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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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Der Christabend dämmerte über Hildesheim herauf. Ein wundervoller, klarer Wintertag war ihm vorausgegangen, aber noch vor Sonnenuntergang hatte sich der Himmel mit weißen Wolken überzogen, und dünne, nadelartige Schneeflocken wirbelten hernieder und stiebten in dem scharfen Winde, der sich aus dem Osten aufgemacht hatte, um die Dächer. Es schien ein kaltes und weißes Weihnachten zu werden, so wie es die Bürger der alten Stadt von jeher gern gehabt hatten.

Frau Gesche Brandis saß auf der stark geheizten Diele ihres Hauses wie eine Glucke unter ihren Küchlein. Den Kleinsten ihrer Schar hatte sie auf dem Schoße; er schlief, indem er nach seiner Gewohnheit den Daumen der linken Hand in den Mund gesteckt hatte. Die drei Größeren hatten sich dicht an die Mutter gedrängt, die ihnen mit halblauter, geheimnisvoller Stimme Geschichten erzählte, Sagen und Schwänke und Märchen aus der Stadt und der Umgegend. Im Hintergrund stand eine Krippe, die nachher angezündet werden sollte. Wenn ihre Lichter brannten und die Kinder ihre Geschenke erhalten hatten, dann erschienen die heiligen drei Könige mit dem bösen Herodes, verkleidete junge Leute, die von Haus zu Haus gingen, ihre Lieder sangen und mit kleinen Geldstücken, Kuchen und Äpfeln beschenkt wurden. Waren sie gegangen, so setzte man sich zu einem Festmahle nieder, wobei es Fisch und Braten und dann Zuckerwerk und Kuchen gab, wovon die Kinder essen durften, soviel sie wollten. Merkwürdigerweise wurde selten einer krank davon, denn die Magen der jungen Hildesheimer waren zumeist so gesund und leistungsfähig wie die der Enten. So wurde der Weihnachtsabend seit uralten Zeiten in den guten Bürgerhäusern der Stadt gefeiert, so sollte er auch heute im Brandisschen Hause gefeiert werden. Leicht wurde das freilich Frau Gesche nicht. Während sie in der Dämmerung ihren Kindern erzählte, bebte ihr manchmal die Stimme, und es stieg ihr heiß in die Augen. Denn es war der erste Weihnachtsabend ihres Lebens, an dem ihre Mutter fehlte. In den letzten Jahren waren beide Eltern am Weihnachtsabend in ihr Haus gekommen, um sich an der Freude der kleinen Enkel zu erfreuen, hatten dann mit ihnen gegessen und waren erst spät heimgegangen. Heute hatte ihr der Vater durch die alte Trine sagen lassen, er könne es nicht über sich gewinnen, an diesem Abend zu ihr zu kommen. Sie werde das wohl verstehen und ihm nicht übelnehmen. Darüber hatte sie bittere Tränen vergossen, denn ihr Vater tat ihr so leid, und ihren Kindern wurde, wenn er nicht kam, eine große Freude verdorben. Sie liebten den Großvater zärtlich, einer wie der andre, und brannten darauf, sich ihm in den neuen bunten Mützen und Wämsern zu zeigen, die sie sich gewünscht hatten und gleich am Abend noch anziehen wollten. So war denn Herr Tilo Brandis gegen Abend selbst nach der Almstraße gegangen, um seinen Schwiegervater umzustimmen und womöglich mitzubringen. Aber es wurde fast schon dunkel, und er war noch nicht zurück.

Frau Gesche sah ihren Vorrat an sinnigen Sagen und Märchen bald erschöpft und mußte dazu übergehen, sie durch gröbere Schwanke zu ersetzen. Dabei machte sie die betrübende Erfahrung, daß diese ihrer Nachkommenschaft weit besser gefielen als jene. Großes Entzücken erregte die Geschichte vom Teufel, der in der Domschenke der Seele eines frommen Mönches nachstellte, aber durch den guten Wein so betrunken und weich gestimmt wurde, daß er den Seelenfang aufgab und durchs Fenster von dannen fuhr. Die Knaben beschlossen, gleich morgen hinzugehen und nachzusehen, ob die Kanne mit seinen eingedrückten fünf Krallen noch vorhanden wäre. Noch höher stieg ihr Vergnügen, als sie ihnen die Geschichte von den klugen und tapferen Leuten zu Peine erzählte, die mit Harnischen und Spießen gegen einen Uhu auszogen und zuletzt gar noch eine ganze Scheune in Brand aufgehen ließen, um das furchtbare Tier zu vertreiben. Auf das Gemüt ihres Ältesten hatte dieser Schwank die Wirkung, daß er allsogleich beschloß, den Vetter Christian damit zu foppen und aufzuziehen, wenn er wieder einmal aus Peine nach der Stadt hereinkäme. Sie war eben im Begriff, ihm das zu verweisen, als endlich die Tür sich öffnete und ihr Mann auf der Schwelle erschien.

