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Wiener Kinder

Carl Karlweis: Wiener Kinder - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleWiener Kinder
authorCarl Karlweis
year1887
firstpub1887
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
titleWiener Kinder
pages408
created20150211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

»Du schöner Mai, vorbei . . . vorbei!«

Nach dem jähen Ende, welches die geträumte Brautschaft der resoluten Witwe durch die Flucht des verräterischen Geigers genommen, schien sich die arme Verlassene lange Zeit nicht fassen zu können. Sie welkte sichtlich hin und wagte kaum mehr die Stätte ihrer grausamen Demütigung zu verlassen. Frau Sobotka vermochte den Jammer ihrer Freundin nicht länger ruhig mit anzusehen. Obendrein stand ja auch Riedls Kammer noch immer leer, trotz der von der Witwe eigenhändig geschriebenen und an der großen schwarzen Tafel im Hauptflur befestigten Anzeige, daß »im sexten Hof, Stiege 22, Tirnumer 113, eine schene liftige Kahmer an einen soliten Hern zu fermiden und gleichzu bezihn« sei. Das bedeutete einen fühlbaren Ausfall in ihren an und für sich nicht allzu erheblichen Einnahmen. Frau Sobotka pflog eine ernste Rücksprache mit ihrem Gatten, welcher strengstens beauftragt wurde, für diese »liftige Kahmer« einen Mieter zu finden, mit dem vielleicht auch sonst etwas zu machen wäre. Herr Sobotka hatte Glück, er fand die geeignete Persönlichkeit. Schon wenige Tage später erschien Herr Thaddäus Friedlmayer, wirklicher Diurnist im k. k. Lotto-Gefällsamte, auf dem Korridore, von 371 Frau Sobotka feierlich empfangen und zu der trauernden Witwe geführt. Die lange, überaus hagere Gestalt des neuen Mieters schien anfänglich nicht den besten Eindruck auf Frau Stölzl hervorzubringen, ja der kleine Pepi lief vor dem bleichen, durchaus in abgeschabtes Schwarz gekleideten Manne schreiend davon, denn Herr Thaddäus sprach nur wenige Worte, diese aber in einem düsteren Grabestone, und bewegte dabei die mageren Arme in ihren enganliegenden kurzen Ärmeln wie Windmühlflügel. Allmählich jedoch begannen sich Mutter und Sohn an die eigentümliche Erscheinung des schweigsamen Mieters zu gewöhnen. Frau Stölzl erkannte mit dem scharfen Blicke der empfindsamen Witwe, daß die strenge Miene und die tiefe, schier Schrecken erregende Baßstimme den ernsten k. k. Diurnisten nicht hinderten, ein im Grunde höchst friedfertiges, ja gutmütiges Menschenkind zu sein. Bald nachher fand die resolute Witwe, daß ihre Trauer um den unwürdigen Geiger eigentlich ein Verbrechen an ihrem Sprößlinge sei, der von Tag zu Tag dringender eines Vaters bedürftig würde, – und endlich glaubte sie aus mancherlei Anzeichen schließen zu dürfen, daß auch ihr Mieter des einsamen Junggesellenlebens überdrüssig sein müsse.

Infolge dieser Erwägungen erwachte Herr Friedlmayer eines Morgens mit dem etwas unklaren Bewußtsein, daß er sich am vergangenen Abende mit Frau Stölzl verlobt habe. Wie das gekommen war, wußte er nicht mehr. Aber er war sein langes, entbehrungsreiches Leben hindurch gewöhnt, sich still in sein Schicksal zu ergeben, und so fügte er sich auch in diese neue Wendung. Abend für Abend wandelt er nun am Arme seiner glückstrahlenden Braut durch die beiden Alleen, welche den großen Hof des Freihauses kreuzen, aufrecht und düster wie die herbstlich entlaubten dürren Bäume, zwischen welchen er schweigend einhergeht, zu jeder Bemerkung, zu jedem 372 ihre künftige Lebens- und Haushaltseinrichtung betreffenden Entschlusse der bräutlichen Witwe nur würdevoll nickend. Der hagere, schwarzgekleidete Mann, an welchem nicht das kleinste Endchen weißer Wäsche zu entdecken ist, gleicht dabei freilich mehr einem Leidtragenden, als einem glücklichen Bräutigam, und Fräulein Anna Jerschabek hatte deshalb vielleicht nicht so ganz unrecht, als sie bei seinem ersten Anblicke ihrer Meinung dahin Ausdruck gab, daß er ihrem Ideale eines Liebhabers eigentlich nicht ganz entspreche. Allein die weltkluge Mutter der schnippischen jungen Dame beantwortete diese freie Äußerung mit der strengen Zurechtweisung: »Dummes Ding! Ein Mann ist er doch!« Sie ließ es sich auch nicht nehmen, die Verlobten »auf ein Schalerl Kaffee« zu sich zu bitten, wobei sie der so geschickten Vermittlerin dieses jungen Glückes die Bemerkung zuflüsterte, daß sie gar nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn Herr Friedlmayer einige seiner Freunde, – vielleicht drei! – mitbringen wollte.

