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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 79
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Dierkhof, 6. Dezember 19 ..

Heute kam Freund Landjäger auf's Feld geritten, wo wir bei den Rüben zugange waren. Ich sah flüchtig zu ihm auf. Wie lästig sind mir alle Menschen! Und doch hatte ich eine zage Freude, als ich sein ehrliches Gesicht sah.

»Man sieht dich gar nicht mehr, Wien«. Es tönte vorwurfsvoll. Ich sah ihn länger an. »Ist der Heidesturm auch über dich gegangen, Wien? Ich dacht', er hätt' nur die Felder verwüstet.«

Die Winterrüben brauchten nicht so viel Aufmerksamkeit, als ich ihnen gab.

»Hör doch mal auf, Wien!« rief Arne Brodersen ungeduldig. »Das da kann jeder Knecht tun.«

»Ich bin Knecht.« Er hat mir die Hacke aus der Hand genommen und an einen Karren gelehnt.

»Was willst von mir, Arne Brodersen?«

Eine ganze Weile zögerte er. Dann sagte er leise und schwer, und hat meinen Arm fest an sich gedrückt: »Du sollst deinem jungen Weib befehlen, daß es wieder in dein Haus zieht.«

»Worein mischst du dich?« fuhr ich ihn an. Er zog seinen Arm aus dem meinen, blieb aber ganz ruhig.

»In die ureigenste Angelegenheit meines liebsten Freundes!« Ich wurde ruhig unter seiner warmen Stimme. »Sieh Wien, wir beide gehören doch zusammen, meinst nicht? Ganz eng!«

»So laß die Amei aus dem Spiel!«

»Die Amei gehört zu dir! Gehört nicht mehr drüben dem Sleefkamp.«

»Weiß Gott nicht«, lachte ich unfrei. »Nirgends gehört sie hin, die eische Deern. Deshalb ist sie mit dem Vater erst mal in die weite Welt gegangen. Sie hat ja kein Kind, Arne, weißt – – kein Kind – gestorben ist es uns – – Arne – – so ein Kind hält die Mutter fest – Arne – die Amei hat nichts, was sie festhält – – –«

Da war er wieder, der wahnsinnige Schmerz, und ich wußt', daß ich doch noch ein Herz hatte – das schrie – schrie – – –

»Ich versteh dich nicht, Wien«, hat der Landjäger gesagt und meinen Arm wieder an sich genommen. »In die weite – Welt sagst du? Liegt der Sleefkamp in der weiten Welt?«

Ich wollte verdutzt zurückfragen, aber der Arne Brodersen war jäh erblaßt und sah mich verstört an.

Da kam mich ein Grauen an. »Was weißt du von der Amei?«

»Wien – – – sie ist drüben im Sleefkamp.«

»Allein?«

»Wo denkst hm, Wien! Mit dem General ist sie dort und mit der Großmutter, und – und – ja mit dem Jochen Sleef.«

»Ja, und –?«

»Wien, sieh mich nicht so entsetzlich an. Ich hab es doch gut gemeint – – –«

»Das weiß ich, Arne Brodersen. Und die Amei kann sein, wo sie will, und so lang fortbleiben, wie sie will, sie gehört doch mir, mir, mir! Nie wird eine Sleef untreu. Nie Arne, hörst? – Und – – ja, und nun muß ich wieder zu den Rüben.«

Ich riß mich los und holte weit aus mit meinen Schritten. Aber der Freund blieb neben mir. Uns kam beiden nicht in den Sinn, daß ich etwas Lächerliches gesagt hatte.

