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Wiener Kinder

Carl Karlweis: Wiener Kinder - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleWiener Kinder
authorCarl Karlweis
year1887
firstpub1887
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
titleWiener Kinder
pages408
created20150211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Ein Sommermorgen.

Ein kurzes aber heftiges Gewitter hat noch während der Nachtstunden die schwüle, dunstige Luft gereinigt und abgekühlt. Am frühen Morgen liegen die Straßen, von Sturm und Regen blank gescheuert, wieder im hellen Sonnenscheine; hurtig eilen die Arbeiter den Werkstätten und Bauplätzen, die Näherinnen den dunklen Hinterstuben der großen Modemagazine zu; vor den weit geöffneten Ladenthüren steht hie und da ein Hausknecht oder Verkäufer, der verdrießlich in die Sonne blinzelt, sich verschlafen dehnt und reckt und dem Nachbar, der sich gleichfalls müde die Augen reibt, halb ärgerlich, halb lachend zunickt: »Ist's Dir auch so unangenehm, das schwere Tagwerk wieder einmal von neuem beginnen zu müssen?«

Und die Sonne steigt höher. Breit und warm legt sie sich auf die Dächer, klettert dann langsam an den Häusern nieder und guckt freundlich in die geöffneten Stuben der Frühaufsteher. Wo sie aber ein noch geschlossenes Fenster oder gar einen herabgelassenen Vorhang entdeckt, da kost sie schmeichelnd mit den schamhaft erglühenden Scheiben, bis sie durch eine noch so schmale Fuge in den dunklen Raum dringen und dem Langschläfer auf die Nase tippen kann: Wach auf! Die Frühsonne ist da, – wach auf!

Dort wo die Schäffergasse sich zu einem schmalen, nur 231 für Fußgeher bestimmten Durchgange verengt, gleiten die Sonnenstrahlen eben an einem alten, verwitterten Hause nieder, dessen Hauptfront die niederen Fenster einer kleinen Kaffeeschänke einnehmen. Den schmutzig-feuchten Boden des Fußweges scheuen die Strahlen des Tageslichtes zwar und lassen ihn in seinem dumpfen Schatten liegen, dagegen überzieht ihr verjüngender Schimmer allmählich den geräumigen Hof, den allerlei unbenützter Hausrat und im wunderlichen Durcheinander aufgestapeltes Gerümpel erfüllt, das jetzt Stück um Stück aus dem Dunkel hervor zu leuchten beginnt. An der zweiten Hofmauer klimmen sie wieder langsam empor und spiegeln sich zufrieden in den Goldbuchstaben der schwarzen Blechtafel, die über einer Glasthüre, dem Hausthore gegenüber, angebracht ist. Da leuchtet es mit eins gar hell:

»Rosalia Steiner
Ein- und Verkauf von Gold- und Silberwaren,
Pretiosen und allen Effekten. Auch werden sie
vertauscht. Höchst reell! Geld für Alles!«

Das Fenster über dieser Tafel im niederen ersten Stockwerke ist verschlossen, ein dünner Vorhang herabgelassen, und innen überdies ein Weiberrock vor die Scheiben gehängt; dennoch gelingt es den unermüdlichen Sonnenstrahlen allmählich auch hier durch Ritzen und Falten einzudringen und in der dunklen Stube ihr Weckeramt zu besorgen. Es dauert nicht lange, so wird der Rock vom Fenster entfernt, der Vorhang aufgezogen und ein Flügel aufgestoßen. Das helle Tageslicht bescheint das fahle, verschlafene Gesicht eines jungen Mädchens, das sich müde die Augen reibt und dann wiederholt gähnt. Reste von Schminke liegen auf den Wangen, die Haare baumeln in halbgelösten Ringeln über Stirne und Nacken, und unter dem nachlässig verschobenen Hemde guckt eine dürftige Büste hervor.

232 Eine Weile blinzelt das Mädchen in das Tageslicht, zieht dann mit einem leichten Frösteln das Hemd unter dem Kinn zusammen und tritt vom Fenster zurück. Die Thüre der Stube wird geöffnet und ein alter, abstoßend häßlicher Frauenkopf blickt herein:

»Wollen Sie haben den Kaffee, Fräulein Fanny?«

»Bitt' schön, Frau Steiner. Aber zwei Schalen! Eine Freundin hat bei mir übernachtet.« Damit wendet sie sich der dunklen Ecke des Zimmers zu.

»Was ist, Lori?« fragt sie freundlich. »Magst nicht aufstehn?«

Lori erhebt sich ein wenig aus den Kissen.

»Ich bin noch so müd!« klagt sie verdrießlich.

»So bleib halt liegen!« antwortet Fanny lachend. Die schmutzige alte Frau in der Thüre nickt grämlich und verschwindet. Das Blumenmädchen hüllt sich in ein rotseidenes, mit Goldborten besetztes Jäckchen, das von einem Maskenanzuge herzurühren scheint, streift sich die Haare noch tiefer in die Stirne und setzt sich dann auf das Bett, in welchem Lori bis an das Kinn eingehüllt liegt und verdrossen weiter zu schlafen versucht. Fannys Füße, die in vertretenen, schmutzig grauen Atlasschuhen stecken, sind gegen das dürftige Lager gestemmt, das sie in aller Eile für sich selbst auf dem Fußboden bereitet hat, um der Freundin das einzige Bett überlassen zu können. Sie betrachtet eine geraume Zeit schweigend und ernsthaft das jugendfrische Gesicht Loris, dessen lebensfrohen Ausdruck selbst die finster zusammengezogenen Brauen nicht zu beeinträchtigen vermögen. Neben der Schlummernden liegt auf einem Stuhle der prächtige Anzug, mit welchem sie gestern den Neid der Nachbarinnen erwecken wollte; Kleid, Mieder und Röcke sind säuberlich übereinander geschichtet. Diese zierliche Ordnung erscheint wie die Mahnung aus einer anderen Welt in der armseligen Stube, die wohl lange nicht mehr ernstlich 233 aufgeräumt wurde. Unwillkürlich sieht Fanny um sich. Auf dem grauen, fettig glänzenden Sofa neben dem Fenster liegen ihre eigenen Kleider in einem wirren Knäuel, wie sie des Abends achtlos hingeworfen wurden. Zu oberst prangen die Stiefelchen, deren schmale, hohe Absätze sich in die durchlöcherten Strümpfe eingegraben haben. Den wackligen Tisch vor dem Ruhebette, die Kommode, deren Schubladen sämtlich offen stehen, den Kleiderschrank und die verblichenen Farbendruckbilder an der Wand, wovon das eine die heilige Gnadenmutter mit dem Jesukindlein, das andere Susanna im Bade darstellt, bedeckt eine gleichmäßige, dicke Staubschichte; der kleine eiserne Ofen in der Ecke neben der Thüre scheint völlig grau; an den Stühlen hängen zerknüllte Halskrausen und schmutzige Bänder; auf dem ungefegten Boden liegen, gleichfalls staubbedeckt, schnallenlose Gürtel, Cigarrettenstummel, leere Puderschachteln und ab und zu auch eine zerrissene Papiermanschette mit den Resten eines vertrockneten Blumenstraußes. Nur der Spiegel neben dem Fenster blinkt hell, und auch die Kämme, Bürsten und Schminktöpfe davor zeigen keine Spur jenes graugelben Staubes, dessen Modergeruch, mit einem durchdringenden Patschulidufte vermengt, die Stube erfüllt.

