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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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In einer kleinen Zelle des Magdalenenklosters, die über der Innerste lag, stand Lucke von Hary und blickte trübselig durch die vergitterten Fenster hinunter in den Fluß. Seit sie sich hatte beikommen lassen, einen Fluchtversuch zu wagen, war ihr dieses enge Gemach als Wohnung angewiesen worden, und sie stand unter der strengsten Aufsicht. Auch wurde sie seitdem nicht mehr vom Tische der Äbtissin gespeist, sondern mußte vorliebnehmen mit der geringen Kost der Nonnen, die nur einmal in der Woche Fleisch erhielten, sonst von Gemüse, Fischen und Brot lebten. Auch schlief sie nicht mehr in weichen Federbetten, sondern auf einem harten Lager unter einer Wolldecke, wie die frommen Schwestern auch.

Sie wäre wohl krank geworden bei diesem Leben, wenn man ihr nicht erlaubt hatte, täglich eine Stunde oder auch zwei im Klostergarten zu arbeiten. Aber seit einer Woche hatte das auch aufgehört, denn es gab nichts mehr im Garten zu tun, da sich die Natur auf ihr Wintersterben rüstete. Mit Grauen sah sie den Tagen entgegen, die nun kommen mußten, wo sie wie eine Gefangene in ihrer Klause sitzen würde, abgeschieden von aller Welt. Denn die Domina kam schon längst nicht mehr zu ihr, um sie zu bekehren. Sie hatte eingesehen, daß sie dabei trotz ihrer Gelehrsamkeit den kürzeren zog. Statt dessen schickte sie ihr nur noch Bücher, deren Inhalt sie auf einen anderen Weg bringen sollte. Was die Feinde Luthers gegen ihn und seine Sache geschrieben hatten, das brachte sie ihr, soweit es ihr erreichbar war, in ihre Zelle, und da Lucke sonst vor Langeweile gestorben wäre, so las sie es auch. Aber sie blieb trotzdem so hartnäckig und verstockt wie am ersten Tage, und Frau Elisabeth Erksleben verzweifelte mehr und mehr daran, daß diese Seele der alleinseligmachenden Kirche wieder zugeführt werden könne. Dem Bürgermeister sagte sie das freilich nicht, wenn er, was immer seltener geschah, ins Kloster kam, um nach seinem Mündel zu fragen. Dann führte sie vielmehr Sprichwörter im Munde wie »Auf einen Hieb fällt keine Eiche« oder »Rom ist nicht an einem Tage erbaut«. Sie glaubte längst nicht mehr daran, daß es ihr jemals gelingen werde, das junge Mädchen zu bekehren, aber sie konnte das demütigende Geständnis ihrer Niederlage nicht über die Lippen bringen. Auf keinem Nährboden aber gedeiht der Haß üppiger als auf dem der gekränkten Eitelkeit, und darum haßte sie schon vom zweiten Tage an die junge Ketzerin, die ihren geistlichen Triumph so schnöde vereitelte, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Wäre Lucke eine Schwester ihres Klosters gewesen, so hätte sie sich der Gnade Gottes befehlen können, denn der Domina standen genug Mittel zu Gebote, das Leben einer Nonne zum Martyrium zu gestalten. Aber sie unterstand nicht ihrer Gewalt und stand außerhalb der Klosterzucht, und überdies hatte Wildefüer der Domina streng eingeschärft, sie solle Milde und Sanftmut walten lassen. So mußte sie sich Zügel anlegen, aber was sie tun konnte, der Widerspenstigen das Leben schwer und unleidlich zu machen, das tat sie. So verlebte Lucke traurige Tage, und alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß noch trübseligere folgen würden. Aber sie hielt sich aufrecht und ungebeugt. Hatte sie im Anfang hin und wieder geschwankt, ob sie sich nicht durch Nachgiebigkeit eine Milderung oder gar Änderung ihres Lebens erkaufen solle, so hatte sie diese Schwäche jetzt völlig überwunden. Gerade in der Anfechtung und in der Einsamkeit der Klosterzelle war sie ihres Glaubens ganz gewiß geworden, und die Worte der Gegner Luthers machten sie in ihrer Überzeugung noch fester. Mochten sie lästern und schmähen – nichts von dem, was sie gegen ihn vorbrachten, war auf die Heilige Schrift gegründet. Sie durfte keine Bibel haben, nur eine lateinische hatte ihr die Domina mit spöttischem Lächeln auf den Tisch gelegt, weil sie wußte, daß die Jungfrau der fremden Sprache nicht mächtig sei. Aber Lucke hatte bei ihrer Muhme in Goslar so oft und viel und mit so glühender Begeisterung in der Lutherbibel gelesen, daß sie die großen Kern- und Trostsprüche der Evangelien und Apostelbriefe fast alle auswendig wußte. Manche dieser Worte übten eine geradezu wunderbare Wirkung auf ihre Seele aus. Sie funkelten und leuchteten in ihrem Herzen wie Sterne in der Nacht und erfüllten ihr ganzes Inneres mit Kraft und Trost und Frieden. Besonders häufig und immer wieder kam ihr der Spruch der Bergpredigt durch den Sinn: »Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnet werden.« Das tröstete sie und erhob sie in ganz besonderer Weise.

Aber dabei war sie weit davon entfernt, ihr Gemüt nur auf den Himmel zu richten und nur auf einen himmlischen Lohn zu hoffen. Neben der glühenden Begeisterung für den Glauben, um deswillen sie leiden mußte, lebte in ihrer Seele ein heißes Verlangen nach irdischem Glück, und das erwartete sie von Christof von Hagen. Sie war nicht irre geworden an ihm, als er zwei Jahre lang in der Fremde hatte weilen müssen. Nie war ihr auch nur vorübergehend der Gedanke gekommen, er könne von ihr lassen und draußen eine andere liebgewinnen. Noch viel weniger kam ihr jetzt ein solcher Gedanke. Auch daß es den Menschen gelingen könne, sie auf immer auseinanderzuhalten, glaubte sie nie und nimmermehr. Der Tag zog sicherlich herauf, der sie mit ihrem Liebsten vereinigte, mochten die Feinde auch noch so große Macht und viel List aufwenden, sie von ihm zu trennen. Einst mußte sich alles wenden, und vielleicht war der Tag gar nicht mehr so fern. Christof von Hagen hatte ihr genug von seinen Plänen mitgeteilt, als er sie das letztemal in seinen Armen gehalten. Er wollte den Bürgermeister stürzen mit Hilfe des niederen Volkes, wollte der neuen Lehre zum Siege verhelfen in der Stadt, und so wenig sie an seiner unverbrüchlichen Liebe und Treue zu ihr zweifelte, so wenig zweifelte sie auch daran, daß ihm das alles gelingen werde. Sie gehörte zu den Menschen, denen Höheres und Größeres verliehen ist als die Gabe der Klugheit und eines scharfen Verstandes, nämlich die Kraft, unbeirrbar glauben, vertrauen und hoffen zu können. Darum vermochte sie das, was über sie verfügt war, mit Ruhe und stolzer Gelassenheit zu ertragen.

Hin und wieder freilich, bei ihrer Jugend kein Wunder, gewann auch einmal eine trübe Stimmung Macht über ihre Seele, und das war jetzt der Fall, da sie, mit der Stirn am Gitter ihres Fensters lehnend, hinunterblickte in die Innerste, die gurgelnd und schäumend über das Mühlwehr dahinschoß. Ein rosiger Glanz lag auf den glitzernden Wogen, der Widerschein des Abendrotes, denn drüben hinter den Hügeln, von dem der Turm der Sankt Moritz-Kirche herübergrüßte, war eben die Sonne untergegangen. Ein Tag war wieder dahin, ein nutzlos verbrachter Tag. Wie kurz war doch das Leben, und wie bitter war es, so viele seiner Tage hinter der grauen Mauer des Klosters vertrauern zu müssen! Es konnte wohl noch ein Jahr, es konnten vielleicht gar zwei Jahre vergehen, ehe ihr Verlobter kam, sie zu befreien und heimzuführen. Womit hatte sie es verdient, daß sie betrogen werden sollte um die schönsten Jahre ihrer blühenden Jugend?

Eine Träne wollte in ihre Augen sich stehlen, aber sie drängte die weiche Regung schnell zurück. Draußen auf dem Gange näherte sich ihrer Zelle ein Schritt, den sie gar wohl kannte. So hart und fest stampfte nur eine im Kloster dahin, Gottlinde, die Schaffnerin, die ihr noch widerwärtiger und verhaßter war als die Domina selber. Ja, es gab Stunden, in denen sie dieses hagere Weib geradezu fürchtete. Noch nie hatte sie aus ihrem Munde mit den dicken, aber fest zusammengepreßten Lippen ein freundliches Wort gehört, und nie hatten die Augen mit einem anderen Ausdruck auf ihr geruht als mit dem des Hasses und der Feindseligkeit. Die Schaffnerin, die hoch stand in der Gunst der Domina, wußte jedenfalls um ihre Ketzerei und betrachtete sie als eine Verlorene.

