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Wildefüer

Paul Schreckenbach: Wildefüer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Schreckenbach
titleWildefüer
publisherL. Staackmann Verlag
printrun54.-58. Tausend
year1936
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectid3d5b6a27
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Zwei Abgeordnete hatten die Braunschweiger nach Hildesheim gesandt, den einen ihrer Bürgermeister und den alten Ratsherrn Petersen. Der Bürgermeister war ein noch junger Mann, scharf und schneidig und ganz der neuen Lehre ergeben, die ja in Braunschweig schon seit fast dreizehn Jahren den Sieg errungen hatte. Der alte Petersen hatte unter die Ratsherren gehört, die sich von dem aufgeregten Volke die Erlaubnis zur Predigt des Evangeliums hatten abringen lassen und deshalb auf ihrem Sitze belassen waren. Seine lutherische Rechtgläubigkeit war den hochwürdigen Predigern der Stadt einigermaßen verdächtig, denn er ließ sich selten in ihren Gottesdiensten sehen, aber er tat und sagte auch niemals etwas gegen die neue Lehre, und so ließ man ihn in Frieden. Zum Abgesandten nach Hildesheim empfahl ihn, daß er Wildefüers Vetter und der Pate seines Sohnes war, denn wenn man von den Hildesheimern etwas erlangen wollte, so mußte man vor allem Wildefüer gewinnen. Das wußte im braunschweigischen Rate jedermann.

Aber weder die kraftvolle Beredsamkeit des Bürgermeisters, noch die Rücksicht auf seinen alten Freund und Gevatter brachte Wildefüer dahin, auf den Wunsch und die Bitte der Braunschweiger einzugehen. Nachdem die beiden Gesandten ihre Bitte vorgebracht und dann der Sitte gemäß das Zimmer verlassen hatten, sagte er: »Der Prädikant hat sich gegen unser Stadtrecht vergangen, der Rat hat ihn zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die büßt er ab, wird dann durch den Henker aus der Stadt gebracht und kann gehen, wohin er will. Wo kommen wir hin, wenn wir gestern so und heute so und morgen wieder anders beschließen! Die Lage hat sich in keiner Weise dadurch geändert, daß uns die Braunschweiger nach ihrem Schreiben nun auch noch Abgesandte geschickt haben.«

»Nur, daß wir daraus ersehen, welch ein Gewicht sie der Sache beilegen«, warf Harmen Sprenger ein.

»Das könnte man daraus wohl schließen«, entgegnete Wildefüer. »Indessen, wenn sie sehen, daß sie dadurch unseren Sinn wandeln, so werden sie jedesmal ein paar Männer zu uns herüberschicken. Wir wollen ihnen, liebe Freunde, mit aller Höflichkeit erwidern, daß wir in ihr Begehren nicht zu willigen vermögen.«

So geschah es, denn er drang, wie immer, mit seiner Meinung durch. Aber dann ereignete sich ein Zwischenfall, der bei vielen der Hildesheimer Ratsherren sehr bedenkliche Mienen hervorrief. Der braunschweigische Bürgermeister weigerte sich, den Ehrentrunk entgegenzunehmen. Seit undenklichen Zeiten war es in Hildesheim Sitte, den Ratsmannen der befreundeten Städte, die in Sachen ihrer Gemeinde in die Stadt kamen, bei den wohlhabenden Geschlechterherren, die sich dazu erboten, oder die ihnen etwa persönlich befreundet waren, Unterkunft zu gewähren und sie nach der Verhandlung hinabzuführen in des Rates Trinkstube. Dort wurde ihnen auf Kosten der Stadt so viel des guten Weines vorgesetzt, wie sie zu trinken begehrten. Daß einer das jemals ausgeschlagen hätte, war wohl noch nie vorgekommen. Jetzt aber erklärte der Braunschweiger hart und scharf:

»Ihr habt meiner Stadt eine Bitte abgeschlagen, die zu erfüllen Euch nichts gekostet hätte. Wie Braunschweig das aufnehmen wird, steht dahin. Aber die Bitte lag auch mir am Herzen, und wie ich Eure Unhandlichkeit aufnehme, das soll Euch nicht verhohlen sein, Bürgermeister und Ratsmannen von Hildesheim! Ihr bietet mir den Ehrentrunk in Eurem Keller. Fünfzig Schritte davon liegt meines Glaubens Genosse gebunden in Eurem Gefängnis. Meint Ihr in Wahrheit, ich setzte mich, während er dort schmachtet, in Euren Keller zum Weine nieder? Mein Geselle Petersen hier mag tun, was er für gut befindet, ich tue, was ich für Recht halte. Ich gedenke auch nicht in Eurer Stadt zu nächtigen und will keinem von Euch beschwerlich fallen. Ich gehe nach Eurem Stalle und hole meine Rosse und reite in die Neustadt. Gehabt Euch wohl!«

Damit drehte sich der vor Zorn glühende Mann auf den Hacken um und verließ das Gemach. Die Ratsherren von Hildesheim blickten einander an, als hätten sie nicht recht gehört. Einigen blieb der Mund vor Schreck und Verwunderung offen stehen. Dann wandten sich aller Augen dem Bürgermeister zu.

Der blieb ganz ruhig, und nicht ein Zug in seinem Antlitz ließ erraten, daß ihn der Auftritt erzürnt oder auch nur erregt habe. »So müssen wir denn auf diese Ehre verzichten«, sagte er schneidend. »Du aber, Gevatter Petersen, was gedenkst du zu tun?«

Der Ratsherr blickte bekümmert vor sich nieder. »Auch mir tut's leid, daß Ihr unsere Bitte abgeschlagen habt, Ihr Herren von Hildesheim«, sagte er. »Aber ich will nicht im Zorn von Euch scheiden, wie mein Kumpan, denn ich meine, wir werden trotz dieser Irrung nicht Feinde werden. Ich nächtige bei dir, Gevatter Wildefüer, und weise Euren Ehrentrunk nicht zurück.«

So sprach Herr Martin Petersen, weil er ein mildes und versöhnliches Gemüt und zugleich eine überaus durstige Kehle besaß. Er kannte den Wein, den die Hildesheimer bei solchen Gelegenheiten ihren Gästen vorzusetzen pflegten, und es deuchte ihm eine Torheit, ihn zurückzuweisen.

»So komme mit uns«, rief Wildefüer. »Ich schließe unsere Tagung, liebe Ratsgesellen. Denke ein jeder daran, daß alles verschwiegen bleibe, was hier verhandelt worden ist, und daß keiner dem anderen eine Rede oder Antwort übelnehme und nachtrage!«

Er nahm seinen alten Gevatter freundschaftlich am Arme, um ihn nach der Trinkstube zu geleiten, aber er ließ ihn sogleich wieder fahren, denn von Sankt Andreas herüber klang voll und klar das Abendgeläut durch das offene Fenster in den Saal herein, dazwischen erscholl der dumpfe Ton der riesigen Domglocken. Sogleich faltete der Bürgermeister die Hände und betete mit ehrfürchtig geneigtem Haupte ein stilles Paternoster. Die Ratsherren taten es ihm alle nach, wiewohl mehrere nur zum Schein die Haltung eines Betenden annahmen. Auch der alte braunschweigische Ratsherr schloß sich nicht aus, und als er das Haupt wieder erhob, hatte er Tränen in den Augen. Dann ließ er sich von Wildefüer hinabgeleiten.

