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Wiener Kinder

Carl Karlweis: Wiener Kinder - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleWiener Kinder
authorCarl Karlweis
year1887
firstpub1887
publisherAdolf Bonz & Comp.
addressStuttgart
titleWiener Kinder
pages408
created20150211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

In der neuen Wohnung.

Mit Tini, der kleinen, rothaarigen Freundin Loris, ist seit mehreren Wochen eine merkliche Veränderung vorgegangen. Sie arbeitet nicht mehr so unausgesetzt wie früher, sondern verläßt seit Loris Verschwinden zur Mittagszeit häufig ihre Wohnung, um erst nach einigen Stunden wieder heimzukommen. Dann aber erhellt stets ein glückliches Lächeln ihr hageres Gesichtchen, und aus den entzündeten Augen leuchtet es wie geheimer Stolz, wie neu erwachte und sich recht übermütig geberdende Lebensfreude, – ja Frau Sobotkas scharfer Kennerblick will einmal sogar ein leichtes Schwanken an dem tänzelnden Gange der ältlichen Näherin entdeckt haben.

Den Frauen und Mägden am Brunnen giebt diese überraschende Veränderung Stoff zu den verschiedenartigsten Kombinationen, welche jedoch über den Kreis unsicherer Vermutungen lange nicht hinauskommen, denn selbst die sorgsamsten Nachforschungen bleiben fürs erste erfolglos. So gerne Tini sonst plaudert, über ihre geheimnisvollen Mittagsausflüge beobachtet sie ein hartnäckiges Schweigen oder hilft sich mit Ausflüchten aus der Klemme.

»Ich hab' eine Tant' in der Stadt!« antwortet sie ruhig 259 auf alle Fragen, begleitet diesen ablehnenden Bescheid aber mit einem nur halb unterdrückten Kichern, das die Neugierde der Frauen bis zur Unerträglichkeit steigert. So muß man doch wieder zu den Vermutungen greifen.

»Sie wird doch nicht ein Verhältnis angefangen haben?« fragt Frau Jerschabek nachdenklich die bei ihr »auf eine kleine Jause« versammelten Nachbarinnen.

Frau Hutterer hält diese Annahme für gänzlich unbegründet.

»Jetzt, auf ihre alten Tag'!« meint sie kopfschüttelnd und läßt die Stricknadeln klappernd kreisen.

»Na, man kann doch nicht wissen! Alter schützt vor Thorheit nicht!« fällt Fräulein Josefine, Frau Jerschabeks älteste Tochter, pipsend ein. Ihre beiden Schwestern, lang, dürr und spitznasig wie sie, sitzen aufrecht neben einander und nicken steif, aber sehr entschieden. Frau Jerschabek betrachtet sie mit mütterlichem Wohlgefallen.

»Die Kinder reden über alles mit!« sagt sie zur Gattin des Kruzifixfabrikanten mit gedämpfter Stimme, aber doch laut genug, daß es die Töchter hören können. »Mein Gott, sie sind halt noch so unschuldig!«

»Und schon so g'scheit!« pflichtet Frau Hutterer bewundernd bei.

Fräulein Mimi, die Putzmacherin, ist eben damit beschäftigt, die vierte Tasse Kaffee zu leeren, die sie nun, den kleinen Finger der rechten Hand gleich einem Wegweiser abspreizend, mit zierlicher Bewegung des kurzen, wohlgeformten Armes sorgsam schwenkt, um den süßen Bodensatz recht behaglich zu schlürfen. Dabei erklärt sie mit einem koketten Schmatzen der aufgeworfenen Lippen, welche ein leichter Bartanflug ziert, daß Fräulein Tini doch nicht eigentlich alt genannt werden könne.

»Sie ist höchstens um sieben oder acht Jahr' älter als 260 ich!« fügt sie verschämt lächelnd hinzu und versucht dann möglichst unbefangen dreinzusehen.

Fräulein Josefine kämpft mit einem Hustenanfalle und ihre Schwestern räuspern sich so laut und heftig, als fürchteten sie plötzlich zu ersticken.

Fräulein Mimi wirft den glucksenden Mädchen einen Blick zu, wie er aus den Augen der homerischen Helden flammen mochte, wenn sie einander zum Kampf ausforderten.

Den wirklichen Ausbruch der unvermeidlich scheinenden Fehde verhindert ein plötzlicher Ausruf des Erstaunens, den Frau Sobotka ausstößt. Diese hat dem »gar so viel guten« Backwerke zu eifrig zugesprochen und sich deshalb ans Fenster zurückziehen müssen, um ein wenig frische Luft zu schöpfen. Dabei bemerkt sie nun die Heldin des allgemeinen Gespräches, Fräulein Tini, welche soeben langsam den Hof kreuzt.

»Ah!« ruft sie überrascht. »Dort kommt sie just heim! Und wie rot sie wieder ist!« Alles springt auf und dringt zum Fenster.

»Wer ist denn die dicke Person, die mit ihr geht?« fragt Fräulein Mimi, welche ein wenig kurzsichtig ist und sich vergeblich auf die Fußspitzen hebt, um zwischen den breiten Rücken der Damen Jerschabek und Hutterer einen freien Ausblick zu gewinnen.

»Das ist die Frau Schober!« belehrt sie die Amtsdienersgattin.

»Die ist auch nicht schlecht rot!« bemerkt Fräulein Josefine. »Und wie sie mit den Händen herumfuchtelt!«

Das muß Fräulein Mimi sehen. Mit einem energischen Ruck verdrängt sie die Haustochter vom Fenster und ruft nun höchlich vergnügt:

»Meiner Seel', – wie sie fuchtelt!«

Während zwischen Fräulein Josefine, die den geraubten 261 Platz zurückgewinnen will, und der kleinen, rundlichen Putzmacherin, welche die durch ihren kühnen Handstreich eroberte Position zu behaupten entschlossen ist, ein stiller, aber ingrimmiger Kampf mit Knieen und Ellbogen ausgefochten wird, giebt Frau Sobotka einigen ernsten und gefühlvollen Bemerkungen über die beklagenswerte Poliersgattin Raum.

»Die arme Frau lebt jetzt schon drei Wochen zwischen dem finstern, brummigen Mann und der boshaften, scheinheiligen Marie recht erbärmlich fort!« schließt sie endlich gerührt. »Mein Gott, wenn ihr die Lori auch durchgangen ist, ihr Herz bleibt halt allweil bei der Lieblingstochter, die ihr überall abgeht. Heimlich hat sie alles mögliche auf'boten, um irgend was von ihrer Lori zu erfahren –«

»Vielleicht kann ihr die Tini 'was sagen!« fällt ihr Anna, Frau Jerschabeks jüngste Tochter, ins Wort und auch Frau Sobotka schließt sich der Vermutung an, daß die kleine Näherin, welche ja schon bei Loris Flucht eine geheimnisvolle Rolle spielte, seither in Verbindung mit der Entlaufenen geblieben sei. Das würde auch die häufige Abwesenheit Tinis mit einem Schlage erklären.

»Natürlich ist's so!« schließt die Amtsdienersgattin triumphierend diese Reihe unwiderlegbarer Schlußfolgerungen. »Wer weiß, wie flott die Lori jetzt lebt, da schaut dann auch leicht ein Glas Wein über den Durst heraus, und darum ist die Tini immer so eigentümlich, wenn sie heimkommt!«

Frau Jerschabek bewundert gerührt die Klugheit ihrer Tochter, deren Vermutung in der That das Richtige berührt, wenn auch nicht ganz erschöpft hat.

