht sehen, denn sie ist erst ehegestern hier angelangt. Frau Käthe Luther brachte sie meiner Frau, denn bei Doktor Martinus heißt es wieder einmal: Sie hatten keinen Raum in der Herberge.«

»Schlimm genug«, knurrte der Kanzler und zerrte aufgeregt an seinem Barte. »Schlimm genug, daß der teure, werte Mann wohnen muß wie in einer Herbergswirtschaft! Und das Haus, das ihm der Kurfürst geschenkt hat, ist doch so groß, es könnten gut und gerne zwei Familien drin wohnen. Aber das Weib kann ja wohl nicht den Hals voll genug kriegen und belegt alle Winkel mit Mietern und Kostgängern, soll auch zuweilen in die zwanzig Leute an ihrem Tische haben.«

»Sie muß wohl, werter Freund, sie muß wohl!« erwiderte Lukas Cranach eifrig. »Du weißt ja selber, wie Doktor Martinus ist. In allem, was den Glauben betrifft, redet der Geist aus ihm, und er ist ein Rüstzeug des allmächtigen Gottes. Aber in den Dingen des gewöhnlichen Lebens ist er wie ein Kind. Was er heute einnimmt, das streut er morgen mit vollen Händen wieder aus, denn er kann keinem Bittenden etwas abschlagen. Gestern hatte ich als Bürgermeister einen Kerl zu verhören, der sich im »Goldnen Hahnen« einen Mordsrausch angetrunken hatte. Zur Zahlung hatte er der Wirtin einen silbernen Becher geboten. Derhalben ließ die Frau mich holen, meinte, er habe ihn gestohlen. Aber er konnte sich ausweisen. Doktor Martinus hatte ihm das Stück geschenkt, weil er ihm etwas vorgejammert hatte von seiner großen Not und acht hungernden Kindlein daheim. Und glaub mir: als er erfuhr, wie er betrogen war, lachte er nur und sagte: »So tue ich wie unser Herrgott, der seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen läßt auf Gerechte und Ungerechte. Eher will ich mich betrügen lassen von zehn Schelmen, als daß ich einem guten Manne nicht hülfe!« – Glaube mir, lieber Kanzler, eines solchen Mannes Eheweib muß ernstlich sehen, wie sie zu dem Ihren kommen will.«

Der Kanzler lachte. »Darin magst du nicht unrecht haben. Du hast ja übrigens der Bora immer die Stange gehalten.«

»Das verdient sie auch, denn sie ist ein tüchtiges Weib.«

»Mag sein, mag sein! Aber ich gehe ihr gerne aus dem Wege. Sie ist mir zu flink und zu rasch mit der Zunge.«

Cranach nickte. »Das ist sie in der Tat, und darin ist ihr das Jungfräulein ähnlich, das ich hier male.«

»Ja so«, sagte der Kanzler. »Von der waren wir ja ganz abgekommen. Wer ist denn dieses Nixenwesen mit den goldenen Haaren?«

»Es ist eine adelige Jungfrau aus Niedersachsen, heißt Lucke von Hary.«

»Lucke? Lucke? Was ist denn das für ein Name? Den habe ich mein Lebtag noch nicht gehört.«

»Ich auch nicht. Aber dort im Norden des Harzgebirges gibt's mancherlei wunderliche Namen für die Frauensleute, die bei uns nicht im Brauche sind.«

Der Kanzler Brück trat nahe an die Staffelei heran, zog die Stirn hoch und blickte prüfend und nachdenklich auf das Bild. »Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre,« sagte er, »so würde ich mich in dieses Weib verlieben. Und weißt du, Lukas, was ich täte an deiner Statt?«

Der Maler lachte laut auf. »Ich soll mich doch nicht etwa in sie verlieben? Ich bin noch fast zehn Jahre älter als du, Freund.«

»Nein, das mute ich dir nicht zu. Aber paß auf, daß deinem Hause kein Schaden geschieht. Solche Mädchen wirken auf die jungen Männer wie die Honigtöpfe auf die Fliegen, und du hast einen fünfundzwanzigjährigen Sohn und allerhand junge Leute im Hause. Sollte mich wundern, wenn sie nicht bald alle hinter ihr drein wären wie die Kater, wenn sie Baldriankraut riechen! Da kann viel Unheil und Ärgernis draus folgen. Gib auf das Mädchen acht, Lukas! Das rat' ich dir.«

»Sie gibt schon selber auf sich acht, Herr«, sagte eine klare, frische Stimme von der Tür her. Er wandte sich rasch um und blickte in ein paar blitzende Mädchenaugen, die halb zornig und halb spöttisch auf ihm ruhten. Lucke, die, wie zum Ausgehen gerüstet, mit Hut und Mantel eingetreten war, hatte offenbar seine letzten Worte gehört und schien sich nicht wenig darüber zu erbosen. »Daß Ihr's nur wißt, Herr: Ich bin eine verlobte Braut und heirate im Sommer oder noch früher, und ich möchte keinem Manne raten, hinter mir drein zu sein, wie Ihr sagtet. Er würde es sehr bald deutlich merken, daß er sich vergeblich mühe.«

»Das Wort war nicht für Euch bestimmt, werte Magd«, sagte der Kanzler, belustigt über ihren Eifer. Herr Lukas Cranach aber, der wohl befürchten mochte, daß sein junger Gast noch etwas Ungebührliches sagen könnte in seiner Gereiztheit, erhob sich und sagte höflich: »Ihr wißt noch nicht, liebe Jungfrau, mit wem Ihr redet. Dieser Herr hier ist Doktor Georg Brück, der Kanzler seiner Kurfürstlichen Gnaden.«

Die Nennung dieses Namens und Titels hatte nicht die gewünschte Wirkung, denn die Verbeugung, die Lucke dem hohen Würdenträger machte, nahm sich eher aus wie ein schnippischer Knicks. Dann wandte sie sich ihrem Gastfreunde zu und rief, ihm die Hand hinstreckend: »Lieber Meister, nehmt mir's nicht übel, ich habe mich verschlafen. Wir müssen die Sitzung auf eine andere Zeit verschieben, denn jetzt muß ich in Doktor Luthers Haus. Mein Verlobter reitet nachher ab, er will ja am Dreikönigstage wieder in Steuerwald sein. Denn an diesem Tage sind die Wahlen in Hildesheim. Frau Doktor Luther hat mich eingeladen, ich solle in ihr Haus kommen, daß ich dort von ihm Abschied nehme.«

Der Kanzler hatte sich bei ihren letzten Worten schnell nach ihr hingewendet und betrachtete sie mit einer Art von Neugier. »Ihr seid aus Hildesheim?« rief er.

»Aus Goslar, aber mein Verlobter ist aus Hildesheim«, erwiderte Lucke freundlicher als vorher.

»Da Ihr hier seid, so nehme ich an, daß Ihr dem Evangelium anhänget?« fragte der Kanzler weiter.

»Das dürft Ihr allerdings, Herr«, gab Lucke zur Antwort. »Ich habe sogar um des Evangeliums willen mancherlei Schweres durchgemacht.«

»Könnt Ihr mir sagen, wie es in Hildesheim steht? Ist der Bürgermeister Wildefüer noch immer allmächtig in der Stadt, oder ist eine Aussicht, daß er von seinem Stuhle gestürzt wird?«

»Das könnt' Euch wohl keiner besser sagen, Herr, als mein Verlobter. Denn er ist des Bürgermeisters geschworener Feind und will dem Evangelium zum Siege verhelfen in Hildesheim.«

»Ach! Herr Christof von Hagen!« rief der Kanzler.