Unter der Freitreppe des Rathauses führte eine Steintreppe von neun Stufen hinab in den Raum, wo, beschirmt von mächtigen, starken Gewölben, des ehrbaren Rates Weinvorräte lagen. Der Keller war abgeschlossen durch ein eisernes Gitter, durch das man die gewaltigen Fässer liegen sah. Vor dem Gitter führte ein schmaler Gang zur linken Hand zu des Rates Trinkstüblein, einem mäßig großen Gemach, aus zwei Gewölben bestehend. Am Tage saß man hier im traulichen Halbdunkel, da durch die schmalen und tiefen Kellerscharten nur wenig Licht eindringen konnte. Jetzt waren, da die Dämmerung bereits hereinbrach, auf den verschiedenen schweren Eichentischen Kerzen angezündet. Sie beleuchteten hell die an den Wänden hängenden Schilde und Wappen der Geschlechter, die der Stadt einen oder mehrere Bürgermeister gegeben hatten. Da sah man den springenden Hirsch der Brandis, den roten Hausgiebel der Harlessem, den goldenen Löwen der Arnecken und viele andere. Dazwischen standen auf Wandgesimsen kunstvolle Gläser und schwere Humpen aus Silber oder Zinn und wiesen bedeutsam hin auf die Bestimmung des Raumes.

An den Tisch im Hintergrunde des Gemachs, an dem in großen Armstühlen die Bürgermeister und die ältesten Ratsmannen zu sitzen pflegten, geleitete Wildefüer den Gast und bot ihm einen silbernen Becher zum Ehrentrunk. Herr Martin Petersen tat dem trefflichen Wein alle Ehre an, und sein Becher mußte des öfteren wieder gefüllt werden, und er wurde schon nach kurzer Zeit sehr redselig und aufgeräumt. Aber er war und blieb der einzige Fröhliche im Kreise. Wildefüer hätte am liebsten daheim in der Einsamkeit seinen trüben und düsteren Gedanken nachgehangen, und es war ihm eine Last, daß er dem braunschweigischen Gevatter Gesellschaft leisten und ihn unterhalten mußte. Die meisten der Ratsherren hatten einen Kranken in ihrem Hause, denn die Seuche hatte in den letzten Tagen mit unheimlicher Gewalt um sich gegriffen. So kam es, daß mit der Zeit einer nach dem andern sich davonmachte, und schon nach etwa einer Stunde war die Trinkstube leer. Nur an dem kleinen Tisch dicht bei der Tür saßen noch drei und spielten ein Kartenspiel mit großem Eifer, wobei sie einander fortwährend anschrien, und am Ehrentische saß Wildefüer mit seinem standhaften Gaste und redete leise, aber eindringlich mit ihm, denn der Braunschweiger hatte in seiner Weinseligkeit ein Gespräch begonnen, das seine Teilnahme immer mehr in Anspruch nahm.

»Als du vorhin beim Abendläuten betetest, Hans,« sagte er, »da wurde ich fast weich, denn es erinnerte mich an mein früheres Leben.«

»Tust du denn das nicht mehr?« fragte Wildefüer.

»Ha«, erwiderte Petersen. »Ich tät's schon noch, wenn auch heimlich, denn sähe es jemand, so würde man mich auslachen. Aber bei uns wird ja auch nicht mehr geläutet, wenn der Abend kommt. Alle solche Bräuche sind abgeschafft. Die Prediger schreien, sie wären papistisch.«

»Das habt ihr euch selber zuzuschreiben«, erwiderte Wildefüer. »Warum habt ihr die martinische Sekte lassen groß werden und zur Herrschaft kommen in eurer Stadt!«

Petersen senkte traurig sein Haupt. »Ach, Hans, wir hatten keinen wie dich! So haben wir uns von der Bürgerschaft und dem gemeinen Manne überreden lassen, daß wir einwilligten, die Kirche zu reformieren.« Er blickte trübselig in seinen Becher und fuhr fast weinerlich fort: »Je älter ich werde, um so mehr fehlt mir das alles, woran ich von Kind an gewöhnt war. An jedem Morgen ging ich früher in die heilige Messe, damit begann für mich der Tag. Schon meine selige Mutter hatte mich immer mitgenommen, als ich kaum laufen konnte. Jetzt gibt es keine heilige Messe mehr; sie sei Teufelsbetrug, sagen unsere Prediger. Früher betete man vor den Bildern der lieben Heiligen und der gebenedeiten Gottesmutter. Jetzt haben sie ihren Spott über die Heiligen, und niemand darf mehr ein Bild von ihnen haben, nicht einmal in seinem Hause. Denn so es jemand merkt, so wird er verlacht und verlästert. Und die Gottesdienste! Wie waren sie früher so bunt und so prächtig! Wie wurde die Seele durch feierliche Handlungen und Gesänge zur Andacht gestimmt! Jetzt ist alles so kahl und nüchtern; es friert einen, wenn man in der Kirche sitzt, und wenn die Prediger stundenlang die Schrift auslegen, so schlafe ich ein. Mag sein, daß andere dabei Andacht haben. Ich kann es nicht, ich kann es nicht!«