Frau Schober hat durch Tini nicht nur die so lang ersehnte Botschaft von Lori endlich erhalten, sie kehrt soeben auch von einer Zusammenkunft mit ihrer Tochter heim und ist von dem Glanze und Reichtum, der sowohl Lori selbst als 262 deren prächtige Wohnung im ersten Stockwerke eines vornehmen Hauses in der Schwindgasse umgiebt, noch völlig berauscht. Dazu kommt der verführerische Reiz des Geheimnisses, das zu bewahren sie sich verpflichten mußte, das ihr aber jetzt schon auf der Zunge brennt und in den Fingerspitzen krabbelt. Nachdem sie sich von Tini getrennt hat, ersteigt sie langsam die zwei Treppen und langt endlich schwer atmend vor ihrer Thüre an. Eben tritt Fräulein Kathi aus ihrer Wohnung. Frau Schober hätte eine andere Nachbarin lieber gesehen, denn eigentlich hat sie zu der alten Tänzerin, welche bei jedem Anlasse unfehlbar für Marie und gegen Lori Partei ergriff, schon lange nicht mehr die alte Freundschaft empfunden. Aber die Lust, das drückende Geheimnis endlich auszuplaudern, ist doch stärker als die Abneigung gegen die Freundin ihrer älteren Tochter. Frau Schober stellt sich der Tänzerin breitspurig in den Weg, stemmt die Arme in die Hüften und erzwingt auf diese Weise ein Gespräch, zu welchem Fräulein Kathi gar nicht geneigt scheint. Allein Frau Schober läßt sich durch die spärlichen Antworten der Nachbarin nicht aus dem Texte bringen, sie plaudert immer eifriger, und ehe Fräulein Kathi sich's versieht, hat sie die große Neuigkeit von dem »unglaublichen Glück« erfahren, das Lori nach der Meinung ihrer verzückt lächelnden Mutter nun endlich erhascht hat.

»Ich hab's ja immer g'sagt!« schließt Frau Schober ihren langen Bericht. »Die Lori, hab' ich g'sagt, ist halt zu einem ganz anderen Leben geboren. Wenn Sie nur sehen könnten, Fräul'n Kathi, wie gut ihr die prachtvollen neuen Sachen stehn, der Sammt und die Spitzen, – und wie sie ausschaut und dahergeht! Rein als ob sie in der Herrlichkeit aufg'wachsen wär' und nie ein armseliges Kattunkleidl g'tragen hätt'!«

Sie wischt sich eine Freudenthräne aus den zwinkernden Augen.

263 »So ein Glück!« schluchzt sie gerührt. »Nein, wirklich, so ein Glück!«

Fräulein Kathi hat sie schweigend angehört. Jetzt schüttelt sie nur leicht den Kopf, – nicht etwa weil sie an dem Wohlstande, welcher sich der Tochter des Poliers so plötzlich erschlossen hat, an und für sich irgend welchen Anstoß nimmt. Die Erinnerung an die eigene Jugendzeit im Balletkorps der Oper, an die Sitten und Gewohnheiten der Kreise, in welchen sie damals lebte, ist noch heute zu lebendig in ihr, als daß sie derartigen Skrupeln hätte Raum geben können. Sie denkt aber an die strenge, ehrbare Schwester Loris, und sofort erscheint ihr alles in einem anderen Lichte. Was ihr für sich selbst und für ihresgleichen als selbstverständlich galt, ist es für Marie und was dieselbe unmittelbar berührt, darum noch keineswegs. Sie hat zu dem ernsten Mädchen stets wie zu einem besseren, reineren Wesen aufgesehen. Das war der Grundpfeiler ihrer innigen Freundschaft für Marie. Und nun ist es ihr, als würde die Reinheit dieses Mädchens durch Loris Betragen befleckt, als greife die Welt ihrer eigenen Jugend mit frevelnder Hand in die bisher unberührten Kreise der jungfräulich-hoheitsvollen Freundin. Das verletzt sie, ohne daß sie sich darüber volle Rechenschaft geben könnte. Ein unbestimmtes Gefühl des Unbehagens drängt ihr sogar eine Warnung auf die Lippen.

Diese ist bei Frau Schober freilich übel angebracht. Die erregte Mutter hält in ihrem glückseligen Schluchzen jählings inne und fährt schnaubend auf:

»Was sagen Sie da? Eine solide Heirat wär' doch besser g'wesen? Mit wem denn? Vielleicht gar mit dem notigen Hungerleider, dem Sturm? Die Lori ist jung und hat ihre Schönheit von unserm lieben Herrgott nicht dazu bekommen, daß sie in einer armseligen Küche verkümmert!«

264 Damit humpelt Frau Schober zornsprühend über den Gang und läßt die alte Tänzerin schmerzlich betroffen stehen. Nach einer Weile seufzt diese schwer auf, zuckt dann die Achseln und setzt ihren Weg langsam und hüstelnd fort. Auf der Treppe kommt ihr der Polier entgegen, der eben von der Arbeit heimkehrt.

»Was der Alte zu dem neuen Glück seiner Lori sagen wird?« denkt die Tänzerin.

In der Stube wird Vater Schober von seiner Gattin mit einer Miene empfangen, welche die große und freudige Neuigkeit zum mindesten andeutet, wenn nicht schon verrät. Anfänglich thut er jedoch, als merke er nichts, legt Hut und Rock ab, geht zum Bauer und sieht nach, ob die Meise mit Futter und Wasser versehen ist, dann schlüpft er in die Hausjacke, welche Marie wortlos bereit hält. Erst nachdem er sich im Lehnstuhle niedergelassen und die Beine bequem ausgestreckt hat, brummt er ein schwer verständliches.

»Na also, was ist?«

Frau Schober hat diesen Augenblick kaum mehr erwarten können. Sie stellt sich knapp vor ihren Eheherrn hin, schluckt ein paarmal heftig, als ob sie die allzurasch vordrängenden Worte zurückdämmen müsse, um sie in einen verständlichen Satz zu pressen, und sagt dann mit freudestrahlender Miene:

»Rat, woher ich komm'?«

Da Vater Schober nicht sofort antwortet, fährt sie gleich selbst fort:

»Von unserer Lori!«

Der Vater hebt schweigend den Kopf und sieht sie durchdringend an. Seine Frau kann diese anscheinende Gleichgültigkeit nicht fassen.

»Aber Schober!« ruft sie entrüstet. »Ich glaub', Du hast gar nicht g'hört was ich Dir g'sagt hab'!«

265 »O ja! Du warst bei . . . bei der Lori!«

Seine Stimme zittert ein wenig, da er diesen Namen ausspricht. Marie, die still am Fenster sitzt, bemerkt das wohl und blickt ängstlich auf. Nicht so die Mutter. Diese vermag die glückliche Botschaft nicht länger zu unterdrücken. Wie der alten Tänzerin, erzählt sie nun auch dem Gatten in einem einzigen schier endlosen Satze von ihrer Begegnung mit der Tochter, von dem Glanze, der diese umgiebt, von dem prächtigen Leben, das sie führt, von der herrlichen Wohnung, den prunkvollen Kleidern, dem unnummerierten Fiaker; und das alles ohne rechten Zusammenhang, bunt durcheinander gewürfelt, wie es in ihrer, von den tausend neuen und glänzenden Eindrücken völlig verwirrten Erinnerung Stück um Stück erwacht; die Kleider und Hüte zuerst, dann die Möbel, die Zimmer, das Dienstmädchen, der Wagen und zuletzt Lori selbst, ihr blühendes Aussehen und ihr Behagen an der glänzenden Umgebung.

»Ich soll sie besuchen, hat sie g'sagt, so oft ich will!« fügt sie mit unbefangenem Entzücken weiter plaudernd hinzu. »Denn sie ist gar nicht stolz, wenn's ihr jetzt auch so gut geht!«

Hier hält die erhitzte Erzählerin endlich inne und blickt, nach Luft schnappend, um sich.

Vater Schober hat sich langsam erhoben. In seinen verwitterten Zügen arbeitet es mächtig. Er stützt die geballte Faust auf den Tisch und fragt mit mühsam erzwungener Ruhe:

»Und . . . und mich hat sie nicht eing'laden?«

»O, das schon!« erwidert seine Frau gedehnt, denn der Ton der Frage beunruhigt sie doch ein wenig. »Wenn Du wirklich zu ihr gehen willst, wird sie gewiß eine große Freud' haben!« setzt sie dann zögernd hinzu, zuckt aber im selben Augenblicke erschreckt vor dem Blicke zurück, den ihr Gatte auf sie heftet. »Jesus Maria! . . . Florian, wie schaust mich denn an?«

266 Marie ist gleichzeitig aufgesprungen und hat den Stickrahmen zurückgestoßen.

»Vater, . . . ich glaub' . . . es kommt wer!« ruft sie laut.