Ohne Gruß und ohne Lucke auch nur anzusehen, betrat sie das Gemach und stellte ein Brett auf den Tisch, auf dem zwei Teller standen. Sie enthielten die Abendkost, die der Gefangenen zugedacht war. Dann schickte sie sich an, das Zimmer wieder zu verlassen, als ihr Blick auf ein schmales Buch fiel, das auf dem Boden lag. Sie hob es auf und las den Titel. Es war die anmutige Schrift, die Hieronymus Emser, weiland Herzog Georgs von Sachsen Hoftheologe, auf Doktor Martin Luthers Buch an den christlichen Adel deutscher Nation als Entgegnung verfaßt hatte. Der Propst des Klosters hatte es in feines Pergament einbinden lassen und der Domina verehrt. Nun lag es mit zerstoßenen Ecken auf dem Estrich.

»Wie kommt das Buch hierher?« herrschte die Nonne das junge Mädchen an.

»Ich habe es dorthin geworfen«, erwiderte Lucke ruhig.

»Wie kannst du dich dessen erfrechen?«

»Es ward mir zum Ekel, als ich darin las, denn es ist ein unheiliges, widerchristliches Buch.«

Jetzt richtete Gottlinde ihre harten grauen Augen mit einem unheimlichen Ausdruck auf Lucke, und nachdem sie ein paar Augenblicke ihre Gestalt von oben bis unten gemustert hatte, sagte sie mit mühsam unterdrücktem Grimme: »Man verfährt allzu lind und säuberlich mit dir, meine Tochter. So es nach mir ginge, so wärest du bald zahm.«

Lucke hielt ihrem Blicke furchtlos stand und erwiderte gelassen: »Wie wolltet Ihr mich denn zwingen?«

Gottlinde zog höhnisch ihre Oberlippe in die Höhe und zischte zwischen den starken weißen Zähnen hervor: »Mit den Mitteln, die schon manch hochmütiges Weib zur Einkehr und Buße gezwungen haben. Ich nenne dir nur zwei, meine Tochter: den Hunger und die Rute!«

Der Jungfrau fuhr ein Schauer über die Glieder, aber dann richtete sie sich hoch auf und warf einen sprühenden Blick auf ihre Feindin. »Damit meint Ihr mich zu zwingen?« rief sie. »Nimmermehr! Ich wäre bereit, um Christi und seiner Wahrheit willen das Ärgste zu leiden!«

Gottlinde lachte hart auf. »Große Worte haben schon viele gehabt und dann doch klein beigegeben«, sagte sie spöttisch, aber dann verstummte sie plötzlich. In dem Blicke, mit dem Lucke sie unverwandt ansah, lag ein Ausdruck, der ihr eine abergläubische Scheu einflößte. Das Mädchen sah aus wie eine Verzückte. Ihre Augen leuchteten in einem unnatürlichen Glanze, und nach einer Weile klang es halb gesungen, halb gesprochen von ihren Lippen:

»Die laß man lügen immerhin,
Die haben's keinen Frommen,
Wir sollen danken Gott darin,
Sein Wort ist wiederkommen.
Der Sommer ist hart vor der Tür,
Der Winter ist vergangen,
Die zarten Blumen gehn herfür:
Der das hat angefangen,
Der wird es wohl vollenden.«

Die Nonne Gottlinde kannte nicht Luthers Lied von den zween Märtyrern Christi, aber die Worte berührten sie fremdartig und unheimlich. Sich fortwährend bekreuzigend, wich sie nach der Tür zurück. »Heilige Jungfrau, sei mir gnädig!« stammelte sie. »Das Weib hat den Teufel!« Dann enteilte sie, indem sie die Tür heftig hinter sich zuwarf.

Als ihre Schritte draußen verklungen waren, wich die unnatürliche Spannung von Lucke. Sie lehnte sich wieder gegen das Fenstergitter und schlug die Hände vor ihr Angesicht und weinte, und ihre Tränen flossen unaufhaltsam eine lange Zeit. Das Gefühl der Verlassenheit, das Bewußtsein ihrer hilflosen Lage überwältigte sie mit einem Male derart, daß sie sich nicht mehr zu fassen vermochte. Es war ihr, als versinke ihre Seele in tiefe, undurchdringliche Nacht, in der nirgendwo ein Licht aufblitzte. Wenn Wildefüer sie dem Willen der bösen Weiber noch länger überließ, so mochten sie wohl das Schlimmste versuchen, um sie zum Widerruf zu zwingen und ihren Willen zu brechen. Die Leiden der Nonne Florentina von Oberweimar waren durch Luthers Büchlein aller Welt bekannt, und vielleicht standen ihr ähnliche Dinge bevor. War sie stark und standhaft genug, sie zu überwinden? Noch niemals hatte sie daran gezweifelt, jetzt kamen ihr die Zweifel an der eigenen Kraft und raubten ihr alle Zuversicht. Sie stand ja nicht unter der Herrschaft der Domina, kein Mensch im Kloster hatte das Recht, Hand an sie zu legen und sie zu peinigen, aber wo gab es denn für sie Recht und Gerechtigkeit? Sie war von aller Welt abgeschieden, hatte keine Mittel und keinen Weg, sich an irgendwen um Hilfe zu wenden, und ihres Verlobten Hilfe kam vielleicht zu spät. Vielleicht war sie dann schon schwach geworden und hatte ihren Glauben verleugnet, und war das geschehen, so war ihre Seele auf immer zerbrochen.

»Herr, mein Gott, verlaß mich nicht! Gib mir Kraft und Stärke, daß ich dir treu bleiben kann«, flehte sie, indem sie auf ihre Knie niedersank, und immer von neuem wiederholte sie: »Gott, gib mir Kraft und Stärke!«

Plötzlich fuhr sie auf. Es war ihr, als ob sie eine Stimme höre, die ihr mit mächtigem, metallenem Klange zurief: »Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.« Sie kannte dieses Wort gar wohl, der selige Ohm Bröcker in Goslar hatte es in seiner Bibel unterstrichen und einen Anker an den Rand gemalt. Jetzt erklang es ihr ins Herz hinein wie Posaunenton, und es war ihr, als gebe ihr der Allmächtige selber Antwort auf ihr Gebet und versichere sie seiner Gnade und seines göttlichen Schutzes. Sie empfand das wie ein Wunder und fühlte mit einem Male in diesem Augenblick, wie Gott seine Verheißung wahr zu machen weiß: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.« Ja, ihr war zumute wie einem Kinde, dem seine Mutter Trost zugesprochen hat, und das, während ihm noch die Tränen an den Wimpern hängen, schon wieder zu lächeln vermag über das, was eben noch sein kleines schwaches Herz erschreckte und bedrückte. Die Zuversicht, die sie vorher der Nonne gegenüber an den Tag gelegt hatte, erfüllte nun ihr Herz in noch ganz anderer Weise. Alle Furcht war aus ihrer Seele gewichen, sie fühlte sich sicher und geborgen in ihres Gottes starker, väterlicher Hand.

Da wurde die Tür aufgerissen, und die Domina erschien auf der Schwelle. Sie befand sich offenbar in größter Aufregung, denn sie zitterte an allen Gliedern, und ihre Wangen leuchteten wie Zinnober. Sie wies mit der Rechten auf Luckes Kleiderspind und gebot mit schriller Stimme: »Nimm deine Sachen und ziehe dich an und folge mir!«

Erschrocken war Lucke von ihren Knien aufgesprungen und blickte sie nun verwirrt an.

»Hörst du nicht?« fuhr die Domina sie an. »Du gehst mit mir!« »Wohin wollt Ihr mich bringen?« fragte Lucke, indem sie sich den Mantel umlegte. Sie war wie betäubt.

»Dorthin, woher du gekommen bist. Wärst du doch niemals zu uns gekommen!« versetzte die Äbtissin, und dann würdigte sie die Jungfrau keines Wortes mehr, sondern streifte sie nur von Zeit zu Zeit noch mit einem bösen Blick, in dem zugleich eine gewisse Furcht lag. So saß sie ihr dann in derselben Kutsche gegenüber, in der Wildefüer mit ihr ins Kloster gefahren war. Neben ihr hatte eine handfeste ältere Schwester Platz genommen, die jedenfalls mitgenommen war, um eine etwaige Flucht Luckes zu verhindern. Aber die Jungfrau dachte nicht an ein Entweichen. Es war eine wunderbare Ruhe über sie gekommen. Was diese Fahrt zu bedeuten hatte, wußte sie nicht. Nach den Worten der Domina schien es ja, als solle sie das Kloster wieder verlassen, aber ob das eine Besserung ihrer Lage bedeutete, oder ob noch eine schlimmere Prüfung ihrer harrte, war damit keineswegs gesagt. An ein Nachgeben ihres Vormundes glaubte sie nun und nimmermehr. Aber mochten die Menschen mit ihr tun und handeln, wie sie wollten, sie fühlte sich jetzt allem gewachsen, was über sie verhängt werden konnte, denn Gott war mit ihr.

