Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felicitas Rose >

Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 70
Quellenangabe
pfad/rose/wienslee/wienslee.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081208
projectid9a63d6f8
Schließen

Navigation:

Dierkhof, den 26. Oktober 19 ..

Man atmet anders. Man schreitet anders. Es ist ein Tönen in der Luft. Nicht wie irdische Klänge. Aber zu meiner Flöte paßten sie doch gut. Die hab' ich heute morgen hervorgeholt und drauf geblasen: »Geh aus mein Herz und suche Freud, in dieser schönen Sommerszeit.« Es war ja gewiß Blödsinn, denn es ist heut' der erste Schnee gefallen. Aber was bläst und singt man nicht, wenn das Glück schier mit Mulden über einen ausgeschüttet wird. Wenn ein wunderschönes, liebes Weib, mein eigen Weib mir sagt, daß unsere Liebe, unsere Ehe gesegnet ward. Nachdem ich meinen Schatz in dieser Nacht verlassen hatte – schlafen und ruhen sollte sie – bin ich in die Heide gegangen, gelaufen, gestürmt. Und spürte in all meiner heißen Freude einen bittren Schmerz. – Daß ich nicht zu Jochen stürmen konnte! ... Meine Freude nicht mit ihm teilen! ... Ein irrsinniger Gedanke, ich weiß es wohl. – Aber ich bekenne ihn. »Freundschaft« braucht der Mann. Und der Heidjer vor allen. – Ich habe sie verloren.

Auf dem Felde heute bissen mir neben dem starken Rauch des verbrannten Kartoffelkrautes auch etwelche böswillige Reden in die Augen und Ohren. Über den Doktor Jochen ging's her, der wohl »den schönen, alten Sleefkamp nicht halten könne«. Solcher elender Schnack brannte mich wie höllisches Feuer. Es war nicht grade Böswilligkeit. Fremde Arbeiter mit ihren Frauen halfen uns – sie wußten zu erzählen, was rings gemunkelt wurde. Einmal war auch flüsternd von einer Moorleiche die Rede, und ich sah, wie einer meiner Insten den Sprecher heftig in die Seite stieß. Der hörte erschrocken auf mit seinem Drähnschnack. Daß so was nicht sterben kann. Ich meine, Jochen müßte doch sprechen. Wenn ein Mann – ein Großbauer, und dazu ein Sleef sich nicht zu einer Tat bekennen soll ... wer dann?

Wenn ein Städter diesen Folianten lesen könnt', wie würde er wohl wunnerwarken, oder gar lachen. Gott Dank, daß so einer es nicht kann. Man sagt, in der großen Stadt kenne man keine »Feme«. Ich kann das nicht glauben. Es wird doch wohl Richter geben und Gerechte. Und hier sind wir alle seit Jahren einig, daß wir in unserem Herrgottswinkel, wo die Heide so allmächtig schön ist, keine Eintags- und keine Wochenfliegen herbekommen. Die bringen Bazillen mit. Und seiens auch nur solche vom Modeteufel, oder Schlemmer- und Prasser-Urian. Wir haben aber noch unsern schönen, schlichten Beiderwandrock und das Gottestischkleid. Bis an die Knöchel geht er, wippt ringsherum in schönen Falten, und schmucke Deerns muten wie Bachstelzen an. Amei, die meine ist die schmuckste von allen. –

Und eine Frau, die auf »schweren Füßen geht«, wird von allen im Kirchspiel gegrüßt. Das ist schöne, alte Sitte. Sollten andere Dörfer auch aufbringen, und zum Gesetz machen, hörten vielleicht gar die einschichtigen Kinder auf ... Frauenslüd halten viel von Rittern und adligen Manieren. In der Spinn- und Knüttstube, die unsere Fru Pastorn eingerichtet hat, wird am meisten aus solchen Büchern vorgelesen, wo die Frau die erste bei der Arbeit, aber auch die erste am Tisch und in der Kinderstube ist. Und somit auch am und im Herzen des Mannes. Und einer machts dem andern nach in unserem Winkel, wenn auch mal ein Bauer schimpft, daß er so viel Zeit verliert, wenn er sich zu Tisch eine saubere Joppen anziehen soll. Macht ihm zuletzt doch selber Spaß, so als geordneter Hausvater dazusitzen neben der schmucken Frau, und den sauberen Kindern. Wenn auch der jüngste Bub noch einen Beutler kriegt, weil er ruft: »Man kennt Vaddern gor nich widder mit die gewaschenen Pfoten.« Nachher geht er nochmal so froh zum Mistfahren.

Mist ist die Seele des Landwirts. – Der Knecht Hannes hat nicht viel Hausrat und kaum ein paar Bilder in seiner Stube, die hängen alle in Stina ehr Pesel, in der »kalten Pracht«. »Ik bün da nich för«, sagt Hannes. Aber einen Spruch hat er sich mit Heftzwecken angepickt, und den hab' ich mir abgeschrieben: »Nich mulen un nich klöhnen, nich schimpen un nich dröhnen! Veel Snaak un Word helpt di en Quark – spuck in de Hand, un ran ant Wark!« So kommt auch durch den einfachen Hannes, der schier noch schlichter ist, als der Knecht Wien, etwas Beachtenswertes in den Dierkhof und in den Sleefkamp. Denn Muhme Kordula wird sich diesen Spruch auch nicht entgehen lassen.

 << Kapitel 69  Kapitel 71 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.