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Wildanger

Franz von Kobell: Wildanger - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorFranz von Kobell
firstpub1859
year1859
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
addressStuttgart
titleWildanger
created20050711
sendergerd.bouillon
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Der Damhirsch.

Es ist oft bemerkt worden, daß jede Art von Wild im Allgemeinen eine gewisse Einförmigkeit im Aussehen habe und daß es mithin kein Wunder seyn kann, wenn sich Bekannte und Gatten verwechseln oder auch anderseits wunderbar, wenn sie das nicht thun, was ebenfalls vorkommt. In der Farbe gibt es zwar mancherlei Nuancen, auffallende Verschiedenheiten sind aber immer selten. Bei genauerer Betrachtung finden sich auch Unterschiede in der Gestalt und selbst in der Physiognomie, ja es ist gewiß, daß es unter dem Wild schöne Individuen giebt und in ihrer Art auch häßliche, wie unter den Menschen. Bei den physiognomischen Verschiedenheiten zeigt sich seltsamerweise, daß diese mehr beim harmlosen Hirsch- und Rehwild sich finden, als bei den räuberischen Füchsen, wo einer aussieht wie der andere, während unter den Spitzbuben des Menschengeschlechts die größte Mannigfaltigkeit des Ausdrucks vorkommt. Ein Wild aber, welches, besonders in der Farbe, sehr auffallende Verschiedenheit zeigt, ist das Damwild ( Cervus Dama). Man kann zu derselben Zeit röthlichbraune, graue, weiße und schwarze, und gefleckte Individuen auf einem Rudel beisammen sehen und dieses Verhältniß ist nicht etwa auf einen besondern Landstrich beschränkt, sondern ist allgemein und sowohl in Parken als im Freien zu beobachten. Diese Abwechslung hat manchen Reiz und die Dichter, welche herkömmlicherweise gerne von einem weißen Hirsch oder einer weißen Hindin singen, können ihr Ideal unter dem Damwild leicht verwirklicht finden, während sie beim Edelwild lange drum suchen dürften.

Das Damwild erinnert in mancher Beziehung an ein Mittelding zwischen Hirsch und Ziege und besonders, wenn es halbflüchtig ist, springt es dieser ähnlich satzweise auf alle vier Läufe zugleich. Da es auch vom Edelwild nicht sonderlich geliebt wird, so hat Laube Jagdbrevier. den bastardischen Ursprung des weiteren ausgeführt und werden die ersten Damkinder von den Edelhirschen zur Rede gestellt:

»Ihr habt von Ziegen Schwanz und Haar
Von unanständ'ger Länge,
Ihr galoppirt wie ein steifer Gaul,
Wer seyd Ihr, wir fragen strenge!

Und als die Abkunft dargethan war, so

  – gingen die Hirsche zornig fort,
Ein Fluch ward ausgesprochen:
»Wer mit den Bastarden verkehrt,
Hat Hirschenehre verbrochen!«

So blieb das Pärchen denn allein,
Hat sich allein vermehret;
Der Titel »ein verdammter Hirsch«
Hat sich in »Damhirsch« verkehret.

Von ihrer Mutter behielten sie
Die Neugier und schweres Verständniß,
Der Rothhirsch nimmt noch heut'gen Tags
Von ihnen keine Kenntniß. –

Die älteren Jäger haben behauptet, daß in der That eine solche Antipathie zwischen Edel- und Damwild bestehe und daß durch das viele Umherziehen des letzteren das Edelwild aus seinen Standorten vertrieben werde, wie auch nicht zu leugnen ist, daß ein Schaufler mitunter sehr keck sich benimmt und sogar starke Sauen vom Futterplatz jagt, um sich's schmecken zu lassen. Döbel dagegen, Wildungen und der Graf von Mellin haben das Damwild in Schutz genommen und in Parken müssen sich wohl beide, wie's eben geht, vertragen.

Ein alter Schaufler (siehe die Vignette am Schluß) ist ein stattliches Thier und wird bis 250 Pfund schwer, das Geweih zählt bis zu 30 Enden, nach denen aber der Damhirsch nicht angesprochen wird, sondern man taxirt und bezeichnet ihn nach den Jahren. Das Schaufelgeweih bildet sich erst im fünften Jahr aus. Der Spießer setzt im folgenden Jahre ein Geweih von 6–8 Enden auf. In der Brunftzeit, welche der des Edelwilds folgt, schreien die Hirsche oder Damböcke, wie sie auch heißen, in kurzen Tönen und bei weitem nicht so stark wie ein Edelhirsch. Sie kämpfen dann lebhaft miteinander und sind auch sonst zum Scherzen und Raufen aufgelegt und besonders im Frühjahr vor der Zeit des Abwerfens, welche bei den stärkern Hirschen zu Ende April und in den Mai fällt. Sonst ist das Damwild harmlos und gutmüthig.

Die Damhirsche haben keine Graanln oder Hacken (Eckzähne) wie die Edelhirsche. Sie erreichen ein Alter von 20–25 Jahren.

Das Damwild ist in Deutschland erst seit der letzten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts bekannt. Während Einige annehmen, daß es aus Nordafrika nach dem südlichen Europa und von da zu uns gekommen sei, ist historisch nachgewiesen, daß es im sechzehnten Jahrhundert aus Dänemark von Landgraf Wilhelm IV. von Hessen für seine Jagden bezogen wurde. 1570 schickte der König von Dänemark dem Landgrafen 30 Stück, welche in den Thiergarten zu Sababurg gebracht wurden. Das Wild wurde damals Damwild, Dehn, Dähnen genannt. Dergleichen Sendungen folgten mehrere und wenn auch das Damwild nicht überall gedieh und fortkam, so war es doch in einzelnen Gehegen auch im Freien der Fall, z. B. in der Obergrafschaft Katzenelnbogen, wo man im Jahre 1629 schon 228 Damböcke und 446 Stück Damgaisen zählte.