Die Gegenwart der beiden Klosterfrauen hatte sie ganz vergessen und fuhr aus tiefen Gedanken auf, als der Wagen vor dem Hause des Bürgermeisters hielt.

Hans Wildefüer befand sich gerade bei einer Arbeit, die er alle Vierteljahre einmal verrichtete und niemals einem anderen überließ: er reinigte und putzte seine Waffen. Der Einbruch der Dunkelheit hatte ihn dabei überrascht, und so war denn die Diele seines Hauses aufs hellste erleuchtet, und von der Decke hing eine mit Wasser gefüllte Glaskugel herab, durch die eine hinter ihr befestigte Lampe einen runden Lichtkreis und viele glitzernde Kringel auf den Tisch hinabwarf. Dort stand sein blitzblank geputzter Brustharnisch, und neben ihm lagen sein breites Schwert und der gewaltige Eisenhammer, der einst in den Tagen der Stiftsfehde den Söldnern des Herzogs von Braunschweig und den aufsässigen Stiftsjunkern so furchtbar gewesen war. Er nahm ihn auf und ließ ihn einigemal durch die Luft sausen und stellte mit Befriedigung fest, daß er ihn noch ebenso leicht zu schwingen vermochte wie in den Tagen seiner Jugend.

»Das machen Euch in der ganzen Stadt kaum drei Männer nach und kaum einer in Eurem Alter, Vater«, sagte seine Tochter Gesche Brandis, die im Hintergrunde des weiten Gemachs am Herde stand und eine Wildente rupfte.

»Es liegt in unserem Geschlecht«, gab der Bürgermeister zur Antwort. »Alle Wildefüers sind starke Menschen, und ich habe meine Kraft zu keiner Zeit meines Lebens vergeudet, wie so viele tun.«

Er legte den Hammer wieder auf den Tisch und ergriff das Schwert, um es zu putzen. Da öffnete sich die Tür, und die Domina trat herein, gefolgt von Lucke und der Klosterschwester.

Wildefüer war so überrascht von dem Anblick, daß die Waffe seinen Händen entglitt und klirrend auf den Tisch aufschlug. »Was soll das heißen?« rief er.

Frau Elisabeth Erksleben fand in ihrer Aufgeregtheit zunächst keine Worte.

Dann sagte sie mit tiefem Aufatmen: »Ich kann die hier nicht länger bei uns behalten. Nehmt sie zurück!«

»Weswegen?« fuhr er auf.

»Deswegen. Lest, Herr!« Sie reichte ihm ein Papier, von dem ein großes, schweres Siegel herabhing. Die ganze Fahrt über hatte sie es in der Hand gehabt.

Wildefüer strich es glatt und hob es zum Lichte empor. Es von seinem Gesichte weit abhaltend, las er: »Der Domina und dem Konvent der Nonnen im Magdalenenkloster zu Hildesheim meine höchste Ungnad und Gottes Zorn zuvor! Ihr haltet, wie mir mein günstiger Freund Christof von Hagen hat zu wissen getan, eine Jungfrau bei Euch gefangen wider alles Recht, des Namens Lucke von Hary. Deshalben will ich Euer Feind sein und sage Euch hiermit ab und will Euch allen Schaden tun, soweit es Gott mir vergönnen mag.«

Diese Worte waren von einer zierlichen Schreiberhand geschrieben. Darunter aber stand mit einer Schrift, die wie aus Balken gefügt war: »Klaus von Barner, Ritter.«

Wildefüer ließ das Blatt sinken und sagte gelassen: »Davor fürchtet Ihr Euch, Ehrwürdigste? Euer Kloster liegt im Ringe unserer Mauern und Gräben und Wälle. Was kann der verzweifelte Bube Euch anhaben?«

»Ach viel, sehr viel!« rief die Domina und brach in Tränen aus. »Wir haben draußen in den Dörfern viele Gütlein und hörige Leute und Äcker und Häuser. Daran kann dieser Homo crudelissimus sein Mütchen kühlen. Man kennt ihn ja. Er ist der schändlichste Bösewicht auf dreißig Meilen ringsum. Gott bewahre jedermann vor ihm! Die Rauscheplatts auf Steuerwald sind mit ihm befreundet. Denen lasse ich noch morgen in aller Frühe sagen, daß diese Virgo maledicta nicht mehr in unsern Mauern ist. Sie mögen's ihm kundtun. Nein, redet mir nicht zu, es hilft nichts, ich muß das Heil der Herde bedenken, die mir anvertraut ist. Es hilft Euch nichts, ich will nicht, ich will nicht, non volo persuaderi, ich will nicht überredet werden. Lebt wohl! Lebt wohl! Tut mit der hier, was Ihr wollt.«

Damit drehte sie sich um. Ehe Wildefüer nur ein Wort hatte erwidern können, war sie zur Tür hinaus. Die Nonne folgte ihr, nur Lucke blieb zurück. Mit niedergeschlagenen Augen stand sie da und regte sich nicht, aber die wechselnde Farbe ihrer Wangen ließ erraten, welch ein Sturm in ihrem Innersten entfesselt war. Wildefüer hatte das Schreiben, das die Äbtissin erhalten, nicht laut vorgelesen, aber aus seinen Worten, wie aus denen der Domina konnte sie schließen, daß jemand sich ihrer angenommen hatte, der mächtig und zu fürchten war. Das hatte sicherlich Christof von Hagen bewirkt, denn wer kümmerte sich sonst um sie? Gott schien sie also erretten zu wollen aus der Hand ihrer Bedränger.

Lange herrschte ein tiefes Schweigen in dem Gemach. Wildefüer stemmte beide Hände vor sich auf den Tisch und blickte finster vor sich nieder, ohne ein Wort zu sprechen. Der lebhaften Frau Gesche brannte die Frage auf der Seele: Was soll nun werden? Aber sie wagte es doch nicht, sie über ihre Lippen gehen zu lassen.

Endlich wandte sich Wildefüer an sie und gebot kurz: »Führe diese da hinauf in die Stube, die sie früher bewohnt hat.«

Gesche erhob sich sogleich. »So komm!« sagte sie und zündete ein Licht am Feuer des Herdes an. Lucke folgte ihr ohne Widerstreben und schritt nach ihr die Treppe hinauf.

Droben sprachen die beiden wenig miteinander. Frau Gesche versprach dem unwillkommenen Gaste des Hauses, sie werde bald die alte Trine mit Abendbrot zu ihr heraufsenden, und ging dann mit einem kühlen Händedruck hinaus. Merkwürdig, daß sie, die sonst so Sichere, sich in Gegenwart dieses Mädchens immer etwas unsicher und beklommen fühlte! Ihr ganzes Wesen war ihr unbehaglich, ihre Schönheit erschien ihr fast unheimlich und dämonisch, und diese Schönheit hatte durch die lange Haft im Kloster nicht gelitten. Wohl waren ihre Wangen schmäler und bleicher geworden, aber die Augen hatten einen Glanz, den sie früher nicht gehabt hatten.

Mißgestimmt schritt sie die Treppe wieder hinunter. Sie konnte den Wunsch nicht unterdrücken, Lucke von Hary möchte lieber ihren Weg nicht wieder gekreuzt haben. Er war wohl nicht nur durch die leise Eifersucht zu erklären, die sehr schöne Frauen bei fast allen Geschlechtsgenossinnen erregen. Darüber fühlte sie sich im großen und ganzen erhaben. Sie beneidete so leicht keine um ihre körperlichen Vorzüge, außer wenn sie bei ihrem Manne begehrliche oder auch nur bewundernde Blicke wahrzunehmen glaubte. Nicht die Eifersucht machte ihr das Mädchen unleidlich, sondern das Gefühl einer inneren Beschämung vor ihr. Sie selbst las jeden Tag in Luthers Heiliger Schrift, aber außer ihrem Manne durfte das kein Mensch wissen. Das junge Ding dagegen, das zwölf oder dreizehn Jahre jünger war als sie, hatte den Mut, seinen Glauben vor aller Welt zu bekennen und um seinetwillen zu leiden. So fühlte sie sich ihr unterlegen, und diese Empfindung hatte ihr bisher unter den Männern nur ihr Vater, unter den Weibern überhaupt noch kein Mensch eingeflößt.

Mit einer Falte zwischen den Brauen betrat sie den unteren Raum, und diese Falte vertiefte sich, als ihr Blick auf ihren Vater fiel. Der war an einen Seitentisch herangetreten und füllte sich dort aus einer großen bauchigen Flasche Rotwein in ein Glas von nicht geringer Größe, das er dann in einem Zuge leerte. Zu Lebzeiten der Mutter hatte er im Hause kaum jemals Wein getrunken, jetzt dagegen geschah es häufig. Es war, als ob er Zuspruch und Trost im Becher suche. Das mißbilligte sie sehr, denn sie meinte, der schwere dunkle Wein sei seinem Geblüte schädlich. Aber sie wagte nicht, etwas dagegen zu sagen.

