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Wiener Kinder

Carl Karlweis: Wiener Kinder - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleWiener Kinder
authorCarl Karlweis
year1887
firstpub1887
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
titleWiener Kinder
pages408
created20150211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Der Herr Konzertmeister.

Herr Riedl!« –

»Herr Kapellmeister?«

»Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen.«

Der Geiger, welcher sein Instrument in das verschlissene grüne Futteral gesteckt hat und eben den Probesaal verlassen will, macht Kehrt und folgt dem Kapellmeister in eine Fensternische. Er überlegt dabei in aller Hast, was er verbrochen haben könne, denn nur in solchen Fällen pflegt der gestrenge Dirigent einem Mitgliede seines Orchesters etwas »mitzuteilen.« Der Geiger sinnt und sinnt, – vergebens, sein Gewissen ist rein. Sollte es am Ende noch einmal jenes unselige »Fis« vom vorletzten Abende sein, das er in einem Augenblicke der Zerstreuung statt des vorgeschriebenen »F« gegriffen hatte? Ein Blick auf den leeren Platz an seinem Finger, wo sonst der Goldreif saß, hatte den Mißgriff verschuldet. Aber dafür hat er ja bereits seinen ernsten Verweis erhalten . . .!

Da stehen sie schon in der Fensternische. Der Kapellmeister schlägt nach seiner Gewohnheit mit dem rechten Fuße den Takt zu einem unhörbaren Walzer und sieht dabei den langen Geiger durchdringend an. Himmel, was soll das geben?

»Herr Riedl! –«

201 »Herr Kapellmeister?«

»Sie sind seit einiger Zeit nicht mehr so aufmerksam, wie ich es in Ihrem eigenen Interesse wünschen möchte!«

»Herr –«

»Schon gut, ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie fühlen sich zurückgesetzt. Sie wollten seit Jahren Prim spielen und ich behielt Sie im Secund. Leugnen Sie es nicht, – Sie fühlen sich gekränkt, denn Sie sind ehrgeizig, Herr Riedl. Kein Wort! Sie sind sogar höchst ehrgeizig, . . . mein Herr!«

Dieses fast höhnisch klingende, kalte »Mein Herr« ist der Gnadenstoß. Nun ist es aus, ich bin entlassen! denkt der Geiger und knickt zusammen.

Der Dirigent fährt noch eisiger fort:

»Ich will Ihnen beweisen, wie wenig ich gesonnen bin, Unzufriedenheit in meiner Kapelle zu dulden. Herr Meier verläßt uns, wie Sie wissen. Sie sind von morgen ab an seiner Stelle – Konzertmeister!«

Er schweigt und weidet sich an der Überraschung Riedls. Da dieser sprechen will, schüttelt er den Kopf.

»Kein Wort! Sie sind es, und damit basta!«

Und plötzlich laut auflachend, hebt er sich auf die Fußspitzen und klopft dem langen Geiger, der sich instinktiv duckt, auf die Schulter:

»Aber von morgen ab nicht mehr Fis statt F greifen, – verstanden? Adieu, lieber Herr Riedl!«

Er geht und läßt seinen neuen Konzertmeister im Zustande kläglichster Verwirrung zurück. Die Kollegen umringen und beglückwünschen den allgemein Beliebten, den sie als so harmlos, gutmütig und wohl auch tüchtig kennen, daß sie ihm sogar seine Karriere verzeihen. Dann wird er im Triumph in das nächste Bierhaus geleitet, wo er einen gehörigen »Einstand« in seine neue Würde zahlen muß. Das ist ein alter, 202 durch vieljährige Tradition geheiligter Brauch, dem sich auch Riedl fügt, freilich nur wie im Taumel, denn seit der überraschenden Ernennung ist er noch gar nicht recht zur Besinnung gelangt.

Die Stimmung in dem Kreise der allzeit durstigen Kunstgenossen wird rasch eine gehobene. Herr Grabner, der kleine, runde Paukenschläger, welcher unter seinen Kollegen den Ruf eines vortrefflichen Redners genießt, erhebt sich, um den ersten Trinkspruch auf den neuen Konzertmeister auszubringen. Herr Grabner verfügt über eine kräftige, nur ein wenig hohl klingende Baßstimme und sucht seine Stärke vornehmlich in ergreifenden Redewendungen, da er hierin als langjähriger Vorstand des Musiker-Leichenvereines von zahlreichen Begräbnissen her eine bemerkenswerte Fertigkeit besitzt. Auch von Riedl spricht er heute wie von einem Verstorbenen, rühmt seine Vorzüge, gleitet milde versöhnend über seine Fehler hinweg, und da er schließlich die versammelten Freunde bittet, ihre Gläser auf das Wohl des neuen Konzertmeisters zu leeren, so geschieht dies in einem Tone, als lade er sie ein, die letzte Scholle auf dessen Sarg zu werfen.

Riedl ist tief ergriffen. Er schüttelt dem wackeren Redner wiederholt die Hand und trocknet eine Thräne im Auge. Dabei trinkt er immer zu. Anfänglich um seine Rührung zu bemeistern, später um seine Verlegenheit zu verbergen, denn auf den Toast des würdigen Paukenschlägers folgen allerlei derbe Scherze, welche den Geiger erröten machen, da er sonst niemals die Gesellschaft seiner Berufsgenossen aufsucht und daher ihren freien Ton nicht gewöhnt ist. Die Aufregung der unerwarteten Veränderung und das hastige Trinken verfehlen denn auch nicht ihre Wirkung auf ihn. Seine Augen flammen und seine Wangen glühen; wiederholt erhebt er sich, um den Freunden für ihre Teilnahme zu danken, aber er 203 muß es immer bei der guten Absicht bewenden lassen, denn sobald er sprechen will, verflüchtigen sich die besten und originellsten Gedanken auf eine ganz merkwürdige Weise und er gelangt über einige nicht mehr ganz neue Einleitungen, wie. »Meine Herren! Die Freundschaft ist ein Band . . .« oder: »Wir sitzen so fröhlich beisammen, –« nicht hinaus. Endlich bringt der kleine Paukenschläger noch einen Trinkspruch und zwar diesmal auf die künftige Gattin des Gefeierten aus, denn zum Konzertmeister gehöre unbedingt eine Konzertmeisterin . . .

Die anderen stimmen laut lachend ein, nur Riedl selbst wird plötzlich sehr ernsthaft und schweigsam. Eine Gattin! Der Gedanke durchschauert ihn. Wenn er jetzt wagte vor Marie hinzutreten und ihr zu sagen: »Ich bin Konzertmeister, werde du meine Konzertmeisterin!« Was sie wohl erwidern würde? Er springt auf, nimmt heimlich seinen Hut und schleicht sich aus dem lärmenden Kreise seiner Kollegen. Es scheint ihm eine Entweihung, bei den unzarten Spässen des schwatzenden und lachenden Tisches seiner angebeteten Marie auch nur zu gedenken. Sachte zieht er die Thüre hinter sich zu, schwingt den breitkrämpigen Filz wie ein Rauchfäßlein und stürmt, die heiße Stirne in der Abendluft kühlend, geradeaus fort, ohne die Richtung zu beachten, die seine Füße einschlagen. Ab und zu spürt er einen heftigen Stoß, prallt zurück, sieht einen Begegnenden gleichfalls zurückfahren und hört dann drohende Stimmen, die ihm nachzugrollen scheinen. Aber er beachtet solche Zwischenfälle nicht, sondern hastet weiter, den Kopf zurückgeworfen und den Blick gegen Himmel gerichtet. Das Bild des ernsten blassen Mädchens, dessen Namen er nicht ohne Erröten und Herzklopfen auszusprechen vermag, schwebt hoch in den Wolken vor ihm einher. Er folgt ihm, wie einst die Könige aus dem Morgenlande dem Stern aus Jakob folgten, gleichviel wohin der Weg auch führe. Da er 204 endlich atemlos und erschöpft innehält und wie aus einem Traume erwachend um sich blickt, steht er im großen Hofe des Freihauses just den Fenstern des Korridors gegenüber, an welchen er schon oft Mariens Köpfchen entdeckte, wenn er an dienstfreien Abenden heimkehrte, denn dann pflegt das sparsame Mädchen hier den letzten Tagesschimmer zu benützen, um das Anzünden der Lampe so lange als möglich zu verzögern. Heute sind die Fenster oben leer. Der Geiger drückt mit einem energischen Klaps den Hut in die Stirne, knöpft den Rock wiederholt zu und wieder auf und spricht halblaut mit sich selbst.

