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Wiener Kinder

Carl Karlweis: Wiener Kinder - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleWiener Kinder
authorCarl Karlweis
year1887
firstpub1887
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
titleWiener Kinder
pages408
created20150211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Die Nachbarsleute.

Märzveigerl! Frische Märzveigerl!

Ein halbwüchsiges Mädchen in dürftiger Kleidung lehnt an der Ecke der Resselgasse und streckt jedem Vorübergehenden die kleine rote Hand entgegen, deren magere, schmutzige Finger ein winziges Sträußchen von wenigen Veilchenblüten umklammern. Der laue Märztag beginnt allmählich einem jener feuchtkalten Abende zu weichen, die der Vorfrühling in Wien nur allzuhäufig bringt. Der Winter sendet da nachgrollend sein letztes Aufgebot; feiner Regen und leicht schmelzende Schneeflocken fallen langsam nieder zur dampfenden Erde, die sich in ein dichtes Nebelkleid hüllt. Die schöne, heitere Stadt selbst erscheint an solchen Abenden häßlich und blinzelt verdrießlich aus ihren gelblichroten Tausendaugen durch den schweren, abscheulich nach Rauch riechenden Nebeldunst. Die Wiener werden dann leicht mürrisch und verdrossen, schlagen die Rockkragen auf und traben ohne aufzublicken, ja sogar ohne den sonst unvermeidlichen Refrain eines eben beliebten Walzers oder Gassenhauers auf den Lippen, schweigend ihres Weges.

Die kleine Veilchenverkäuferin hat darum heute einen schlimmen Abend. Die Menge hastet an ihr vorbei, ohne 2 ihre ausgestreckte Hand zu sehen, ohne ihren Bettelruf zu hören.

Der dicke Herr dort im warmen Pelzrock, der die breiten Lippen wie betend bewegt, berechnet im Gehen seinen Gewinn an den Brennholzkäufen, die er eben abgeschlossen hat; er kann die frierende Kleine nicht sehen, denn seine Augen sind dem Himmel zugewendet, – er hofft auf einen strengen Nachwinter. Auch der vornehm gekleidete junge Mann, der ihm folgt, vermag das Mädchen nicht zu bemerken. Er eilt der Ringstraße zu, und seine Blicke bewachen ängstlich die zierlichen Lackschuhe, die er auf dem immer feuchten Trottoir der Vorstadt zu beschmutzen fürchtet. Der Arbeiter, welcher nachdrängend in die Pfützen patscht, bemerkt wohl die Kleine und ihre Veilchen, allein er wirft ihr nur einen kurzen Seitenblick zu und trottet weiter. Ein hartes Brod, so in Nässe und Kälte an der Straßenkreuzung zu stehen und Blumen auszubieten. Gewiß, aber was kümmert das ihn? Arbeit ist Arbeit, und damit Holla! . . . . Vorwärts! –

Die Frauen und Mädchen, die vorüber trippeln, wären wohl gerne barmherzig und kauften der Kleinen ein Sträußchen ab, allein bei so abscheulichem Wetter hat man ja keine Hand frei! Man muß das Kleid aufheben, um es nicht durch den Schmutz zu schleppen, vielleicht auch ein wenig, um die sorgfältig beschuhten Füßchen zu zeigen, deren Pelzbesatz ungemein vorteilhaft kleidet. Auch ist es gar so umständlich, zu der wohlverwahrten Börse zu gelangen . . . .

»Ein anderesmal, liebe Kleine!«

Diese steht ruhig auf ihrem Platze, den nackten Fuß auf den vorspringenden Eckstein gestemmt, den Kopf zurückgebogen und mit den ausdruckslosen Augen ins Leere starrend oder einem vorbeirollenden Wagen nachguckend, immer den Arm weit ausgestreckt, in der kleinen Hand die armseligen, 3 halbwelken Blüten und auf den Lippen den einförmigen Bettelruf:

»Märzveigerl! Frische Märzveigerl! Bitt' kaufen S' mir was ab!«

Von der Elisabethbrücke her schlendert jetzt ein langer, hagerer Mensch in abgeschabter, eng anliegender schwarzer Kleidung der Straßenecke zu. Die Hände in den Taschen der allzukurzen Beinkleider, und unter dem Arm eine Geige im verschlissenen grünen Futteral, so trabt er gemächlich die Allee herab und summt trotz Nebel und Regen vergnügt die Anfangstakte des Strauß-Walzers:

. . . »Wiener seid froh!
      Oho! Wieso? . . .

Vor der roten Hand und den halbwelken Veilchen bleibt er stehen und blickt teilnehmend auf die frierende Kleine nieder, die ihm mechanisch das kleine Sträußchen reicht und die empfangenen Kupfermünzen langsam durch die Finger gleiten läßt. Einen Augenblick später streckt sie dem nächsten Vorübergehenden einen anderen kleinen Strauß entgegen, und während ihr Blick einem vorbeirollenden Hundekarren folgt, jammert sie nach wie vor ihr eintönig klagendes:

»Märzveigerl! Frische Märzveigerl! Bitt' kaufen S' mir was ab!«

Der lange Geiger, der mit seinen Veilchen ruhig weiter schlendert, gewinnt mittlerweile die gegenüberliegende Seite der Hauptstraße und steuert durch die geschäftige Menge langsam dem alten ›Freihause‹ zu, das einst ein Freibrief des dritten Ferdinand auf einer Insel des anno Domini 1643 noch wasserreichen Wienflusses entstehen ließ. Heute ist das häßliche, langgestreckte Gebäude, das vier Straßen umgrenzen, ein wirres stil- und planloses Durcheinander von Passagen, 4 Höfen und Gärten, eine Stadt im kleinen mit eigener Kapelle und Totengruft, eigenen Fabriken und Kaufläden, Wirtshäusern und Kaffeeschänken, Werkstätten und Schulen.