Lucke schaute ihn verblüfft an. »Woher wißt Ihr seinen Namen?«

»Wir hatten viel Ursach' in der letzten Zeit, uns um Hildesheim zu kümmern in der sächsischen Kanzlei«, erwiderte Doktor Brück. »Wahrlich, daß dieser Mann hier in Wittenberg ist, das deucht mich eine Fügung Gottes zu sein, und ich will sogleich zu ihm, damit ich ihm vor seiner Abreise noch mancherlei sage. Es mag ihm bei seinem Vorhaben wohl von Nutzen sein. So möcht' ich Euch geleiten, werte Jungfrau.«

»Ich komme auch mit«, sagte Herr Lukas Cranach und sprang mit großer Lebendigkeit von seinem Sessel empor. »Ich stehe mit Frau Käthe in einem Schweinehandel, denn mir ist in voriger Woche ein fettes Schwein in der Nacht gestorben, und ich brauche ein anderes. Sie zieht die Tiere in großer Zahl auf ihrem Gütlein Züllsdorf und hat eine sehr glückliche Hand dabei.«

Er stülpte sich die Mütze von Otterfell aufs Haupt, legte den Pelzmantel um und ergriff seinen Rohrstock mit einem silbernen Griff, ein Geschenk des Kurfürsten, ohne das er nie auszugehen pflegte. Dann verließen die drei das Haus und schlugen den Weg nach dem Grauen Kloster, dem Wohnhause Luthers, ein.

Dort hatte inzwischen Christof von Hagen eine bedeutungsvolle Stunde erlebt. Er hatte, indem er einem plötzlichen, übermächtigen Drange folgte, den Reformator gebeten, ihm beichten zu dürfen. Er hatte ihm dann alles erzählt und nichts verschwiegen von dem, was er in den letzten Monaten erlebt und erlitten, getan und tun gewollt. Luther hatte dabei manchmal sein Haupt geschüttelt, und als nun die Beichte zu Ende war, sagte er: »Ihr seid ein wunderlicher Christ und seltsamer Heiliger, und zumeist sehen die Leute, die das Evangelium im Lande hin und her verkünden, anders aus. Die Worte ›leiden und dulden‹ stehen nicht in Eurem Katechismus, um so mehr die Worte ›Schwert und Gewalt‹.«

Hagen blickte finster vor sich nieder. »So dünkt es Euch unrecht, Herr Doktor, daß ich meine Braut mit List und Überfall befreit habe aus der Hand meines Feindes?«

»Ach, deshalb tadle ich Euch am wenigsten!« erwiderte Luther. »Der Bürgermeister Wildefüer hat an dem Mädchen gehandelt wie ein rechter Tyrann, denn er hat sie eingesperrt gehalten, als wäre sie eine Übeltäterin. Wie kann er sich da wundern, daß ihre Freunde sie mit Gewalt und List ihm aus den Klauen reißen? Wer Wind säet, wird Sturm ernten. Aber das tadle ich, daß Ihr Euch mit einem Landschaden zusammentut, wie jener Klaus Barner einer ist, und daß Ihr gar ausreitet mit ihm zu einer Gewalttat. Wäret Ihr dabei umgekommen, so wäret Ihr nicht gefallen in Gottes Dienst, sondern in des Teufels Dienst.«

»Es war eine ehrliche Fehde, Herr. Der Barner ist des Herzogs erklärter Feind und hat ihm abgesagt.«

»Ach was!« rief Luther unwillig. »Damit entschuldigt Euch nicht vor Euch selber, lieber Herr. Was ging's Euch an, was diese beiden Wölfe miteinander hatten? Mag dieses Teufelsgesindel sich untereinander zerschlagen und zerfleischen! Wer ein Kind Gottes sein will, der soll die Finger von ihren Händeln lassen. Und uns, die wir Christi Namen verkündigen, ziemt es nicht, teilzuhaben an solchen Dingen.«

»Ich wollte das Beste«, murmelte Hagen, die Augen senkend vor den Blicken Luthers, die ernst und vorwurfsvoll auf ihm lagen. »Ich meinte, würde Heinz von Wolfenbüttel gefangen, so hätte das Evangelium in ganz Niedersachsen freien Lauf.«

»Wurde er aber auf der Landstraße erschlagen, so traf seine Feinde des Reiches Acht und mußte sie treffen, Euch mit. Was wurde dann mit Eurem Vorhaben in Hildesheim, Ihr Hans Ungestüm? Nichts! Ihr kamt wohl gar nicht wieder in die Stadt hinein.«

»Ihr habt recht, Herr Doktor«, erwiderte Hagen niedergeschlagen. »Der Handel hat mich schon längst gereut. Ich erschrak, als ich merkte, daß Klaus Barner dem Herzog nicht nur an die Freiheit, sondern ans Leben wollte. Doch konnte ich da nicht mehr zurück.«

»Das laßt Euch für die Zukunft zur Lehre dienen«, erwiderte Luther. »Das Verbündnis mit Leuten solcher Art muß man von vornherein meiden, denn wer der Bösen Freund wird, der wird gar bald ihr Knecht. Dann mißbrauchen sie ihn zu Bübereien, vor denen er im Herzen erschrickt.«

Er ging einige Male langsam in dem Gemach auf und nieder und blieb dann wieder vor Hagen stehen. »Da Ihr mich zu Eurem Beichtiger gemacht habt und ich also im Namen des lebendigen und heiligen Gottes zu Euch rede,« fuhr er fort, »so muß ich noch eines von Euch fordern.« Er wies auf eine kleine braune Ledertasche, die vor ihm auf dem Tische lag. »Diese Briefe legt Ihr zurück in die Hand dessen, dem sie gehören, ohne daß ein fremdes Auge auf sie fällt.«

»Herr!« fuhr Hagen auf. »Das fordert nicht. Ich gab sie Euch gestern abend, daß Ihr sie lesen solltet. Habt Ihr sie gelesen?«

»Ich habe es getan in der Nacht, da ich nicht schlafen konnte. Nun aber, da Ihr nur gebeichtet habt, wie Ihr dazu gekommen seid, möcht' ich wohl, ich hätte sie nicht gelesen.«

»Warum, Herr Doktor?«

»Weil sie nicht Euch und nicht mir gehören. Ihr habt dem Bürgermeister Wildefüer das Geld und die Kleinodien weggenommen, die Eurer Braut Besitz und Erbe sind. Darob will ich Euch nicht schelten. Aber auf diese Briefe habt Ihr kein Recht, so wenig wie auf jenes Mannes Geld und Gut. Sie sind sein Eigentum, und wer sich an seines Nächsten Eigentum vergreift, der versündigt sich wider Gottes Gebot.«

»Aber Herr Doktor, hat nicht auch der Landgraf von Hessen den Geheimschreiber des Wolfenbüttlers niederwerfen und seiner Briefe berauben lassen? Steht man in Krieg und Fehde mit jemandem, so sind solche Dinge wohl erlaubt. Ich habe die Briefe durch einen Zufall in die Hände bekommen. Als ich sie nahm, wußte ich nicht« –