»Konzertmeister! . . . Das ist schon eine Stellung in der Welt! Man kann den Leuten antworten, wenn sie fragen, wer man eigentlich ist. Hm, . . . Konzertmeister Josef Riedl und . . . Frau! Wie das klingt!« Er wiederholt die letzten Worte ununterbrochen, während er die Stufen emporstürmt, und findet sie immer reizender. Auf dem Korridore summt er sie bereits nach der soeben komponierten Melodie eines Triumphmarsches.

Da er Frau Stölzls Küche betritt, tönt noch ein letztes majestätisches: »Frau–au–au! Schrum!« von seinen Lippen. Die resolute Witwe, welche eben damit beschäftigt ist, beim Scheine einer kleinen Lampe einige defekte Kleidungsstücke ihres hoffnungsvollen Sprößlings zu flicken, fährt bei diesem »Schrum,« mit welchem gleichzeitig die Thüre schallend ins Schloß fällt, entrüstet auf. Sie hat just die Ereignisse des Abends noch einmal an ihrem geistigen Auge vorüberziehen lassen und dabei im Zusammenhange mit dem verwerflichen Treiben der blassen, scheinheiligen Marie auch ihres jungen Mieters gedacht, den sie aus den Netzen der heimtückischen Kokette zu retten entschlossen ist.

Daß er auch gerade jetzt kommen muß! Wer an 205 Vorbedeutungen glaubte, könnte in diesem merkwürdigen Zusammentreffen die Hand der Vorsehung erblicken! Und wie verändert er aussieht! Gar nicht so bescheiden und ängstlich wie sonst, – nein, geradezu selbstbewußt und unternehmend, wie einer, der einen großen Entschluß gefaßt hat . . .

Frau Stölzl bezwingt ihre Entrüstung über sein lärmendes Eintreten und erwidert seinen Gruß sogar mit ganz ungewohnter Sanftmut. Da der Geiger aber ohne weitere Bemerkung seine Stube aufsuchen will, meint sie doch mit einer leisen Mahnung an die ätzende Schärfe des Tones, in welchem sie sonst mit ihm zu verkehren pflegte:

»Nun, haben Sie's heute denn gar so eilig, Herr Riedl?«

Der lange Geiger lehnt mit dem Rücken an der Kammerthüre und antwortet leichthin:

»O nein, liebe Frau Stölzl . . . ich hab' nur geglaubt, Sie hätten keine Zeit!«

Liebe Frau Stölzl! Wie ungeniert, ja fast vertraulich er spricht! Und dabei lacht er wirklich, lacht ganz unzweifelhaft auch jetzt noch, obgleich die resolute Witwe ihm fest ins Auge blickt, was er früher niemals ertragen konnte! Mit dem Manne muß etwas vorgegangen sein, irgend ein wichtiges Ereignis – – –. Eigentlich ist er ein ganz hübscher Mann, dieser Herr Riedl. Nur das ängstliche Wesen hat ihn bisher so armselig, ja sogar komisch erscheinen lassen. Die resolute Witwe entschließt sich kurz und steuert gerade auf ihr Ziel los.

»Mit Ihnen geht heute was vor, Herr Riedl!« sagt sie, sich energisch erhebend.

»Möglich schon!« erwidert Riedl und lacht noch ungezwungener. Frau Stölzl nähert sich ihm langsam.

»Was geht vor?«

»Was Großes!«

206 »Ah – und das ist?«

»Ich bin heute etwas geworden.«

»Primgeiger?«

»Höher, Frau Stölzl, viel höher müssen Sie raten!«

Der Geiger will sich vor Lachen schütteln und dreht dabei seinen Hut wie ein überlustiger Schuljunge. Die Witwe steht bereits ganz nahe vor ihm, so nahe, daß ihr ausgestreckter Arm ihn berühren kann.

»Also heraus mit der Sprach'!« sagt sie halb neugierig, halb ärgerlich. »Ich laß' mich nicht foppen von Ihnen, Sie – – na, sagen Sie's gutwillig! Was sind Sie geworden?«

»Konzertmeister! – Ja, schauen Sie nur! Ich hab' auch dumm drein geschaut, wie mir's der Kapellmeister gesagt hat, und hab's nicht gleich glauben wollen. Aber es ist doch so, . . . ich bin's . . . ich bin's . . .!«

Und als hätte er die resolute Witwe niemals gefürchtet, faßt er sie ohne weiteres an den Händen und dreht sich mit ihr wirbelnd im Kreise. »Kon–zert–meister!« jauchzt er dabei übermütig. Der Witwe schwinden fast die Sinne.

»Auslassen! . . . Ob sie gleich auslassen wollen, Sie – – Sie Narr!« keucht sie und fällt endlich pustend auf ihren Stuhl. Der Geiger aber pflanzt sich kerzengerade vor ihr auf und nickt höchst feierlich:

»Ja, meine liebe Frau Stölzl, ich habe jetzt eine große Stellung, welche mir wohl schon erlaubt, an die Gründung eines eigenen häuslichen Herdes zu denken, das will sagen, mir eine –«

Hier hält er plötzlich inne und setzt mit verlegenem Lächeln errötend hinzu: »– eine Frau zu nehmen! Oder glauben Sie nicht?«

Die Witwe, welche noch immer ein wenig schwer atmet, blickt mit einem verschwommenen Lächeln zu ihm auf, schlägt 207 dann züchtig die Augen nieder und meint, nun ihrerseits errötend:

»Ich glaube Sie können es, lieber Herr Riedl! – Aber haben Sie denn schon eine in Aussicht?«

Der neue Konzertmeister betrachtet aufmerksam seine bestaubten Schuhe und schweigt. Erst nach einer tiefen Pause seufzt er ein kaum vernehmliches: »O ja!« das ein heftiges Kopfnicken ausdrucksvoll unterstützt. Frau Stölzl sieht ihn durchdringend an. Wenn er sie täuschte! Aber der gute, ehrliche Mensch sieht wirklich so ergriffen, so liebebedürftig aus! – Und hat er nicht kürzlich erst Andeutungen fallen lassen, welche mit seinem heutigen verschämten Geständnisse im vollen Einklange stehen? Die resolute Witwe lehnt sich in ihren Stuhl zurück und thut, als schließe sie die Augen. Unter den gesenkten Lidern hervor beobachtet sie jedoch ihren Mietsmann mit gespanntester Aufmerksamkeit.

