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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 74
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
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Dierkhof, den 4. November 19 ..

Der Jochen läßt nichts von sich hören, die Muhme Kordula auch nicht, und Vadder Sleef will nicht nach dem Sleefkamp reiten, will nicht »aufdringlich« sein, wie er sagt. Da zerrte mich heute die Amei einfach am Ärmel vom Felde fort, wo wir mit Rüben zugange sind, dem Dierkhof zu. Muß ein hübscher Anblick für die jüngeren Knechte gewesen sein, wie der Riesen-Wien degradiert wurde zum Hundchen, das hinter der Herrin herläuft. Aber die Leute auf dem Dierkhof haben die gleiche Disziplin wie auf dem Sleefkamp, sie stehen stramm und verziehen keine Miene.

»Du bist nicht umsonst Unteroffizier gewesen«, sagt Vadder Sleef. Aber das ist's nicht. Und wenn's nicht verrückt und weibisch klingen tät, würd' ich sagen: »Die Leut' haben mich lieb.« Da steht's. Und Gott Dank, niemand liest die Worte, bis ich tot bin. Dann schiert's mich nicht mehr. – Ich lief nur gehorsam mit, weil mein Weib so blaß ausschaute. Ich dacht', es wäre gar ein Schlaganfall plötzlich zugange, beim Vadder Sleef, oder bei Muhme Kordula. Aber sie halten sich beide nicht mit so was auf. Tetje Bur vom Sleeftamp stand im Wohnpesel, und Amei herrschte ihn an: »Nochmal erzählen!«

»Dschaaa«, murmelte Tetje in seinen struppigen Bart und versuchte ihn mit der Pfeifenspitze auseinanderzustreichen, was aber bei den Borsten nicht verfing: »Wat schall ik da grot vertellen?« Und dann stammerte er auf Missingsch weiter, denn die Amei, die Stadtpflanz' kann das Platt schwer meistern und verstehn. Tetje berichtete: »Wir war'n alle auf dem Felde hilde zugange, der Herr immer vörut, as sühst mi woll. Abers den Mund schmal, und düstere Ogens, und mit de Gedankens wo anders. Mit eins schmeißt er den ganzen Kram hin, un rennt in's Hus, as ob dat brennt. Un as he nich wedderkümmt, geh ik em jo nach. Da steiht he an sein hogen Sekletär, der mit die vielen Schübe. Un aus den einen Schub hat er son blinkriges Ding genommen – ich wußt wohl, was es war. Und der Herr sah jo ut, as ob er nix Guts vorhätt. Er putzte aber nur so dran rum. Und legte es auch mal vorsichtig hin. Ik paßte scharp up em. Mit einmal hob er's hoch, da hab ich ihm schon den Unterarm mit einem Griff geschnürt, und er ließ das Dings fallen. Ungeschickt fiel es, und der Herr mit, denn der Schuß hat ihm eine Zehe mitgenommen. Ich packt ihn, schleppt ihn auf's Bett, preschte zu Doktor Kraatz. Der nahm mich im Auto mit zurück. Da saß die Frau Muhme an Herrn Jochen sein Bett, wie wenn nix war, nur sehr weiß sah sie aus. Und jetzt ist der Herr schon eingefatscht, und noch ein zweiter Doktor ist da. Aber unnütz. S' geiht allens god. Blot – der Herr hat mir gekündigt, un ik bün doch veertig Johr up'n Sleefkamp ...«

Weil ihm die Stimme brach, steckte sich Tetje Bur die erloschene Pfeife wieder an, paffte ein paar Züge und fragte dann demütig: »Kann ik nu up'n Dierkhof arbetten?«

Ich war ganz heiser, als ich ihm Antwort gab. »Du bleibst auf dem Sleefkamp, basta. Wenn Doktor Jochen liegen muß, weiß er ja nicht, wer für ihn schafft.«

»Dann dank ik ok schön«, sagte Tetje und ritt heim. Der Glückliche! Er darf Heimat haben auf dem Sleefkamp.

Aus dem Schlafpesel kam die schluchzende Gesine und meine Amei hatte Lütt Birgitt angetüdert, und auf ihrem Arm sitzen. »Was wird denn nu jung«, frag' ich verbast, »und wo willst hin?«

»Zu Jochen!« sagt das dumme Kind Amei, und ist rot und zornig. »Sein Kind will ich ihm bringen, und will ihm sagen: Schämst du dich nicht? Pflichten hast du! Und sowas will sich aus dem Staub machen. Und wenn mir's Herz brechen soll – ich setz' ihm das Kind auf sein Bett.«

So sagt' meine Amei – und ich schau' sie an. Über Nacht muß sie gewachsen sein.

»Ich werd' einspannen«, sag' ich ruhig. Denn wenn eine blinde Henne mal ein Korn findet, dann soll man sie's auch ruhig aufpicken lassen. Und es war ja richtig, was sich das Kind Amei, mein liebes Weib, ausgedacht hatte. Ich hab' also Vadder Sleef Bescheid gesagt, und der wollte auch mit. Aber der Schreck hat ihm wieder den Hexenschuß gebracht, und ich mußt ihn der Gesine überantworten, die auch gleich aufhörte zu schluchzen. »Ich fatsch ihm schon«, meinte sie. Als ob der General ein Soggerpupp war.

Wir sind dahin gefahren, aber mir zitterten die starken, groben Hände vor Aufgeregtheit. Und die zarte Amei saß ruhig neben mir und sang dem Kind ein Lied nach anderen. Ich muß noch sehr alt werden, und weise dazu, ehe ich junge Weiber versteh.

Wir kamen zum Sleefkamp, und ich hielt gleich vor dem Altgedinge, wo der Jochen Hüsung hat. Muhme Kordula stand davor. Tetje Bur hatte ihr Bescheid gegeben. Sein schweißbedecktes Pferd führte er auf und ab.