Wildefüer stellte das Glas auf das Tischchen, korkte die Flasche bedächtig zu, und nun stellte er die Frage, die sie vorhin unterdrückt hatte: »Was soll nun mit Lucke Hary werden?«

Frau Gesche war nicht wenig überrascht. Nur in kleinen Dingen, die das Hauswesen betrafen, hatte er sie bisher um Rat gefragt, in einer so bedeutungsvollen Angelegenheit noch niemals. Das schmeichelte ihr, und zugleich schoß ihr der Gedanke durch den Kopf, daß sie vielleicht dazu mitwirken könne, das Mädchen aus ihrem Kreise zu entfernen. Aber sie mußte behutsam vorgehen. Deshalb sagte sie nach kurzem Besinnen: »Meint Ihr, Vater, daß Herr Klaus von Hary etwas gewußt hat von dem neuen Glauben seiner Tochter?«

Wildefüer blickte sie verwundert an. »Du fragst töricht«, erwiderte er. »Nein, wahrlich nicht. Hätte er etwas geahnt, wer weiß, wo sie dann jetzt schon seit langem wäre! Sicherlich in einem Kloster!«

»Wenn er es nicht gewußt hat, so dünkt mich, Vater, der Eid, den Ihr ihm geschworen, sei null und nichtig«, sagte Frau Gesche ruhig.

»Was schwätzest du da!« fuhr er auf. »Wie soll ich das verstehen?«

»Ich meine so, Vater: Er wollte, Ihr solltet sie vor dem lutherischen Glauben bewahren, indem Ihr sie dem Hagen weigertet. Nun ist sie diesem Glauben schon längst verfallen. Was hilft es Euch also, daß Ihr die beiden nicht lasset zusammenkommen?«

»Leichtfertig und obenhin gedacht nach der Weiber Weise!« unterbrach er sie heftig. »Ich habe zum ersten geschworen, sie dem Schelm zu verweigern, wenn er nicht festhielte an dem Glauben unserer heiligen Kirche. Danach muß ich tun. Ich habe zum andern geschworen, daß ich sein will wie ein rechter Vater. Meinst du, ihr Vater hätte sie beharren lassen bei ihrem Irrtum? Er hätte alles daran gesetzt, sie auf den Weg des Heils zurückzubringen. So muß ich auch tun.«

Er hatte sich erhoben und ging nun mit starken Schritten in dem Gemach auf und nieder. Frau Gesche sah ihm eine Weile schweigend zu, dann sagte sie: »Ihr habt mir nicht gesagt, Vater, weshalb sie die Domina hat in Euer Haus zurückgebracht. Aber ich acht', es wird um des Hagen willen geschehen sein, der gestern in die Neustadt eingezogen ist. Ganz Hildesheim ist voll davon. Er plant wohl eine Gewalttat gegen das Kloster?«

»Er hat den Hund, den Klaus Barner, wider das Kloster gedungen. Der hat die Domina mit einem harten Briefe erschreckt. Wenn sie das Mädchen im Kloster behalte, so wolle er ihr allen Schaden tun, so droht der Bube.«

»Und so wird er Euch auch schreiben, wenn Ihr sie bei Euch behaltet, Vater.«

»Das mag wohl sein. Er sucht ohnehin Händel mit uns und dem Domkapitel.«

Frau Gesche schrak zusammen. »Er ist ein gefährlicher Mann. Wenn er eine Fehde anfängt, so läuft ihm reisiges Volk zu von allen Ecken und Enden.«

Wildefüer lachte verächtlich. »Meinst du, daß ich mich vor einem Landverderber und Bauernschinder fürchte? Er hätt' alle Ursach', sich vor mir zu fürchten, denn er kennt meine Hiebe.«

»Das weiß ich, Vater, daß Ihr Euch nicht vor einem andern fürchtet. Aber wer hat bei solchen Händeln einen Gewinn? Doch nur die Raubvögel, die davon leben. Wenn Ihr die Lucke von Hary auf einen Wagen packtet mit allen ihren Kleinodien und sie in die Neustadt schicktet« –

»Ich habe dir gesagt, warum ich das nicht kann«, brauste er auf. »Sprich mir nicht davon!«

Frau Gesche schwieg. Wieder wanderte er auf und nieder und sprach lange kein Wort. Endlich blieb er stehen und sagte: »Ich werde die von der Neustadt zwingen, den Hagen aus ihren Mauern zu entlassen. Ich habe die Macht dazu, und ich werde sie gebrauchen. Dessen kannst du versichert sein. Klaus Barner und seine Rotte fürchte ich nicht. Ich gehe jetzt in des Rates Trinkstube. Wenn du heimgehen willst, so kannst du gleich mit mir gehen. Zuvor aber habe ich noch eine Verrichtung, und es wäre mir lieb, wenn du dabei sein wolltest. Komm mit mir!«

Er schritt die Treppe hinauf, und Frau Gesche folgte ihm. Sie war etwas verwundert und neugierig, denn sie wußte nicht, was er im Sinne hatte. Sie erfuhr es aber sogleich, denn droben trat er bei Lucke ein und begann ohne Umschweife: »Ich muß dich vorderhand in meinem Hause halten. Das kann aber nur geschehen, wenn du mir einen Eid gelobst, daß du Haus und Hof und Garten mit keinem Schritt verlassen willst, es sei denn, daß ich dir's erlaube. Willst du das tun?«

Lucke zögerte mit der Antwort. »Ich will mich dessen erst bedenken«, sagte sie nach einer kleinen Weile. »Sinnst du auf Flucht?« fragte er gelassen. »Was hülfe es dir da, wenn du aus dem Hause gingest? Aus der Stadt entkämst du doch nimmermehr. Morgen in der Frühe lasse ich allen Torwächtern sagen, sie möchten auf dich besonders acht haben.«

Lucke schwieg. »Weigerst du dich des Eides, so muß ich dich in diesem Gemach wie eine Gefangene halten«, fuhr er fort. »Ich täte das nicht gern, aber es müßte sein.«

»Ich will nicht leichtfertig schwören, will mich erst bedenken, will es Euch morgen früh sagen«, erwiderte Lucke.

»So halte es diese Nacht, wie du es halten willst!« versetzte er kurz und schroff. »Komm, Gesche!«

Er verließ mit seiner Tochter das Gemach, und Lucke hörte, wie er von draußen den Schlüssel umdrehte. Auch vernahm sie noch, wie er der alten Trine, der Schaffnerin des Hauses, einschärfte, ein wachsames Auge auf sie zu haben. Dann verhallte drunten seine Stimme.

Da sank sie auf ihre Knie nieder und dankte Gott, daß er ihr aus dem Kloster hinausgeholfen habe, und bat ihn, er möge ihr Mut und Kraft verleihen, alle weiteren Prüfungen siegreich zu überstehen. So betete sie mit einer Zuversicht und Freudigkeit, wie noch niemals in ihrem Leben, denn Gott hatte ihr ja ein Zeichen gegeben, daß er mit ihr sein wolle. Sie war ja auch hier noch eine Gefangene, aber es war ihr zumute, als wären ihre Ketten schon halb zerbrochen. Das Werk ihrer Befreiung bereitete sich vor, und er würde es bald vollenden. Von diesem Glauben war sie ganz durchdrungen.

Als sie nach einer Weile drunten das Haus verschließen hörte, erhob sie sich von den Knien, löschte das Licht und legte sich frohen und getrösteten Herzens zum Schlummer nieder.


Auf dem Marktplatze der Hildesheimer Neustadt erhob sich neben dem Gildehaus der Leineweber das stattliche Wohnhaus des Bürgermeisters Eberhard Plate. Hier war vor acht Tagen Christof von Hagen mit zwei Knechten eingekehrt, freudig als Gast willkommen geheißen vom Herrn des Hauses und noch freudiger begrüßt von Frau Hedwig Plate, der die Leute nachsagten, daß sie der eigentliche Bürgermeister der Neustadt sei. In der Tat war die kräftige Vierzigerin ihrem zwölf Jahre älteren Gatten an Willenskraft und geistiger Regsamkeit weit überlegen, und wenn sie ihn nicht so gut beraten und seinen Ehrgeiz beständig angestachelt hätte, so wäre er kaum jemals in den Rat, geschweige auf den Bürgermeisterstuhl gelangt. Sie war aber nicht nur klüger und ehrgeiziger, sondern auch mutiger als er und alle die anderen Männer, die an der Spitze des kleinen Gemeinwesens standen, denn sie machte schon seit Jahresfrist und länger kein Hehl mehr aus ihrer Begeisterung für Doktor Martin Luthers Person und Sache. Sie ging nicht mehr zur Beichte, besuchte die Messe nicht mehr, die der Priester in Sankt Lamberti jeden Morgen las, sondern hielt in ihrem Hause Gottesdienste mit gleichgesinnten Männern und Frauen, wobei die Schrift verlesen ward und Luthers und seiner Freunde Lieder mit großer Andacht und Inbrunst gesungen wurden. Ihr Mann duldete das und nahm selber daran teil, war auch von der Wahrheit der neuen Lehre innerlich überzeugt, hielt aber damit vor der Welt, zurück und war zu einem öffentlichen Bekenntnis seiner Überzeugung nicht zu bewegen, ganz ebensowenig wie die biederen Ratsmannen der Neustadt, die in ihren Herzen fast allesamt dem neuen Glauben anhingen, aber seither wenig davon hatten verlautbaren lassen. Sie alle, Herr Eberhard Plate an der Spitze, hatten einen ungeheuren Respekt vor dem Haupte der mächtigen Altstadt, auf die sie übrigens von Kindesbeinen an voller Scheelsucht und Mißgunst hinblickten. Denn von alters her war das Verhältnis zwischen der größeren und der kleineren Stadt ein wenig freundnachbarliches gewesen, ja, es war in früheren Zeiten manchmal zu blutigen Zwistigkeiten gekommen, die natürlich stets mit einer Niederlage des weit schwächeren Teiles geendigt hatten. Das hatte in den Unterlegenen einen tiefen Groll erzeugt, der sich forterbte vom Vater auf den Sohn, wenn man ihn auch zumeist klüglich zu verbergen wußte. Die Altstädter dagegen sahen mit geheimem, zuweilen auch offen an den Tag gelegtem Spott auf das Städtlein herab, das hinter eigenen Mauern und Toren dahinlebte, jedes Jahr sich einen eigenen Rat kürte und doch in allen Dingen von Gewicht nach ihrer Pfeife tanzen mußte.