»Und ist diejenige, die Sie meinen, eine brave, ordentliche Person?« forscht sie langsam weiter. »Oder vielleicht nur so ein vorlauter Fratz, ein halbes Kind, wie sie manche Männer jetzt heiraten?«

»Oh, Frau Stölzl! die ich meine ist brav und ordentlich und herzensgut . . . Alles, alles was es nur Schönes und Liebes an einem Menschen geben kann . . . das hat sie. Nur –«

Die Witwe wird unruhig.

»Nur?« fragt sie gespannt.

»Nur weiß ich nicht, ob sie mich will! Sie ist immer so fremd und kalt, wenn ich mit ihr rede, und –«

Hier lächelt Frau Stölzl mit all' der Milde und Güte, deren sie fähig ist. Seit der unvergeßlichen Stunde, da der selige Herr Christian Stölzl, als er seine höhere Stelle im Postfache erhielt, sie leise frug, ob er mit ihrer Mutter sprechen dürfe, hat sie nicht mehr so ermutigend gelächelt. Herr Riedl 208 fragt aber nicht so rasch wie weiland Herr Christian und so muß sie denn ihrem Lächeln noch eine deutlichere Unterstützung folgen lassen.

»Oh . . . Sie können sie ja fragen!« lispelt sie nach einer Pause geziert.

Der Geiger schüttelt den Kopf und fragt beklommen: »Glauben Sie, daß ich das soll?«

»Aber gewiß, lieber . . ., lieber Herr Riedl. Ich glaub', daß sie Ihnen gar nicht bös sein wird, – daß sie Ihnen sogar recht gut ist, . . . herzensgut! Aber gehen Sie doch, Sie haben das ja längst selbst bemerkt, – Sie schlimmer Mann . . . Sie!«

Sie hat sich dabei langsam erhoben und das halbfertige Höschen Pepis mit den noch klaffenden Rissen achtlos zu Boden fallen lassen. Nun errötet sie aufs neue, ihr voller Busen wallt mächtig und die kräftigen Hände versuchen ein zartes Spiel mit den Bändern, welche ihre blaue Schürze festhalten. Der Geiger sieht sie eine Weile verstört an, dann jauchzt er plötzlich auf, als beginne er jetzt erst den Sinn ihrer Worte zu erfassen:

»Sie wissen es? . . . Natürlich, Sie wissen es . . .! Oh . . . oh! Ich bin so glücklich, . . . dafür muß ich Sie küssen, Frau Stölzl!«

Er wirft seinen Hut in die Höhe, klatscht in die Hände, umfaßt stürmisch die rundliche Witwe und drückt einen Kuß auf ihren immer noch ermutigend lächelnden breiten Mund. Dann stößt er sie aber wieder ebenso ungestüm zurück, schlägt sich an die Stirne und stürzt aus der Küche.

Die Witwe läßt ihn ruhig ziehen und lächelt noch eine Weile weiter, ehe ihr Gesicht wieder den gewohnten, etwas strengen Ausdruck annimmt. Dann sitzt sie langsam nieder und stützt den Kopf nachdenklich in die Hand.

209 »Er ist ein ganz guter Mensch!« sagt sie laut. »Nur hübsch kurz werd' ich ihn halten müssen!«

Damit bückt sie sich, um das Höschen vom Boden zu heben. Beim Anblick dieses niedlichen Kleidungsstückes stiehlt sich eine Thräne in ihr Auge.

»Der herzige Pepi!« murmelt sie gerührt. »Jetzt kriegt er wieder einen Vater!« – – –

Mittlerweile hat der neue Konzertmeister mit wenigen Schritten die halbe Länge des Korridors durchmessen und steht vor der Küche der Schoberschen Wohnung.

Marie weiß, daß er sie liebt! Sie findet seine Verehrung nicht vermessen, sie ist ihm sogar gut, . . . herzensgut. Frau Stölzl hat es ihm ja gesagt, klar und deutlich hat sie es ausgesprochen, so bestimmt, daß sie es wohl von Marie selbst erfahren haben muß. Aber nun will er auch gleich mit dieser selbst sprechen. Ihr und ihren Eltern, – ja wohl, auch der Mutter! – der ganzen Welt will er sein süßes Geheimnis verraten, will es aus voller Brust hinausschreien, daß er die gute, schöne, engelgleiche Marie liebt! Er sagt sich das halblaut vor und findet ein ganz eigenes Vergnügen an dem Klange der beseligenden Worte. Dann breitet er verzückt die Arme aus.

»Marie!«

Eine Hand legt sich auf seine Schulter und eine schwache Stimme fragt zitternd:

»Um Gotteswillen, Herr Riedl, wissen Sie was von der Marie? Ist ihr am End was g'schehen?«

Er wendet sich um und blickt in das verstörte Gesicht der alten Tänzerin, die ängstlich zu ihm aufsieht.

»Geschehen? O nein,« antwortet er in übermütiger Laune. »Schauen Sie mich nur recht gut an, Fräulein Kathi, ich geh' jetzt schnurgrad da hinein zu ihr und frag' 210 sie, ob sie mich zum Mann haben will! . . . Mich – zum Mann! Ja, das thu' ich.«

Dabei pflanzt er sich breit vor der Tänzerin auf, tippt sich mit einem Finger auf die Brust und lächelt glückstrahlend. Fräulein Kathi schüttelt den Kopf.

»Sie haben getrunken, Herr Riedl!« sagt sie vorwurfsvoll. »Das müssen S' nicht wieder thun!«

»Getrunken? Ja wohl, das hab' ich! Aber zu Kopf ist mir nichts gestiegen als mein Glück! . . . Mein Glück! Mein Glück!«

Wie ein entzücktes Kind drückt er sich an die alte Freundin und flüstert ihr ins Ohr:

»Sie ist mir gut, . . . herzensgut! Und ich bin – Konzertmeister geworden!«

Dann faßt er die Tänzerin an der Schulter, drängt sie so weit von sich, als seine Arme reichen, und wartet so den Eindruck seiner Mitteilung ab.

Fräulein Kathi bleibt aber ernst, ja traurig. So lieb ihr der brave Geiger auch ist, die Sorge um Marie drückt sie doch zu schwer, als daß sie sich seines Glückes herzlich freuen könnte. Auch muß sie ihm ja mitteilen, was sich in den letzten Stunden auf dem Korridore zugetragen hat. Sie erzählt es mit wenigen halblauten Worten und blickt den langen Geiger dabei verzweifelt an. Das glückliche Lächeln ist aus seinen Augen verschwunden.

»Und Fräulein Marie?« fragt er leise, da die Tänzerin geendet hat.

»Das ist's ja eben!« erwidert Fräulein Kathi und zieht ihn dabei von der Schoberschen Thüre weg. »Wie mich die Lori so wild auf die Seite g'stoßen hat, bin ich auf meinen Sessel g'fallen und hab' eine Weil' gar nichts von mir g'wußt. Erst die Schmerzen im Kopf und der Husten haben mich wieder zu mir 'bracht. Da war aber der Gang schon 211 leer und nur die Sobotka hat mit der Stölzl dort beim Fenster allerhand böse Reden g'führt. Auch im Zimmer bei Sturm war's ganz still und wenn die Schmerzen nicht g'wesen wären, hätt' ich glauben können, daß alles nur ein Traum war. Aber es ist alles wirklich g'schehn und ich hab' eine Angst, daß ich's gar nicht sagen kann. Denn Sie wissen ja, wie der alte Schober ist! Wenn die Sach' mit der Lori und dem Sturm wegen der Marie auseinander geht, giebt's ein furchtbares Unglück! Jetzt wart' ich hier, bis die Marie zurückkommt und laß sie nicht allein, eh' sie mit ihrem Vater alles durchg'sprochen hat. Ist einmal der erste Zorn verraucht, dann wird er wohl selber einsehen, wie unrecht er der armen Marie thut, die ein wahrer Engel ist!«

Riedl nickt. »Ein wahrer Engel!« wiederholt er leise. Die Tänzerin trippelt unruhig nach der Treppe, guckt hinab, horcht eine Weile, holt dann den Stuhl, der noch immer vor ihrer Thüre steht, und trägt ihn an das Fenster, der Treppe gegenüber. Dort läßt sie sich seufzend nieder und nimmt ihre Strickarbeit vor. Da sie endlich aufblickt, lehnt der Geiger noch immer neben ihr und starrt schweigend vor sich hin.

