Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felicitas Rose >

Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/rose/wienslee/wienslee.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081208
projectid9a63d6f8
Schließen

Navigation:

Sleefkamp, 27. Januar 19 ..

Das kann natürlich nicht angehen, daß ich nur alle acht Tage an den Folianten komme. Weiß der liebe Himmel, wie's zugeht, daß mir abends die Augen zufallen. Ein Mann von sechsunddreißig muß doch arbeiten können von früh vier Uhr an bis abends acht oder neun? Das ist man seinem Ansehen schuldig. – Unter den Sleefs soll's nie einen Faulen gegeben haben. Daß aber jeder einzelne Schwerarbeiter noch bis in die Nacht gesessen und den Folianten »gefüllet« hat, das ist doch wunderlich.

Wunderlich ist auch, daß wenig von den Frauen erzählt wird. Hätte mein lieber Vater mitschreiben dürfen, da wäre wohl viel Liebes niedergelegt worden über »'s Amei«, meine Mutter. Aber es hat wohl früher nie so etwas Frohes und Holdseliges gegeben.

Von den vielen Ahninnen wird nur kurz berichtet. Der Urahn 1622 schreibt: »Will freien. Was Junges. Hof darf nüms zu Bruch gehn. Will ein Erben haben und ein Deern zum einheirathen up annern groten Hoff. Ich denk' an die fünfundzwanzigjährige Nomine Berkhahn. – – –« Da hat die sogenannte Liebe natürlich nicht mitgespielt, sondern nur Jugend, Gesundheit und – Batzen.

Aber ich, dem sich noch nie etwas »unterm Brustlatz gerührt hat« – wie Mutter Amei sich ausdrückte, wenn jemand verliebt war – ich möchte der unbekannten Liebe Hüsung geben, auf daß sie mein ganzes Gewese durchleuchte. Das muß doch wundergut sein, wenn ich nichts denke als die liebste Frau, und hinwiederum sie nichts als » Wien Sleef«. Up ewig ungedeelt! Und wunderbar, und aller Geheimnisse voll muß es sein, wenn die Liebste ein Kind von mir trägt ... Herrgott! Und der Vater sich dann später wiederfindet im Angesicht des Erden. Oder wenn aus den Schelmenaugen eines Dirnleins die Mutter lacht, oder gar auch der Schlagetotvater, zwei Meter hoch und ungeschlacht, und doch in zwei wunzkleinen Sternchen drin. Das muß »zum Beten sein« in stiller Kammer, oder auch zum Aufschreien, wie der Hirsch tut im Walde. – Und weil ich das alles zusammen haben will, und ansonsten, wenn es sich nicht trifft, einschichtig bleibe ... deshalb gehe ich auch nicht auf die Freite. Auch nicht auf den Tanzboden, wo ich nur als Halber figuriere, als halber Herr und als halber Knecht. Man kennt sich ja nicht aus bei mir. Ich lasse mich auch nicht besehen und abschätzen von irgendeinem Mädchen oder ihrer Sippe. – Das muß aus den Wollen kommen wie ein Blitz: »Du gehörst mein und ich dein!« Es war mir auch nicht zuwider, wenn man solch eine Frawe, wie der Ahn schreibt, gleich könnt' aufheben und in seinen Bauernhof tragen: »Da, sitz nieder und regier das Gewese mit der großen Liebe und mich dazu.« Und sie müßt' rufen: »Endlich, endlich! Wie lang hat's gedauert, ehe du das sagtest!«

Und beide sagen sich dann mit Lachen und Küssen, daß sie vor Heimweh nacheinander gesterben sind. Närrisch! Ich denk' mir das so für mich aus. Wissen tu ich nichts davon. – – –

Nun möcht' ich doch beinahe die Seiten herausnehmen und ins Kamin stecken. Aber warum sollen die Nachfahren nicht kundwerden, daß der Wien Sleef viel verlangte? Die meisten verlangen wenig, weil sie schon satt sind. Die haben zuerst geschleckt und dann gefressen und starren hinterher auf die große volle Schüssel, die ein gutes Geschick vor sie hingestellt hat. Haben aber keinen Gusto mehr dazu, und sehen in das Leben, das vor ihnen liegt hinein, wie in einen Tunnel. So soll's bei mir nicht anheben und auch nicht ausgehen. Ein sauberer Knecht will ich sein – ja sauber. In der Arbeit, im Essen und – in der Liebe. Nur nicht mal sich schämen müssen vor sich selbst, und vor ein paar reinen Augen. Gibt genug Schmutzfinken hier herum. Aber mehr so im weiteren Umkreis. Nicht auf dem Sleefkamp. Da paß ich schon auf. Das hat man bei den Insten gleich weg, manchmal schon beim mieten, spätestens nach acht Tagen.

Und Muhme Kordula, die hat Augen, wie die Strahlen, die ein gelehrter Professor erfunden hat. Oder hat er sie entdeckt? Ich mein' – entdecken tut auch unsereins manches, was verborgen ist, ganz wichtige Sachen. Die auf solch großem Hof, wie der Sleefkamp einer ist, plötzlich heil notwendig sind. Und da ist's dann, als wenn etwas Großes uns bei der Hand nimmt und eine Stimme – kommt sie aus der Luft, oder sitzt sie in einem drin – sagt: »Such! Such!« Als wär' man ein Hühnerhund. Und man ist's wohl auch. Gehorcht, und findet es. Daher kommt's, daß man schier als was Besonderes angesehen wird, und der Pferdeknecht sagt: »Du bist 'n Luder, Wien!« Und die Muhme Kordula verkündet: »Der Wien kann mehr als Brot essen.« Aber das dauert nicht lange, dann ist man wieder der Hund, der noch nie was gesucht, und auch noch niemalen was gefunden hat. – Und doch ist man Entdecker gewesen, und wenn man kein simpler Knecht und Außenseiter war, man könnt' die Sache auf's Patentamt tragen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.