Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felicitas Rose >

Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 73
Quellenangabe
pfad/rose/wienslee/wienslee.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081208
projectid9a63d6f8
Schließen

Navigation:

Dierkhof, den 3. November 19 ..

Wenn ich am frühen Morgen die kleinen Plankeleien und Vorpostengefechte überdenk, die ich mit meinem jungen Weib auskämpfe, dann werden sie zu einem Nichts. Ja, ich hab' mich sogar schon geschämt, daß mich die Lieb' so kindisch machen kann. Und dann steht auf einmal mein Schicksal riesengroß auf, daß ich meinen liebsten Freund verloren hab'.

Hab' es im Rausch vergessen. Auf Stunden, auf Tage. Aber es ist da und meldet sich. Bei der Arbeit, in der Ruhe, beim Wandern über die Felder, beim Rasten in der Heide, die hier um den Dierkhof nicht so weit ausladend ist, wie um den Sleefkamp. Dort ist grüne, rote und braune Unendlichkeit. Jeweils nach der Jahreszeit. Hier sieht man immer die schwarze Grenze – das Moor. – Wenn meine Amei doch einmal fragen möcht ...

Nicht ein Wort hat sie an mich gerichtet, und hat doch mit angehört, daß der Jochen sich zu Lütt-Birgitt bekannt hat. – Das hat sie wohl von ihrem Jungsdasein zurückbehalten, da sie doch mein echtes Weib geworden ist – sie ist nicht neugierig. Aber wißbegierig könnt' sie bei klein sein. Sie soll doch wachsen an meiner Seite und unserm Kinde Werte geben.

Muhme Kordula ist wieder ganz still hinübergefahren in den Sleefkamp. Jochen hat ihr Botschaft gegeben, daß er von der Reise zurück ist. Und die Muhme schämt sich, auf ihre alten Tage ein Wandervogel sein zu müssen und allstunds Abschied zu nehmen und die Türklink' herunterzudrücken. Möcht' ihr helfen, und weiß nicht wie. Ich zwing mich schon immer zu einem ehrbaren Gesicht, wenn sie mit dem Köfferchen ankommt und abzieht. Die Greisin. – Was wir Jungvolk ihr alles aufbürden. Ich möcht's hindern, Gott weiß es. Auch meine Amei niemalen lacht und neckt. Sie spürt das Leid und Unbehagen in der Schwesterseel'.

Der General ist auch wieder zugange. Hatte sich nach seiner Genesung lange umgetrieben bei alten Kameraden und Waffenbrüdern. Jeder wollt' den Recken einmal bei sich haben. Ist arg beliebt und verdient es auch. Etwelche möchten wohl auskundschaften, weshalb er sein einzig Kind einem Knecht überliefert hat. Auskundschaften! Das müssen sie schon tun. Diplomat ist er nicht, der »Vadder Sleef«. Wer ihn geradezu fragt, kriegt eins in die neugierige Visasch, wenn auch nur mit Worten.

Ja – aus der »Exzellenz, Herr Generalleutnant« ist »Vadder Sleef« geworden. Die Heidjer halten sich nicht gern mit allzulange Namens auf. Überdies wird nur vom eigentlichen Hofbesitzer mit »der Herr« gesprochen. Wenn Vadder Sleef mich sieht, strahlt er über's ganze Gesicht. »Mann Gottes«, nennt er mich. Und dieser Name gebührt doch nur den Pastoren. Aber vorschreiben darf man Sr. Exzellenz, dem Vadder Sleef gor nix. Amei erzählte mir, er hätte sie mit »Teufelsdeern« begrüßt. Da wurde ich doch wahrhaftig rot wie ein Schuljunge. Lasse mich ungern an die Zeit erinnern, da ich mein eigen Weib so nannte.

»Was hast denn geantwortet auf so eine abscheuliche Anred'?« fragte ich hinterhältig und tat gottlos unschuldig.

»Ich hab' gesagt: »Exzellenz halten zu Gnaden – so was Abscheuliches darf nur der Wien sagen, der hat solche Knechtsausdrücke.‹ – Hat es also die söte Deern auf irgendeine Weis' erfahren und nie ein Wort verlauten lassen. Ich nahm sie in den Arm. Bei so was ist Küssen das Beste und sagt alles, und ist auch überzeugend. Auch Amei ist überzeugt, daß der Wien für sie durch Feuer und Wasser geht, und kommt auch nicht auf die ›Teufelsdeern‹ zurück. Manch andre Frau reitet stundenlang auf sowas herum. Aber ich hab' Gottlob nicht ›manch andere Frau‹ gekriegt, sondern mein ureigen für mich geschaffenes Weib. Es ist die ›Gefährtin‹ aus der Bibel. ›Die um ihn sei‹ heißt es da.

Es blieb ja auch nicht bei dem Zwiegespräch und bei dem Küssen. Amei schob mich sacht von sich und sagte ganz demütig: »Hab' wieder mal gelogen, und das soll ich doch nicht. Bin 'ne eische Deern. Hab's ja gar nicht gesagt, das mit den ›Knechtsausdrücken‹. Denn das will ich ja im Leben nicht wieder tun ... Hab' gesagt: ›Vaterli, ich bin keine Teufelsdeern mehr – ich bin etwas Heiliges, ich bin Mutter‹ ... Und Wien, ich weiß es durch viele Anzeigen, es ist gewißlich so.«

Da ist der Knecht Wien Sleef in die Heide hineingestürmt und hat zum nächtlichen Himmel aufgejauchzt, und wieder still über stille Weite geschaut. Und zutiefst wurde mir klar, daß die Heide nur unsagbar Glückliche, oder ganz Unglückliche herbergen kann – die Lauen verwirft sie.

 << Kapitel 72  Kapitel 74 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.