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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Sleefkamp, den 3. Februar 19 ..

Heute hat mir der Herr Pfarrer was Närrisches gesagt. Der Jung, der Raudi, der 'ne Deern ist, und den ich auf fünfzehn Jahre schätzte, hat schon drei Jahre mehr auf seinem Taufschein. Es kann gar nicht angehen. Ist aber verbrieft, besiegelt und hell wahr. – Und ich hab' mit der Konfirmation der Teufelsdeern geliebäugelt. Nicht daß ich glaubte, sie könnt' aus einem solchen Ungedeih einen Engel machen – aber doch wenigstens etwas Botmäßiges. Aber was die Taufe nicht zuwege brachte, da versagen denn auch wohl alle anderen heiligen Gebräuche. Also tausend Wochen alt. Und hat mir heute das neue Pferd zu schanden geritten. Wie es da in den Hof hinkte, schweißbedeckt mit schlagenden Flanken, das schöne Tier – – – als ob's ein Wettrennen unter einem Schinder von Jockey gemacht hätte. – Ich mußte wahrhaftig meine Hände ineinander verkrallen, um diese Generalsdeern nicht aufzuheben und in den Dorfteich zu schmeißen. Oder wenigstens in die Mistsotte, da hätt' sie ja wieder rausgekonnt. Zum Mörder will ich nicht werden an so 'nem Flederwisch. Herrgott nochmal! Am meisten ärgere ich mich ja, daß ich mich ärgere. Ich ernsthafter Mensch schäme mich vor mir selbst. Sie, die Amei, Er, der Raudi, Es, das Ding, tut so gottlos gleichgültig. Oder ist sie verstockt? – Letzteres wäre weniger schlimm. Für Verstocktheit kann so ein Junges nicht, wenn nüms ihr gesagt hat, daß man dagegen ankämpfen muß. Aber Gleichgültigkeit gegen leidende Tiere ist gemein. Eine Sleef aber soll nicht gemein sein. – Ich hoffe also, daß sie bis in die grawe Grund verstockt ist.

Einen Tag später.

Als ich heute aus dem Stall kam, saß Raudi mit Muhme Kordula beim Frühbrot. Ich sagte: »Der Tierarzt meint, ich müsse wohl den Revolver herholen ...

Da schrie sie gellend auf. Und warf beide Arme über den Tisch und weinte herzbrechend. Also doch nicht verstockt. Und auch nicht gleichgültig. Wo tue ich das Ding hin? Ich weiß nirgends solch ein Lebewesen. – Als der Bock sie nicht mehr so arg stieß, sagte sie: »Muhme Kordula, gibst mir nochmal ein Pferd? Nach der Kreisstadt reit' ich. Euer Tierarzt hier ist ein Kamel. Ich weiß was Gescheiteres.«

»Mußt den Wien fragen, wenn du einen Gaul haben willst«, meinte die Muhme. »Also?–« fragt das Gör, weiß bis in den Mund hinein und stellt sich dicht vor mich hin.

›Bosnickel!‹ dacht' ich, und war doch selbst einer. »Einen Gaul können Sie haben«, sagt ich. Und warf ihr das »Sie« büschen wie'n Schimpfwort an den Trotzkopf. »Aber Sie werden uns zu teuer, wenn Sie auch den zur Strecke bringen ...«

Gott bewahr mich, daß sie mich je wieder so ansieht, wie auf meine garstige Rede. Denn dann muß eins von uns vom Hof, und das wird dann wohl der Knecht sein ...

Ich sah noch die Funken stieben, als der »Kismet« über das Kopfpflaster fegte. Teufelsdeern! Sie hatte ihn nicht mal gesattelt. – Hab' nicht gewußt, daß auch Teufelsdeerns einen Schutzengel haben. Voll Unrast wollt' ich hinter ihr drein. Muhme Kordula hat's nicht gelitten. »Es geschieht ihr nix«, sagte sie so fest, als hätte sie's schriftlich vom Herrgott.

Zwei Tag später.

Ist ihr auch nichts geschehn. Sie kam mit dem Doktor zurückgeritten. Als ich vom Revolver sprach, zeigte er auf seine eigene Stirn. Aber das traf mich nicht. Denn ich war Tag und Nacht nicht vom kranken Gaul gewichen, da hätt' schon Matthäi am letzten sein müssen, ehrer ich ihn aufgab. Und ist der Ajax wahrhaftig auf der Besserung – aber jetzt liegt die Deern, der Raudi. Fch kenn mich nicht aus. Die Muhme Kordula ist auch sone echte Heidjerin. Nicht mal mit 'ner Zange kann man Wörters und Geschehnisse aus ihr herausziehen. Den Kreisarzt Dr. Kraatz ließ sie holen. »Was sagt der Doktor?« frag' ich.