»Kommt er?« schrien die drei jungen Brandisse wie aus einem Munde und stürzten auf ihn zu.

»Er kommt. In einer halben Stunde ist er da«, erwiderte der Ratsherr und schüttelte sich, denn sein Pelzmantel war von kleinen glitzernden Schneeflocken über und über besät.

Sofort lagen die Buben auf dem Fußboden, wälzten sich vor Vergnügen, jauchzten und pufften einander und grölten: »Er kommt! Der Großvater kommt!«

»Es ist gut, daß ihre eure neuen Hosen noch nicht anhabt«, sagte Tilo Brandis lachend. Insgeheim aber wunderte er sich, wie schon so manchmal, über den Zauber, den der Schwiegervater auf die Gemüter seiner Söhne ausübte. »Ich bin ihnen doch ein guter Vater«, dachte er, nicht ohne eine kleine Bitterkeit im Herzen, »ich gebe ihnen alles, was sie haben wollen, und strafe sie nur, wenn's ganz notwendig ist. Aber ich möchte wohl wissen, ob sie meinethalben auch so schreien und sich wälzen würden. Wunderlich, was ihnen an diesem düsteren Manne so gefällt! Es ist mit den Kindern wohl wie mit den Weibern. Wo ihre Liebe hinfällt, da fällt sie hin, und niemand kann begreifen, warum sie sich gerade dem Gegenstand zuwenden und keinem andern.«

Nachdem er diese Gedanken in seiner Seele erwogen hatte, sagte er: »Nun geht noch einmal nach oben, Jungens! Ich habe der Mutter noch Verschiedenes zu erzählen, was euch nichts angeht.«

Mit lautem Gepolter entfernten sich die drei. Der Jüngste hatte während der ganzen Zeit unentwegt weitergeschlafen, denn er war des brüderlichen Lärms gewohnt seit dem ersten Tage seines Erdenwallens. Jetzt aber legte ihn Frau Gesche schnell auf eine Bank und trat auf ihren Mann zu. »Was ist's?« fragte sie hastig. Am Ausdruck seines Gesichts hatte sie ihm sofort, als er hereintrat, angesehen, daß er eine Neuigkeit mitbrachte.

»Du liebst die Lucke Hary nicht sehr?« fragte der Ratsherr bedächtig.

»Nein. Ist etwas mit ihr geschehen? Ist sie dem Vater wider ihren Eid entlaufen?«

»Sie denkt nicht daran«, erwiderte Tilo Brandis. »Es scheint vielmehr, als sei es aus zwischen ihr und Christof Hagen. Oder besser gesagt, es ist aus.«

»Das glaub' ich nun und nimmermehr!« rief Frau Gesche.

»Du wirst es wohl glauben müssen, du wirst auch wohl tun, dich mehr mit ihr zu befreunden, denn sie wird noch vor Ostern unsre Schwägerin werden.«

Frau Gesche prallte zurück. Sie war vollkommen verblüfft und starrte ihren Mann fassungslos an.

Der Ratsherr beobachtete mit Befriedigung die Wirkung seiner großen Neuigkeit. So verdutzt hatte er seine Frau noch selten gesehen. Sie stand da, als habe sie die Sprache verloren, und vermochte nichts, als immer wieder den Kopf zu schütteln.

Endlich sagte sie mit einem tiefen Atemzuge: »Das hätte ich niemals von dem Mädchen gedacht. Nein, niemals hätt' ich geglaubt, daß dein Bruder Jobst bei ihr doch noch zu seinem Ziele gelangen würde.«

»Höre, wie es zugegangen ist«, versetzte ihr Mann und ging händereibend, wie es seine Gewohnheit war, wenn er etwas erzählte, in dem Gemach auf und nieder. »Jobst erwarten wir, wie du weißt, in Kürze von der hohen Schule zurück als der Rechte Doktor. Er hat wohl von irgend jemandem hier genau gehört, was mit Lucke geschehen ist, und daß sie der Vater dem Hagen nicht geben will.«

»Du bist doch nicht etwa der jemand gewesen?« rief seine Frau dazwischen.