Seit Hans Wildefüer das Stadtregiment Hildesheims in seinen Händen hielt, war den Bürgern der Neustadt ihre demütigende Abhängigkeit mehrmals ganz besonders deutlich zum Bewußtsein gebracht worden. Ihn dünkte es lächerlich, daß dieses Anhängsel der Altstadt sich als ein selbständiges Gemeinwesen fühlte und betätigen wollte, und das ließ er die Neustädter Würdenträger zuweilen gar sehr merken. Darum waren sie ihm alle im Herzen feind, aber wenn er ihnen drohend riet, in ihren Sitzungen so oder so zu beschließen, so beschlossen sie, wie er es wollte, und duckten sich.

Niemand erboste sich darüber mehr als Frau Hedwig Plate, die Gattin des früheren Ratsherrn und jetzigen Bürgermeisters. Sie haßte den Mann als Neustädterin und als Protestantin, und in der letzten Zeit war dieser Haß gewissermaßen in eins verschmolzen und gewaltig angewachsen. Fast alle Ratsstühle in der Neustadt waren mit heimlichen Lutheranern besetzt. Warum ging es trotzdem nicht vorwärts mit der neuen Lehre? Warum mußte sie sich noch im Dunkeln halten, statt auf Markt und Gassen zu triumphieren? Warum sang da drüben in Sankt Lamberti der Pfaffe noch seine lateinischen Gesänge, anstatt daß Gottes lauteres Wort in deutscher Sprache von den Wänden widerhallte? Daran war niemand schuld als der Bürgermeister der Altstadt. Wie er drüben das Evangelium am Siege hinderte, so hinderte er es auch hier. Ihr Mann und seine Ratskumpane waren in ihren Augen Schlafkappen, Ölgötzen und Nachtmützen, weil sie sich das gefallen ließen. Denn der Bürgermeister Wildefüer habe ihnen den Teufel zu befehlen.

Diese Gedanken und Grundsätze entwickelte die rüstige und beredte Frau ihrem Gaste Christof von Hagen, der sein Buch ins Fensterbrett gelegt hatte und geduldig, zuweilen auch heimlich ergötzt, ihren Reden lauschte. Manches, was ihr an Wildefüer tadelnswert erschien, fand er insgeheim ganz richtig und verständig. Auch ihm war es von jeher wunderlich und unvernünftig erschienen, daß die acht Straßen den Namen einer besonderen Stadt beanspruchten. Schon vor hundert und mehr Jahren, das wußte er, wäre sie gewaltsam in die Altstadt einverleibt oder, wenn sie das nicht wollte, zerstört worden, wenn nicht der Dompropst seine schützende Hand über sie gehalten hätte. Der war damals ihr Herr gewesen und war es noch, aber zurzeit nur dem Namen nach, wie der Bischof über Hildesheim.

Frau Hedwig Plate bedachte in ihrem zornigen Eifer offenbar gar nicht, daß vor ihr der Abkömmling eines der ältesten altstädtischen Geschlechter saß, denn sie fuhr mächtig her über den Hochmut, den die Großen gegen die Kleinen an den Tag zu legen pflegten. Sie sah dabei bedrohlich aus, da sie bei ihren Worten ein blutiges Küchenmesser hin und her schwang. Es diente aber einer friedlichen Beschäftigung, nämlich dem Ausnehmen zweier Gänse. Die wollte sie übermorgen am Martinstage ihrem Mann und ihren Gästen vorsetzen und bereitete sie als gute Hausfrau selbst zu. Da ihr Gatte in den Rat gegangen war, hatte sie das Brett, auf dem die beiden fettstrotzenden Vögel lagen, auf den Tisch der Diele gestellt, um sich mit dem Gaste zu unterhalten und so das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Sie war für Christof von Hagen sehr eingenommen, und ihr hatte er es zu danken, daß ihn Herr Eberhard Plate in sein Haus eingeladen hatte. Das Ehepaar war mit ihm in Braunschweig bei einer großen Hochzeit zusammengetroffen, denn er besaß dort mit ihnen eine gemeinsame Muhme, deren Tochter einen Eimbecker Bürgerssohn heiratete. Nun war in Hildesheim kein Mensch so in der Leute Mund wie Christof von Hagen seit seinem Auftreten vor dem Rate und seiner Verbannung. Er sorgte auch fleißig dafür, daß man ihn nicht vergaß, denn er behielt sein Ziel unverrückt im Auge. Am Dreikönigstage fanden nach altem Brauche die Wahlen zu allen Ämtern in Hildesheim statt. Da sollte ihn eine der sechs Bäuerschaften zu ihrem Sprecher und Obmann wählen. Es war zwar noch niemals dagewesen, daß ein aus der Stadt Vertriebener in seiner Abwesenheit zu einem Amte gewählt worden wäre. Aber ein Gesetz dagegen bestand nicht. Allerdings durfte er, auch wenn die Wahl auf ihn fiel, deshalb nicht einen Tag früher in die Stadt zurückkehren. Aber wenn er dann im Frühling wiederkam, so konnte er den für ihn offengehaltenen Platz einnehmen. Das sollte und mußte geschehen um Luckes willen, von deren Geschick er durch seine Freunde und Späher genau unterrichtet war, aber auch um des Evangeliums willen. Denn in Braunschweig, wo er den Sommer über geweilt hatte, pfiffen es die Spatzen von den Dächern, daß im Frühling oder Sommer die große Fehde entbrennen werde zwischen dem bösen Heinz von Wolfenbüttel und den Fürsten und Städten des Schmalkaldischen Bundes. Da war sicher zu erwarten, daß Hans Wildefüer alles daransetzen werde, dem Herzog Hilfsvölker und Geschütze aus Hildesheim zuzuführen, und das mußte auf jeden Fall verhindert werden. Gewann der Bürgermeister den Rat für seinen Plan, so mußte die gemeine Bürgerschaft wider ihn aufstehen; wurde sie wieder einmal nicht um ihre Meinung befragt, so mußte sie vor das Rathaus ziehen und den Herren droben klarmachen, daß man sie in einer so hochwichtigen Sache nicht beiseiteschieben dürfe. Dazu aber bedurften sie eines Führers, der zu allem entschlossen war, und so ein Führer wollte er sein, er, Christof von Hagen.

Seine Aussichten dazu standen sehr günstig, das konnte er sich mit hoher Befriedigung sagen. Von Braunschweig aus hatte er die regsten Verbindungen unterhalten mit seinen Freunden und Glaubensverwandten in der Stadt. Briefe und Botschaften waren beständig hin und her gegangen, und er hatte weder Versprechungen noch Geld gespart. Denn er war nicht so heikel, daß er die Gemeinschaft mit Leuten verschmäht hätte, die weniger die Liebe zum reinen Evangelium auf seine Seite trieb als der verlockende Klang des gemünzten Silbers. Er wußte sehr gut, welch einen Zauber die harten Taler auf das Gemüt der kleinen Leute ausübten, und danach handelte er. So hatte er schon mehrere hundert Bürger gewonnen, die es heimlich zugesagt hatten, ihm ihre Stimme zu geben, und sein Anhang wuchs von Tag zu Tag. Seit er hier eingezogen war, ging es nach Einbruch der Dunkelheit in Herrn Eberhard Plates Hause zu wie in einem Bienenstocke, denn da kamen die kleinen Handwerksmeister und Gesellen, die heimlich der Lehre Luthers anhingen, aus der Altstadt herüber, um sich mit ihm zu bereden. Morgen, wenn die Abendglocken geläutet hatten, sollten die Angesehensten und Entschlossensten unter ihnen zugleich erscheinen zu einer vertraulichen Beratung, von der er sich viel versprach.