Ihrem Wunsche wurde bereitwilligst entsprochen. Die drei Freunde und Kollegen des Bräutigams erschienen pünktlich bei dem kleinen Schmause, dem sie denn auch alle Ehre erwiesen. Die Herren waren zwar nicht durchwegs so hochgewachsen, doch sämtlich mindestens ebenso mager und schweigsam wie Herr Thaddäus. Dabei vertilgten sie ganze Berge des süßen Backwerkes, das Frau Jerschabek in verschwenderischer Fülle auftischte, füllten auch mit Erlaubnis der liebenswürdig lächelnden Hausfrau die Taschen ihrer langschößigen, enganliegenden schwarzen Röcke mit jenen Resten, die sie nicht mehr zu bewältigen vermochten und empfahlen sich dann unter unzähligen stummen Verbeugungen und Händedrücken, ohne mit den Töchtern des Hauses, welche in ihrem besten Sonntagsstaate steifer und spitznasiger denn je neben ihnen gesessen hatten, auch nur eine Silbe gewechselt zu haben. Frau 373 Jerschabek war trotzdem mit dieser ersten Einleitung der Bekanntschaft sehr wohl zufrieden. Leider erfuhr sie bei eingehender Nachforschung, daß zwei ihrer Gäste verheiratet und Väter zahlreicher Familien, der dritte aber zwar allerdings noch ledigen Standes sei, doch im Begriffe stehe, sich demnächst zu verehelichen. Fräulein Mimi, welche zu dem kleinen Mahle nicht gebeten war und deshalb voll zornsprühender Entrüstung im Hofe auf und nieder trippelte, soll bei dieser Nachricht von einem Lachkrampf befallen worden sein, demzufolge sie drei Tage hindurch das Bett hüten mußte.

Seither würdigt Frau Jerschabek das Brautpaar keiner weiteren Aufmerksamkeit, ja sie zieht sich sogar in auffallender Weise von den allabendlichen Versammlungen am Brunnen zurück, in welchen nach wie vor alle Ereignisse des Hofes mit eingehendster Gründlichkeit durchgesprochen werden. Vor allem sind es der alte Polier und seine Tochter, deren stilles und friedliches Leben hier den Anlaß zu mancher wichtigen Erörterung bietet. Daß namentlich Marie dabei nicht gut wegkommt, ist umso erklärlicher, als die resolute Witwe seit ihrer Verlobung das entscheidende Wort in den Brunnenversammlungen zu sprechen hat. Und die Witwe hegt einen unversöhnlichen Haß gegen ihre ehemalige Nebenbuhlerin. »Diese Marie!« ruft sie in ungeheuchelter Entrüstung. »Kein guter Faden ist an ihr!«

Und Frau Sobotka bestätigt würdevoll: »Sie ist durch und durch schlecht!«

»Zuerst hat sie der eigenen Schwester den Bräutigam abspenstig g'macht,« fährt Frau Stölzl eifrig fort, »und den Armen so weit gebracht, daß er jetzt ganz verschollen ist – –«

»Wahrscheinlich ist er in seiner Verzweiflung in die Donau gegangen!« unterstützt die Freundin sie hier wieder. »Man liest ja alle Tag' solche G'schichten in der Zeitung.«

374 »Dann« – vervollständigt die Witwe ihre Anklage – »hat sie die eigene Mutter aus dem Haus g'hetzt, und daß der nichtsnutzige Musikant, der saubere Herr Riedl, seit neuerer Zeit auch wieder die Keckheit hat, sich hier in der Näh' zu zeigen, geht doch ganz gewiß nur sie an. Letzthin war er sogar bei ihr, – freilich während der Vater nicht zu Haus war!«

»O, was den Vater betrifft,« nimmt hier die Amtsdienersgattin aufs neue das Wort, »so möcht' ich für einen solchen Mann auch kein gutes Wörtl einlegen. Er thut ja grad' so, als ob er nie eine Frau und eine andere Tochter, als die Marie, g'habt hätt'! Hat er ein G'fühl, wie er es haben sollt', frag' ich? Nein, er hat keins. Er paßt zu der scheinheiligen Marie wie der Deckel auf 'n Topf. Aber es giebt halt doch eine ewige Gerechtigkeit! Haben Sie bemerkt, wie ihn das Mädl unterm Pantoffel hat? Ordentlich, sag' ich Ihnen. Pünktlich wie eine Uhr muß er in der Früh fortgehn und abends auf die Minut'n heimkommen, sonst setzt's was. Sehen S', das ist die Straf', weil er sich's gar nicht zu Herzen nimmt, daß seine Frau von ihm fort ist!«

Ein andächtiger Schauer geht bei diesen im düsteren Prophetentone gesprochenen Worten durch die Versammlung. Nach einer kleinen Pause meint Frau Hutterer endlich:

»Heut' ist er aber doch nicht pünktlich. Er sollt' schon seit einer halben Stunde 'kommen sein und ich seh' ihn noch immer nicht.«

»Oh, das Töchterl wird ihn schon zur Red' stellen, warum er so lange ausg'blieben ist!« erklärt Frau Sobotka. »Richtig, – dort steht sie am Fenster und wart' auf ihn.«

Marie beugt sich in der That aus dem Korridorfenster und blickt suchend in den Hof hinab. Das lange Ausbleiben des Vaters beunruhigt sie. Er ist doch sonst so pünktlich! Jetzt bemerkt sie die neugierig-spöttischen Blicke der 375 Weiber unten am Brunnen, welche eifrig die Köpfe zusammenstecken und ersichtlich von ihr sprechen. Rasch tritt sie zurück und entzieht sich dieser unfreundlichen Aufmerksamkeit. Seit die alte Tänzerin so krank ist, daß sie an den Versammlungen der Nachbarinnen nicht mehr teilnehmen kann, hat das junge Mädchen auch den letzten Anwalt in diesem Kreise verloren. Arme Kathi! Wie lange ist es schon her, daß sie zum letztenmale auf dem Korridore erscheinen konnte! Nun liegt sie Tag und Nacht hilflos in ihrer einsamen Kammer, aber ihr Lebensmut ist noch immer ungebrochen. Sie lächelt, so oft Marie bei ihr eintritt, und erklärt stets aufs neue, daß es nun endlich anfange, ernstlich besser zu gehen. Der böse Husten stelle sich immer seltener ein, und wenn sie nur die Kraft besäße das Bett zu verlassen, so liefe sie schon längst wieder munter umher . . . Diese Kraft will sich aber durchaus nicht einstellen. Das ist es allein, worüber sie klagt.