»Gehn Sie heut' nicht mehr aus?« fragt sie zögernd.

»Nein, . . . das heißt, jetzt noch nicht. Ich wart'.«

»Auf wen?«

»Auf . . . Fräulein Marie.« Er errötet dabei und sieht verlegen zu Boden. Fräulein Kathi strickt emsig weiter.

»Herr Riedl!« sagt sie nach einer Pause, ohne aufzusehen. »Hm . . . . ich mein', . . . . warten S' lieber nicht.«

»Warum denn?« erwidert der lange Geiger, aus seinen Träumen auffahrend.

»Weil – nun, einmal müssen Sie's ja doch erfahren und je früher, desto besser für Sie! – weil die Marie Ihnen 212 zwar ganz gut ist, aber . . . Sie müssen nicht bös sein! . . . von Ihrer Lieb' halt einmal nichts wissen will!«

Riedl erbleicht.

»Nichts wissen?« fragt er mechanisch zurück. »Sie hat es Ihnen g'sagt?«

»Ja . . . und das so oft, als ich von Ihnen zu reden ang'fangen hab'!« erwidert Fräulein Kathi, sich tief über ihre Arbeit beugend.

Eine lange Pause entsteht, während welcher nur das Klappern der Stricknadeln die tiefe Stille unterbricht. Der Abend sinkt immer dunkler herab. Jemand kommt die Treppe herauf und die Tänzerin hebt erwartungsvoll den Kopf. Aber es ist nur die Magd, welche mit Laterne und Schemel den Korridor betritt, um die Lampe am Fensterpfeiler anzuzünden. Die Tänzerin steht nach einer Weile wieder auf und horcht an der Treppe.

»Nichts!« flüstert sie kopfschüttelnd. Da sie zu ihrer Arbeit zurückkehrt, fällt ihr Blick auf Riedl, der nach wie vor unbeweglich dort an der Wand lehnt.

»Herr Riedl!« sagt sie sanft.

»Fräulein Kathi?«

»Sie werden doch nicht jetzt mit ihr reden wollen?«

»Mit ihr reden – und jetzt? O nein.«

»Aber was wollen S' dann noch hier?«

»In der Näh' bleiben, wenn Sie oder Fräulein Marie mich brauchen, – sonst nichts. Bitte, reden S' mir nicht zu, daß ich fortgehn soll, ich bleib' doch – ich muß bleiben!«

Er sagt das so fest und bestimmt, daß Fräulein Kathi ihn verwundert anblickt und sich schweigend wieder an ihren Platz begiebt.

Jetzt tritt Frau Schober aus ihrer Wohnung. Sie sieht recht kleinlaut und armselig drein, was mit dem buntfärbigen, 213 bauschigen Kleide, welches sie zur Fahrt nach Hernals angezogen hat, und das ihr noch nachlässig am Leibe hängt, gar wunderlich kontrastiert. Mühselig humpelt sie über den Korridor. Sie möchte ersichtlich gerne sprechen, bringt aber lange kein Wort über die Lippen. Auch die Augen zwinkern, als ob sie nur mühsam die Thränen zurückhielten, und die Arme, in die ungewohnt engen Ärmel gezwängt, hängen schlaff herab. Ab und zu fliegt ein Blick nach der Gruppe am Fenster hin. ›So sprecht mich doch an!‹ fleht dieser Blick. Er bittet vergebens. Endlich vermag Frau Schober das drückende Schweigen nicht länger zu ertragen. Sie wendet sich wieder ihrer Thüre zu, bleibt aber auf der Schwelle stehen und fragt über die Achsel hin zurück:

»Ist die Lori noch immer bei – – Ihnen, Fräul'n Kathi?«

»Ich weiß es nicht, Frau Schober!« antwortet die Tänzerin.

Ist es der sanfte Ton, der Fräulein Kathi eigen ist, oder ist es überhaupt nur der Klang einer befreundeten Stimme, welcher die Poliersgattin so innig rührt? Sie bricht ganz plötzlich in ein jämmerliches Schluchzen aus und stößt dabei ruckweise ihre Ansicht über die Ereignisse der letzten Stunde hervor.

Von Anfang her sei sie ja gegen die ganze Geschichte mit dem Sturm gewesen, aber ihr Mann habe diese Heirat durchaus gewollt . . . . »Jetzt sitzt er freilich drin im Zimmer und red't kein Wort, so daß es einem ganz unheimlich wird neben ihm! So ein Mann! Und grad mich muß alles treffen! Ich bin ja doch nur eine arme, schwache Person, die das gar nicht ertragen kann!«

Und sie stöhnt schmerzgebrochen auf, findet dazwischen aber immer wieder einen Ton überlegener Geringschätzung:

»Als ob das Ganze überhaupt so ein Unglück wär'! Nur mein Mann bild't sich das ein. Ein Mädl wie die Lori wird doch noch Verehrer genug finden!«

214 »Gewiß! Gewiß!« bestätigt die Tänzerin. »Die Marie hat auch nur –«

Die Marie! Sowie dieser Name ausgesprochen wird, versiegen die Thränen der Mutter augenblicklich und eine dunkle Röte überfliegt ihr aufgedunsenes Gesicht.

»Die Marie!« schnaubt sie. »Die soll mir unter die Händ' kommen, mehr wünsch' ich ihr nicht! Seit sie auf der Welt ist, hat sie mir jede gute Stund' verdorben! Aus lauter Bosheit und Schlechtigkeit hat sie schon gar nicht mehr g'wußt, was sie der armen Lori und mir noch anthun könnt', und jetzt hat sie alle Scham und Ehrbarkeit so weit vergessen –«

Warum hält Frau Schober plötzlich inne? Sie war so vortrefflich im Zuge! Fräulein Kathi, welche ihrer Erfahrung nach darauf gefaßt war, die ungerechte Mutter noch eine geraume Weile in der begonnenen Weise fortkeifen zu hören, sieht erstaunt auf. Da gewahrt sie die Ursache des überraschenden Schweigens.

Der lange Geiger hat sich hoch aufgerichtet und die Mutter mit einem Blicke gemessen, der dieser das Wort auf der Zunge ersterben machte. Trotz aller Versuche, sich dem Banne der drohenden Augen zu entziehen, bringt es Frau Schober nicht über ein unverständliches Murren und wendet sich endlich langsam der Wohnung des Bauführers zu, in welcher sie noch immer Lori zu finden hofft. Da ihr Mund nicht mehr zu sprechen wagt, so drückt zum mindesten ihr Mienen- und Geberdenspiel ein deutliches: »Ich mag gar nicht weiter reden!« aus, wodurch sie sich einen ehrenvollen Rückzug ermöglicht.