Eine sekundenlange Stille tritt ein, während welcher die beiden Gatten mit vorgeneigtem Kopfe nach der Thüre horchen. Draußen rührt sich nichts. Der Vater beißt sich in die Lippen und sagt dann, ohne die Tochter anzublicken:

»Geh Du hinaus!«

Marie nimmt umständlich ihr Arbeitszeug auf und verläßt zögernd die Stube. Was sie erreichen wollte, hat sie ja doch erreicht, der erste Zornesausbruch des Vaters ist verraucht und dem Schlimmsten somit vorgebeugt. Der alte Polier bleibt, nachdem Marie die Thüre hinter sich leise ins Schloß gezogen hat, schweigend vor seiner Gattin stehn.

»Führ mich zu . . . ihr!« stößt er endlich zwischen den geschlossenen Zähnen hervor. Damit tappt er in der Ecke neben der Kommode nach einem Knüttel, der dort lehnt.

Die Mutter, die seiner Bewegung mit wachsender Angst folgte, fragt jetzt bange:

»Aber, – was soll denn der schwere Stock?«

Er wirft ihn zurück.

»Du hast recht!« sagt er heiser. »Die Händ' da thun's auch!«

Jetzt erst wird es seiner Frau klar, was er bei Lori will. Sie bricht aber weder in Thränen und Klagen aus, wie es sonst ihre Art war, noch sucht sie ihren Gatten zurückzuhalten. Nur ein flüchtiger, feindseliger Blick zuckt aus ihren Augen, dann sagt sie anscheinend ergeben:

»Mir ist's ja recht, ich geh schon mit Dir! Wart nur einen Augenblick, ich hab' mein Umhängtuch bei der Sobotka liegen lassen. Gleich hol' ich's!« Damit schleicht sie zur Thüre und hat diese hinter sich zugeschlagen, ehe Vater Schober sie zurückrufen kann.

267 Er denkt auch gar nicht daran. Mit finster zusammengezogenen Brauen steht er inmitten der Stube und blickt schwer atmend vor sich hin. So vergeht langsam Minute um Minute. Endlich fährt er aus seinem Brüten auf. Seine Frau ist noch immer nicht zurückgekehrt. Er geht also, sie bei Frau Sobotka zu suchen. Allein die Wohnung der Amtsdienersgattin ist leer. Mit einem halbunterdrückten Fluche auf den Lippen poltert der Alte der Stiege zu. Dort kommt ihm die hagere Nachbarin geschäftig entgegen.

»Wo ist meine Frau?« fragt er barsch.

»Just bin ich ihr unten im Hof begegnet!« erwidert Frau Sobotka mit seltsamer Feierlichkeit.

Der Polier beachtet das nicht und will die Treppe hinabeilen, allein die Amtsdienersgattin hält ihn zurück.

»Geben Sie sich keine Müh', Herr Schober!« sagt sie langsam und die einzelnen Worte mit besonderem Nachdrucke betonend, wie sie es einmal im Theater von der Darstellerin eines Gespenstes gehört hat, welches dem Helden der Komödie ein böses Schicksal zu prophezeien hatte: »Ihre Frau ist schon längst aus dem Haus. Ich soll Ihnen sagen, daß sie nicht mehr zu Ihnen zurückgeht und wenn man sie mit zehn Rössern herziehen wollt'. Sie geht zur Lori!«

Der alte Polier blickt die Sprecherin an, als verstünde er den Sinn ihrer Worte nicht. Die Nachbarin weidet sich eine Weile an dem Anblicke des fassungslosen alten Mannes und versucht endlich ihm Trost zuzusprechen.

»Sie können ja nur froh sein, daß einmal ein End' ist!« meint sie herablassend. »Gut haben Sie zwei doch nie zusammen g'lebt. Und Ihrer Frau kann man's wohl auch nicht verargen, wenn sie –«

Vater Schober heißt sie mit einer heftigen Handbewegung schweigen und wankt noch einen Schritt gegen die Treppe, 268 als wollte er dennoch versuchen seine Frau einzuholen. Dann schüttelt er aber heftig den Kopf und kehrt in seine Wohnung zurück. In der Küche steht Marie.

»Vater!« sagt sie innig und streckt ihm die Hand entgegen.

Sie hat alles gehört! denkt er. Der zitternde Klang ihrer Stimme hat es ihm verraten. Er blickt scheu um sich, geht an der ausgestreckten Hand einen Schritt vorüber, kehrt aber plötzlich zurück, neigt sich über die Tochter und küßt sie laut schluchzend auf die weiße Stirne.

»So ein Unrecht!« flüstert er dabei. »So ein schweres Unrecht!«


Mittlerweile ist Frau Schober barhaupt, atemlos und immer scheu zurückblickend, ob ihr Gatte sie nicht etwa doch mit geschwungenem Knüttel verfolge, bis an das Haus gelangt, in welchem ihre Tochter wohnt. Da steht sie nun vor der vornehmen, teppichbelegten Treppe, legt die grobe Hand nicht ohne bewundernde Scheu auf das vergoldete Stiegengeländer und steigt langsam zum ersten Stockwerke empor. Wie ist es hier doch anders als daheim, so still, . . . fast unheimlich. Auf dem breiten Gange nur zwei ernste, dunkle Thüren, und auch diese immer geschlossen. Statt der Klingel ein kleiner Beinknopf, auf welchen man drückt, was dann auf geheimnisvollem Wege ein schrilles Gebimmel hervorruft. Trotz ihrer Furcht vor dem Gatten zögert sie doch einen Augenblick, ehe sie den Knopf berührt. Endlich thut sie es schüchtern, die Thüre wird bald darauf geräuschlos geöffnet und Frau Schober blickt in das schmale dunkle Vorzimmer, das außer einem Spiegel, mehreren reich geschnitzten, aber zerbrochenen Stühlen und einigen Kleiderhacken, an welchen zwei Frauenhüte, ein bunter Shawl und ein schmutziges Staubtuch baumeln, keine weiteren Einrichtungsstücke aufweist. Die 269 rote Tapete der Wände zeigt unter den schmalen Goldleisten, welche sie begrenzen, noch den feuchtglänzenden Streifen, der von dem angewendeten Klebmittel herrührt, auch deuten allerlei erbrochene Holzkisten und aufgerissene Pappschachteln, welche zerstreut auf dem Boden umherliegen, sowie ein dumpfer Geruch nach Öl und Lack, der den Raum erfüllt, den unfertigen Zustand der Wohnung an.

Das Mädchen, welches die Thüre geöffnet hat, sieht im Gegensatze zu diesem schmutzigen Wirrwarr sehr sauber und reinlich aus. Das gesteifte Häubchen sitzt gar zierlich auf dem sorgfältig frisierten Kopfe und die plumpen aber wohlgepflegten Hände stecken in den Taschen einer blütenweißen Schürze, die wohl mehr als Zierde denn als Schutz des dunkeln Rockes dient.

Die Poliersgattin räuspert sich verlegen und sieht respektvoll zu der Dienerin auf, deren reinliche Kleidung ihr ungemein vornehm erscheint.

»Ich bitt' um Verzeihung!« stottert sie beklommen. »Ist meine –« hier hält sie aber inne. Sie wagt nicht kurzweg »meine Lori« zu sagen, sondern wiederholt nach kurzer Überlegung:

»Ist mein Fräulein Tochter noch zu Hause?«

Das wohlerzogene Mädchen verrät nicht das leiseste Staunen über den wunderlichen Aufzug der Mutter.

»Ich bitte nur einzutreten, das Fräulein ist zu Hause!« erwidert es achtungsvoll.

