Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felicitas Rose >

Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 78
Quellenangabe
pfad/rose/wienslee/wienslee.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081208
projectid9a63d6f8
Schließen

Navigation:

Dierkhof, 24. November 19 ..

Der General striegelte eigenhändig sein Pferd, als ich heut in den Stall trat. Er sah alt und vergrämt aus. – Und schier hätt' ich lachen können, als er anhub: »Siehst schlecht aus, Wien – es kann einen Hund jammern.«

»Ich geb das Kompliment zurück«, sagt' ich verbissen.

»Und weiter hast du nichts für mich?«

Hochaufgerichtet stand jetzt der alte Haudegen. Der General. Die Exzellenz! Die sich herabließ zum Knecht und von dem Lümmel zurückgewiesen wurde. Aber nicht ein Atom Weichheit war in mir, trotzdem ich danach rang, daß mein ganzer Körper weh tat. Ich dachte: »Es ist ein Fluch, ein Heidjer zu sein.«

»Wenn ihr auseinander wollt, du und die Amei, dann sagt es!« Die Kommandostimme klang wie zersprungenes Glas. »Es ist Unrecht, euch zu quälen. Ich zieh wieder zurück nach Hannover und nehme mein Kind mit. Den Jähzorn hab' ich ihr vererbt. Deshalb ist's Unrecht, daß ich so hart mit ihr war.«

Meine Hände waren ineinander verkrampft. »Herrgott! Ein gutes Wort leih mir, daß ich es diesem Vater gebe, der mir sein Kind anvertraute.« Aber Gott lieh es mir nicht. – So mein ich. – Ist's anders, muß ich in die unterste Hölle hinunter ...

Es ist gut, daß ich diese verläßlichen Insten habe auf meinem Gewese, das ja nicht mir, sondern Lütt-Birgitt gehört. Vertrauen hat mich da hingesetzt. Ob wohl die Großeltern mit mir zufrieden wären, wenn sie das Gedeihen sähen? Wohl sicher. Aber ich bin nicht zufrieden mit mir. Man soll eine Sache mit dem Herzen tun, und ich zergrübel mir meinen Verstand drum. Denn mein Herz ist ja im Sleefkamp.

Nun hab ich den Mut aufgebracht, das hinzuschreiben. Diesen letzten Satz. Ja, der närrische, unruhige Muskel, den sie »Herz« nennen, ist mir aus der Brust entlaufen, da ich den Sleefkamp verließ. Hat sich dort wieder eingewurzelt, wo die Ahnen gelebt, geschafft, gedacht und geliebt haben. Deshalb bin ich so ein öder Geselle. Hab' kein Herz.

Heute las ich ein Gedicht. Im Kalenderbuch stand es und riß die ganzen zwei Meter und drei Zentimeter, die sich Wien Sleef nennen, zusammen. Es ist schon arg schlimm, wenn ein Knecht Gedichte liest. Aber es war ja auch nur eins, und so ein seltnes. Und der Kalender ist ja das Brevier des Bauern. Der Großvater in Bayern hat mich schon »Kalendermacher« genannt, als ich noch ein kleins Bübel war. Weil ich allstunds sinnierte. – Das Gedicht von heut krieg ich nicht aus dem Sinn: »O wüßt ich doch den Weg zurück, den lieben Weg ins Kinderland ...«

Und ich schau über den schmucken Dierkhof, und schau nach dem Ausgedinge, wo mein junges, schönes Weib wohnt, und kann doch nur stöhnen: » Rings öder Strand

Dierkhof, 1.Dezember 19 ..

»Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter.«

Im Ausgedinge wird gepackt. Der General will ernst machen und mir mein Weib entführen, das seine liebe Tochter ist. Weil mein Herz im Sleefkamp wurzelt, regt sich nichts in meiner Brust bei diesem Abschied. Diese Wahrnehmung ist wohl das Ende. Als das Glöcklein auf der großen Scheune bimmelte und so recht heiser rief: »Kommt, kommt, kommt!«, da dacht' ich: Willst hinüberlaufen zum Mittagessen, wenn du auch keinen Bissen hinunterwürgen kannst. Denn vielleicht macht dich der Anblick eines blassen Gesichtchens weich, und du kannst hinausschreien: »Jesus, Amei, was ist aus uns beiden geworden! Pack aus, pack aus, Amei, bleib hier, wir wollen wieder unser Leben neu zimmern!«

Aber die Amei kam nicht zu Tisch, und das ernste Gesicht des Generals machte mich nicht weich. Wir aßen schweigend, die Schüsseln trug man wieder Viertels geleert hinaus. Muhme Kordula war bei der Amei geblieben.

Als wir Männer uns die Hände reichten, bracht' ich heraus: »Gott befohlen, Vadder Sleef!«

»Auch so viel«, gab er auf gut heidjerisch zurück. »Aber Wien, ich glaub' nicht, daß der Herrgott sich viel kümmern wird, er hat wohl auf uns vergessen. Dickköpfe mag er nicht.«

»Wohin gehst du?« fragt' ich.

»Wohin wir gehen? Amei muß in andere Umgebung. Wir holen dann später nur unsern Urväterhausrat« – – – »Sagtest du etwas – Wien?«

Wie hätte ein Heidjer jemals etwas sagen können, wenn eine Welt zusammenbrach?

Am Abend fuhr ein Wagen donnernd über das Kopfpflaster des Ausgedinges vom Dierkhof. Das Grollen der Räder verlor sich im weichen Heidesand. Muhme Kordula hatte man mitgenommen – sie fuhren ja am Sleefkamp vorüber ...

Allein. Wien Sleef, du warst ganz allein. – – Dir gehörte nur die spätherbstliche, weite, einsame Heide. Ihre braune Unendlichkeit grüßte und raunte zu dir hin. Fledermäuse strichen darüber. Im nahen Moor am Waldrand krächzten die Krähen.

Wien Sleef, du bist allein. Aber keine lösende Träne trat in dein Auge. Dein sturer Nacken beugte sich nicht. Heidjer du!

In der Tür, die zum Fleet führt, stand Tetje Bur, dein braver Mitknecht, der dich doch als Herrn ansieht, weil du ein »Sleef« bist. Seine treuen Augen sahen fragend, scheu und teilnahmsvoll auf dich.

»Morgen fangen wir mit den Winterrüben an«, sagtest du, Wien Sleef. Weiter nichts. Und gingst mit schweren Schritten in deinen Schlafpesel und schlugst die Tür hart hinter dir zu. – – –

 << Kapitel 77  Kapitel 79 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.