Von den feuchten Kellerräumen bis unter das niedere, flach zurücktretende Dach sind all' diese Haupt- und Seitentrakte, diese An- und Querbaue überfüllt mit Mietern aus allen Schichten der vielgestaltigen Bevölkerung Wiens. Hier wohnt der kleine, karg besoldete Beamte, der selbst den mäßigen Mietzins einer engen Hofwohnung in irgend einem der zahlreichen Winkel des alten Hauses nur schwer erschwingen kann; hier wohnt der junge Arzt, der noch beglückt zu lächeln vermag, wenn ihn seine wenige Patienten mit einem gerührten: »Vergelt's Gott, Herr Doktor!« bezahlen; der Handwerker, der tief unten in seiner dumpfigen Werkstätte beim fahlen Schimmer einer kleinen Öllampe über die Arbeit gebeugt sitzt oder an warmen Sommertagen die Werkbank samt dem Arbeitsschemel in den Hof hinaufschafft und hier unter freiem Himmel lustig drauf loshämmert, stichelt oder bosselt.

Hier wohnt der arme Student, der von daheim keine Wechsel erhält und seine schöne, sonnige Jugendzeit über vergilbten Folianten vertrauert oder zwischen dummen und faulen Jungen, denen er fürs liebe Brot den geheimen Urquell alles menschlichen Wissens zu erschließen sich abquält; hier wohnt die kleine Putzmacherin, die vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht an ihrem niederen Fenster sitzt, unverdrossen die Nadel führt und dabei unablässig ihre veralteten sentimentalen Lieder von dem »Blümelein traut« und den »girrenden Täubelein« singt, immer ein wunderlich hoffnungsvolles Lächeln um den schlaffen Mund und eine heimliche Liebe zu irgend einem glänzenden Kavalier oder zu einem just besonders beliebten Schauspieler im Herzen; hier wohnt der ernste, geschäftige Kaufmann, der allzeit schmunzelnde 5 Schänkwirt, der sorgenerfüllte Fabrikant, der schleichende, händereibende Winkelschreiber, der schweigsame, früh ausgehende Arbeiter und der gähnende Nichtsthuer; hier wohnt die verschämte Armut der heimlich darbenden Witwe, die »einst bessere Tage gesehen hat«, Thür an Thür neben der frechen offenen Schande, hier wohnen Not und Elend neben lauter, leichtsinniger Fröhlichkeit.

Von den Hofräumen führen schmale, winklige Treppen hinauf zu kleinen Gängen, auf welche je vier bis fünf Wohnungsthüren ausmünden. Was auf einem solchen Korridore wohnt, fühlt sich zusammengehörig als eine einzige große Familie. Die kleinen Wohnungen mit ihren niederen Stuben und engen, rauchgeschwärzten Küchen, aus welchen warmer Wäsche- und Speisedunst dringt, stehen tagsüber meist offen und leer, denn die Männer müssen ihrem Berufe nachgehen, die Weiber und Kinder aber ziehen die hellen, luftigen Gänge den dumpfen Stuben vor. Hier balgen sich jauchzend und schreiend die schmutzigen Buben und Mädchen, wenn sie nicht auf der Treppe oder unten im Hofe durcheinander tollen, hier kauern die nachlässig gekleideten Weiber und haben immer noch eine letzte merkwürdige »G'schicht« zu erzählen, immer noch eine letzte Bemerkung der Nachbarin zuzuraunen.

Dabei stillen sie ihre Säuglinge oder beruhigen sie durch unablässiges Auf- und Niederschwingen, halten strenges Gericht über alle Vorgänge im Schoße der einzelnen Familien, – alles auf dem Korridore, alles gemeinsam, gleich den Auswandererfamilien auf dem Zwischendecke eines großen Überfuhrbootes.

Unserem Musikus ist das vielbewegte, wechselvolle Bild, das die Hofräume des Freihauses zur Dämmerstunde bieten, längst bekannt.

Wie täglich, so betritt er auch heute einen der schmalen 6 Stiegeneingänge und klettert hastig die steilen Treppen empor. Vor der letzten Stufe hält er jedoch inne, holt tief Atem, beugt sich vor und wirft einen spähenden Blick den schmalen Gang entlang, auf welchem mehrere Frauen in nachlässiger Haltung beisammen stehen und eifrig plaudern.

Er kennt sie alle ganz wohl, denn er wohnt ja seit mehr als einem Jahre dort in der Ecke des Korridors als »Zimmerherr« jenes breitschulterigen Weibes, das jetzt eben die starken, knochigen Arme in die Hüften stemmt und mit tiefer, fast männlich klingender Stimme das Gespräch beherrscht. Das ist Frau Stölzl, die ehr- und tugendsame Witwe nach Herrn Christian Stölzl, welcher ihrer eigenen, allerdings etwas unklaren Darstellung zufolge irgend eine hervorragende Stelle im Postfache bekleidete.

Die hagere, mit peinlicher Sauberkeit gekleidete Person, die ihr gegenüber an der Wand lehnt und sich von Zeit zu Zeit mit den langen Nadeln ihrer Strickarbeit in den rostigroten, sorgfältig gescheitelten Haaren kraut, ist Frau Sobotka, welche unbestritten die erste Stellung auf dem Gange einnimmt. Ihr bedeutender Einfluß beruht aber auch auf zwei mächtigen und sicheren Stützen. Fürs erste ist ihr Gatte wohlbestallter k. und k. Amtsdiener im Ministerium des Innern, und das thut ein großes! Fürs zweite weiß das ganze Freihaus, daß Frau Sobotka sich jedes Vergnügen gönnen könnte, da sie kinderlos ist und außer den Bezügen ihres Gatten noch die nicht unbedeutenden Einkünfte ihres eigenen Geschäftes genießt. Sie leiht nämlich auf Pfänder. Natürlich nur ganz insgeheim und gegen »christliche« Zinsen, aber es trägt doch immerhin ein hübsches Sümmchen.

