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Wiener Blut

Friedrich Schlögl: Wiener Blut - Kapitel 47
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typeessay
authorFriedrich Schlögl
titleWiener Blut
publisherA. Hartleben's Verlag
correctorJosef Muehlgassner
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Drei Stunden (im »Mistgrüberl«) unter dem Ministerium »Jireèek Habietinek«.

I.

Wien, 8. Februar 1871.

Im Mistgrüberl, dem bekannten Rendezvous der »Weinbeißer«, bot die neueste Ministerliste gestern Anlaß zu erregten Debatten. Ein Fiaker – wenn man uns recht berichtet, der »Dulliä-Peperl« – rief: »An Pfiff nu auf den Schrocken!« – »Was is denn g'scheg'n?« frug der Nächstsitzende. – »No, hab'ns es nit g'lesen in der ›Wiener Zeitung‹? Böhm' müass' ma werd'n – a g'wisser Janiczek oder wie er haßt, der Teufel mirkt sie a so an Nam, kriagt 'n ganzen Unterricht von uns're Kinder in d' Hand, und sei Landsmann, da Hablanek oder Stepanek – oder haßt er gar Prohaska – 's is eh alles ans – der übernimmt die sogenannte Justiz, und so hätt' ma's halt wieder amal ordentli beisamm und 's Andre wissen's eh, und dafür möcht i no an Pfiff, daß i mein Krenfleisch mit G'sund g'niaß; das haßt, wann's d'erlaubt is!«

Zwei Amtsdienern, welche eben an der Schänke standen, und wie üblich, ihren halbstündigen Stehpfiff tranken, mußte diese urwüchsige Kritik der gräflich Hohenwart'schen Protegés etwas despectirlich dünken, denn der Eine meinte ziemlich gereizt: »Brauchen's gor nit sticheln auf Böhm', was sans allimal beste Biamte g'west und gute kaiserliche Diener!« – »Und kummte Zeitpunkt jetzt, hochwichtiges«, ergänzte der Zweite, »wo brave Landsleut unserige kummens wieder zu grußmächtige Anseg'n und können Landsleut' ihriges, ordentliche, was hat treu und redlich gedient, verhelfen auf gute Platzl und brauchen's nit kecke zudringliche Preuß' oder Wienerische Gelbschnabel, faulenzerische, nixnutzige, miserablige, mit Cigarl in Gusch ganze Tag, was nix macht, als dumme Spaßetl über brave kaiserliche Diener!«

»Und wirde jetzt geh'n aus andere Tonart« – half wieder der Erste dem Zweiten – »wird abschafft grausliche Gasbart, was tragte schon klanwunzige Schulbub von Prakticant und wirde Exilentz Grof Hohenwort, was ise gute, preiswürdige Katholik, nehmen Staubbesen für Jud, was hole einschmuggelt in kaiserliche Birodienst unter Freimaurer.«

»Mir is 's ja eh recht«, rief der Fiaker, »wann die Böhm amal alle beisamm auf an Fleck san, bringt's es nur alle her nach Wian – mir paar Wiarner zieg'n uns nachher nach Leutomischl oder nach Czaslau, so is do a Ruah. Aber 'n Sedlitzki grab'n ma Eng no früher ans, den legt's Eng in d' Schatzkammer! Is das a Powidlfosching und a Gollatschenzeit! An Pfiff no und nachher: Außi – außi – außi möcht i geh'n!« –

(Letzteres scheint der Lieblingsrefrain der Wiener werden zu wollen.)

 

II.

Wien, 11. October 1871.

Im » Mistgrüberl«, der bekannten Weinstube, ging's Sonntag wieder einmal hoch her. Es fand sich nämlich zufällig jene kleine, aber gewählte Gesellschaft abermals zusammen, die vor acht Monaten, als das wohllöbliche Ministerium »Jireèek-Habietinek« inaugurirt wurde, den überraschenden Fall in populärer Weise besprach. Der »Dulliä-Peperl«, der lustigste Wiener Fiaker, stand wieder, wie damals, an der Schänke, um seinen gewohnten »G'sundheitspfiff« zu trinken und neben ihn stellte das launische Geschick das kanzleidienerische Dioskurenpaar, welches an jenem denkwürdigen 7. Februar das Avancement von »Landsmann ihrige« mit so classischem Stolze erfüllte.