Das alles bemerkt Fanny jetzt eigentlich zum erstenmale.

»Dummheiten!« murmelt sie nach einer Weile zwischen den Zähnen und wirft entschlossen den Kopf zurück. »Mich hat auch keiner g'warnt, eh' es zu spät war!«

Jetzt bringt Frau Steiner das Frühstück, zwei plumpe Steinguttassen ohne Unterschalen, die sie auf den ungedeckten Tisch stellt. Hierauf nimmt sie aus der seitlich aufgebundenen blauen Schürze zwei Semmeln, legt sie neben die Schalen, kreuzt dann die Arme und sagt mit einem halb verdrießlichen, halb neugierigen Blicke auf Lori:

»Guten Appetit!«

234 Das Blumenmädchen nickt dankend und will geschäftig eine der Tassen ans Bett tragen, da bemerkt sie, daß Frau Steiner vor dem Tische stehen geblieben ist.

»Wollen Sie etwas?« fragt sie ungeduldig.

»Ob ich etwas will?« erwidert die Hauswirtin in einem singenden Tone, der zwischen Spott und Entrüstung die Mitte hält. »Natürlich will ich etwas! Mein Geld!«

Das kleine, nachlässig gekleidete Weib streckt dabei die hohle Hand aus, und der große Kopf mit dem unordentlich sitzenden falschen Scheitel nickt.

Fanny winkt ihr mit den Augen und deutet über die Schulter weg nach dem Bette.

»Später, Frau Steiner! Später bekommen Sie alles!« sagt sie ungeduldig.

Allein die Wirtin weicht nicht von der Stelle.

»Warum soll ich mich genieren?« beharrt sie laut. »Ihre Freundin da wird doch wahrscheinlich erst recht nichts zahlen können, sonst hätte sie ja bei sich zu Hause schlafen können. Also machen Sie keine Umstände und geben Sie mir mein Geld!«

Fanny stellt die Tasse zurück und tritt ganz nahe an Frau Steiner heran, der sie einige Worte ins Ohr flüstert. Die Alte zieht zwar ein schiefes Gesicht und brummt eine unverständliche Antwort, trollt sich aber endlich doch aus der Stube, in der Thüre noch einmal Lori scharf ins Auge fassend.

Sobald sie allein sind, beugt sich Fanny über die Freundin und reicht ihr das Frühstück. Lori hat von dem kurzen Zwiegespräche nichts vernommen und richtet sich jetzt erst schlaftrunken im Bette auf. Der Kaffee scheint ihr zu munden, denn sie leert die Tasse bis auf den Grund und schmatzt dann behaglich nachschmeckend.

Fanny beobachtet sie unverwandt.

235 »Ich hab' mir's überlegt.« sagt sie endlich leichthin, »am besten ist's, Du schreibst Deinen Leuten. daß Du nicht mehr zurückkommen willst und daß sie Dich nicht suchen sollen, denn am End' . . .«

Lori nickt nachdenklich.

»Ja, es ist das beste!« sagt sie ernsthaft.

Fanny schmiegt sich enger an das junge Mädchen.

»Ich besorg' vorsichtig den Brief,« meint sie geschäftig, »und geh' dann –« sie flüstert Lori kichernd ins Ohr: »zu Deinem Eduard! Der verliert den Verstand vor Freud', das weiß ich!«

Lori drückt die Freundin ein wenig von sich und schüttelt den Kopf.

»Nein, nein!« wehrt sie heftig. »Ich will nichts von ihm wissen. Ich mag ihn nicht!«

Fanny betrachtet sie überrascht. Was soll das nun wieder heißen? Ein Ausdruck von Haß fliegt über ihr bleiches Gesicht, verschwindet aber sofort wieder, um dem gewohnten süßlichen Lächeln zu weichen.

»Auch gut!« sagt sie, scheinbar gleichgültig. »Brauchst Dich deswegen gar nicht zu ereifern, es zwingt Dich ja niemand! Überleg Dir's überhaupt nicht lang und geh zu Deinen Leuten zurück. Ein paar Wochen mußt Dich halt versteckt halten und alle schön um Verzeihung bitten, namentlich die gestrenge Fräul'n Schwester! Dann aber –«

Lori schnellt in die Höhe und springt mit beiden Füßen aus dem Bette.

»Das thu' ich nicht!« sagt sie vor Aufregung zitternd. »Ich schreib' den Brief und Du machst dann was Du willst; mir ist alles recht, nur die Freud' gönn' ich der Marie und den bösen Weibern nicht, daß ich wieder nach Haus komm' und vielleicht noch abbitt'. – O nein, lieber in die Höll'!«

236 »So ist's recht!« erklärt nun Fanny zufrieden. »Es wär' auch meiner Seel' schad g'wesen, wenn Du Dein Glück so leichtsinnig wegg'stoßen hätt'st. Jetzt paß auf, was für ein fideles Leben das wird!«

Sie holt ein zerbrochenes und mit der unvermeidlichen dicken Staubschichte überzogenes Schreibzeug aus einem Winkel der Stube, rückt einen Stuhl an den Tisch und sucht dann, ungeduldig in den Schubladen stöbernd, nach dem geeigneten Briefpapier.

Der Bogen, den sie endlich unter allerlei Kram hervorzieht, sieht bekleckst und zerknittert genug aus, allein er trägt ein in Rot und Gold ausgeführtes, von einem Pfeile durchbohrtes Herz als Verzierung, was seinen sonstigen kläglichen Zustand wieder wett macht.

Lori, welche mittlerweile in ihre Kleider geschlüpft ist, rückt lange Zeit unruhig auf dem wackligen Stuhle hin und her. Dann spreizt sie beide Ellbogen breit auf dem Tische aus, neigt den Kopf so tief, daß ihre Wange fast das Papier berührt, tunkt die Feder wiederholt ein und spritzt sie eben so oft wieder aus.

Langsam reihen sich endlich in schiefen, holperigen Linien gleich unbeholfenen Rekruten die eckigen Buchstaben zu Worten und Sätzen. Der Brief, den Lori nach einer geraumen Weile, an dem hochgelb gefärbten hölzernen Federstiele kauend, noch einmal überfliegt, lautet:

Libste Frau Mutter!

Mit dießem Schreiben will ich Ihnen nur mitteilen, das ich nicht mehr nach Hauße komme. Weil ich den Franz in keinen Fall nehmen will. Das bitte ich Sie auch, sagen Sie es dem Herrn Vatter, libste Frau Mutter, das er es weiß. Der Franz wird schon wissen warum. Und können Sie ihn selber fragen warum, wenn er es sagt. Alsdann 237 braucht die Frau Mutter und der Herr Vatter keine Angst zu haben wegen meiner. Mir wird es schon ganz gut gehen, weil ich mein Glück nicht mehr leichtsinnig wegstoßen will, was schon immer eine große Dummheit von mir war, wo ich ohnedem das ewige Jammern zu Hauße nicht mehr hören wollte.

