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Wildanger

Franz von Kobell: Wildanger - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorFranz von Kobell
firstpub1859
year1859
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
addressStuttgart
titleWildanger
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Einleitung.

Von Kaiser Albrecht I. († 1308) heißt es, daß er zu sagen pflegte »die Jagt gebür den Mannen, der Dantz den Weibern und er könne anderer Wollust wohl entrathen, aber der Jagt gar nicht.« – Haben sich zwar fürstliche Vorgänger und Nachfolger nicht immer mit gleicher Bevorzugung über die Jagd ausgesprochen, so sind deren doch wenige gewesen, welche sie nicht mit Freuden geübt und gepflegt hätten. Und hat auch Friedrich der Große ihr nicht das gebührende Recht zuerkannt, so hat Karl der Große desto mehr gejagt, und will man an Friedrich den Philosophen hervorheben, so hat die Autorität eines Plato der Jagd das Wort geredet. Was man darüber klügeln und einwenden will, es besteht immer noch zu kraft, was die Alten gesagt haben, daß die Jagd »zur hurtigkeit und gesundheit deß Leibs zur Kriegs und verstands geschwindigkeit hochdienstlich und nutzlich« und vor Weichlichkeit und Wollust bewahre.

Wenn Friedrich der Große anführt, Anti-Machiavell. daß Männer wie der Cardinal Fleury, Ximenes u. a. sehr alt geworden, ohne zu jagen, daß Türenne, Marlborough, der Prinz Eugen und Gustav Adolph große Krieger gewesen, ohne Jäger zu seyn, so beweist das nur, daß die Jagd nicht eine absolut nothwendige Bedingung für langes Leben und sonstige Tüchtigkeit, und es wäre auch wahrlich schlimm, wenn jeder jagen müßte, um solcher Vorzüge theilhaftig zu werden, denn da stürben zu unserer Zeit die Leute gewiß entsetzlich früh und wär's mit den dem Vaterlande dienenden Kräften schlecht bestellt. Daß aber ceteris paribus ein Waidmann frischer in's Leben hineinschaut und sich frischer drin bewegt, als ein anderer, dürfte schwerlich zu bestreiten seyn, denn der Umgang mit der freien Natur und die Kräftigung des Körpers, wie sie das Waidwerk begünstiget, hat dem Geiste nie geschadet, wohl aber das Gegentheil.

Die Vorzüge der Jagd für die Gesundheit erheben Alle, die je gejagt haben und nicht mit Unrecht sagt vergleichsweise Venantius Diana: »Wenn die Pürschbüchsen selbst reden könnten, würden sie bejahen, ihnen sey viel besser, daß man sie stark im Wald brauche, als daß man sie lasse zu Hause an der Wand hängen und verrosten.« Gaston de Foix (um 1387) sagt: On desire en ce monde a vivre longuement en sante et en joye et apres la fin la salutacion de lame et veneurs ont tout cela. Donc soyez tous veneurs et vous ferez que sage.

Unsere Zeit ist aber gewaltig materiell und krämerisch geworden und in Rücksicht auf solchen Zustand muß man freilich mit anderen Argumenten als Gesundheit und Bewahrung von Geistesfrische kommen, wenn man ihr das Waidwerk empfehlen will, und so hört denn, wie es auch Schätze, die sich greifen lassen, gehoben hat.

Karl der Große entdeckte im Verfolgen eines Hirsches die berühmten heißen Quellen von Aachen und bei gleicher Veranlassung Kaiser Karl IV. 1370 die Quellen von Karlsbad, welches nach ihm seinen Namen erhalten hat. Wie viel Geld ist um dieser Wasser wegen schon in Umlauf gekommen, wie viele herrliche Fabrikate, die man doch eigentlich zu gar nichts brauchen kann, wandern jährlich unter dem Protectorat der Mode nach jenen gesegneten Quellen und werden mit großem Gewinn abgesetzt! – Durch Ritter Niklas von Rohrbach wurde bei einer Gems- und Hirschjagd der obere Haller-Salzberg entdeckt; einem Köhler und dem dazu gekommenen Jäger verdankt man die Zinnerzlager von Altenberg in Sachsen und andere Zinnerzlager am Geyer daselbst Jägern, welche Geyer verfolgten; einem Jäger des Kaisers Otto I. die Entdeckung der Bleierzlager am Rammelsberg bei Goslar. Die anthracitischen Kohlenlager in Pennsylvanien, welche gegenwärtig über sechzig Millionen Centner liefern, sind 1791 von einem Jäger, Namens Ginter, aufgefunden worden; die reichen Goldgruben von Potosi in Peru ebenfalls von einem jagenden Indianer, Gualpa; die mächtigen Goldsandlager am Angarafluß in Siberien 1816 von einem Jäger, der ein Birkhuhn schoß, in dessen Magen man Goldkörner fand und so auf die Entdeckung geführt wurde. (Spekulanten ist in dieser Beziehung vor allem Federwild der Auerhahn und der Birkhahn zu empfehlen, weil sie gerne kleine Steine und Sand hinunterschlingen.)