»Gott bewahre! Ich möchte sie gar nicht in meine Familie haben, gönnte sie dem Christof von Hagen von ganzem Herzen, denn sie ist mir unbehaglich. Das kannst du gewißlich glauben. Aber höre weiter: Vor vier Wochen hat er dem Vater geschrieben ihrethalben. Der Vater hat ihm Antwort gegeben, er könne sie nur einem geben, der fest hielte am alten Glauben. Hat ihm auch nicht verschwiegen, daß sie anders gesinnt sei. Drauf hat Jobst geschrieben, das wollt' er gar wohl tun, und was ihr Glaubensbedenken betreffe, so wolle er mit dem schon fertig werden, wenn sie erst seine Frau wäre. Da hat sie der Vater gefragt, ob sie ihn nehmen wolle. Sie hat nicht ja und nicht nein gesagt, sondern erwidert, sie wolle sich bedenken. Heute nun hat sie ihm aus freien Stücken zu wissen getan, daß sie Jobsts Antrag nicht wolle zuwider sein.«

Frau Gesche hatte sich wieder in ihren Stuhl gesetzt und saß dort ganz zusammengeduckt und bekümmert. Erst nach einer Weile fragte sie: »Was sagt denn der Vater dazu?«

»Er schien sehr froh zu sein darüber. Das Mädchen war ihm eine große Last. Was für Mühe hat er sich gegeben, sie unterzubringen, bei den Nonnen in Derneburg und anderswo! Aber niemand wollte sie ihm abnehmen. Jetzt wird er sie los. Er war darob so aufgeräumt, wie ich ihn selten gesehen habe in der letzten Zeit. Ich meine, wäre er nicht so aufgeräumt gewesen, so hätt' er mir nicht zugesagt für heute abend.«

Frau Gesche erwiderte nichts. Ihre Mienen drückten den äußersten Unmut aus, und sie nagte fortwährend an ihrer Unterlippe.

»Du scheinst nicht eben erfreut zu sein über die neue Schwägerin«, bemerkte ihr Gatte.

Sie seufzte tief. »Hätte mich doch der Vater gefragt!«

Der Ratsherr zog den Mund in die Breite. »Dein Vater fragt keinen Menschen bei dem, was er vorhat. Wie sollte er dich darum fragen? Er bringt ein Ding zu Ende und stellt es dann vor die Leute hin und spricht: Findet Euch damit ab! Was hättest du ihm auch wollen sagen, wenn er dich zuvor gefragt hätte?«

»Widerraten hätt' ich's ihm!« rief sie heftig. »Zehnmal widerraten! Was kann daraus auch Gutes kommen? Wenn Christof von Hagen heimkehrt und findet Lucke als eines andren Weib – Herrgott!« rief sie plötzlich und sprang auf, »gibt's denn keine Treue mehr auf Erden? Ich mochte das Mädchen nicht leiden, aber daß sie untreu werden könnte, das hätt' ich nie, nie geglaubt. Gerade von der nicht, die doch im Glauben so treu ist.«

»Da siehst du, was die vielgerühmte Treue der Weiber zu bedeuten hat«, entgegnete Tilo Brandis und war auf eine schnelle und spitze Antwort seiner Frau gefaßt. Aber sie war so von ihren Gedanken hingenommen, daß sie seiner Bemerkung gar nicht achtete. »Was soll das werden, wenn Hagen wiederkommt?« seufzte sie. »Er ist dem Vater schon feind um des Glaubens willen. Von nun an wird er sein Todfeind werden, und es mag wohl zu bösen Dingen kommen. Du weißt, wie locker ihm das Schwert sitzt.«

Der Ratsherr machte ein verschmitztes und geheimnisvolles Gesicht. »Ich will dir etwas sagen: Der Hagen kehrt vielleicht so bald nicht wieder nach Hildesheim zurück, oder wenn er zurückkehrt, wird er gerichtet. Es ist etwas geschehen mit ihm vor etlichen Wochen, ich weiß nur noch nicht, was. Es heißt, er habe deinen Vater heimlich auf der Landstraße angefallen, habe aber den kürzeren gezogen und sei geflohen. Daß du aber um Gottes willen stille bist, wenn der Vater kommt, und dir nichts merken läßt! Du weißt von gar nichts, – hörst du? Ich habe auch nur so davon läuten hören.«

»Aber der Vater war ja in den letzten Wochen gar nicht über Land!« rief Frau Gesche, die mit erschrockenen Augen zugehört hatte. »Er kann ihn doch nicht in der Stadt überfallen haben? Er darf ja gar nicht in die Stadt.«