So leben Sie wohl, libste Frau Mutter. Um Ihnen allein wird mir bang sein und ich verbleibe grüßend Ihre dankbare Tochter Lori Schober. Die boßhaftige Frau Stölzl und die Sobotka lase ich nicht grüßen und Sie sollen sich auch nicht ärgern wegen ihrem dummen und bößwilligen Tratschen über mich. Die Marie kann reden was sie will, mir ist das ganz alles eins, Sie werden schon noch sehen was für ein falsches und hinterlistiges Mädl sie ist, die Marie!! Und wegen dem Suchen soll sich niemand eine Müh geben, ich werd mich schon hüten, das mich Keiner finden kann. Indem ich von der ganzen Jammerei zu Hauße ganz gewiß nichts mehr wissen will. So bin ich froh, daß einmal ein End ist. Ihre dankbare Tochter Lori.«

Sie legt die Feder weg und lehnt sich müde in den Stuhl zurück.

»Was glaubst, Fanny, wird's so recht sein?« fragt sie und liest der Freundin das Geschriebene langsam vor. Sie liest wie ein Schulmädchen, jede Silbe gleich stark betonend, in der gequälten unmöglichen Mundart, zu welcher sich der Wiener stets zwingt, wenn er die »Schriftsprache« sprechen will:

»Lib–ste Frau Mut–ter! Mit die–ßem Schrei–ben . . .«

Fanny beachtet die langwährende Vorlesung jedoch kaum. Sie hat einen leisen Pfiff vernommen, der vom Hofe herauf tönt, und ist mit einem scheuen Seitenblicke auf die ruhig fortlesende Freundin tief errötet. Nun schmiegt sie sich vorsichtig an die Wand neben dem Fenster und hebt sich auf die Fußspitzen, um ungesehen hinabspähen zu können.

238 Unten steht jener Bursche, den sie Lori bei den Volkssängern als ihren »Freund« bezeichnet hat. Er hält die Hände in den Seitentaschen seines kurzen Sammtrockes verborgen und blickt unverwandt herauf.

Wie hübsch er ist! Mit brennenden Blicken verfolgt sie jede Bewegung des Burschen.

Lori liest indessen unbeirrt weiter:

»– – wo ich oh–ne–dem das e–wi–ge Ja–mern – –«

Das Blumenmädchen zieht einen bunten Shawl vom Tische, wirft ihn um die Schultern und beugt sich hinaus. Allein der junge Mann sieht nicht mehr herauf, er hat sich achselzuckend nach der Ecke des Hofes begeben, wo er am Küchenfenster der Kaffeeschänke lehnt und mit einem rothaarigen Frauenzimmer schäkert, das seinen handgreiflichen Zärtlichkeiten mit lautem Lachen wehrt und dabei immerzu die hübschen weißen Zähne zeigt. Jetzt versucht er seinen Arm um den Nacken der Lachenden zu schlingen. Sie schüttelt ihn lustig kreischend ab und verläßt das Fenster, worauf er sich jedoch auf das niedere Sims schwingt und ihr nachspringt. Fanny starrt in den stillen, sonnenerfüllten Hof hinab und horcht auf das Quieken der rothaarigen Dirne. Sie ist bleich geworden, ihre Lippen zucken leise. Inzwischen hat Lori ihre Vorlesung beendet.

»Ist der Brief so recht?« fragt sie erhitzt.

Die Freundin wendet sich zurück und sieht sie mit weitgeöffneten Augen starr an.

Loris Anblick ist ihr plötzlich eine Last, ein Vorwurf. Nein, sie will das junge, leichtsinnige Geschöpf nicht ins Unglück stürzen. Ihr graut vor der Verantwortung, die ihr jetzt erst so recht zum Bewußtsein gelangt.

Lori schließt den Brief und reicht ihn der Freundin.

239 »Also Du schaust, daß ihn die Mutter heimlich bekommt?« meint sie geschäftig. »Am besten ist's, Du giebst ihn der Tini, . . . weißt Du, der kleinen Näherin, die immer mit mir war! Die wird schon machen, daß die Mutter den Brief bekommt!«

Fanny nickt und kleidet sich langsam an. Gewohnheitsmäßig nimmt sie das Schminkzeug zur Hand und lügt ein blühendes Rot auf ihre fahlen, eingesunkenen Wangen. Da sie fertig ist, wirft sie noch ein gestricktes schwarzes Tuch über Kopf und Schultern, und schiebt dann Loris Brief in die Tasche, fest entschlossen, ihn nicht abzugeben, sondern Loris Mutter von dem Aufenthalte der Tochter zu verständigen.

»Sie sollen's mit einander ausmachen!« denkt sie, da sie der Freundin zum Abschied die Hand reicht. Unten im Hofe hat sie die Kraft, an dem Küchenfenster vorüberzuhuschen, ohne einen Blick hinein zu werfen. Aber da sie aus dem schmalen, feuchtkalten Durchgange in die breitere, sonnige Neugasse einbiegt, steht mit eins der junge Mann vor ihr und will vertraulich ihren Arm in den seinen legen. Sie reißt sich zornig los und eilt so hastig weiter, daß er Mühe hat mit ihr Schritt zu halten.

»Was ist denn heut' mit Dir?« fragt er erstaunt. »Ich war im Hof und hab' dreimal g'pfiffen, Du hast aber noch g'schlafen, da hab' ich g'wart't – –«

»Ja, bei der roten Netti!«

Der Bursche drückt ein Auge zu und blinzelt mit dem anderen. Dabei stößt er einen langen zischenden Laut aus.

»Blast der Wind da her!« meint er gedehnt. »Eiferst am End' gar? Ich bitt' Dich, laß die Faxen; Du weißt, so was kann ich nicht ausstehn! Das dumme Ding will mich Dir abspenstig machen und ich halt's zur Straf' dafür ein bißl zum Narren. Das ist alles!«

240 Er sagt das so ruhig und treuherzig, daß Fanny in ihrem Vorsatz, ihm nichts mehr zu glauben, doch wieder wankend wird. Der Deutschmeister-Ferdl, wie der Bursche von seinen Kameraden genannt wird, merkt ihre versöhnlichere Stimmung bald und beginnt lachend über Nettis Gefallsucht zu spotten. Fanny geht schweigend und gesenkten Hauptes neben ihm her, ihre finstere Miene hellt sich zusehends auf, hie und da lacht sie sogar laut und errötet, während ihr Begleiter eifrig weiter spricht. Immer einschmeichelnder klingen seine Reden, immer leiser wird die Warnerstimme in ihrem Herzen, – bis sie völlig verstummt. So langt das Paar endlich Arm in Arm und vertraulich schwatzend vor dem Freihause an.

»Gehst wieder zu Deiner Freundin, der Schober-Lori?« fragt der Bursche. »Ich hab' 'glaubt, die Gschicht' wär' längst aus?«

Fanny erzählt ihm kurz, daß Lori zu ihr gekommen sei und mit welchem Entschlusse sie selbst jetzt vor dem Hause stehe.

»Du bist nicht g'scheit!« meint der Deutschmeister. »Wenn sie nicht mehr zurück will, was geht's Dich an? Gieb ihren Brief ab und schau lieber, daß Du die Sach' mit dem jungen Wiesinger und ihr gleich in Ordnung bringst, – da schaut doch wenigstens was heraus dabei! Oder nicht?« Er lacht.

