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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 72
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Dierkhof, 29. Oktober 19 ..

Wohl dacht' ich, man würde mehr schreiben können, wenn die Unrast vorbei wär, die einen als »Junggesellen« umhertreibt. Der Dierkhof ist fest und traulich und birgt Glückseligkeit. Es ist ein Unterschied zwischen Ehe und Einschichtigkeit, wie ich ihn mir zwischen Himmel und Fegfeuer denke. Diese Geruhlichkeit jetzt mit dem schönen jungen Weib an der Seite, gegen Ungewißheit und Zorn und Leid der früheren Monate. Freilich kommt mir alles noch wie ein übernatürlich Wesen und Wundergeschehen vor, daß der ungeberdige »Jung« von vorig Weihnachten mein Eigen ist. – Und trägt gar ein Kind von mir. Man könnt' den Verstand drüber verlieren. Oft mach' ich des Nachts Licht und beschau' mir mein schlafendes Herzensweib. Ein trotziges Gesicht macht' sie dabei, und die Brauen sind gefaltet und bös zusammengezogen. Auch die Finger des öfteren gespreizt. Das heißt: »Komm mir ja nicht zu nahe!« Aber sie wacht nicht auf. So ein Gesundes ist sie. Wenn ich denk', daß die trotzige Amei von Sleef mir Untertan ist von Gottes- und Rechtswegen, möcht' ich außer mir geraten. – Mein Weib ist zum Lachen, wenn ich ihr so was sag'. Sie löckt noch gegen den Stachel. Deshalb will ich's nicht zu oft sagen.

»Bleib' ja ruhig und behalt' deinen Verstand!«, riet sie mir. »Hast ohnehin nicht viel, Wien. Paß auf, Wien, unser Junge gehorcht nur mir. Vor dir fürchtet er sich bloß und reißt aus, wenn du was sagst.«

»Fürchtest du dich auch?« frag' ich dummerweise.

»Phhhh!« sagt' sie. Und das kann ich mir niemalen gefallen lassen. Ich küsse sie dann. Und das ist ihre härteste Strafe. – Es gibt nichts Schöneres, als ein herbes Weib, das voll Liebe ist. – An das Vergangene rühr' ich nicht. Die Amei wird dann nicht bös, oder traurig – sie wird ganz kalt. Als wenn sie absterben wollt'. Ein einzigmal hat sie selbst angefangen. – Und mit diesem einenmal muß ich mich begnügen. – Nur nicht verstören, mein liebes Weib, meine wunderliche Amei ...

»Wien«, redete sie zu mir hin, »wenn du jemalen meinen könntest, ich hätte nach zwei Seiten gelebt – nur weil du mich nicht verstehen konntest, dann behalt deinen Zweifel für dich. Denn ich bin nicht schuld, daß der liebe Gott mich närrisch erschaffen hat. Und wenn ich gegen angehe, dann werd' ich erst recht ein Zerrbild und du liebst mich dann nicht mehr. Das sollst du aber, hörst Wien? Es ist deine heilige Pflicht. Wenn zwei vom ersten Sehen an wissen, daß sie zusammen gehören, dann müssen sie's auch bleiben, hörst Wien?«

»Ich höre.«

»Das sagst du gar nicht lieb, Wien. Ich hab' dich sogar schon vor dem Sehen gespürt. Denn als ich dacht': ›wie mögen die auf dem Sleefkamp beschaffen sein?‹ da krachte der Wagen zusammen. Das war ein Signal vom Schicksal. Du bist mein Schicksal, Wien.«

»Warum schnobst du mich denn so an, als du noch unter dem Wagen lagst, he Amei? Dabei kannst nix von Liebe gespürt haben ...« So sagt' ich, weil ich die söte Deern so gern necke – das durfte ich ja vordem nie wagen.

»Warum ich schnob? Übrigens ein ungehöriger Ausdruck Wien. Ich ›schnob‹, weil ich dich noch nicht sah – unterm Wagen. Was Logik ist, weißt du ja nicht, Wien.«

Wenn die Amei Spitzbubenaugen macht, muß ich sie küssen. Ich bin schon ein Pädagoge ...

»Ja, Wien! Du sollst auch wissen, daß ich gestorben wär', wenn du mich nicht genommen hättest.«

Ich muß das alles in den Folianten schreiben für den Nachfahren, wenn ich doch mein Leben in diesem Buch leben soll. Amei ist mein Leben. Aber ein Rätsel ist sie auch. Gott muß sie mir lange Jahre lassen, bis ich sie ganz erraten habe. – Sie schmiegte sich an mich, wie der Vogel in sein Nest. »Heimat«, sagte sie still. »Du bist Heimat, Wien!« Ich saß ganz lautlos, denn einen Zauber soll man nicht verscheuchen. Und doch hat sie sich zuletzt wieder mit mir verzürnt, daß ich als ganz armer Schacher zurückblieb. Als sie noch in meinem Arm lag, meint sie: »Ich will nicht in der modrigen Sleefgruft begraben sein, hörst Wien? Hab's schon ausgerechnet, daß ich dann neben dem Sarg von der Tante Akke Sleef zu stehen käme. Die ist eine Beißzange gewesen, und ich kann dann nicht ruhig schlafen, wenn sie rumort.«

»Sie wird schon nich«, warf ich ein. – Aber da ging's los.

»Oh, oh, oh, wie bist du gleichgültig! Wien! Nicht genug, daß ich vor dir sterbe, du findst gor nix dabei, daß ich neben Tante Akke zu stehen komm! Ohh – ich nehme mein Kind, und gehe fort, und komme erst wieder, wenn es geboren ist. Du verdienst mein kleines, süßes Kind nicht, Wien.«

Amei weinte. Und als ich ihr nachrief, es wäre doch auch mein Kind, da schloß sie die Schlafpeseltür hinter sich zu. Vielmehr, sie schob den Riegel vor, denn Schlüssel haben wir gar nicht im Dierkhof. Ich aber wußte, daß ich nun die ganze Nacht draußen bleiben mußte, und setzte mich deshalb zu Muhme Kordula. Die Gute ist für ein Weilchen bei uns, weil Vetter Jochen in weiterer Umgegend zu tun hat.

Die Muhme lachte sich schier von Sinn und Verstand, als ich ihr den Kram erzählte. Aber ehe Muhme Kordula unklug wird, da braucht's viel Lachen.

»Wien, hättest nicht heiraten müssen!« sagte die Muhme und wischte sich die Lachtränen aus den guten, alten Augen. »Ich sag' dir, so sind die Weibchen allesamt, die auf ›schweren Füßen‹ gehen. Bei fünf Monaten im Jahre kannst drauf rechnen, daß du Rätselraten mußt und nicht weißt, womit du dein Weib erzürnt hast.«

Da hab' ich wohl aufgeschaut und bin wie verbast gewesen. »Muhme, da kann ich ja, wenn die Amei sich vierundzwanzig Kinder wünscht, meine zwölf Jahr vor verschlossener Kammertür stehen.«

»Kopfrechnen schwach«, meinte Muhme Kordula trocken.

Ich machte mir wieder die Liege auf dem Oberboden zurecht und war obendrein in Gott vergnügt, weil ich wußt', daß die Amei gestorben wär', wenn ich sie nicht genommen hätte.

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