»Zum ersten«, unterbrach ihn Luther, »richtet Euch nicht nach dem, was der Landgraf tut oder getan hat, sondern nach dem, was Gottes Wort uns gebietet. Stünde der Landgraf vor mir, wie Ihr vor mir steht, und fragte mich: ›Habe ich recht getan?‹, so antwortete ich ihm: ›Unrecht habt Ihr getan, Herr, und Gott wird's Euch nicht ungestraft lassen.‹ Auch in seinem vermaledeiten Ehehandel hätt' ich ihm das gesagt, hätt' er mich nicht mit falschen Angaben belogen. Richtet Euch um Gottes willen nicht nach dem, was die Fürsten und Herren tun! Es werden wenige unter ihnen selig werden, das glaubt mir. Zum andern aber – Ihr bedürft dieser Briefe ja gar nicht mehr. Ist es wahr, daß Euch das Volk von Hildesheim anhängt und täglich mehr zufällt und nach Gottes Wort verlangt, dann überwindet Ihr Euren Feind ja ohnehin. Haltet doch Eure Waffen rein. Deutsche Art ist es, mit blankem Schwerte fechten. Warum wollt Ihr Eure Klinge in Gift eintauchen?«

Hagen hatte sich, während Luther redete, halb von ihm abgewendet und stand in einem schweren Kampfe. Er hatte die Ledertasche mit den Briefen ergriffen und preßte sie zwischen seinen Fäusten, als wolle er sie zerreißen. Seine Brust flog auf und nieder, und sein Atem ging hörbar, aber über seine Lippen kam kein Wort.

Luther betrachtete ihn eine Weile schweigend und fuhr dann in ernstem, aber gütigem Tone fort: »Herr Christof von Hagen, in Eurer Seele kämpft jetzt Gott mit dem Teufel. Und ich bitte Euch an Christi Statt, laßt dem Versucher keine Gewalt über Euch. Ja, Dich bitte ich, lieber Vater im Himmel, laß diesen Menschen den Sieg gewinnen über sich selber, daß er tue, was recht ist vor Dir! Du hast ihn zu Deinem Rüstzeug erwählt. So behüte ihn denn vor des Teufels List und Gewalt, auf daß er nicht abweiche von Deinen Geboten und Dir diene in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die Dir gefällig sind. Um Deines lieben Sohnes Jesu Christi willen, erhöre mein Gebet, Herr, der Du die Herzen der Menschen lenkst wie Wasserbäche!«

Er hatte die Hände gefaltet und das Angesicht zum Himmel emporgerichtet, und seine Stimme hatte einen so starken, vollen Klang und tönte so zwingend und gewaltig, daß Hagen im Innersten erschüttert wurde, und daß sein Trotz und Widerstand zerbrachen. Er wandte ihm sein bleiches, düsteres Antlitz zu, und seine Stimme zitterte merklich, als er sagte: »Haltet ein, Herr! Ich merke wohl, daß Gott durch Euch zu mir redet. Ich hätte mit diesen Briefen den Rat von Hildesheim von dem Bürgermeister abwendig gemacht, denn sie bezeugen, daß er gegen der Stadt Recht und Gesetz gefrevelt und sich heimlich mit Fürsten und Herren verbündet hat zu der Stadt Schaden. Aber Euer Wille geschehe! Sie mögen von der Erde vertilgt werden.« Damit ergriff er das Täschchen und machte eine Bewegung nach dem Ofen hin, in dem ein Holzfeuer lustig prasselte.

Luther jedoch hielt seine Hand zurück und rief: »Gott sei Dank und Preis, daß er Euren Willen zum Guten gelenkt und meinen Worten seinen Segen gegeben hat! Aber nicht verbrennen sollt Ihr diese Briefe, sondern sie dem zurückgeben, dem sie gehören. Glaubt mir, lieber Herr Christof, Ihr werdet damit feurige Kohlen sammeln auf Eures Feindes Haupt. Wer weiß – vielleicht wird er Euer Freund, wenn er sieht, daß Ihr edelmütig an ihm handelt.«

Hagen wollte eben erwidern, daß ihn eine solche Wirkung auf Wildefüers Gemüt sehr unwahrscheinlich dünke, als mehrmals kurz und laut an der Tür gepocht wurde und der Kanzler Brück hereintrat.

»Ei, werter Herr und Freund, Gott zum Gruße!« rief Luther und streckte ihm die Rechte entgegen. »Was verschafft mir die Freude, Euch so früh am Tage bei mir zu sehen?«

»Ich komme heute nicht Eurethalben, lieber Herr Doktor. Ich möchte mit dem Gaste Eures Hauses reden, den ich ja wohl hier vor mir sehe.« Er überflog Hagens Antlitz und Gestalt mit einem kurzen, scharfen Blick und sagte dann: »Ich bin der Kanzler des Kurfürsten von Sachsen. Und Ihr seid, irre ich nicht, der Mann, der in der Stadt Hildesheim die Sache des Evangeliums verficht wider die Tyrannei des Bürgermeisters Wildefüer?«

Hagen war so erstaunt über diese Anrede, daß er es vergaß, sich geziemlich zu verneigen. »Woher kennt mich der Herr?« sagte er endlich.

Der Kanzler lachte. »Ich hörte soeben bei meinem Freunde, dem Bürgermeister Cranach, daß Ihr hier seid, und Euer Name ist mir wohlbekannt. Es sind, wie Ihr ja wohl wißt, zwischen dem Herzog von Wolfenbüttel und den schmalkaldischen Bundesverwandten Irrungen entstanden, die wohl nur noch durch das Schwert können geschlichtet werden. Deshalb halten wir Kundschafter in Hildesheim, um zu erfahren, ob die Stadt wirklich will auf die Seite des Herzogs treten, wie es den Anschein hat. Da haben uns glaubwürdige Leute kundgetan, Ihr hättet einen heimlichen Bund gemacht unter den gemeinen Bürgern und wolltet die Gemeine aufrufen wider den Bürgermeister. Ist es an dem?«

»Es ist an dem«, erwiderte Hagen, und sein Antlitz erglänzte.

»Es wäre uns sehr lieb,« fuhr der Kanzler eifrig fort, »wenn Ihr damit zum Ziele kämet, ehe denn der Streit beginnt. Wir brauchten dann nicht gegen die wohlverwahrte Stadt zu ziehen. Herr, ich will Euch einen Vorschlag machen: In einer Stunde reitet seine Kurfürstliche Gnaden auf die Jagd. Geht eilend mit mir aufs Schloß, daß ich Euch dem Herrn vorstelle. Er wird Euch auf heute abend zum Essen einladen, und dann werden wir über die Sache reden. Ich wette, der Bund wird Euch auch mit Geld unterstützen, so Ihr dessen bedürfet.«

»Ich stehe zu Euren Diensten, Herr Kanzler«, erwiderte Hagen. »Ich muß das, was Ihr mir bietet, als eine große Gnade Gottes erkennen, die mir ganz unverhofft zuteil wird. Und wenn ich morgen früh reite, so komme ich wohl auch noch zur rechten Zeit hin.«

»Gott gebe Euch einen guten Magen, damit Ihr morgen reiten könnt!« sagte Luther mit einem trocknen Lachen. »Nun, einen sauren Hering oder deren zwei halte ich auf alle Fälle für Euch bereit.«

»Ei ei, Herr Doktor! So solltet Ihr nicht reden!« rief der Kanzler und drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.