»O ja!« erwidert sie zögernd. »Es ist aber halt doch eine G'wissenssach' . . .«

»Hörst, Fanny, Du hätt'st meiner Seel' eine barmherzige Schwester werden sollen, mit Deinem zarten G'wissen!« spottet er. »Stünd' Dir übrigens nicht schlecht, das weiße Häuberl . . . !«

Sie sind ins Thor getreten und stehen hinter dem halbgeöffneten Thorflügel, der sie den Blicken der Vorübergehenden entzieht. Draußen liegt die Sonne auf dem weißschimmernden Straßenpflaster, in dieser lauschigen Ecke dagegen ist es schattig und kühl. Der Bursche schlingt seinen Arm um Fanny 241 und preßt sie heftig an sich. Sie sieht mit glühendem Gesichte und feuchtschimmernden Augen zu ihm auf.

»Ferdinand, . . . wenn Du doch falsch wärst!« zittert sie, indem sie sich zärtlich an seine Brust schmiegt.

Statt aller Antwort faßt er sie am Kinn und küßt sie stürmisch auf den Mund.

»Jetzt red noch was!« lacht er atemlos.

Eine große Dogge. die im Thore stehen bleibt, eine Pfote hebt und schnuppernd umher lugt, schreckt Fanny auf.

»So, jetzt geh ich!« flüstert sie und löst sich aus seiner Umarmung. Sie will gehen, allein der Bursche bleibt nachdenklich stehen und dreht an seinem Schnurrbärtchen. Das Mädchen nähert sich ihm zögernd.

»Du . . . Ferdinand, brauchst Geld?«

»Ich? O nein! . . . Aber wenn Du grad ein paar Gulden übrig hast – –!«

»Da, nimm! Ich hab' zwar den Gärtner zahlen wollen, weil er mir sonst keine Blumen mehr giebt, aber ich bekomm' schon wieder Kredit.«

»Und der junge Wiesinger muß doch auch was hergeben!« fällt der Begleiter mit rohem Lachen ein.

»Ja, der auch! Ich werd' mir schon helfen!«

Sie drückt ihm ihre kleine Börse in die Hand. Er küßt sie auf die gesenkten Augenlider und läßt dabei das Geld in seine Tasche gleiten. Während er langsam die Straße überschreitet, folgen ihm Fannys brennende Blicke. Jetzt wendet er sich zurück und lächelt ihr noch einmal zu.

Ach, wie schön er ist, – und im Grunde doch auch wie gut! Er liebt sie; gewiß, er liebt sie und treibt mit der anderen nur seinen Spott!

Fanny lacht entzückt vor sich hin, sieht sich dann scheu um und eilt hastig weiter. All' ihre Hoffnungen auf eine 242 ehrliche Zukunft, die sie an diese Liebe geknüpft hat, regen sich wieder in ihrem Herzen. Ferdinand soll eine Stellung finden und sie dann zu seiner Frau machen. Eine Heirat! Das ist es, was sie ersehnt, womit sie Vergangenheit und Gegenwart mit einem einzigen Ruck auszulöschen gedenkt. Das ist ihr Lebensziel, ihr heimlicher Traum vom Glück, der sie immer wieder lächelnd umgaukelt, wenn der leiseste Schimmer von Freude über ihren Lebenspfad huscht. Auch jetzt träumt sie ihn mit offenen Augen.


Eine halbe Stunde später giebt in der That der älteste der Schneiderjungen von der »Zwölfer-Stiege« den beschmutzten, zerknitterten Brief Loris in der Schoberschen Küche ab. Eine fremde Frau habe ihn gebracht, berichtet er und eilt dann hurtig wieder davon. Marie nimmt das Schreiben nicht ohne Überraschung in Empfang. Ein Brief ist ihr eine gar seltene Erscheinung. Er sei für die Mutter bestimmt, hat ihr der Junge im Fortlaufen noch zugerufen. Eine Adresse fehlt auf dem Umschlage.

Wer in aller Welt kann der Mutter schreiben, – wenn nicht Lori? . . . . Noch hält sie den Brief zweifelnd in Händen. Da tritt der Vater zum Ausgehen bereit aus dem Zimmer. Seit er gestern abends fortging, um Lori zu suchen, hat Marie seine Stimme nicht mehr gehört. Schweigend und in sich zusammengesunken, sah sie ihn am Morgen in seinem Stuhle sitzen, den Blick unverwandt auf die Thüre gerichtet, als erwarte er jeden Augenblick das Eintreten der entlaufenen Tochter. Wie gebrochen er aussieht! Die letzte Nacht hat ihre Spuren tief in sein verwittertes Gesicht gegraben.

Marie sieht mit tiefem Schmerze, wie mühselig er sich durch die Küche schleppt. Der Mutter gegenüber, die gestern noch wiederholt mit gröblichen Schmähungen auf sie eindrang, 243 hatte ihr die nötige entschiedene Abwehr nicht gefehlt, die wortlose Verzweiflung des Vaters nimmt ihr dagegen allen Mut, alle Hoffnung; nicht eine Silbe der Teilnahme vermag sie hervorzuwürgen. Nur mit den Thränen, die ihre Augen verdunkeln, kämpft sie tapfer.

»Ich bitt', Herr Vater!« sagt sie mit erkünstelter Unbefangenheit. »Der Brief da ist 'kommen. Er soll der Mutter g'hörn.«

Der Polier blickt weder auf, noch antwortet er. Zitternd greift er nach dem Papiere, reißt die bekleckste Hülle ab und fährt mit dem Handrücken glättend über das schwankende Blatt. Nun liest er. Seine schlaffen Züge erstarren, während die Blicke mit wachsender Eile über das Papier wandern. Die Hand, welche den Brief hält, ballt sich endlich zur Faust, in der das Abschiedsschreiben der Tochter mit seinem plumpen, in Rot und Gold ausgeführten Herzen jählings verschwindet, um nach einem kurzen Rascheln als zerknitterter Knäuel zur Erde zu fallen.

Marie beobachtet den Vater mit ängstlicher Spannung. Sie wagt nicht zu fragen, was der Brief enthalte, ob er in der That von Lori komme.

Der Polier steht lange schweigend, dann atmet er schwer, drückt seinen Hut tief in die Stirne und schickt sich zum Gehen an. Auf der Schwelle wendet er sich jedoch zurück und deutet auf das zusammengeballte Schreiben.

»Gieb den Wisch der Mutter, wenn sie nach Haus kommt!«

Damit verläßt er die Wohnung und das Haus. In gebückter Haltung, den Blick unverwandt zu Boden gesenkt und bei jedem Schritte schwer mit dem Stocke aufstoßend, als wolle er gegen irgend einen unsichtbaren Gegner sein Recht verteidigen, kreuzt er die Höfe und gelangt endlich auf die Straße. Hier empfängt ihn das lärmende, buntbewegte Leben des hellen Julimorgens, dessen Wogen just vor dem 244 Freihause, zwischen dem schmal auslaufenden Ende des überfüllten Marktplatzes und der sich verengenden Hauptstraße besonders geräuschvoll anbranden. Das ist ein Summen und Surren, ein Poltern und Rasseln, ein Lachen und Fluchen, und darüber hin ein Gleißen und Glitzern, ein unaufhörliches Zittern der heißen, von Staub und Dunst erfüllten Sommerluft.