Marie sieht auch jetzt wieder bei ihr nach, kommt jedoch bald zurück und horcht aufs neue an der Treppe. Kathi schlummert ein wenig, freilich recht unruhig und ihr bleiches Gesicht sieht heute noch verfallener aus als sonst. Das junge Mädchen blickt trübe sinnend vor sich hin. Dann schrickt sie wieder auf. Wo nur der Vater bleibt! Was mag ihm begegnet sein? – – –

Daß der Polier heute noch nicht heimgekehrt ist, hat seinen besonderen Grund. Nach Schluß der Arbeitszeit hat er wie täglich als Letzter den Bauplatz verlassen und sich zum allabendlichen Rapporte in die Wohnung des Baumeisters begeben, den er in besonders fröhlicher Laune antraf. Herr Wiesinger benimmt sich ihm gegenüber seit einiger Zeit ein wenig seltsam; höchst freundlich zwar, ja sogar überraschend freigebig, – besserte er ihm doch erst jüngst ohne besondere Veranlassung aus freien Stücken den Lohn um ein Bedeutendes 376 auf! – allein Vater Schober kann sich des Eindruckes nicht erwehren, als suche der Baumeister ihm auszuweichen und vermeide es geradezu, mit ihm allein zusammen zu treffen.

»Es wird ihn halt doch das Gewissen drücken, daß er mir früher so schweres Unrecht gethan hat!« denkt der Alte und geht in aller Höflichkeit auch seinerseits dem Herrn aus dem Wege. Heute jedoch scheint Herr Wiesinger den alten Zwist ganz vergessen zu haben. Er sieht dem Polier zwar wieder nicht ein einzigesmal ins Gesicht, aber er spricht ihm doch seine Anerkennung über den raschen Fortschritt des Baues aus und erteilt ihm dann im vertrauensvollen Tone einige Aufträge für die nächste Zukunft.

»Ich muß verreisen und werde vielleicht längere Zeit ausbleiben!« sagt er stockend. – – »Geschäfte! Ja, – – wichtige Geschäfte. Halten Sie Ihre Sache hier in Ordnung, – Sie sollen nicht zu kurz kommen, ich will etwas für Sie thun. Sie haben ja – – noch eine Tochter zu Hause, nicht wahr?«

Schober sieht erstaunt auf.

Wie kommt der Baumeister plötzlich darauf? Und dann: »Noch eine Tochter!« Gewiß, die andere ist ja tot, – zum mindesten für ihren Vater.

»Also, es ist gut!« winkt nun Herr Wiesinger. »Gute Nacht, Herr Schober, – ich verlasse mich auf Sie! . . . Gute Nacht!«

Auf dem Heimwege will dieses: »Noch eine Tochter!« dem alten Polier nicht aus dem Kopfe. Was wollte der Baumeister damit sagen? Noch eine – – –

Nichts da, – verloren ist verloren! Vater Schober will an die Verworfene nicht mehr denken. Marie ist ihm ja geblieben, das liebe, treue, kluge Kind, das ihm eine ganze Familie ersetzt.

Er beschleunigt seine Schritte und erreicht endlich den 377 Haupthof des Freihauses, welcher ruhig im Abenddunkel vor ihm liegt. Dort winkt die rotverhängte Wirtshausthüre, der er noch immer in einem weiten Bogen auszuweichen pflegt, wobei er doch unwillkürlich hinüberschielt und etwas von der Schande murmelt, die diese Kneipe für den ganzen Hof bilde. Auch heute giebt er seiner Entrüstung Ausdruck.

»Wie sie wieder schrein!« brummt er verächtlich. »Es geht doch nur rechtes G'sindl da hinein!«

Da tritt aus dem Dunkel ein Mann auf ihn zu. Das Herabhängen der linken Schulter und das Nachschleppen des eingebogenen rechten Beines erinnert Vater Schober an seinen einstigen Verführer Kumpf. Aber der kann es nicht sein, denkt er, der »sitzt« ja fest! Dennoch ist er es, der Polier erkennt seine Stimme, die ihm schon vom weiten zukrächzt.

»Schau, der Schober! Servus, alter Freund!«

Der Angerufene thut, als höre er nicht, und geht rasch weiter. Doch hilft ihm das nicht viel. Kumpf ruft ihm spöttisch nach:

»Entschuldigen schon, Euer Gnaden Herr Polier! Ein armer Handwerksmann thät' schön bitten!« Dann lacht er laut auf und beeilt sich den alten Mann einzuholen. Vater Schober muß ihn wohl oder übel an sich herankommen lassen, will er das Aufsehen vermeiden, welches das laute Rufen des Schlossers unvermeidlich herbeiführen würde.

»Hast mich denn nicht g'hört, alter Freund?« fragt Kumpf, da er den Alten endlich keuchend erreicht hat. Nun will er vertraulich dessen Arm nehmen. Aber der Polier fährt bei seiner Berührung zurück.