Frau Schober tritt ein, die Thüre schließt sich wieder geräuschlos hinter ihr, und mit dem wachsenden Gefühle der Sicherheit entschwindet auch rasch die Beklemmung der letzten Stunde.

Fanny kommt eben aus dem Zimmer, erblickt Frau Schober und ruft erstaunt:

»Sie sind's?«

270 Dann folgt auch Lori in einem prächtigen, spitzenbesetzten blauen Schlafrocke, dessen lange Schleppe sie aber ersichtlich im Gehen behindert. Frau Schober erklärt in aller Eile, daß sie von Daheim entwichen sei und nun gänzlich hier zu bleiben gedenke.

»Ich kann's nicht mehr aushalten mit dem Vater!« klagt sie unter hervorbrechenden Thränen, sieht aber dabei die Tochter ängstlich forschend an. Als sie den Gedanken der Flucht faßte, fiel ihr gar nicht ein sich zu fragen, ob Lori sie denn auch werde aufnehmen wollen? Nun, da sie vor der Tochter steht, bangt ihr doch vor der Entscheidung, die Lori fällen wird. Ihre Angst ist unbegründet, denn Lori fällt ihr sofort entzückt um den Hals und schiebt sie fragend und plaudernd vor sich her in das kleine Speisezimmer, welches nebst einem Ankleideraume und dem anstoßenden Schlafgemache die »großartige Wohnung« bildet, von welcher Frau Schober sowohl der Tänzerin als auch dem Gatten eine so begeisterte Schilderung entworfen hat.

Auch jetzt kann sich die Mutter trotz der betäubenden Verwirrung, die auf ihr lastet, noch immer nicht satt sehen an der nach ihren Begriffen mehr als fürstlichen Pracht, die sie hier umgiebt. Welch ein Reichtum, welche Fülle der herrlichsten Schätze! Die hohen Fenster mit den dunklen Sammtvorhängen, hinter welchen noch obendrein ein Spitzen-Schleier mit eingestickten Vögeln und Blumen durchschimmert; die getäfelten Wände; die braune Holzdecke, auf welcher aus roten Wolken ein pausbackiger Engel herabguckt, dem aus der Hüfte die Kette der tief herabhängenden Ampel herauswächst; die hochaufragende, reich geschnitzte Kredenz auf der einen, und der mächtige grüne Kachelofen auf der andern Seite; und endlich der achteckige Eichentisch in der Mitte des Zimmers, von drei Stühlen umgeben, wie Frau Schober solche noch 271 nie gesehen hat. Sie versucht vorsichtig sich auf einen derselben zu setzen, hält sich dabei aber krampfhaft an beiden Armlehnen fest, wie ein zagender Sonntagsreiter, der dem Tiere unter sich jede denkbare Tücke zutraut. Daß die Wände sowie das ganz und gar nicht zu den übrigen Möbeln passende Pianino in der Fensterecke fingerdick mit Staub bedeckt sind; daß die Vorhänge beschmutzt und von unachtsam weggeschleuderten Cigarrettenenden an manchen Stellen verkohlt sind; daß die Kredenz nur mit ein paar zerbrochenen Tellern, auf welchen sich Speisereste mit Cigarrenasche vermengen, vier oder fünf zersprungenen Weingläsern und einigen leeren Flaschen bedeckt ist; daß der mächtige Eichentisch nichts als einen Schnellsieder aus Weißblech, zwei plumpe Steingutschalen und eine bekleckste Kaffeekanne trägt, die sämtlich weit eher in eine räucherige Spelunke als in dies vornehme Speisezimmer taugen würden; daß endlich der sorgfältig gearbeitete Holzmosaikboden überall die Spuren des Straßenschmutzes in weißen Fußabdrücken zeigt, stört den Eindruck der »fürstlichen Pracht«, den Frau Schober empfängt, keineswegs. Sie war niemals eine Reinlichkeits-Fanatikerin, wie etwa Marie, und wie solche in ihren Kreisen sonst wohl die Mehrzahl bilden; ein bißchen Unordnung ist sogar zu ihrem vollen Behagen notwendig. Sie fühlt sich bald ganz und gar heimisch in der Wohnung ihrer Tochter, denn auch die anderen Räume wetteifern in dieser Beziehung mit dem Speisezimmer, wie die Poliersgattin sich allmählich überzeugen kann. Den Ankleideraum hat Fanny für sich in Anspruch genommen und haust hier, wie sie in der Kammer bei Frau Steiner wirtschaftete. Selbst Loris Schlafzimmer, ein geräumiges, ursprünglich wirklich mit Geschmack ausgestattetes Boudoir, ähnelt in seiner Vernachlässigung dem erwähnten Stübchen im Hause der Geldverleiherin. Jener Anflug von Nettigkeit, der Fannys Neid erweckte, als 272 Lori nach der Flucht aus dem Vaterhause eine Nacht unter ihrem Dache zubrachte, ist längst verschwunden. Er war die letzte Erinnerung an Marie, deren Sauberkeit selbst auf die widerstrebende Schwester einen gewissen, wenn auch nur oberflächlichen Einfluß geübt hatte.

Das Schlafzimmer entlockt der ununterbrochen um sich guckenden Mutter denn auch ein noch gesteigertes Entzücken.

»Nein, die Pracht!« ruft sie immer wieder kopfschüttelnd und betastet Seide und Sammet, Porzellan und Glas wie ein verwundertes Kind.

Der schwere Vorhang des breiten Himmelbettes ist zum Teil zurückgeschlagen und über die Kissen ein hellfärbiges Kleid geworfen, dessen Saum von Straßenschmutz befleckt und dessen Blumenschmuck zerdrückt ist. Die bequeme chaise longue an der Stirnseite des Bettes ist mit zerknitterten Unterröcken, Miedern und gestickten Strümpfen, einem zerbrochenen Fächer und etlichen gebrauchten Handschuhen bedeckt. Ein kleiner schwarzer Seidenpintscher, der sich hier ein behagliches Lager gegraben hat, fährt kläffend gegen Frau Schober los; diese weicht erschrocken zurück und stößt dabei an ein Tischchen, das eine japanesische Vase trägt, welche nun herabstürzt und in Stücke zerspringt.

»Jesus Maria, das Unglück!« schreit die Mutter und zeigt nicht übel Lust sofort in Thränen auszubrechen. Allein Lori ruft nur laut lachend: »Pfui Jolly, das ist ja die Mutter vom Frauerl!« Dann stößt sie die Scherben mit dem Fuße unter einen Stuhl und meint nachlässig:

»Ich bin froh, wenn ich die dummen Sachen wieder los werd', sie stehn ja doch nur im Weg und sind zu nichts zu brauchen!« Dann erzählt sie der Mutter, wie lustig es gestern abends im Prater zugegangen sei.

»Wir waren bei Sacher ganz allein im Saal und haben 273 dort getanzt. Dann sind wir noch ins Orpheum g'fahren, – – es war sehr hübsch!«

»Wer war denn mit?« fragt die Mutter.

»Oh – Sie kennen die Leut' ja nicht!« erwidert Lori gedehnt. »Der Eduard, seine Freund' und zwei Damen vom Theater.«

»Vom Theater?« forscht die Mutter neugierig. »Gute Spielerinnen?«

»O ja . . ., das heißt sie spielen eigentlich nur ganz kleine Rollen oder singen im Chor mit.« – – »Mutter!« ruft sie, plötzlich lebhaft aufspringend, »ich geh auch zum Theater!« Und da Frau Schober sie erstaunt und wohl auch ein wenig zweifelnd ansieht, fährt sie mit erhöhtem Eifer fort:

»Der Eduard will mich ausbilden lassen. Er hat mir's versprochen. O, ich hab' sehr viel Talent und eine starke Stimm', das hat die Valerie vom Karltheater gestern auch g'sagt, wie ich ihr ein paar Operetten-Arien vorg'sungen hab'!«

»Das hast Du?« fällt die Mutter bewundernd ein. »Aber sag' mir nur, woher kennst Du denn alle die Sachen?«

Lori lächelt selbstgefällig.