»Wie ich dir sage, ich weiß nichts Gewisses und nichts Näheres. Aber etwas ist geschehen, das wird schon richtig sein. Und wie ich deinen Vater kenne, so wird er ihn damit zu fassen wissen. Er wird auch sehr wohl daran tun, wenn er ihn faßt und am Ende zwingt, die Stadt ganz und gar zu meiden und nach Braunschweig oder Goslar zu ziehen. Denn es ist kein Zweifel, daß Hagen, wenn er wiederkommt, der Führer der Gemeine wird wider deinen Vater und den ganzen Rat. Er ist der Abgott der geringen Leute, und es wird davon gemunkelt, er habe einen heimlichen Bund gemacht mit vielen in der Stadt, daß der Rat solle gestürzt und die reine Lehre solle zum Siege gebracht werden in Hildesheim. Wäre dein Vater klug, so gäbe er beizeiten nach und verwilligte dem Volke ein paar Kirchen, wo es möchte in Gottes Namen das Evangelium hören und die Lieder singen, die es zu singen begehrt. Aufhalten wird er den Wagen doch nicht mehr, der ins Rollen gekommen ist, und so retteten wir zum wenigsten unsre Stühle. Aber es ist ja mit dem Vater über solche Dinge nicht zu reden.«

Frau Gesche nickte und blickte schweigend vor sich nieder. Dann hob sie den Kopf und sah ihren Mann scheu von der Seite an. »Tilo,« sagte sie mit leiser Stimme, »glaubst du, daß uns der Vater noch wirklich traut?«

»Ja, das glaube ich wohl. Täte er's nicht, so hätte er längst schon etwas gesagt. Wie kommst du darauf?«

»Er blickt mich manchmal so wunderlich an.«

»Ach, das bildest du dir gewißlich nur ein! Ich glaube fest, er miede unser Haus, wenn er ahnte, daß wir heimlich in Gottes Wort lesen. Aber wunderlich sieht dein Vater jetzt zuweilen in Wahrheit aus, er trägt manchmal ein sonderbares Wesen zur Schau, fährt auf und wird zornig um geringer Dinge willen und läßt größere Dinge außer acht.«

Frau Gesche seufzte. »Ich meine, Tilo, er trinkt zuviel.«

»Ach was!« erwiderte der Ratsherr. »Ein guter Trunk hat noch niemandem geschadet!« Er ärgerte sich über die Bemerkung seiner Frau, denn er fühlte damit in seinem Inneren einen wunden Punkt berührt. »Hast du deinen Vater schon jemals trunken gesehen?«

»Nein, nicht im geringsten«, entgegnete Frau Gesche. »Wir wollen darüber nicht streiten. Aber ausreden laß ich mir's nicht, daß der viele schwere Wein ihm schaden muß.«

Der Ratsherr ward einer Antwort überhoben, denn vor der Tür näherten sich feste Männerschritte dem Hause, und die Töne einer Gitarre erklangen. Zugleich schrien die Jungen von oben her: »Dürfen wir? Dürfen wir?«

»Potztausend, die kommen uns über den Hals!« rief er und ergriff rasch das Licht, das auf dem Tische stand, um die Kerzen der Krippe anzuzünden. »Kommt herunter!«

Mit unglaublicher Schnelligkeit folgten die drei seinem Rufe und stürzten sich laut jubelnd über ihre Geschenke her. Die beiden Ältesten standen gleich darauf in ihren Hemden da, um sich sofort die neuen Gewänder von grauem Tuch mit roten Aufschlägen anzuziehen. Der Jüngere, der der Kunst des Aus- und Anziehens noch nicht mächtig war, forderte ungestüm von der Mutter diesen Dienst.

Inzwischen war Hans Wildefüer eingetreten, und ihm auf dem Fuße folgten vier Männer, die Masken vor den Gesichtern trugen und in bunte Gewänder gekleidet waren. Einer trug eine Stange, an deren Spitze ein goldner Stern erglänzte. Ihre Häupter waren mit Kronen von Flittergold geschmückt. Die gewaltigen Glieder des Längsten unter ihnen hüllte ein feuerroter Mantel ein, auf den ein ebenso feuerroter riesiger Bart herniederwallte. Das war der böse König Herodes, der die heiligen drei Könige begleitete, was zwar nicht der Überlieferung der Schrift, wohl aber dem alten Herkommen gemäß war.

Die drei stimmten ihre Tonwerkzeuge, eine Geige, eine Gitarre und eine Gambe, und begannen dann ihr altes Lied, das anhub mit den Worten:

»Im Namen des lieben Jesulein
Treten wir in dieses Haus hinein.
Wir treten hinein ohn' allen Spott:
Einen guten Abend, den geb' Euch Gott!
Einen guten Abend, eine fröhliche Zeit
Hat Euch der Herr vom Himmel bereit't.
Den Herrn, den wollen wir loben und ehr'n,
Die heiligen drei Weisen mit ihrem Stern.«