Sobald sie in Fräulein Kathis Wohnungsthüre verschwunden ist, blickt der lange Geiger wild um sich, fährt sich dann mit beiden Händen durch die langen schwarzen Haare 215 und sagt endlich, jedes Wort scharf betonend, mit nachdrücklichem Kopfnicken:

»Und das ist eine Mutter!«

Die alte Tänzerin will etwas erwidern, aber sie unterläßt es seufzend und steht auf, um wieder nach der Treppe zu sehen.

Da kommt endlich Marie, langsam und mit Anstrengung Stufe um Stufe erklimmend, herauf.

Fräulein Kathi streckte ihr beide Hände entgegen und sieht sie bange fragend an. Die kleine Falte zwischen den Brauen sitzt heute als tiefer Schatten über den Augen, deren Lider halb geschlossen sind. Marie erwidert den teilnahmsvollen Gruß der Tänzerin mit einem matten Lächeln und geht ruhig ihrer Wohnung zu. Die alte Freundin trippelt schweigend neben ihr her und schlüpft auch mit ihr in die Küche. Riedl, der sich mit einer hastigen Bewegung tiefer in die Fensternische gedrückt hat, blickt ihnen mit verhaltenem Atem nach. Marie bleibt vor der Stubenthüre stehen und sieht Fräulein Kathi verwundert an.

»Ja, ja!« beantwortet die Tänzerin die stumme Frage des Mädchens. »Ich geh' mit Ihnen, denn ich laß' Sie nicht allein mit Ihrem Herrn Vater reden. Nicht weil ich neugierig bin, das können S' mir glauben, sondern weil ich fürcht', daß er sich vergessen könnt' und –«

»Fräulein Kathi!«

»Ich weiß was ich weiß und geh' Ihnen nicht von der Falt'n, – Sie können thun, was Sie wollen!«

Aber Marie entledigt sich der alten Freundin dennoch. »Was ich mit dem Vater zu reden hab', kann ich vor keiner anderen Menschenseel', nicht einmal vor Ihnen sagen!« erklärt sie einfach.

Vergebens warnt Fräulein Kathi:

216 »Sie wissen ja, wie Ihr Herr Vater ist, er vergißt sich gar so leicht. Wenn er Ihnen im ersten Zorn etwas anthut?! Imstand ist er's . . . !«

Marie beißt sich in die Lippen, bleibt aber fest bei ihrem Vorsatze, und ihre Macht über die Tänzerin ist so groß, daß diese, wenn auch grollend und kopfschüttelnd, doch endlich weicht und die Küche verläßt.

Das junge Mädchen dankt ihr mit einem herzlichen Händedrucke und tritt dann anscheinend ganz ruhig in die Stube.

Der Geiger, dem keine Silbe des kurzen Gespräches entgangen ist, wartet nur, bis Fräulein Kathi sich vollends abgewendet hat. Nun schleicht er auf den Fußspitzen in die Küche und drückt sich dort an die Stubenthüre.

Marie hat sich bei ihrem Eintreten in das zu ihrer Überraschung völlig dunkle Zimmer zur Kommode hingetappt und dort die kleine Arbeitslampe angezündet. Der trübe Schimmer, der durch den Raum zittert, zeigt ihr den Vater, wie er in sich versunken im Lehnstuhle sitzt, mit gesenktem Kopfe, die Augen geschlossen. Schläft er? Sie hebt vorsichtig den Schirm der Lampe, damit ein Lichtstrahl auf sein Gesicht falle. Da bewegt er sich ein wenig, drückt die Hand schützend vor die Augen und murmelt:

»Hast mit ihm g'red't, Leni?«

»Die Mutter ist nicht da; ich bin's, Herr Vater!« erwidert Marie leise.

Der Polier fährt jählings in die Höhe.

»Du bist's . . . Du?! . . . Und Du traust Dich noch mir unter die Augen zu kommen?!«

Er steht aufrecht neben dem Stuhle, dessen Armlehne seine Hand umklammert.

Marie tritt einen Schritt näher.

217 »Aber was hab' ich denn gethan, Herr Vater?« fragt sie bittend.

»Du fragst noch?« braust der Alte auf. »Geh . . . ich sag' Dir, geh, sonst meiner Seel', weiß ich nicht was noch aus mir werden könnt', wenn Du so scheinheilig dastehst und mich anschaust, als ob kein Engel im Himmel so unschuldig wär' wie Du! Und derweil giebts keine Schlechtigkeit, giebt's gar keine Todsünd', die nicht in Dir stecken thät', Du Straf' Gottes! – – Ah, ich halt' mich nicht länger –«

»Jesus Maria!« zittert die Tochter und weicht bis an die Thüre zurück, denn der Vater hat nach dem Kruge gegriffen, der vor ihm auf dem Tische steht, und das schwere Gefäß aufgehoben, als wollte er es nach ihr schleudern. Jetzt stellt er den Krug zurück, daß es dröhnt, und winkt ihr heftig abwehrend.

»Geh! . . . Geh, oder es giebt ein Unglück!«

Marie geht nicht. »Nur ein paar Wort' lassen S' mich reden und dann machen S' mit mir, was Sie wollen!« fleht sie inständig. »Sie wissen ja gar nicht, was alles vorgeht! Der Sturm hat – –«

Nein, sie vermag es nicht auszusprechen. Außer ihr und Franz weiß nur Lori um das Geschehene, das auch sonst niemand erfahren darf, soll es noch gut gemacht werden können. Sie hält schwer atmend inne und fährt leise fort:

»Ich weiß, was Sie von mir glauben, und will auch gar nicht fragen, warum Sie und die Mutter grad von mir immer alles Böse denken! Ich bin nicht schlecht, Herr Vater, ich hab's im Gegenteil recht gut gemeint mit allen; – die Kathi weiß es! Fragen Sie die Lori selbst, ob ich die Schuld trag', wenn sie und der Franz auseinander gehn. Mehr kann ich nicht sagen, aber schwören kann ich bei meiner armen Seel', daß ich mit Franz niemals ein unrechtes Wort 218 g'sprochen hab'! Und wenn die Lori ihn so gern hat, wie er sie, dann geht auch gewiß noch alles zum Guten aus!«

Ihre Stimme klingt so innig überzeugend, daß der Vater den drohend erhobenen Arm zögernd sinken läßt. Da poltert es vom Korridor her durch die Küche, die Thüre wird aufgerissen und Frau Schober hastet an Riedl vorbei, der rasch in den Schatten zurückweicht, in die Stube. Die Thüre bleibt halb geöffnet.

»Die Lori ist fort!« berichtet die Mutter keuchend. »Fort! Auf und davon! Die Hutterer hat sie schon vor einer Stund' oder noch länger mit der Tini weglaufen g'sehn und jetzt ist's stockfinstere Nacht und sie sind noch nicht zurück! . . . So rühr Dich doch, Mann! Jesus Maria, wenn ihr am End was g'schehn ist, oder wenn sie sich gar was angethan hat wegen der Schand vor den Leuten! Es ist ja möglich . . ., sie war immer so empfindlich! Aber Mann, Mann, hörst mich denn nicht? Die Lori ist fort!!«

Der Polier starrt seine plappernde Frau bewegungslos an.

»Fort?« wiederholt er endlich tonlos . . . »Und – Franz?«

»Der sitzt in sein' Zimmer und giebt gar keine Antwort, wenn man ihn fragt!« wehklagt die Alte. Ihr Gatte fährt auf und wendet sich der Zimmerecke zu, in welcher Marie bleich und wortlos lehnt.

»Alles – zum Guten!« knirscht er. »War's nicht so? Alles zum Guten!«

Und er geht mit erhobener Faust auf die Tochter los. Die Mutter folgt seiner Bewegung und erblickt Marie, die sie bei ihrem Hereinstürmen nicht bemerkt hat.