»Geh Deiner Weg'!« sagt er heftig. »Und sei froh, wenn ich nicht ganz anders mit Dir red', Du Verleumder, . . . Du Lump . . . Du . . . Galgenstrick . . .!«

Er will gar nicht weiter sprechen, sondern wendet sich ab, 378 von Zorn und Ekel übermannt. Der Schlosser hat ihn ruhig angehört und nur die rot umsäumten Augen ein wenig zusammengekniffen. Jetzt richtet er sich auf und schüttelt sich wie ein begossener Pudel.

»Brr!« ruft er mit erzwungenem Lachen. »Man hört's, daß Du wieder unter ordentliche Leut' kommst, – Du schimpfst nicht schlecht!« Und rasch den Ton wechselnd, fährt er lauernd fort: »Also Du hast jetzt den Tugendkrampf? Das ist ja recht schön von Dir! Es ist nur ein Glück, daß ihn Deine Lori nicht auch hat, sonst könnt'st heut' vielleicht doch nicht so stolz thun, Du . . . g'spaßiger Ehrenmann, Du!«

Die Erwähnung Loris und der angedeutete Verdacht, als habe er Teil an der Schuld seiner Tochter, verfehlen ihre Wirkung auf Vater Schober nicht. Er bleibt stehen und fragt zornig:

»Was soll das heißen? Red deutlicher!«

Kumpf lacht höhnisch.

»Geh, thu doch nicht so, als ob Du von nichts wüßtest!«

»Ich versteh' kein Wort!« unterbricht ihn der Polier heftig. »Red oder ich geh'!«

»O, das ist eine ganze G'schicht, . . . und wenn Du wirklich nichts weißt, dann wird's Dich schon interessieren! Komm einen Sprung ins Wirtshaus auf eine kleine Stärkung, dort erzähl' ich Dir alles!«

»Ins Wirtshaus geh' ich nicht!« erklärt Vater Schober bestimmt.

»Und ich erzähl' nichts hier im Hof, wo's ein jeder hören kann!« meint der andere.

Der Polier blickt eine Weile zögernd vor sich hin, dann erhellen sich plötzlich seine umdüsterten Züge:

»Du bist doch eigentlich ein recht armer Teufel!« sagt er milder als bisher. »Komm mit und schau Dich einmal 379 um, wie's bei einem Menschen ausschaut, der das hat, was Dir fehlt: Ein reines Gewissen!«

Er geht voran und Kumpf folgt ihm mit verblüffter Miene. Was soll das nun wieder heißen? Wohin will ihn der Alte führen? Vor dem Stiegeneingange bleibt der Schlosser kopfschüttelnd stehen.

»Wohin gehen wir?« fragt er zögernd. »Doch nicht – zu Dir?«

»O ja – just zu mir!

»Und was soll ich da droben?«

»Mir die G'schicht erzählen!«

»Nein, – hinauf geh ich nicht!«

»Fürcht'st Dich vielleicht?«

»Fürchten? Wüßt' nicht vor wem! Aber –«

»So komm oder behalt Deine G'schicht. Es ist vielleicht ohnehin besser, ich hör' sie nicht!«

Nach kurzer Überlegung entschließt sich Kumpf, den Alten zu begleiten.

»Wenn er's selber so will!« murmelt er, die Treppe ersteigend.

Marie kommt eben wieder vom Bette der schlummernden Kranken, deren Aussehen sie heute von Stunde zu Stunde mehr beunruhigt. Erschrocken bleibt sie auf der Schwelle stehen, da sie im Wohnzimmer den Besuch erblickt, den der Vater mitgebracht hat. Aber auch Kumpf scheint sich nicht eben wohl zu fühlen. Die freche Sicherheit, die er bisher zur Schau trug, hat ihn schon beim Eintritte in die Stube verlassen. Für die kleinen Veränderungen, welche Mariens ordnende Hand hier vornahm, hat just er, der kein Heim besitzt, ein merkwürdig scharfes Auge. Die Lampe auf dem reinlich gedeckten Tische, der zurechtgerückte Lehnstuhl, der Hausrock, die bequemen Schuhe und die Pfeife, die da in 380 Bereitschaft stehen, alle die kleinen Zeichen einer liebevoll waltenden Frauenhand geben dem engen Gemache einen Anstrich behaglicher Traulichkeit, der ihn, er weiß selbst nicht weshalb, beengt und beunruhigt.

»Gehn wir doch lieber ins Wirtshaus!« sagt er verdrießlich. Aber dazu ist der Polier gar nicht zu bewegen. Sobald Marie den ersten Schreck, den ihr Kumpfs Gegenwart verursacht, überwunden hat, tritt sie leise grüßend ein, hilft dem Vater wie sonst in Rock und Schuhe, reicht ihm die Pfeife und fragt, ob er das Nachtessen wünsche.

Der Polier macht es sich im breiten Sorgenstuhle bequem und bejaht ihre Frage.

»Kannst auch einen zweiten Teller bringen, der Herr Kumpf ißt vielleicht mit!« ruft er ihr nach, da sie in die Küche eilen will.

Sie blickt den Vater zweifelnd an, aber dieser lacht nur und nickt mit einem so wunderlichen Augenzwinkern, daß sie noch ratloser als früher seinen Befehl vollführt. Soll der häßliche Mensch, der ihr stets als die Verkörperung alles Bösen erschien, am Ende noch einmal seinen unseligen Einfluß gewinnen? Nein, das darf nicht geschehen. Sie wird die beiden nicht allein lassen, und ist Kumpf erst fort, dann muß ihr der Vater einen Schwur leisten, nie mehr mit ihm sprechen zu wollen. Aber kann sie so lange hier verweilen, während drüben die kranke, vielleicht gar sterbende Freundin hilflos allein liegt und so dringend ihrer bedarf? Mit zitternder Hand richtet sie das Nachtessen zurecht und trägt es in die Stube.