»Man muß die jungen Leute vor der Saufsucht warnen, wenn sie zu Hofe gehen«, erwiderte Luther. »Sie herrscht an allen Höfen in unsrem lieben Deutschland, sonderlich aber an dem unseren!« Dann ergriff er Hagens Hand und führte ihn ein paar Schritte abseits, und indem er ihm ernst in die Augen blickte, sagte er leise: »Von den Briefen erfährt auch der Kurfürst nichts! Nicht wahr?«

»Nein, Herr Doktor«, entgegnete Hagen fest. »Was ich Euch gelobt habe, das halte ich auch.«

Hans Wildefüer stand am Fenster seiner Bürgermeisterstube im Rathaus und blickte auf den Markt hinunter. Es wurde ihm schwer, die Leute, die da vorübergingen, zu erkennen, denn obwohl es kurz vor Mittag war, lag eine unheimliche Dunkelheit über dem Platze. Im Süden, die Sonne vollständig verhüllend, hatte sich eine riesige Wolkenwand aufgetürmt; es konnte nur noch wenige Minuten dauern, bis der Schneesturm losbrach. Schon pfiffen und heulten einzelne Windstöße, die ihn ankündigten, um das alte Gemäuer, und ein eisigkalter Hauch drang durch die Ritzen der Fenster in das Gemach.

Den Bürgermeister fröstelte, und er schlug den Pelzkragen seines Mantels hoch empor. Er rüstete sich gerade zum Heimgehen, denn sein Werk hier war vollbracht. Wohl drei Stunden lang hatte er mit dem Kämmerer und dem alten Ratsherrn Burchard Meier die Stadtrechnung durchgesehen, die morgen dem neugewählten Rate vorgelegt werden sollte. Alles hatte gestimmt auf Heller und Pfennig, und wegen der zwölftausend Gulden, die in diesem Jahre mehr verausgabt waren als im vorigen, durfte ihn und seine Ratsgesellen niemand schelten. Sie hatten es der Bürgerschaft, zumal den kleinen Leuten, ermöglicht, das schwere Jahr zu überstehen, ohne daß das Gespenst der Hungersnot an ihre Türen klopfte. Nicht schelten würde man ihn darum, sondern loben und preisen. Das hatte schon seine Neuwahl zum Bürgermeister gezeigt, die mit einer großen Mehrheit erfolgt war.

Ja, noch standen die meisten auf seiner Seite, in deren Hand die Ratskürung und die Wahl der Vierundzwanzig lag. Aber so wie früher richteten sich die Herren nicht mehr nach seinem Willen, das hatte er bei dieser Wahl mit Zorn und Kummer erfahren müssen. Denn zu seinem Amtsgenossen hatten sie ihm einen Mann gewählt, den er nicht mochte: Harmen Sprenger. Der war ihm ja gerade in den letzten Monaten wieder mit großer Freundlichkeit begegnet und hatte im Rate stets nach seinem Wunsch und Willen gestimmt. Aber er wußte wohl, daß Sprenger sein geheimer Feind war, und vor allem traute er ihm nicht in dem, was ihm am meisten am Herzen lag. Wie der neugewählte Bürgermeister in Sachen der Religion sich verhalten werde, das war in der Tat schwer vorauszusagen. Er war verwandt mit dem Dompropst und hielt gute Freundschaft mit ihm. Aber er hatte große Angst im Herzen vor der Macht des Schmalkaldischen Bundes und noch viel größere Angst vor dem Unwillen der gemeinen Bürgerschaft. Er mochte wohl nicht, wie einige raunten, der neuen Lehre heimlich zugeneigt sein, aber ein Verlaß war nicht auf ihn. Hinhalten und nachgeben, das war sein drittes Wort, und so sah denn Hans Wildefüer die schwersten Reibereien, Mißhelligkeiten und Kämpfe mit dem voraus, der mit ihm die Geschicke der Stadt in dem kommenden, so bedeutungsvollen Jahre in den Händen halten sollte.

Denn er war entschlossen, in keinem Punkte nachzugeben und keinen Schritt zurückzuweichen. Nein, keinen Schritt! Er hatte Anno zweiunddreißig schon einen Volksaufruhr niedergeschlagen – warum sollte ihm das jetzt nicht wiederum gelingen? Damals hatte die Gemeine in Wehr und Waffen auf dem Markt gestanden und hatte den Rat im Rathause belagert, und die Mehrzahl der damaligen Ratsherren hatte gemeint, nun sei der Sieg der neuen Lehre nicht mehr aufzuhalten und auch mit ihrer Herrschaft sei es Matthäi am letzten. Aber sein eiserner Wille hatte jede Verhandlung mit den Empörern abgelehnt, und da war dem Führer des Volkes der Mut entsunken. Er hatte sich heimlich davongemacht, und über die führerlose Menge war ein wilder Schrecken gekommen. Sie war auseinandergelaufen und hatte sich unterworfen, und das Ende war ein großes Strafgericht gewesen. Der Rat aber hatte fester im Sattel gesessen als je zuvor. – So sollte, so mußte es auch jetzt werden, wenn er nur unerschütterlich fest blieb. Was damals dem Oheim Henning von Hagen nicht gelungen war, das sollte jetzt dem Neffen Christof von Hagen nicht gelingen, so frech auch seine Freunde und Anhänger in der Stadt sich gebärdeten. Das Blut stieg dem Bürgermeister in die Stirn, wenn er daran dachte, daß die Majorisbäuerschaft den aus der Stadt Verbannten zu ihrem Sprecher erwählt hatte auf dieses Jahr. Auch eine strenge Mahnung des Rates, einen anderen zu wählen, hatten die Bürger unbeachtet gelassen. Sollten sie Christof von Hagen nicht haben, so wollten sie gar keinen haben, hatten sie dem Rate erwidert und trotzig hinzugefügt, der Platz solle offen bleiben bis zum neunundzwanzigsten April, da wollten sie eine Nachwahl vornehmen. Das war der Tag, an dem Hagen wieder in Hildesheim einreiten durfte. Nun, es gab vielleicht Mittel und Wege, den Patron und Abgott des gemeinen Mannes auf immer aus der Stadt auszuschließen und so durch alle Hoffnungen und Berechnungen seiner Freunde einen dicken Strich zu machen. Wurde Klaus Barner geächtet, so traf ihn dasselbe Schicksal, und dann konnte ihm der Rat die Heimkehr einfach verbieten.

In solche Gedanken verloren, griff der Bürgermeister nach seiner Mütze und wollte das Gemach verlassen, als sich plötzlich die Tür öffnete und sein Schwiegersohn Tilo Brandis hereintrat.

Hans Wildefüer erkannte auf der Stelle, daß seinem Eidam etwas Absonderliches zugestoßen war. Seine Bewegungen waren hastiger als gewöhnlich, und sein Gesicht, das sonst von Ruhe, Würde und Behaglichkeit erglänzte, zeigte den Ausdruck der Unruhe und Aufgeregtheit.