»Ich hab' halt ein gutes Gedächtnis!« erklärt sie geziert. »Und Sie wissen doch, daß wir schon früher oft ins Theater 'gangen sind, noch mit – –« Sie stockt plötzlich und lächelt nicht mehr. Noch mit Franz! wollte sie sagen. Nun schweigt sie und blickt zu Boden.

»Wie geht's ihm denn – – seither?« fragt sie leise.

»Wem?« fragt die Mutter, die dem Gedankengange der Tochter nicht gefolgt ist.

»Nun ihm, . . . dem . . . Franz!«

»Ach, dem!« meint Frau Schober wegwerfend. »Ich weiß nicht. Glaubst Du, daß ich mit dem Menschen ein Wort 274 weiter g'red't hab'? Die Marie hat natürlich immer 'was zu tuscheln mit ihm –«

Die Mutter hält hier inne. Es ist eine Lüge, oder doch zum mindesten eine vage Mutmaßung, was sie soeben vorgebracht hat, das fällt ihr ein. Doch stellt sie die im Eifer des Plauderns gesprochene Unwahrheit nicht richtig. »Möglich ist's ja doch!« denkt sie.

Lori sieht hastig auf.

»Die Scheinheilige!« zischt sie empört.

Hier unterbricht Fanny, welche geschäftig aus ihrer anstoßenden Kammer tritt, das Gespräch.

»Aber Lori!« ruft sie vorwurfsvoll. »Was treibst denn? Um sieben Uhr will der Herr Eduard Dich im Zirkus abholen, jetzt ist halb Sieben vorbei und Du bist noch im Schlafrock!« Sie sagt das in einem strenge verweisenden Tone und fügt, zur Mutter gewendet, scharf hinzu:

»Liebe Frau Schober, so geht das nicht! Sie dürfen die Lori nicht aufhalten. Und wie Sie selber ausschaun! Entschuldigen Sie, aber in diesem Aufzug werden Sie sich doch nicht sehn lassen wollen?!«

Frau Schober sieht sich bestürzt an.

»Ich hab' aber nichts anderes anzuziehn!« murmelt sie beklommen.

Lori, welche mit einem unwilligen Achselzucken vor den Spiegel getreten ist und sich dort langsam zu entkleiden begonnen hat, sieht jetzt zurück und sagt freundlich:

»Macht nichts, Frau Mutter! Heute verstecken wir Sie halt noch, und morgen bekommen Sie schon neue Sachen. Gehen S' jetzt nur da hinein zur Fanny und richten S' sich ein bißl die Haar', – ich bin gleich fertig.«

Die Poliersgattin geht, immer noch ein wenig verdutzt, in die Kammer. Nun wendet sich Lori, die mittlerweile den 275 Schlafrock abgestreift hat und sich die reichen Flechten löst, an Fanny.

»Du mußt mit meiner Mutter nicht so umgehn, als ob sie eine Bettelfrau wär'!« sagt sie ruhig. »Meine Mutter bleibt doch meine Mutter!«

Dabei hebt sie spielend die wohlgeformten Arme, als trüge sie eine Last auf dem Kopfe und beguckt wohlgefällig ihr hübsches Bild im Spiegel.

Fanny beißt sich in die Lippen.

»Soll sie wirklich ganz bei uns bleiben?« fragt sie mit schlecht verhehltem Ärger.

»Natürlich!« antwortet Lori erstaunt. »Sie ist ja meinetwegen vom Vater fort. Wohin soll sie sonst gehn?«

Die Freundin lacht höhnisch auf.

»Glaubst Du vielleicht, es macht Dich schöner, wenn Deine Mutter immer bei Dir steckt und jeder sich denkt: So wird das Mädl auch einmal aussehn!?«

Lori zuckt bei diesen Worten merklich zusammen, faßt sich aber rasch und antwortet tapfer:

»Macht nichts, – die Mutter bleibt doch da! Die Leut' sollen denken was sie wollen.«

Eben will Fanny noch etwas bemerken, da ertönt im Vorzimmer die Glocke. Das ehemalige Blumenmädchen erschrickt.

»Da haben wir's!« lamentiert sie. »Jetzt kommt er und Du bist noch nicht fertig! Das können die Männer am wenigsten vertragen. Mach nur schnell, ich halt' ihn ein paar Minuten auf.«

Sie huscht auch wirklich ins Speisezimmer und zieht die Thüre sorgsam hinter sich ins Schloß.

Der Besuch, der dort gleich darauf eintritt, gilt aber ihr selbst, nicht der Freundin. Der Deutschmeister-Ferdl ist's, den sie seit mehreren Wochen nicht mehr gesehen hat, 276 seit eben der Zeit, da sie ihm wieder einmal einen ansehnlichen Betrag einhändigte. Trotz seines langen Ausbleibens begrüßt sie ihn mit freudigem Erröten und eilt lächelnd auf ihn zu, – allein ein einziger Blick auf sein fahles Gesicht und seine verwahrloste Kleidung genügt ihr, um zu erkennen, daß ihn kein erfreulicher Anlaß zu ihr führt.

»– – Ist denn das ganze Geld wieder weg, Ferdinand?« fragt sie bange.

Wie ein bestrafter Schuljunge sieht er scheu zu Boden und nickt nur.

»Aber Ferdinand!« klagt Fanny bestürzt. »Wie soll das noch enden?! Und wie Du ausschaust! Wer weiß, wo Du die ganze Zeit wieder g'steckt hast! Am End gar in dem Kaffeehaus in der Neugass'n, – bei der Netti!«

»O nein!« beteuert er, ohne aber das Mädchen anzublicken. »Dort war ich nicht mehr, seit Du wegg'zogen bist!«

Fanny atmet auf.

»Wenn Du nur nicht falsch bist!« flüstert sie, näher an ihn herantretend. »Mir geht ohnehin nicht mehr alles so zusamm', wie ich g'hofft hab'!«

»Oh! – Hast Du vielleicht auch kein Geld?« fragt der Deutschmeister hastig.

»Gar keins!« erwidert das Mädchen und sieht wie um Verzeihung bittend zu ihm auf.

Er zischt einen Fluch und wendet sich der Thüre zu.

»Wohin gehst?« zittert sie beklommen.

»Ich weiß nicht!«

»Ins Kaffeehaus?«

»Vielleicht.«

»Zu der roten Netti?«

»Kann schon sein.«

»Ferdinand!«

277 Der Deutschmeister zuckt die Achseln.

»Was willst denn noch?« meint er unwirsch.

»Geh nicht hin, ich bitt' Dich! Du mußt mir's versprechen! Da, . . . nimm die paar Gulden, die ich noch hab', es ist freilich nicht viel, aber –.« Sie kramt in ihren Taschen und zieht endlich ein paar zusammengeballte Banknoten heraus, die sie ihm einhändigt.

»Ich will sehn, ob ich noch mehr auftreiben kann!« fährt sie hastig fort und sinnt nach.

Er läßt das Geld in seinem abgeschabten Sammtrocke verschwinden und wartet dann.

»Lori muß von dem dummen Wiesinger wieder Geld verlangen!« sagt das Mädchen endlich halblaut vor sich hin.

Dem Deutschmeister gefällt dieser Plan. Er nickt zustimmend. Allein Fanny hat ihre Bedenken.

»Ob Lori es auch thun will?« zweifelt sie. »Sie ist so ung'schickt in Geldsachen! . . . Komm jedenfalls in einer Stund' wieder, dann bin ich allein. Lori fahrt mit ihrem Freund in den Zirkus.«

»Also in einer Stund'!« erwidert der Deutschmeister. »Aber vergiß nicht!«

Sie nickt und reicht ihm die Hand. Nachdem er gegangen ist, bleibt sie noch eine Weile in Gedanken versunken stehen. Dann richtet sie sich entschlossen auf und kehrt zu ihrer Freundin zurück.