Es ist ferner zu bemerken, daß viele Kirchen, Stiftungen und Klöster dem Waidwerk, wenn auch nicht unmittelbar, doch in einem seltsamen Zusammentreffen mit solchem, ihren Ursprung zu danken hatten. So stiftete Tassilo das Kloster Wessobrunn, nach einem seiner Jäger Wesso und den dortigen Quellen benannt. Tassilo übernachtete in der Gegend gelegenheitlich einer Schweinsjagd, und die Sage erzählt, wie er die Engel auf der Himmelsleiter habe niedersteigen gesehen &c.; in ähnlicher Veranlassung erbaute er Polling Ein Stück Wild bezeichnete durch Scharren im Boden die Stelle, an der man bei weiterem Nachgraben drei Kreuze und mehrere Reliquien fand. und das noch bestehende reiche Kremsmünster (777), wo sein Sohn Gunthar von einem Keiler, dem er den Fang gegeben, so geschlagen wurde, daß er neben dem verendeten Thiere verschied. Als der Herzog nach langem Suchen mit den Jägern den Jüngling fand und schmerzlich getroffen dessen Begräbniß besprach, da erschien bei einbrechender Nacht ein Hirsch am Waldessaum, auf dessen Geweih flammende Kerzen leuchteten. An der durch ihn bezeichneten Stelle wurde dann das Kloster erbaut. Monum. boica XIII. pag. 503. – Die Frauenmünsterabtei in Zürich ist in Folge einer ähnlichen Erscheinung entstanden. Die Töchter König Ludwigs des Deutschen († 876), Hildegard und Bertha, bewohnten eine Burg auf dem Albis und pflegten des Nachts in den angrenzenden Wald zu gehen und dort in wilder Einsamkeit zu beten. Da erschien ihnen zu wiederholtenmalen ein Hirsch, der brennende Kerzen auf dem Geweih trug und ihnen jedesmal bis zu dem Platze leuchtete, wo dann auf das himmlische Zeichen hin das Frauenmünster erbaut wurde. Zum Andenken wurde, wie noch gegenwärtig zu sehen, ein Hirsch mit zwei Kerzen auf dem Geweih über der Hauptthür der Kirche in Stein ausgehauen und später in das Siegel der Aebtissinnen aufgenommen. Alpensagen von Th. Vernaleken, S. 317.

Einem Keiler verdankt Ebersberg (davon benannt) seine Gründung. Ein jagender Graf Sighardus bemerkte einen gewaltigen Keiler zwischen einem Felsen und einer riesigen Linde liegend, konnte ihn aber nicht fangen. Dieser Keiler kehrte mehrmals des Nachts auf denselben Platz zurück und da er immer entkam, hielt man ihn für den Teufel und verkündete ein Konrad von Hewa, daß dieser Ort göttlichem Dienste bestimmt sey und wurde dann um 1020 das Kloster gebaut. Oefele II. 711.

Die Klöster Thierhaupten und Metten sind auch durch Vermittlung der Jagd entstanden, das erstere wurde von Tassilo 750 in Folge eines Gelöbnisses gestiftet, als er sich auf der Jagd verirrt hatte; Metten gründete Karl der Große, da ihn das Waidwerk mit dem Einsiedler Utto zusammenführte, von dem manches Wunder erzählt wurde. Karl versprach ihm eine Bitte zu gewähren und Utto verlangte das Kloster, welches auch erbaut wurde und Utto selbst zum ersten Abt erhielt. Wenn vor diesen Zeiten manche Kirchenväter gegen die Jäger als einer arti nequissimae ergeben &c. losgezogen sind, so mag das hingehen, sie dachten nicht daran, was später geschehen könne; weniger erbaulich ist, wenn jene Aeußerungen noch weiter im canonischen Recht fortgeführt wurden. Da heißt es auch: »der Unschuldige muß viel leiden.«