Frau Gesches Gemüt wurde bei den feierlichen und lieblichen Klängen dieses Liedes so bewegt, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Als sie verstohlen nach ihrem Vater hinblickte, sah sie, daß auch ihm die Augen feucht waren. Sie dachten wohl beide an dasselbe zurück: An viele Weihnachtsabende, die sie mit der lieben Mutter verlebt hatten. Noch voriges Jahr war sie mit ihnen fröhlich gewesen in ihrer stillen Weise, nun ruhte sie schon seit Monden in ihrer Gruft. Eine unendliche Sehnsucht nach der Verstorbenen wallte auf in dem Herzen der kräftigen Frau, die sonst nichts weniger als weich war; sie wäre am liebsten in ihre dunkle Kammer geeilt und hatte sich dort ausgeweint. Aber als Gattin und Mutter mußte sie auf ihrem Posten ausharren und durfte die Festfreude ihres Mannes und ihrer Kinder nicht stören und trüben. So kämpfte sie denn ihre Bewegung nieder, und als die Sänger das übliche Geldgeschenk erhielten, vermochte sie schon wieder den Ihrigen ein lächelndes Antlitz zu zeigen.

Hans Wildefüer fügte dem Gulden, den sein Eidam dem König Herodes in die Hand drückte, einen zweiten hinzu und sagte: »In mein Haus bemüht Euch nicht. Meine Knechte sitzen in der Trinkstube, und die beiden Frauen, die daheim sind, geben Euch gewißlich nichts. So nehmt denn hier meine Verehrung. Ich feire bei meinen Kindern und Enkeln.«

»In die Almstraße sind schon andre gegangen, Herr,« erwiderte der wackere Bäckermeister, der die Rolle des Herodes spielte. »Wir sind ihnen begegnet vorhin an der Marktecke. Sie waren noch nicht alle beisammen, wie es schien, denn es fehlte der Herodes.«

Wildefüer erwiderte darauf nichts und konnte nichts erwidern, denn nun drängten sich seine Enkel an ihn heran und wollten bewundert sein. Das tat er denn auch mit großer Bereitwilligkeit und ließ sich sogar dazu überreden, einen Zuckerkringel zu essen, den ihm sein Patenkind schenkte und in den Mund steckte. Heiter und aufgeräumt scherzte er mit den Kindern, wie es seine Gewohnheit war, und den ganzen Abend merkte ihm niemand an, daß er eine tiefe Wehmut in sich niederkämpfen mußte und schwere Sorgen auf der Seele trug.

Gegen zehn Uhr wurden die Kinder müde und legten sich auf die Bänke neben dem Ofen, um dort ein bißchen zu schlafen. Aber ins Bett waren sie durch kein Zureden zu bringen, denn sie wollten das Einläuten des neuen Jahres nicht versäumen. In Hildesheim, wie in den meisten Gegenden des Reiches, fing das neue Jahr mit dem ersten Christtage an. Nach uraltem Brauch begann, sobald die Uhren zwölf geschlagen hatten, auf allen Türmen der Stadt ein Geläut, wodurch das neue Jahr bei seinem Einzuge begrüßt werden sollte.

Die »Cantabona«, die größte der Domglocken, hub den Glockenreigen an; ihr folgten ihre Schwestern auf dem Dome und dann auf den anderen Kirchen nach einer bestimmten herkömmlichen Reihenfolge. Während des Klingens wünschten alle Hausgenossen, das Gesinde inbegriffen, einander Gesundheit, Glück und Segen, und der Bürgermeister zog ein kleines Kästchen hervor, das er bis jetzt in der Tasche verborgen hatte.

»Das hier, liebe Tochter, schenke ich dir zum Neujahrsangebinde«, sagte er. »Warum soll es daheim in der Lade ruhen! Trage es im Angedenken an unsre liebe Tote. Ich weiß, du wirst es in Ehren halten.« Damit öffnete er das Kästchen, und ein goldenes Kreuz, übersät mit Edelsteinen, funkelte dem Brandisschen Paare entgegen. Es war eine Nachbildung des berühmten Bernwardkreuzes, das die Mönche zu Sankt Michaelis aufbewahrten, und für das man, wie das Volk sagte, das halbe Stift Hildesheim kaufen könnte.

Als Frau Gesche das prächtige Kleinod erblickte, das sie früher so manchmal am Halse ihrer Mutter gesehen hatte, da war es mit ihrer Fassung vorbei. Sie legte die Arme vor sich auf den Tisch und ihr Antlitz darauf und brach in ein lautes Weinen aus.