So klagte der Greis und schaute dann wieder mit gesenktem Haupte in seinen halb geleerten Becher. Wildefüer hatte seinen Worten mit großer Teilnahme gelauscht, und nun, nachdem er geendet hatte, legte er ihm freundlich die Hand auf die Schulter und sagte: »Weißt du, was ich täte an deiner Stelle, Gevatter? Ich zöge von Braunschweig fort. Ja, das tät' ich. Gott weiß es, wie ich an Hildesheim hänge, aber würde es eine lutherische Stadt, so wäre meines Bleibens hier nicht eine Woche länger. Denn mehr noch als an meiner Stadt hänge ich an meinem Glauben und an meinem Gott. Du nun vollends hast nichts, was dich hält, denn dein Weib und Kind sind tot. Verkaufe dein Haus, und komme zu uns herüber. Da bist du in einer Stadt, die sich noch christkatholisch nennen darf.«

Petersen nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas und murmelte betrübt: »Wie lange noch?«

»Was meinst du damit?« fuhr Wildefüer auf.

»Ach, verüble mir's nicht, Hans, daß ich so schwätze«, erwiderte Petersen. »Sie sprechen in Braunschweig in den Trinkstuben so vieles über dich, daß einem, der dich gern hat, manchmal bange wird. Neulich sagte einer: ›All seine Klugheit und große Kraft helfen dem Regenten von Hildesheim gar nichts. Gegen die Gedanken seiner Zeit kommt niemand auf. Er kann Hildesheim noch eine Zeitlang beim alten Glauben halten, vielleicht fünf, vielleicht zehn Jahre lang, dann aber wird es doch lutherisch, wie alle anderen Städte in unserem Lande.‹«

»Halte ich es auch nur fünf Jahre lang bei unserem heiligen Glauben, so wird es niemals lutherisch. Denn ich weiß ganz bestimmt, daß der Kaiser über die Schmalkaldner kommen will, sobald er seiner anderen Feinde ledig ist. Dann wird der Lutherei ein Ende gemacht.«

»Hältst du das noch für möglich?« fragte Petersen ungläubig.

»Sicherlich«, erwiderte Wildefüer nachdrücklich. »Hat schon jemals eine Ketzerei Bestand gehabt? Sie dauert ein paar Jahre, wenn's hoch kommt, ein paar Jahrzehnte, dann ist es mit ihr vorbei. Nur die Kirche, die unser Herr Christus gestiftet hat, ist ewig.«

»Mir sollt' es recht sein«, gab der Braunschweiger zur Antwort und trank seinen Becher leer. »Ich hange heimlich der alten Kirche noch an, und du kannst mir's glauben, in Braunschweig gibt's noch viele, die so denken. Wir dürfen nur um Gottes willen nichts sagen. Es gibt auch viele, die früher für die neue Lehre heiß entbrannt waren, aber nun ist ihr Gemüt erkältet. Sie dachten, wenn den Kirchen und Klöstern ihr großer Reichtum genommen würde, dann wären alle Leute mit einem Male reich. Aber die Armut ist noch da. Sie dachten, wenn die Geistlichen den Laien ein besseres Beispiel gäben, so würde alle Unzucht mit einem Male verschwinden. Aber sie ist auch noch da, und sie ist schlimmer denn je. Hat es jemals in unserer Jugendzeit eine so schamlose Mode gegeben wie die jetzt aus Welschland zu uns gekommene, da sich die Frauen und Jungfrauen bloß tragen bis auf die Hälfte des Rückens und der Brust? So denkt denn mancher: Wäre es geblieben, wie es früher war, so wäre es auch gut, und es wäre der Christenheit viel Lärm und Aufruhr und Blutvergießen erspart geblieben.«

