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Wildanger

Franz von Kobell: Wildanger - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorFranz von Kobell
firstpub1859
year1859
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
addressStuttgart
titleWildanger
created20050711
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Die Gemsjagd.

Wer je in Gebirgen gewandert ist, und wem es je das Herz dort erhoben, wenn der stille Morgen heraufzog und die Gipfel röthete wie mit blühenden Rosen, oder wenn der Mond in die Nacht der felsigen Schluchten sein Licht ergoß, und nun plötzlich die Steinwände geisterhaft in dem bleichen Scheine hervortreten, wer je die schmucken Gärten der Alpenrosen geschaut, oder die einsamen Blumen des Edelweiß – er hat bei solchen Genüssen gewiß auch des Wildes gedacht, der kühnen Gemsen und der stolzen Hirsche, oder eines verwegenen Bären oder Luchses, und ob Jäger oder nicht, er mußte, mein' ich, unwillkürlich eines gewissen Schwärmens um das edle Waidwerk theilhaftig werden.

In der That, wie viel der Poesie verschwände aus jenen Höhen, wenn wir sie mit der Gewißheit betrachteten, dort lauscht kein Hirsch mehr nach dem Zug des Windes, dort stößt keine Gemse mehr den sausenden Stein von der Wand, dort tanzt kein Spielhahn mehr, wenn die schöne Frühlingszeit kommt und schweigt der Wald vom Falzgesang des Auerhahns, dort rührt sich kein Wild und kein Waidmann, grast nur das Rind und geht nur der Hirte und Holzknecht.

Es gibt Menschen, die einen mächtigen Baum nur bewundern, weil sie ihm die vielen Klafter Holz ansehen, die er liefern kann, die bei jeder frischen Quelle, welche sie labt, ausrufen: hätte ich den Sprudel in Paris, was hat man dort für den Brunnen von Grenelle bezahlt mit seinem elenden Wasser, was bezahlte man mir für solchen Trunk! die jeden Felsen fragen: versteckst du keine Erze, keine Steinkohlen und die nur an's Goldwaschen denken, wenn sie einen wilden Strom die blinkenden Kiesel dahinrollen sehen. Diese liebenswürdigen Geschöpfe fürchten die Poesie, welche so viele ihrer Pläne bekämpft und verdirbt, wie der Teufel einen Engel, und hätten sie längst umgebracht und vernichtet, wenn ihnen die Gewalt dazu wäre. Die Jagd gar ist ihnen ein Gräul schon deßwegen, weil man sein Kapital auf einen Hirsch nicht so sicher anlegen kann als auf einen Ochsen, und was ginge denn über das Kapital und seine lieben Kinder, die Zinsen!

Es findet aber jeder sein kleines Paradies auf dieser Erde, und so mögen jene Denker das Ihrige in einer Seifensiederei oder Stearinfabrik, in Guano oder Braunkohlen suchen und finden, Wild und Waidwerk aber den leichtsinnigen Schwärmern überlassen, die es dann sich selbst zuschreiben müssen, wenn sie in's Verderben rennen.

Doch wir haben uns schon im Eingang dieses Buches genugsam bei derlei Betrachtungen verweilt, die Jagd blüht noch in unserem Hochland, also freue sich dessen, wem der Himmel die Gunst solcher Freude geschenkt hat.

Die charakteristische Jagd der Berge ist aber die Gemsjagd.

Wenn man sich in der Geschichte dieser Jagd umsieht, so bemerkt man mit Verwunderung, daß in den alten Zeiten, wo man von Zündkapseln noch keine Ahnung hatte, und ein Zillerthaler-Granat am Radschloß das Feuer sprühte, daß damals in vielen unserer Alpen nur sehr wenig Gemsen vorhanden waren. Und doch hatte mancher Wald noch keine Axt gesehen, war kein Gelauf von Touristen, Malern, Badgästen und Volksbeglückern, war die Wildniß noch ungebrochen und nach Gefallen wuchernd. Diese Erscheinung ist zum Theil dadurch zu erklären, daß die Gemsen in den schönen Ständen Tyrols noch nicht wie die Wölfe verfolgt, sondern zu Maximilian I. Zeit gut gehegt wurden, also die Voralpen nicht aufsuchten, zum Theil mögen aber auch die zahlreicheren Raubthiere Luchse, Bären und Gemsgeier Ursache gewesen seyn. In den Jagdrechnungen des 16. Jahrhunderts kommen dergleichen zwar wenig vor, aber wahrscheinlich nur, weil man mit dem Fangen und Schießen nicht so umgehen konnte wie später. Die Tegernseer Klosterrechnungen z. B. verzeichnen von 1568–1580 keinen Luchs und nur 2 Bären, auch keine Gemsgeier, die Zahl der in diesen 13 Jahren gelieferten Gemsen betrug gleichwohl nur 16 Stück.

Um dieselbe Zeit finden sich in den Rechnungen des Klosters Benediktbeuern bis 1600 nur 8 Gemsen und erst zu Anfang des 17. Jahrhunderts kommen auf das Jahr gegen 8 Stück. Auch da ist kein Luchs erwähnt, auch kein Bär, obwohl es daran nicht gefehlt haben wird.

Ein weiterer Grund für das seltenere Vorkommen der Gemsen lag darin, daß die Jagd an manchen Orten freigegeben war und heißt es z. B. in den Rechten der Grafschaft Werdenfels von 1431: »Am Kramer (Berg bei Garmisch) darf jedermann jagen Gämsen, Hasen, Hühner, Bären, Schweine und Eichhörner, Rothwild und das rothe Federwild ausgenommen.« Ueberhaupt ist im 15. und 16. Jahrhundert, einige Plätze ausgenommen, in unserem Alpengebirg wohl ziemlich willkürlich und ohne Aufsicht in der Jagd gewirthschaftet worden.

Wie man damals Jäger bestellte und das Jagdrecht vergab, erhellt aus einem Vertrag, gemäß welchem das Kloster Tegernsee 1506 einen Hönnsl Smid von Rotach und Jörgen Messerer von Egern zu dem »Gämbs vnd Reyßgejayd« bestellt. Es heißt darinn »vnd süllen vns järlich zu Zins geben zwen Füx.

»Item als offt Sy ainen gämbß fahen süllen Sy vnns den anpieten, vnd wellen wir den kauffen, süllen wir jn dafür geben vj β θ vnd ain Suppen.

Item der gleichen auch allemal ain Fux darfür ij sexer,

Itx allemal für ain mader auch ij sexr

Itx ain Lux für iiij sexer

Itx ainen Dax für vij krx

Itx ainen Hasen für iiij krx

Ob wir aber der Stuckh ains oder mehr nach Irem ansagen nit wollen von jn käuflich annemen mügen Sy dy weiter wo Sy wollen verkauffen. –« Es wird noch weiter besonders bemerkt, »dy Suppen geben wir allain zu dem gämbs.«

Von einem geregelten Abschießen, Schonen der Gembsgaisen oder dergleichen ist keine Rede.

In der Jagdordnung von 1551 unter Herzog Albrecht V. heißt es » dem Leindl, Ueberreiter zu Marquartstein, auf die Gämsen zu sehen zu befehlen, und ihm jährlich Besoldung zu geben 4 fl. Der damalige Goldgulden galt nach heutiger Münze ungefähr 3 fl. 34 kr.; 1 β (Schilling) = 30 kr.; ein Pfenning war nahezu = 1 kr. In den Rechnungen sind meistens Goldgulden gemeint. Westenrieders Beiträge. B. 6. 1 Kleid über's andere Jahr.«

Die bayrischen Herzoge kümmerten sich im Ganzen persönlich nicht viel um die beschwerlichen Gemsjagden, die nicht lohnend waren, und hatten im ebenen Lande des Waidwerks in Ueberfluß mit Hirschen und Sauen.

Anders war es in einem Theil von Steyermark und Tyrol, wo Kaiser Maximilian († 1519) zu dieser Jagd eine besondere Neigung zeigte. Er ließ die Gemsen überall hegen, und wie im Weiß-Kunig erzählt wird, waren einmal im Thal Smyeren in Tyrol über 600 Gemsen im Jagdbogen und wurden 183 gefangen. Dieser ritterliche Waidmann hatte auch alle Eigenschaften, um solche Jagd nach Lust treiben zu können. Körperlich stark und kühn war er ein trefflicher Schütze und Steiger, dabei »gar fürsichtig« und wie sich von selbst versteht »hat er kainen swyndel in seinem Haupt nit.« Er stieg gern auf hohe Thürme und stand oft nur mit halbem Fuß auf dem Mauerrand, den anderen Fuß in die Luft hinaushaltend, so auf dem Ulmer Münster. – Er jagte im Innthale, am Höllkopf, im Steinacher Thal, am Achensee und Heiterwangersee, wo er die Gemsen und Hirsche in den See sprengen ließ, und wenn gerade nichts zu schießen angeschwommen kam, fischte. Von einer solchen Fisch- und Jagdparthie heißt es in seinem Jagdbuch:

»Herr Caspar Hebst hatt gesehen, das der gros Waidman mit andern fursten, Grauen vnd Hern hatt gembsen geJagt an aim pirg, genantt am schocks, auff Wellichem pirg, Nahendt vnder den gembsen, da ist ain klainer se, voll mit klainen Visch, phrillenn, vnd ee als das gejaidt angieng, da vischten die Edlewtt nach den Phfrillen mit aim pern, der gar vill warn. also warden die gembssen gegen dem se gejagt vnd genott. da hielt graff Hainrich von Hardeck ain fischpern (Fischbären) fur, vnd der gembß lieff in den Vischper vnd wart also gefangen.«

Der Kaiser hat alle Abenteuer und Gefahren eines Gemsjägers bestanden, stieg in die schärfsten Wände und schwang sich am Stock über felsige Klüfte; öfters war er nahe daran von herabrollenden Steinen erschlagen zu werden, die ihm einmal den Hut vom Kopf schlugen, ein anderesmal die »beed Span-Adern« verletzten und einen begleitenden Jäger besinnungslos niederstürzten, der sich todt gefallen hätte, wenn er nicht vom Kaiser gefaßt und gehalten worden wäre. Auch ein geschossener abstürzender Gemsbock hätte ihn einmal in die Tiefe geschleudert, wenn jener nicht durch Aufprellen an einem kleinen Felsenvorsprung über ihn hinausgeflogen wäre.

»Darauff der Held ohn' Hindernuß
That auf den Gemsen einen Schuß;
So daß der Pfeil durchs Hertz hinauß
Dem Thiere fuhr und es mit Grauß
Herunder fiel, auff Ihn gerad,
Doch gab der Höchste sein Genad,
Daß dieser Gems rührt in dem Fall
Ein Stein, darum er überal
Am Berg den Helden nit berührt,
Darauß Er hat groß' Glück gespürt,
So Er hat jederzeit gehabt:
Dann hätte Ihn der Gemß ertappt,
Sammt seinem Knecht so wäre Er
Der Theuerdank, gefallen mehr
Denn hundert Klafter in ein Thal.«

Sein Abenteuer an der Martinswand ist bekannt, wo er »2 Tag und Nacht« nicht herauskommen konnte, und Abfahren auf Steinplatten, mit den Steigeisen aus dem Schnee &c. kommen im Theuerdank Das Gedicht »Theuerdank« von Melchior Pfinzing ist von 1517. Johann Scheifelen von Nördlingen hat Bilder in Holzschnitten dazu gemacht, welchen erklärende Unterschriften beigefügt sind, die sich auf das dargestellte Faktum beziehen, welches dann weiter poetisch behandelt ist. In einer Ausgabe von 1679 ist zwar unter einem solchen Bilde das Abenteuer von der Martinswand erzählt, das Bild stellt aber ein anderes dar und ebenso das begleitende Gedicht, wie nämlich Maximilian unter Zusehen von Frauen ein Gembs in sehr gefährlicher Lage mit dem Schaft gefällt habe. Von obigem Abenteuer an der Martinswand kommt in den Gedichten des Theuerdanks nichts vor. mehrmals vor. Es ist öfters davon die Rede wie er mit dem Schaft ein Gems aus der Wand warf, wahrscheinlich aber sind damit angeschossene Gemsen gemeint, die in eine Wand eingestiegen waren, denn obwohl es nicht unmöglich ist unter günstigen Umständen ein Gems in einen Gang an einer hohen Wand zu zwingen, wo es nicht weiter kam, so ist doch sehr unwahrscheinlich, daß sich in einem solchen Fall ein Jäger mit einiger Sicherheit seines Lebens anbirschen kann, wenn er nur einen Wurfspieß als Jagdwaffe hat.