Das blasse, dunkeläugige Frauenzimmer neben ihr, das so gebrochen auf dem niederen Schemel sitzt und emsiger als alle anderen die blanken Stricknadeln kreisen läßt, ist 7 Fräulein Kathi, eine ehemalige Tänzerin, die jetzt ihr Dasein durch Vermieten ihrer beiden Wohnstuben fristet, welche sie mit den bunt zusammengewürfelten Resten ihrer einst reichen und prunkvollen Einrichtungen wunderlich genug ausstaffiert hat. Denn es gab eine Zeit, in der sie gar vornehm und lustig in den Tag hineinlebte. Damals war sie schön und jung, sie tanzte in der ersten Quadrille der Hofoper und bezauberte nebenbei die galante Welt durch ihre sprudelnde Laune. Kathi war eben eine echte Wienerin: ein bißchen vorlaut, ein bißchen leichtsinnig und jeder wechselnden Laune folgend, aber immer zu lachen bereit, immer eine Schar mutwilliger Teufelchen im Kopfe, – und immer herzensgut.

Als sie dann älter wurde und ihre Schönheit nach einer schweren Krankheit jählings verfiel, mußte sie auch ihr bißchen Kunst aufgeben, das ohnedies niemals viel bedeutet hatte. Nun stand sie mit Eins allein, verlassen und elend in der Welt. Sie zog hieher in die kleine Hofwohnung, wo sie in einer engen unheizbaren Kammer schläft und den gröbsten Mägdedienst für ihre Mieter versieht. Dabei siecht sie seit Jahren an einem schweren Lungenleiden dahin, ist aber darum doch die unverwüstlich lustige Wienerin von ehedem geblieben. Oft sitzt sie vor ihrer Thüre, in den mageren, schier durchsichtigen Händen irgend eine Arbeit, in der Brust den abscheulichen stechenden Schmerz, der ihr von Zeit zu Zeit ein leises Hüsteln abringt. Und doch! So wie es da drinnen eine Weile ruhiger wird, huscht schon wieder ein schwaches Lächeln um ihren welken Mund und die blassen Lippen summen irgend ein Lied aus der entschwundenen lustigen Zeit, oder sie begleiten den Gassenhauer, den unten im Hofe just eine Drehorgel quiekt:

. . . »Allweil fesch und allweil munter,
Denn der Wiener geht nit unter! . . . .«

8 Gute Kathi! Der Geiger betrachtet sie von seinem Versteck aus mit einem Blick voll dankbarer Zärtlichkeit. Ist sie doch die einzige, welche ihn nicht verspottet, ihn, den linkischen armen Musikanten, der aber doch auch seine offenen Augen im Kopfe und sein warmes Herz in der Brust hat, um zu sehen was schön, und zu lieben was liebenswert ist. Ihr darf er alles gestehen, mit ihr darf er sogar, wenn kein unberufener Horcher in der Nähe ist, von seiner heimlichen Liebe plaudern und sie tröstet ihn auch, wenn er einmal ganz und gar verzweifeln will. Denn seine Leidenschaft ist so echt, so wahr – und so unglücklich! In seiner gedeckten Stellung hinter dem Treppenpfeiler preßt der Geiger das kleine Veilchensträußchen inbrünstig an die Lippen und flüstert schmachtend: »Marie! Marie!« dann erschrickt er und blickt ängstlich um sich . . . Dem Himmel sei Dank, niemand hat ihn gehört!

Bst! Außer der guten Kathi darf es keine Menschenseele wissen! Auch Marie selbst nicht. Er würde in die Erde sinken vor Scham, wenn sie seine heimliche Vermessenheit erführe, denn sie ist so ernst und streng, und eine kleine rosige Falte sitzt heute schon zwischen ihren blonden Brauen, obgleich sie kaum zwanzig Jahre zählt. Nein, die stille, wortkarge Marie ist wahrlich nicht das Mädchen, das zu einem Liebesgeständnisse aufmuntern würde. In dem Blicke ihrer hellen blaugrauen Augen liegt etwas, das dem reichsten Freier die ersten Liebesworte auf den Lippen festbannen müßte. Um wie viel mehr ihm, dem armen Fiedler, der es noch nicht einmal zum Primgeiger hat bringen können, obgleich ihm der Hofkapellmeister die Stelle schon lange genug versprochen hat. Ja, wenn er erst so weit wäre! Dann könnte er schon eher Mut fassen und vor den Vater hintreten, . . . mit Vater Schober, der als Polier des vielbeschäftigten Baumeisters 9 Wiesinger tagsüber nur selten daheim ist, wäre ja auch sonst ganz gut auszukommen. Er gilt als ein zwar finsterer und ungeselliger, aber streng rechtlicher Mann, der die offenherzige Werbung eines ehrlichen Freiers gewiß nicht übel aufnehmen würde. Aber die Mutter! Dort steht sie, inmitten der schwatzenden Weiber und nickt von Zeit zu Zeit mit dem groben Kopfe, der fast ohne Halsübergang auf den runden Schultern sitzt. Die kleine behäbige Gestalt ist in eine weite Jacke und einen faltigen Rock von ausgewaschener, gelblicher Farbe gekleidet, der nachlässig um die breiten Hüften gebunden ist, die Füße stecken in schiefgetretenen Hausschuhen, die bei jeder Bewegung auf den Steinfliesen des Korridors klappern und scharren.

Der Geiger betrachtet sie lange und schüttelt dabei den wirrgelockten Kopf. Sie ist seine Feindin, er weiß es; aber was hat sie nur gegen ihn? Von seiner heimlichen Neigung für Marie kann sie nichts ahnen, – und wenn sie darum wüßte! Sie selbst will ja nicht hoch hinaus mit ihrer älteren Tochter, die sie auch gar nicht liebt, sondern im Gegenteile quält und demütigt, wo sie nur irgend kann. Dem armen, blassen Mädchen ist alle Arbeit für die Wirtschaft der Familie Schober allein aufgebürdet, während Lori, die jüngere Schwester, den ganzen lieben Tag über nichts thut, als singen, sich putzen und mit den Mannsleuten liebäugeln.