Wildefüer lachte. Es war das erstemal seit dem Tode seiner Frau, daß ihn jemand lachen hörte, und Hans Blome, der unter den Spielern am Tische bei der Tür saß, drehte sich verwundert nach ihm um und horchte auf das Gespräch der beiden, um zu erfahren, was wohl des Bürgermeisters Heiterkeit erregt habe. Aber er konnte nichts erlauschen, denn leise, wie beide schon vorher gesprochen, sagte Wildefüer: »Siehst du! Siehst du! Solcher Leute werden gewißlich immer mehr werden. Viele werden innewerden, daß ihnen das Neue nicht gibt, was sie sich davon versprochen, und dann kehren sie zum Alten zurück. Die Menschen sind nun einmal so. Nur die wenigen, die erkannt haben, daß auf dieser Erde nichts vollkommen sein kann, bleiben bei dem, was sie sich einmal erwählt haben, und fallen nicht auf etwas Neues, meinend, das werde sie glücklicher und seliger machen. Wisse, alter Gevatter, die Menschheit gleicht einem Manne, der schlafen soll, aber eine zu kurze Decke hat. Friert ihn an den Hals, so zieht er sie herauf, und nun ist ihm eine Zeitlang wohl. Fängt er dann an, ein Frieren an den Beinen zu spüren, so zieht er sie wieder herunter. So kommt er denn nimmermehr zur Ruhe. Erst wenn er gelernt hat zu begreifen, daß es irgendwo immer fehlen muß, wird er aufhören, an der Decke zu zerren und zu reißen und wird zum Frieden kommen und den Schlummer finden. – Aber was ist denn das? Brennt's auf dem Markte?«

Er sprang hastig auf und drehte sich erschrocken um, denn durch das Fenster links seitwärts der Tür brach ein feuriger Schein, als stünde das benachbarte Haus in Flammen.

»Nein, es brennt nicht, Vater«, sagte Tilo Brandts, der eben das Gemach betrat. »Sie haben draußen neben dem Rolandsbrunnen ein großes Feuer angezündet und werfen Wacholder und Lavendel und Rosmarin in die Flammen. Einer von den Alexiibrüdern hat's aufgebracht. Man habe so getan Anno sieben, als hier das große Sterben war. Das hätte dazumal merklich geholfen, die Seuche zu dämpfen. Auch auf dem Platze vor der Kreuzfreiheit brennt solch ein Feuer.«

»Ach, Narrheit!« rief Wildefüer unmutig. »Das wird was Rechtes helfen. Und wer hat es den Leuten erlaubt, Feuer in der Stadt anzuzünden auf Markt und Straßen? Da muß doch erst der Rat gefragt werden, und ich hätt's gewißlich untersagt, denn wie leicht kann da ein Brand ausbrechen! Ich will einmal hinaufgehen und nach dem Rechten sehen. Bleib sitzen, Gevatter, ich komme wieder zu dir.«

Er rücke den Stuhl zurück und hatte sich schon halb von seinem Sitze erhoben, als die Tür aufgerissen wurde und Christof von Hagen hereinstürmte. Den Ratsherrn Tilo Brandis, der gerade dabei war, sich seines Mantels zu entledigen, hätte er beinahe umgerannt. Er bot einen erschreckenden Anblick dar. Das Haar fiel ihm wirr in die Stirn hinab, die Augen waren blutunterlaufen und funkelten wie die eines gehetzten Wolfes. Er mußte wohl scharf gelaufen sein, denn er keuchte und rang nach Atem. Mit geballten Fäusten stand er da und schaute wirr von einem zum andern, als wisse er in seiner Wut nicht, auf wen er sich stürzen solle. Dann aber heftete er seine glühenden Augen auf Wildefüer, und ihr Ausdruck war so furchtbar drohend, daß der Bürgermeister erschrak und auf seinen Stuhl zurücksank.

