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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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Auf einer Waldblöße dicht neben der Heerstraße, die von Hildesheim nach Goslar führte, hielt eine Schar bewaffneter Männer. Die Mondsichel, die sich schon dem Horizont zuneigte und nur noch zur Hälfte hinüberschimmerte über die Wipfel der hohen Bäume, spiegelte sich in den Brustharnischen der Reiter, die von ihren Pferden herabgestiegen waren und mit schweren Schritten auf der hartgefrorenen Wiese umherstapften. Sie wollten sich dadurch warm machen, denn sie standen schon seit mehreren Stunden hier, und die Winternacht war klar und kalt. Etliche begannen schon zu murren und zu fluchen und der Befürchtung Ausdruck zu geben, man möchte wohl vergeblich ausgeritten sein.

Auch Klaus Barner, ihr Führer, zog ein bedenkliches Gesicht. Er faßte Christof von Hagen, mit dem er ein Stück abseits stand, am Arme und sagte leise: »Zum Teufel! Habt Ihr's gehört von da drüben her? Es hat eben zwölf geschlagen in Hildesheim, der Wind trägt den Schall zu uns herüber. Nun wird der Bube nicht mehr kommen, auf den wir lauern. Vielleicht auch seid Ihr getäuscht worden.«

»Das ist nicht möglich«, erwiderte Hagen. »Wer den Brief geschrieben hat, der ist mir ganz sicher.«

»Von Euren Freunden in Hildesheim wäre mir keiner sicher«, erwiderte der Ritter. »Sie umschwänzeln alle den großen Bürgermeister, und keiner wagt es, gegen ihn zu mucken. Ihr seid in meinen Augen der einzige, der Kraft und Mut in den Knochen hat. Aber ich hätt' Euch nach Eurem Gewährsmann fragen sollen, anstatt auf Euer bloßes Wort hin mit achtzehn Knechten hierherzureiten. Mich dünkt, es hat Euch einer genarret, und ich bin mit Euch auf den Leim gekrochen. Der Rauscheplatt wird sich den Wanst halten vor Lachen, wenn wir morgen früh bei ihm einreiten und die Feuerrohre und Rosse wieder abliefern, die er uns heimlich gestellt hat. Er darf wohl über mich lachen, denn ich hätte mich sollen bei meinen Jahren nicht mit zum Narren halten lassen. Aber wenn ich von Heinz Wolfenbüttel höre, so bin ich wie ein hungriger Hecht, der nach jedem Köder fährt. Ich alter Esel!«

In Hagens Antlitz war eine heiße Röte getreten, während der Ritter halblaut seine Rede hervorpolterte. Er kam sich vor wie ein Knabe, der wegen allzu großer Leichtgläubigkeit gescholten wird, und das war ihm unerträglich. Darum sagte er nach einer Weile mit einem tiefen Atemzuge: »Ich muß es für unmöglich halten, Herr, daß ich getäuscht worden bin, ja, es ist unmöglich. Das wird Euch allsogleich einleuchten, wenn ich Euch sage, von wem ich die Botschaft habe. Und ich will's Euch zu wissen tun, so Ihr mir Euer ritterliches Wort gebt, daß Ihr es gegen jedermann verschweigen wollt.«

»Ihr tut ja sehr geheimnisvoll«, erwiderte Barner spöttisch. »Aber es sei. Ich gebe Euch mein Wort. Von mir erfährt es kein Mensch, das gelobe ich Euch.«

»So hört! In Wildefüers Hause lebt, wie Ihr wißt, meine Braut als Gefangene. Sie hat einen Eid schwören müssen, daß sie Haus und Hof mit keinem Schritte verlassen will. Dafür darf sie im Hause frei umhergehen.«

»Und er traut ihrem Eide?« warf der Ritter ein.