»Geb'ns me no gruß Seitel, Frau Schuh, an Freudentag czechische, wo hab'ns me endlich durchg'setzt Ausgleich langmächtige von Nation grußmächtige böhmische, mit Wienerstadt rebellische!« rief der Eine der Wenzelssöhne, that einen herzhaften Zug, trocknete sich mit der Zunge die Oberlippe, schmunzelte bedeutungsvoll und entschloß sich sodann zu der Resolution: »Meinetwegen no Pfiff mit klane Spritzer, kummt eh bald Krönung, wo Alles is umsunst!«

»Das is halt Enger Numero: Alles umsunst!« warf der Fiaker ein. »Kosten därf's nix und no a Aschio dazu! Was kriagt's denn no Alles außa von uns? Sagt's es halt, wann's eppa a klan's Geld brauchts, mir san ja z'meg'n dem auf der Welt ...«

»Mußt nix geb'n Antwort, kecke Preuß', zudringliche, gelbschnabliche (raunt? der Dritte seinem ärarischen College« zu), werd' ich schon Maul stopfen, wann untersteht, dumme Spaßet! machen mit brave kaiserliche Diener ... Geb'ns noch Pfiff!«

»Mir a an!« rief der Fiaker, »wann der buklate Ausgleich ferti is, bleibt uns vielleicht eh ka Tropfen, außer von der neichen Wasserleitung, und do is's a no nit g'wiß, ob amal was außa rinnt. Fix Dirndl Laudon! Wann's bei mir in der Gift- und Gallmaschin zum Sieden anfangt, nachher zahl' i Eng die ›Quote‹, die auf's dreieinige Powidl-Landl kummt, selber aus!«

Die anderen Zwei unisono: »Halten's Gusch, dumme Kedl!«

Der Fiaker: »Das is der rechte Ton, in dem's mit an Wianer reden müßt's! Habt's eppa die alte böhmische Polizei schon wieder beisamm', weil's gar so kann seid's? Ruckt's außa mit die hechtgrauen Kreuzritter, fangt's an zum Arratir'n, dös is jo das G'schäft, was 's am Besten g'lernt habt's!«

»Wird schon kummen nach Ausgleich und Haslinge kummte auch! Hihihihi!« replicirte der Erste triumphirend und bot seinem Kameraden eine Prise.

Der Fiaker: »No, jo, richt's Eng's halt her, wie's Oes braucht's! Nur kan Schenirer! Außer mit der Farb und wann's no so dr... is! Was Ander's erwart' ma sa gar nöt: mir geben die Buck'ln her und Oes d'Haslinger, dös is der Ausgleich, wie's 'n möcht's, Oes Gollatsch'nhelden, dös is die G'schicht vom Achkatzl, 's allerneicheste Liad, was ma erst kriagt hab'n ... an Pfiff no! und halt's ma mein' eisern' Arm, sunst hau' i das ganze Krippelg'spiel z'samm, eh's aus'n Leim geht!«

»Gift sich, dalkete, preußische Wiener, hihihihi! Stuß an Kamrad, Pane Rieger soll leb'n!«

»Soll se leb'n und Palacky daneb'n, viele hundert Jahr'!«

»Wißt's denn gar kane andern Böhm', als alleweil dö Zwa? Schaut's, daß an Dritten dazu find'ts, daß 's Kleeblatt! beisamm' is: an Hofrath aus der ›alten Schul‹ oder sunst was Sauber's!«

»Hofrath aus alte Schul' war'n's gute Patriot ...«

»Freili, 's hat Kaner 'n Andern in Wadl bissen!«

»Red'n's nit, was hab'n's nit dient in kaiserliche Biro; versteh'n's Klenkas von Kanzelei ...«