Ein Sprühregen feiner Sonnenstäubchen überzieht Häuser, Straße, Menschen und Tiere, hier die Früchte und Blumen auf dem Markte, dort die halbverkümmerten Bäume, die den Platz begrenzen, mit seinem Spinnwebschleier von flimmerndem Glanze. Sorge und Kummer, Not und Elend, Hoffen und Fürchten, die hier und dort auf einem bleichen, verzerrten Antlitze, in einem düsteren, vergrämten Blicke auftauchen, verschwinden unter diesem Schimmer von Licht und Frohsinn, der, wie die Sonne selbst, kein Dunkel duldet, keine Teilnahme für den Schmerz des einzelnen aufkommen läßt. Diese selbstische, grausame Freude an Sonne und Sommertag kräht aus der Kehle jenes barfüßigen Jungen, der einen schwer beladenen Karren mühevoll vor sich her schiebt; sie schwatzt von den Lippen der behäbigen Weiber, die schwitzend und pustend mit hochgefüllten Körben vom Markte heimkehren; sie läßt den holperigen Trott des armen Mietgaules, auf dessen Rücken die Peitsche des rüden Kutschers immerzu niedersaust, als ein fröhliches, übermütiges Hüpfen erscheinen; sie lugt und blendet immerzu und allerorten wie ihre strahlende, ewig lächelnde Freundin am blauen Firmament, – wer vermag sich ihrem trügerischen Zauber zu entziehen? Nur Vater Schober blickt feindselig in die lichte Sonnenwelt ringsumher. Das Singen und Schwatzen, die bunte Bewegung, das Drängen und Hasten verletzt ihn; er fühlt sich plötzlich allein, ausgestoßen aus diesem fröhlichen Treiben, 245 einsam unter diesen Menschen, die ihn allsamt so verwundert zu betrachten scheinen: Was willst du hier unter uns? Wir arbeiten, wir sind ehrlich! Wir haben brave Kinder daheim, uns achtet man! . . .

O, wie ihn diese Blicke ins innerste Herz treffen! Was gehen seine Angelegenheiten diese Leute an? Sie mögen vor ihrer eigenen Thüre kehren! . . . Er ballt die Fäuste. »Lacht und gafft nur zu!« knirscht er. »Wenn wir, die Ausgestoßenen, einmal die Mehrheit sind, dann schlagen wir Eure ganze verlogene Pracht in Fetzen und Euch ins Gesicht, Ihr prahlerisches, hochmütiges Gesindel!«

Einige Vorübergehende bleiben nun wirklich stehen und betrachten ihn kopfschüttelnd. Der Alte bemerkt es, fährt scheu zusammen und schleicht gesenkten Hauptes weiter. Wohin soll er sich wenden? Nach Hause zurück? Der ganze Jammer daheim steigt vor ihm auf. Die Schande, welche Lori über ihn bringt, – – und dahinter lauernd das Elend, das ihn hohläugig angrinst und die hageren Arme nach ihm öffnet: »Komm nur, du entgehst mir ja doch nicht!« Da steht sie vor ihm, die Schreckgestalt, und er muß ihr entgegeneilen, jeder Schritt bringt ihn ihr näher und näher . . .

Nein! Er macht Kehrt, schließt die Augen und eilt so rasch er vermag den eben durchmessenen Weg zurück. Ihm ist's, als jage das Gespenst mit verlangenden Armen hinter ihm her, er spürt seinen kalten Hauch im Nacken, und er läuft . . . und läuft. Noch giebt es ja eine Rettung: Sein Prozeß ist bisher nicht entschieden, – sein Prozeß, den er gewinnen muß! Der Advokat hat es ihm selbst oft genug erklärt und seinerzeit auch dem Kumpf gesagt, daß die Sache so gut wie sicher sei! . . . Dem Kumpf! Ein anderes Blatt trüber Erinnerungen schlägt sich mit diesem Namen vor seinem inneren Auge auf. Die erste Mitteilung von der Herzlosigkeit und 246 Niedertracht seines einstigen Brodherrn; das große Unrecht, das ihm geschehen; die Abende und Nächte in der Kneipe hinter der lockenden rot verhängten Thüre, der verspielte Ring . . .! All' das zieht aufs neue an ihm vorüber und abermals ballt er die Faust. Gegen wen?

So trottet er ingrimmig weiter, weder rechts noch links blickend, und wieder weichen ihm die Vorübergehenden kopfschüttelnd aus. Ein Betrunkener zu so früher Stunde! . . . Es ist wahrlich traurig, wie tief die Moral des Volkes bereits gesunken ist. Wie soll das noch enden?

Schober hört diese Bemerkungen nicht, er sieht auch das junge Mädchen nicht, das in unsicherer Haltung, den Kopf vorgeneigt und den Mund leicht geöffnet, dem Freihause gegenüber steht und mit scheuen, unstäten Blicken die Ein- und Ausgehenden beobachtet . . .

Sieh dich um, Alter! Es ist deine Tochter, es ist Lori, die da steht, noch einmal von Angst und Ekel ergriffen und mit sich kämpfend, ob sie nicht doch lieber jede Demütigung ertragen und ruhig heimkehren solle zu den Ihren . . .

Als Fanny sie verließ und sie nun allein zurückblieb in der schmutzigen, unordentlichen Kammer, da hatte es sie plötzlich übermannt wie Furcht vor der nächsten Stunde, wie Angst vor der bevorstehenden Begegnung mit dem jungen Wiesinger. Nein, es ist doch kein Scherz, den sie da auszuführen im Begriffe steht! Eine Stimme in ihr mahnte warnend zur Flucht, so lange diese noch möglich sei. Das Haus selbst mit seinen rußigen Mauern, dem engen Hofe und dem schmutzigen Gerümpel erschien ihr, da sie sich einen Augenblick aus dem Fenster lehnte, wie ein dumpfes Gefängnis, und in der Stube fiel ihr jetzt erst der schwere Moder- und Patschuligeruch beklemmend auf die Brust. In dem engen Raume war es aber auch wirklich nicht länger auszuhalten! Und obendrein 247 allein, ohne mit einem Menschen plaudern zu können, immerzu dem dummen Angstgedanken preisgegeben, daß der Vater kommen und sie heimholen könnte! . . . Lori suchte Frau Steiner auf. Die Alte gefiel ihr zwar nicht, aber am Ende konnte sie doch mit ihr sprechen und bei ihr Schutz suchen, wenn Gefahr drohen sollte. Sie fand die Geldverleiherin in der anstoßenden großen Stube, die gleich dem Hofe ein wirres Durcheinander alter Möbel, erblindeter Spiegel, zerbrochener Nippes und schmutzig grauer Wäschebündel enthielt. Frau Rosalie Steiner stand dort inmitten ihrer fragwürdigen Schätze und hielt eben ein durchlöchertes Battisttuch prüfend gegen das Licht. Zwei Kinder mit den stechenden dunklen Augen der Mutter spielten vor ihr ›auf Pfand leihen‹! Das jüngere Mädchen schleppte allerlei Wertgegenstände herbei, die der ältere Knabe mit geringschätziger Miene beguckte, um hierauf gar possierlich achselzuckend zu erklären: »Das ist lauter Schund! Fünf Kreuzer geb' ich Ihnen für alles, weil ich ein gutes Herz hab'!« Das Schwesterchen aber schlug in gut gespielter Verzweiflung die Schürze vor das Gesicht und jammerte: »Gott, ich hab' so viele Kinder zu Hause, ich muß ja verhungern!« Dann lachten beide mit ihrem lustigsten Gezwitscher und die Mutter sah zärtlich auf sie nieder. Auch Lori lächelte ihnen freundlich zu. Sie war sonst just keine Kinderfreundin, allein der instinktive Zug von Mütterlichkeit, der das kleinste Mädchen die größte Puppe schleppen und hätscheln läßt, zog auch sie zu den zierlichen Kleinen nieder. So kauerte sie sich denn zu ihnen auf den Boden und öffnete lächelnd die Arme:

»Kommt's her, ihr lieben Engerln, ich spiel' mit euch!« Die Kinder guckten sie erst zweifelnd an und gingen dann bedächtig auf das hübsche Mädchen zu. Frau Steiner kam ihnen jedoch eilends zuvor.