Zu ihrer Überraschung sieht sie, daß Lori noch immer halb entkleidet auf dem Bette sitzt, den Kopf in die hohle Hand und den Ellbogen auf das hochgezogene Knie gestützt.

»Was hast denn schon wieder?« fragt Fanny bestürzt.

»Ich mag nicht in den Zirkus gehn!« greint Lori. »Und überhaupt, mir ist alles zuwider!«

Die Nachricht, welche die Mutter vom Hause brachte, 278 rumort ihr im Kopfe. Daß Marie nun doch ihr Ziel erreichen soll, erweckt ihren tiefsten Unmut, vielleicht auch ihre Eifersucht. Hat sie ihren Bräutigam jemals geliebt? Sie weiß es nicht, grübelt darüber auch nicht weiter nach. Etwas anderes beschäftigt sie. Der Gedanke ist ihr unerträglich, daß Franz sie ebenso leicht vergessen haben soll, wie sie ihn vergaß.

Wie oft hat er mir ewige Treue geschworen, der falsche Mensch! klagt sie vor sich hin. Und diese Marie, die Scheinheilige, die ihn so rasch zu trösten wußte! »Jetzt lachen sie dich aus!« denkt sie, und das ist es, was sie am tiefsten verwundet. Unmutig wirft sie das kostbare Kleid, das sie eben anziehen wollte, aufs Bett und setzt sich daneben hin.

Wenn Eduard kommt, dann – – ach, er mag kommen oder nicht, ihr gilt es gleich! Etwas in ihr empört sich plötzlich gegen ihre Lage, insbesondere aber gegen Eduard, seine langweilige, näselnde Sprechweise und seinen häßlichen, schleppenden Gang, den er nur angenommen hat, weil das jetzt so Mode ist unter den vornehmen jungen Leuten, die er bewundernd nachahmt. O, wie unerträglich erscheint er ihr jetzt! Die ursprüngliche, ehrliche Natur des Volkskindes lehnt sich noch einmal auf gegen die gezierte, auf Stelzen der Modenarrheit gehende Lüge, unter deren Herrschaft sie geraten ist. Feindselig blickt Lori auf alle die reichen Möbel und buntfärbigen Stoffe, die sie umgeben. Sie hat sich hier niemals ganz heimisch, immer nur als Gast gefühlt, das wird ihr nun erst so recht klar. . . . Am liebsten liefe sie noch einmal davon, diesmal aber weit, weit weg. Freilich, – wohin? . . . Sie träumt von einer wundersamen farbenprächtigen Zukunft, in welche sie alle die krausen Vorstellungen von jenem geheimnisvollen Glück hineinträgt, das ihr trotz der entzückten Schilderung, die sie eben erst der Mutter entwarf, auch hier nicht vor die Füße gefallen ist, wie sie daheim gehofft hatte. Heute geht sie in ihren 279 Forderungen an dieses »Glück« unbewußt schon einen Schritt weiter als bisher. Es soll sie nun auch ehrlich machen. Sie will geachtet werden; alle Welt soll sie grüßen, wenn sie ausfährt, – – daran hat sie früher nicht gedacht. Ehrbarkeit und Glück schienen ihr stets Gegensätze, zwischen welchen sie wählen müsse, etwa wie erdrückende Langeweile und immerwährende Lustbarkeit. Aber giebt es denn nicht auch eine Ehrbarkeit in Sammt und Seide, ohne harte Arbeit, ohne frühzeitiges Altern?! . . . Das ist das Glück, das sie jetzt fordert, ein Sieg ohne Kampf, ohne Entsagen. Lächelnd vertieft sie sich in die Bilder einer solchen Zukunft, die unklar und in einander verschwimmend vor ihr auftauchen und versinken. Dazwischen aber blicken immer wieder die klaren, grauen Augen der Schwester und die braunen des treulosen Bräutigams auf sie nieder und sie glaubt das Lachen des vermeintlichen Liebespaares zu hören, das die ›dumme Lori‹ verhöhnt.

O hätte sie nur die Macht, sie wollte die beiden vernichten, . . . nein, das nicht. Aber martern – das wohl, und trennen, für immer trennen!

Dies ist die Stimmung, in welcher Fanny die Freundin findet. Sie sucht vergeblich gegen dieselbe anzukämpfen. Lori bleibt verdrießlich und will weder von dem Freunde noch von einer Fahrt nach dem Zirkus etwas hören. Schlag sieben Uhr läutet es zum zweitenmale.

»Wie pünktlich er ist!« meint Fanny. Sie hilft Lori in den faltigen blauen Schlafrock und entschlüpft in ihre Kammer, im selben Augenblicke, da der junge Wiesinger, den Hut auf dem Kopfe und einen dünnen Stock in der Hand, das Schlafzimmer betritt.

Fanny findet in der Kammer Frau Schober, welche am Fenster steht und sehr gedrückt in den engen Lichthof hinabspäht.

»Nobel ist die Gegend dahier schon,« sagt die 280 Poliersgattin seufzend, »aber halt einsam. Man sieht ja gar keinen Menschen!«

»Im Freihaus ist's freilich lebendiger!« erwidert Fanny schnippisch.

»Natürlich!« stimmt Frau Schober bei, welche den Spott nicht merkt. Sie ist glücklich, wieder sprechen zu können und obendrein vom Freihause, nach dem sie in der Einsamkeit der letzten halben Stunde bereits lebhaftes Heimweh empfunden hat. Ihrem Geselligkeitstriebe folgend, hat sie das Mädchen mit dem steifen Häubchen und der blütenweißen Schürze aufgesucht, welches sie in der geräumigen, aber uneingerichteten Küche in ein abgegriffenes Buch vertieft fand. Allein mit dem Mädchen war kein rechtes Gespräch in Fluß zu bringen. Es antwortete höflich aber kurz auf die Fragen, welche Frau Schober als leichte Anknüpfungspunkte vorlegte, und blickte dann immer wieder in das aufgeschlagene Buch.

Überdies kann die Poliersgattin eine gewisse respektvolle Scheu vor dieser sorgfältig gekleideten, wortkargen Person nicht ganz überwinden. Sie braucht minder vornehme Gesellschaft, welche ihr den Verlust der gleichgesinnten, allzeit klatschbereiten Nachbarinnen ersetzen kann. Auch in Fanny hat sie diese nicht gefunden, denn die ehemalige Blumenverkäuferin giebt gleichfalls nur spärliche Antworten und horcht unausgesetzt an der Schlafzimmerthüre.

»Wer ist denn drin bei der Lori?« fragt Frau Schober, endlich aufmerksam gemacht.

»Niemand, . . . nur ihr Freund!« erwidert Fanny kurz und drückt ihr Ohr fester an das Schlüsselloch. Nach einer Weile nickt sie zufrieden. »Schau, sie trifft's besser, als ich gedacht hätt'!« flüstert sie zufrieden. »Wie sie's ihm sagt! Der muß Augen machen!« Dann blickt sie wieder besorgt . . . »Aber jetzt ist's genug, ganz brechen dürfen sie nicht . . . !«

281 Wieder horcht sie angestrengt.

Plötzlich verläßt sie die Kammer und begrüßt im Vorzimmer mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln den jungen »Freund« Loris, der in ärgerlicher Stimmung aus dem Speisezimmer tritt. Das Gespräch, das sich nun im Flüstertone zwischen beiden entwickelt, scheint den blonden, ein wenig müde dreinsehenden jungen Mann einigermaßen zu beruhigen.

»Also Sie glauben . . . eh . . ., daß es nur so eine dumme Familiengeschichte ist?« sagt er im näselnden Tone und dreht dabei die Enden seines dünnen Schnurrbärtchens. »Lori war wirklich unangenehm.«

»Mein Gott!« erwidert Fanny achselzuckend, »Die Mutter ist jetzt da und sekirt sie aufs Blut. Sie will immer Geld, da wird Lori endlich halt auch verdrießlich, weil sie selbst keines hat!«

Eduard nickt.