Sofort erhoben alle vier Kinder, die gänzlich übermüdet waren, ein erschreckliches Jammergeschrei, und der Bürgermeister und sein Eidam gaben sich vergeblich Mühe, sie durch freundliches Zureden zur Ruhe zu bringen. Auf einmal aber wurden sie von selber still. Denn draußen auf dem Markte schien etwas Ungewöhnliches vor sich zu gehen. Viele Stimmen erklangen wirr durcheinander, einzelne laute Rufe ertönten, und das Trappen und Stampfen vieler Tritte ward hörbar. Offenbar hatte sich ganz plötzlich eine große Menschenmenge auf dem Markte eingefunden.

»Herrgott! Eine Feuersbrunst!« rief der Bürgermeister, stülpte sich sein Barett aufs Haupt und stürzte aus der Tür. Alle anderen folgten ihm, so schnell sie konnten.

»Ist Feuer in der Stadt?« rief Wildefüer den Nächststehenden zu. Aber die antworteten nicht und drängten sich scheu in das Dunkel zurück. Dagegen klang jetzt eine gewaltige Stimme vom Ratsbrunnen her über den Markt hin: »Dieweilen man uns in Hildesheim, Gott sei's geklagt, die Kirchen verschließt und Gottes reines Wort vorenthält, so wollen wir Doktor Luthers heilige Lieder hier auf dem Markte singen. Paßt auf, liebe Landsleute, ich stimme die Weise an.«

Gleich darauf brauste das Lied »Vom Himmel hoch, da komm' ich her« über den Marktplatz hin. Alle sangen aus vollen Kehlen, Männer und Frauen und halbwüchsige Burschen und Mädchen, und sie mußten das Lied wohl auswendig gelernt haben, denn sie ließen keinen einzigen Vers aus und sangen es bis zum Ende.

Wildefüer war bei den ersten Klängen ins Haus zurückgetreten und hatte sich wie vernichtet auf einen Stuhl fallen lassen. Sein Gesicht war grau, und auf der Stirn standen ihm Schweißtropfen. Er sah ein, daß er hier vollkommen machtlos war. Was sollte er tun? Die Stadtknechte zusammentrommeln? Ehe sie kamen, war vielleicht die Menge schon auseinandergegangen, und wurden ein paar Leute gefangen, so konnten sie sich leicht herausreden. Nein, es war nichts zu machen, aber gerade das Gefühl seiner Ohnmacht reizte, wurmte und erbitterte ihn über die Maßen.

Wie ein steinernes Bild saß er da, während draußen die Menge ein Lied nach dem andern sang. Niemand wagte, ihn anzureden. Frau Gesche nahm schließlich ihre beiden Jüngsten, von denen der eine schlief, der andere mit dem Schlafe kämpfte, auf den Arm und winkte den anderen, ihr zu folgen. Auch das Gesinde verlief sich, und so war der Bürgermeister mit seinem Eidam allein.

Als es endlich draußen still ward und die Menge sich zerstreute, fuhr er wie aus einem Traume empor.

»Was soll ich tun?« stieß er hervor.

Tilo Brandis zögerte eine kleine Weile mit der Antwort. Dann sagte er herzlich und eindringlich: »Da Ihr selbst mich fragt, Vater, so erlaubt mir, daß ich Euch aus redlichem Herzen rate, dem Volke in etwas nachzugeben.«

Der Bürgermeister warf ihm einen finsteren Blick zu. »Wie meinst du das?« fragte er kurz.

»Ich meine, Vater, die Bewegung ist nicht mehr ganz zu dämpfen. Das waren wohl sechs- oder siebenhundert Menschen oder noch mehr, und ich fürchte, nächstes Jahr können es zwei- oder dreimal soviel sein. Unsere Stadt hat so viele Kirchen. Räumt den Leuten eine oder zwei davon ein, auf daß sie dort ihre Prädikanten predigen lassen und ihre Lieder singen. Deshalben bleibt Hildesheim immer noch eine christkatholische Stadt, und wir verhindern wohl Aufruhr und Empörung, die sonst« –

»Nein«, unterbrach ihn Wildefüer hart. »Gibst du dem Teufel den Finger, so nimmt er die Hand, sagt ein Sprichwort. So ist es auch mit dem Volke. Gibt man ihm in etwas nach, so begehrt es mehr und immer mehr. Nie ist es zufriedenzustellen. Erhält es ein Recht geschenkt, so fordert es flugs zwei weitere Rechte dazu und so fort, bis es alle Gewalt und Herrschaft hat. Wär's aber nicht so, und könnt' ich meine und des Rates Macht durch solche Verwilligung an die Gemeinde für ewige Zeiten salvieren, so tät' ich es doch nicht. Denn ich muß meiner Seele Seligkeit bedenken. Gott soll mich bewahren, daß ich jemals den Werken des Teufels Vorschub leiste!«

Er erhob sich und griff nach seinem Mantel. »Ich gehe jetzt heim. Dir und deiner Frau danke ich für die gute Bewirtung. Gott gebe euch und uns allen ein besseres Jahr, als das letzte war!«