Von einer solchen Birsch und Jagd heißt es im Theuerdank:

    »Der Held steigt Berg und Felsen an
Mit Hilff seines Schaffts, so gut er kan,
    Kam hoch, an eine jähe Wand,
Allwo ein Gäms hielt seinen Stand,
    Den Gämsen solt wol keiner kriegen,
Weil niemand je so hoch gestiegen,
    Der Theuerdank hielt es für Schand,
Wo er den Gämsen aus der Wand
    Nicht werffen solte doch, so gar
Gantz unerachtet der Gefahr,
    Setzt er dem Gämsen hefftig zu,
An einen Ort, da er den Schuh
    Gar schwerlich setzt, an einer Wand,
Weil er sonst keinen Platz mehr fand;
    Der eine Fuß schwebt in der Lufft,
Weil sonst kein Raum mehr bei der Grufft,
    Stach d'rauf das Thier mit seiner Stang,
Es fehlte nicht zwei Finger lang,
    Daß, da er einen Schwank jetzt nam,
Der Held nicht um das Leben kam,
    Doch hat das Glücke nicht gewolt,
Daß er auff dießmal sterben solt.«

Im Jahre 1495 schreibt Maximilian an seinen Vetter, den Erzherzog Sigmund von Tyrol in ächter Waidmannslust:

Wir »haben den Tag zu Wurms auf dem Rein gekurzt vnd den in daz gepirg zu den wilden gaemsen gelegt« und ladet den Erzherzog »zu dem vngeheuren gemsgejaid in dy nechent ein« (wahrscheinlich in die Nähe von Innsbruck). Dazu seyen viele deutsche Fürsten geladen und heißt es weiter: »Ich hoff zu gott, daz solche hörner da erlauten werden, vnd so maniger wilder waidgeschrey daz das den Turken vnd allen andern pössen kristen Ier oren erschellen werden.«

Es sind erst vor kurzem Aufzeichnungen von des Kaisers eigener Hand (aus der Wiener Staatsbibliothek) durch G. v. Karajan In dem oben erwähnten Jagdbuch. mitgetheilt worden, welche die Gemsjagd betreffen und gewiß liest sie jeder Waidmann mit Vergnügen. Es heißt darin unter andern von der Kleidung und Ausrüstung:

Item: Grab (grau) vnd gruene klaider solstw haben; halb grab, halb grien gefiertlt. Zw Hierschen vnd gembsen ist die pest farb.

Item: Dw folst Erlich (tüchtige) fuesEyssen haben am Ersten, mit sex Zuecken –

Item: Dw solst allzeitt zwiffach Schuech haben; dar zw vier layst (Leisten), wan dw an das gepirg gest vnd In schne, das die Schuech nas werden, das man sy yber die layst schlach vnd die Trucken herfur uemb. Die schuech sollen mitt Riemen gemacht werden, das die stain nitt darin sallen.

Item: Du solt dir alzeitt aiu Hiern Hauben In aim Waid asser (Waidsack) lassen nachtragen, so dw In die pirg gest vnd die Huntt die stain lassen lauffen, fur das schlahen. Dergleichen ain guett Gesayll (Seil).

Item: Du solst dir lassen machen ain leibrechkell (Reibröckl) mit abgeschnitten Ermblain, woll weitt vnd mitt einer kurtzen schos, ain benig yber die waych. Das wamas vnd Reckll soll hoch sein am Hals, wann dw durch die Zunckhen schleufft, das Es dir nitt in Rucken vall. In der von Karajan gegebenen Uebersetzung heißt es »wenn du durch die Felsenriffe schliefst,« mir scheint daß mit »Zunckhen« die Laatschen gemeint sind, welche noch gegenwärtig in Tyrol und theilweise auch bei uns »Zundern« heißen. Es werden ferner angegeben zweierlei Handschuhe, wollene Socken oder Strümpfe, die im Schnee über die Schuhe und Hosen anzuziehen, leichte und warme Hüte und Kappen, die »hurnan (hörnerne) armbrust« für den Winter und der »stechlan pogen« (Stahlbogen) für den Sommer, ein breiter Degen, Tillmesser und Horn mit hellem Klang, dann die Schäfte, welche dritthalb bis vier klafter lang seyn sollen. Klafter ist hier offenbar ein kleineres Maß, als wir unter diesem Namen kennen.

Der Kaiser warnt vorzüglich vor den herabrollenden Steinen:

»Vor allen Dingen soll Dier; Hertzog von Oesterreich, verpotten sein, In Rissen vnd vnder die wendt zw gen, da die stain herab lauffen. Das ist das fercklchist (gesährlichste), vill mer weder das fallen, so sy komen, so offt vnd an seltzam ortten, von den Hunden vnd Jegern, das ainer seins lebens nit sicher ist.« Daher soll auch der Fürst beim Ansteigen der erste vor seinem Gefolge, beim Heruntersteigen aber der letzte seyn. Das Jagen auf die Gemsen begann gewöhnlich am frühen Morgen, denn es heißt: »So dw an die gejaidt wildt oder gembssen Jagen, so Muestw gewondlich zw dreien Vren (3 Uhr) auff sein, das dw zuuor Mes horst (die Messe hörst) und ist (essest). Guten Imbiß und Wein mitzunehmen wird empfohlen, auch ein verlässiges Saumroß.

Das Hegen der Gemsen in Tyrol, ebenso wie des Kaisers Jagden mußten immerhin unsern Grenzbergen Gemsen zuführen, wie gegenwärtig umgekehrt geschieht, der Stand blieb aber im Allgemeinen gering, nur um Hohenschwangau scheint er gegen Ende des 16. Jahrhunderts ziemlich gut gewesen zu seyn.

Landau erwähnt, daß 1572 der Landgraf Wilhelm von Hessen vom Herzog Albrecht Gemsen zugeschickt erhalten habe und ebenso 1591 deren 10 Stück vom Pfalzgrafen Wilhelm zu Landshut, welcher weiter viele, besonders um Hohenschwangau, fangen ließ und eine zweite Sendung machte, wo aber die meisten auf dem Transport erlagen und nur 11 lebend übrig blieben. Die erste Sendung war im Juni erfolgt und der Pfalzgraf entschuldigt sich, daß er nicht die gewünschte Zahl von 24 geschickt. Aber sie seyen in dieser Jahreszeit gerade am schwächsten und von 40 im Herabtragen von dem hohen Gebirg in Folge des warmen Wetters 30 erstickt.

Der Erzherzog Ferdinand von Oesterreich jagte 1591 mit seinen Gästen, dem Herzog von Mantua und dem Erzherzog Hoch- und Deutschmeister Maximilian am Plansee, um Schwangau, im Lechthal und bei Nesselwang, wo er mit Hülfe des Revierjägers Conrad Rief und seiner Brüder den Meisterschuß that auf eine hoch einsteigende Gemse, wofür er die Begleiter reichlich belohnte.

Albert VI. von Bayern hielt im Jahre 1617 in Berchtesgaden eine Gemsjagd mit seinem Bruder Ferdinand II. Churfürst von Köln.

Einer Gemsjagd in Hohenschwangau ist auch 1671 erwähnt, welche Ferdinand Maria gehalten hat.

Auch auf dem Untersberg wurde um jene Zeit (1665) von dem Fürstbischof von Salzburg Guidobald dem Kaiser Leopold I. eine Gemsjagd gegeben »allda an einem hierzu von der Natur einem Schau-Platz nit vngleich, vnnd gar bequemlichen Ort zwischen 2 hohen Steinwänden 16 Gämbs einklopfft, auch oben und vnten mit Plachen gespörrt worden: da Ihr Maj. mit allergnädigsten Vergnügen etliche Gämbs geschossen, vnd vier lebendig gefangen worden. Fr. Dückher, Saltzbug. Chronica 1666.

Ich habe oben der gemsfeindlichen Raubthiere gedacht, und wird von den Luchsen, Bären und Wölfen in besondern Kapiteln noch die Rede seyn, nur von den Gemsgeiern ( Gypaëtos barbatus) will ich anführen, daß sie im 17. Jahrhundert zahlreich vorhanden waren. Es geht dieses aus der Angabe auf einer Tafel von 1650 in St. Bartolomä am Königssee hervor, wo zwei dieser Riesenvögel in natürlicher Größe abgebildet sind. Es heißt dort, daß Hans Duxner allein 127 derselben erlegt habe und ebenso besagt ein schön zu lesendes Gedicht von 1675, welches ich bei der Bärenjagd ausführlich mittheilen werde, daß der Jäger und Fischmeister Urban Fürstmüller 43 Gemsgeier und seine beiden Söhne deren 31 erlegt haben. Den Steinadlern ist wohl auch ihr Antheil geworden, sie sind zwar weniger stark als die Gemsgeier, aber doch kräftig genug, wenigstens ein Gemskitz zu rauben, wie ihre Horste noch heutigen Tags hinlänglich beweisen.

Die Gemsgeier sind gegenwärtig große Seltenheiten geworden und scheinen nicht mehr in unseren Bergen zu horsten. 1855 wurde einer im Königsseerevier (Berchtesgaden) geschossen. Die Steinadler ( Aquila chysaëtos) aber kommen fast am ganzen Alpenzug vor, besonders im Berchtesgadnischen, im Wimbachthal, im Eis, auf der Schreck &c. kann sie der Jäger oft beobachten und werden fast jährlich einige geschossen, meistens im Winter bei einem eingegangenen Gems oder Stück Wild oder bei einem eigens zu diesem Zweck gelegten Aas. Die Jungen werden auch, wo es möglich ist, aus dem Horst genommen, wobei der Ausnehmende meistens an einem Strick über eine Felsenwand hinuntergelassen werden muß. Im Allgäu bei Obersdorf, im Oythal, geschah dieses Ausnehmen fast alle Jahre und war zugleich eine Art von Volksfest geworden, in neuester Zeit aber schießen und fangen die Jäger die Adler, die dort in zwei Wänden horsten, wie sie dieselben bekommen können.

Bei manchen Adlern beträgt die Spannweite der Flügel 8 Fuß.

Im vorigen Jahre (1857) erlegte der Graf Max Arco drei Steinadler, einen im Winter am Obersee in Berchtesgaden und zwei im Juni am Untersberg in der Nähe der Gurrenwand etwa zwei Stunden von Hallthurm. Die letztern waren Männchen und Weibchen und hatten ein Junges. Der Horst war in einer Höhle an jener Wand. Mit diesen Adlern gab es schwere Arbeit. Alles Passen auf der Wand war vergebens, in die Wand selbst und zum Horst konnte man nur durch Herablassen an einem Seil gelangen. Der Anblick der riesigen Vögel, welchen der lauernde Schütze öfters genoß, steigerte die Leidenschaft nur um so mehr, in ihren Besitz zu gelangen und er beschloß dazu keine Mühe zu scheuen und im Nothfall einen Sack voll Geduld drum zu erschöpfen. Da der junge Adler schon das Aussehen hatte bald flügge zu werden, so ließ sich Arco zum Horst an einem Seil herunter, welches oben an einem Baum und ihm um den Leib befestigt war. Er band dem Adler einen Strick um die Ständer und knüpfte ihn an einem schweren Stein fest. Dieses geschah nicht ohne heftiges Hauen des Jungen mit den Fängen. Im Horste lag ein buntes Gemenge von Knochen, Skeletten und Resten von Gemskitzen, Schafen, von einem Edelmarder &c. Mühesam wurde nach einem Stand geforscht, von dem aus der ein- oder ausstreichende Adler etwa geschossen werden könne. Da fand sich eine Tanne hart an der Wand, auf deren winklich gebogenem unterem Stamm man sitzen konnte, freilich nicht sehr bequem und unter dem Sitz ging die Wand bei 700 Fuß in die Tiefe. Vom obern Rand derselben war der Baum etwa 50 Fuß entfernt und nur mittelst eines Seils dahin zu gelangen. Arco, einer meiner ältesten Jagdgefährten, mit dem ich auf den Gemsjagden manchen Adler beobachtet, hob bei Erzählung des Abenteuers, welches ich hier beschreibe, besonders die Herrlichkeit des Anblicks hervor, als er nach einigen Tagen, da er von Morgens bis Abends auf dem erwähnten Platz gepaßt, einen der alten Adler mit einem Schaf, wohl an 20 Pfund schwer, hoch in der Luft erblickte. Majestätisch kam er über den Untersberg her und stürzte dann mit eingezogenen Flügeln pfeilgerad in seiner Nähe mit solcher Schnelligkeit herunter, daß man hätte meinen sollen, es müsse ihn ein Schlag getödtet haben. Plötzlich aber am Horst breitete er die gewaltigen Schwingen aus und fuhr in die Höhle. Man weiß, daß zärtliches Familienleben gerade nicht die Sache der Adler ist, die Alten halten sich zwar zusammen, mit den Jungen geben sie sich aber nicht viel ab. Sie bringen etwas zur Nahrung und verweilen dann keine Minute lang im Horst, sondern gleich gehts wieder fort auf ihr Gejaid. Mehrmals mußte Arco die Adler so aus- und einstreichen sehen, welches mit sehr großer Geschwindigkeit geschah, bis einer über ihn wegstreichend mit einem Schrotschuß zu erlangen war. Der ging auch nicht fehl und in zwei Wochen waren beide Adler die Beute des beharrlichen Schützen. Sie sind eine Zierde des Jagdhauses »am Schorn« und der junge ist bereits zu einem stattlichen Exemplar herangewachsen. Das geschossene Weibchen hatte 7½ Fuß Spannweite der Flügel, das Männchen etwas weniger. Im ebenen Land ist der öfters vorkommende Adler, der Fisch- oder Flußadler, Seeadler, Haliaëtos albicilla. Um München werden jährlich einige geschossen.