»Der armen Kathi geht es heut' recht schlecht!« flüstert sie dem Vater zu. »Sie ist ganz allein, und ich möcht' gern zu ihr hinüber gehn, aber –« Ein bezeichnender Blick streift den Schlosser, der in gebückter Haltung am Tische sitzt und verlegen seine Mütze dreht.

381 Der Polier reicht ihr die Hand.

»Geh Du nur ruhig zu ihr!« sagt er laut. »Ich hab' mit dem Kumpf ohnedies ein Wort allein zu reden!«

Seine Stimme klingt so fest und seine Augen begegnen so treuherzig den ihren, daß sie ein wenig beruhigter die Stube verläßt und zur alten Tänzerin eilt.

Vater Schober langt in die Schüssel und fragt den Schlosser, ob er nicht auch zugreifen wolle?

»Die Marie versteht's!« meint er schmatzend. »Sie kocht nicht schlecht!«

Aber Kumpf dankt; er ist nicht hungerig.

»Es ist so heiß hier bei Dir!« sagt er aufstehend. »Rein zum verschmachten. Hast nichts zu trinken im Haus?«

Schober sieht sich um.

»Richtig!« sagt er mit erheucheltem Erstaunen. »Darauf hat die Marie vergessen! Nichts als Wasser ist da! Aber das ist frisch und gut. Versuch einmal einen Schluck, – Du weißt ohnehin kaum mehr, wie's schmeckt.«

Kumpf lehnt auch dieses Anerbieten ab und der Polier ißt nun ruhig weiter. Sobald er zu Ende ist, schiebt er den Teller zurück, trocknet säuberlich Lippen und Bart, lehnt sich in den Stuhl zurück und zündet die Pfeife an.

»So!« sagt er, behaglich vor sich hinpaffend.

Der Schlosser, der indessen unruhig im Zimmer auf und ab gegangen ist und den Alten mit wachsender Feindseligkeit beobachtet hat, tritt nun an den Tisch und will ersichtlich mit seiner Geschichte beginnen. Ein boshaftes Lächeln umspielt seine dünnen eingekniffenen Lippen, und seine Augen, die dem ruhigen Blicke Schobers nicht stand zu halten vermögen, gleiten rastlos durch die Stube.

»Also,« hebt er tief Atem schöpfend an, »Du weißt wirklich nichts von –?«

382 »Wart einen Augenblick!« unterbricht ihn der Polier. »Zuerst hör mich an!« Er steht auf, legt die Pfeife weg und stellt sich hochaufgerichtet vor Kumpf hin. »Ich weiß nicht, was Du mir da erzählen willst,« beginnt er ernst, »aber daß es nichts Gutes ist kann ich mir denken. Übrigens sieht man Dir's auf den ersten Blick an; wie heimtückisch Du Dich schon auf das Unglück freust, das Du jetzt anstiften kannst. Schau nicht weg, schau mir in die Augen! Hab' ich nicht recht?«

Der Schlosser findet keine Antwort. Der ruhige, fast feierliche Ton, in welchem Schober zu ihm spricht, verwirrt ihn.

»Laß die Dummheiten!« murrt er. »Entweder ich erzähl' die G'schicht' oder ich geh' wieder!«

Aber der Polier läßt sich nicht beirren. Nur einen Augenblick weidet er sich an dem Unbehagen Kumpfs, dann fährt er noch eindringlicher und wärmer fort:

»Sag mir nur, was Du eigentlich davon hast und was Du von mir willst, daß Du mir wie die leibhafte Versuchung allerweil nachrennst! Kann's Dich denn glücklich machen, wenn ich unglücklich werd'? Schlafst Du besser, wenn ich vor Kummer und Betrübnis die ganze Nacht kein Aug' zumachen kann?« Wieder schweigt er und wieder wandert Kumpfs Blick unstät durch die Stube. Der Polier greift nach seiner Pfeife, thut ein paar tiefe Züge und schließt endlich ruhig: »Schau Dich ein bißl um in dem Zimmer da. Es ist recht gemütlich, gelt? Und jetzt schau mich an, wie froh und zufrieden ich bin in dem stillen Winkel! Und wenn Du jetzt noch das Herz hast, einen Menschen, dem's nach so viel Jammer und Unglück endlich wieder einmal gut geschieht, mit einer gewiß halb oder ganz erlogenen G'schicht' um eine Ruh' zu bringen, – dann erzähl, ich halt Dich jetzt nimmer auf!«

Damit läßt er sich in den Lehnstuhl zurücksinken und 383 wartet. Eine Weile wird es ganz still im Zimmer, nur die Stockuhr auf der Kommode tickt ruhig weiter. Plötzlich zuckt der Schlosser die Achsel, räuspert sich laut und sagt mit verdeckter Stimme:

»Also hör zu!«

Der Polier nickt schmerzlich und schließt die Augen. Kumpf will beginnen, im selben Augenblicke öffnet sich jedoch die Thüre und Marie tritt ruhig ein.

»Die arme Kathi schlaft jetzt, – mir scheint, ihr ist doch wieder ein bißl leichter!« sagt sie nähertretend. Dann wirft sie verstohlen einen ängstlichen Blick auf den Schlosser, zieht einen Stuhl an den Tisch heran, holt ihre Arbeit vom Fenster und beginnt fleißig darauf loszusticheln, scheinbar ohne sich um die beiden Männer zu bekümmern.