Noch ein paar Augenblicke schwieg Hagen und starrte ihn an. Dann brüllte er: »Was habt Ihr mit meiner Braut gemacht, Bürgermeister Wildefüer?«

Der hatte sich rasch gefaßt, und den Blick des Wütenden stolz und fest erwidernd, sagte er kalt: »Deine Braut? Wen nennst du also?«

»Stellt Euch nicht albern!« schrie Hagen. »Ihr wißt, daß Lucke von Hary meine Braut ist.«

»Lucke von Hary war deine Braut. Sie ist es nicht mehr, seitdem du unseren heiligen Glauben verleugnet hast. Ich bin dir keine Rechenschaft über sie schuldig, denn sie ist für dich tot. Im übrigen mahne ich dich: Sieh nach deinen Worten, und zähme deine Zunge!«

Das kam so herrisch und von oben herab aus seinem Munde, als ob er seinen Gegner einschüchtern wolle. Aber Hagen brach in ein rauhes Hohngelächter aus. »Meint Ihr, ich wüßte nicht, wo sie ist? Die Leute haben den Klosterwagen aus Eurem Hause fahren sehen. Ins Magdalenenkloster habt Ihr sie gebracht. Dort wollt Ihr sie schleiern lassen.«

»Das ist nicht wahr«, entgegnete Wildefüer gemessen. »Ich habe sie dorthingebracht, damit die Domina sie bekehre von ihrem ketzerischen Irrtum. Nicht mit Gewalt – das sage ich Euch, Ratsmannen von Hildesheim, nicht dem da, denn dem habe ich nichts mehr zu sagen und bin ihm keine Rechenschaft schuldig. Die Domina soll sie mit Güte und Sanftmut zurückbringen auf den Weg, von dem sie die Ketzer von Goslar hinter dem Rücken ihres Vaters weggelockt haben. Und nun gib Raum.«

Er stand auf und wollte an ihm vorbeischreiten. Aber Hagen vertrat ihm den Weg. Von dem, was er einstmals für diesen Mann empfunden hatte, war kein Restchen mehr in seiner Seele. Ein rasender Ingrimm erfüllte ihn ganz und brachte ihn fast von Sinnen.

»Meint Ihr,« knirschte er, »Ihr habt mir nichts mehr zu sagen? Aber ich habe Euch noch vieles zu sagen. Wollt Ihr meine Braut herausgeben und mit mir ziehen lassen oder nicht?«

Wildefüer gab ihm keine Antwort. »Gib Raum!« gebot er noch einmal.

Einen Augenblick schien es, als verliere Hagen alle Besinnung, denn seine Hand fuhr an den Schwertgriff. Aber sogleich ließ er sie wieder sinken, noch ehe Brandis herzugesprungen war, ihn festzuhalten. Dann trat er dicht an ihn heran und sprach mit einer Stimme, die der Zorn fast erstickte: »Von heute an bin ich Euer Feind, Bürgermeister Wildefüer! Hütet Euch vor mir, denn bei Christi Tod, ich werde Euch das Herz im heilen Leibe treffen!« »Ich werde deine Feindschaft zu tragen wissen«, erwiderte Wildefüer mit eisiger Kälte.

Einen Augenblick schauten sich die beiden in die Augen, und die verächtliche Überlegenheit, mit der Wildefüer ihn anblickte, reizte Hagens wildes Blut bis aufs äußerste. Wieder zuckte seine Hand nach dem Schwerte hin, aber auch jetzt überwand er sich, und plötzlich, als wolle er sich selbst entfliehen, drehte er sich herum und stürmte aus dem Gemach so schnell, wie er gekommen war.

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