»Bleib stehen!« herrschte Arne mich an. Wie er wohl einen Häftling anschrie, wenn der ihm entwischte. »Ich will hier nicht als Klatschbase vor dir bestehen, sondern du sollst meine Angst spüren. Die Leut' reden lange drüber. Ich hab sie auf's Maul geschlagen mit harten Worten. Aber das wispert natürlich weiter am Biertisch und am Waschfaß. – Hol' die Amei zu dir, Wien, lehr' sie Mores!«

»Die Amei hat mehr Mores, als wir alle zusmmen!«

Ich hatte die Hacke schon wieder an mich genommen. Ich dachte beim Arbeiten: Fragen mußt du den General, warum er nicht auf Reisen ist – – –

Arne Brodersen ist von mir gegangen. Ich hab ihm nachgewinkt, er ist mein Freund, mein' Sach' ist sein' Sach'. Aber er ist mit zu viel Spitzbuben immer zusammen. Das soll wohl mißtrauisch machen.

Als ich zur Vesper in den Wohnpesel trat, schrie Lütt-Birgitt erbärmlich in ihrer Koje. Ich ging hinein und beruhigte sie, trug sie auf meiner Schulter, daß die Händchen an die Decke langen konnten. Da lachte das Kind und ich mit.

Ich sah die alte Gesine in die Küche treten. Vom Hof her kam sie gewatschelt.

»Jesus, der Wien lacht!« verstaunte sie sich. Aber sie sah böse aus. »Du hast auch grad Ursach' zu lachen, Wien. Aber freilich – eh' bei dir was vom Herzen zum Verstand steigt, da braucht es lange Reise.«

»Ich möchte vespern«, sagte ich kurz.

»Steht alles drüben«, eiferte sie. »Iß nur gleich, Wien! Ich besorg derweilen das Kind, daß es zum Schlafen kommt. Tät ich dir vorher erzählen, was ich weiß, tät es dir den Appetit verschlagen ...«

Als sie nach langer Zeit wiederkam, stand ich noch auf demselben Fleck. Hart packte ich ihr Handgelenk.

»Laß los und pack' andere an!«, greinte sie. Aber ich zog sie in die Eßstube, wo alles noch unberührt gerüstet stand. Auf die Bank, die rund um den Kachelofen läuft, haben wir uns gesetzt. »Erzähl, Gesine! Dir stößt es das Herz ab und ich hab' keinen Hunger mehr. Aber erzähl', bis du zu Ende bist, damit du's los bist. Ich hab' kein Gusto drauf und kein Interesse dran.«

Verbast sah sie mich an. »Den Gusto glaub' ich dir, den Interess' nich«, meinte sie orakelhaft. »Wien, – Wien. – Entweder ist der liebe Herrgott eingeschlafen, oder – – –«

Ich winkte ab.

»Wien, die Welt ist schlecht. Sie sagen alle, aber auch alle, die Amei hält's mit dem Doktor. Wien, sie sind allstunds miteinander gegangen. ›Im Wald und auf der Heide‹, weißt ja, wie das Lied geht. Und Leute – ja Wien, ich hab's auch gesehen, wie er auf sie drein geredet und beschworen hat, und wie sie dann still zugehört. Und einmal haben sie auch gelacht miteinander, das hat mir am schlimmsten getönt. Denn der Sleefkamp hat nichts mehr zu lachen – das is vorbei.«

Da hab' ich sie doch unterbrochen. »So schlimm steht's?« brachte ich heiser heraus.

»Freilich jo! Kühe haben verkalbt, die Schweine haben Rotlauf. Weißt Wien, daß ihm zwei Pferde an der Kolik draufgingen? Die Frau Muhme Sleef hult Tag und Nacht, aber still in sich hinein. Solch' Tränen fressen am meisten. Sind helles Gift. Aber daß dich der Herr Jochen bittet, rüberzukommen – Gott bewohr – das leidt der Dickschädel nich. Grad wie deiner.«

»Schweig, Gesine!«

Die treue Obermagd war außer sich. »Ich will reden, Wien«, tobte sie. »Sleefkamp-Ehr is mein Ehr. Als du noch im Mutterleib lagst, hab' ich schon Kraft und Gesundheit für den Sleefkamp gegeben allstunds.«