Das alles ließ er sich durch den Kopf gehen, während seine beredte Wirtin unaufhörlich auf den altstädtischen Hochmut im allgemeinen und die Überhebung und Tücke des Bürgermeisters Wildefüer im besonderen schalt. Nur hier und da warf er einen Brocken dazwischen, damit sie nicht glauben solle, ihr Redestrom verhalle ungehört. Plötzlich aber fuhr er so jäh und heftig von seiner Fensterbank in die Höhe, daß Frau Hedwig erschrocken ihr Messer fallen ließ und ihn mit großen Augen anstarrte. »Um Gottes willen! Was ist Euch, werter Herr Vetter?« rief sie.

»Da seht einmal hin!« erwiderte Hagen und wies mit der Hand auf den Markt hinaus. Drüben war soeben ein Mann aus der Tür des Rathauses getreten, der Barett und Ratsherrnmantel und um den Hals eine breite silberne Kette trug, an der ein großer goldener Pfennig auf seine Brust herniederhing. Das Oberhaupt der Altstadt hatte dem Rate der Neustadt im vollen Schmuck seiner bürgermeisterlichen Würde einen Besuch abgestattet.

»Wildefüer!« rief Hedwig Plate. »Ist das möglich? Wir haben ihn doch nicht hineingehen sehen.«

»Wer achtet auf jeden, der über den Markt kommt!« sagte Hagen und verfolgte mit finsteren Blicken die Gestalt seines Feindes, der langsam und ohne sich umzublicken, nach der Marktecke hinwandelte, um dann in die Schuhstraße einzubiegen.

»Das hat etwas zu bedeuten! Für nichts und wieder nichts kommt der Schelm nicht nach der Neustadt, am wenigsten in einem solchen Aufzuge!« rief die Bürgermeisterin aufgeregt. »Denkt an mich! Der hat uns irgend eine böse Suppe eingerührt! Wie trägt der Bube den Kopf im Nacken! Mir läuft die Galle über, wenn ich ihn nur ansehe!«

Hagen nickte. »Da könnt Ihr recht haben. Sein Kommen hat gewißlich etwas zu bedeuten, und mir schwant, er ist um meinetwillen gekommen.«

»Um Euretwillen? Warum denkt Ihr das?«

»Er hat sehr von oben herab mit mir geredet, da ich zuletzt vor ihm stand. Aber er weiß es nur zu gut, daß er mich zu fürchten hat. Er wird mich von hier wegbeißen wollen. Darauf bin ich lange schon gefaßt.«

Frau Hedwig schüttelte den Kopf. »Warum? In einem halben Jahre kommt Ihr wieder nach Hildesheim hinein, und er kann es nicht hindern.«

»In einem halben Jahre kann viel geschehen«, entgegnete Hagen düster. »Er denkt vielleicht, daß er bis dahin meine Braut, die er in seinem Hause wie eine Gefangene hält, an einen anderen verheiratet hat. Was er dazu tun kann, das tut er sicherlich, und von mir versieht er sich wohl einer Gewalttat. Es stört seine Ruhe, daß ich in seiner Nähe hause.«

»Das mag wohl sein«, erwiderte sie nach einigem Bedenken. »Aber der oder jener soll unsere Ratsherren holen, wenn sie sich durch das große Maul einschüchtern lassen und wider Euch etwas unternehmen! Ihr seid hier, und Ihr bleibt hier! Damit basta!«

Sie ergriff das Brett mit den beiden Gänsen und begab sich nach dem Boden, wo sie die Tiere an einem Balken aufhängen wollte. Hagen nahm das neben ihm liegende Buch auf und versuchte weiterzulesen, aber er legte es bald wieder beiseite. Die Dämmerung begann hereinzubrechen, und er vermochte ohnedies nicht, seine Gedanken auf die Frage zu richten, von der es handelte. Wildefüers Besuch in der Neustadt hatte ihm gegolten, das war ihm ganz gewiß, und er war höchlich gespannt darauf, zu hören, was er wider ihn vorgebracht hatte.

Seine Neugier wurde auf keine zu harte Probe gestellt, denn nach einer knappen halben Stunde erschien Herr Eberhard Plate, gerade als seine Hausfrau das Licht hereinbrachte und auf den Tisch stellte. Der dicke, schwere Mann warf den Mantel ab und ließ sich pustend und schnaufend in seinen Lehnstuhl fallen. An der Art, wie er die nicht eben hohe Stirn in Falten zog und das fleischige Unterkinn gegen die Brust preßte, erkannte seine Gattin, daß ihm etwas Unangenehmes widerfahren war.

»Nun? Was ist denn geschehen?« platzte sie heraus. »Wir haben es wohl gesehen, daß der altstädtische Bürgermeister bei Euch im Rathause war. Was hat er denn da gewollt, der hohe Herr?«

»So laß mich doch erst zu Atem kommen, Weib«, erwiderte der Bürgermeister unwirsch. »Das richtigste wäre, du erführest gar nichts von dem, was auf dem Rathause verhandelt wird. Du brauchst in Wahrheit nicht alles zu wissen.«

»Was?« rief sie und stemmte die beiden kräftigen Arme kampflustig in die Seite. »Was fällt dir ein, Mann? Vor mir willst du Geheimnisse haben? Vor deinem angetrauten Weibe?«

»Der Stadt Geheimnisse habe ich auch vor dir zu bewahren«, sagte der Bürgermeister.

»Was du sagst! Aber hier handelt sich's nicht um der Stadt Geheimnisse Der Schelm von der Altstadt hat gewißlich versucht, unserem Gaste hier etwas auszuwischen.«

Herr Eberhard Plate blickte seiner klugen Ehehälfte starr ins Gesicht. »Wie kannst du denn das wissen?« rief er verblüfft.

»Halte dafür, mein kleiner Finger hätt's mir gesagt. Du weißt ja, er ist manchmal so klug und klüger als Euer ganzer Rat zusammen. Was ist's nun also, was dieser Holofernes von Euch will?«

Der Bürgermeister räusperte sich. »Er hat eine Klage gegen Euch erhoben, Vetter«, sagte er. »Hat Euch schuld gegeben, daß Ihr eine Fehde angefangen hättet wider Hildesheim, Eure Vaterstadt, im Bunde mit Klaus Barner.«

»Das lügt er!« rief Hagen und sprang von seinem Sitze empor. »Nicht mit Hildesheim will ich Fehde führen, wahrlich nun und nimmermehr! Nur mit ihm selber habe ich einen schweren Handel, und dafür habe ich mir Klaus Barner zum Helfer gedungen. Ich habe die Fehde an ihn verkauft, wie es gang und gäbe ist unter den Leuten, und wie alle tun, die kein Recht finden wider einen übermächtigen Feind.«

Der Bürgermeister wiegte bedenklich den Kopf hin und her. »Solches geschieht ja und ist schon vielfach geschehen«, sagte er vorsichtig. »Aber der Landfrieden des Kaisers verbietet es und gebietet, daß man sein Recht bei dem Gericht des Reiches suche.«

Hagen lachte. »Dann kommt der Spruch heraus, wenn meine Lucke zum vierzigsten Male ihren Geburtstag feiert und mir die Haare schon ausfallen.«

Der Bürgermeister seufzte. »Da habt Ihr ja wohl nicht unrecht. Aber wenn Ihr Euch nur nicht gerade an Klaus Barner gehängt hättet! Der Mensch ist zu frech. Wißt Ihr schon, was er getan hat wider den Domherrn von Münchhausen?«

»Nein!«

»Nun denn, so hört. Er hat ihm einen Boten zugesandt mit der Bitte, er möge vor das Hagentor kommen, der von dem Rauscheplatt wolle mit ihm reden. Der Domherr folgt dem Rufe ohne Arg, denn er ist dem Rauscheplatt befreundet. Als er aber vor das Tor kommt, sagt ihm sein Bube, den er hat vorauslaufen lassen: »Herr, da halten fünf oder sechs zu Pferde im Winkel hinter dem Garten und haben ein lediges Pferd bei sich.« Herr Wilke kehrt eilend um, denn er riecht den Braten. Da setzt ihm der Knecht, der ihm die Botschaft gebracht hat, das Feuerrohr auf die Brust und schreit: »Herr, Ihr müßt dorthin gehen. Da ist mein Junker!« Und wie Herr Wilke trotzdem an ihm vorbei will, drückt er ab. Der Schuß geht fehl, Herr Wilke stößt ihn mit seinem Messer nieder und gewinnt die Stadt. Den gestochenen Knecht aber hat Klaus Barner abgeholt mit seinen Gesellen und hat dem Domherrn blutige Rache geschworen. Die von Hildesheim erwarten, daß er der Stadt und aller Pfaffen Feind wird und ihnen absagt in den nächsten Tagen.«

»Tut er das, so tut er's auf eigne Rechnung«, erwiderte Hagen finster. »Ich habe damit nichts zu schaffen.«

»Das glaube ich Euch wohl, und meine Ratsgesellen glauben's auch«, sagte Herr Eberhard Plate mit bekümmerter Miene. »Aber viele werden's Euch nicht glauben, und der Bürgermeister schreit Euch überall aus als den Gesellen eines Landfriedensbrechers und hat von uns gefordert, daß wir Euch sollen aus den Toren weisen und nicht länger behalten als übermorgen, wenn's zum Abend läutet.«

Hier schlug Frau Hedwig mit ihrer fleischigen Hand auf den Tisch, so heftig, daß der Leuchter zu tanzen begann. »Nein, es ist nicht zu sagen, was dieser Tyrann Euch zu bieten wagt!« rief sie mit blitzenden Augen. »Seid Ihr seine Knechte? Habt Ihr ihm Eide geschworen, daß Ihr ihm wolltet zu Willen sein? Was gehen Euch seine Fehden an, und was geht es ihn an, wen Ihr in Euren Mauern hegt und hauset? Wäre ich an deiner Statt gewesen, Mann, so hätt' ich ihn lassen ablaufen, daß er das Wiederkommen vergessen hatte. Was habt Ihr ihm denn zur Antwort gegeben?«

»Wir haben gesagt, wir wollten uns dessen bedenken«, erwiderte der Bürgermeister kleinlaut. Wenn er die Augen seiner lieben Frau so auf sich gerichtet sah, wie es jetzt geschah, ward ihm jedesmal sehr unbehaglich zumute.