»Die Großmutter ruft euch, geht hinein zu ihr!« sagte 248 sie scharf und schob die Kinder in eine Nebenstube. Dann wendete sie sich mit rasch wieder freundlich gewordener Miene zurück und meint achselzuckend:

»Die Kinder laß' ich gern aus dem Spiel. Sonst hab' ich gewiß nichts gegen Sie, mein schönes Kind! Im Gegenteil, wenn Sie vernünftig sein und sich zu mir statt zu Ihrer leichtsinnigen Freundin halten wollen, werden wir beide sehr gut dabei fahren. Ich kann Ihnen Verehrer schaffen, – die reinen Goldgruben, sage ich Ihnen!«

Die widrige Vertraulichkeit der häßlichen Alten weckte Loris Unbehagen aufs neue. Ekel erfaßte sie. Sich heftig abwendend, stieß sie die dargebotene runzelige Hand der Alten von sich und stürzte aus der Stube, durch den dunklen Vorraum, die schmale, glitschrige Treppe hinab und hinaus ins Freie.

So ist sie, ohne zu denken wohin sie eilt, bis an das Freihaus gelangt. Allein hier hält sie doch zögernd inne. Soll sie eintreten? Der Mutter, den Nachbarinnen, der Schwester und dem Vater Rede stehen? . . . Vielleicht auch Franz? Kann sie es denn noch? Fanny hat ihren Brief gewiß schon bestellt, – es ist zu spät. Aber was nun?

In ihrer bangen Unentschlossenheit zählt sie die Wagen, die vor dem Thore ihren Standplatz haben. Wenn es eine gerade Zahl ist, will sie trotz alledem zurückkehren, wenn nicht, mag mit ihr geschehen was will. Sie zählt. Es sind acht Wagen. Aber einer hat soeben den Platz verlassen, . . . das Orakel gilt nicht. Sie sucht nach einem anderen. Wenn jener Mann dort an dem nächsten Laternenpfahle vorbeikommt, ehe sie dreimal »Vater unser, der du bist!« sagen kann, so will sie eintreten. Mit ängstlicher Hast schnattert sie die ehrwürdigen Worte zweimal herunter; allein ehe sie zum drittenmale ihr »Vater unser« beginnen kann, hat der Mann die Laterne bereits hinter sich zurückgelassen. Auch diese 249 Entscheidung ficht sie jedoch an. Was hatte der Mensch mit eins so zu laufen? Hätte er seinen Schritt gleichmäßig eingehalten . . .! Sie muß noch einmal etwas anderes ersinnen. Diesmal aber will sie den Spruch des Schicksals ohne weiteres befolgen, das schwört sie sich zu. »Meiner Seel' und Gott!« sagt sie halblaut vor sich hin.

. . . Wenn die erste Person, die aus dem Thore des Freihauses tritt, ein Mann ist, dann soll's gelten, daß sie nach Hause zurückkehren muß! Und nun wartet sie mit ängstlich gespannter Miene, den Kopf vorgeneigt und den Mund leicht geöffnet. Im Hofe taucht eine Gestalt auf.

Wenn 's doch ein Frauenzimmer wär'! denkt sie und faltet unwillkürlich die Hände. »Heilige Mutter Gottes, gieb, daß es ein Frauenzimmer ist! Ich fürcht' mich so viel vor der Schand', vor dem Gered' und vor dem Vater, wenn er im Zorn ist . . .!«

Da kommt der Vater selbst an ihr vorbei. Er eilt just der Gegend zu, aus welcher sie eben flüchtete. Lori erkennt ihn erst, da er ihr bereits auf wenige Schritte nahe gekommen ist. Sie springt mit einem leisen Schrei hinter den geschlossenen Flügel des Hausthores, vor welchem sie stand, drückt dort schwer Atem holend die Hand auf die Brust und schließt in ihrer Angst die Augen.

Sucht er sie? Hat er ihr Versteck bei Fanny schon aufgespürt? Erst nach einer Weile wagt sie es, den Kopf vorsichtig heraus zu stecken und nach dem Vater auszuspähen. Dort biegt er bereits um die Ecke, – – und nun ist er verschwunden. Lori sieht ihm lange verstört nach und vergißt mittlerweile den Orakelspruch. War es ein Mann, der dort aus dem Thore trat? Sie weiß es nicht, fragt auch nicht mehr danach. Spornstreichs eilt sie weiter, das Freihaus und alle Gedanken an eine reuige Rückkehr weit hinter sich zurücklassend.

250 Vater Schober hat weder den Schrei gehört, noch seine Tochter erkannt. Ingrimmig nickend verfolgt er seinen Weg, der ihn endlich in die schmale Straße und an das Haus führt, in welchem sich die Kanzlei des Advokaten befindet. Vor dem Thore bleibt er stehen und holt tief Atem. Im Gegensatze zu dem lärmenden Treiben in den Hauptstraßen ist es hier fast beängstigend still und einsam. Auch der hellschimmernde Sonnenschein, der ihn bisher begleitete, hat ihn nun plötzlich verlassen. So sehr ihn das fröhliche Flimmern draußen auch verdroß, hier fühlt er den feuchtkalten Schatten doch mit wachsendem Unbehagen. Ihn fröstelt. Er muß sich gewaltsam aufrütteln, um ein lähmendes Gefühl der Bangigkeit abzuschütteln, das ihn jählings befallen hat.

Langsam steigt er die breite Treppe empor und wartet im Vorzimmer der Schreibstube abermals eine Weile. Drinnen hört er das Knistern der Federn und nur ab und zu das Scharren eines Fußes oder das Rücken eines Stuhles. Wie schwül es in dem engen Raume ist! Er trocknet den perlenden Schweiß von der Stirne, zieht den Hut und klopft bescheiden an. Im selben Augenblicke wird die Thüre weit geöffnet und ein hochgewachsener mit vornehmer Sorgfalt gekleideter alter Herr, der eifrig in einem Aktenbündel blättert, tritt heraus, ohne ihn zu bemerken.

»Herr Doktor!« stottert der Polier beklommen.

Der Advokat sieht auf, besinnt sich einen Augenblick und erwidert dann seinen Gruß mit einem freundlichen Nicken.