In dem Thierbuch Geßners von 1563 ist erwähnt, daß der »Damhirtz« in den Wäldern Helvetiens »als bei Lucern offt vnd viel« gefangen werde.

Von der Statthalterin der Niederlande Maria wird erzählt, daß sie, überhaupt eine große Jägerin, auch die Jagd auf Damwild geliebt und 1549 einen Damhirsch, welchen sie mit der Armbrust erlegt, selbst kunstgerecht aufgebrochen und zum Curée hergerichtet habe. Auch die Königin Elisabeth von England pflegte diese Jagd zu treiben.

Man nannte die Damhirsche überhaupt zuweilen Damenhirsche, weil sich die Damen vorzüglich mit ihnen beschäftigten. So berichtet auch Rohr, daß im Jahre 1706 zu London »die Damen-Hirsche an der Zahl 200, in dem Park einen unvermutheten Krieg gegen einander anfiengen, und sich dermaßen schlugen und bissen, daß sie fast allesammt todt auf dem Platze blieben.«

In Bayern wird das Damwild zuerst unter Herzog Albrecht V. († 1579) erwähnt »Für die Thärnlhirschen zu grunwaldt ein garten zugericht per 632 fl. 2 ss. 9 du.« Westenrieders Beiträge. 3. 72.

In den Rechnungen des Hofzöhrgadens von 1674–1682 findet sich kein Damwild, dagegen in den folgenden Jahren 1683–91 in den Lieferungen 93  Dändl verzeichnet sind. 1722 ließ Max Emanuel, wie bei der Hirschjagd gesagt worden, zu einer Jagd in Schleisheim auch Damwild aus dem Thiergarten zu Landshut bringen. 1751–55 incl. sind nur 35 Dändl geliefert worden.

Vorzüglich wird zu Ende des vorigen Jahrhunderts Wartenberg (Landgerichts Erding) als ein Geheg für Damwild genannt und ferner die Isarauen.

Auf den von 1825–48 gehaltenen 11 Hofjagden in den Freysinger-Revieren sind 93 Stück Damwild, welches auch als Tannenwild aufgezeichnet, erlegt worden. Von 1841–45 sind ins Münchner Zwirchgewölb meistens aus den Parken 406 Stück Damwild geliefert worden; auf den königlichen Jagden von 1851–55 wurden 202 Stück geschossen, die meisten in Forstenried, einige im Anzing.

Im Freien kam früher Damwild im Revier Wies bei Steingaden (von München aus eingesetzt) vor, und zu Lindenbühl bei Gunzenhausen in Mittelfranken. Auf der Herreninsel am Chiemsee (dem Grafen von Hunolstein gehörig) ist noch gegenwärtig ein Stand von 60–70 Stück und auch einiges in den Isarauen bei München. Die Parke von Forstenried (gegen 600 Stück), Anzing, Eichstädt und der des Fürsten Taxis zu Stauf, sind mit Damwild ziemlich bevölkert.

Im Gebirg ist es bei uns niemals vorgekommen.

Als noch die Parforcejagd florirte hat man auch mitunter Damhirsche parforce gejagt, so im Anhalt'schen, in Frankreich und in einigen Gegenden von Irland und Schottland. Sie können aber nicht so aushalten wie der Edelhirsch. Es gab eine Zeit, wo ein riesiges Geschlecht von Damhirschen blühte und wären die noch bestehenden nur halb so stattlich, so würden sie gewiß zu den ersten Zierden des Waidwerks zählen. Man gräbt die Reste dieser Herrlichkeit aus den Torfmooren von Irland, aus dem aufgeschwemmten Land am Rhein, in Frankreich &c. Die Geweihe solcher Hirsche haben eine Länge von 8 Fuß (also fast das 4fache der gewöhnlichen) und einen Abstand von einer Endspitze zur andern von 11–13 Fuß. Geweih und Schädel wiegen bei einigen an 90 Pfunde. Einige Naturforscher sind der Meinung, daß diese Hirsche erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts erloschen seyen und daß unter dem »grimmen Schelch,« der im Nibelungenlied erwähnt wird, ein solcher Hirsch zu verstehen sey. Wahrscheinlicher aber ist, daß dieser Schelch das Elenn gewesen, welches in Holland noch um das Jahr 1000 vorgekommen und gejagt worden ist, wie mehrere Urkunden bezeugen. In einer derselben von Kaiser Otto dem Großen vom Jahre 943 heißt es: »Es darf niemand, ohne Erlaubniß des Bischofs Balderich, in den Forsten der Landschaft Drenthe Hirsche, Bären, Rehe, Eber, und diejenigen Bestien jagen, welche in der deutschen Sprache Elo (Elg) oder Schelo (Schelg) heißen.« – Dasselbe in einer Urkunde Heinrichs II. vom Jahre 1006 für einen Bischof von Utrecht und in einer dritten Conrads II. von 1025.

Der Fürst von Anhalt Dessau machte 1726 den Versuch, Elennwild im Freien zu hegen und ließ eine Anzahl Elennthiere aus seinem Thiergarten in den offenen Wald bringen. Mehrere davon zogen nach Sachsen, wo ihre Schonung befohlen wurde, man weiß aber nicht wie lange sie sich gehalten.

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