»Bedenken! Bedenken!« höhnte sie. »Was gibt es da groß zu bedenken! ›Tut uns den Gefallen, und laßt uns in Frieden‹, hätte ich gesagt, und hätt' ihn lassen abziehen.«

»Du redest, wie du's verstehst«, knurrte der Bürgermeister ärgerlich. »Die Neustadt braucht die Altstadt allerwegen, insonderheit in diesen bösen Zeitläufen, wo die Not immer höher steigt und das Getreide jeden Tag teurer und knapper wird.«

Frau Hedwig lachte spöttisch: »Meint Ihr Herren vom Rat, die Altstadt werde Euch auch nur ein Körnchen Roggen oder Weizen geben? Sie haben wohl selber wenig davon.«

»Sie haben sehr viel«, versetzte der Bürgermeister mit Nachdruck. »Er hat die Klöster gezwungen, ihre Speicher aufzutun. Und dreihundert Lüneburger Scheffel hat er uns angeboten zu einem nicht allzu hohen Preise als nachbarliche Hilfe.«

Frau Hedwig starrte ihren Gatten an, als habe sie nicht recht gehört. Das Wort erstarb ihr im Munde. »Wie kommt er dazu?« brachte sie endlich hervor.

»Das will ich Euch sagen, liebe Frau Base«, rief Hagen mit einem bitteren Lachen. »Ich sehe, wie der Hase läuft. Er bietet der Neustadt Hilfe in der Not und überteuert sie auch nicht, aber dafür fordert er, daß mir der Rat Schutz und Geleit kündigt. Ist's nicht so, Herr Vetter?«

»Ihr habt's erraten«, entgegnete Herr Eberhard Plate verlegen.

»Das war nicht schwer zu erraten. Stehen die Dinge aber so, dann muß ich den Herren ja noch dankbar sein, daß sie um Bedenkzeit gebeten und mir nicht auf der Stelle den Stuhl vor die Tür gesetzt haben.«

Der Bürgermeister faßte seine Hand. »Wir täten's nicht gerne, Herr Vetter, daß wir Euch ziehen ließen, denn Ihr seid uns lieb und wert, und wir erhoffen viel von Euch.«

»Ihr werdet es gleichwohl tun müssen,« sagte Hagen, »und Gott soll mich davor bewahren, daß ich Euch suchte zu bereden, mich in der Stadt zu behalten! Eure armen Leute brauchen Brot, daß sie nicht Hunger leiden. Ich reite freiwillig heute über drei Tage aus Eurem Tore hinaus.«

»Nein!« rief die Bürgermeisterin und schlug zum zweiten Male auf den Tisch, während ihr Tränen des Zornes und der Scham in die Augen traten. »Ist der Rat der Neustadt wie ein Hund, der seinem Herrn zu Füßen kriecht, weil er Brot und Knochen von ihm erhält?«

»Der Rat der Neustadt, liebe Frau Base, hat das Wohl der gemeinen Bürgerschaft zu bedenken, und so muß er nachgeben, denn der Hunger tut weh. Darin will ich ihm nicht im Wege sein, es wäre wohl auch vergeblich. Ich warte Euren Beschluß nicht ab, sondern reite übermorgen aus Euren Toren freiwillig ab.«

Der Bürgermeister faßte seine Hand zum zweiten Male und drückte sie mit großer Heftigkeit. Es war ihm deutlich anzumerken, daß er sich voll einer großen Last befreit fühlte. »Ich danke Euch, Herr Vetter«, sagte er. »Ihr seid ein edler Mann und ein Mann, der die Welt kennt und weiß, daß man nicht immer kann, was man will. Könnt' ich, wie ich wollte, so behielt' ich Euch in meinem Hause, bis Ihr wieder heimkehren dürft in Euer Haus. Aber so –«

»Es ist gut, Herr Vetter, ich verstehe Euch«, unterbrach ihn Hagen. »Nur darum bitte ich Euch, daß Ihr mir vergönnt, morgen abend noch in Eurem Hause mit unseren Glaubensgenossen aus der Altstadt zu verhandeln.«

Der Bürgermeister zog die Stirne hoch, aber ehe er etwas erwidern konnte, kam ihm seine Ehehälfte zuvor. »Dem steht nichts im Wege! Nicht wahr, Mann?« rief sie und blitzte ihren Gatten so drohend mit ihren runden Augen an, daß Herr Eberhard Plate sich bewogen fühlte, um des häuslichen Friedens willen seinen Widerspruch fallen zu lassen. »Es sei, ich habe nichts dagegen«, sagte er. »Doch erlaubt mir, daß ich mich fernhalte.«

»Das magst du halten, wie du willst, du Bangbüchse!« rief Frau Hedwig. »Gehe derweilen hinüber in die Ratsschänke. Ich aber will dabei sein, und niemand soll mich hindern.«

»Ich danke Euch, Herr Vetter und liebwerte Frau Base«, sagte Christof von Hagen und begab sich hinauf in sein Gelaß. Dort suchte er sein Schreibgerät und schrieb einen Brief an den Ritter Ludolf von Rauscheplatt, den Drost des Bischofs auf dem festen Hause Steuerwald. Der war ein Freund Klaus Barners und gewährte ihm heimlich seine Hilfe und hatte schon mehrfach geäußert, der aus Hildesheim verbannte Freund seines Freundes werde ihm auf seinem Schlosse stets willkommen sein. Ihn bat er, daß er ihm eine Zuflucht gewähren möge für die nächste Zeit, denn es lag ihm viel daran, jetzt in der Nähe der Stadt zu bleiben, und Steuerwald lag nur eine halbe Wegstunde von den Ringmauern Hildesheims entfernt.

Während er schrieb, umspielte seine Lippen mehrmals ein bittres Lächeln. Das waren die Bekenner von der Neustadt! Sie hatten ihn zu sich eingeladen, weil sie von ihm hofften, er werde der lutherischen Sache in Alt-Hildesheim und damit auch bei ihnen zum Siege verhelfen. Nun ließen sie ihn ziehen, weil sie sonst Entbehrungen zu fürchten hatten. Die wollten sie nicht auf sich nehmen. Das irdische Brot war ihnen wichtiger als das Brot des Lebens, von dem die Schrift redet. Aber konnte er eigentlich etwas anderes erwarten? Ach, es gab wohl hier und da einen Menschen, der zum Märtyrertum geschickt war! Die große Menge der Menschen war nicht dazu geschickt. Leiden und Not auf sich zu nehmen um eines himmlischen Gutes willen, das war nicht ihre Sache. Sie wollten vor allem leben und zwar möglichst gut leben. Wer also mit Hilfe der großen Masse einer großen Sache den Weg bereiten wollte, der mußte ihr etwas bieten und wenn es nur die Aussicht auf ein gutes oder besseres Leben war. Diese Erkenntnis war ihm schon lange aufgedämmert, jetzt wurde sie ihm deutlich mit voller Klarheit. Wenn er in seiner Stadt den Sieg des Evangeliums in kurzer Zeit erreichen wollte, so durfte er den Leuten nicht nur Gottes Wort und freie Übung ihrer Religion versprechen. Das kam für viele erst an zweiter Stelle. Weit lieber hörten sie, wenn ihnen gesagt wurde: Fällt der alte Glaube, so müssen die Pfaffen aus der Stadt weichen, und ihre großen Güter und Reichtümer fallen der Gemeinde zu. Gab er diese Losung aus, so hatte er zu den zwei- oder dreihundert Anhängern, die er jetzt in der Stadt besaß, auf der Stelle noch einmal soviele dazu, und unter denen waren Leute, die auch vor einer verwegenen und gefährlichen Tat nicht zurückschreckten.