»Ich gehe mit Euch, Vater, und geleite Euch heim!« rief Tilo Brandis und wollte seinen Mantel aus dem Schranke holen. Aber der Bürgermeister wehrte ihn sehr entschieden ab. »Bleibe daheim!« sagte er. »Denkst du etwa, ich hätte zuviel von deinem Rotwein getrunken? Oder meinst du, es könne mich einer anfallen? Mich fällt keiner an, des kannst du sicher sein. Lebe wohl!«

Er reichte ihm die Hand und trat in die kalte Winternacht hinaus. Der Markt lag wieder leer da, und auch die Straßen waren von Menschen verlassen. Aber das Gewölk war vom Angesicht des Himmels verschwunden, und der Mond stand noch hoch, so daß sein Heimweg hell war.

Langsam schritt er durch die winteröden Gassen dahin, wie einer, der eine schwere Last auf den Schultern trägt. »Seltsam, wie müde ich mit einem Male geworden bin!« dachte er. »Ein paar Stunden der Ruhe werden mir gut tun.«

Aber als er vor seinem Hause anlangte, wurde er mit einem Male wieder ganz wach, denn mit Staunen und Schrecken nahm er wahr, daß die Haustür offen stand. Das Hoftor ließen die Knechte ja manchmal offen stehen, wenn sie bei der Heimkehr aus der Trinkstube etwas angetrunken ihr Gelaß im Hofe aufsuchten. Die Haustür aber stand seit mehr als dreißig Jahren unter der Aufsicht der alten Magd Trine, und der war eine solche Vergeßlichkeit noch nie zugestoßen, solange er zurückdenken mochte.

Hastig trat er in die Diele ein, entzündete mit einem Spane Licht an den glühenden Kohlen des Herdes und sah sich dann in dem Raume um. Nichts Auffallendes war zu sehen, aber nach einigen Augenblicken hörte er ein schwaches Stöhnen wie das Winseln eines verschmachtenden Hundes. Es klang aus dem Verschlage unter der Holztreppe hervor, die nach den oberen Gemächern führte. Als er mit seiner Kerze hineinleuchtete, fuhr er entsetzt zurück, denn dort lag mit einem Knebel im Munde und all den Händen und Füßen gefesselt, seine alte treue Magd und ließ von Zeit zu Zeit ein jämmerliches Röcheln und Gurgeln ertönen.

So schnell er vermochte, befreite er die Alte aus ihrer hilflosen Lage, aber es dauerte noch sehr lange, ehe sie imstande war, zusammenhängend zu sprechen und ihm zu erzählen, was vorgegangen war. Ihre Darstellung war so verwirrt, daß er zunächst nicht klug werden konnte aus dem, was sie ihm sagte. Aber als er begriff, was geschehen war, betäubte ihn die Erkenntnis geradezu. Eine Tat von unerhörter Kühnheit, ja Frechheit war geschehen. In der Verkleidung der heiligen drei Könige waren Leute ins Haus gekommen, hatten die Magd auf einmal überfallen und gewürgt, so daß ihr fast das Bewußtsein entschwunden wäre. Dann hatten sie Lucke die Maske des Herodes vors Gesicht gebunden und ihr einen weiten Mantel übergeworfen, während einer die zum Tode erschrockene Magd gebunden und ihr einen Knebel in den Mund gesteckt hatte. Sie hatte gerade noch gesehen, wie einer die Jungfrau auf seinen Armen über die Schwelle getragen habe. Dann seien ihr auf lange Zeit die Sinne wirklich geschwunden.

Wildefüer lachte grimmig auf. Also über die Schwelle war sie getragen worden! Ja, sie hatte geschworen, die Schwelle seines Hauses ohne seine Erlaubnis nicht zu überschreiten. So waren denn die Buben, die sie entführt hatten, gewißlich mit ihr im Einverständnis gewesen. Wahrscheinlich war die Sache von langer Hand vorbereitet. Je mehr er sich ihr Benehmen in den letzten Wochen vergegenwärtigte, um so deutlicher wurde ihm das. Sie hatte sich weit gefügiger gezeigt als früher, und um allen Argwohn in seiner Seele zu zerstreuen, hatte sie sogar den Antrag Jobst Brandis' zum Scheine angenommen. Es war ihr in der Tat gelungen, ihn völlig zu täuschen.