»Was ist dir denn, Tilo?« rief ihm Wildefüer entgegen. »Ist daheim etwas Übles geschehen? Frau oder Kinder krank geworden?«

Brandis nahm den Hut vom Kopfe, stampfte mit den Füßen auf, um den Schnee von seinen Stiefeln zu schütteln, und ließ sich dann auf einen Stuhl niederfallen. »Erlaubt, Vater, daß ich mich setze!« sagte er mit einem tiefen Atemzuge.

Der Bürgermeister betrachtete ihn verwundert und erschrocken. So hatte er ihn noch nie gesehen. Es konnte nichts Kleines sein, was ihn so aus der Fassung gebracht hatte.

»Ist etwas mit Gesche?« fragte er zögernd.

Brandis schüttelte den Kopf. »Ich komme nicht von daheim, Vater. Ich war in der Neustadt wohl an die drei Stunden.«

»In der Neustadt?« wiederholte Wildefüer erstaunt. »Was hattest du denn dort zu tun? Stehst du im Pferdehandel mit Kurt Brabänder, und hat er dich betrogen?«

»Nein, Vater«, erwiderte der Ratsherr. »Ich handle nicht mehr mit Kurt Brabänder. Ich war von einer Frau in die Neustadt bestellt.«

Er atmete wieder so tief, daß es wie ein Seufzer klang, und es stieg in Wildefüers Seele ein Verdacht auf, der ihm Brandis gegenüber bis jetzt vollkommen ferngelegen. Aber das wunderliche Gebaren seines Eidams brachte ihn darauf, und er, der welt- und menschenkundige Mann, mußte sich sagen, daß sein Schwiegersohn auch nicht besser sein mochte als anderer Leute Söhne und Schwiegersöhne, und daß er vielleicht dasselbe getan hatte, was so viele andere schon getan hatten. Wahrscheinlich hatte ihn eines Weibes freundliches Entgegenkommen vom Pfade der Tugend hinweggelockt, er hatte Übles dabei erfahren und kam nun, es ihm zu beichten, ehe er's von anderen erführe. Etwas Unerhörtes war das nun freilich nicht, es kam vielmehr fast jedes Jahr vor in den Kreisen der reichen und vornehmen Stadtfamilien. Von den Höfen der Fürsten her, der weltlichen und leider auch der geistlichen, hatte sich die leichtfertige Auffassung der ehelichen Treue überallhin verbreitet. Manchmal führten die üblen Vorkommnisse, die daraus entstanden, zu bösen Dingen, zu Gewalttat und Totschlag. Meist aber drückten die betrogenen Ehemänner ein Auge oder auch beide Augen zu und wußten wohl, warum sie es taten, und dann kam es nur zu Spott und häßlicher Nachrede, und nach einiger Zeit wuchs Gras darüber. Da nun sein Eidam heil und unversehrt vor ihm saß und offenbar aus keinem Raufhandel kam, so meinte der Bürgermeister, auch in diesem Falle werde wohl die Sache so verlaufen. Trotzdem überkam ihn ein schwerer Ärger, denn er hatte seinem Schwiegersohn wohl zugetraut, daß er zehn Bratwürste auf einmal essen und dazu zehn Krüge Einbecker Bier auf einmal trinken könne und sich deshalb in der Stadt werde bereden lassen, nimmermehr aber, daß er einem verliebten Weibe wie ein verliebter Gimpel auf die Leimrute gehen werde. Ihm selber waren solche Dinge zeit seines Lebens ein Greuel gewesen, und seine Tochter, die nun mit in der Leute Mäuler kam, tat ihm herzlich leid.

So warf er denn die Pelzmütze, die er in der Hand hielt, mit einer heftigen Gebärde auf den Tisch, und seine Stimme klang sehr scharf, als er nun fragte: »Wer ist das Weib?«

»Ihr kennt sie gar wohl, Vater, und ich weiß, daß Ihr sie nicht schätzt«, erwiderte Brandis. »Es ist Frau Hedwig Plate, des Bürgermeisters Plates Ehefrau.«

»Was?« rief Wildefüer und fuhr zurück. Dann brach er in ein rauhes Gelächter aus. »Die Platensche? Der Apostel im Unterrock? Die Verkünderin des reinen Evangeliums? Die Schülerin des heiligen Martinus von Wittenberg? Die bestellt sich Ehemänner in ihr Haus? Und du läufst dieser verrückten Ziege auch wirklich in ihren Stall? Du? Ist denn die ganze Welt zum Narrenhaus geworden?«

Tilo Brandis hatte sich, während sein Schwiegervater sprach, auf seinem Sitze aufgerichtet und blickte ihn noch verwunderter an, als der Bürgermeister ihn vorher angeblickt hatte. Dann ging ihm ein großes Licht auf, und er zog seinen Mund so in die Breite, daß Wildefüer plötzlich abbrach und barschen Tones sagte: »Was lachst du? Was ist da für dich zu lachen?«

»Es muß mir wohl zu lachen vergönnt sein, Vater, wenn ich sehe, daß Ihr auf einem solchen Holzweg fahret.«

»Holzweg? Wieso? Du sagst, ein Weib habe dich in die Neustadt bestellt« –

»Das hat sie auch«, nickte Brandis.

»Und dann kommst du erregt und ganz verstört und sagst, du wärest wohl an die drei Stunden bei ihr gewesen.«

»Da habt Ihr Euch verhört, Vater. Drei Stunden bin ich in der Neustadt gewesen, aber nicht bei ihr. Zum wenigsten nicht allein mit ihr. Die meiste Zeit war noch ein andrer dabei.«

»Was soll das heißen? Was ist eigentlich geschehen? Ich verstehe dich nicht!« rief Wildefüer unwirsch. »Wer war dabei? Etwa Eberhard Plate, ihr Ehemann?«

»Nein, Vater, ein ganz anderer: Christof von Hagen.«

Dem Bürgermeister stockte einen Augenblick der Herzschlag. Jetzt also kam's, was er lange erwartet hatte. Jetzt begann der Angriff seines Feindes; er schien ja geschickt genug eingefädelt. Und er, Hans Wildefüer, mußte tun, was er sein Lebtag verabscheut hatte, er mußte lügen, mußte mit einer Lüge den feindlichen Pfeil von sich abwehren.

Zunächst erwiderte er gar nichts. Dann sagte er mit einer Stimme, die gleichgültig klingen sollte, aber hohl und blechern klang: »So, die Neustädter beherbergen ihn also wieder. Ein sauberes Konsortium, das nicht hält, was es verspricht!«

»Nein, sie beherbergen ihn nicht. Er reitet nur zuweilen in die Neustadt ein. Das können sie ihm nicht weigern.«

Wildefüer blickte seinen Eidam finster an. »Und du? Wie kommst du zu ihm? Wie kommt er zu dir? Stehst du ihm nahe?«

»Wir alle standen ihm ja einstmals nahe, auch Ihr, Vater. Jetzt habt Ihr ihm eine Unterredung abgeschlagen, die er von Euch erbeten hatte vor etlichen Tagen.«

»Ja, die habe ich ihm abgeschlagen«, sagte der Bürgermeister, und mit schneidender Schärfe fügte er hinzu: »Mit einem, der seinen Glauben verleugnet, mit einem, der in der gemeinen Bürgerschaft hetzt und wühlt, mit einem, der mir Feindschaft angesagt hat auf Leben und Tod – mit solch einem Menschen unterrede ich mich nicht.«