Ein Bericht des J. Brandstätter, Forstmeister zu Hohenschwangau gibt 1726 den Gemsstand in den dortigen Gebirgen zu 150 Stück an, davon im »Saugarten« 30–40, in den »Gumpen« ebensoviel.

Den 21. Juli 1727 reiste der Kurfürst Carl Albrecht nach Hohenschwangau auf die Gemsjagd »wohin keine durchlauchtigste Fürstenperson seit 1671, da Ihro Churfl. Durchlaucht Ferdinand Maria das letztemal dagewesen, wegen des gefährlichen Gebürgs nit mehr kommen ist.«

Es wurden zwei Gemsjagden gehalten, die eine am 28. Juli und wurden 19 Gemsen »gefangen« worunter 7 lebend, die in den Thiergarten nach Nymphenburg gebracht wurden.

Am 30. Juli wurden 29 Gemsen gefangen, davon 16 Stück lebend nach Nymphenburg kamen.

Zu diesen Jagden betrug die Zahl der Treiber 550 Mann, nämlich:

vom Amt Hohenschwangau 77 Mann
" " Riedhofen 90 "
" " Trauchgau 83 "
" Kloster Steingaden 100 "
" " Ettal 100 "
" " Rothenbuch 100 "

550 Mann.

1731 war der Gemsstand in den Hohenschwangauer Jagden am Seyling und Jugend, Hirschwang, Albeskopf, Straußberg und Tegelberg, drei Maandln, Pechkopf &c. 103 Stück.

Von 1752 findet sich eine »Gämps- und Hirschjagd« verzeichnet, welche der Churfürst Maximilian III. am 8. und 9. August zu Großwayl in der Nähe des Kochelsees (wahrscheinlich am Heimgarten) abgehalten und wobei 38 Gemsen, darunter 10 Kitz, als Beute angegeben sind.

Um diese Zeit war der Gemsstand in Tegernsee im Vergleich zu 200 Jahren früher nicht sonderlich gewachsen. In 13 Jahren, in welchen damals 16 Gems angegeben sind, finden sich von 1768 bis 1782 (die Rechnungen von 1776 und 1777 fehlen) nur 29 Gemsen verzeichnet. Während aber in jenem Zeitraum wie oben gesagt, kein Luchs aufgeführt ist, sind in diesem deren 39 angegeben, also bedeutend mehr Luchse als Gemsen. 1752 war die Besoldung eines Klosterjägers inclus. der taxirten Naturalien 42 fl. 24 kr., dazu kam noch 10 fl. Holzbschau und das Schußgeld, welches wenig genug war und für ein Gembs 45 kr., in Benediktbeuren für die dem Kloster nahe gelegenen Standorte sogar nur 24 kr. betrug.

So hat z. B. der Oberjäger Adam Mayer 1760 zum Kloster geliefert

» 5 Lux
3 Hirsch
7 Reh
2 Gämbs
3 Oedlmader
7 Haasenhendl
1 Hausmader
1 Fuchs
1 Haas«

und betrug das Schuß- und Fanggeld dafür nur 20 fl. 52 kr. Die Klosterherren hielten drauf, daß ihr Wild nicht leichtfertig angeblenkelt wurde, denn ein Befehl von 1711 bestimmt:

»sollen die Schredtpixen Bei Verlust der Jährlichen Bsoldung in dem Gepürg zu tragen verboten seyn, ausgenommen auf dem Hanenfalz, Hasenpirsch und Fuchswartten.«

Der Gemsstand um Tegernsee und Schliersee hob sich erst als König Maximilian I. seinen Herbstaufenthalt in Tegernsee nahm und für hinreichenden Jagdschutz sorgte. Im Jahre 1817 wurden im sog. Peisenberg die erste königl. Zeugjagd eingerichtet und auf der Au innerhalb Enterrottach abgeschossen.

Es wurden 25 Gemsen erlegt. Im Jahre 1820 aber wurden auf einer ähnlichen Jagd in der Rasserin am Planberg (Blauberg) 100 Gemsen geschossen, aus einer anderen 1823 in den Scheeren am Wallberg 56. Bei der ersten wurde auf der Pförner-Weißachalpe, bei der letztern auf der Wallbergerau vor der Enterrottachbrücke abgeschossen.

Um diese Zeit zeigte sich auch schon der Gemsstand in Berchtesgaden bedeutend, und wurden 1821 aus einer k. Jagd im Königsthal 95 Gemsen erlegt und unter König Ludwig ebenda (1826) 61 Stück, 1827 62 Stück und im Reitl 1829 65 Gemsen.

Die Gemsen vermehren sich schnell, wenn sie der gehörigen Ruhe auf ihren Standorten genießen, denn sie sind das einzige Wild, welches von harten Wintern verhältnißmäßig sehr wenig Schaden leidet. Sie finden auf den steilen Gehängen, von welchen die Lawinen Von den Lawinen und abfallenden Steinen werden manche erschlagen und ist zu wundern, daß nicht jährlich viele dadurch zu Grunde gehen. abstürzen, oder unter den Felsen und Schirmbäumen, welche den Schnee etwas abhalten, immer noch ihre Aesung, während Hirsch und Reh, zu Thal getrieben, ohne künstliche Fütterung häufig erliegen. So zeigt eine Wildstandsübersicht von Tegernsee im Jahre 1800 nur 20 Gemsen, im Jahre 1847 aber 650; eben so vom Hohenschwangauer-Leibgehege im Jahre 1828 etwa 100 Stück, im Jahre 1853 aber 12 bis 1500 Stück. Diese Vermehrung hat aber ihre Grenze, insoferne sie von der Oertlichkeit bedingt ist, denn eine gewisse Anzahl Gemsen verlangen wie jedes Wild einen Standort von einer gewissen Größe und werden ihrer zu viele, so verläßt der Ueberschuß den Platz und wechselt nach andern Bergen. Zuweilen verirren sie sich bis ins Flachland. Es sind in den letzten dreißig Jahren einige solche Fälle vorgekommen und wurde ein Gemsjährling bei Ebersberg, zwei bei Grünwald und ein Bock sogar bei Freysing erlegt. Bei gehörigem Gemsstand muß also zum Vortheil der Jagd ein bestimmtes Abschießen stattfinden.

Von 1841–45 sind ins Zwirchgewölb 598 Gemsen geliefert worden, viele werden aber auswärts verkauft. Das Jahr 1848 verlangte auch für dieses harmlose Wild seine Opfer, doch muß anerkennend hervorgehoben werden, daß die Hohenschwangauer, die Ettaler und Berchtesgadner die Excesse nicht getheilt haben, welche mitunter am Tegernsee, Schliersee, in Bayrischzell und anderwärts vorgekommen sind. Daß die Bauern im Allgemeinen eine Jagd nicht zu verwalten verstehen, und die Gemeinden selten die Kraft haben, der Willkür einiger unbändigen Bursche und Wilddiebe energisch zu steuern, ist eine nur zu bekannte Erfahrung. Auf der einen Seite ist es der Egoismus und das »was soll ich für die Nachkommen etwas thun, sie haben für mich auch nichts gethan,« auf der andern Furchtsamkeit und Gleichgiltigkeit, welche da ihre Wirkung kund geben. Wildschützen von Genie haben das selbst erkannt und wohl voraussehend, daß wenn die Gemeinde die Jagd handhaben will, in Bälde keine Schale mehr zu spüren seyn werde, weil bei dieser Regierung jeder thut, was er will (nur mit der Ausnahme, daß der schwächere dem stärkeren aus dem Weg gehen muß) so haben sie oft dafür gestimmt, die Jagden in einer Art zu verpachten, daß Jäger das Regiment führen, denn dann gab's doch Wild, wenn auch nebenher einige Widerwärtigkeiten. Das schöne Tyrol könnte mehrere tausend Gemsen hegen, v. Moll sah noch 1784 starke Rudel am Sonntagfeld im Zillerthal. Sie wurden damals sorgfältig gehegt und wurden an einer gar zu gefängigen Schlucht, wo sie für die Wildschützen leicht zu bekommen gewesen wären, Schafe gehalten und damit die Gemsen an weniger preisgegebene Orte getrieben. Von 1683–1694 war der Stand durchschnittlich 350 Gemsen in Zillerthal und Gerlos, und wurden davon jährlich gegen 40 von den aufgestellten Jägern geschossen. wäre nicht fast überall zu jeder Jahreszeit schonungslos gehetzt und geschunden worden, so aber ist der Gemsstand kaum zu nennen. Der Ruin seiner Waldungen und das Ausrotten des Enzians (mit Allem kann man fertig werden) geht aus gleichen Ursachen hervor. Es soll sich aber damit gegenwärtig wieder zum Bessern wenden.

In der Schweiz verdanken die Gemsen ihr Fortkommen auch mehr den gewaltigen Bergen als der dortigen Jägerei oder betreffenden Verordnungen. Das Geplenkel in den Thälern um jeden Spatzen, welches Tschudi rügt, träfe sie nicht minder, wenn ihre Standorte zugänglicher wären. Das Edelwild ist bereits seit 30 Jahren ausgerottet und einen Rehbock kann man auch schon als Rarität in einer Menagerie zeigen.

Soviel aus Tschudis Beschreibungen zu ersehen, schießt man eben »was Haar hat«; daß dazu ein überreicher Wildstand nicht berechtige, weiß man wohl, das Glück ist, daß nur wenige Schützen (Jäger kann man eigentlich nicht sagen) das Gemsschießen mit Erfolg treiben, weil die Gemsen bereits in das schärfere Hochgebirge zurückgedrängt sind, wo ihr bester Freund, Nebel genannt, gerne seinen Mantel schützend über sie breitet.

Glücklicherweise ist das Eigenthum an Grund und Boden, auf welchem die Jagd dem Staate gehört, in Bayern bedeutend genug um diese zu erhalten, von besonderem Werth dafür aber ist es, daß König Maximilian II. der Hebung des Wildstandes und namentlich der Gemsen im ganzen Zug unserer Voralpen hohen Schutz und Pflege angedeihen läßt. Und gerade die Gemsjagd kann ohne die leidigen Verhältnisse des Wildschadens gepflegt werden und ist ihr Gedeihen um so wünschenswerther, als das Wild überhaupt gegen früher überall abgenommen hat. Obwohl es in der Mitte des vorigen Jahrhunderts nur wenig Gemsen gab, so waren sie doch, weil an anderem Wild Ueberfluß vorhanden, sehr wohlfeil und kostete ein Gems nur 3 fl. 30 kr. bis 4 fl., ein Kitz 1 fl. 30 kr.

Gegenwärtig kostet ein Gems unter 45 Pfund das Pfund 15 kr., über 45 Pfund aber das Pfund 18 kr. wegen des höheren Werthes der Decke, so daß ein Gemsbock von 50 Pfund auf 15 fl. kommt.