»Ja – so!« meint er gedehnt. »Geld braucht sie! Aber warum . . . eh . . . sagt sie das nicht?«

»Oh, dazu ist sie viel zu nobel!« flüstert die Freundin. »Von Geldsachen red' ich nicht mit meinem Eduard! sagt sie immer.«

Der junge Mann lacht kurz auf.

»Sehr zartfühlend, . . . eh . . . wirklich sehr zartfühlend!« meint er spottend. Und nach einigem Besinnen, wobei er den Mund halb öffnet und ausdruckslos vor sich hinstarrt, wiederholt er zögernd:

»Also . . . eh . . . Geld braucht sie?«

Fanny blickt ihn noch immer unverwandt erwartungsvoll an.

Er betrachtet mit einem verlegenen Lächeln die Spitzen seiner Lackschuhe und klopft mit dem dünnen Stöckchen an seine Waden.

»Also . . . adieu!« sagt er endlich zögernd, rührt sich 282 aber nicht von der Stelle, sondern fährt nach einer Pause halblaut fort: »Sagen Sie Lori, daß ich morgen Geld schicke, ich habe heute just nicht viel bei mir . . ., eh . . . sie soll aber nicht mehr so übellaunig sein, . . . eh . . . das ist unangenehm . . .!« Damit verläßt er die Wohnung, wobei er, um seine unbehagliche Stimmung zu maskieren, eine eben beliebte Operettenarie pfeift.

Fanny kehrt zu Lori zurück, welche in einer Ecke des Zimmers auf dem Teppiche kauert und mit Jolly spielt.

»Aber Lori!« sagt sie vorwurfsvoll.

Das junge Mädchen lacht laut auf.

»Oh, es war zu komisch! Das dumme G'sicht, das er g'schnitten hat, wie ich ihn ang'schnauzt hab'! – So!«

Und sie ahmt ihm spottend nach.

»Eigentlich thut er mir leid!« fährt sie nach einer Weile, den Hund neckend, fort.

»Wenn Du es nur nicht zu arg treibst!« warnt Fanny.

Lori zuckt die Achseln und tippt dem Hund, der kläffend zurückspringt, auf die Nase.

»Meinetwegen!« sagt sie dann gleichgültig.

Fanny sieht sie erstaunt an und will noch etwas erwidern, allein hier wird das Gespräch durch den Eintritt des Mädchens mit der blütenweißen Schürze unterbrochen, welches an der Thüre stehen bleibt und in seiner ernsten, bescheidenen Weise anfragt, ob das Fräulein ausgehen wolle oder Besuch erwarte. Da Lori beide Fragen verneint, so bittet das Mädchen um Befehle wegen des ›Soupers.‹

»Richtig!« ruft Lori und springt auf. »Essen müssen wir doch was! Und weil wir heut' grad so gemütlich unter uns sind, die Mutter, Fanny und ich, so wollen wir recht aufhauen und kreuzfidel sein, – ja? Alles was gut und teuer ist, soll her. Eine Gansleberpastet'n und ein französischen Salat! . . . Ja, 283 besonders den Salat, – und was Sie halt bekommen. Champagner auch, Champagner . . ., wie bei einem richtigen, feschen Souper!« Sie schnalzt vergnügt mit der Zunge und geht trällernd durchs Zimmer. Jolly springt bellend vor ihr her. »Ja, mein liebes Viecherl!« sagt sie mit drolligem Ernste, »du sollst auch Champagner bekommen und alle guten Sachen. Man lebt ja nur einmal auf der Welt, und heut' wollen wir recht lustig sein, – gelt Jolly?« Dabei faßt sie den Hund bei den Vorderpfoten und tanzt mit ihm bis zur Chaiselongue, auf welcher sie sich atemlos hinstreckt.

Fanny beugt sich über sie und flüstert verlegen:

»Hast Du Geld?«

»Ich weiß nicht, schau nach!« antwortet Lori laut.

Da Fanny nach vergeblichem Durchstöbern aller Laden und Winkel wieder zu Lori zurückkehrt, wendet ihr diese den Rücken zu und winkt heftig abwehrend.

»Mich geht das nichts an. Ich will das Souper, ich will lustig sein, – ich will, ich will!« schmollt sie.

Das Mädchen, welches bisher schweigend an der Thüre stand, tritt jetzt vor:

»Wenn das Fräulein momentan nicht bei Kasse ist, erlaubt es mir vielleicht, einstweilen etwas vorzustrecken?«

Das freundliche Anerbieten wird sofort angenommen, und eine halbe Stunde später steht das wunderlich zusammengestellte Souper auch wirklich auf dem großen Eichentische im Speisezimmer.

»Wo steckt denn die Mutter?« fragt jetzt Lori.

Frau Schober ist nirgends zu finden. Nach einer Weile erst kommt sie ein wenig erhitzt, doch in ersichtlich vergnügter Stimmung herangeschlürft.

»Ich hab' mich im Haus ein bißl umg'sehn,« berichtet sie keuchend, »und sehr angenehme, liebe Leut' g'funden, mit denen man doch wenigstens ein vernünftiges Wort reden kann!« 284 Dabei faßt sie Fanny, welche ihr schweigend und sichtlich verstimmt gegenüber sitzt, triumphierend ins Auge.

»Alle Menschen sind nicht so hochnasig wie gewisse Leute!« bemerkt sie mit scharfer Betonung. Sie fühlt sich nun daheim in dem vornehmen Hause und fürchtet deshalb auch Fanny nicht mehr. Die intime Bekanntschaft mit der Hausmeisterin, welche sie, wie sie selbstzufrieden erzählt, soeben geschlossen hat, giebt ihr diese Sicherheit.

»Eine sehr angenehme Person, die Frau Hausmeisterin!« erklärt sie achtungsvoll. »Sie hat mir genau g'sagt, wer alles im Haus wohnt, und . . .« hier unterbricht sie sich und betrachtet mit mißtrauischem Blicke die aufgestellten Speisen.

»Was ist denn das?« fragt sie kopfschüttelnd.

Lori lacht.

»Essen S' nur, Frau Mutter!« meint sie beruhigend. »Das sind lauter feine Sachen!«

Frau Schober langt erst zögernd, bald aber entschieden zu. Dabei sucht sie etwas auf dem Tische.

»Ist kein Brot da?« forscht sie mit vollem Munde.

Nein, an Brot hat niemand gedacht und im Hause befindet sich keines.

Nun will Lori trinken. »Damit wir ein wenig lustig werden!« ruft sie.

Aber wer soll die Champagner-Flaschen entkorken? Nur das Mädchen weiß Bescheid, wie man dabei zu Werke gehen muß. Doch fehlt es ihr an einem geeigneten Instrumente. Die Schere bricht an dem starken Drahte ab und das Messer erweist sich als zu stumpf. So sitzen sie vor den Flaschen und dursten. Lori weint fast vor Zorn.

Da pocht es draußen an die Wohnungsthüre. Fanny, welche die ganze Zeit über merklich unruhig war und stets nach dem Vorzimmer horchte, springt hastig auf.

285 »Ich weiß schon, wer kommt!« erklärt sie und eilt hinaus.

»Wer's auch ist, er muß uns die Flaschen aufmachen!« ruft ihr Lori nach.

Fanny will den Deutschmeister, welcher der Verabredung gemäß auf der Schwelle steht, nicht eintreten lassen.

»Komm morgen wieder!« zischelt sie durch die halbgeöffnete Thüre. »Lori ist heut' nicht ausg'fahren!«

Allein Lori ist ihr gefolgt, hat den jungen Mann erblickt und bittet ihn einzutreten.