Auch jetzt lehnt sie wieder neben der Mutter am Fenster, wirft von Zeit zu Zeit ein Wort ins Gespräch und blickt dabei unverwandt in den Hof hinab. Gewiß geht unten irgend ein vornehm gekleideter Müssiggänger auf und ab, der recht frech heraufgrüßt.

Hübsch ist sie freilich, die gefallsüchtige, herzlose Lori, mit ihrer schlanken Gestalt und dem kleinen, zierlichen Kopfe, aus dem die dunklen blitzenden Augen immer lachend in die 10 Welt gucken und um den das dichte braune Haar in schweren Flechten gleich einer Krone gewunden ist. Dabei hat sie eine eigene Art, sich immer wie nach dem Takte irgend einer unhörbaren Musik zu bewegen und leicht in den Hüften zu wiegen, als setze sie eben zum Tanze ein, – der Geiger, der sie nicht leiden mag, hat sie doch einmal selbst den »lebendigen Walzer« genannt.

Freilich, was will all' ihre Schönheit neben dem Zauber bedeuten, der aus den ernsten Augen ihrer blonden Schwester strahlt! Der lange Geiger starrt eine Weile träumerisch vor sich hin. Dann zuckt er mit einer abwehrenden Bewegung die Achsel, als wollte er sagen: »Vergleichen wir lieber gar nicht!« Er verläßt endlich die Treppe und schleicht an der Mauer hin, um unbemerkt seine Wohnung zu erreichen. Aber während er sich an den Thüren leise hindrückt, das Gesicht höflich der plaudernden Frauengruppe zugewendet, stößt er plötzlich an ein junges Mädchen, das mit einem Kruge in der Hand rasch auf den Korridor tritt. –

Es ist die blonde Marie, mit der er so unsanft zusammentrifft. Sie erschrickt und läßt den Krug fallen, der auf den Steinplatten sofort in Scherben bricht; die Frauen springen kreischend auf und gewahren nun den Geiger, der bleich an der Wand lehnt und verdutzt bald das junge Mädchen, bald die Trümmer des großen Wasserkruges zu seinen Füßen betrachtet.

Endlich versucht er seine Ungeschicklichkeit zu entschuldigen. Er gurgelt einige unverständliche Worte hervor, die Marie aber rasch unterbricht, indem sie sich bückt, um die Scherben aufzulesen, und dabei begütigend meint:

»Lassen Sie nur, Herr Riedl, das Unglück ist ja nicht so groß!«

Da fährt Frau Schober polternd dazwischen:

11 »Was? Nicht so groß?« kreischt sie entrüstet. »Ah, da muß ich bitten! Kaufst Du vielleicht einen neuen Krug? Ja? Wart' Du nur, bis der Vater nach Hause kommt, der wird Dir schon zeigen . . .!«

Der Geiger wirft der keifenden Frau einen Blick zu, in den er all' seinen Groll preßt. O, diese Mutter!

»Aber ich bitte, Frau Schober,« unterbricht er sie endlich stotternd, »Fräulein Marie ist ja ganz unschuldig! Und was den Krug betrifft, so kaufe ich eben einen neuen . . .«

»Was kaufen Sie?« grollt jetzt die tiefe Stimme Frau Stölzls dazwischen, und die resolute Witwe tritt hart an den ritterlichen Geiger heran.

»Sie wollen etwas kaufen? Sie?!« ruft sie mit vernichtendem Hohne. »Zahlen Sie lieber den Zins, den Sie mir schon seit drei Wochen schuldig sind, Sie leichtsinniger Mensch . . . Sie!«

Herr Riedl blickt immer ratloser um sich.

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich übermorgen meine Gage bekommen und dann alles bezahlen werde!« raunt er der erregten Mietfrau hastig zu. Allein seine Versicherungen finden kein gläubiges Ohr. Frau Stölzl schüttelt energisch den Kopf, wobei die bunten Bänder ihrer Haube drohend ihre Stirne umflattern. Eben holt sie mit einem geräuschvollen Atemzuge zu einer längeren Auseinandersetzung aus, die für ihren Mietsmann wenig Schmeichelhaftes enthalten hätte, da ruft Fräulein Kathi, das Kritische der Situation wohl erkennend, vom Fenster her:

»Frau Stölzl, kommen S' geschwind! Unten führt die närrische Rätin vom ersten Stock ihr Pintscherl spazieren!«

Die Witwe läßt ihr Opfer fahren und eilt hurtig ans Fenster. Auch Frau Schober folgt ihr, mit den schief getretenen Hausschuhen klappernd, und der Geiger bleibt, 12 erleichtert aufatmend, allein an der Thüre stehen. Jetzt kommt auch Marie, welche die Scherben mittlerweile sorgsam aufgelesen hat, mit einem Tuche zurück, um die Splitter vom Steinboden zu fegen. Nochmals versucht der Geiger seine Entschuldigung vorzubringen, allein Marie unterbricht ihn auch diesmal, indem sie kurz, doch nicht unfreundlich erwidert:

»Es ist schon gut, Herr Riedl. Ich hätt' ja selbst auch die Augen aufmachen können!«

In seiner Verwirrung nickt er zustimmend, faßt dann vorsichtig sein Veilchensträußchen mit zwei Fingern und streckt schüchtern den Arm aus, um Mariens Aufmerksamkeit auf die zarten Blüten zu lenken. Just hebt das Mädchen den Kopf und bemerkt seine Bewegung, da wendet sich Lori vom Fenster ab. Ihr Blick fällt auf den Geiger und sein Sträußchen.