Ihre Anwesenheit beunruhigt Kumpf ganz merklich. Er versucht wiederholt zu sprechen, schüttelt aber immer wieder den Kopf und schweigt. Seine Blicke haften, wie von einer magischen Gewalt angezogen, an dem blassen Gesichte des jungen Mädchens, das sich still über die Arbeit beugt. Das helle Licht der Lampe, durch den breiten, tiefgezogenen Schirm verstärkt, wirft einen milden Glanz auf dies ernste Antlitz, auf die sanft geschwungene Linie des Nackens, auf das sauber gescheitelte und an den Schläfen sorgfältig zurückgestrichene Haar, das rückwärts zu einem einfachen Knoten verschlungen ist.

Lange starrt der Schlosser auf diesen kleinen, eigentlich kaum schön zu nennenden Mädchenkopf. Endlich zwinkert er mit den Augen, als ob sie ihn schmerzten, und in seinen Zügen geht eine allmähliche Bewegung vor sich. Das Lächeln um den verkniffenen Mund schwindet, die Lippen öffnen sich und der Kopf sinkt tief auf die Brust herab. Da schlägt Marie die gesenkten Lider langsam auf und sieht ihn wieder mit ihrem ernsten, fragenden Blicke an.

384 »So red, ich hör' Dich an!« mahnt gleichzeitig der Vater.

Kumpf zuckt zusammen und fährt sich an den Hals.

»Ich . . . ich kann nicht!« gurgelt er mit Anstrengung. »Ein anderesmal, . . . nein, nie! . . . Ich erzähl' nichts, . . . ich will nicht, . . . ich erstick' noch hier in dem Zimmer!«

Damit packt er seine Mütze, als wollte er sie mit eisernem Griffe zerreiben, und stürzt, ohne Schober oder Marie nochmals anzublicken, aus der Stube, die Thüre hinter sich schallend ins Schloß werfend.

Die Zurückbleibenden sehen einander an. Marie läßt die Arbeit sinken.

»Ich weiß nicht, was er Ihnen hat erzählen wollen!« sagt sie ruhig. »Aber ich glaub', es ist ein Glück, daß er 's nicht gethan hat!«

Vater Schober nickt, saugt eifrig an seiner Pfeife und blickt den aufsteigenden Rauchwolken nach. So sitzen beide eine Weile schweigend. Da pocht es schüchtern an die Thüre, und auf Schobers lautes »Herein!« erscheint unter verlegenen Bücklingen Herr Riedl auf der Schwelle.

Vater Schober, dem die Störung eben jetzt willkommen scheint, erhebt sich und geht dem Eintretenden mit würdevoller, aber zuvorkommendster Höflichkeit entgegen.

»Schau, der Herr Riedl!« sagt er freundlich. »Das ist aber ein seltener Besuch!«

Der Konzertmeister nähert sich nur langsam und seine linkischen Verbeugungen immerzu wiederholend. Dabei murmelt er eine Bitte um Entschuldigung nach der andern, hofft »nicht zu stören« und »würde mit Vergnügen ein anderesmal wiederkommen,« wie er eifrigst erklärt, obgleich ihn der Polier mit der bestimmten Versicherung zu beruhigen sucht, daß er keineswegs ungelegen käme und in nichts unterbreche. Aber nicht Herr Riedl allein ist so befangen, auch Marie hat bei seinem Eintritte die Farbe gewechselt.

385 Endlich sitzt Riedl auf einem Stuhle dem Polier gegenüber. Eine tiefe Pause tritt ein; Vater Schober erwartet der junge Mann werde sprechen, der Geiger wagt aber kaum zu atmen, viel weniger seine wohl einstudierte, seit zwei Stunden während des unablässigen Auf- und Niederwandelns vor einem Seitenthore des Freihauses wohl hundertmal wiederholte Rede zu beginnen.

Plötzlich springt Marie auf.

»Ich glaub', die Supp'n für Fräulein Kathi wird kalt!« sagt sie hastig. »Ich muß doch ein bißl nachschaun!«

Und fort ist sie aus der Stube. Da sie nach einer geraumen Weile wieder eintritt, stehen die beiden Männer im ernsten Gespräche vor dem Tische, der Vater ruhig und mit freundlich geneigtem Haupte zuhörend, Riedl dagegen bleich und erregt sprechend. Jetzt stockt er und fährt ein wenig zusammen.

»Oh, Fräulein Marie!« stottert er. »Es ist . . . ich hab' . . .«

Vater Schober wendet sich lächelnd der Tochter zu.

»Komm nur her, Du Heimliche!« sagt er mit gutmütigem Drohen. »Weißt Du, was der Herr da von mir will?«

Marie senkt den Kopf, ihre Wangen überfliegt ein liebliches Rot. Der Konzertmeister ist unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten, seine Blicke hängen angsterfüllt an den Lippen des Mädchens. Gewahren sie das Lächeln, das diese leise, ganz leise zu umspielen beginnt?

»Du willst also richtig Deinen alten Vater verlassen?« fährt der Polier scherzend fort, indes doch ein wehmütiger Ton seine Stimme durchzittert.

Da schüttelt Marie den Kopf. »Ich sollt' Sie verlassen, Herr Vater?« erwidert sie innig. »Nein, das könnt' ja gar nicht sein!«

386 Der Geiger muß sich an dem Tische festklammern, seine Kniee zittern so sehr. Der Alte weist auf ihn.

»Aber der Herr Riedl – –?« fragt er launig.