Ich hab' ihre zitternde Hand gefaßt und sie gestreichelt. Da wurde das brave Weib ruhiger. »Der Doktor is nur noch ein Schatten«, redete sie weiter ohne Punkt, noch Komma. »Was er auch anfaßt, es gedeiht nichts unter seiner Hand. Es fehlt ihm was – – – und Gott verzeih mir die Sünd, ich glaub', es ist die Amei ...«

»Die ist aber nun wirklich fort mit dem Vater, nachdem sie so lange herumgegeistert hat mit dem Doktor in der Heide ...« Ich legte ihr meine Hand auf den Mund. »Schweig, Gesine, es tut dir später leid.« So ruhig sagte ich, daß sie anhub zu weinen.

»Ein Engel bist, Wien. Wer dich betrügt, kommt in die Hölle.«

»Es betrügt mich niemand, Gesine.«

Sie stand auf. »Iß etwas«, bat sie herzbeweglich.

Ich winkte ihr, und sie räumte erschrocken ab. Ich saß noch eine Weile auf der Ofenbank. Hatte die Hände gefaltet. Wie mir zumut war, was in mir vorging, weiß nur Gott.

Ich ging in den Stall. Nicht den Kismet hab ich gesattelt, der gehört der Amei. Nicht »Donner und Doria«, denn zu meinem Weg wollt' ich Segen haben und kein Fluchen. Den Ajax zog ich aus der Box. Das war kein Renner, aber ein verläßlich Tier. Verläßlichkeit! Wenn sich erst jeder Mensch auf den andern verlassen kann, dann ist das Paradies da.

Tetje Bur und den andern Knechten sagt ich Bescheid. Ganz langsam ritt ich auf den Sleefkamp. –

Sieh, ich reite durch die Heide,
Kommst du mit?
Braun wie Rost steht's Heidekraut
Und die Birke traurig schaut ...
Hunderttausend Regentropfen
Hör' ich klopfen ...

Ja, so war es von außen. Aber innen war Freude, nur Freude. Als ich durch die Einfahrt ritt, wieherte der Ajax. Und da stand Muhme Kordula in der Fleettür.

»Gott sei gedankt, du bist da, Wien!« rief sie. Glückselig, wie eine junge Deern, die den Liebsten lange erwartete. Und wenn man so begrüßt wird, dann lacht die Sonne, wenn auch hunderttausend Regentropfen klopfen.

Ich stieg vom Pferd, ein Junge nahm es mir ab. Die Muhme faßte meine Hand fest, als wollt sie mich nimmer lassen: »Willst ihn sehen und – sprechen, Wien?« Und gleich darauf: »Da ist er schon!«

Ja, da stand der Dr. phil. et rer. pol. Jürgen-Jochen Sleef. Krank und elend, aber wohl doch nur vergrämt. Er streckte mir beide Hände hin. »Habt ihr mich erwartet?« fragte ich still, als wollt ich nichts aufwecken.«

»Freilich«, sagte Jochen spöttisch wie immer. »Aber gestern tat ich meine größte Weisheit kund: der Wien ist der dümmste Heidschnuck, den es gibt – der kommt erst, wenn es mir ganz dreckig geht. Das ist nun heut eingetreten – das letzte Pferd gefallen – und von mir sagt Doktor Kraatz – – –«

Die Muhme wandte sich ab – und ich zog meinen »Spezi« an meine breite Brust.

»Doktor Kraaß sagt gewiß, daß ich dir gefehlt hab, Jochen, und daß wir beisammen bleiben müssen – – –«

Mir brach die Stimme.

»Ist er nicht ein Tölpel, Muhme Kordula? Wird er je gescheit?« fragte Jochen. Er mußte sich in den Ohrenstuhl setzen. Krank ist er, der arme, liebe Kerl. Das kann alles besser werden. Ich bringe ihm Freude, so wahr mir Gott helfe. Und »Freude treibt die Feder in der großen Weltenuhr.«

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