»Traut sich die noch herein?« ruft sie gellend. »Schlag zu, Florian, sie allein ist an allem schuld. Als eine Schand' ist sie auf d'Welt 'kommen und hat auch immer nur Unglück 219 über uns 'bracht! Schlag nur zu, Florian, sie soll wenigstens einen Denkzettel b'halten für ihr Lebtag!«

Es bedarf dieser Aneiferung nicht mehr, denn der Polier hat das Mädchen bereits heftig am Arme gefaßt.

»Vater!« zittert Marie und duckt sich vor dem Schlage, der auf sie niedersaust, – sie aber nicht trifft. Ein fremder Arm hat ihn aufgefangen und schleudert jetzt den alten Mann so heftig zurück, daß dieser bis in die Mitte der Stube taumelt. Riedl steht drohend zwischen dem Alten und Marie, vor welcher er sich nun schützend aufpflanzt.

»Schämen Sie sich, Herr Schober!« sagt er mit flammender Entrüstung in Miene und Haltung. »Ein Frauenzimmer schlagen, – und noch dazu das Fräulein Marie!« Die Sache erscheint ihm so ungeheuerlich, daß er hier eine kleine Pause machen muß, und dann erst, mit einer leichten Schulterbewegung auf die Mutter deutend, geringschätzend fortfährt:

»Daß die Frau dort Sie zu nichts Gutem verleiten kann, ist natürlich! Sie ist halt ein böses Weib und die sind alle so!«

Frau Schober will auffahren, aber ihr Zorn ist so übermächtig, daß sie vergeblich nach Worten ringt. Die Stimme versagt ihr, und nur die Finger krümmen sich wie zu einem thätlichen Angriffe. – – – Ist denn die Welt ganz und gar auf den Kopf gestellt, daß der Hungerleider, der armselige Darmkratzer es wagt, in solchem Tone mit ihr zu sprechen?! Und dieser Mann, der es anhört ohne sich zu rühren! Nein, das ist zu viel! Die Poliersgattin zischt nur einen Laut, in den sie aber all' ihren Zorn, ihre Verachtung und ohnmächtige Wut preßt, dann eilt sie aus der Stube, in welcher sie zu ersticken fürchtet, und wirft die Thür hinter sich ins Schloß, daß die Fenster klirren und die Porzellantassen auf der Kommode zu tanzen anheben.

Riedl hat sie nicht weiter beachtet; er ist hart an den 220 alten Mann herangetreten, der in sich zusammengesunken am Tische lehnt.

»Herr Schober, ich will Sie nur warnen!« beginnt er, mit merklicher Anstrengung seine Aufregung meisternd. »Heben Sie nie mehr Ihre Hand gegen Fräulein Marie auf, – Fräulein Marie ist ein Engel, das sag' ich Ihnen!«

Hier verläßt ihn plötzlich die bisher mühsam festgehaltene Mäßigung. »Und ich schlag jeden nieder, der sich nur mit einem Augenzwinkern an ihr versündigt!« schreit er dem Alten drohend zu.

»Herr Riedl!«

Marie ist hastig vorgetreten und berührt den Arm ihres Beschützers. Dieser verneigt sich gegen sie, ohne sie jedoch anzusehen.

»Ich mein' nur so!« murmelt er entschuldigend. Dann wendet er sich wieder dem Vater zu und beginnt von neuem, jedoch mit gedämpfter Stimme: »Unglück und Schand' soll Fräulein Marie über Sie gebracht haben? Ja wer hat denn dann für Sie alle gearbeitet, Tag und Nacht? Wer hat denn vor ein paar Wochen erst sein bißchen Schmuck und den letzten, mühsam ersparten Kreuzer hergegeben, um den Ring auszulösen, den Fräulein Lori von einem Verehrer bekommen hat und den Sie unten im Wirtshaus verspielt haben, statt ihn zurückzutragen? Wer hat denn da das Unglück und die Schand über Sie gebracht, – wer denn? Ja, reißen Sie nur die Augen auf! Der Ring ist zurückgegeben worden, – ich weiß es, ich war selbst unten und hab' das Geld hingelegt . . .«

Abermals berührt Marie seinen Arm. Sie sieht ihn dabei mit einem zürnenden Blicke an, den der Geiger nur fühlt, da er beharrlich von ihr abgewendet bleibt.

»Verzeihen Sie, es ist mir so herausgerutscht!« sagt er beklommen. »Aber ich hab' das schreiende Unrecht, das Ihnen 221 geschieht, nicht mehr mit ansehn können. Ihr Herr Vater soll doch einmal wissen, was er an Ihnen hat, Sie selbst sagen's ja nie und thun alles Gute so heimlich, als ob es richtig was Schlechtes wär'!«

Vater Schober blickt unentschlossen umher, als müßte ihm die rechte Entscheidung von irgendwo zufliegen. Da auch Riedl zuwartend schweigt, wird es mit eins ganz still in der Stube. Nur die durch das Licht und den Lärm aus dem Schlummer geweckte Kohlmeise hüpft unruhig auf und nieder in ihrem Bauer, den man zu bedecken vergessen hat. Marie tritt leise ans Fenster und wirft ein Tuch über das kleine Vogelhaus.

Jetzt dringt vom Gang her die kreischende Stimme der Mutter Schober herein.

»Frau Stölzl, haben Sie vielleicht unsere Lori g'sehn?«

Worauf die resolute Witwe mit ungewöhnlicher Milde antwortet: »Nein, liebe Frau Schober!«

Der Polier richtet sich entschlossen auf.

»Die Lori!« sagt er laut. »Ich muß wissen, wo die Lori ist, – ich will mit ihr reden!«

Und damit geht er zur Thüre. Dort bleibt er einen Augenblick stehen, als wollte er der Tochter oder dem Geiger noch etwas sagen, besinnt sich aber wieder anders und legt die Hand schwer auf den Drücker.

»Den Hut, Herr Vater!«

Marie blickt suchend in der Stube umher. Dort liegt er, achtlos hingeschleudert, unter dem Tische auf dem Boden. Die Tochter hebt ihn auf, reinigt ihn säuberlich und reicht ihn dem Alten, der ein halb unterdrücktes: »Danke!« murmelt und mit fluchtähnlicher Hast das Zimmer verläßt.

Marie wartet, bis sie ihn den Korridor betreten hört, und wendet sich dann an ihren Beschützer, der eben mit einer linkischen Verbeugung das Zimmer verlassen will.

222 »Herr Riedl!« sagt sie angstvoll bittend.

Der Geiger bleibt stehen.

»Fräulein Marie?«

»Bleiben Sie bei ihm, ich bitt' Sie! Wenn er recht aufgeregt ist, läßt er sich leicht verleiten, ins Wirtshaus zu gehn und dort ein Glas über den Durst zu trinken. Die schlechten Leut' reden ihm dann noch zu, – denn allein thät' er es nie!«

»Gewiß nicht!« pflichtet Riedl treuherzig bei.

Marie sieht ihn forschend an. Aber er erwidert ihren Blick ernsthaft und ergeben.

Sie drückt ihm die Hand.

»Ich dank' Ihnen!« sagt sie warm. »Versprechen Sie mir, daß Sie ihn nicht allein lassen wollen?«

Riedl richtet sich selbstbewußt auf und nickt feierlich zustimmend. Noch einmal begegnen sich ihre Blicke. Diesmal aber ist es Marie, welche die Augen senkt. Dabei überfliegt ein zartes Rot ihre Wangen.