»Welcher?« fragt sie dagegen.

»Der für die Menschen«, sagt' ich und lach' etwas spöttisch, denn es war wie'n Ärztekongreß bei uns, den so studiertes Volk manchmal abhält. »Der Dr. Kraatz hatte es eilig«, sagt sie. »Hat mir nur zugerufen: Nix gebrochen, nur arg zerschunden. Hast noch Arnikasalbe, Wien?«

»Für wen?«

»Frag' nich so dumm. Für's Amei.«

Für's Amei – – –! Wenn ich den Namen hör', werd' ich schwach. – Aber ich straffte mich mit aller Gewalt. Denn verwöhnen soll man das ungute Bäslein nicht, die mir den Knecht allstunds unter die Nase reibt und doch so vertrackte und widersinnige Geschichten macht, wie mit dem schönen Gaul. Präparierte mich also inwendig auf eine moralische Erzählung, wenn wir einmal wieder beisammen wären zum Abendbrot. Die Deern blieb aber unsichtbar.

»Bin ich ihr im Weg?« fragt ich heute kurz, »denn kann ich ja auch mit den andern Knechten essen.«

Muhme Kordula blieb gelassen. Sah mich nur fragend und eindringlich an. Und hatte einen Zug um den Mund, als wollt' sie anheben mit Weinen. Hat aber wohl ihrer Lebtag nie geweint.

»Bei euch Mannsleuten ist man auch nüms sicher vor Zufällen und Anfällen und ungereimten Zeugs. Ich verhoff, daß du keinem Menschen im Weg bist, am wenigsten jemand, den der Herrgott beutelt und züchtigt, weil er ihn gar so lieb hat.«

»Muhme Kordula, ich hab' nicht chaldäisch studiert.«

»Das seh ich, und verlangt auch kein Mensch. Aber Deutsch könntest schon verstehen und wissen, was auf dem Hof so bei klein ›belebt‹. Die Knechte sprechen doch von weiter nix, und die Dienstdeerns rabantern desgleichen.« Ich war schon beinahe in Siedehitz. Hätt' auf den Eichentisch schlagen mögen, was nicht angehen kann im Sleefkamp.

»Weißt Muhme, die Folter hat der alte Fritz schon abgeschafft. Sag's doch mal rasch heraus, was los ist – sag's wie meine Mutter Amei und nicht wie die Heidjerin Kordula ...

Sie lächelte ein klein wenig. »Aus seiner Haut kann man nich raus alter Wien – aber ich seh schon, dir muß man upstunns aus dem Traum helfen. Die Amei hat bösen Fall getan neulich mit dem Gaul. Und wenn auch nichts gebrochen ist, so ist sie doch geschleift worden zum Gotterbarmen. Gescheut hat der Gaul damals urplötzlich vor der großen weißen Scheibe, auf der du dich büschen einschießen wolltest – ja – und wie noch ein Hase aufgesprungen ist, da ging er durch.«

Muhme Kordula ging auch durch. Verließ mich plötzlich und stieg zur Amei hinauf. Mein Gesicht hat sie wohl verstört. Das sieht niemalen gut aus, aber wenn's verzweifelt schaut, dann mag's wohl eine ganze Grimasse und Karrikatur sein. Bin ja ein Kinderschreck – und nächstens fang ich an zu hadern mit dem Geschick. Also das Amei gar nicht schuld an dem Unglück. Und ich hab's ausgelümmelt. Red' vom Tierschutzverein und bin selbst der größte Schinder. Und anstatt mit meinen Mitknechten mal zu schnacken, bleib' ich heidjerisch – dickschädelig für mich. Stur und verbast. Das ist schlimmer als der verschrockene Gaul, der vor meiner eigenen Schießscheib' und vor einem Hasen hochgeht. Und schleift solch zartes Dinglein durch die Landschaft, durch Heid und Ried, durch Busch und Dorn. Aber er hat sie nicht unschuldigerweis' ausgelümmelt, das tat Wien Sleef, der Knecht. Und wieder kam mir der Jähzorn hoch, und ich hätt' mögen den Gaul totschießen ...

»Stehst immer noch da?« fragte Muhme Kordula, die just wiederkam. Sie paffte an einer großen Zigarre. War wieder mal nicht im Lot, die Gute.

»Wien, wenn du um jede Schramme, die sich eine Deern up'n Hof holt, eine Stunde Dienst versäumst, dann wirst bald mit 'nem weißen Stab abziehen«, meinte sie unwirsch.

Da stellte ich mich dicht vor sie hin. »Es ist mehr als eine Schramme, gelt Muhme Kordula? Sag's mir – und ich mach' Überstunden und arbeit' mir die Schwarte vom Leibe für den Hof.« – Die Hände faltete ich, der große, alte, ungeschlachte Mensch wie ein kleines Kind. Bittend stand ich vor der Anverwandten wie vorm Herrgott.