Ueber das Jagen der Gemsen ist gar viel geschrieben worden und manchmal hat einer der kaum ein paar Jagden gesehen, die Feder ergriffen und je nach Stimmung und Erlebniß diese Jagd zur gefährlichsten aller Jagden gemacht, oder sie auch wieder in einer Weise dargestellt, als wäre es nicht viel mehr als ein »Klopfet« auf Hasen und Rehe. Abweichend von den gewöhnlichen Uebertreibungen dieser Art, gibt manches treu aufgefaßte Bild das Buch des Engländers Boner: Chamois Hunting in the Mountains of Bavaria. Daß diese Jagd romantischer ist, als die meisten andern, liegt in der Natur des Terrains auf dem sie sich bewegt; was aber die Gefahren des Jägers betrifft, so kommt es auf Art und Weise des Jagens und auf die Verhältnisse an, unter welchen man jagt. Wer viele Gemsbirschen gemacht hat, der wird schwerlich den Gefühlen inneren Grausens entgangen seyn, wenn er durch eine Wand oder Schlucht stieg und plötzlich ober ihm ein Steingerumpel von flüchtigen Gemsen losging, und kaum der Vorsprung eines Felsen den Leib zu decken vermochte, oder wenn er einer angeschossenen Gemse nachsteigend unversehens an Stellen kam, wo für das Mißlingen eines Schrittes oder Sprunges, der unvermeidlich gemacht werden mußte, die Folgen nur zu deutlich vor Augen lagen. Es ist dann ganz eigen, einem Stein nachzusehen, den der Fuß von der Wand löste, wie er gellend in die Tiefe fällt, und auf dem Grunde steiler Gräben in weithin geschleuderte Trümmer zerschellt. Und nun bedenke man, daß gar oft ein Jäger den erlegten Bock von dem Platz wo er verendete, nicht anders fortbringen kann, als indem er ihn auf den Rücken ladet und eine wilde Schlucht hinuntersteigt oder quer durchs Felsgehäng, und das ohne Gefährten, fern von aller Hülfe auf sich allein gestellt, auf seine Gewandtheit und seinen Muth.

Das Steigen will geübt seyn. Wer z. B. an einer Wand, in der überhaupt noch fortzukommen, in der Art heruntersteigen wollte, daß er mit dem Gesicht gegen die Wand mit Händen und Füßen sich anklammernd den Versuch machte, wie man auf einer Leiter heruntersteigt, der würde geradezu das Leben wagen, weil er die Stelle, wohin er den Fuß setzen will, nicht sieht, sondern mit diesem nur fühlt und nicht weiß, was dann weiter kommt; man hat in solchem Falle sich niederzusetzen und sitzend mit den Händen zu halten, während man hinuntersieht und die Stellen erforscht die verlässig scheinen, die Füße darauf niederzulassen und weil man nur so einen Plan des Weiterkommens entwerfen kann. Dabei ist die Büchse und der Stock oft sehr hinderlich und muß man diesen manchmal hinunterwerfen, wenn er dadurch nicht verloren geht. Man trennt sich aber nicht gern vom Stock, der eine große Hülfe gewährt und man ist oft schlimm genug dran, wenn er einem an solchen Plätzen aus der Hand gleitet und abfährt. So lange man noch etwas anzufassen hat und nicht gezwungen ist zu springen oder zu laufen, geht's noch gut, wenn aber das Anfassen nicht mehr möglich und man auf einem schiefen schmalen Grat fort muß oder durch eine Stelle in einem steilen Graben laufen oder drüber springen, dann ist es bedenklich und doch soll man nicht viel drüber denken und keine Furcht haben. Es kommen Fälle vor, wo gehen oder rutschen wollen weit gefährlicher ist, als ein paar flinke Schritte zu machen und derjenige, welcher drüber ängstlich ist, thut besser, umzukehren, wobei freilich zuweilen auch das Umkehren noch schlimmer ist, als das Weitergehen. Alles dieses steigert oder mindert sich an Gefahr unter sonst gleichen Umständen, je nachdem man allein ist oder ein Jäger vorsteigt. In solcher Gesellschaft macht man Wege mit Leichtigkeit, die drohend und schreckhaft herschauen, wenn man allein steigt. Es ist dabei nicht die Hülfe, die der Jäger gewährt, denn er kann oft gar nichts helfen, aber es ist die erlangte Gewißheit, daß der Gang überhaupt zu machen und es ist die Vorzeichnung des Weges der zu nehmen, was wesentlich ermuntert und forthilft. Steigeisen sind nur mit Vorsicht und vorzüglich auf den Graslaanen zu gebrauchen, man verwöhnt sich aber leicht damit, und ich kenne ausgezeichnete Steiger, die ein Eisen nur sehr selten an den Fuß nehmen, außer bei gefrorenem Boden oder wo es schwer zu tragen gilt. Die Graslaanen sind übrigens nur zu scheuen, wenn sie sehr steil, vom Regen naß oder beschneit oder auch wenn sie sehr trocken sind. Enden sie nach unten an einer Wand, so sind sie natürlich doppelt gefährlich. Fällt man auf einer solchen und kommt auf den Rücken zu liegen, so ist's vorbei, wenn man sich nicht sogleich auf den Bauch herumwirft und an den Rasen noch anklammern kann. Es ist in der That merkwürdig, wie wenig Unglücksfälle beim Steigen vorkommen, wenn sie aber vorkommen, so geschieht es selten bei Jagden, dagegen oft genug beim Brocken des verlockenden Edelweiß, wie vorzüglich in Berchtesgaden.

An Stellen, wo die Gefahr augenscheinlich ist, geschieht auch weniger ein Unfall, weil man behutsam zu Werke geht, außerdem aber wird leicht übersehen, daß beim Fallen und Abfahren ein sich halten nicht immer möglich und somit auch keine Rettung mehr ist. Am gefährlichsten sind schiefhängende Steinplatten, wo man die Schuhe ausziehen und in Strümpfen oder noch besser barfuß gehen muß.

Unter den Verunglückungen ist ein Fall in Berchtesgaden bekannt, welcher zeigt, welche Schrecken ein wildes Gemsgebirg bergen kann, und wenn einem eine solche Geschichte gegenwärtig, so schaut man in das düstere Starren der Felspfeiler mit ganz anderen Augen, als wenn man nur an ihre Alpenrosen denkt. Es war in St. Bartholomä ein Jagdgehilfe Seb. Schlechter, ein trefflicher Gemsjäger und kühner Steiger, welcher dem zürnenden Berggeist, dem er oft seine Gemsen genommen, zum Opfer fallen sollte. Am 16. Oktober 1839 ging der lebensfrische Jäger (damals 35 Jahre alt) vom Jagdhause fort, um im Hocheis eine Gemsbirsche zu machen, und wollte Abends wieder zurückseyn. Es ist bei der Hirschjagd erzählt worden, wie man in dieses Hocheis gewöhnlich nur in einer Schlucht zwischen der Hachelwand und der sogenannten »Kirch« gelangen kann. Schlechter wollte aber von einer andern Seite, in den Wänden, die vom Watzmann niedergehen, dort hineinbirschen. Ich habe da einmal einen Jagdgehilfen Sollacher durchsteigen sehen und muß einer schon »a' woiterner« Steiger seyn, der es wagen darf. – Schlechter wollte sich den Weg kürzen und über das Dach der sogenannten Eiskapelle an die Wand gelangen. Diese Eiskapelle (in älteren Schriften auch »gläserne Kapelln« genannt) ist eine Art von Gletscher, der an die Steinwände angelehnt im Thal ein Thor zeigt, durch welches der »Eisbach« hervorkommt.

Der Jäger stieg an der Seite hinauf und dann über das Dach hin. Als er am Rand des Eises in die Felswand steigen wollte, brach dieses unter ihm mit donnerähnlichem Krachen zusammen, und nun gings mit Eis und Steinen hohl schallend hinunter in die Nacht eines 180 Fuß tiefen Abgrunds. Vom Sturz und den erlittenen Verletzungen (die Rippen waren sechzehnmal gebrochen) der Besinnung beraubt lag er viele Stunden und erst gegen Abend kam er wieder zu sich. Es war tiefe Nacht um ihn und er erkannte, mit den Händen tastend, daß er auf einem mit Schnee bedeckten Felsenvorsprung (Stellen) gefallen, und daß es neben ihm noch weiter hinuntergehe. Man denke sich die furchtbare Lage! Im ersten Augenblick gab er sich für verloren, als er aber seine Büchse fühlte, deren Riemen seltsamerweise ihm um den Hals geschlungen war, da dämmerte einige Hoffnung, durch einen Schuß vielleicht einen Retter herbeizuführen. Diese Hoffnung wurde freilich von dem Gedanken gedrückt, daß um jene Zeit außer einem Jäger selten jemand an den Ort komme, gleichwohl schoß er nach oben zu die Büchse ab. Er sah wohl die Wirkung des Schusses an herabfallenden Steinen und Eisstücken, er hörte den Knall aber nicht, denn der erschütternde Sturz hatte ihn des Gehörs beraubt. Erst nach einiger Zeit erhielt er es wieder, und da ward es plötzlich laut von rauschendem Wasser, welches neben ihm in die Tiefe stürzte.

In Schmerzen und Angst verging die eisige Nacht, gleichwohl sann die Liebe zum Leben auf Rettung. Wo vom Schuß die Steine heruntergefallen waren, schien ein Kamin nach oben zu münden und in diesem sich hinaufzuarbeiten, beschloß der Unglückliche nun, nachdem er sich überzeugt hatte, daß kein Fuß gebrochen war. Den Rücken an das Eis gestützt und die Füße an Schnee und Felsen schob er sich mühsam empor, vier bis fünf Stunden lang, daß ihn oft die Kraft verließ und auch der Muth zu sinken begann, als er endlich durch eine Oeffnung oben das Tageslicht gewahrte. Mit erneuerter Anstrengung kam er bis auf etwa 20 Fuß unter jene Stelle, wo er eingebrochen war. Hier befand sich ein sogenannter kleiner Boden (ebene Stelle) von dem aus sich jedoch die Schlucht, die er hinaufgekommen, nach oben erweiterte, so daß ein Emporklimmen wie bis dahin nicht mehr möglich war. Da sah er zwei eng zusammenstehende Eissäulen, die sich zunächst an der Wand befanden, und nun beschloß er zwischen diesen sich hinaufzudrängen. Dazu mußte er in der gefährlichsten Lage mit dem Messer in die eine Eissäule Kerben einschneiden, um sich mit den Füßen daran zu stemmen, während er den Rücken an die andere Säule preßte. Mit unsäglicher Plage gelangte er so bis an 4 Fuß von der Oeffnung, und schon glaubte er sich gerettet, als ihm die Füße ausglitten, und abermals stürzte er in die Tiefe, doch glücklicherweise nur bis zu dem erwähnten Boden und ohne sich weiter zu beschädigen. Besinnungslos lag er auf dem kleinen Fleck, wo jede Bewegung mit dem Tode bedroht war, und erwachte erst wieder, nachdem mehrere Stunden vergangen seyn mochten. Das unschätzbare Messer hatte die erstarrte Hand krampfhaft festgehalten, wie seltsam! im bewußtlosen Zustande, wo alle Muskeln erschlaffen! Der Eiskamin mußte zum zweitenmal erstiegen werden, und endlich mit zitterndem Herzen schob er sich über den Rand, und körperlich und geistig gebrochen sank er ohnmächtig auf dem wieder erreichten Dach der Eiskapelle zusammen, nachdem er dreißig Stunden in dem Abgrund begraben gewesen.

Zu Hause war man schon am Abend vorher über sein Ausbleiben in Sorgen, und am andern Tag spähte die Tochter des alten Forstwarts Hochleitner, welche der Gedanke einer Verunglückung am meisten beunruhigte, mit einem Tubus öfters nach der Eiskapelle, wo sie gegen zwei Uhr Mittags einen schwarzen Punkt entdeckte, den sie früher nicht gesehen, was dann Veranlassung gab, daß sich mehrere Männer und sie selbst mit Stärkungsmitteln auf den Weg machten.

Als sie bei dem Unglücklichen ankamen, war es höchste Zeit, ihn vor Erstarrung zu retten. Der Mann war furchtbar zugerichtet und erblindete sogar für einige Zeit, wurde aber wieder hergestellt und lebt noch, im Park von Anzing als Saufütterer verwendet. Ich habe ihn seine tragische Geschichte selbst erzählen hören.