Im Baseler Bisthum entstand um 1140 das Kloster »Bellay« bei Gelegenheit, als der Probst Sigismund zu Münster im Granwald, auf der Schweinsjagd bei Biel sich verirrte und für seine Rettung eine Kapelle gelobte; von der Gründung des Klosters Ebrach (in Oberfranken) erzählt die Sage, daß ein Eber im Walde Nonnenkloster einen Bischofstab aus dem Boden gewühlt und ihn an den Platz getragen habe, wo jetzt das Kloster steht. Der Versuch, dasselbe an einen anderen Platz zu bauen, mißlang, denn was man am Tag baute, fiel in der Nacht wieder ein. Panzer, bayerische Sagen &c. II. S. 182.

Die Stelle, wo Graf Gebhard von Kastel um 1030 Sulzbach (in der oberen Pfalz) gründete, bezeichnete ebenfalls ein gehetzter, an labender Quelle verendeter Keiler. – Man weiß auch, daß die Franzosen in der Schlacht bei Patay ihren Sieg über die Engländer vorzüglich einem Hirsch zu danken hatten, der sich zu gutem Beispiele muthig in die Reihen der Feinde stürzte, daß sogar ein Hase dem Kaiser Arnulph 896 zur Eroberung Roms verhalf &c.

Und so ließe sich noch Vieles erzählen, was zu einer Apologie der Jagd dienen kann, von der Herrlichkeit eines Schweinskopfes und der Braten des Hirsches, Rehes und Hasen, von den feinen Tafelfreuden, die in Fasanen, Haselhühnern und Rebhühnern wohnen, von dem Gewinn, der mit Fellen und Bälgen zu erwerben &c., und von ihrer Poesie gar nicht zu reden, die keiner Anpreisung und Deutung bedarf, wo überhaupt poetisches Verständniß vorhanden, die aber auch, wo dieses fehlt, nicht begreiflich zu machen ist. Es war bedeutsam bei den Alten, daß der Diana kein Kalb geopfert werden durfte.

Wenn Frauen gegen die Jagd sprechen, so kann man's nicht so genau nehmen und sie sind vielfach zu entschuldigen, gleichwohl dürften sie sich erinnern, daß im klassischen Alterthum die mondgeschmückte Diana Oberstjägermeisterin war und gerade deßwegen als eine der liebenswürdigsten Göttinnen verehrt wurde; bei den Drohungen aber, welche einmal eine indische Königin erhob, wie das buddistische Buch »der Weise und der Thor« Herausgegeben von Schmidt, Petersburg 1843 S. 379. erzählt, hat man sich zu denken: bange machen gilt nicht. – Diese Königin sprach zu ihren zehn Söhnen: tödtet nicht das Wild. Hierauf erwiderten die Söhne: es geht nichts über das Vergnügen der Jagd wilder Thiere, wenn unsere Mutter dieses uns verbietet, so muß sie uns hassen. Darauf entgegnete die Königin: keineswegs hasse ich euch, sondern als liebende Mutter verbiete ich euch die Jagd. Denn wer ein lebendiges Thier tödtet, muß hunderttausend Jahre lang in der Hölle Qualen erleiden, und zwar dadurch, daß er selbst hirschköpfig, widderköpfig, hasenköpfig, kurz mit allen Köpfen des Wildes versehen, welches er getödtet hat, von den Höllenwächtern beständig getödtet wird. – Wie anders gemeint war es, wenn gegenüber dieser heidnischen Mutter der Landgraf Philipp von Hessen als christlicher Vater in seinem Testament die Söhne ermahnt, das Wild zu hegen. Er sagt wohl auch: »Hätte Gott kein Wildpret wollen haben, so hätte es seine Allmächtigkeit nicht in die Arche Nohe lassen nehmen;« er will es aber zum Jagen gehegt wissen und sollen sich »die Herrn zu Zeiten verlustiren, die sonsten mit schweren Geschäften überhäuft sind. Die Herrn vernehmen auch viel, wenn sie auf der Jagd und den Jagdhäusern sind, können auch dadurch ihre Grenzen selbst wissen, was ihrer ist, kann auch selbst mancher arme Mann vorkommen, der nicht sonst zugelassen wird.« Landau, Beiträge zur Geschichte der Jagd &c. S. 9. Wenn Friedrich der Große diese Art, Land und Leute kennen zu lernen, bezüglich eines Fürsten sehr ungenügend hält, so hat er freilich recht, gleichwohl bietet sie dazu Gelegenheiten, die außerdem vielleicht nicht vorkommen. Wäre die Kaiserin Katharina jagend durch die Krim gezogen, so hätte ihr Potemkin schwerlich weißmachen können, daß das Land blühend und glücklich sei. – Hierüber spricht sich auch der Kaiser Maximilian I. aus, indem es in seinem Jagdbuch G. v. Karajan. Kaiser Maximilian I. geheimes Jagdbuch. Wien 1858. heißt:

»Du kunig von osterreich, mitt dein erblanden zw dem Haus osterreich gehorundt solst dich Ewiklich freyenn des grossen lust der waidmanschafft, so dw fur all kunig vnd fursten hast zw deim gesunntt und ergetzlichaitt, Auch zw trost deiner vndersassen, das dw Inne bekantt magst werden, auch der arm als der reich, der reich als der arm teglichen an solchem Waidberich Iren Zwgang mogen haben, sich Irer nott zu beklagen und anbringen, dw in auch solichs wenden magst mit lust, die armen in der Ergetzlichait der Waidmanschafft magst dannen Richten, dartzw dw allzeitt deinen Secretary vnd ettlich dein Rett (Räthe) mit dier an solich Waidmanschafft solst nemen, domitt dw den gemain man, so dich also besuechen vnd zw dier komen, magst Abzwfertigen, das dw dan pas am Waidberich, dan in Heyssern thuen magst. Domitt dw auch kain Zeitt verlierst, so solstw also nimer Rue haben, allain wan die Falcken fliegen oder die Hundt Jagen.«

Was die Jagdlust selbst betrifft, so schwanken viele darüber, wohin sie zu classificiren sey. Ich erinnere mich, daß ein sogenannter Phrenolog Jagdlust und Mordlust, für die er auch ein Plätzchen am Schädel ausgemittelt hatte, zusammenfaßte und beide ziemlich für gleichbedeutend erklärte. Es ist dieses, wie mir scheint, eine ganz verrückte Ansicht. Die Jagdlust ist eine Lust männlichen Ehrgeizes.

Ehrgeiz ist das bewegende Element, Ehrgeiz, die Geschicklichkeit des Aufsuchens, Findens, Fangens und Fällens, zu bewähren und Gleichstrebenden es zuvorzuthun, und listiger zu seyn als das listige Wild, und, um den Zweck zu erreichen, kein Hinderniß scheuend, Wind und Wetter, Hitze und Kälte und allen Gefahren Trotz zu bieten. Der Ehrgeiz ist es, in solchem Thun und Treiben auftreten zu können, wie Mannen gebührt. Je vielseitiger sich dieses bekundet, desto edler stellt sich die Jagdlust; Boner sagt ganz richtig: For be it remembered that it is not in killing his quarry that the hunters delight consists, but in the excitement of the pursuit, in the varying chances, in the »hope deferred« and above all in that crowning moment, when whispering to himself »Now he is mine!« Chamois Hunting. sie wird im eingestellten Jagen bedeutend heruntergedrückt, denn der Ehrgeiz hat hier fast nur in der Fertigkeit des Schießens seinen Boden, sie wird im Schlingenlegen, im Fangen mit Eisen &c. ebenfalls bedeutend gemindert, denn es fehlt das Element rascher Entschlossenheit, wenn der Augenblick zu schießen gekommen ist, von dem aller Erfolg abhängt, oder wenn es einen Kampf mit dem Thiere gilt. Wenn man aber weiter gehen will, wenn man vereinzelte Fälle citiren will, wo geknebelte Sauen abgefangen wurden oder dergl., so ist das niemals zur Lust des Waidwerks gezählt und nur als eine bedauerliche Art von Vergnügen angesehen worden, auf welche gleichwohl der Begriff von Mordlust ebenso wenig paßt, als auf das gewöhnliche Schlachten eines Kalbes.