»Es ist gut, daß ihr da seid«, sagte die Muhme kurz und schier zornig. »Es ist ein Jammer, daß alle Sleefs verrückt sind und nicht einer sich ausnimmt. Der Sleefkamp ist ein Narrenhaus.«

»Ist es schlimm?« fragte ich beklommen.

»Schlimm?« rief Muhme Kordula laut. »Doktor Kraatz sagt, der Jochen war' verrückt, aber der Blutverlust hätt' ihn noch knapp vor der Gummizelle gerettet. Angedonnert hat er den Jochen. Der liegt jetzt behaglich im Bett, wie 'ne überstandene Wöchnerin.«

Meine Amei hatte schon längst die Klinke heruntergedrückt und stand mit dem Kind an dem Krankenbett. Böse sah uns der Jochen an und trotz allem schlug – schlug mein altes Herz, als wollt' es schier zur Brust heraus. Die erste richtige Jubelfreud hatt' ich wieder, da ich den alten Freund sah. Und die Augen meiner Amei sahen mich immerlos an. Ihre Hände streichelten meinen Rock. »Ich versteh' dich gut, Wien – der Jochen kann dir mehr geben, als ich.«

Der Doktor Jochen lachte spöttisch zu uns hin. »Ihr echten Sleefs! Wahrhaftig sie kommen selb Dritt und bringen mir das Wurm. Es fehlt nur noch das Harmonium.«

Dann warf er sich zur Seite und stöhnte. Und hat nicht weiter mit uns gesprochen, bis wir fortgingen. Das Kind nahmen wir wieder mit. Lütt-Birgitt schrie, als wir sie vom Bette fortnahmen, und ist doch noch so lütt...

Heute hat uns Jochen sagen lassen, er wollt' uns nicht wiedersehn. – – –

Dierkhof, den 6. November 19 ..

Es muß ja wohl nun gut sein. Wenn das Leben vom Schicksal gezimmert wird, muß man stillhalten. Ich hab' mein Weib und die Amei hat mich. Glücks genug. Sie wird reicher und mütterlicher. Versteht auch allgemach, daß ich ihre jungen, wenigen Jahre respektiere. Und so zieht sie sich nicht mehr scheu, oder stachlich vor mir zurück. Auch meine mangelhafte Bildung scheint ihr nicht weh zu tun. Aber mich beengt sie oft.

»Wien, du weißt ja mehr als ich«, sagte sie heute, »und ich hab' doch die besten Lehrer gehabt, und du nur Dorfschulmeister.«

»Mußt nicht ›nur‹ sagen, Amei. Wenn wir beide alles wüßten, was so ein Dorflehrer weiß, dann könnten wir deckenhoch springen.«

»Spring' du nur alleine – ich muß mich jetzt in acht nehmen«, sagt' sie ernsthaft. Es macht mich weich, wenn so ein Junges seine Mutterwürde betont. Über Jochen hatten wir nicht mehr gesprochen. Er hat bei ihr verloren, weil er das Kind von sich wies. »Nun kann er lange Jahre warten, bis er's kriegt«, trumpfte sie auf. Und ich: »Wenn der Vater nach Lütt-Birgitt verlangt, kriegt er sie.« Da machte sie erst erstaunte Augen und dann schmalen Mund. »Das sind schlechte Gesetze, meinte sie auftrumpfend. »Wenn ein schlechter Vater sein Kind haben will, dann bekommt er's?«

»Ist der Jochen schlecht?«

»Ja!«

»Ach, du Dummes! Und wolltest ihn doch einmal zum Vater deiner Kinder machen ...«

So etwas durft ich nicht sagen. Öden Scherz versteht sie nicht, die Amei. Und hab ich wohl jemals so verrucht gescherzt? Und tue es nun bei meinem eigenen Weibe ... Ganz weiß wurde sie, und sah mich an, als hätt' ich sie geschlagen. Und ein Gesicht hob sie zu mir auf, das dünkte mich wie in den schlimmsten Tagen, als sie die »Teufelsdeern« war.

»Ich hasse dich!«

Zwischen ihren weißen Zähnen zermalte sie diese garstigen drei Worte. Trotzdem war's mir, als war jedes einzelne eine Keule, die mir auf den Schädel schlug. Aber noch mehr auf's Herz. – Freilich hatte ich gehört, daß in städtischen Ehen öfters solche Worte fallen, hab's aber nicht glauben wollen. »Und was wird nachher?« hab' ich den Jochen gefragt, der mir's erzählte. Der hat lachend geantwortet: »Nachher liebt man sich wieder.«

Ich hab' alles für Schnack und Tühnkram gehalten. Aber die Amei, mein Weib, ist ja ein Stadtkind. Hat sich wohl solch' üble Red' angewöhnt. Ich dickschädeliger Heidjer kann um die Welt nicht jemand hinterher gleich lieben, der mir zugezischt hat: Ich hasse dich! Da ist etwas zerbrochen, das muß ich erst zum Schmied bringen. – Du, mein lieber Herrgott, willst du der Schmied sein? – – –

Wie ein Stock bin ich dagestanden. – Ich, der himmellange alte, grobe, vierschrötige Knecht Wien! Hab' nicht die zarte kindhafte Frau, die auf schweren Füßen geht, ans Herz genommen, habe sie nicht festgehalten, bis der verruchte Jähzornsteufel ausgefahren war aus ihr. – Jetzt ist er dringeblieben, und unser Kind wird ihn erben von Mutterleib an. Sie stob ja aus dem Pesel wie der Wind, die Amei. Tat ihren »schweren Füßen« Gewalt an. Nur, um von mir fortzukommen ...

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