»Gott sei Dank! Aber so viel versteh' i, daß 's Zeit war, mit Eng deutsch z'reden, engre Bofösenkammerln aufz'mischen, 's Fuatertrücherl höher z'hängen, und dö z'kampeln, dö gar z'kraupet san! Was wollt's denn eigentlich von uns? Habt's no nit gnua? San vielleicht no wo ein paar guate Platzln, wo 's kan Landsmann unterbracht habt's? Spitzt's eppa no auf a paar Ministerport'föl? Schaut's Eng halt um und sagt's es, was's braucht's, vielleicht find's no a Bisl was, was Eng paßt; viel is freili nimmer da zum Aussuach'n, weil's eh schon Alles habt's! – Herrschaft Tannabam! Wann i z'red'n hätt'!«

»Wienerische Preuß' hat gar nix red'n, hat kusch'n; is e Zeitpunkt and're word'n, fragte Katz, um kannste Deutsch! Mir sans me da! Mir hab me siegte! Diky bohu! – Geb'n's noch Pfiff!«

»Und mir a Glas'l Schlibowitz, daß i ma mein' Mag'n curir auf dös böhmische Fruhstuck!«

»Wan's woll'n bileidigen, ruf' me Patrul!«

»Strapatzirn's Ihna nit! I waß eh, daß die Patrol in Eng'rn Pfundamentg'setz d'Hauptsach' is. Um was ander's habt's Eng eh nit kümmert! Fangt's halt glei an und räumt's z'samm in Wiarn! Jagt's uns d'Lehrer davon, die no nit powidal'n können und schickt's uns die Breitkrampleten einer, Oes habt's es ja im Vorrat!). Und was's Zahlen betrifft, daß werd'n schon mir thuan, mir hab'n's ja!« –

»Is eh böhmische Geld!« ...

»Freili, dafür gilt's a so viel!«

»No, wirde spannen, Wienerische Hungerleider, wann wird e Geld aus'gworfen bei Krönung böhmische!«

»Dö Krönung steckt Eng halt in' Kopf, weil's was z'schenk'n kriagt's und an bratnen Ochsen a no dazu. Guat'n Appetit! Eßt's Eng amol satt an dem Bissen, uns laßt's eh nur wieder d' Hörndln! ... A Cigarl möcht i no, eh' d' Welt böhmisch wird, aber ans, was Luft hat, weil i mein' Blasbalg no weiter brauch', wann man die neiche Nationalmelodie lernen müssen, dö mit die »brce und drce und krce«. Schamster Diener, meine Herrn, und bleib'n's schön warm ang'legt, 's kinnt a schlecht's Wetter kummen! Dulliä! Dulliä!« ...

 

III.

Wien, 1. November 1871.

Im » Mistgrüberl« feierte gestern der »Dulliä-Peperl« einen seiner schönsten Triumphe. In patriotisch-übermüthigster Laune in die Weinstube tretend, rief er, mit den Fingern schnalzend, gellenden Tones: »'s Theater is aus! Gar is' s mit der Komödi! – An Pfiff g'schwind, und wann vielleicht a paar Böhm' da sein, die z'Haus fahr'n woll'n, i führ's umsunst!«

Frau Schuh, die würdige Matrone, verwies dem enthusiastischen Urgermanen in sanfter Rede solch anzügliche Bemerkungen, der aber schnellte seinen Hut in die Höhe und replicirte: »Laßt's ma mein Freud', daß i wieder deutsch sein därf und vom Powidldialect nix z'wissen brauch! Aber beim z'Hausführ'n bleibt's, und mir is nur lad, daß mein' Parutsch heut nit so lang, wie der Triester Postzug is, Alle müßt'n's einsteig'n und in an fesch'n Trapperl ließ't i's fürischießen, die Bräun'ln, und wann's bis Leitomischl ginget! Also, vorwärts, wer sein Binkerl g'richt't hat; packt's z'samm und macht's nit viel Umstand beim Abschied, weil eh ka Katz want um Eng!«

»Mussi Schuh! Lassen's nit bileidigen Nation, was is in Unglück momentanige, sunst ruf me Patrull!« scholl's von einer Tischecke herüber, worauf der Fiaker, auf's Angenehmste überrascht, dem Sprecher zurief:

»Ah, Serwas, meine Herrn! Da sitzt ja das ausg'warmte Vorzimmerpaarl, was damals so keck mitzwitschert hat, wie das neiche G'sangl ang'fangen hat, und der böhmische Wind a wengl z'scharf gangen is! No, wie geht's Eng denn? Wie viel Knöpf' kriagt's denn als Pension für die paar Brodtäg', die's dient habt's? Nit wahr, mir san a Bisl nobli? Mir zahl'n, wann ma d' Leut' a gar nit brauch'n hab'n kinna, aber das schenirt uns nit, weil mir's hab'n und thun kinnan, und weil's auf a paar Millionerln mehr oder weniger nit mehr ankummt. – An Pfiff no, zum böhmischen Valedi!«

»Kecke, dalkete, nixnutzige preußische Wiener wird e schau'n, wann brave, kaiserliche Diener aus elendige Nest, stinkete, wegzieg'n und muße vor Hunger krepirowat. – Stuß' an Kamerad!«

»Waßte was, mir geh'n me no nit furt, mir bleib me da, mir woll'ns me seg'n, wie kummte Durcheinand kralewatschete in Biro, wo verlegte a Stückl um andere, weil's ham's noch nit dient in Kanzelei, hihihi!«

Drauf der Fiaker: »Laßt's Eng ka grau's Haar wachsen, so schön, wie Oes, treff' ma's a! Höchstens, daß ma nit so viel G'schwisterkind zum versorgen hab'n! Mir werd'n's halt a Zeit lang probir'n, ob ma's ohne Böhm' a richten können, mir scheint, es wird geh'n! – Und jetzt, pfiart Eng Gott! Wann's z'Haus reist's, sag's es daham: Gar so dumm san ma nit, wie ma ausschau'n, und daß's mit'n ›Böhmischwerd'n‹ nit pressirt, und daß ma die Grüan' kennen, die im Gras umahupfen, und daß die neiche Tax haßt: »Deutsch woll'n m'r bleib'n!« und nach derer Tax wird g'fahr'n und da is vom Umwerfen ka Red', weil's dös nit gibt! Zu uns müßt's kommen um a alt's G'wand und – 's Andere wißt's eh! – Und jetzt laßt's ma no amal d'Wianazeitung lesen, so schön war's no gar nit, wie heut – aber dö Nummer hätt' schon vor acht Monat kommen soll'n. Her mit die Reschkripter! Is dös a Hetz!«

 

Schlußwort.

Meine kleine Wiener Chronik ist zu Ende. Indem ich sie überblicke, erschrecke ich – von den sonstigen zahllosen Mängeln und Defecten nicht zu sprechen – vor zwei Hauptgebrechen, welche zu repariren nun wohl zu spät ist. Ich meine die vielfachen Wiederholungen gewisser charakterisirenden Beobachtungen und – daß ich einzelner Personen despectirlichsten Rufes wohl allzu häufig gedachte und sie in ungebührlicher Weise in den Vordergrund stellte.

Was nun letztere Capitalsünde gegen den guten Geschmack anbelangt, so glaube ich, mich mit dem Vorsätze rechtfertigen zu dürfen, in allen Dingen nur das getreueste Spiegelbild liefern zu wollen. Ist es meine Schuld, wenn sich ganze Schichten und Stände selbst stigmatisiren, und sowohl bei ihren öffentlichen Rendezvous, wie privaten Conventikeln gerade den ... widerlichsten Personnagen die Hauptrolle und den Ehrensitz überließen? Traf ich bei meinen diversen Rundgängen auf solche Crimina – so durfte ich sie nicht verschweigen, wiewohl ich selbst am meisten es beklage, daß, wenn ich auch zeitweise Edelwild zu jagen hoffte, stets nur dasselbe ekle Ungeziefer mir entgegenkroch.

So viel zu meiner Purificirung hinsichtlich des einen Anklagepunktes; die übrigen mögen von dem gütigen Leser für diesmal nachsichtsvoll »aufgelassen« werden. –

F. S

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