In den Zügen des Ratsherrn war deutlich zu lesen, daß er die schroffe Haltung seines Schwiegervaters nicht billigte, aber er erwiderte kurz: »Das ist Eure Sache, Vater. Hagen aber hat mich rufen lassen an Eurer Statt, da er durch einen ganz sicheren Mann etwas in Eure Hände zurücklegen wollte, was Euch, wie er sagte, zugehört. Hier ist es.«

Er nahm aus der Tasche seines Mantels ein kleines, vielfach versiegeltes Paket und reichte es dem Bürgermeister hin. Wildefüer nahm es erstaunt in Empfang; er erwartete, es werde wohl ein Absagebrief oder eine Anklage und Schmähschrift wider ihn enthalten, worüber er sich nicht sonderlich aufgeregt hätte. Aber als er die Siegel gelöst und den Inhalt erkannt hatte, ward er abwechselnd blaß und rot, und eine solche Erregtheit überkam ihn, daß seine Knie zitterten, und daß er auf den nächsten Stuhl niedersank. In der kleinen braunen Ledertasche, die ihm entwendet war, lagen alle Briefe des Wolfenbüttler Herzogs an ihn. Mit fliegender Hast zählte er sie durch; es fehlte nicht einer. Zu unterst aber lag ein Zettel, auf dem stand geschrieben: »Es hat diese Briefe niemand gesehen als Doktor Luther und ich. Auf Doktor Luthers Rat und nach seinem Willen gebe ich sie Euch zurück und werde Euch vor den Leuten niemals daran mahnen. Christof von Hagen.«

Wildefüer starrte auf das Blatt nieder, als begriffe er nicht, was er las. Er verstand es in der Tat nicht. Daß einer gegen seinen Feind so handelte, war etwas ganz Ungewöhnliches, ja, es war etwas Unerhörtes. Auf nichts war er weniger gefaßt gewesen, hatte gar nicht daran gedacht, daß so etwas geschehen könne. Wie kam der Ketzer von Wittenberg dazu, seinem Jünger derartiges anzuraten? Und warum gab Hagen das aus der Hand, was doch für ihn eine furchtbare Waffe werden konnte? Er fand auf keine dieser Fragen eine Antwort.

Tilo Brandis betrachtete ihn, während er so dasaß, mit Neugier und Teilnahme, und als ihm das Schweigen gar zu lange erschien, fragte er endlich: »Darf man wissen, Vater, welche Botschaft Hagen Euch gesandt hat?«

»Du weißt es nicht?«

»Kein Sterbenswörtchen. Er sagte, nur Ihr hättet das Recht, zu sehen, was darin wäre.«

Wildefüer barg das Päckchen in seiner Tasche und erwiderte: »Hagen hat mir etwas zurückgegeben, was mir geraubt war. Warum er das getan hat, weiß ich nicht, schwerlich aus bloßem Edelmut. Es muß mich fast bedünken, als wolle er sich mir nähern und suche die Versöhnung mit mir.«

Brandts stand schnell von seinem Stuhle auf und setzte sich ebenso schnell wieder. »Das hätt' ich nicht erwartet. Gerade jetzt am wenigsten.«

»Warum gerade jetzt nicht?«

»Weil er seines Sieges sehr sicher war. Ich sagte ihm: ›Vor Ende April kannst du ja nicht in die Stadt kommen.‹ Da sagte er darauf: ›Ist's nicht not, so komme ich nicht eher wieder, als bis meine Zeit abgelaufen ist. Sollt' es aber nötig sein, daß ich komme, so vermag ich das jeden Tag, und kein Mensch kann mich daran hindern, es stünde denn der Kaiser mit einem Heere in der Stadt. Käme ich nach Hildesheim, und wollte einer Hand an mich legen, so schützte mich die gemeine Bürgerschaft mit Gewalt. Was meinst du, Tilo, wie viele mir schon anhangen? Es sind über achthundert Männer jetzt, und ihrer werden täglich mehr.‹«

»Großmaul!« warf der Bürgermeister ein.

»Ich acht', Vater, er könnte wohl recht haben. Als ich ihm zur Antwort gab, daran glaube ich nicht, da rief er: ›So nimm mein Wort und meinen Eid!‹ Leichtfertig schwören, Vater, war Christof Hagens Sache nie.«

»Gleichviel«, erwiderte Wildefüer. »Ich habe schon einmal eine Rebellion gedämpft; ich werde sie zum zweiten Male dämpfen.«

»Wenn Ihr Euch nur nicht täuscht, Vater! Seitdem sind acht, neun Jahre herum, und die Welt ist anders geworden. Streckt Euch Christof Hagen die Hand entgegen zur Versöhnung, dann tät' ich sie ergreifen an Eurer Stelle. Wer weiß, was damit vermieden wird!«

Der Bürgermeister blickte ihn starr an. »Meinst du, daß Hagen wieder umkehren wird zu unserer Religion?«

»Nein!«

»Meinst du, daß er seinen Plan aufgeben wird, Hildesheim aus einer christkatholischen Stadt zu einer lutherischen Stadt zu machen?«

»Nein!«

»Wie könnt' ich also seine Hand ergreifen? Wir sind geschieden in Ewigkeit.«

»Wenn Ihr denn seine Hand nicht ergreifen könnt, so nehmt ihm wenigstens, ehe er wiederkommt, den Wind aus seinen Segeln.«

»Wie meinst du das?«

Brandis rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her und sagte dann mit plötzlicher Entschlossenheit: »Ich meine das, was ich Euch schon einmal riet, Vater. Gebt in etwas nach, damit Ihr nicht alles verliert. Ihr seid der beste Mann in der Stadt. Ihr überragt alle Eure Feinde, auch Christof Hagen ist nichts gegen Euch. Aber gegen Heere kann kein einzelner Mann widerstehen, auch der Stärkste nicht. Und Ihr seid ein einzelner Mann, Vater. Auf wen baut Ihr? Auf den Kaiser? Den halten die Türken und Franzosen vom Reiche fern. Auf den Wolfenbüttler? Der ist den Schmalkaldnern an Macht unterlegen. Seine eigne Ritterschaft ist ihm feind, und seine Untertanen hassen ihn, und er ist allenthalben übel berüchtigt. Die Leute sagen, er habe die großen Brände anlegen lassen zu Einbeck und in Sachsen« –

»Genug!« rief Wildefüer gebieterisch. »Was das dumme Volk schwatzt, das solltest du nicht in den Mund nehmen.« Insgeheim wunderte er sich über seinen Schwiegersohn. Er hatte Tilo Brandis bis vor wenigen Wochen als einen guten, aber ziemlich unbedeutenden Menschen angesehen, weil er gegen ihn niemals eine eigene Meinung geäußert hatte, überaus gern gut aß und trank und seiner Frau mehr den Willen ließ, als ihr eigener Vater billigen konnte, wenn sie ihn nur in der Behaglichkeit des Lebens nicht störte. Aber schon am Weihnachtsabend hatte er erfahren, daß der Ratsherr doch seine eigenen Gedanken hatte, und das, was er über den Kaiser und Heinrich von Wolfenbüttel sagte, berührte ihn bitter, denn es lag nur allzuviel Wahrheit darin. Der Gedanke hatte ihn heimlich schon oft gepeinigt: Wie wird sich die braunschweigische Landschaft verhalten, wenn es zum Kriege kommt? Er war der Frage immer wieder aus dem Wege gegangen – jetzt gab der viel jüngere Mann eine Antwort darauf, die ihn geradezu vor den Kopf stieß.