Wieder umspielt das feine Lächeln Mariens Lippen.

»Der Herr Riedl kann . . ., wir können ja alle beisammen bleiben!« meint sie leise, ohne aufzublicken.

Der Vater lacht laut auf.

»Ja so! Oh, was so ein Frauenzimmer g'scheit ist! Na, – Herr Riedl, wie g'fallt Ihnen der Ausweg? Wollen Sie so einen alten Murrschädl, wie ich bin, als Draufgab' annehmen? Aber so geben S' doch eine Antwort. Mein Gott, es hat ihm die Red' verschlagen!«

Riedl vermag in der That kein Wort zu sprechen. Er wird abwechselnd blaß und rot, schluckt wiederholt heftig und holt dann tief Atem. Der Polier geht auf ihn zu und giebt ihm einen gutgemeinten Schlag auf die Achsel, der ihn einige Schritte vorwärts treibt, Marien entgegen. Diese aber wirft sich dem Vater in die Arme, ihr erglühendes Gesicht in beiden Händen verbergend. Der Alte faßt sie zart am Kinn, hebt ihr Köpfchen empor und küßt sie auf den Mund.

»Unser Herrgott schenk' Dir sein' Segen!« sagt er feierlich. »Du verdienst ihn, meiner Seel'!«

Dann löst er sachte ihre Arme von seiner Schulter, zwinkert dem Geiger heimlich zu und tritt ans Fenster, wo er die Meise im Bauer neckt. Nach einer Weile blickt er zurück und nickt zufrieden. Riedl hat doch endlich den Mut gefunden sich Marien zu nähern. Nun küßt er sie sogar. Die Braut sieht auf und gewahrt den Blick des Vaters.

»Jetzt wird die Supp'n für Fräulein Kathi wohl schon fertig sein!« meint sie hastig und huscht aufs neue hinaus. In der Küche steht sie einen Augenblick mit hochgeröteten Wangen still und drückt die Hände auf ihr stürmisch pochendes 387 Herz. Dann nimmt sie die Suppenschale vom Herde, reinigt sie sorglich mit einem Tuche und trägt sie zur kranken Freundin hinüber.

Die alte Tänzerin liegt in der kleinen Kammer neben der Küche, die sie stets bewohnte, da ja die beiden größeren Zimmer ihrer Wohnung vermietet sind. Sie hat den engen Raum mit den letzten zerbrechlichen Resten ihrer einst glänzenden Einrichtung gar sorglich ausgeschmückt. Wunderliche veraltete Nippes stehen sauber geordnet auf einer wackligen Etagere, deren fehlende Füße durch zurechtgeschnittene Korkstoppel ersetzt sind. Ein Stahlstich an der Wand soll nach der Unterschrift Fanny Elsler darstellen, gegenüber hängt die verblaßte Photographie eines schönen, dunkeläugigen Mädchens im steifen Reifrocke und mit symetrisch vorgelegten Schmachtlocken: Fräulein Kathi in ihren Jugendtagen. Auch sonst hängen und liegen noch allerlei Schätze aus jener Blütezeit umher. Verblichene Bänder und Schärpen, verdorrte Kränze und Blumen, eine Welt des Staubes, die bei der nächsten unsanften Berührung zerstieben muß. Dazwischen die armseligen, kaum den unumgänglichsten Bedürfnissen entsprechenden Möbel. Zwei wacklige Holzstühle, ein niederer weißgescheuerter Tisch und das dürftige, von Marie erst ein wenig reicher mit Kissen und Matratzen versehene Bett, in welchem die Kranke ruht. Wie abgemagert die arme Dulderin ist! Die dünne, schier durchsichtige Haut ist zu weit geworden für den fast muskellosen Körper, die Wangen sind eingefallen, die Augen ruhen tief in ihren Höhlen. Und doch liegt ein süßer Frieden auf dem sanft geröteten Antlitze, die blutlosen Lippen lächeln, und der feuchtschimmernde Blick wendet sich fröhlich dem leise näher kommenden Mädchen zu.

»Schon ausg'schlafen?« fragt Marie, sich zärtlich über die Freundin beugend. »Nun, und wie geht's jetzt?«

388 »Besser, o viel besser!« haucht Fräulein Kathi mit kaum vernehmlicher Stimme. »Das Stechen in der Brust hat ganz aufg'hört! Mir war seit langer Zeit nicht so wohl. Jetzt wird's g'schwind gehn mit dem G'sundwerden!«

»Gewiß!« nickt Marie zustimmend, wendet sich aber ab, als suche sie etwas in der Kammer.

Dann reicht sie der Kranken die mitgebrachte Suppe, von welcher sie ihr sorglich ein paar Löffel einflößt.

»Wie gut Sie sind!« flüstert die Tänzerin. »Sie allein haben mich nicht verlassen. Jetzt werd' ich Ihnen aber, Gott sei Dank, nicht mehr lang zur Last fallen! Hoffentlich kann ich's Ihnen bald vergelten und wieder bei Ihnen sitzen, wenn Sie allein arbeiten. Ich freu' mich schon sehr darauf! Und wenn das Wetter noch eine Weile so schön anhält, dann gehn wir zusammen auf einen ganzen Tag in den Prater hinunter, – Sie, der Vater und ich! Ja? Oh das wird lustig werden!«

»Sehr lustig!« wiederholt Marie mit gepreßter Stimme.