Wer dabei an Mord erinnern will, der erinnert auch an den Schützen, der auf einen Rehbock, welcher ihm vor angeblasenem Treiben kam, nicht schoß, und darüber befragt, meinte: es wäre ja ein Meuchelmord gewesen, zu schießen, da man den Bock noch nicht durch das Anblasen benachrichtiget habe, daß eine Jagd sey, und daß er also aufpassen und nicht so leichtsinnig im Holz herumlaufen solle.

Es lassen sich zuweilen auch Stimmen gegen die Jagd von Leuten vernehmen, die selber eifrig jagen, nur in einer anderen Art, und mit dem Unterschied, daß ihr Wild ein passives ist.

Das Jagen der Paläontologen, Botaniker, Mineralogen &c. nach einer neuen Species, die immer gern als Hirsch vorgestellt wird, wenn sie auch nur ein Rehspießer ist, das Jagen der Philologen nach einer neuen Lesart, der Etymologen nach einem neuen Stammwort, wobei der Böcke genug geschossen werden, das Jagen nach Monogrammen, alten Handschriften &c., alles dieses gehört hieher und hat gleiche Triebfeder, nämlich den Ehrgeiz, sich im Suchen, Finden und Fangen vor anderen auszuzeichnen und entgegenstehende Hindernisse zu überwinden.

Nach dem Gesagten ist begreiflich, daß Kaiser und Könige dem edlen Waidwerk von jeher zugethan waren, denn die Großmeister sollen den Rittern vorangehen und alles ritterliche Treiben an ihnen die ersten Träger seiner Würde finden. Und sind auch einzelne Frauen gegen die Jagd, so ist die Mehrzahl doch den Jägern hold wie den Soldaten, denn sie lieben am Manne Muth und Entschlossenheit und die Lust zu einigem Wagniß und empfiehlt sich damit ein einfacher Jäger trotz seines verwetterten Gesichtes weit mehr als ein geschniegelter Narcissus mit zuckerblumigen Sentenzen. Es meinen zwar Einige, mit den Strapazen und Gefahren der heutigen Jagd habe es nichts mehr zu bedeuten, weil keine Wölfe und Bären oder hauende Schweine wie vormals zu bekämpfen und auch keine so grausamen Wildnisse; diese Kritiker mögen aber nur einmal einige Gemsbirschen der unfreundlichen Art in unsern Bergen machen und dem Brunfthirsch zu lieb in Hütten übernachten, deren Lage kein Feuer gestattet und wo auf eisigem Wind der Dämon Rheumatismus seinen Ritt hält, oder sie sollen's probiren mit einem, wie sie glauben heruntergekommenen Parkkeiler anzubinden oder einen dergleichen Sechsender zu genicken &c., und sie werden mit Verwunderung bemerken, daß zur Zeit noch genug übrig ist an Mühsal wie an Gefahr der Jagd und daß es dabei nicht immer so behaglich und gemüthlich hergeht, wie etwa bei einer Hühnerjagd, die sie kennen gelernt haben.

War in den Urzeiten die Jagd ganz frei und wurde sie später auf den Besitz von Grund und Boden beschränkt, so ist das ebenso natürlich, als daß die Mächtigeren, wenn sie von ihren Grundstücken an andere verschenkten, verkauften oder verpachteten, sich das Jagdrecht vorbehielten, und da die Fürsten am meisten zu vergeben hatten, wie sie auch am meisten erwerben konnten, so bildete sich damit gegen das zwölfte Jahrhundert das sogenannte Regale aus, welches dem Fürsten die Jagd überall zusprach und das Recht, sie zu verleihen und zu vergeben. Freie Pirsch bestand in Franken und Schwaben bis ins achtzehnte Jahrhundert. Sie wurde vom Adel und von dem Bürger nach den gesetzlichen Jagdzeiten ausgeübt und war dazu eine Art von Jagdkarte eingeführt.