In seltsame Gefahr des Abstürzens gerieth im vorigen Jahre (1857) der herzogl. Coburg'sche Jäger Ragg in der hintern Riß. Er wollte einen Gemsbock, dem das Kreuz abgeschossen war und der auf einer steilen gefrorenen Sandreise gegen eine Wand hinunterrutschte, aufhalten und genicken, und sprang daher ins Gehäng und riß den Bock nieder. Dieser aber schlug dabei mit einer raschen Wendung des Kopfes dem Jäger den spitzen Hacken eines Krickels durch die Haut und durch einen Muskel am Schienbein unter dem Knie und beide rutschten nun mit Kämpfen und Ringen immer näher an die Wand, da es dem Jäger nicht möglich war, den Fuß frei zu machen, oder den Bock, der sich gewaltig wehrte, zu genicken. Noch wenige Schritte und sie stürzten mit einander in die Tiefe; da warf sich der Jäger mit verzweifelter Anstrengung auf den Bock und bewältigte ihn glücklicherweise so, daß er den verhängnißvollen Krickelhacken vom Fuße reißen und dem Bock den Genickfang geben konnte.

Es versteht sich nach dem Gesagten von selbst, daß man schwindelfrei seyn müsse, um fortzukommen, gleichwohl kann sich unter Umständen eine Anwandlung von Schwindel einstellen. Ich habe wohl ein paar hundert Gemsjagden mitgemacht, wo zuweilen auch Situationen vorkamen, die ich gerade nicht noch einmal erleben möchte, und ich kann mich nicht erinnern, während des Steigens oder Gehens an Gehängen schwindlich geworden zu seyn, dagegen geschah mir dieses einigemal bei stundenlangem Sitzen an einer gefährlichen Stelle und bei dem fortgesetzten Hinunterschauen. Dann hilft ein Schluck Rum, Cognak Nach einer Tyroler-Sage ist einer vor Schwindel und jähem Abstürzen sicher, wenn er einen Türkis in einem Ring am Finger trägt. – Alpenburg. oder dergleichen, aber es hilft auch der Anblick der nahenden Gemsen, denn ich erinnere mich einer solchen Anwandlung, da mein Stand bei einem Treiben auf einem Keil zwischen steilen Gräben war, wo kaum Platz genug zum Sitzen. Nachdem ich fast drei Stunden da gesessen und den Schwindel fühlte, wollte ich einen andern Stand nehmen, als plötzlich fünf Gemsen in den Graben hereinsprangen. Da war aller Schwindel weg, ich schoß einen guten Bock und wohlgemuth sah ich ihm nach als er stürzte und im Graben hinunterkugelte.

Man muß sich natürlich nicht vorstellen, daß Gemsen und Jäger immer an Gehängen herumzukrabbeln haben wie die Fliegen an der Wand, die Oertlichkeit ist oft so günstig, daß man ohne besondere Kunst und Mühe seine Beute erringt und besonders beim Treiben, wenn z. B. die Wechsel über einen Alpweg gehen oder durch einen Waldgrund oder durch die Thalsohle selbst und es giebt kaum eine andere Jagd, wo diese Verhältnisse mannigfaltiger und wechselnder wären.

Wer übrigens nicht auswählen will, darf nicht ängstlicher Natur seyn, und es ist eine Seltenheit, daß Damen, deren so viele sich am Waidwerk betheiligten, die Gemsjagd kennen gelernt haben. Das war der Fall bei der Fürstin Leopoldine von Löwenstein-Werthheim, der Frau des allen bayerischen Jägern wohl bekannten im Jahr 1844 verstorbenen Fürsten Löwenstein. Ich hatte oft das Glück, mit der edlen Dame zu jagen, die sich nicht nur bei der Treibjagd auf Gemsen betheiligte, sondern auch birschen ging und als eine treffliche Schützin bekannt war. Noch heißt ein Stand im Langeck bei Kreut nach ihr »der Stand der Fürstin.«

Einen guten Bock auf der Birsche zu schießen, hat immerhin seine Schwierigkeiten, die einmal ein alter Jäger in folgender naiver Weise explicirte:

»Für's erschti (sagte er): muaß a' Bock dasey(n'), denn ma' moat' gar oft es is oana da, d'erwei' is aber koana da. Dees g'schicht, wann d'an' Bock ebba g'segn hast wo er durchwechselt, wo er aber nit sein Stand hat.

Für's zwoati, wenn oana da is, muaß's aa' oana sey(n'), denn es hoaßt leicht a' Bock, bal' er aber daliegt is's a' Goas.

Für's dritt' muaß der Bock an an' Platz sey(n') wo'r er zun a'birschn is und wo er oan' nit sicht.

Zum vierten muaß er auf an' Platz sey(n') daß er ihm nit z' Lumpen d'erfallt bals' d' 'n abaschießst, oder daß er nit in a' Loch einikuglt, wo d' 'n nit' rausbringa ko'st, denn sunst bideut 's Schieß'n nix.

Zu'n fünftn brauchts an' guatn gleich'n Wind und deßtwegn a' fei's Wetter.

Zu'n sechst'n mußt d' 'n treffa und zu'n siebetn muaßt d' 'n guat treffa, daß d' 'n kriegst aa' und daß er dir nit in a' Wand eini steigt, wo d' nit nachiko'st. A so is's!

Das ist Alles sehr wahr und richtig, glücklicherweise sind aber die günstigen Verhältnisse doch nicht gar zu selten, und wie der Zufall manche Birsche verdirbt, so begünstigter auch wieder manche. Besonders die Jäger kommen bei den vielen Gängen die sie machen oft zum Schusse, wo sie gar nicht dran denken. Der systematische Gang solcher Birschen ist mitunter ziemlich weitläufig; da muß man am frühen Morgen von einem geeigneten Platze aus das Einziehen der Gemsen beobachten und sehen, wo der Bock sich niederthut, welches gewöhnlich unter einer Wand auf einem Felsenvorsprung geschieht, wo er eine schöne Aussicht hat. Wenn man nun weiß, wo er sich niedergethan, hat man sich vom Beobachtungsplatz möglichst ungesehen wegzubirschen und zu warten, bis die Sonne hoch genug steht, daß der Wind aufwärts zieht, dann steigt man über den Bock, oft auf weitem Wege, und rutscht auf dem Bauch an die Wand, unter der er sich niedergethan hat, vorsichtig und die Büchse schußfertig hinaus und schießt so liegend hinunter. Nun geschieht es aber nicht selten, daß man den in der Ruhe befindlichen Bock, ob man gleich an der rechten Wand ist, von oben nicht sehen kann, z. B. wenn die Wand etwas überhängig, eine hinderliche Laatsche vorhanden &c.; dann hat man zu warten, bis der Bock zum Aesen freiwillig wieder aufsteht, wenn indessen der Wind nicht zum Wechseln kommt, oder man wirft einige Steinchen hinunter, um das Aufstehen zu veranlassen und mancher beschwerliche Gang wird trotz aller Vorsicht umsonst gemacht.

Ein Gems in der Ruhe sieht selten aufwärts, sondern meistens nur nach abwärts und nach der Seite.

Wo mehrere beisammen in der Ruhe sind, kann man einzelne beobachten, welche behaglich auf der Seite liegend alle Viere von sich strecken.

Ist man von einem Gemsbock beim Anbirschen einmal gesehen worden, so ist die Birsche meistens vergeblich. So lange er den noch fernen Jäger erblickt, bleibt er unbeweglich stehen, ist ihm dieser aber verschwunden, so wechselt er sogleich weiter. Sind zwei Jäger zusammen, so gelingt es manchmal den beobachtenden Bock zu täuschen, indem der eine sich fortwährend sehen läßt, ohne sich zu nähern, während der andere sich ungesehen anbirscht. Einem Jäger von Fischbachau gelang eine solche Birsche dadurch, daß er vor dem auf ihn niederschauenden Bock das Hemd auszog und an seinem Bergstock aufhing. Dann schlich er sich ungesehen weg und stieg auf weitem Umweg zum Bock hinauf. Als er ankam starrte dieser immer noch nach dem Signal hinunter und der Jäger schoß ihn ohne Schwierigkeit.

Je nach dem Wildstand werden nur starke Böcke oder auch Gaisen und geringe Gemsen geschossen. Das Erkennen des Bocks ist mitunter schwer, wenn man aber Zeit zum Beobachten hat und ein gutes Fernrohr zu Hülfe nimmt, dann hat es keinen Anstand, an den stärkeren Krickeln und den mehr eingebogenen Enden unterscheidet man den Bock ziemlich leicht von der Gais und um so leichter, wenn es ein starker Bock ist. Kommt man nahe genug, so erkennt man wohl auch den Pinsel, der in wenigen langen Haaren besteht. Beim Treiben ist es schwerer und soll nur ein Bock geschossen werden, so kann man als Regel annehmen, ein einzeln kommendes starkes Gems immer zu schießen, wenn man an demselben nicht die dünnen und weniger eingebogenen Krickeln der Gais deutlich erkennt, denn im schlimmsten Falle schießt man dann eine Galtgais Galt, d. i. unfruchtbar, soll vom altdeutschen Gall, Galet, Gallgett abstammen, welches das nämliche bedeutet. Wachter Glossar. german. 56. um die nicht viel schade ist. Kommt aber ein Rudel, so muß man die letzten nach dem dickern und kürzern Hals und der mehr gedrungenen Figur, die auch den Bock kennzeichnet, mustern, und gehört ein geübtes Auge dazu, sich nicht zu täuschen.

Man muß mit dem Schuß nicht eilen, und wenn die Gemsen flüchtig sind überhaupt nur schießen, wenn weiter keine Aussicht bleibt sie zu bekommen, denn dann sind sie wegen des unregelmäßigen Sprunges sehr leicht gefehlt, außerdem aber ist der Augenblick zu benützen, wo sie stutzen ( hoffen heißt man es bei uns), und das geschieht öfters und kann auch durch Anpfeifen oder durch einen kurzen Ruf bewerkstelliget werden. Wenn man mit ihrer Art und Wesen bekannt ist und den Platz wohl angeschauet hat, so läßt sich fast mit Gewißheit bestimmen, wo sie hoffen werden, so zwar, daß man während sie kommen, die Büchse gleich auf einen solchen Platz richten, gut zusammenschauen und sie erwarten kann. In Betreff der Entfernung, besonders über einen Graben hinüber, kann man sich sehr täuschen und manches Gems wird deßhalb gefehlt. Als Regel gilt, daß es zum Schießen zu weit ist, wenn man die Krickeln nicht mehr sieht. Am besten ist es beim Zielen, die Größe des Thieres gegen das Absehen oder Korn der Büchse zu taxiren, ob das Thier vom Korn zugedeckt wird oder nicht &c. Man muß dazu das Korn gelegenheitlich mit einer geschossenen Gemse in verschiedenen Distanzen prüfen. Der beste Schuß ist freilich ein Blattschuß, es kommen aber oft Waidwundschüsse vor. Ein so angeschossenes Gems thut sich bald nieder, wird es aber angegangen oder der Hund drauf gelassen, so geht es fort und steigt meistens in eine Wand ein, wo der Hund nicht folgen kann, der es dann außerhalb verbellt. Man birscht sich an und schießt es aus der Wand herunter. Im schärferen Gebirg kann man wegen des Abfallens keinen Hund gebrauchen, die Rothfährte findet man gewöhnlich leicht auf den grauen Steinen, zuweilen aber ist es für den Jäger unmöglich an den Platz vorzudringen, wo das angeschossene Gems steht und es muß verlassen werden und geht verloren.

Wie sie sich in solchen Fällen an den Felsen halten können ist oft unglaublich, ich habe ein eingestiegenes Gems an die Wand sich schmiegen gesehen, an der es nur mit einem Vorder- und einem Hinterlauf Halt hatte, die beiden anderen Läufe hingen in der Luft.

Auch ist, wie oft man es gesehen haben mag, immer zu staunen, wie sie in ganz steilen Wänden, wo nur ein Wechsel, den sie selber mit einer gewissen Vorsicht annehmen, beim fallenden Schuß durcheinander rumpeln ohne daß eines ungetroffen herunterstürzt. Es reicht eben eine hervorragende Stelle von einem Zoll Größe hin um ihnen fortzuhelfen, wobei sie oft mit gewaltigen Sprüngen über ganz unhaltbare Stellen wegsetzen und doch gleich wieder anhalten können. Unter Umständen vertragen sie auch ein Abstürzen, daß man es gesehen haben muß, um es für möglich zu halten. So schoß ich einmal einen Jährling von einer steilen bei 50 Fuß hohen Wand. Er fiel, sich überschlagend unten auf eine schiefe steinige Fläche, da lag er einige Minuten, stand dann auf, zog anfangs langsam weiter und, ins Treiben kommend, ging er flüchtig und war nicht mehr zu Schuß zu bringen. Wahrscheinlich war er hohl durchgeschossen. Dergleichen ist mehrmals beobachtet worden.