»Warum sollte er nicht?«

»Weil sie nach seiner Meinung an keinen Gott mehr glaubt. Wie kann er auf das bauen, was sie im Namen Gottes beschwört? Der Narr widerspricht sich selber in seinen Gedanken. Aber redet weiter! Sagt mir vor allen Dingen: Woher wißt Ihr das?«

»Ich habe einen gefunden, der Briefe hin- und herträgt zwischen uns. Darum reite ich zuweilen des Abends nach der Neustadt. Dort werden mir ihre Briefe ausgehändigt. Sie schreibt sie an seinem eigenen Tische, wenn er nicht daheim ist.«

Der Ritter lachte laut auf, dämpfte aber sogleich seine Stimme, als er in sehr verändertem Tone sagte: »Ihr seid, der Teufel hole mich, ein schlauer Fuchs und bringt alles mögliche fertig. Da habt Ihr also auch die Zeitung, daß der tolle Heinz in Hildesheim ist, von Eurer Liebsten?«

»Hier ist der Brief«, entgegnete Hagen und zog ein Papier aus seiner Tasche.

»Was soll ich damit? Bei dem Lichte kann ich ihn nicht lesen. Aber sagt mir nun noch einmal ganz genau, was drin steht. Wenn er von Eurer Liebsten kommt, so seid Ihr nicht angelogen, und es wird wohl alles wahr sein, was Ihr mir kundgetan habt.«

»Der Herzog ist ehegestern abend in Hildesheim eingeritten mit nur zehn oder zwölf Knechten. Es ist den Leuten gesagt worden, es sei der von Mandelslohe gekommen mit seinem Weibe. Denn ein Weib ist mit ihm gewesen oder mehrere Weiber, bei den Stiftsherren in der Kreuzfreiheit sind sie eingekehrt. Gestern ist der Herzog bei Wildefüer im Hause gewesen, und sie haben einen großen Auftritt miteinander gehabt. Der Bürgermeister hat den Wolfenbüttler hart vermahnt, daß er solle aufhören, Goslar und Braunschweig zu bedrängen. Das hat der Herzog auch endlich zugesagt, aber er hat dagegen verlangt, daß die Trott solle in der Stadt bleiben.«

»Die Trott?« fragte Barner verwundert. »Davon habt Ihr mir ja noch gar nichts gesagt.«

»Es war daran auch nichts gelegen, und ich weiß überdies nicht, ob ich den Namen richtig gelesen habe.«

Barner nickte. »Ihr werdet Euch wohl irren. Der Name wird anders lauten. Des Namens Trott gibt's zurzeit kein Weib, das der Bube könne als seine Traute halten. Es gab einmal eine, und die war ein schönes Weib und gehörte zu dem Frauenzimmer seiner Frau. Aber die ist schon lange tot.«

»Nun, heiße das Weib, wie es wolle«, fuhr Hagen fort. »Es ist, wie gesagt, nichts daran gelegen. Der Bürgermeister hat sich geweigert, sie in der Stadt zu dulden, wie er denn, das muß ihm sein Feind lassen, aller Unkeuschheit und Büberei abhold ist. Aber der Herzog hat nicht nachgelassen mit Bitten, sagend, sie sei nirgendwo so sicher, auch werde sie niemand dort suchen. Endlich hat der Bürgermeister mit einem Fluche eingewilligt, hat aber gesagt, des Herzogs Vornehmen mit jenem Weibe sei erschrecklich und werde ihn die ewige Seligkeit kosten. Dann hat ihn der Herzog gebeten, er wolle ihm diese Nacht zum Goslarschen Tore hinaushelfen, und da der Wolfenbüttler ein ruchloser Bube ist und Ihr des Herzogs abgesagter Feind seid, so habe ich Euch die Sache kundgetan. Ich meine, so Ihr ihn finget und ihn dem Landgrafen ausliefertet, so wäre der böseste Feind unsres Glaubens unschädlich gemacht, und das Evangelium könnte im ganzen Lande das Haupt erheben.«

Klaus Barner pfiff durch die Zähne, und in seinen Augen blitzte ein grelles Licht auf. »Meint Ihr?« fragte er und legte ihm die Hand fest auf die Schulter. »Ihr glaubt, ich lieferte den alten Wolf nach Kassel, wenn ich ihn finge? Da seid Ihr in einem schweren Irrtum. Der kommt nicht lebendig vom Platze, das schwöre ich Euch. Ihr wißt, wie es jeder im Lande weiß, daß mir der hochgeborene Bube den Vater erstochen hat mit eigner Hand, nicht im Kampfe, sondern da er verwundet und gefangen in seiner Gewalt war. Damals habe ich geschworen mit einem furchtbaren Eide, daß ich meinen Vater an dem Scheusal rächen will, und daß ich nicht eher wolle aufhören, sein Feind zu sein, bis daß ich tot wäre oder er. Gott soll mich verdammen, wenn ich den Eid nicht halte! So, Christof Hagen, so steht's zwischen mir und dem Herzog!«