Der junge Konzertmeister bemerkt das nicht mehr, er eilt bereits dem Polier nach. An der Treppe wird er noch einmal aufgehalten. Dort lehnt Frau Stölzl, an der Hand ihr Söhnlein haltend, welches vergebliche Anstrengungen macht, sich durch Reißen und Zerren aus dieser unbequemen Haft zu befreien. Die Witwe ist eben im Begriffe mit Frau Sobotka das rätselhafte Verschwinden Loris zu besprechen und zugleich Frau Schober zu trösten, deren Unglück sie ersichtlich tief bewegt, denn sie ist heute ganz besonders nachsichtig und milde gestimmt.

Der lange Geiger will an der Weibergruppe vorbeieilen und die Treppe gewinnen, allein Frau Stölzl hat ihn kaum bemerkt, als sie ihm auch bereits mit liebenswürdigster Geschäftigkeit entgegentrippelt. Dabei blinzelt sie mit verschämtem 223 Lächeln und zieht die Schultern hoch, – eine Bewegung, durch welche sie sich ein mädchenhaft verlegenes Aussehen geben will. Da sie die Gelegenheit geeignet findet, die Nachbarinnen auf ihre veränderten Beziehungen zu dem Mietsmanne vorzubereiten, so zerrt sie ihren Sprößling trotz seines Sträubens mit einem energischen Ruck vor und befiehlt ihm mit zart angedeuteter Rührung dem »lieben Herrn Riedl« die Hand zu geben.

Der kleine Pepi, noch zu wenig gewöhnt dem von der Mutter bisher stets mit unverholener Geringschätzung behandelten jungen Manne Achtung zu bezeugen, lacht dem Geiger wenig ehrerbietig ins Gesicht und benützt zugleich die günstige Situation zur Ausführung eines ihm sehr ergötzlich scheinenden Scherzes. Er zieht nämlich unbemerkt einen ansehnlichen Obstkern aus der Tasche und schnellt ihn mit anerkennenswerter Geschicklichkeit dem »lieben Herrn Riedl« gerade an die Nase. Das verblüffte Zurückprallen des Geigers steigert Pepis fröhliche Laune zu einer ausgelassenen Heiterkeit, welche jedoch ein ebenso unerwartetes als jähes Ende findet. Denn Herr Riedl, welcher sich nun einmal in jeder Beziehung gründlich verändert zeigt, faßt den kleinen Scharfschützen kurzweg am Kragen, hebt ihn nicht allzusanft in die Höhe und klopft ihm in dieser schwebenden Lage, unbekümmert um die Anwesenheit der schreckerstarrten Mutter, »die Höschen auf dem Leibe« aus. Den schmerzlich zürnenden Blick der Witwe, die sich nicht sofort zu entscheiden vermag, wie sie sich in einem so schwierigen Falle zu benehmen habe, bemerkt Riedl nicht mehr. Er hat bereits die Treppe erreicht und nach wenigen Sekunden unten im Hofe den alten Polier eingeholt.

Dieser schickt sich eben an, Tinis Dachkammer zu erklettern, da die kleine Näherin nach Aussage mehrerer Frauen mittlerweile nach Hause gekommen sein soll. Sie müsse also 224 über das Verbleiben Loris wohl die beste Auskunft erteilen können.

Aber von Tini erfährt er nichts. Sie ist zwar durch den Besuch des alten Poliers ersichtlich in Verlegenheit gebracht, beteuert aber auf seine dringenden Fragen immer wieder, daß sie nicht wisse, wo sich Lori befinde.

Vater Schober muß endlich unverrichteter Dinge abziehen. Riedl folgt ihm immerzu auf dem Fuße. Er möchte es keinem geraten haben, ihn jetzt von dem alten Manne trennen zu wollen! Auch dem Polier selbst nicht; denn er fürchtet ihn ganz und gar nicht mehr, just so wenig wie seine Frau, die er doch früher – – »Bah!« Er schwippt übermütig mit den Fingern. Was kümmert ihn jetzt die Mutter! – Vater Schober thut als bemerke er die ungebetene Begleitung nicht.

»Vielleicht ist sie schon daheim!« sagt er halblaut vor sich hin, während sie die enge Treppe hinabklettern.

»Natürlich!« beantwortet Riedl die gar nicht an ihn gerichteten Worte. »Wohin soll sie denn auch gegangen sein?«

Unten im Hofe erfahren sie jedoch, daß Lori noch immer nicht zurückgekehrt ist. Sie finden Frau Schober schluchzend und klagend, von sämtlichen Weibern des Hofes umringt, die sie zu trösten versuchen und sich dabei in den widersprechendsten Vermutungen ergehen, wohin Lori verschwunden sein könne. Die beiden Nachbarinnen stehen wieder in alter Treue an Frau Schobers Seite, denn die Poliersgattin ist ja jetzt der Mittelpunkt der öffentlichen Teilnahme, und da fällt etwas von der allgemeinen Aufmerksamkeit immerhin auch auf die nächsten Freunde ab. Frau Sobotka fühlt sich denn auch so recht in ihrem Elemente. Sie erzählt die erschütterndsten Geschichten von Selbstmörderinnen, die geheimnisvoll verschwanden und deren Leichname erst nach Jahren aufgefunden wurden.

225 »Denken S' nur an die Holzer-Resi!« mahnt sie mit behaglichem Gruseln. »Die hat sich eine zurückgegangene Verlobung auch so furchtbar zu Herzen genommen, daß sie ins Wasser 'gangen ist! Schad' um das schöne Mädl! . . . Hat viel Ähnlichkeit g'habt mit der Lori.«

Mutter Schober stöhnt dann noch verzweifelter und die mitleidsvollen Frauen haben alle Mühe, sie nur ein wenig zu beruhigen.

Der Polier entzieht sich dem Gewirre von Fragen, Ratschlägen und salbungsvollen Bemerkungen des Weiberknäuels, indem er kurzweg erklärt, Lori könne nicht weit sein und er werde sie wohl auch ohne fremde Hilfe zu finden wissen. Eine ermüdende Jagd beginnt, an der sich trotz der ablehnenden Äußerung des Alten allmählich der ganze Hof beteiligt. Jeder will Lori gesehen haben, jeder an einem anderen Orte, in einer anderen Richtung. Es sammeln sich Gruppen, hier am Brunnen, dort vor dem Stiegeneingange, überall wird der denkwürdige Fall laut und eindringlich besprochen. Frau Jerschabek läßt der niedergeschmetterten Gattin des Kruzifixfabrikanten, deren Parteigenossinnen fahnenflüchtig werden, die ganze Wucht ihres Hohnes fühlen; Fräulein Mimi, die kleine rundliche Putzmacherin, deren weißer Frisirmantel gespensterhaft durch das Dunkel des Abends leuchtet, gleitet immerzu schwatzend, boshaft lächelnd und nickend durch den Hof, welchen Vater Schober, von Riedl treulich gefolgt, eben verlassen will, um seine Nachforschungen in den angrenzenden Straßen fortzusetzen.

Da beide an der rotverhängten Wirtshausthüre vorbeikommen, geht der Polier plötzlich langsamer und blinzelt nach dem Lichtschimmer.