Wenn ein Gems nach dem Schusse pfeift, so ist das noch kein Zeichen, daß es nicht getroffen wurde, ebensowenig als beim Reh das Schallen nach dem Schuß oder bei einem Brunfthirsch das Schreien. Ich habe dieses auffallend an einem starken Bock beobachtet, welchen ich kurz am Blatt und etwas schief getroffen hatte, so daß noch die Leber berührt war. Der Bock that sich bald nieder und pfiff, als er beim Nachsuchen aufgegangen wurde, und so geschah es mehrmals, denn es war zufällig nicht möglich einen Schuß anzubringen. Erst als er nach einem Verfolgen von zwei Stunden ziemlich krank wurde, pfiff er bei weiterem Aufstehen nicht mehr und fing ihn dann ein Hund ohne Schwierigkeit in einem Wassergraben.

Die starken Böcke sondern sich gern vom Rudel und kommen ihrer oft zwei miteinander, auch einzelnweise habe ich einmal in den Scharf-Laanen in der Riß drei auf demselben Stand geschossen. Hat man nicht acht zu geben, ob Bock oder Gais, so kann man in guten Jagdbögen öfters drei, vier und mehr Stück erlegen, wenn man auch nur mit einer Doppelbüchse versehen. König Maximilian, welchem mehrere dergleichen zu Gebote stehen, hat einigemal zehn und zwölf Stück erlegt.

Die Art, wie die Gemsen beim Treiben kommen, ist sehr verschieden und bietet tausenderlei Bilder dar, denn die Gehänge, Gräben und Schluchten wechseln auf's vielartigste. Je nachdem sie nur den entfernten Lärm der Treiber hören und ihr Standort nicht zu tief im Bogen, steigen sie oft ganz vertraut auf eine hohe Kuppe und bleiben da, nach dem Treiben sich öfters hinwendend, wohl eine halbe Stunde und länger, ehe sie weiter vorwärts gehen; kommt ihnen aber ein Treiber plötzlich zu Gesicht, so springen sie oft mit unglaublicher Geschwindigkeit einen Hang herunter und verschwinden in den Gräben, um dann an einer Scharte des Grats wieder zu erscheinen. In scharfen Wänden nimmt das Rudel, wenn nicht dreingeschossen wird, fast immer denselben Weg, über eine Kluft springt eins wie das andere, und manchmal geht es zickzack herunter ohne Aufhalten. In den Laatschen stecken sie sich gerne und es ist kaum zu begreifen, wie schnell sie durch deren widerstrebende und wirr sich deckende Stämme und Aeste fortkommen können. Wenn der Wind gut ist sind sie in der Regel leicht vorwärts zu treiben und ist dabei die Hauptsache, daß sie den Treiber sehen, denn abgelassene Steine sprengen sie wohl auch, wenn sie nahe niederrasseln, außerdem aber kümmern sie sich nicht viel drum. Sie wissen auch recht wohl, ob ihnen die Steine etwas anhaben können oder nicht, und deckt sie ein Felsenvorsprung, so bleiben sie trotz alles Steinregens der drüber heruntergeht, ganz ruhig stehen. Wenn daher Nebel liegt, ist mit der Gemsjagd nur dann etwas auszurichten, wenn der Treiber sehr viele sind und diese ziemlich geschlossen fortkommen können. Die Felsgründe bieten mancherlei enge Schluchten und Kamine, welche die Gemsen gern annehmen. Wenn sie in solchen ansteigen und der Schütze oben, sind sie leicht zu schießen. Es gibt Wechsel, wo die Rudel kommen und andere, wo nur ein guter Bock kommt. Man kann je nach den Umständen darüber eben so sicher seyn, als über einen guten Fuchsriegel. Die alten Böcke sind übrigens sehr schlau, und ich habe manchen in einem Graben hinaufsteigen sehen, während ein Treiber in einem ganz nahe daran gelegenen mit lautem Rufen und Pfeifen herunterstieg. Nicht selten stecken sich die Gemsen so, daß sie erst unmittelbar vor den Treibern kommen. Ist der Wind schlecht, so bringt sie nichts vorwärts. Ein Jäger sagte einmal darüber: »sie hätt'n mit Gwalt nit vüri (vorwärts) kinna und wan s' hundertmal mög'n hätt'n.«

Wenn ein Rudel naht, so kann man nicht selten mit Vergnügen beobachten, daß die Gemsen ein ziemlich leichtsinniges Volk sind, denn der Haupttrupp überläßt die Sorgen der anführenden Kitzgais, und wenn diese anhält um zu speculiren und zu studiren, was zu thun, so stoßen und raufen sich oft die andern, es wäre denn, daß ihnen das Treiben gar zu nahe gekommen.

Je wilder die Gegend, desto schöner ist diese Jagd. In den hohen Regionen von Berchtesgaden, am Funtnsee, Simmetsberg &c. ist es wild und einsam genug, daß es zuweilen den Schein hat, als hätten manche Vögel, denen man begegnet, noch keinen Menschen gesehen; mit offenbarer Neugierde umfliegen sie den auf dem Stand lauernden Schützen, und den herrlichen Karminspecht hätte ich manchmal mit einem Schmetterlingsnetz leicht fangen können; die hell kreischenden Steindohlen mit den rothen Ständern hassen sogar zuweilen auf das fremde Menschenwesen und ohne Scheu ließen sich einmal mehrere nicht zehn Schritt von mir auf einen geschossenen Gemsbock nieder und begannen ihm nach den Lichtern zu hacken. Nur der Adler weiß schnell, was es mit Jägern für eine Bewandniß hat, und ist aus nähere Bekanntschaft nicht neugierig. Auch die großen Aasraben erkennen den Jäger, und immer hört man ihren weitrauschenden Flügelschlag, wenn sie eine Jagd bemerken. Dabei gewährt es einen eigenthümlichen Reiz, Stellen zu betreten, von denen man wohl sagen kann, daß sie vorher nie ein menschlicher Fuß berührt, worüber schon Byron geschwärmt hat, wenn er in Harold's Pilgerfahrt sagt: To sit on rocks, to muse o'er flood and fell etc. II. 25.

    Sinnend am Waldstrom ruh'n, auf Stein und Klippen
Bei Wesen, die nach Herberg nicht verlangen,
    In Wäldern streifen, Oeden und Gestrüppen,
Wo selten oder nie ein Fuß gegangen;
    Allein auf Höh'n, wohin nie Stege drangen,
Bei wilden Heerden, die kein Hirt darf hegen, In anderer Weise schwärmte Schrank, wo er von den Berchtesgadner Bergen spricht: »Ich stellte mir in Gedanken schon die Jahrhunderte vor, in welchen diese jetzt rauhen Berge bis an ihre, freilich beträchtlich erniedrigten, Gipfel bewohnt sein würden, sah da goldene Felder, wo ich jetzt kümmerlich einige Alpenpflanzen zwischen den Steinen herausgrub, sah da Kaninchenwohnungen, wo jetzt die Murmelthiere sich Löcher gegraben hatten.« (Naturhistorische Briefe, I. 270.)
    Beim Wassersturz wo Felsen niederhangen:
Das heißt nicht einsam sein, nein Zwiesprach pflegen
    Mit Reizen der Natur, enthüllt seh'n ihren Segen.

Wenn man nun an einem solchen Platz oft mehrere Stunden in mancherlei Betrachtungen weilt und wird plötzlich durch das Klingen und Sausen fallender Steine aufgeschreckt, und es steigt ein starker Bock »schwarz wie der Teufel« herein über ein Eck und kommt am Gewänd herunter immer näher und näher, wär's ein Wunder, wenn einen da das Jagdfieber befiele und es befällt wohl einen jungen Schützen, daß ihm die Zähne klappern. Gehts aber gut und bricht der Schuß am rechten Fleck und der Bock stürzt durch Gestein und Alpenrosen in den Graben, während die Echo wiederhallen von Berg zu Berg – was soll ich's schreiben, wie einem da ist! Nennt es einen materiellen Genuß, einen bedauerlichen, grausamen, nennt es wie ihr wollt, ihr Jagdbekrittler, wir andern rufen freudig: es lebe das Waidwerk!

Der wilde Ort muß auch einen passenden Namen führen, ich wenigstens jagte viel lieber, wenn es hieß »in der schwarzen Wand, in der Teufelskuchl, auf der dürren Mähr', Schreck, Todtengräben« oder dergleichen, als wenn der Name des Reviers oder Bogens »Rührkübl« oder »Speibnkäs« war, wie zwei übrigens sehr gute Plätze heißen, der eine in Bayrischzell, der andere in der Riß.

Es gehören ferner zur Leitung einer Gemsjagd Jäger, die im Gebirg gewachsen sind, stark, keck und leichten Sinns, die nicht gleich scheu zurückweichen, wenn einmal ein schwarzes Felsenloch unheimlich den Rachen gegen sie aufreißt und welche die mancherlei oft verwickelten Feldzugsplane, die besonders beim Birschen vorkommen, gehörig zu entwerfen und auszuführen verstehen. Man sieht auch an solchen lieber die kurze Lederhose und die braunen nackten Kniee als ein modisches Pantalon und man hört gar gern den markigen Volksdialekt von ihnen, während das Barometer der Hoffnung gewaltig sinkt, wenn einem durch Zufall etwa aus der Forstkanzlei ein hochdeutsches Individuum als Birschbegleiter zugetheilt wird. Ich muß da gestehen, daß es mir was man sagt etwas gegen den Mann geht, wenn ich Gemse schreiben muß, denn es heißt Gambs bei den Jägern soweit im deutschen Land dieses Wild bekannt ist.

An dem rechten Jäger hat alles eine gewisse waidmännische Originalität. Er gebraucht das Wort anbirschen in Anwendung auf eine schöne Gesellin wie draußen auf ein Schmalthier, er sagt von einem der nicht mehr recht beim Zeug, »er setzt z'ruck, geht ei,« wie beim Hirsch u. dergl. Ich hörte einmal eine vornehme Dame einen Jäger fragen, um welche Zeit es Tag werde, weil eine Bergpartie projektirt war. »Exllenz,« sagte der Jäger, »um sexi (6 Uhr) ko' ma' mit der Bix no nit schiessn.« Danach konnte sie den Grad der Dunkelheit berechnen.

Gute Gebirgsjäger haben einen außerordentlich geübten Blick auf die Gemsen und es sind diese, auch in den kahlsten Wänden, nicht immer so leicht zu sehen, als man meinen möchte. Man bekommt erst einen rechten Begriff von der Größe der Bergmassen, wenn man die Gemsen dran wie winzige Punkte erblickt, während man vorher eine ganz andere Vorstellung hatte. Im Sommer, wo sie die eigenthümlich gelbe Farbe haben, erkennt man sie noch leichter, im Spätherbst aber wo sie schwarz sind, ist es schwer sie vom Gestein, seinen Schatten und dunkeln Rissen zu unterscheiden. Obgleich die Gemsen einen Jäger, der sich ruhig hält, nicht erkennen, wenn er einigermaßen gut angezogen ist und natürlich guten Wind hat, so erkennen sie ihn bei der geringsten Bewegung auf sehr große Entfernung. Ein Hirsch oder ein Stück Wild, wenn sie ziemlich nahe gekommen und den Schützen erblicken, erkennen ihn gewöhnlich sogleich, eine Gemse aber nicht, und so sind sie mir oft auf ein paar Schritte hergezogen, obwohl ich ohne Schirm ganz frei dasaß.