Fräulein Kathi versucht ihre Lage ein wenig zu verändern, vermag es aber nicht. Marie hebt sie wie ein Kind in die Höhe und legt sie bequemer nach ihrem Wunsche.

»Danke, danke!« flüstert die Kranke. »Ein bißl schwach bin ich halt noch immer, aber das wird sich g'schwind geben, nicht wahr? . . . So . . . und jetzt gehn S' wieder hinüber, Ihr Herr Vater ist ja allein!«

»O nein, Fräulein Kathi, ich bleib' bei Ihnen!« nickt Marie. »Der Vater ist auch nicht allein!«

»Wer ist denn bei ihm?« fragt die Tänzerin.

Marie nestelt an ihrem Kleide.

»Der . . . Herr Riedl!« antwortet sie und errötet dabei über und über.

Fräulein Kathi blickt sie lächelnd an.

»Der Herr Riedl!« wiederholt sie. »So, so! – den 389 möcht' ich wohl auch wieder einmal sehn, er ist ein so lieber, herzensguter Mensch, – nicht wahr?«

Marie thut, als habe sie das Lächeln und die letzte Bemerkung nicht gehört.

»Soll ich ihn herüber holen?« fragt sie eifrig.

Fräulein Kathi nickt mit Anstrengung. Marie beeilt sich, den Wunsch der Kranken zu erfüllen, und kehrt bald mit Riedl in die Krankenstube zurück.

Der junge Geiger bedarf seiner ganzen Selbstbeherrschung, um der Bewegung Herr zu werden, die ihn bei dem Anblicke des bleichen, abgezehrten Gesichtchens seiner alten Freundin ergreift. Trotz seiner Bemühung recht unbefangen zu erscheinen, bemerkt Fräulein Kathi doch sein Erschrecken.

»Ich schau' nicht zum besten aus, – wie?« lächelt sie unbekümmert. »Aber das macht sich schon wieder. Wenn ich nur erst aufstehen kann, geht's dann g'schwind mit der Erholung!«

Das Sprechen verursacht ihr keinen Schmerz, aber sie vermag die Worte doch nur langsam und im leisesten Flüstertone über die Lippen zu hauchen. Unruhig bewegt sie den Kopf und schließt die Augen. Nach einer Weile sieht sie wieder auf und begegnet den Blicken Mariens und Riedls, die in schmerzvoller Teilnahme auf ihr ruhen.

»Ganz gut, . . . es geht ganz gut!« meint sie abwehrend, . . . »nur ein bißl schwach!«

Marie beeilt sich, ihr die Kissen zurecht zu rücken, und ordnet dann auch noch die Haare der Kranken, die unter dem zurückgesunkenen Häubchen hervorquellen. Zwei widerspenstige Locken fallen über den Nacken vor. So gleicht Fräulein Kathi sogar wieder dem verblaßten Bilde an der Wand. Das junge Mädchen sagt ihr das, und die Tänzerin nickt glückstrahlend. Aber ihr Blick irrt ins Leere, ein seltsamer Glanz leuchtet 390 aus ihren weit geöffneten Augen. Sie scheint ihre Umgebung vergessen zu haben.

»O ja . . . das war eine schöne Zeit!« phantasiert sie mit lallender Zunge. »Aber sie kann ja auch wiederkommen, nicht wahr? Den ›Spitz‹ kann ich gewiß noch machen, – – ich spür' so eine Leichtigkeit in den Füßen, als ob ich fliegen könnt'! . . . Oh, die schöne Musik! . . . Das ist der pas tyrolien, mit dem ich so viel Glück gemacht hab'! . . . Eins . . . zwei! . . . Eins, zwei! . . . Da steht er hinter der dritten Coulisse, der alte Quirini, der Balletmeister, . . . und schlägt in die Hände! Und da ist die Marangoni und der Cartolezzi, und alle sind schon fertig, – sie warten nur auf mich. Grüß' Euch Gott! . . . Grüß' Euch Gott, wir haben uns lang nicht g'sehn, gelt? . . . Wie die dumme Wanda giftig dasteht und mich angafft! Sie ärgert sich, daß ich wieder da bin . . . O ja, und schön bin ich auch wieder! . . . Gift Dich nur, neidisches Ding! Aufpassen, jetzt fangt's an! – – Nein, das ist ja gar nicht der pas, . . . das ist der Walzer . . . ›Du schöner Mai . . . vorbei . . . vorbei . . .!‹«

Sie zuckt unruhig und bewegt wie bittend die mageren Hände.

– – »Marie . . . sind Sie da? . . . Herr . . . Herr Riedl . . . machen Sie sie recht, recht glücklich! . . . Sie ist so gut . . . und so brav! Ich war nicht so brav, – o nein! Aber wenn ich jetzt wieder jung werd' . . . will ich's g'wiß auch sein. . . . Wieder jung! . . . Du schöner Mai . . !«

Noch einmal flüstert sie mit verklingender Stimme:

»Vorbei . . . vorbei!« dann hebt sich ihr Körper leicht empor, sie wendet sich ein wenig zur Seite und schließt die Augen.

391 »Schläft sie?« fragt Riedl leise.

Marie nickt. Die jungen Brautleute wagen nicht, sich zu entfernen, um die Schlummernde nicht zu wecken. Unvermerkt finden sich ihre Hände und so stehen sie lange schweigend vor dem Bette der alten Freundin, auf deren Lippen ein sanftes, schier überirdisch frohes Lächeln ruht, als summten sie noch einen letzten verklingenden Takt ihres sehnsuchtsvollen Lieblingswalzers:

Du schöner Mai,
Vorbei – vorbei! . . .

 


 

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