Sie war ihm also entschlüpft. Nun denn, mochte sie mit ihrem Buhlen laufen, wohin sie wollte! Christof Hagen, so war ihm hinterbracht worden, hatte einen Unterschlupf gefunden bei dem von Rauscheplatt, des Bischofs Drost auf Steuerwald. Dahin mochte er sie wohl gebracht haben. Ohne Zweifel hatten seine Spießgesellen in der Stadt ihm geholfen, sie aus einem der Tore hinauszubringen. Wahrscheinlich waren sie in die Neustadt entwischt, denn das Neustädter Tor stand am Christabend bis zehn Uhr offen. So waren sie nach menschlichem Ermessen längst in Sicherheit, und eine Verfolgung mußte ganz sinnlos erscheinen. Er fühlte auch keine Verpflichtung dazu, denn durch ihre Flucht war er seines Eides quitt geworden. Aber die Heimkehr nach Hildesheim wollte er beiden unmöglich machen. Hagen war unter denen gewesen, die den Herzog von Wolfenbüttel vor einer Woche auf der Heerstraße nächtlicherweile überfallen hatten. Das hatte ein verwundeter und gefangener Knecht Klaus Barners ausgesagt. Es war zu erwarten, daß der Kaiser die Landfriedensbrecher in des Reiches Acht erklärte; die Schreiben des Herzogs, die das forderten, waren bereits abgegangen. Dann konnte Hagen lange warten, bis sich ihm die Tore seiner Vaterstadt wieder öffneten. Die Majorisbäuerschaft wollte ja den Verbannten, wie er gehört hatte, am Dreikönigstage zu ihrem Sprecher wählen. Das mochten sie in Gottes Namen tun! Ehe er wieder in die Stadt kommen durfte, war er in des Reiches Acht.

Ein finsteres Lächeln glitt bei diesem Gedanken über sein Gesicht. Er verließ das Gemach, wo die Alte wie leblos lag, und weckte die Knechte. Dem alten Valentin befahl er, bei der Bewußtlosen einstweilen Wache zu halten. Den andern schickte er aus, den Medikus und die Kleinmagd Anna herbeizuholen. Das Mädchen hatte er auf ihr Bitten für den Christabend zu ihrer Mutter gehen lassen und ihr erlaubt, die Nacht dort zu bleiben. Nun aber mußte sie so schnell wie möglich heimkommen, um die alte Kathrine zu pflegen. Er selbst beschloß, sein Lager aufzusuchen, denn er sehnte sich nach Ruhe. Da fiel sein Blick auf den großen eichenen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, und er nahm etwas wahr, was ihm bisher entgangen war. Es lag dort ein Schlüssel, und dabei standen mit Kreide geschrieben die Worte: »Genommen, was unser ist.«

Ein furchtbarer Schreck durchfuhr ihn. Es war der Schlüssel zu dem kleinen Gewölbe, in dem er sein Geld, seine Zinskaufbriefe und alle seine Heimlichkeiten aufbewahrte. Er lag gewöhnlich in einer Truhe, die droben in seiner Schreibstube stand, unter Briefen und Papieren zu unterst. Das mochte Christof von Hagen früher einmal erkundet und im Gedächtnis bewahrt haben.

Mit fliegender Hast eilte er hinab in den Keller und schloß das Gewölbe auf. Richtig – da fehlte die Truhe, die Lucke Harys Schmuck und Geld und Kostbarkeiten barg. Es fehlte aber auch die kleine braune Ledertasche, die er auf die Truhe oder unter die Truhe – er entsann sich nicht mehr recht – gelegt hatte.

Er stand da, als habe ihn einer mit der Axt vor die Stirn geschlagen, und ein Laut drang aus seiner Brust wie das Aufstöhnen eines verwundeten Bären. Dann begann er fieberhaft in dem Gewölbe zu suchen, denn es wäre doch möglich gewesen, daß er die Tasche woanders hingelegt hätte. Aber sie war und blieb verschwunden. Ohne Zweifel war sie entwendet.

Einen Augenblick schien es, als solle die Erkenntnis ihn zu Boden werfen, denn er schwankte und hielt sich mühsam aufrecht. Aber dann mit einem Male warf er den Kopf in den Nacken und richtete sich hoch auf. Er wollte sich nicht werfen lassen, es mußte noch einen Ausweg geben. Wohl war es ein furchtbares Verhängnis, daß die geheimen Briefe des Herzogs von Wolfenbüttel in seines Feindes Hand gefallen waren. Aber hatte nicht erst vor einigen Jahren Otto von Pack, Herzog Georgs von Sachsen ungetreuer Rat, den schmalkaldischen Fürsten Briefe in die Hand gespielt, die sich nachher als eine Fälschung erwiesen hatten? So wollte er denn auch diese Briefe für gefälscht erklären und kaltblütig abwarten, ob es Hagen gelingen werde, ihre Echtheit zu beweisen. Es mochte ihm schwer genug fallen.

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