»Oh! die schönen Märzveigerln,« ruft sie und schnuppert mit dem feinen Näschen. »Riechen 's denn auch?«

Herr Riedl stottert eine verlegene Bejahung, worauf Lori in aller Seelenruhe nach den Veilchen langt, als könnten sie ja doch nur für sie allein bestimmt sein.

»Dank' schön!« sagt sie kurz und steckt sich das Sträußchen an den Busen.

Verblüfft steht der Geiger und wagt keinen Widerspruch. Er blickt in drolliger Verzweiflung auf Marie, die ihm aber beruhigend zuwinkt, sie habe seine gute Absicht verstanden und nehme mit dieser vorlieb. Dann lächelt sie gütig und verschwindet in der Wohnungsthüre.

Der Geiger steht noch lange und guckt der Entschwundenen verzückt nach. Das sonnige Lächeln, das einen Augenblick hindurch die ernsten Züge des blassen Mädchengesichtes erhellte, hat ihn schier geblendet. Freilich ist es das 13 erstemal, daß er diese Lippen sich zu einem wirklichen und wahrhaftigen Lächeln kräuseln sah. Und das hat ihm gegolten, ihm ganz allein! Er holt tief Atem, faßt seine Geige am Halse, als wollte er sie wie eine Fahne schwingen und unterdrückt nur mit sichtlicher Anstrengung einen lauten Juchzer. Dann stürmt er mit zwei riesigen Schritten der Treppe zu, denn er wird in der Tanzschule am anderen Ende des Hofes bereits erwartet.

Der Himmel mag wissen, welche wunderlichen Tänze er heute den Schülern des Herrn Vaillant aufspielt. Er nimmt jeden Hopser Prestissimo.

»Langsamer,« schreit der arme, schweißtriefende Tanzmeister wohl schon zum zwanzigstenmale. »Eins! . . . Zwei! . . . Eins! . . . Zwei! Aber Herr Riedl, spielen Sie doch langsamer!«

Ja wohl langsamer! Der Teufel spiele einen Walzer so langsam, daß die Rosse im Zirkus nach dem schläfrigen Takte tanzen könnten. Und nun gar heute! Alle Pulse jagen wie toll, das Herz will zerspringen und dieser lächerliche Tanzmeister kommandiert dazu sein unerträgliches: »Langsamer!«

Der lange Musiker beachtet diese Zurufe nicht weiter; er geigt lustig sein tolles Prestissimo fort und blickt dabei so stolz und mit einem so zerstreuten Lächeln auf Lehrer und Schüler herab, als spiele er überhaupt nur einer Laune und nicht der siebzig Kreuzer halber, die er für die Stunde erhält. Mitten in einer Quadrille fragt er Herrn Vaillant plötzlich, was wohl ein schöner Thonkrug mit zwei eingebrannten flammenden Herzen kosten mag?

»Sind Sie verrückt?« antwortet der Tanzmeister entrüstet.

Der Geiger nickt ernsthaft und wirft mit einer hastigen Kopfbewegung die wirren Haare aus der Stirne.

14 »Wär' kein Wunder!« meint er mit dem geheimnisvollen Lächeln der Glücklichen. »Wär' wirklich kein Wunder! . . .«

– – Mittlerweile ist auf dem Korridore vor Frau Schobers Wohnung der Abend vollends hereingebrochen. Die Lampen werden angezündet und die Frauengruppe zerstreut sich auf einige Augenblicke. Frau Schober, welche mit Lori und Frau Stölzl allein zurückbleibt, äußert jetzt ernstliche Unruhe wegen ihres Gatten, der sonst täglich mit Einbruch der Dämmerung nach Hause zu kommen pflegt.

»Wo kann er denn sein?« meint sie ärgerlich.

Frau Stölzl zuckt die Achsel. »Wo er sein kann?« wiederholt sie spottend. »Vielleicht hat er ein paar Kameraden getroffen und ist mit ihnen auf ein Glas Wein gegangen, oder . . . . .«

»O nein, das thut mein Mann nicht!« erwidert Frau Schober entschieden. Sie schlürft aber doch unruhig den Korridor entlang und horcht an der Treppe.

Lori steht ruhig am Fenster, die Stirne an die kalten Scheiben gedrückt. Sie blickt schweigend in den dunklen Hof hinab und trommelt nur zuweilen ungeduldig mit den kleinen sorgfältig beschuhten Füßchen auf den Steinplatten.

Plötzlich tritt sie vom Fenster zurück und fährt mit den Händen glättend über ihren dunklen, leicht gewellten Scheitel.

»Der Vater?« fragt Frau Schober aufblickend.

»Nein, . . . ich weiß nicht . . . ich hab' ihn nicht gesehen!« antwortet Lori stockend.

Wenige Augenblicke später betritt ein junger Mann in einfacher, doch sauberer Kleidung den Gang.

»Sie sind's, Herr Sturm!« sagt Frau Schober gedehnt, fügt aber sofort freundlicher hinzu: »Verzeihen S', ich wart' auf meinen Mann und bin unruhig, weil er noch immer nicht heimkommt. Haben Sie ihn vielleicht gesehen?«

15 »Gewiß, Frau Schober!« erwidert der junge Mann artig. »Vor ein paar Stunden habe ich ihn gesprochen, als ich zufällig an seinem Bauplatze vorüber ging. Ist er denn noch nicht nach Hause gekommen?«

Frau Schober schüttelt den Kopf.

»Am Ende fängt er jetzt doch an ins Wirtshaus zu gehen!« murrt sie und verläßt den Korridor. Gleich darauf poltert es in ihrer Wohnung, aus der ihre Stimme schrill heraustönt. Die Nachbarsleute kennen das.

»Die Schoberin zankt wieder einmal mit der Marie!« sagen sie und beachten das Getöse nicht weiter. Auch jetzt hebt Frau Stölzl, so neugierig sie sonst auf jedes Geräusch horcht, kaum den Kopf. Sie strickt eifrig an einem langen Strumpfe, dessen bedenklich schmutziggraue Farbe auf sein ehrwürdiges Alter schließen läßt. Dabei schielt sie über die glitzernden Nadeln hinweg nach dem Fenster, an welchem Lori lehnt, die eifrig zur getünchten Decke aufsieht, ab und zu aber einen raschen Blick nach der Treppe wirft.