Da weinte sie. Und es war jämmerlich anzusehen, denn die Tränen waren ihr knapp geworden.

»Mien olen Wien«, sagt sie. »Wir haben kein' Gewißheit. Erst war noch nix zu klagen. Ist auch nichts gebrochen. Aber die Hände verstaucht und die Ringelhaare in ganzen Büscheln ausgerissen und überall geschunden, wie beinahe ein Märtyrer aus alten grauen Zeiten ... Und gerade das Schinden ist ihr so schmerzlich.«

»Glaub' ich«, sagt ich, und fühlte alles mit. Fühlte aber besonders stark, was für ein elender Hund ich bin, weil mir der Gedanke hochkam, daß Gottes Mühlen manchmal auch rasch mahlen, und die ausgerissenen Haare wohl die prompte Straf' seien für die, die ich in ihren Fingerlein lassen mußte ... Und kaum hatt' ich den Gedanken ausgedacht, setzt doch die Muhme hinzu: »Sieht erbarmungswürdig aus, das Kleine, aber sterben wird's noch nicht. Ihre Bosheit und übel Wesen hat nicht gelitten, denn in all ihren Schmerzen faucht sie: »Muhme Kordula, ich muß fix gesund werden. Sonst högt sich der Kerl, der Knecht, in seiner verdämmten öwerspönigen Gerechtigkeit, weil ich ihm mal ein paar von seinen Borsten ausgerissen hab'. Igittigitt – ich hasse ihn!« Und nun schläft sie. Was sagst dazu, Wien?«

Ja, so ist sie, die Teufelsdeern. Mit einem Fluch auf den Lippen und einem Haß im Herzen kann sie schlafen. Sie taugt nichts. Aber auch gar nichts. Denn es ist grundschlecht, einen in Zorn hineinzuhetzen und in üble Beschuldigungen, weil man eben meint, sie hat den Gaul zuschanden geritten. Und dann ist sie unschuldig und sagt nichts, und läßt einen aufrechten, großen, alten Mann von sechsunddreißig Jahren sich schämen. Wie gesagt, Teufelsdeern! Und ich kann kaum die Zeit erwarten, bis ich tot bin, damit die ganze Sippe liest, wie ich mich freue, daß die Deern mich haßt. So – und da ist mir eben so eine Freudenträne auf's Pergamentene gefallen und hat die Schrift verwässert.

In so einem Freudenzustand ist's am besten, man geht in den Wald und in die Heide. Die ist immer schön und gewaltig, ob sie nun grün daliegt oder braun, oder in leuchtend roter Blust, deren Anblick und Geruch die Menschen und die Bienen taumeln läßt vor Lust.

Ich lauf' auch hinaus, damit ich mir den heißen Kopf verkühl, und ich hör' Trompetentöne, als würde zum Jüngsten Gericht geblasen. Sie tönten aber falsch, und daran merkt' ich, daß sie irdisch waren. Und nach jedem geblasenen Vers – ich kannte das Soldatenlied wohl – setzt eine versoffene Mannsstimme ein und kräht just: »Aber nain aber naiiin, sie hasset mich.« Ein Bettler am Weg war's, und ich stürz' wie unklug auf ihn zu und schrei: »Hörst auf, oder ich schlag' dir die dammliche Trompete auf deinem dammlichen Schädel entzwei.«

Da glaubte er, ein Verrückter steht vor ihm. Weil ich ja schon normalerweise schreckbar aussah, und nun gar in Wut. – Und er hebt ein Rennen an und ich hinterher, denn ich wollt' ihm ja eine blanke Mark schenken, die ich immer als Talisman in meinem Sack trag'. Und wie er die Mark endlich in Händen hält und sie atemlos betrachtet, da sah ich erst recht, daß er mich für verrückt hielt. In einem Wachholderstrauch hat er sich vor mir versteckt.

Morgen wird das ganze Dorf und noch ein paar Gewese mehr wissen, daß Wien Sleef, der Knecht auf dem großen Sleefkamp, seine Fünf nicht mehr beisammen hat. Und der Stromer wird viel Geld verdienen. Denn wenn ein Heidjer eine Neuigkeit hören kann, da gibt er gern einen Groschen aus. Wo sie herkommt, das ist ihm einerlei. Sie muß nur Hand und Fuß haben. Und glaubhaft sein. Selbst die schönste Wahrheit, verbrieft und versiegelt – wenn sie nicht glaubhaft ist, nimmt er sie nicht an. Aber daß Wien Sleef verrückt ist, es immer war, oder auch erst geworden ist, das hat Hand und Fuß und sieht der Wahrheit verteufelt ähnlich.

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