So schrieb er denn, als er mit dem Schreiben an Ludolf von Rauscheplatt fertig war, noch zwei kleine Brieflein an die ehrsamen Meister, seine günstigen Freunde und Brüder in Christo, Hans Leist und Hinrich Eimann, von denen er wußte, daß sie zwei geschworene Feinde der Pfaffen waren, Feinde auch des Rates und aller vornehmen und reichen Leute. Er wußte wohl, daß er damit einen gefährlichen Weg einschlug, und wenn er an Luther dachte, so klopfte ihm das Herz. Erst vor kurzer Zeit hatte er in Braunschweig die kleine Schrift von ihm gelesen, die den Titel trug: »Treuliche Vermahnung an alle Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung.« Darin erklärte der Reformator allen Aufruhr wider die weltliche Obrigkeit für ein Werk, das der Teufel auf Erden anstifte. Was würde er sagen, wenn er hörte, daß der Sieg des Evangeliums in Hildesheim mit Hilfe der Rottengeister errungen werden sollte? Sicherlich würde er das mißbilligen und ihn mit väterlichem Ernst davor warnen, mit solchen Menschen sich einzulassen. Es war ihm, als vernähme er seine Stimme, die ihn einst – es war noch gar nicht lange her – ermahnt hatte, daß er kein falsches Feuer bringen solle auf den Altar Gottes. Schon schwankte er, ob er die Briefe absenden solle, die jene beiden einluden, morgen mit in die Neustadt zu kommen. Aber dann sah er mit einem Male Luckes Augen traurig und vorwurfsvoll auf sich gerichtet, und sein Schwanken war zu Ende. Er entzündete ein Licht und siegelte die Schriftstücke alle drei zu. Das eine sollte sein Knecht am andern Morgen nach Steuerwald tragen, die anderen wollte er einem Diener der Frau Hedwig Plate anvertrauen, der unter irgend einem Vorwande sogleich hinüber in die Altstadt geschickt werden sollte. Die beiden unruhigen Geister wohnten einander gegenüber in der Straße, die den Namen »Das Fegefeuer« führte.

Er erhob sich mit harter Entschlossenheit im Blick und schritt zur Tür. Aber als er sie öffnete, prallte er zurück und konnte einen lauten Ruf des Staunens nicht unterdrücken. Denn draußen stand ein Mann, dessen Erscheinen er nun und nimmermehr erwartet hatte – Hans Wildefüers alter vertrauter Knecht.

»Valentin!« rief Hagen und streckte ihm beide Hände entgegen. »Wie kommst du hierher? Schickt dich jemand zu mir?«

Der Alte trat in das Zimmer mit einem verlegenen Lächeln in dem runzligen Gesicht und mit Tränen in den Augen. »Mich schickt niemand«, entgegnete er, und sich scheu umblickend, setzte er hinzu: »Der Herr darf's nicht wissen, daß ich zu Euch gegangen bin. Aber ich wollte doch meinen alten Junker Christof wiedersehen. Ich konnt's nicht mehr aushalten. Aber daß es nur der Herr nicht erfährt! Ach Junker, lieber Junker, warum mußtet Ihr Euch mit unserem Herrn so verzürnen!«

Hagen schloß den Greis in seine Arme. Auch ihm wurden die Augen feucht, denn er dachte der Tage seiner Kindheit, und Frau Mettes Bild stieg vor seinen Augen auf. Er brauchte eine ganze Weile, ehe es ihm gelang, seine Bewegung niederzuzwingen. Dann drückte er den alten Freund seiner Kinderjahre sanft auf einen Stuhl nieder und sagte: »Nun erzähle, Valentin. Wie geht es dir? Du mußt doch hoch in die Sechzig sein. Bist du noch gesund und frisch?«

Der Greis schüttelte kummervoll den grauen Kopf, und eine Träne rann ihm über die Wange. »Gesund bin ich noch, den Heiligen sei Dank! Aber frisch bin ich nicht mehr. Das Leben ist traurig und trübe geworden, seit unsere Frau tot ist. Der Herr spricht oft den ganzen Tag kein Wort. Er geht jetzt viel in die Trinkstuben, ist fast keinen Abend zu Hause.«

Hagen schwieg eine Weile. Dann sagte er, indem eine dunkle Glut in sein Antlitz stieg: »Und wie geht es meiner – wie geht es der Jungfrau Lucke Hary, die bei Euch im Hause lebt?«

Der alte Knecht blickte ihn scheu an. »Ihr wißt es, daß er sie wie eine Gefangene hält?«

Hagen fuhr auf. »Wie eine Gefangene? Was heißt das?«

Valentin dämpfte bei der Antwort seine Stimme so, daß sie kaum zu hören war. »Er hat von ihr gefordert, daß sie ihm mit einem Eide gelobe, das Haus nicht zu verlassen, nicht mit einem Schritte. Den Eid hat sie verweigert. Darum hält er sie eingeschlossen oben in der blauen Stube unserer seligen Frau. Niemand darf zu ihr als die alte Trine.«

Hagen saß wie erstarrt. Daß Lucke aus dem Kloster in das Haus des Bürgermeisters zurückgebracht war, hatte er erfahren. Wie sie dort lebte, hatte er nicht in Erfahrung bringen können. Nun wußte er's. Sie lebte das freudlose Leben einer Gefangenen und sehnte sich wohl Tag und Nacht nach dem Retter, der ihr die Freiheit bringen sollte. Wie mochte sie sich härmen in ihrer Einsamkeit!

Eine ungeheure Erregung überkam ihn; er hätte am liebsten laut aufgeschrien. Aber mit eiserner Willenskraft zwang er sich zur Ruhe und sagte nach einer kurzen Pause des Schweigens ruhig, als spräche er über ein gleichgültiges Ding: »Willst du mir etwas zuliebe tun, Valentin?«

»Gern, lieber Junker, wenn es nicht wider meinen Herrn ist.«

»Es ist nicht wider deinen Herrn. Du sollst der Jungfrau Lucke von Hary nur sagen, ich, Christof von Hagen, ließe sie grüßen und ihr sagen, sie möge den Eid schwören, den der Bürgermeister von ihr fordert.«

»Das ratet Ihr, Junker Christof? Dachte, Ihr würdet sie in ihrem Trotz bestärken«, rief der Alte erstaunt.

»Was kann ihr der Trotz nützen?« erwiderte Hagen. »Sie hat ein besseres Leben, wenn sie ihn aufgibt, und fortlaufen aus dem Haus kann sie ohnedies nicht. – Aber forttragen kann man sie,« setzte er in Gedanken hinzu, »und das wird viel leichter zu bewerkstelligen sein, wenn sie frei im Haus und Hof umhergehen kann.«

»Das wird dem Herrn nur lieb sein«, sagte Valentin. »Zu seiner Tochter, was die Brandissche ist, hat er neulich gesagt, er ließe ihr gern mehr Freiheit, aber sie wolle ja nicht. Das habe ich selber gehört.«

»So? Das trifft sich ja gut«, erwiderte Hagen und begann von anderen Dingen zu reden. Erst nach einer Weile setzte er hinzu: »Da fällt mir ein: Es könnte wohl sein, daß Lucke von Hary dir gar nicht glaubt, wenn du ihr das ausrichtest, was ich dir gesagt habe. Sie möchte wohl denken, der Bürgermeister habe dich angestiftet, nicht ich.«

»Das könnte sein«, versetzte Valentin. »Ja, sie wird es schwerlich glauben, wenn ich's ihr durch die Tür zurufe.«

»So will ich dir einen Zettel mitgeben, den magst du ihr unter der Tür zuschieben. Wenn sie meine Handschrift sieht, wird sie dir glauben.«

»Ja, tut das, Junker Christof«, entgegnete der Alte arglos.

Hagen nahm ein Stück Papier aus seiner Mappe und schrieb nur die wenigen Worte: »Herzliebster Schatz! Schwöre den Eid, den der Bürgermeister von Dir verlangt. So Du frei umhergehen kannst, vermag ich Dich leichter zu befreien, als wenn Du eingeschlossen bist. Bewahre guten Mut. Gott wird Dich erretten in einer Kürze. Er sei uns allen gnädig! Dein in den Tod getreuer Christof von Hagen.«

Er faltete den Zettel nur lose zusammen und versiegelte ihn nicht, denn er wußte, daß der Greis des Lesens und Schreibens nicht kundig war. Fiel sein Schreiben aber durch einen unglücklichen Zufall in eine andere Hand, so nützte das Siegel auch nichts.

»Es steht doch nichts gegen den Herrn drin?« fragte Valentin, als ihm Hagen das Papier übergab.

»Kein Wort. Du kannst mit gutem Gewissen deinen Botenlohn nehmen«, beschwichtigte ihn Hagen und bot ihm einen harten Taler. Darauf stotterte der Greis unzählige Dankesworte, küßte ihm die Hand und wünschte ihm glückliche Heimkehr im Frühling. Dann fiel ihm ein, daß sein langes Fortbleiben vielleicht daheim auffallen könne, und er hub sich eilig von dannen.

Als er gegangen war, stand Hagen noch lange auf demselben Flecke und starrte vor sich nieder. Sein Gesicht wurde immer finsterer. »Es muß dem ein Ende gemacht werden«, knirschte er. »Und wenn's nicht anders geht – nun denn, in des Teufels Namen, durch eine Gewalttat!«

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