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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 11. Februar 19 ..

Zwischen meinem letzten Schreibtag und dem heutigen liegt eine Welt. Natürlich nur eine »Wien-Sleefwelt« ...

Sagte Muhme Kordula am Abend zu mir: »Neugierig bist aber auch gar nicht, Wien.«

»Bün ik ok ni«, lacht' ich. »Un worup schall ik dat sien?«

»Denkst nicht mehr dran, daß ich dir vor ein paar Wochen gesagt hab', als das Eichhörnchen dich gebissen hatte? Du möchtest bald in die Reih' kommen und ich hätt' mit dir zu reden. Erinnerst du?«

»Büschen«, sagt ich. »Weißt Muhme, da liegt das Fieber zwischen heut und damals. Und meine erschreckliche Angst, es könnt' eine schwere Blutvergiftung geben, weil das Tier so böse und gereizt war.«

Das sagt ich recht mit Behagen, denn das »gereizte Tierlein« saß mir just gegenüber. Aber nur den Bruchteil einer Minute, dann fiel ein schwerer Eichenstuhl um und es sauste hinaus und ballerte die Tür, daß wieder der Kalk von der Decke fiel. »Ich muß das Amei wahrhaftig in eine ›Benehmichte‹ tun«, meinte die Muhme geruhig und klopfte sich aus ihrem Haar den Kalk, der ihr just auf den Kopf gefallen war.

»Hast nicht selber Schneid genug?« fragt ich. »Ich helf gern mit.«

»Duuu?«

Es klang recht unehrerbietig. Aber ich werde mich doch nicht mit der Güte selbst zanken. So war's eine Weile still zwischen uns.

»Ein Achtzehnjähriges kann man nicht schlagen. Da hilft überhaupt nur Beispiel von andern Deerns«, bemerkte die Muhme nachdenklich. »Ein vornehmes Haus muß es sein. Freilich wird der General wettern.«

Ich kriegte auf einmal ein elendes Gefühl unter der linken Westenklappe. »Wir lassen sie hier!« entschied ich. Und ich hätte den abwesenden General nur gleich so umarmen mögen, bloß weil er wetterte gegen so eine »Benehmichte«.

Die Muhme sagte nichts weiter, woraus ich entnahm, daß sie ihren Dickkopf durchsetzen würde. Und dann kam das, was sie mir schon vor Wochen hatte sagen wollen.

»Wien, der Doktor Jochen Sleef hat sich schon damals angemeldet und er kann nun bald eintreffen.« – Er schwimmt schon mit dem ›Kolumbus-1492‹«, sagt ich so vor mich hin. Rein wie verblödet. Aber sie sollte um die Welt nicht merken, daß ich auf einmal so schwer atmen mußte. Muhme Kordula war auch so in Gedanken, sie hatte wohl die Jahreszahl gehört, wußte aber nichts damit anzufangen. Vielleicht hatte sie auch grade gefehlt, als Amerika drankam. Aber sie sah mich gütig an. »Du bist sehr müde, Wien. Geh' jetzt ins Bett! Hast brav geschafft. Vielleicht kommen schwere Tage für uns, ich weiß ja nicht, was für ein Herr der Jochen geworden ist. Als Bauer kann ich mir ihn nicht denken. Und wie er sich zu dir stellen wird ... Wien, wir zwei bleiben die Alten.«

»Jawohl, Muhme. Spießgesellen sind wir. Up ewig ungedeelt.« Sie lächelte ein ganz büschen.

»Unter Spießgesellen hab' ich mir eigentlich immer Räuber und Mörder vorgestellt«, meinte sie. »Aber bei deiner Größe, Wien, und deinem Gewicht gehen auch deine Begriffe ins Ungeheuerliche. Geh' schlafen, Wien!«

Ich gehorchte, wenn auch nicht wörtlich. Mit großen, wachen Augen lag ich in meinem Riesenbett, das die geräumige Stube beinahe ausfüllt. Wie hätte ich schlafen sollen? Die Gedanken kamen und gingen. Und draußen heulte der Heidesturm. Nebenan in ihrem Wohnpeselchen sang die Raudi: »Rose rot, Rose weiß, was wird aus dir und mir?« Die Deern hat solch' weiche, liebe Stimme, sie paßt nicht zu ihr. Gar nicht. »Für die Zeit, wo du g'liebt mi hast, bedank i mi schön, und i wünsch, daß dir's Anderswo besser mag gehn!«

Wünsch' ich ihr nun gar nich. – Sie soll erst mal den lieben Gott erkennen lernen. Ganz drunter durch muß sie. Aber hier bei uns.

Dann hörte ich, wie sie in Büchern kramte. Etwelche fielen mit großem Gepolter herunter. Das waren die dicken Klassiker, die machen solchen Lärm. Und dann hub sie an laut zu deklamieren. Mit der »Glocke« ging's los. Da hört ich noch ärgerlich zu, – sie kennt ja keine nachbarliche Rücksichtnahme. Aber dann hatte sie den Tscherkessenfürsten von Freiligrath angepackt, und richtig, sie machte auch noch das Fenster auf, und donnerte die Worte in die Heide hinaus, alle Hasen müssen Reißaus genommen haben: »Nicht käuflich sind mir drum mein schuppig Panzerhemde und meine Freiheit und mein Haß!« – Da bin ich eingeschlafen.

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