»So eine Jagd!« brummt er vor sich hin. »Es wär' meiner Seel' das beste, alles laufen zu lassen und das ganze 226 Elend hinunter zu schwemmen, daß man's wenigstens auf ein paar Stunden vergißt!«

Dabei nähert er sich in der That der verlockenden Thüre. Allein Riedl tritt ihm wie zufällig in den Weg und sagt laut, aber als spräche auch er nur zu sich selbst:

»Das Wirtshaus da ist eine rechte Spelunke! Wer da hinein geht, ist ein Lump, der sich und die Seinigen ins Unglück bringt!«

Vater Schober blickt scheu auf seinen Begleiter, der anscheinend harmlos neben ihm hergeht und einen alten Walzer pfeift. So kommen sie an der Kneipe vorbei und verlassen den Hof. Nach zwei Stunden kehren sie zurück, ohne Loris Spur gefunden zu haben. Der Alte schleppt sich nur mühselig weiter und nickt bei jedem Schritte wie einer, der sich in einem gefaßten Entschlusse bestärkt. Auch Riedl scheint müde und unruhig. Er trabt noch immer schweigend neben dem Alten einher und blickt nur von Zeit zu Zeit schwermütig zum dunkeln Himmel auf, an welchem die Sterne flimmern. Wie schwül die Nacht ist! Der Geiger lüftet wiederholt den Hut und trocknet sich die Stirne.

Wenn Lori inzwischen nicht nach Hause gekommen ist, bleibt der Vater bei seinem unwürdigen Verdachte und Mariens Qualen beginnen von neuem. Das ist es, was Riedl beunruhigt. Wie soll er hier vorbeugen, wie das geliebte Mädchen schützen? Langsam tappen sie sich die finstere Treppe empor, bis zu dem Korridore, den eine kleine Nachtlampe matt erhellt. Aus einer Fensternische tritt ein Mann auf sie zu. Es ist Franz. Vater Schober geht ihm hastig entgegen.

»Die Lori ist da?« fragt er beklommen.

Der junge Bauführer sieht den Alten starr an. »Die Lori?« wiederholt er dann mit einem heiseren Lachen. »Die Lori, die von mir fortgelaufen ist, wie von einem Kranken, vor 227 dem einem graust?! . . . Nein, die . . . ›liebe Lori‹ ist nicht zurückgekommen!«

Er brütet eine Weile stumpf vor sich hin.

»Ich hab' ja alles nur für sie gethan!« stöhnt er plötzlich unter Thränen. »Nur sie hab' ich froh und glücklich sehen wollen, – nur sie! Und wie sie erfahren hat, was geschehen ist, da hat sie sich fortgeschlichen, ohne ein Wort, ohne ein einziges Sterbenswort! . . . Ah!« Es schüttelt ihn wie im Fieber. »Mir geschieht ja nur mein Recht, – nicht wahr? Aber wenn sie jetzt vor mir stünd', wenn ich sie mit beiden Händen festhalten könnt', daß sie mich anhören müßt', ob sie wollt' oder nicht, ich thät' ihr sagen, was ich jetzt von ihr denk'! In die Ohren thät' ich's ihr schreien: Du hast einen Dieb aus mir gemacht, einen Betrüger, der fremdes Geld angreift, damit du lustig sein und dich putzen kannst! – –«

»Um Gotteswillen, Franz! Es ist ja nicht möglich!« zittert Vater Schober dazwischen. »Du red'st im Fieber, – Du bist krank; hast Du ja selber g'sagt . . .«

»Nein, es ist die Wahrheit!« fährt der junge Bauführer wild auf. »Ich hab' gestohlen, ich bin ein Dieb! . . . Ein Dieb!«

Er wiederholt das Wort knirschend und rückt dem Polier dabei immer näher.

Da knarrt eine Thüre, Franz bricht jählings ab und schlägt die Hände vor die Augen. Fräulein Kathi tritt aus ihrer Wohnung.

»Wollen Sie nicht schlafen gehn, Herr Sturm?« fragt sie mit sanftem Vorwurfe.

Der Bauführer nickt nur stumm, ohne sein Gesicht zu befreien, und wankt in sein Zimmer. Die Tänzerin will an den Polier eine Frage stellen, aber Riedl winkt ihr zu schweigen.

»Gute Nacht, Fräulein Kathi!« sagt er laut und ergreift, selbst vor Erregung zitternd, Schobers Arm. Der Polier 228 läßt sich willenlos bis an seine Thüre führen, an welche der Musiker leise pocht. Marie erscheint sofort auf der Schwelle.

»Und Lori?« fragte sie bestürzt.

Riedl schüttelt traurig den Kopf und beugt sich zu dem Mädchen nieder.

»Der Vater weiß alles!« Dabei deutet er über die Achsel hin nach Sturms Wohnung.

Marie fährt zusammen und sieht den Geiger bittend an. »Stumm wie das Grab!« antwortet beruhigend sein Blick. Die Thüre schließt sich und Riedl sucht nun seine Schlafstätte auf. In der Küche findet er noch Licht, was ihn trotz der Verwirrung, in der er sich befindet, nicht wenig überrascht. Sollte dies eine Rücksicht sein, die Frau Stölzl walten ließ? Er kann es nicht glauben. Aber da er seine Kammer betreten will, bleibt er in der Thüre verblüfft stehen, denn der enge, sonst so vernachlässigte Raum hat ein ganz und gar verändertes Aussehen gewonnen. Alles ist nett und zierlich in Ordnung gebracht, an Stelle des einzigen wackeligen Stuhles steht ein bequemer Lehnsessel, und auf dem verschlissenen grünen Futterale, in welchem seine Geige ruht, liegt sogar ein kleines Blumensträußchen.

Wer hat es gebracht –? Sollte Marie? – Er wagt es nicht zu hoffen, drückt aber die Blumen doch zärtlich an die Lippen. Wie im Traume geht er durch seine Kammer. Wunderlich! . . . Wunderlich!

Er lehnt sich ins offene Fenster, durch das die schwüle Sommernacht hereinflutet.

Was Fräulein Kathi gesagt hat, kann ja doch auf einem Irrtum beruhen! Die liebe, gute Person hat überhaupt Augenblicke, in welchen sie trotz ihrer echten, warmherzigen Freundschaft alles schwarz sieht. Sie ist eben kränklich und alt, – – Marie und er sind aber jung, – jung und 229 liebebedürftig. Er zum mindesten, o ja, – er ist es! In diesem Augenblicke zumal ist es ihm, als fühle er seine Jugend. Sie rumort in seinen unruhig jagenden Pulsen und pocht so stürmisch in seinem Herzen, daß er beschwichtigend die Hand darauf drücken muß. Sie ist es auch, die ihm schmeichelnd zuflüstert, daß Kathi sich ganz gewiß geirrt haben muß. Marie ist ihm gut, – herzensgut! Er springt auf und greift nach der Geige, die er hastig dem grünen Tuche entwindet. Ein paar breite Akkorde, und in wirren, bald zagenden und schmerzerfüllten, bald wieder hell aufjauchzenden Tönen klingen Leid und Lust seiner jungen Liebe in die stille Nacht hinaus.

Die resolute Witwe, die nebenan in ihrer Stube schläft, erwacht jählings und will entrüstet an die Wand klopfen, um den Ruhestörer zur Besinnung zu bringen. Aber da geht die schmetternde Dur-Fanfare drüben just in einen sanft schmeichelnden Moll-Klang über. Frau Stölzl lauscht eine Weile andächtig, nickt dann geschmeichelt und errötet sogar ein wenig.

»Er hat doch ein gutes Herz!« flüstert sie gerührt. »Und wenn er recht kurz gehalten wird . . .«

Noch einmal lächelt sie still zufrieden, dann drückt sie sich tiefer in die Kissen, um sanft weiter zu schlummern und von einer holden Zukunft zu träumen. 230

 


 

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