Obwohl Fanny sichtlich wenig einverstanden ist, wird er von Lori doch bemüßigt, an dem Tische Platz zu nehmen. Er thut das mit großer Bereitwilligkeit und zeigt sich bald als ein Gesellschafter, wie ihn Lori just liebt. Sie begleitet denn auch jede seiner Bemerkungen, welchen es übrigens weder an Gewandtheit, noch an einer gewissen derben Galanterie fehlt, mit schallendem Gelächter und aufmunterndem Erröten. Freilich mahnt sein Witz stark an die Kneipen, in welchen er ihn sonst gewöhnlich leuchten läßt, aber gerade das ist es, was Lori ganz besonders anzieht. Der Deutschmeister erscheint ihr als ein höchst angenehmer junger Mann, ebenso weit entfernt von der schwerfälligen Verliebtheit und ängstlichen Bescheidenheit ihres ehemaligen Bräutigams, wie von der Unnatur und den im Grunde doch verletzenden Manieren ihres »Freundes« Eduard. Dabei zeigt er gar bald Spuren jener rücksichtslosen, unbedingte Herrschaft über seine Umgebung fordernden Art, die allen Weibern so gefährlich wird, weil sie nur allzu leicht lieben, wo sie fürchten.

Der lustige Gast hat die Flaschen sofort entkorkt, und der süße perlende Wein schäumt nun in den Gläsern von verschiedenster Form und Größe, welche aus allen Winkeln der Wohnung zusammengesucht wurden.

»Die Damen sollen leben!« ruft der Deutschmeister und 286 leert sein Glas auf einen Zug. Er sitzt zwischen Fanny und Frau Schober, Lori gegenüber. Nun sieht er alle der Reihe nach vergnügt an.

»Trinken! Trinken!« mahnt er gebieterisch. »Sie auch, Frau Mutter!« Er zwingt die Poliersgattin, ihr Glas trotz ihres kreischenden Sträubens bis auf den letzten Tropfen zu leeren und schenkt dann nach.

Fanny, welche sein Vertrautwerden mit Lori anfänglich nicht ohne merkliches Unbehagen beobachtet hat, versöhnt er durch einige liebevolle Blicke und einen zärtlichen Händedruck unter dem Tische. Sie lacht nun am lautesten und stürzt den Champagner unbedacht hinab.

»Wer spielt denn Klavier?« fragt der Deutschmeister, auf das Piano deutend.

»Niemand, es steht nur so da!« erwidert Lori. »Können Sie vielleicht spielen?«

»Ein bißl schon!«

Nun muß er eins aufspielen. Er setzt sich an das elegante Instrument und bearbeitet die Tasten nach Art der Klavierspieler bei den Volkssängern, welchen er seine musikalischen Kenntnisse wohl auch verdankt. Lustige Märsche, Gassenhauer und jene rührseligen, von falscher Sentimentalität triefenden Lieder, welche sich in diesen Kreisen einer ganz besonderen Beliebtheit erfreuen, wechseln in bunter Reihenfolge. Durch seinen Vortrag angeregt, springt Lori auf und eilt an das Klavier um jene Operettenarie zu singen, welche ihr gestern den Beifall des Fräuleins Valerie vom Karltheater eingebracht hat. Sie fügt dann noch ein eben in die Mode gekommenes Lied hinzu, das seit einigen Wochen sämtliche Drehorgeln Wiens leiern:

»Die Blume, die am Bachesrand
Ich einst für dich gepflückt . . .«

287 Dabei stemmt sie die Arme in die Hüften und stößt die einzelnen Töne mit möglichstem Kraftaufwande aus der Kehle. Sie singt schrill und falsch, auch die Begleitung, welche der Deutschmeister beistellt, besteht eigentlich nur aus zwei ununterbrochen wechselnden Akkorden, die in keinem merklichen Zusammenhange mit der Melodie des vorgetragenen Liedes stehen, allein sowohl Frau Schober als auch Fanny finden das Konzert entzückend und spenden stürmischen Beifall. Frau Schober ist übrigens die erste, an welcher die Wirkung des starken und raschen Weingenusses sichtbar wird. Sie versucht wiederholt die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen. Daß niemand ihren intimen Mitteilungen sonderliche Teilnahme entgegenbringt, stört sie dabei keineswegs; sie vertraut dieselben der leeren Flasche an, welche sie unverwandt betrachtet. Dabei beunruhigt sie nur eine Lücke, die sich im fortlaufenden Zusammenhange dieser ihr sonst so geläufigen Erzählung plötzlich ergiebt. Über die verhängnisvolle Stelle nämlich, wo ihre Mutter sich einbildet, ein Prinz müsse kommen und das Töchterl holen, gelangt sie heute nicht hinaus. Dreimal beginnt sie, die Flasche fest im Auge haltend, den Vortrag von neuem, um immer wieder an dem »Töchterl« zu scheitern. Darüber sinnt sie nun, die Arme auf den Tisch und den Kopf in die Hände gestützt, ernstlich nach, bis sie endlich sanft entschlummert.

Fanny hat sich an das Klavier begeben und will nun auch ihrerseits ein Lied vortragen. Der Deutschmeister muß ihrem dringenden Verlangen nachgeben und so singt sie denn mit heiserer Stimme:

»Du hast mich nie geli–iebt,
Du hast mein Herz betri–iebt . . .«

Hier hält sie aber inne und verfällt in ein krampfhaftes Schluchzen, wobei sie den schwermütigsten Betrachtungen über 288 die Undankbarkeit der Männer im allgemeinen und den Flattersinn des Deutschmeisters im besonderen Ausdruck giebt. Vergebens sucht der junge Mann sie zu beruhigen.

»Und die rote Netti?« jammert sie immer wieder. »Hast Du sie nicht geküßt? O Ferdinand, Du bist ein schlechter Mensch!«

Endlich giebt der Bursche seine Beruhigungsversuche auf.

»Geh schlafen!« mahnt er halb lachend, halb ärgerlich. »Du hast das b'soffene Elend!«

Fanny verwahrt sich zwar nachdrücklich gegen diese verleumderische Behauptung, allein da Lori nach einer Weile eine Frage an sie richten will, ist die schwermütige Sängerin doch aus dem Zimmer verschwunden. Lori geht ihr nach und findet sie im tiefen Schlummer quer auf ihrem Bette liegend. Langsam kehrt sie aus Fannys Kammer in das dunkle Schlafzimmer zurück, in welches der Mond, der eben emporsteigt, sein fahles Licht wirft. Sie tritt ans Fenster und drückt die heiße Stirne an die feuchtkühlen Scheiben.

Da umschlingt ein kräftiger Arm ihren Nacken, eine Stimme flüstert leidenschaftlich ihren Namen und zwei brennende Lippen suchen gierig ihren Mund. Wie ein Fieberschauer überläuft es Lori. Doch wehrt sie dem Deutschmeister.

»Und Fanny?« ruft sie atemlos. »Nein, das wär' schlecht!«

Der junge Mann will etwas erwidern, da knurrt es plötzlich neben ihm, und Jolly springt kläffend auf ihn los.

Lori hat sich frei gemacht und ist zur Thüre geeilt, die sie hastig aufstößt. Ein breiter Lichtstrom flutet in den dunklen Raum.

»Mutter!« ruft das Mädchen. »Mutter! Kommen S', es ist Schlafenszeit.«

Frau Schober fährt verstört in die Höhe.

289 »Was schreist denn so?« murmelt sie unwirsch. »Ich hab' ja nicht g'schlafen, – o nein, ich hab' alles gehört.«

Der Deutschmeister reicht Lori die Hand.

»Gute Nacht!« sagt er scheinbar ruhig. Doch sein brennender Blick ruht drohend auf dem jungen Mädchen.

Heute bist du mir entschlüpft! sagt dieser Blick. Aber ich komme wieder! . . . .

»Gute Nacht!« flüstert Lori beklommen und senkt den Kopf. »Gute Nacht!«

Da er endlich fort ist und Lori in ihrem Bette liegt, glaubt sie plötzlich die Augen des Deutschmeisters aus dem Dunkel leuchten zu sehen. Wie Feuerräder sprühen sie ihr aus der Zimmerecke entgegen.

»Nein, ich mag ihn nicht!« haucht sie ängstlich. »Weg . . . weg!«

Und plötzlich ruft sie laut:

»Mutter!«

Keine Antwort. Mit einem leisen Schrei versteckt sie den Kopf unter der Decke. 290

 


 

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