Die Rechtshistoriker haben weitläufig darüber geschrieben und unser Kreitmayr macht folgende spitze Bemerkung dazu: »Hätte man an Mäusen, Ratten, Würm, Schlangen, Schnecken, Heuschrecken, Mücken, Bienen, Maikäfern und dergl. Insectis so viel Profit und Lustbarkeit, wie an anderen wilden Thieren gefunden, wären sie ebenfalls schon lang zum Jagdregale mitgezogen worden, da aber das nämliche Agrement nicht davon abfallt, so bleiben sie in ihrer natürlichen Freiheit und verlangt sich solche niemand cum exclusione aliorum zu attribuiren.« Daran hat der gelehrte Herr ganz recht, aber die Fürsten hatten auch recht, daß sie lieber Hirsche und Schweine jagten, als Mäuse und Ratten, obwohl Ludwig XI., da er nicht mehr vom Krankenlager konnte, auch mit letzteren zufrieden war und sie in seinem Zimmer mit Katzen jagen und fangen ließ. Wie aber auch das Regale sich herangebildet haben möge, denn genau weiß man es nicht, immer bleibt es für die Jagd- und Forstwirthschaft schon deßwegen von Wichtigkeit, weil die Erhaltung der Jagd dadurch mehr gesichert war, als außerdem der Fall gewesen wäre, und weil im Zusammenhang damit die Wälder geschont und erhalten wurden.

Die deutschen Könige und nachmaligen Kaiser hatten natürlich bedeutende Jagddistrikte für sich, die sogenannten Bannforste, wie z. B. den Dreieicherhain oder Dreieicherwald bei Hanau, den an das Vogelsgebirg angrenzenden Büdingerwald, den Spessart u. a., und ist interessant, welche Ceremonien im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert stattfanden, wenn sie diese Forste zum Jagen besuchten. Es geben darüber Nachricht die Weißthümer unter Kaiser Ludwig dem Bayer von 1338 über die Dreieicher Wildbahn und unter Kaiser Sigismund von 1425 über den Büdingerwald. Wollte der Kaiser birschen, so mußte der Forstmeister des Reviers einen weißen Bracken mit herabhängenden (bedruften) Lappen an der Schnauze, auf einer seidenen Decke und seidenem Kissen bereithalten mit silbernem vergoldeten Halsband und seidenem Hängseil. Dann hatte er dem Kaiser eine Armbrust zu reichen mit einem Bogen von Eibenholz, einer Säule von Elfenbein und dazu Pfeile, deren Spitzen (Strahlen) von Silber, der Schaft (Zain) von Lorbeerholz (Lorebaumen) und befiedert (gefettert) mit Strauß- und Pfauenfedern. Und wäre es »daß ein Kayser und das Reich wolte über Berg, und es dem Forstmeister maneten, so solte der Forstmeister ihme dienen mit einem weißen Roß auf des Reichs Kosten und Schaden.« Das Jagdregal führte später auf die Bestimmung einer hohen und niederen Jagd, die kaum einen anderen Grund hat, als daß die Fürsten oder andere durch sie mit Jagdfreiheit begabten Besitzer ihr Jagdrecht nicht immer vollständig ausüben, sondern sich nur vorbehalten wollten, was sie am liebsten jagten. Daher auch diese Eintheilung zu verschiedenen Zeiten verschieden angegeben ist. In Bayern wurde z. B. im sechzehnten Jahrhundert zur hohen Jagd gezählt: Hirsch, Schwein, Gems, Steinbock, die Reiher, Falken, Milanen und der Blaufuß, alles übrige Haar- und Federwild gehörte zur niederen Jagd, als Reh- und Damwild, Auer-, Birk-, Haselhühner &c.

In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts aber wurde das Reh im Fürstenthum Würzburg zur hohen Jagd gerechnet, dagegen 1775 im Fürstenthum Bamberg zur niederen Jagd, 1751 im Fürstenthume Augsburg zur hohen Jagd u. s. w. Die niedere Jagd hieß in Bayern: das »Reiß-Gejägd.« In Sachsen unterschied man noch eine Mitteljagd, wohin das Reh, Luchs, Dachs (mitunter auch das Schwein), das Birkwild und die Haselhühner gezählt wurden.

Gewöhnlich rechnete man zur hohen Jagd das Edel-, Dam- und Schwarzwild, Gemsen, Bären, Wölfe und Luchse, Trappen, Auerwild, Fasanen, Schwäne und Kraniche.