Er sollte sich noch mehr verwundern, denn Tilo Brandis ließ sich durch seine barsche Zurückweisung gar nicht einschüchtern, sondern fuhr ernst und eindringlich zu reden fort: »Ihr meint, Vater, wenn Hagen zum Siege kommt, so geht in Hildesheim alles drunter und drüber, und es kommt zum Umsturz der Gewalten, die jetzt Macht haben? Ihr habt recht mit solcher Meinung, ich habe sie auch. So sorgt denn, daß er nicht zum Siege gelangt! Gebt den Leuten ein paar Kirchen frei und laßt sie dort singen und beten und Predigten hören, wie es ihnen gefällt. Tut Ihr das, so bleibt alles ruhig, und kein Mensch erhebt die Hand wider Euch und den Rat. Ich habe Euch das schon einmal geraten, heute rat' ich's Euch noch einmal.«

»Und ich habe dir darauf erwidert, daß solches aus zwei Gründen für mich nicht möglich ist. Ich kenne das Volk und weiß, daß man seine Begehrlichkeit nicht stillt, sondern nur immer steigert, wenn man seinen Wünschen nachgibt. Vor allem aber muß ich meiner Seelen Seligkeit bedenken.

An irdischen Dingen, an Ehre und Herrschaft und Macht und Geld liegt mir fast gar nichts mehr, denn was können sie mir nützen? Ich bin einsam, werde auch einsam bleiben, bis ich abscheide, was wohl nicht mehr fern ist. Ich freue mich meiner Kinder, aber sie sind groß und brauchen mich nicht mehr und gehen ihre eigenen Wege. Mein Weib ist tot, alle meine alten Freunde sind dahin. Von denen, die meine Gespielen waren in der Kindheit und meine guten Gesellen in der Jugendzeit, lebt keiner mehr. Wenn ich allein bin, so denke ich fast nur an Tote und unterrede mich in meinen Gedanken mit den Toten. Keinen Augenblick täte es mir leid, wenn ich abscheiden müßte von der Welt, denn sie wird mir mit jedem Tage fremder. Ich habe es auch im Gefühl, daß ich nicht mehr lange hier sein werde, und es redet mir das keiner aus. Wer so dasteht, lieber Tilo, der fragt nur noch nach einem, nämlich nach dem, was er als Gottes Willen erkannt hat. Darum gib dir hinfüro keine Mühe, mich zu bewegen zum Nachgeben gegen die Feinde des Glaubens. Was da auch einer zu mir spricht, ist alles vergeblich geredet. Wenn ich tot bin, mögen sie tun, was sie wollen; solange ich aber lebe, wird in Hildesheim keine Kirche lutherisch.«

Damit nickte er ihm freundlich zu, legte die Hand leicht auf seine Schulter und schritt dann eilig und ohne sich umzusehen, aus dem Gemach. Der Ratsherr saß noch lange auf seinem Stuhle, versunken in schwere und düstere Gedanken, und als er endlich das Rathaus verließ, standen ihm Tränen in den Augen. Ja, hier war alles vergeblich. Wer die Gesetze seines Tuns und Handelns einer anderen Welt entnahm, dem konnte man nicht mit Gründen der Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit kommen. So gingen denn die Wogen, die heranbrausen mußten, entweder über dieses Mannes Leiche hin, oder es geschah, wie vor acht Jahren, ein Wunder, und sie zerschellten an seiner eisernen Gestalt. Aber dem ruhigen und nüchternen Sinne des Ratsherrn Tilo Brandis erschien es unwahrscheinlich, daß ein Wunder geschehen werde. –

Unterdessen war der Bürgermeister seinem Hause zugeschritten. Der Schneesturm war schon vorüber. Er hatte nur kurz, aber heftig getobt und große Schneemassen herniedergeworfen. Hohe Wehen lagen da und dort auf Markt und Straßen, eine der höchsten vor dem Wildefüerschen Hause. Aber sie war von Rossehufen niedergestampft. Es war deutlich zu sehen, daß hier noch vor wenigen Minuten mehrere starke Gäule gestanden hatten.

»Ist jemand gekommen?« rief er dem alten Valentin zu, der eben das Hoftor schließen wollte.

»Ja, Herr. Unser junger Herr ist wiedergekommen.«

»Mein Sohn Jost?«

»Ja, Herr, und er sieht gut aus. So einen langen Bart hat er.«

Wildefüer lächelte, aber er wurde gleich wieder ernst, als er ins Haus trat. Was hatte Josts Heimkehr zu bedeuten? Es war ihm seltsam ergangen mit diesem Sohne. Als junger Mann war er auf der Hochschule gewesen, um die Rechte zu studieren, war aber bald zurückgekommen und hatte erklärt, daß die Wissenschaften nichts für ihn seien und er ohne sie leben wolle, wie andre Hildesheimer Bürgersöhne auch. Dann hat er die hübsche und reiche Leveke Brandis geheiratet, und es war eine Hochzeit gewesen, von der man noch lange in Hildesheim sprach, so glanzvoll und üppig war sie gefeiert worden. Aber als er zwei oder drei Jahre mit seinem Weibe zusammengelebt hatte, da war die Unrast über ihn gekommen wie ein Fieber, das sich nicht bändigen ließ. Es litt ihn nicht daheim, er wollte fort, wollte doch noch studieren, nachholen, was er versäumt hatte. Er war ein stiller Mensch und fraß seinen Kummer und seine Sehnsucht lange in sich hinein, bis seiner Mutter sein gedrücktes Wesen auffiel und sie ihn durch freundliches Zureden dahin brachte, sich zu offenbaren. Da gab es viele Tränen seines Weibes und vieles Widerreden und Widerraten von allen Seiten, aber es half alles nichts. Sogar die junge Frau Leveke mußte schließlich einsehen, daß gegen diese Krankheit nichts zu machen sei und ihr Mann nur gesunden werde, wenn man ihm den Willen ließ. So nahm er denn Urlaub und zog in die Fremde, zuerst auf eine hohe Schule in Welschland, dann nach Ingolstadt. Jung genug war er ja auch noch zum Lernen und Studieren, denn er zählte, als er davonritt, noch nicht sechsundzwanzig Lenze. Seitdem aber waren erst anderthalb Jahre verflossen. Was hatte ihn heimgetrieben, mitten im Winter? War ihm sein Studium wieder leid geworden, wie schon früher?

»Wo ist mein Sohn?« fragte Wildefüer die Magd, die den Tisch zum Essen bereitete.

»Unser junger Herr ist oben in der Stube, wo unsre selige Frau gestorben ist.«

Schneller, als es seine Gewohnheit war, stieg der Bürgermeister die Treppe hinauf und öffnete mit raschem Griff die Tür des Zimmers, das außer ihm selbst niemand mehr betreten durfte. Da sah er seinen Sohn auf den Knien liegen, anscheinend in ein Gebet versunken. Er kniete vor einem Bilde Frau Mettes, das vor zwanzig Jahren ein berühmter Nürnberger Maler verfertigt hatte, und das sie darstellte im blühenden Alter von achtundzwanzig Jahren.