Dort steht Herr Sturm eine Weile unschlüssig, ehe er mit einem befangenen Gruße an das junge Mädchen herantritt. Nun spricht er zuerst von dem abscheulichen Nebelwetter, das die Arbeit so sehr erschwere und die Menschen mißmutig stimme. Da Lori nur mit einem zerstreuten Kopfnicken antwortet, bringt er allmählich die Sprache auf ihren Vater, der sich so sehr plagen und abmühen müsse, dann auf sich selbst, auf seine Stellung, die ihm täglich besser gefalle, da er das Vertrauen seines Baumeisters sichtlich errungen habe und nun in nicht allzu ferner Zeit Bauführer zu werden hoffe.

Allem Anscheine nach hat er von dieser Mitteilung einen ganz besonderen Eindruck erhofft, denn er betont die letzten 16 Worte ganz eigentümlich und sieht erwartungsvoll auf Lori, welche aber noch immer unverwandt zur Decke emporstarrt.

»Ich wünsch' Ihnen viel Glück dazu!« sagt sie endlich kalt, da sie merkt, daß er auf Antwort wartet.

»Meine Aussichten scheinen Sie recht – – gleichgültig zu lassen?« entgegnet der junge Mann betreten.

Lori sieht ihm in die Augen.

»Weshalb sollten sie mich denn interessieren?«

»Nun ich dachte doch, daß Sie einigen Anteil an mir nähmen . . .!«

»Anteil? O – ja! Warum denn nicht?«

Das Mädchen zuckt die Achseln und fährt mit einem Seufzer der Ermüdung fort:

»Übrigens ist mir ja doch schon alles gleichgültig. Am liebsten möcht' ich davonlaufen; weit, weit fort und nichts mehr hören und sehen von der ganzen Welt!«

»Oh! Und weshalb?«

»Weil – weil mir alles zuwider ist! Aber schon so zuwider . . .!«

Der junge Mann guckt sie immer verblüffter an.

»Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Lori!« sagt er endlich kopfschüttelnd. »Was wollen Sie nur?«

»Was ich will?« fährt das Mädchen mit plötzlicher Heftigkeit auf und ficht mit den Armen durch die Luft. »Mein junges Leben möcht' ich genießen und nicht wie ein eingesperrter Vogel ewig in dem Käfig da sitzen und Trübsal blasen! So, jetzt wissen Sie's! Ja – schauen Sie mich nur groß an! Zu was ist man denn jung, und noch dazu nur ein einzigesmal im ganzen Leben, wenn man gar nichts davon haben soll? Andere Mädeln machen alles mit, sind überall dabei, wo's nur irgend eine Unterhaltung oder eine Lustbarkeit giebt, und sind doch auch nicht schöner als ich, 17 – das weiß ich ganz gut! Ich . . . ich will endlich auch einmal spüren, daß ich jung bin! . . . Und dahier halt' ich's nicht länger mehr aus! Alle Tag' dieselben Gesichter, dieselben Reden, dieselben Leut'! Ich verschrumpf' ja noch ganz in der armseligen Langweiligkeit!«

Im Eifer dieser halb zornig, halb weinerlich hervorgestoßenen Rede hat sie das grellfärbige Seidentüchlein, das um ihren Hals geschlungen war, herabgerissen und schwingt es nun gleich einer Fahne. Dabei flattert ein Ende zu Franz hinüber, der unwillkürlich abwehrend darnach hascht. Das nimmt sich drollig genug aus, und Lori läßt das Tüchlein fallen, mitten in ihrer Zornesstimmung hell auflachend.

Der zukünftige Bauführer lacht gutmütig mit und blickt entzückt auf das hübsche Mädchen, in dessen funkelnden Augen die zornige Erregung nachgrollt wie abziehende Aprilschauer. Dann sagt er zögernd.

»Aber es liegt ja doch nur an Ihnen, Fräulein Lori, Ihr Leben gründlich zu verändern!«

»An mir?« erwidert Lori rasch. »Das versteh' ich nicht!«

»Ich meine, wenn Sie . . . heiraten wollten!«

Er spricht die letzten Worte so leise, daß die horchende Nachbarin den Kopf weit vorbeugen und den Atem anhalten muß, um dem Gespräche folgen zu können. Lori wirft einen hastigen Blick auf ihren Ratgeber und rümpft das Näschen.

»Heiraten?« sagt sie gedehnt. »Das ist ein schöner Ausweg! Damit es dann erst recht aus ist mit jeder Freud' auf der Welt?! – O mein, dazu habe ich später auch noch Zeit, . . . oder auch nicht, mir ist's alles eins! Was ich möchte, ist . . . ach was! Sie verstehen mich ja doch nicht, Herr Sturm!«

Damit lehnt sie sich in die Fensternische zurück und zuckt wieder ungeduldig mit den Füßen.

18 Franz steht eine Weile schweigend vor ihr, dann sagt er sehr ernst:

»Jetzt verstehe ich Sie wirklich nicht, Fräulein Lori. Aber ich glaube wohl, daß ich mich selbst verstehe und darum weiß, wie ehrlich ich es mit Ihnen meine. Und sehen Sie, mir thut es weh, wenn ich Sie so – so leichtsinnig reden höre. Verzeihen Sie, daß ich so offen spreche! – Denken Sie einmal, daß es einen ehrlichen Menschen gäbe, der Sie recht vom Herzen lieb hätte und der sein Lebensglück darin fände, Sie immer froh und glücklich zu sehen, – – als seine Frau, natürlich! Was würden Sie ihm antworten?«

Lori blickt zu Boden. Es liegt etwas in der zitternden Stimme des jungen Mannes, das sie bestrickt und in ihrem Herzen einen Wiederhall weckt. Sie wagt nicht aufzusehen, denn sie fühlt seinen brennenden Blick auf sich gerichtet. Was soll sie ihm antworten? Eine mahnende Stimme flüstert ihr zu: Sage Ja! Er liebt dich, wie dich kein anderer lieben wird! . . .