Die Geschichte der Jagd hängt mit der Geschichte der Jagdwaffen und Geschosse nothwendig zusammen. Neben dem Jagdspieß bestand aus den ältesten Zeiten der Bogen und die Armbrust bis zum Anfang des sechzehnten Jahrhunderts und letztere sogar bis gegen die Mitte desselben, obwohl eine Pulvermühle schon 1340 in Augsburg erwähnt wird, und 1381 der Rath 30 Büchsenschützen zum Krieg der Reichsstädte mit den Edlen von Franken, Schwaben und Bayern stellte. 1280 schoß man schon aus Kanonen. Die Erfindung hieß: »eisernes Feuer«. Hormayr's goldene Chronik, S. 122. Auch sind schon 1429 und 1430 Scheibenschießen mit Büchsen zu Augsburg 1429 fing man an in Augspurg mit den Buchsen zu schiessen, da ward ein Kürschnergesell erschossen mit einer Büchsen, der hat sich zu allervodernst bei dem Zyll yber die Mauer herausgelaindt. Hormayr Taschenbuch 1834. und Nürnberg gehalten worden.

Es finden sich aber noch 1493 bayrische Verordnungen, den Wilderern ihre Armbrust zu nehmen und 1498 erwähnt ein Bericht des Landgerichts Schongau des Schießens der Hasen, Eichhorn, Vögel, mit der Armbrust. Ebenso bespricht eine hessische Jagdverordnung von 1532 noch das Führen der Armbruste, »mit denen so wie mit Büchsen in die Felde und auf die Wasser bierschen zu gehen verboten wird.« 1515 ist in den französischen Verordnungen die Flinte, fusil, angeführt, 1517 wurde das Radschloß in Nürnberg erfunden.

Zu Kaiser Maximilians I. Zeit war der Uebergang der älteren Schießwaffen zu den neueren; der Kaiser gebrauchte noch die verschiedenen Arten.

Es heißt im Weiß Kunig, daß er die »hußarisch Reitterey« erlernte und weiter »Nun war under den hussaren der Gebrauch mit Iren schiessen, welcher anders beruemt wolt sein, das derselb ain frey gemuet muesset haben, mit dem hantpogen, zu Roß die Vögel in den lufften zu schiessen, das kam allein mit viel schussen, aus der behendigkeit, Sölichs schiessen lernt der Jung weiß kunig, in kurtzer Zeit, das Er dem pesten hussaren gleich war.«

Er lernte weiter mit dem englischen Handbogen Die berühmten englischen Bogen waren von Eibenholz. Sie waren um 1500 in England sehr in Uebung. Unter Heinrich VIII. mußten die Schützen auf 666 Fuß weit (266 Schritt) bei Strafe von zwei Schilling acht Denars ins Ziel treffen. Hormayr Taschenbuch 1841. zu schießen, daß er Alle übertraf und das mit solcher Kraft, daß er einen »hultzein schafft, der kain Eisen gehabt hat, durch ain dick lerchein holtz, das dann sonderlich hart, vnd drei zwerch finger dick gewesen ist, geschossen.« – So war er auch berühmt mit der Armbrust und dem »Stächlin pogen,« »dann antragen nach der schutzen Art und abtrucken ist albeg ein Ding gewesen.« – So jagte er auch einmal zu Reichenau in Steyermark auf Gemsen, und stund ein Gemsbock in eine hohe Wand ein. »Der kunig het bei Ime gar einen gueten puxenschutzen, mit namen Jorg Purgkhart, der kundt mit der hantpuxen insonderhait wol schiessen, Also hieß der kunig denselben, Er solle mit seiner puxen denselben Gembspokh schiessen, darauf gab er dem kunig Antwurt, der Gemspockh stund zu hoch vnd möcht den mit der puxen nit erreichen, da nam der kunig seinen Stachlin pogen in sein handt und sprach secht (seht) auf, Ich will den Gembspokh mit meinem Stachlin pogen schiessen vnd erschoß also denselben Gembspokh in dem Ersten schuß.« Da war große Verwunderung, denn der Gemsbock stand auf hundert Klafter hoch und wurde die Steinwand zum Angedenken »des kunigs schuß« genannt. Ferner erlegte er in Selrain in Tyrol an einem Tag mit Armbrust und Stahlbogen zehen Hirschen, »Verer so hat Ich gar vil von seltzsamen schussen zu schreiben, die Er gethan hat, mit dem Antfogl, vnd Raigern, vnd anderem geflugl, mainigs mal Hat Er ainen Antfogl in dem auffliegen geschossen &c.«