Seine Rede war in ein heiseres Zischen ausgegangen, und Hagen sah mit Grauen, welch ein dämonischer Haß in diesem Manne lebte. Er selbst war dem Herzog feind und haßte in ihm den Verfolger der Lehre Luthers. Aber daß ihm Barner ans Leben wollte, das hatte er nicht vermutet. Er hatte vielmehr gedacht, der Ritter werde alles daransetzen, ihn lebendig in seine Hand zu bringen, und so den Schmalkaldener Bundesverwandten, die gegen ihn rüsteten, ihren gefährlichen Feind in die Hände liefern. Deshalb sagte er: »Was frommt Euch des Herzogs Tod? Bringt Ihr ihn dem Landgrafen lebendig, so wird er's Euch fürstlich lohnen, und Ihr könnt wohl der reichste Ritter im Lande werden.«

Barner lachte höhnisch. »Man merkt zuweilen, daß Ihr ein Stadtherr seid. Denen ist die ganze Welt ein Kaufhaus. Ich aber, das wisset, nehme nicht Geld für Blut.«

»Denkt Ihr auch an das Aufsehen, das Eure Tat im ganzen Reiche machen wird?« fragte Hagen. »Daß ein Fürst von einem Ritter auf offener Landstraße erschlagen wird, das werden alle Fürsten rächen, und der Kaiser wird Euch in die Acht und Aberacht erklären.«

»Acht und aber acht macht sechzehn«, lachte der Ritter. »Was schiert mich der hispanische Karl? Er vermag hierzulande nicht viel. Wird er mir aber unbequem, so reite ich dem König von Frankreich zu, der braucht allezeit Rittmeister gegen ihn. Stürbe ich aber auf dem Hochgericht, so wäre mir das ganz gleich, hätte ich zuvor den Wolfenbüttler Hund erschlagen.«

Hagen schwieg, denn er fühlte, daß jedes weitere Wort vergeblich war. Aber er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß er klüger getan hätte, Luckes Mitteilung dem Ritter zu verschweigen.

»Fürchtet Ihr Euch? Reut's Euch, daß Ihr mit mir geritten seid?« fragte Barner nach einer kleinen Weile.

Hagen fuhr auf und blickte ihm finster ins Gesicht. »Redet mir nicht von Furcht!« rief er. »Ich habe mich Euch zu diesem Ritte gelobt und halte bei Euch aus.«

»Still, still! Schreit nicht so laut!« beschwichtigte ihn der Ritter. »Es lag mir fern. Euch zu beleidigen. Ihr seid ein wackrer junger Hahn und wäret wohl wert, auf einer Burg geboren zu sein, statt in einem Bürgerhause.

Will's schon glauben, daß Ihr kräftig dreinhaut, wenn's not tut. Aber, Gott sei's geklagt. Ihr werdet dazu keine Gelegenheit haben. Eure Botschaft ist wohl richtig, daran zweifle ich nicht, doch muß der Ausritt des Buben sich verzögert haben, oder er ist auf einer andren Straße der Stadt entwischt. Hier kommt er nicht mehr vorbei, dazu ist's zu spät. Wollen heimreiten!«

Er wandte sich von Hagen ab und seinen Knechten zu, aber nach wenigen Schritten blieb er plötzlich stehen und warf den Kopf empor. Aus ziemlicher Nähe klang der Ruf eines Käuzchens herüber, und er wiederholte sich mehrere Male.

»Doch noch! Doch noch!« murmelte er und streckte beide Arme vor Freude hoch in die Luft. »Auf die Rosse, Leute! Jetzt gilt's einen guten Ritt!« rief er mit lauter Stimme, die er nur mühsam zu dämpfen vermochte.