»Ah, . . . Sie sind's, mein Bester?« sagt er leutselig. »Nun, wie geht es Ihnen, Herr . . .?, Oh . . . da habe ich nun gar Ihren Namen vergessen!«

»Schober! . . . Florian Schober.«

»Schober, ganz recht! . . . Wie mir das nur entfallen konnte!«

Der alte Herr lächelt dabei und schwingt das Aktenbündel wie eine Reitgerte.

251 »Bringen Sie etwas, mein lieber Herr Florian Schober?« fragt er dann leichthin und ergreift dabei in Gedanken die Klinke der Ausgangsthüre.

Der Polier hält ihn zurück.

»Ich wollt' mich nur anfragen, wie mein Prozeß . . .«

»Ihr Prozeß? Ach so . . . ganz recht. Gegen –?«

»Gegen die Baumeister-Genossenschaft!«

»Richtig, gegen die Genossenschaft! Ich bin heute wirklich auffallend zerstreut. Nun entsinne ich mich aber genau. Sie erheben einen Anspruch . . . eh . . . auf . . ., wie war die Sache doch gleich?«

Vater Schober blickt immer bestürzter zu dem Advokaten auf und bringt ihm dann stotternd seine Angelegenheit in Erinnerung.

»Richtig!« nickt der Advokat. »Jetzt weiß ich's schon! Ja, sehen Sie, mein Bester, die Sache war ein wenig langwierig. Wir sind im Rechte, ganz unbezweifelbar im Rechte, und müssen den Prozeß auch gewinnen, allein das erfordert Geld, mein lieber Herr Schober, und der kleine Betrag, den Sie meiner Kanzlei seinerzeit übergaben, ist längst verbraucht, – ja wohl, sogar überschritten!«

Er lächelt dabei noch freundlicher und leutseliger als vorhin und sieht den Polier erwartungsvoll an. Da dieser nicht sogleich antwortet, fragt er höflich, doch mit leicht durchschimmernder Ungeduld:

»Bringen Sie Geld?«

»Nein, Herr Doktor, aber wenn ich den Prozeß gewinn' . . .« Der Advokat fällt ihm eilends ins Wort.

»Ja, mein Wertester,« sagt er mit tiefem Bedauern in der sanften Stimme, »ohne Geld können wir gar nichts machen! Ich kann die Sache doch nicht auf meine eigenen Kosten weiterführen, das müssen Sie doch einsehen, nicht wahr, mein 252 Bester? Wo käme ich auch hin, wenn ich das bei meinen zahlreichen Klienten einführen wollte?« Der Gedanke erscheint ihm selbst so drollig, daß er ein flüchtiges Lachen nicht ganz unterdrücken kann. »Und nun,« schließt er dann wieder ernster, »verzeihen Sie, ich muß zu Gericht! Adieu, mein lieber Herr . . . Schober!« Damit ist er höflich grüßend und noch in der Thüre leutselig lächelnd verschwunden.

Vater Schober sieht ihm starren Blickes nach. Dann ist es ihm, als ob er jählings aufschreien müßte. Das Blut dringt ihm heiß zu Kopfe, er spürt ein Hämmern in den Schläfen und stürzt aus dem Vorzimmer, in dem die Wände auf ihn einzurücken scheinen und die Decke herabsinken will.

Fort! nur fort!

Und wieder beginnt die rastlose Wanderung durch die heißen, lärmerfüllten Straßen Wiens. Wieder stürmt er, den Blick stier an den Boden geheftet, durch die Menge, die sich an den Ecken und Kreuzungen drängt und staut, wieder folgen ihm vorwurfsvolle Blicke und Kopfschütteln, wohl auch laute Ausrufe des Unwillens. Immer drückender brennt ihm die Sonne auf den Rücken, immer quälender klebt die Zunge am Gaumen, – er hastet weiter. Die Anstrengung des stundenlangen Trabens kreuz und quer durch Straßen und Gassen, über Märkte und Plätze giebt ihm eine dumpfe Befriedigung, sie ermattet ihn vollends; die wachsende Müdigkeit des Körpers verschlingt allmählich die marternden Gedanken bis auf ein unklares Schmerzgefühl, das den wüsten Kopf allein noch erfüllt.

Schon werden seine Schritte langsamer, die Füße schleppen sich nur mühselig schlürfend weiter, da schlägt ihm plötzlich ein frischer, kühlender Lufthauch entgegen, der eine alte, seit Monaten verlorene Erinnerung jählings in ihm auftauchen macht. Das ist jener dumpfe, feuchtkalte Odem, den nur der frische Mörtel eines Neubaues ausströmt. Ein Zittern 253 überfällt den alten Polier, die letzten Wochen und Monde fallen mit eins von ihm ab, als hätte er sie nur geträumt und stünde jetzt wieder wie ehedem auf dem Bauplatze, – ein tüchtiger Kerl, ein geachteter Arbeiter, der Vertrauensmann des Baumeisters. Ihm wird ganz weich ums Herz. Er wagt nicht die Augen aufzuschlagen, um die schöne Täuschung nicht zu zerstören, und bleibt, die lang entbehrte Arbeitsluft mit Entzücken einsaugend, auf seinem Platze angewurzelt stehen.

Nun dringt auch noch das ächzende Klirren und Klappern der langsam auf- und niedersteigenden Ziegelaufzüge an sein Ohr, dazwischen das Knarren der kleinen Schiebekarren, das dröhnende »Ho–ruck« der Arbeiter, welche die schweren Eisenträger abladen, – – länger kann er der Versuchung nicht widerstehen! Er sieht auf und erkennt mit einem einzigen Blicke, der blitzschnell den ganzen Platz umfaßt, daß er vor dem großen Baue Wiesingers steht, dessen Beginn er selbst noch leiten half. An jenem Eckgebäude dort, das bereits äußerlich fertig und der Gerüste entkleidet dasteht, hat ihn das schwere Unglück seines Lebens betroffen. In der Erinnerung stürzt er noch einmal hinab; das Brett auf das er tritt, schwankt und giebt nach, sausend schwirrt es im Fallen um seine Ohren, – – der Polier fährt sich an die Schultern und an das Bein, – wie die alten Wunden wieder zu schmerzen beginnen!

Da ruft eine Stimme von der Gerüsthöhe herab:

»Herr Schober! Herr Polier!«

Vater Schober sieht auf. Ein alter Maurergehilfe sieht mit freundlichem Gesichte herab.

»Na, wie geht's denn immer? Wieder ganz wohlauf?«

Der Polier vermag nicht zu antworten, heftig würgend nickt er nur. Eine Reihe wohlbekannter Gesichter taucht oben am Rande des Gerüstes auf. Alle grüßen mit mehr oder minder herzlicher Freude, ab und zu winkt ihm auch ein 254 Arbeiter besonders kameradschaftlich zu. Nur nach und nach vermag der betäubte Polier auf die fröhlichen, zum Teil auch recht derben Scherze der Leute da oben zu antworten. Der alte Mann, der ihn zuerst begrüßt hat, klettert herab und streckt ihm nun die schwielige Hand entgegen. Schober schlägt ein und ist bald in ein Gespräch mit dem Arbeiter vertieft. Er erkundigt sich nach dem Fortschreiten des Baues, nach dem und jenem, . . . nur von sich selbst, von den schweren Tagen, seit sie ihn hier forttrugen, spricht er nicht, und auch der Alte vermeidet es diesen Punkt zu berühren. Im steten Fragen und Antworten hat der ehemalige Polier den umzäunten Bauplatz betreten und steht nun mitten im Gewühle der mit den Ziegelkarren hin und wieder trottenden Tagelöhner, der barfüßigen nur mit Rock und Hemd bekleideten Weiber, die in gleichmäßig steifer Haltung die hohen Leitern auf und nieder steigen, dabei das kleine Mörtelschaff auf dem Kopfe mit einer Hand unterstützen und den fremden Mann mit gleichgültigen, müden Blicken anstarren.