Das frische Leben eines Bergjägers bringt es mit sich, daß er meist aufgelegt und guter Dinge ist und der Schalk steckt ebenso drinn wie bei den Jägern des Flachlands. An Ausreden fehlt's auch nicht, wenn etwa nichts zusammengeht. Jagt man die Sonnseite, so heißt's, den Gemsen sey's da zu warm, sie stehen auf der Schattseite; jagt man die Schattseite, so heißt's es sey ihnen da zu kalt, sie stehen auf der Sonnseite; jagt man hoch oben, so heißt's, die Gemsen stehen bei solchem Wetter lieber unten im Holz; jagt man unten, so heißt's die Gemsen sind (bei dem nämlichen Wetter) »ganz bei der Höch« &c. Ein Neuling wird oft hitzig gemacht. So erinnere ich mich gelegenheitlich einer Hirschjagd in Tegernsee, wo ein Jäger die Schützen anstellte, daß ein fremder Schütze, dem sein Plätz bezeichnet wurde, fragte, was geschossen werden dürfe. Der Jäger sagte: »Es werd a' jagdbarer Hirsch g'schoßn, der achti oder mehra aufhat; kimmt Ihna aber a' Sechser, der achti verdient, so schiessn S'n; kimmt a' galts Stuck, nieder damit! kimmt a' Schmalthierl, dees schiessn S'; kimmt a' Gambsbock, den laßn S' nit aus; kimmt a' Rechbock, nieder damit! ebber a' Fuchs, nach Ihnern Beliebn, is a' Raubthier« – und beim Weggehen wendete er sich noch einmal und sagte: »Gebn S' Acht, 'kunnt' an' Auerho' aa' daherreitn.« Die Augen des Schützen wurden bei dieser Aufzählung immer größer und die Aufregung eine gewaltige, aber – »kemma is ihm nix.«

In der Brunftzeit, die im November beginnt, sind an gewissen Plätzen die Böcke leicht zu schießen, wenn man Geduld genug hat auf dem geeigneten Wechsel anzusitzen, denn dann geht der Handel den ganzen Tag hin und her, auch sind sie auf folgende Art zu täuschen und herbeizulocken. Man zieht eine weiße Schlafhaube fest übers Gesicht herein, besser noch ist der Gebrauch einer eigens dazu gemachten Kappe mit Gemskrickeln, und hat man an einem Gehäng einen Gemsbock beobachtet, so birscht man sich (natürlich bei gutem Wind) hinter der Schneid oder einem Felsrücken an und läßt sich dann etwas gebückt mit halbem Leib auf der Schneid sehen, zieht sich aber sogleich wieder zurück und macht es so mehrmals. Der Bock, der die Erscheinung sehr bald bemerkt, meint es gebe da oben Gesellschaft oder auch etwas zu raufen und steigt dann gar begierig hinauf. Um die beste Zeit aber ist oft schon so viel Schnee gefallen, daß das Steigen sehr beschwerlich und gefährlich wird und daß man das Hinsitzen nicht lange aushalten kann. In der Nähe des Pusterthals in Tyrol, im Thale Sextn, ist vor einigen Jahren der Fall vorgekommen, daß zwei Schützen, Vater und Sohn, auf ein Gems auszogen, dessen Standort sie kannten, ohne daß aber einer dem andern etwas darüber mittheilte. Der Vater gebrauchte die Gemshaube und als er damit mehrmals über einen Grat aufgetaucht war, erschoß ihn der unglückliche Sohn, der, von einer andern Seite kommend, auf das vermeintliche Gems sich angebirscht hatte. Hitzige Schützen und solche die nicht gut sehen, sind auf der Gemsjagd oft mehr zu fürchten als auf andern Jagden, besonders wenn der Schußplatz theilweise mit Laatschen bewachsen ist. Bemerken sie dann ein Bewegen und Wischen durch diese Laatschen und sehen einen grauen Fleck oder etwas, was Krickeln gleicht, so meinen sie, es müsse ein Gems seyn und in der Furcht den günstigen Augenblick, da das Ding etwa ruhig steht, zu verpassen, feuern sie drauf los; ich weiß selbst einen Jäger in Tegernsee, der einen andern beim Treiben in dieser Weise geschossen und einen Schützen, der die Spielhahnfedern seines Nachbarn für Krickeln ansah und am Schuß glücklicherweise noch durch einen Träger gehindert wurde, der hinter ihm saß und zeitig den Irrthum bemerkte.

Die fürstlichen Vorfahren des regierenden Königs haben nach hergebrachter Hofsitte, welche auch noch für Park- und niedere Jagden besteht, nur eingestellte Gemsjagden gehalten, welche nicht ohne großen Aufwand an Arbeit und Kosten Die Jagd von Königsthal in Berchtesgaden im Jahre 1824 kostete gegen 10,000 fl. eingerichtet werden können und wozu öfters 8 Tage und mehr nothwendig waren, bis der Bogen zum Schließen kam.

König Maximilian II. hält aber nur freie Gemsjagden, wie sie die Poesie des Gebirges verlangt, und gewiß gehören sie zu den schönsten, deren je ein fürstlicher Jagdherr sich erfreut hat. In Betreff des Gemsstandes sind auch die Jagden des Kaisers von Oesterreich und die des Erzherzogs Johann in Steyermark und im Salzkammergut ausgezeichnet, und der gegenwärtige treffliche Gems- und Wildpretstand in Blümbach, wo die Jagd einer Gesellschaft von österreichischen Cavalieren zugehört, gibt ein erfreuliches Zeugniß was mit geeigneten Mitteln und einer guten Jägerei aufzubringen ist, denn noch vor sechzehn Jahren war das Revier fast ausgeödet. Treffliche Gemsjagden hat ferner der Herzog von Coburg in der hintern Riß, an die königlichen der Vorderriß angrenzend (s. Gerstäckers Gemsjagd in Tyrol) und der Fürst Lamberg in Steyermark. Es wurden auf dessen Jagden im Jahre 1857 38 Gemsböcke und 32 Gemsgaisen erlegt.

Es hängt dieses auch mit Anordnungen über Nebendinge zusammen, welche scheinbar nicht von Belang sind, gleichwohl aber wesentlich beitragen das Ganze waidmännisch und poetisch auszustatten. Es gehört dahin eine uniforme malerische Kleidung der Schützen, welche im Allgemeinen den Charakter der Kleidung trägt, wie sie im Gebirg gangbar ist. Eine lichtgraue grün ausgeschlagene Joppe mit geschlitzten Aermeln, grünes Collet, kurze dunkelgraue Hosen und ähnliche Strümpfe mit grüner Verzierung und Schnürschuhe bilden den Anzug, dazu ein grüner Gebirgshut mit Gemsbart und Spielhahnfedern, und ein kurzes Waidmesser als Wehrgehäng.

Aehnliche Kleidung tragen die bei den Jagden beschäftigten Forstmeister und Förster. Der Auszug zur Jagd wird meistens zu Pferde gehalten, und bestehen auch Reitsteige nach jenen Birschhäusern, welche hoch gelegen, die Schützen oft mehrere Tage beherbergen. Ein solcher Zug durch die herrlichen Thäler und auf dem Sammelplatz die bunten Gruppen der Jäger und Treiber, welche oft in einer Art von Lederharnisch (Lederleib) gar seltsam und abenteuerlich aussehen, dazu die Pferde und Schweißhunde – das ist eine gar lustige Schau, reich an Bildern, die man sonst nirgends zu sehen bekommt. Und dabei fröhliche Stimmung überall, denn auch Treibern und Trägern sind diese Tage nicht nur Tage des Verdienstes, sondern es sind auch die Tage, auf welche sie sich von einem Jahr zum andern freuen. Da möchte indessen mancher denken, daß diese Leute, wenn auch gut bezahlt, Der Mann erhält per Tag 1 fl. 12 kr. Vor hundert Jahren erhielt in Tegernsee ein »Fuxklopfer« per Tag 2 kr. und ein gewisses Brod. Die Zahl der Treiber und Träger bei den größern königlichen Jagden, wo auf den Berghütten übernachtet wird, beträgt 80 bis 100 Mann. übel genug daran seyen bei dem Herumsteigen in den Wänden und trügerischen Grashängen, und daß die Freude an solcher Arbeit eben nicht groß seyn mag. Es verhält sich aber anders, denn diese Leute haben auch das Zeug zu dem, was sie thun; sie sind hart wie die Eiben ihrer Berge, und zähe wie die Laatschen (Krummföhren), mit denen sie auf ihren Wegen oft genug zu raufen haben. Ohne in eine Jahn'sche Schule gegangen zu seyn, steigen sie wie die besten Turner und oft gerade da, wo es »schiech« d. i. wild, gefährlich hergeht, kann man sie jauchzen und jodeln hören. Eine Hand, die nur gewohnt ist, einen Federkiel zu regieren, erschrickt freilich vor der gewichtigen Axt eines Holzknechts und ein Staatshämorrhoidarius wird niemals eine Gemsjagd begreifen. Den Leuten dort oben ist aber zu Spiel und Vergnügen geworden, was andere oft schon in der Erzählung mit Schauder erfüllt.

Die Gemsjagden in Hohenschwangau, Graswang, Ettal, in der vorderen Riß, in Kreut und Berchtesgaden sind durch die Munificenz des königlichen Jagdherrn gegenwärtig in einem erfreulich blühenden Zustande, ebenso die Jagden des Prinzen Karl in Tegernsee und die Jagden im Allgäu, im Besitze des Prinzen Luitpold, welche sich in wenigen Jahren zu einem namhaften Wildstand erhoben haben, so daß die Zahl der Gemsen in allen diesen Revieren zwischen 4000 und 5000 Stück angenommen werden kann. Durch die königlichen Gehege werden aber auch die angränzenden Jagdgebiete mehr und mehr bevölkert und gewinnt das Gebirg allmählig an Leben, Nutzen und Reizen des Waidwerks.

Die Jagdbögen auf Gemsen, welche der König jagt, sind im Revier Hohenschwangau: Tegelberg, Branderschroffn, Bennoköpf, Holzschlagbogen, Gumpen.

Im Revier Buching: Roßställ.

Im Revier Ettal: Klammspitz, Erzgraben, Sonnenberg, Kofel, Laber.

Im Revier Riß: Galtboden, Stuhljöchl, Lange-Reisn, Scharflaanen, Gembskahr, Mooskopf und Röthlseitn, Grasberg, Speibnkäs.

Im Revier Kreut: Gernberg, Felseck, Langeck.

In Berchtesgaden, Revier Bartholomä: Warteck, Tauern.

Revier Ramsau: Schüttalpställ, Schönwand, Zirbeneck, Rothleitn, Ofenthal.

Abwechselnd werden einige dieser Bögen nicht jährlich gejagt. Im Jahr 1855 wurden von 8–9 Schützen 111 Gems erlegt, im Jahre 1856 125 Gems. Der König schoß auf diesen freien Jagden bis zum Jahre 1857 incl. eigenhändig 331 Gemsen, davon im Jahre 1855 45 Gems, 1856 deren 47. Im Jahr 1857 hat der König 66 Gemsen geschossen (in der Klammspitz einmal in einem Bogen vier Böcke, worunter 3 sehr starke und ein dreijähriger), im Ganzen wurden 161 erlegt. Obwohl der König, wie sich von selbst versteht, den besten Stand hat, und das Treiben möglichst dahin gerichtet ist, so geschieht es doch zuweilen, daß gar kein Gems anspringt. Seine Majestät nimmt das aber hin, wie es ein Waidmann hinnehmen soll.

Die meisten Bögen haben eine ziemlich große Ausdehnung, so daß das Treiben, wenn die Schützen schon angestellt sind, oft 3, 4, auch wohl 6 Stunden dauert, welches natürlich auch von der Art des Gebirgs mit abhängt, es kann daher an einem Tage meistens nur ein Bogen genommen werden.

Die stärksten Böcke, welche auf diesen Jagden vorkommen, wiegen selten über 60 Pfund (d. h. aufgebrochen und ohne Weiß), es sind aber zuweilen Böcke von 72 und 79 Pfund von den Jägern auf der Birsch geschossen worden. Dergleichen Kapitalböcke sind wie die guten Hirsche, sehr schlau, stehen gern allein und wissen sich vom Treiben abzuschleichen.

Der König bestimmt jährlich einen Preis bestehend in einer Büchse oder Hirschfänger, Pokal &c., welchen derjenige seiner Schützen erhält, dem das Glück den stärksten Bock zutheilt.

Der Eifer um einen guten Bock wächst dadurch natürlich bedeutend, um so mehr, als es an diesen nicht fehlt, denn 1855 sind z. B. in der Riß unter 21 Böcken 14 erlegt worden, wovon die geringsten 50 Pfund wogen, der stärkste 59 Pfund.

Abnormitäten sind bei den Gemsen verhältnißmäßig gegen Hirsche und Rehböcke sehr selten, sowohl was die Krickeln betrifft, als die Farbe der Haare und dergleichen. Die Industrie wußte aber auch da Rath zu schaffen, und in vielen Geweihsammlungen werden Doppelkrickeln, ja sogar dreifach und vierfach doppelte aufbewahrt. Ich gebe in der beifolgenden Vignette die Abbildung eines solchen aus einer hiesigen Sammlung.