Und schon streckt sie die Hand aus, um in die seine einzuschlagen, – da ertönt fernher gedämpfter Trommelschlag. und gleich darauf fallen Trompeten und Pauken im lustigen Marschtempo schmetternd ein.

»Militärmusik!« ruft Lori entzückt, vergißt den Freier und seine Werbung, schnellt in die Höhe und huscht über den Gang, die Treppe hinab ins Freie.

Auch Frau Stölzl läßt ihre Arbeit fallen und folgt hastig. Auf dem stillen Korridore wird es im Nu lebendig. Frau Sobotka eilt, eine Pfanne mit brodelndem Fett in der Hand, in den Hof hinab und gleich darauf klappert Frau Schober geschäftig der Stiege zu.

Franz sieht den Frauen verblüfft nach, dann schlägt er sich mißmutig vor die Stirne und wendet sich Fräulein Kathis 19 Wohnung zu, um sein Zimmer aufzusuchen. In der Thüre begegnet ihm die Tänzerin.

»Ihr Zimmer ist in Ordnung!« ruft sie eifrig und trippelt so hastig sie vermag der Treppe zu.

»Wohin denn so eilig?« fragt Franz mit verdrießlichem Erstaunen.

»Nun, hören Sie denn nicht die Militärmusik, die unten vorbeizieht? Den Radetzkymarsch spielen sie! Bum! Bum! Bum! . . . Rattabum . . . Es ist halt was eigenes ums Militär!«

Damit klammert sie sich an das Treppengeländer und gleitet, den Marsch summend, hurtig abwärts.

Franz muß trotz seiner Verstimmung lächeln. Eben will er die Thüre hinter sich ins Schloß ziehen, da gewahrt er Marie, welche vorsichtig den Korridor entlang guckt und dann ans Fenster tritt.

»Guten Abend!« ruft er freundlich und geht auf sie zu. »Nun, wollen Sie nicht auch das Militär vorbeimarschieren sehen?«

»Hab' keine Zeit!« antwortet Marie kurz und kehrt zu ihrer Thüre zurück.

Franz vertritt ihr den Weg.

»Sagen Sie mir nur, was Sie gegen mich haben? Schon seit einiger Zeit scheint es mir, als ob Sie mir überall ausweichen würden!«

»Ich? Sie täuschen sich. Ich weiche keinem Menschen aus, nur hab' ich halt weniger Zeit, als andere und da . . .«

»Nein, das ist es nicht,« unterbricht sie Franz. »Sehen Sie, Fräulein Marie, ich möchte schon lange ein paar Worte mit Ihnen sprechen, wegen . . . nun, Sie wissen ja!«

Marie blickt zu Boden und spielt mit ihrem Schürzenbande.

20 »Ich weiß!« sagt sie leise.

»Zu Ihnen kann ich viel offener sprechen. Sie sind so ruhig, so verständig. Sie haben eine Art, die Einem Mut macht.«

»Ich?«

»Ja wohl, Sie! Mit Fräulein Lori ist es dagegen sehr schwer ein ernsthaftes Wort zu reden. Sie hält niemals stand! Eben erst habe ich es versucht, aber da kam die Militärkapelle und – fort war sie! – Wenn . . . wenn vielleicht Sie, Fräulein Marie, einmal mit ihr sprechen und sie ein wenig . . . aushorchen wollten, ob – –«

Jetzt sieht Marie auf. Eine tiefe Röte überfliegt ihr blasses, schmales Gesicht. Sie läßt das Schürzenband fallen und verschränkt die Arme.

»Ich soll mit ihr reden?« sagt sie kurz, »gut, ich thu's, . . . aber –«

»Aber?«

»Nichts, es war nur so ein Gedanke. Es bleibt dabei, ich rede mit ihr.«

Franz atmet erleichtert auf.

»Ihre Hand darauf, Fräulein Marie?« fragt er treuherzig.

»Es gilt auch ohne Hand!« erwidert das Mädchen rauh und huscht in die Wohnung.

Die Frauen kommen jetzt lachend und schwatzend zurück. Alle sprechen vom »schönen Militär«.

Nur Lori schweigt. Sie hat es gar wohl bemerkt, daß die Blicke aller vorüberziehenden Offiziere und Soldaten ihr galten. Ihre Augen leuchten und um ihren Mund spielt ein Lächeln der Befriedigung. Sie tritt ans Fenster und trommelt den eben gehörten Marsch auf den Scheiben, während die Frauen eifrig weiter plaudern.

21 Plötzlich beugt sie sich vor, blickt angestrengt in den matt erhellten Hof hinab und ruft dann entsetzt:

»Mutter! Frau Mutter! Da schleppen sie einen auf einer Tragbahre durch den Hof!«

Die Frauen eilen zu den Fenstern. Im selben Augenblicke stürzt der Geiger, einen bemalten Krug in der Hand, kreidebleich über den Korridor.

»Frau Schober!« keucht er. »Frau Schober! Fassen Sie sich! Sie bringen . . .«

»Meinen Mann?!« kreischt Frau Schober.

»Ich glaube, das heißt – – ich fürchte . . .«

Schon werden auf der Stiege schwere Tritte hörbar, die langsam näher kommen.

»Aufgepaßt! Langsam! So! . . . Noch einen Stock höher!« sagt eine fremde Stimme.

Jetzt taucht der Kopf des ersten Trägers auf, nun folgt eine Bahre, – der zweite Träger. – Das Schweigen der tötlichen Angst empfängt sie.

Die Leute setzen ihre Last behutsam nieder.