Man ersieht, wie gut man damals mit dem Bogen und mit der Armbrust zu schießen verstand und daß im Lauf und im Flug geschossen wurde, obwohl solche Schüsse nicht gewöhnlich waren, denn der Kaiser befiehlt z. B.: es sey in den Weiß Kunig zu stellen, daß er drei Schuß auf einen Hirsch im vollen Lauf gethan und mit zweien ihn getroffen. Er hat auch einmal in »dreyen schussen nach einander vom Roß dreyen antvogln die köpf abgeschossen. Item Ir. Mt. hat XXVIJ Hasen nach einander geschossen vnd nyt gefehlt.«

Man schoß auch aus der Armbrust bleierne Kugeln, und in den hiesigen »vereinigten Sammlungen« findet sich eine Armbrust für den Pfeil mit einer kurzen Kugelbüchse in der Art verbunden, daß man durch Umwenden des Geschosses auf die eine oder andere Art schießen konnte.

Noch bei J. Feyerabendt 1582 wird neben den Vogelrohren des Gebrauches des »Flitschbogens« und der »Armbrusten« erwähnt und heißt »der Schütz, welcher auf die Vögel schießet, vnd so der selbigen viel auff einem Ort beisammen sitzen, sol sein Gesicht nicht zu einem, so gegen den eussersten ort vnd end sitzet, allein richten und kehren, sondern zu einem andern stracks in der mitten, damit er, ob der Pfeil etwan höher oder niederer, oder aber auff die seiten neben auß führe, dennoch keinen vergeblichen Schuß thun möge.«

Die Schrotgewehre wurden schon 1556 (Hagelgeschoß) gebraucht, das französische Batterieschloß aber 1630 erfunden, und da kam der Feuerstein Flinte kommt von Flint, wie ehemals der Feuerstein benannt wurde. zu hohen Ehren und erhielt sich bis 1807 das Percussionsschloß und 1820 das jetzige Knallfeuer in Aufnahme kam.

Die Einführung der Pulvergeschosse gab der Jagd im Allgemeinen einen anderen Charakter und gestattete eine weit ausgedehntere Betheiligung als früher, die Baize aber mußte mehr und mehr Beschränkungen erleiden, denn es war wenigstens ebenso lustig, ein Rebhuhn oder einen Hasen zu schießen, als sie mit Falken zu fangen.

Soweit aber das Baizen den Reiher betraf, war das Schießpulver nicht die nächste Ursache, daß diese Jagd ein Ende nahm und somit ist nicht richtig, wenn der Herausgeber des »La Curne de Sainte-Palaye« von der Pulvererfindung und ihrem Einfluß auf die Jagd sagt: »Elle en bannit ce qui autrefois en faisoit le plus grand agrément, la présence des dames.« Dazu ist übrigens zu bemerken, daß zwar jeder ächte Jäger ein Freund und Verehrer der Damen, daß aber derjenige der die Jagd nur liebt, wenn sie Damen im Gefolge hat, kein ächter Jäger ist.

Der Wildstand mußte durch die neuen Waffen natürlich viel mehr gefährdet werden als vordem, die Bodenkultur und Lichtung der Wälder verringerte in gleicher Weise das Hochwild und das extreme Hegen von ehemals wechselte vielfach mit extremem Vertilgen.

Die alten Jäger sehen nicht ohne Schmerz den Mond ihrer Göttin verbleichen und wie dem edlen Waidwerk die einstige Weihe genommen wird. Pfuscher gar viele statt Meister der Kunst und wie der Herr, so sein Hund, das Edelwild von den Schrottspritzen der Bauern geschunden, Hegezeit, Schußzeit, Jagdkarten, nur zu oft gleichgültige Worte u. s. w.

Und wie mag es erst in ein paar hundert Jahren aussehen, wo man vielleicht alle Wälder der Urzeit zu Tage gebracht und dafür die lebenden begraben hat, wo man Moos und Filzgrund nur dem Namen nach kennen wird und das Wildpret zwischen Kaffeetrinkern in den zusammengeschrumpften Parken herumspaziert &c. Doch wer weiß es! Ritterliche Lust wird den Fürsten nicht abhanden kommen und unsere Alpen werden nicht geebnet seyn, und so können dem Weidmann zwischen den wilden Bergblumen immer noch seine frischen Freuden blühen, und spaltet der unterirdische, so oft rumorende Erdgeist wohl auch mit einem Ruck wieder Schlünde und Gräben, die profanem Volk den Eintritt in's letzte Heiligthum des Waidwerks verwehren.

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