Bei diesem Anblick waren in Hans Wildefüers Seele alle Fragen und Bedenken, die er gegen seinen Sohn auf dem Herzen hatte, mit einem Male versunken. »Jost!« rief er laut und breitete ihm seine Arme entgegen.

Sein Sohn sprang sofort empor und warf sich an des Vaters Brust. Lange hielten die beiden Männer schweigend einander umschlungen.

Endlich sagte der Bürgermeister trübe: »Ja, es ist anders geworden bei uns, als es war bei deiner Ausfahrt. Du findest sie nicht mehr, nur ihr Grab.«

»Dahin wird mein erster Gang sein in der Heimat«, erwiderte Jost Wildefüer.

»Und dein Weib?«

»Sie ist nicht hier, ist seit Wochen in Hannover bei ihrer Muhme. Wißt Ihr das nicht?«

»Nein, sie hat nicht viel nach mir gefragt; seitdem du fort warst, war sie auch zumeist bei ihren Gefreundeten in Hannover.«

»Ich reite morgen hinüber, wenn der Schneefall nicht ärger wird. Heute, Vater, bleibe ich bei Euch.«

»Und was führt dich heim, Jost, mitten im Winter? Bist du des Studiums überdrüssig? Kannst du es nicht mehr in der Fremde aushalten?«

»Nein, Vater. Mich führt ein absonderlicher Auftrag hierher. Der Kanzler des Bayernherzogs hatte in Erfahrung gebracht, daß ich unter den Scholaren in Ingolstadt sei. Da ließ er mich heimlich zu sich rufen und bat mich, zu Euch zu reiten und Euch eine geheime Botschaft von ihm auszurichten.«

»Junge!« rief Wildefüer mit blitzenden Augen, »das ist für mich eine große und willkommene Nachricht. Wo hast du den Brief? Gib ihn her!«

»Der Kanzler hat mir nichts Schriftliches gegeben, sagte, die Wege seien so unsicher im Reiche, absonderlich in unsern Landen, daß leicht ein Schreiben in unrechte Hände fallen könnte. Und was ich erlebt habe, das hat ihm recht gegeben. Vor Goslar ward ich angefallen von Rettern des Wolfenbüttler Herzogs. Die durchsuchten mich aufs genaueste, aber als sie nichts fanden und hörten, wer ich wäre, da ließ mich der Ritter ziehen, der sie befehligte. Aber die Goslaer Kaufleute, mit denen ich ritt, haben sie abgeführt.«

Des Bürgermeisters Gesicht wurde während der Worte seines Sohnes immer finsterer, und seine Augen sprühten. »Der tolle, rasende, wahnsinnige Mensch wird uns noch alle ins Unglück bringen!« rief er. »Er hört nicht auf, Gewalttat zu üben, und wird am Ende den Kaiser so wider sich aufbringen, daß ihn dieser muß fallen lassen!«

»Das eben ist es, Vater, was der bayrische Kanzler befürchtet. Er läßt Euch bitten, den Herzog zu ermahnen, daß er endlich Goslar in Ruhe läßt. Der Bayernherzog ist geneigt, ihm zu helfen wider die Schmalkaldner. Aber Ihr sollt ihm sagen, daß solches nur möglich sei, wenn er von aller Gewalttat auf der Straße abstehe. Der Wittenberger hat ein Buch ausgehen lassen gegen Heinz von Wolfenbüttel, den er Hans Worst nennt. Das ist dem Bayernherzog arg in die Nase gefahren. Der Wittenberger sei zwar ein Ketzer, hat er gesagt, aber was er gegen den Wolfenbüttler vorbringe, das sei wahr und schände ihn bei jedermann, und wenn er nun gar fortfahre, trotz aller kaiserlichen Abmahnungen, Glieder des Reiches zu bedrängen, so könne ihm der Bayernherzog nicht helfen um seiner fürstlichen Ehre willen und werde keinen Finger für ihn regen.«

»Zum Teufel!« rief der Bürgermeister. »Bedenkt Bayern denn nicht, was auf dem Spiele steht für unsre Religion? Ich, das weiß Gott, regte auch für den Herzog keinen Finger mehr, wenn ich nicht wüßte, daß sein Sturz den Sieg der Lutherei in ganz Niedersachsen bedeutet!«

Jost Wildefüer zuckte die Achseln. »Herzog Stephan sieht nicht so weit wie Ihr, Vater. Sein Kanzler läßt Euch sagen, Ihr müßtet dem Herzog kund und zu wissen tun, daß jede weitere Gewalttat gegen Goslar ihn Bayerns Hilfe koste. Das sei seines Herrn Wille und Meinung bei seinem Eid.«

Der Bürgermeister stand in hoher Erregung mit geballten Fäusten und Verwünschungen murmelnd. Dann sagte er: »Ich werde zu ihm reiten und bringe ihn vielleicht zur Vernunft. Ach, wenn du wüßtest, mein Sohn, was ich mit diesem wilden Wolf schon durchgemacht habe, und was ich auf mich genommen habe um seinetwillen, du würdest es kaum glauben. Der Krieg mit den Schmalkaldnern wäre auch zu vermeiden gewesen ohne seine Halsstarrigkeit und Wildheit.«

»Es wird ein schwerer Handel werden, Vater, nicht?«

»Sicherlich!«

»Und hofft Ihr, daß der Herzog ihm widerstehen kann?«

»Das hoffe ich. Sie haben zwar viel Kriegsvolk, aber zwei Häupter, die einander nicht grün sind, und von denen jedes etwas anderes will. Ob wir ihnen im Felde widerstehen können, weiß ich noch nicht. Aber wenn sie vor Wolfenbüttel oder Hildesheim rücken, so werden ihre Fähnlein und Rotten gar bald wieder auseinanderlaufen!«

»Vor Hildesheim? Könnte das werden?«

»Ich denke, ich werde die Stadt beim Bunde mit dem Herzog halten können. Dann kann es wohl dahin kommen, daß sie belagert wird.«

»Und wann meint Ihr, Vater, wird dieser Krieg anheben?«

»Vor Anfang des Sommers schwerlich. Dann aber gewißlich.«

»So werde ich gegen Ostern hier sein und Euch zur Seite stehen. Wenn solches meiner Stadt droht, so werfe ich die Bücher in die Ecke und habe in der Fremde nichts mehr zu suchen.«

Der Bürgermeister nickte und schaute seinem Sohn freundlich ins Gesicht. Sein Herz erwärmte sich immer mehr für ihn, denn er schien ihm gegen früher ganz verwandelt. Das fahrige, unstete Wesen, das einst an ihm wahrzunehmen war, und das er immer beklagt hatte, schien verschwunden und einer kraftvollen Sicherheit gewichen zu sein.

»Du hältst fest an dem Glauben unsrer alten heiligen Kirche, Jost?« fragte er plötzlich ganz unvermittelt.

»Ja, Vater, ganz und gar!« erwiderte der junge Mann. »Mich soll keiner abtrünnig machen.«

Da ergriff Hans Wildefüer seines Sohnes beide Hände und rief laut: »So danke ich Gott, denn ein großer Wunsch meines Lebens ist mir erfüllt. Meine Kinder werden in meinen Wegen wandeln. Sei mir gegrüßt und willkommen daheim! Laut kann ich nicht mehr jubeln und mich freuen um deretwillen« – er wies auf das Bild an der Wand – »aber der heutige Tag soll mir ein Feiertag sein.«

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