Mit erstaunlicher Schnelligkeit schwang er sich auf seinen gewaltigen Fuchs. »Nun mir nach!« gebot er und ritt über die Wiese nach der Landstraße hin. Dort ordnete er seine Schar und befahl: »Sobald sie um die Ecke biegen, schießt mit allen vier Feuerrohren in sie hinein. Und dann wie der Teufel über sie! Der Lange, der wie eine kranke Eule nach links auf dem Pferde hockt, das ist der Herzog. Wer ihn heruntersticht, kriegt zwanzig Dukaten!«

»Herr,« keuchte einer, der zu Fuße herangelaufen kam, »sie sind ganz nahe schon, können in zwei Minuten da sein.«

»Wieviel sind ihrer?«

»Vierzehn oder fünfzehn.«

»So sind sie nicht stärker als wir, und ein paar schießen wir gleich aus dem Sattel. Reiten ein paar voraus?«

»Nein, Herr, ich habe keinen gesehen. Sie reiten in einem dichten Haufen.«

»Was? Ist Heinz Wolfenbüttel so von Gott verlassen, daß er keine Späher vor sich herschickt? Dann hat ihn Gott in unsere Hand gegeben. Aber still jetzt, Leute! Paßt auf! Sie kommen!«

Der Reiterhaufe stand auf des Führers Gebot wie eine Mauer. Kein Laut war hörbar, als das ungeduldige Scharren und Schnauben einiger Rosse. Von den Näherkommenden konnte das niemand vernehmen, denn es wurde übertönt durch das Getrappel der eigenen Pferde. Auch dachte schwerlich einer von ihnen an eine Gefahr, denn man hörte sie laut miteinander sprechen, und gerade als die ersten drei oder vier um die scharfe Krümmung des Weges bogen, mochte einer eine lustige Geschichte erzählt haben, denn es erklang aus ihren Reihen ein brüllendes Gelächter. Dann aber mit einem Male kreischte eine gellende, alles übertönende Stimme: »Verrat! Feinde, Feinde! Zurück, Herzogliche Gnaden!«

»Los! Feuer!« schrie Barner. Vier Feuerrohre blitzten zugleich auf. Der Rufer drüben sank aus dem Sattel, neben ihm ein anderer. Dann gab Klaus Barner mit einem lauten »Hui! Hui! Drauf, drauf!« seinem Rosse die Sporen und war in wenigen Augenblicken, wild um sich hauend, mitten in der Schar der Herzoglichen. Die Seinen vermochten ihm kaum zu folgen. Er suchte seinen Todfeind, aber der Ritter von Mandelslohe, der neben dem Herzog ritt, hatte sich ihm entgegengeworfen und wehrte ihn von seinem Herrn ab. Wie die Schmiede hämmerten die beiden Ritter aufeinander los, daß die Funken stoben. Auch die anderen waren in wenigen Augenblicken hart aneinander. Ein furchtbares Ringen begann zwischen den eisern gepanzerten Männern. Klaus Barners Gesellen waren allesamt zähe, verwegene und kriegserprobte Leute, aber sie vermochten denen um Herzog Heinrich wenig anzuhaben, denn offenbar hatte der Welfe die Stärksten und Tüchtigsten seiner Knechte zu seinen Begleitern ausgewählt.

Allmählich aber schien sich der Sieg auf die Seite Barners zu neigen, denn einem seiner Knechte gelang es, das Pferd Mandelslohes durch einen Lanzenstich auf den Tod zu verwunden. Hochauf bäumte sich das Tier, dann brach es mit einem gräßlichen Schrei zusammen, seinen Reiter mit halbem Leibe unter sich begrabend.

Barner stieß ein wildes Gebrüll aus und wollte sich auf den Herzog stürzen, der schon mit einem der Knechte scharfe Hiebe tauschte. Da kam einer herangeprescht von der Stadt her, ein Reiter auf gewaltigem Rosse und hieb mit grimmen Streichen ein. »Verflucht! Wildefüer!« knirschte der Ritter und wandte sich gegen den neuen Feind. Aber er mußte bald erkennen, daß er ihm auf die Dauer nicht widerstehen konnte. Sein breites Schwert war eine furchtbare Waffe, aber gegen den mit Riesenkraft geschwungenen Streithammer Wildefüers kam er damit nicht auf. Nach kurzem Kampfe schwankte er im Sattel, denn ein niedersausender Hieb hatte seinen Helm getroffen. Hätte nicht Christof von Hagen mit seinem Schwert den Hammer halb aufgefangen, so wären wohl Helm und Hirnschale durchschlagen gewesen.