»Frau Schober?« fragt der erste und sieht sich forschend im Kreise um. Der zweite nimmt die Mütze ab und trocknet sich den Schweiß von der Stirne. Da aller Blicke auf Frau Schober haften, nickt ihr der erste Träger zu, nimmt dann gleichfalls die Mütze ab und öffnet die grüne Truhe.

»Jesus Maria!« schreit Frau Schober gellend auf. Sie stürzt neben der Bahre ins Knie und fährt mit den zitternden Händen tastend über den bleichen, grauhaarigen Mann, der da regungslos vor ihr liegt.

»Mann! Florian! – Er ist todt!«

Die Frauen drängen sich heulend und weinend heran, Marie kommt aus der Küche und bricht sich zitternd Bahn bis zur Mutter, die wie leblos in ihre Arme sinkt.

22 »Ist er tot?« fragt endlich der Geiger leise.

»Nein!« antwortet der Träger. »Er ist vom Gerüste gestürzt und ins Spital gebracht worden. Dort hat er den ersten Verband bekommen. Dann hat er nach Hause verlangt. Und weil es bei uns ohnedies ganz überfüllt ist, so hat der Herr Primararzt gemeint, wir könnten ihn hierhertransportieren. Er will morgen selber nachschauen, der Herr Doktor!«

Der Verunglückte wird in seine Stube gebracht und dort so behutsam als möglich auf das Bett gelegt, von dem Marie in aller Eile die buntfärbige Decke abzieht. Frau Schober kann nichts zur Wartung ihres Gatten thun; der Schreck ist ihr allzu heftig in die Glieder gefahren. Sie sitzt im großen, steiflehnigen Lederstuhle und starrt bewegungslos vor sich hin, Lori kniet neben ihr und verbirgt, unaufhörlich schluchzend, den Kopf im Schoße der Mutter; nur Marie steht trockenen Auges am Bette des Vaters und versucht den Bewußtlosen aus seiner tiefen Ohnmacht zu erwecken.

Die Nachbarinnen, welche bis in die Stube gefolgt sind, geben allerlei Ratschläge, wie dies am sichersten zu erreichen sei. Frau Sobotka hat ein unfehlbares Hausmittel zur Hand, Frau Stölzl will einen »Senfteig« auflegen und Fräulein Kathi holt ein Riechfläschchen, das ihr aus der guten alten Zeit geblieben ist. Marie lehnt jedoch jede Hilfe mit dürren Worten ab und drängt die Freundinnen höflich, aber entschieden aus der Wohnung.

Bald darauf schlägt der Vater die Augen auf und Marie schlüpft nun leise in die Küche, um rasch einen stärkenden Thee zu bereiten.

Mittlerweile hat sich Frau Schober genugsam erholt, um an das Bett wanken zu können, vor dem sie jedoch in ein verzweifeltes Jammern und Kreischen ausbricht. Auch Lori, die ihr folgt, schluchzt noch immer ohne Unterlaß.

23 Herr Schober erkennt beide und sucht sie mit einem freundlichen Blicke zu beruhigen. Jetzt bringt Marie den Thee. Die Mutter nimmt ihr rasch die dampfende Schale ab, schilt heftig, indes die Thränen über ihre breiten, schwammigen Wangen kollern, daß Marie so geräuschvoll eintrete und flößt dem Gatten einige Tropfen des heißen Trankes ein, wobei sie immerzu klagt und stöhnt.

»Dank' Dir, Leni!« flüstert Vater Schober mit schwacher Stimme und versucht ihr die Hand zu reichen. Allein die Bewegung verursacht ihm Schmerzen, er preßt die Lippen zusammen und schließt die Augen. Seine Frau und Lori beugen sich mit neu hervorbrechenden Thränen über ihn; für Marie bleibt an ihrer Seite kein Platz, sie stellt sich an das Fußende des Bettes und beobachtet mit sorgenschweren Blicken den regungslos hingestreckten Vater.

Stiller wird es in der Stube. Da der Kranke die Augen nicht wieder aufschlägt, flüstern Frau Schober und Lori mit einander und schleichen dann auf den Fußspitzen nach der Nebenkammer. Allein die Diele ächzt unter den schweren klappernden Schritten der Mutter, dazu knarrt die Thüre und fällt, da Lori sie nicht behutsam genug schließt, schallend ins Schloß.

Der Vater blickt auf und gewahrt Marie, die noch immer am Fußende des Bettes steht und ihn beobachtet.

»Will der Herr Vater etwas?« flüstert die Tochter besorgt.

Der Kranke winkt heftig abwehrend mit dem Kopf und dreht ihr ächzend den Rücken zu.

In der Nebenkammer gehen Frau Schober und Lori zu Bette. Die Mutter liegt auf Mariens Lager, denn »sie will den armen Vater nicht stören!«

Und Marie? Sie hat das kleine Öllämpchen in 24 Ordnung gebracht und den großen Lehnstuhl in die Nähe des Bettes gerückt.

Die lauten schnarchenden Atemzüge der Mutter, die nach einer Weile aus der Nebenkammer herüber dringen, unterbrechen vereint mit dem schwachen Röcheln des unruhig schlummernden Vaters allein die Stille der Nacht. Nur von Zeit zu Zeit rührt sich die Kohlmeise im verhängten Bauer und zwitschert leise im Traume.

Marie sitzt in dem steiflehnigen Großvaterstuhle, den Kopf in die Hand gestützt, und blickt unverwandt auf den Vater, dem die grauen Haarsträhne wirr in die bleiche, gefurchte Stirne fallen. Wie tief liegen die geschlossenen Augen unter den finster zusammengezogenen Brauen! Wie blutlos sind die Lippen, wie welk die eingefallenen Wangen! –

Der arme Vater, wie er leidet! In dem bleichen Gesichte des Mädchens spiegeln sich die Schmerzen des leise ächzenden Kranken wieder und langsam perlen die Thränen aus ihren Augen. 25

 


 

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