Wer dieses abenteuerliche Gebilde zum erstenmal sieht und die Aechtheit aus dem Grunde nicht bezweifelt, weil die Krickeln wirklich auf der Schale stehen, der malt sich in der Phantasie die Herrlichkeit, ein solches Gems an einem wilden Gehäng zu erschauen und schwärmt von dem Glück des Schützen, der es angebirscht und erlegt hat. In dieser Beziehung ist es wirklich schade, den schönen Wahn zerreißen und den bewunderten Gemsschädel aus einen Widderschädel und das seltene Naturgebilde auf ein betrügerisches Machwerk von Menschenhand reduciren zu müssen. Gleichwohl ist es nicht anders, der Schädel stammt nämlich von einer eigenthümlichen, vorzüglich in Sardinien vorkommenden Schafart, Ovis aries polyceras, welches, wie der Name polyceras (vielhörnig) auch besagt, gewöhnlich vier und auch sechs Hörner aufsetzt. Diese Hörner nimmt man von den Zapfen herunter, haut die Schale so kurz ab, daß die Stirnlinie nicht verfolgt werden kann (denn diese steht nicht fast rechtwinklich gegen die Zapfen wie bei der Gemse) und setzt auf die gehörig zugefeilten Zapfen Gemskrickeln auf, wie man Lust hat. Wenn das geschickt gemacht ist, so scheint die Aechtheit des Produktes kaum zweifelhaft. Das sicherste Mittel, den Betrug zu entdecken, besteht in Abnahme der Krickeln und in der Untersuchung der Zapfen. Bei der Gemse geht vom Obertheil der Hirnschale aus eine rundliche Vertiefung unter den Zapfen, geht aber nicht über einen Zoll tief hinein, bei den erwähnten Hörnern aber geht ein röhrenförmiger Kanal über 2 Zoll tief in den Zapfen, auch sind letztere, um sie den Krickeln anzupassen, zugeschnitzelt und gefeilt und oft an der Seite ein Stück mit Entblößung des Röhrenkanals weggeschnitten. Ich habe diesen Betrug nicht selbst entdeckt, sondern bin von einem Forstmann (Herrn v. Mantel) darauf aufmerksam gemacht worden, dann aber konnte ich durch mehrfache eigene Beobachtungen und Vergleichungen bestätigen, daß es so sey und glaube der edlen Jägerei diesen Beitrag zur Geschichte der Geweihindustrie nicht vorenthalten zu dürfen. Ich habe dergleichen Raritäten mit 3, 4, 5, 6 und 8 Krickeln gesehen, meistens von Bock und Gais beisammen, wodurch sie noch den Schein gewinnen, als ob sie von Zwittern abstammten. Schlechteres Machwerk dieser Art besteht darin, daß man mehrere Paare gewöhnlicher Gemskrickeln auf der Schale durch Zuschneiden dieser und Zusammensetzen verbindet. Dieses Flickwerk wird aber gewöhnlich leicht erkannt. Ich meinestheils habe unter einigen tausend Gemsen, die ich lebend gesehen, niemals das Vorkommen von mehr als zwei Krickeln beobachtet, auch ist mir kein Jäger bekannt, der ein Gems mit drei oder mehr Krickeln geschossen oder auch nur einmal gesehen hätte.

Die Arco'sche Sammlung enthält einen größtentheils weißen Gemsbock, dessen Krickeln der Länge nach auf der vorderen Hälfte schwarz, auf der hinteren blaß gelblicht. Dieser Bock wurde in Bayrischzell geschossen, ein anderer mit seltsamer Bildung wurde in der Röthelseite in der Riß erlegt; an diesem zeigt sich außer den gewöhnlichen Krickeln ein beweglicher schwarzer krickelartiger Auswuchs fast 2 Zoll lang auf einem der Augendeckel. Krickeln von 7¾ Zoll Länge sind schon selten, über 8 Zoll kommen nur höchst wenige vor, die stärkeren haben an der Schale bis fast 4 Zoll Umfang.

Im Jahr 1846 wurde ein weißes Gems zu Tegernsee geschossen. Im Jahre 1857 wurde öfters ein starker weißer Gemsbock im sogenannten Holzschlag am Tegelberg bei Hohenschwangau gesehen, er kam aber bei einer darauf angestellten Jagd des Königs nicht zum Vorschein. Von Jägern in der Schweiz werden weiße Gemsen für Todesboten gehalten; wie bei der Hirschjagd angegeben galt sonst auch ein weißer Hirsch als ein böses Omen.

Das gewöhnliche Alter der Gemsen wird zu 20–25 Jahre angenommen, man behauptet aber, daß sie mitunter 50 und mehr Jahre erreichen. Die vormals berühmten Gemskugeln, aus Haaren, vegetabilischen Fasern &c. bestehend finden sich zuweilen im Magen der Gemsen. Sie sollten ein gutes Mittel seyn gegen die Pest, Schwindel, Melancholie &c., etwas davon nüchtern eingenommen sollte sogar auf 24 Stunden lang schuß- und stichfest machen, welches doch, bemerkt Flemming, dem Gems, so es ganz gehabt, nicht geholfen.

Der Glaube an die Gemskugeln ist noch in Tyrol sehr verbreitet, sie sind wichtig, sagt Alpenburg, Mythen und Sagen Tyrols. Alpenburg erzählt auch eine eigenthümliche Sage vom sog. Gemsfräulein im Kalmthal, einer Seligen, welche sich eines Kitzbockes, von dem die Gais weggeschossen wurde, erbarmte und ihn einem Hirten zur Pflege übergab. Als er herangewachsen, kam das Fräulein, schenkte dem getreuen Pfleger ein Kästchen voll schöner Krystalle und Granaten, schwang sich auf den Gemsbock und ritt mit ihm durch die Lüfte davon. Man sieht die Reiterin auf ihrem Bock noch öfters im Abendroth über die hohen Felskämme hinfliegen. wie kein anderes Ding im Lande, die Jäger und sympathetischen Bauerndoctoren und die Bauern führen sie in der Hausapotheke. Unter andern handelt darüber ein weit verbreitetes Buch von einem Dr. Georgius Hieronimus Velschius. Mit einer Gemskugel im Sack hat man einen Universaltalisman für Seele und Leib gegen die Uebel der Natur, wie gegen böse Geister. Sie muß aber vom 15. August bis 15. September (in dreiß'gen, frauendreißigsten) erobert werden. Zum Kugelgießen ist sie vor allem anzuwenden. Man gießt die Kugelform halb voll Blei, legt etwas von der Gemskugel darauf und gießt die andere Kugelhälfte darüber. Eine solche Kugel trifft sicher, besonders die Gemsen.

Das Gemswildpret ist besonders von einem Jährling (einem Gems im zweiten Jahr) oder von einem Kitz sehr gut zu essen, von den alten Böcken aber, denen der Jäger mit so großer Begierde nachstellt, ist es eben kein vorzüglicher Braten, am wenigsten in der Brunftzeit, wo hinter den Krickeln eigene Drüsen von Bocksgeruch (Brunstkappe) anschwellen. Im 16. Jahrhundert scheint das Gemswildpret sehr geschätzt gewesen zu seyn und wurden bei der Hochzeit Wilhelms von Rosenberg mit der Prinzessin Anna von Baden am 26. Januar 1576 nicht weniger als 50 Gemsen verspeist (sind auch noch 40 Hirsche, 50 Fässer eingesalzenes Wildpret, 20 Sauen, 2130 Hasen, 250 Fasanen, 30 Auerhähne, 2050 Rebhühner &c. angegeben).

Sowie man gern die Krickeln als Andenken zum Wandschmuck der Stube verwendet, ebenso ist ein schöner Gemsbart ein wesentliches Stück zur Zierde des Jagdhutes. Dieser Bart, bekanntlich über den Rücken des Thieres sich hinziehend, ist um die Brunftzeit (im November) am schönsten und erreicht eine Länge bis 6½ Zoll. Es wird verschiedentlich gefaßt getragen und manchmal bindet man den Bart von zwei Böcken zusammen, um den wehenden Büschel stattlicher zu machen. Bauernbursche und Wildschützen stecken auch gern einen Gemsbart auf und gibt es dadurch öfters Gelegenheit zu Prahlereien und Händeln mit den Jägern. 1785 ist deswegen im Salzburgischen den Bauernburschen das Tragen von Gemsbärten und Wildfedern verboten worden. In Berchtesgaden trägt auch das junge Weibervolk ein kleines rundgefaßtes Gemsbärtlein auf dem Hut.

Noch muß ich eines schönen Gebrauchs erwähnen, der in Berchtesgaden üblich ist und in dem Kränzen des Wildes besteht, welches der König selbst erlegt hat. Da beeilen sich die Sennerinnen der Nachbarschaft, bei Beginn des Jagens Alpenrosen, Edelweiß und das dunkelgrüne Bärenkraut zu sammeln und in Kränze zu binden, und dann geht es mit lustiger Geschäftigkeit an's Zieren des Wildes auf dem Streckplatz und ist die Freude groß, wenn der König die schmucke Arbeit lobend besieht und sich noch einen Strauß auf den Hut stecken läßt.

Dieses Edelwild der Berge mußte bei den vormaligen Prunkjagden zuweilen auch Parade machen und sich in den »Lauft« hetzen und fällen lassen. So bei einem Hochzeit-Festjagen des Kaisers Leopold in Wien 1666, wo unter andern etliche Gemsen in Gesellschaft von 70 »Thannhirschen« geschossen und gehetzt wurden, ebenso bei einer solchen Jagd des Herzogs Karl Eugen von Würtemberg († 1793).

Die Franzosen haben in ihrem Revolutions-Kalender von 1796 der Gemse die Aufmerksamkeit erwiesen, den 2. Juli bezeichnen zu dürfen; dem Hirsch wurde keine solche Anerkennung, wahrscheinlich weil ihn die Aristokratie so lange ausgezeichnet hatte. Von anderem Haarwild findet man in diesem tollen Machwerk noch den Rehbock, den Hasen, das Kaninchen und den Fischotter genannt.

In Beziehung auf die Stelle, welche die Gemse unter den Thieren nach physiologisch-psychologischer Taxation etwa einzunehmen hat, ist bemerkenswerth, daß der Phosphorgehalt des Gemsenhirns nach den Untersuchungen des Freiherrn von Bibra größer ist als bei allen andern Thieren, und sogar größer als beim Menschen. Er beträgt nämlich bei der Gemse 3 2 / 5  Procent, beim Menschen im Mittel nur 2 Procent. Wenn die Spekulanten des Materialismus Recht hätten, indem sie den Phosphorgehalt des Gehirns als den Vater der Gedanken anbeten, so müßten die Gemsen die gedankenreichsten Wesen auf der Welt seyn. So viel ist richtig, daß die alten Böcke die Einsamkeit lieben, wie es die Oberpriester des Denkens, die Philosophen auch oft gethan haben, und so möge eine weitere Untersuchung darüber auch der Philosophie überlassen bleiben. Die Jäger aber meinen, der Hirsch sey, trotz Materialismus und Phosphor, im Denken dem Gems weit voraus.

 

 

            Koa' lustigers Leben meinoad
Als Jaagern in' Berg umanand,
    Is der Weg nacha schmal oder broat
Geht a' Grabn her oder a Wand,
    Dees is mir oa' Ding
Und bal's no' grad Gambsein gnua geit
    Acht' i' Alles gar g'ring!

    Heruntn leicht Jaager d'erfragst
Auf Henna und Hasn und Füx,
    Wo d'robn aber 's Edelweiß wachst,
Da taugn die mehrern nix
    Aber i' bi' dabei,
Denn »wie höcher wie lieber« dees is
    Mei Spruch allewei!

    Sichst 'n steh' wier er hofft wier er schaugt,
Wie der Teufi so schwarz und so wild,
    A' sella Bock is's, der ma' taugt
Und i' trau mir aa', daß er's verspielt,
    Denn a so oder so
Und steiget er eini in d'Höll
    I' krieg'n halt do!

    Schöni Graanln a' Ringei wohl ziern
Und 's g'freut mi' und g'fallt mir a guat,
    Wann der Spielho' sei' Schaar muß verliern
Und wann i' mir's steck auf'n Huat,
    Aber bring i' mir z'wegn
An' wachle'dn Gambsbart, verstehst,
    Da is Alles nix dagegn!

Graanln = Hacken, die zwei Eckzähne beim Hirsch; Spielho' = Birkhahn, dessen Stoß Schaar = Scheere heißt; wachle'd = wehend.

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