Zum größten Glück für Barner wurde gleich darauf das Roß des Bürgermeisters von einem Hufschlag des Mandelsloheschen Pferdes getroffen, das im Todeskampfe um sich schlug. Das rettete ihn, denn der geschlagene Gaul bockte und drängte nach rückwärts. Aber mit Wut und Grimm erkannte er, daß der Überfall mißglückt war, denn nun kamen auch Hildesheimer Stadtknechte heran, die dem Bürgermeister gefolgt waren. Ein Schuß krachte, dann noch einer, und eine Kugel pfiff ihm dicht am Ohre vorbei.

Er warf sein Roß herum. »Zurück! Rettet Euch!« schrie er und jagte in die Nacht hinein. Einige seiner Leute folgten ihm, die anderen warfen sich seitwärts in den Wald. Ein Reiter blieb ihm hart auf den Fersen, ob er einer der Seinen war oder ein Verfolger, wußte er nicht. Endlich, als ihn ein schwacher Ruf des hinter ihm drein Kommenden erreichte, brachte er sein wild ausgreifendes Tier zum Stehen.

»Zum Teufel! Seid Ihr's, Hagen?« rief er.

»Ich bin's. Aber ich kann mich kaum noch im Sattel halten.«

»Was ist denn mit Euch? Seid Ihr verwundet?«

»Die Kugel galt wohl Euch, die der Hildesheimer Knecht abschoß«, erwiderte Hagen. »Sie hat mich an der Stirn gestreift. Das Blut läuft mir über die Augen. Ich kann kaum noch sehen.«

Barner drängte sein Roß dicht an ihn heran. »Ihr habt gefochten wie ein Ritter«, sagte er. »Von mir habt Ihr einen Hieb abgewehrt, der mich fast zum toten Mann gemacht hätte. Ich bin von heute an Euer Freund!«

Hagen erwiderte nichts, aber er schwankte so im Sattel, daß ihn Barner erfaßte und mit kräftigem Schwunge auf sein eigenes Roß herüberriß. »Verflucht!« knurrte er. »Es scheint, als wolle ihn der Teufel holen.«

Er horchte scharf in die Nacht hinaus, ob ihn jemand verfolge, aber er vernahm nichts als das Sausen des Nachtwindes in den entlaubten Bäumen. Da faßte er den Bewußtlosen fest an dem rechten Arm, mit der linken Hand ergriff er den Zügel seines ledigen Rosses und ritt langsam einen Seitenpfad hinab nach dem Tale. Dort fand er bald den Bach, den er suchte. Er stieg ab und ließ Hagen vorsichtig auf den Wiesengrund niedergleiten und wusch ihm das blutüberströmte Gesicht mit kaltem Wasser. Schon nach ganz kurzer Zeit regte sich der Verwundete und reckte die Arme, als erwache er aus einem schweren Traume.

»Ha! Ihr werdet wieder munter! Das ist recht«, sagte der Ritter erfreut. »Die Schramme ist nicht tief, aber ein halber Zoll nach links, und Ihr lägt jetzt tot auf der Landstraße. Nun wartet, ich gebe Euch ein Elixier, das wird Euch rasch auf die Beine bringen.« Er nestelte eine schwere Blechflasche, die mit Korbweiden umflochten war, von seinem Sattel los. »Da nehmt, das hilft gegen alles, sogar gegen die Seuche. Es ist das Wasser, das sie seit etlichen Jahrzehnten in Nordhausen brennen, die größte Erfindung des menschlichen Geistes in unsrem Jahrhundert. Davon nehmt einen starken Schluck, aber einen starken!«

Hagen folgte seinem Geheiß, und es war ihm, als rinne ein Feuerstrom durch seine Glieder.

»Noch einen!« mahnte der Ritter. »Meint Ihr, daß Ihr wieder aufs Pferd und reiten könnt?«

»Wenn Ihr mir in den Sattel helft, so werd' ich's wohl können.«

»Nun, dann kommt einmal her und stützt Euch auf meinen Arm. Wir reiten links über die Felder und dann um Hildesheim herum über die Höhen. Da sind wir in Steuerwald, noch ehe der Tag graut. Gottes Donnerwetter! Wie wird der Rauscheplatt fluchen, wenn er uns so wiedersieht! – So! Sitzt Ihr fest? Ja? Dann vorwärts! Aber langsam, langsam!«

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