Ihm ist, als habe er diesen Platz nie verlassen; schon fühlt er sich versucht, einen zerlumpten Jungen, der neben ihm steht und, statt die angekommenen Ziegel zu schlichten, mit einem Kameraden rauft, kurzweg bei den Ohren zu nehmen, da treten die Arbeiter plötzlich zurück und eilen ohne weiteren Gruß an ihre Posten. Schober blickt scheu um sich. Was ist geschehen? Am Eingange hält eben ein Wagen. Ein beleibter Herr, dessen stark gerötetes, glatt rasiertes Gesicht aus einer Umrahmung weißer Haare leuchtet, springt trotz seines stattlichen Körperumfanges behende heraus und betritt mit der Sicherheit des Gebieters den Bauplatz. Schober vermag nicht rasch genug auszuweichen. Ehe er das Dunkel des nächsten Gewölbes erreichen kann, steht sein früherer Brotherr bereits vor ihm und sagt überrascht:

255 »Schau, da ist ja der Herr Schober! Nun, wie geht's? Was führt Sie wieder zu mir?«

Schober zuckt zusammen, da die Stimme des Mannes an sein Ohr schlägt, den er für seinen erbitterten und heimtückischen Gegner hält. Das Gefühl des erlittenen Unrechts erwacht urkräftig in seiner Brust. Er wendet sich ohne Gruß dem Ausgange zu und murmelt nur finster:

»Ich geh schon! Fürchten S' nicht, daß ich Sie anbetteln will!«

Der Baumeister sieht ihm kopfschüttelnd nach.

»Herr Schober!« ruft er endlich verwundert, und da der Angerufene ruhig weiter geht, wiederholt er dringender:

»Herr Schober!«

Der alte Polier bleibt stehen. Was kann der Geldprotz von ihm wollen? . . . Vater Schober richtet sich stramm auf und blickt zurück.

»Was wollen Sie von mir, Herr Wiesinger?« fragt er barsch.

Der Baumeister läßt sich dadurch nicht beirren.

»Ich möchte nur wissen,« beginnt er mit der breitspurigen Vertraulichkeit des Herrn, »wie lange Sie es noch so forttreiben wollen? Die Genossenschaft hält das Prozessieren länger aus als Sie, das müssen Sie doch einsehen, nicht wahr?«

Schober blickt zu Boden. »Das müssen Sie doch einsehen!« hat ihm heute auch der Advokat gesagt.

»Unsereiner muß freilich alles einsehen!« knirscht er.

»So dürfen Sie nicht sprechen!« fällt der Baumeister scharf ein. »Wären Sie damals nicht betrunken gewesen –«

Schobers Auge flammt.

»Ich war nicht betrunken, das ist eine verdammte Lüg'! Ich hab' kein Glas ang'rührt!«

»Aber, lieber Herr Schober, wie können Sie das nur 256 leugnen wollen! Ihr bester Freund, der Schlosser Kumpf, hat ja vor mir und vor der Genossenschaft bestimmt ausgesagt, daß er mit Ihnen und zwei anderen Freunden im Wirtshaus war und Sie nachher vergebens gewarnt hat, in Ihrem Zustande das Gerüste zu besteigen!«

Schobers Brust arbeitet mächtig.

»Wer hat das g'sagt?« fragt er atemlos.

»Nun, Ihr Freund, der Schlosser Kumpf!«

Schober greift sich an die Stirne. Träumt er denn? Derselbe Kumpf war es ja, der ihm zuerst die Nachricht brachte, daß ihm jede Entschädigung verweigert werde, weil er betrunken gewesen sei!

»Wo . . . wo ist der Kumpf?« stottert er endlich und blickt wild um sich.

»Ihr Freund,« erwidert der Baumeister mit nachdrücklicher Betonung, »ist seither eingezogen worden, weil er in einem Wirtshause ertappt wurde, als er falsch spielte!«

Der Polier klammert sich an die nahe Umzäunung.

»Ich will Ihnen nun etwas sagen!« fährt Herr Wiesinger nach einer Weile ruhig fort. »Ob Sie damals betrunken waren oder nicht, ist heute gleichgültig. Die Entschädigung darf ich Ihnen nicht zahlen, auch wenn ich jetzt wollte, denn die Genossenschaft hat einmal Nein gesagt und Sie führen ja Prozeß mit uns – –«

Er wartet hier auf eine Erwiderung.

Schober nickt nur traurig.

»Aber können Sie den Prozeß denn nicht einstellen, Sie unglaublicher Dickkopf?!« bricht der Baumeister jetzt ungeduldig los. »Gehen Sie, gehen Sie, – mit Ihnen ist ja doch kein vernünftiges Wort zu reden!«

»Der Prozeß ist ohnedies aus, weil ich kein Geld hab'!« sagt der Polier leise.

257 Der Baumeister tritt ihm näher.

»Nun also!« meint er wieder freundlich. »Warum sagen Sie das nicht gleich? Dann kann es sich ja wieder machen zwischen uns, – nicht wahr? Wissen Sie was? Ich habe drüben in Erdberg einen kleinen Bau übernommen, dort hätte ich Verwendung für Sie. Wenn es Ihnen recht ist, dann kommen Sie heute abend zu mir und wir machen die Sache ab. Überlegen Sie sich's, – auf Wiedersehen, Herr Schober!«

Er wartet eine weitere Antwort nicht mehr ab, sondern wendet sich rasch der niederen Bauhütte zu.

Schober steht allein. Langsam verläßt er den Bau und torkelt heimwärts. Kumpfs scheußliches Lügengewebe, der aufgegebene Prozeß, die angebotene Arbeitsstelle, – all' das wirbelt ihm durch den schwankenden Sinn. Am Ende behält doch der letzte Gedanke die Oberhand. Er soll wieder Arbeit bekommen, soll wieder ehrlich werden vor sich und der Welt. Das richtet ihn auf. Die Begegnung mit den früheren Kameraden, die altgewohnte Umgebung, das Leben und Treiben auf dem Bauplatze hat eine brennende Sehnsucht nach Arbeit in ihm erweckt. Hoch aufgerichtet und gerade vor sich hinblickend bahnt er sich jetzt seinen Weg durch die Menge. Die Mittagssonne quält ihn nun nicht mehr, ja ihre Wärme thut ihm wohl. Ihm ist, als strahle sie ihm geradewegs ins Herz.

Er blickt zum Himmel auf und nickt wiederholt. »Schein zu!« sagt er plötzlich laut und beginnt im Weiterschreiten ein veraltetes Volkslied zu pfeifen. 258

 


 

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