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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 69
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
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Sleefkamp, den 24. Oktober 19 ..

Ich habe schon längst die Nacht zu Hilfe genommen, um den »Fullianten« zu füllen. Ich kann den Schlaf gut entbehren, besonders hier im Altgedinge, als Einschichtiger – – – Und der »Fulliant« wächst stattlich – ich hab' meine Freud' dran. Es ist aber auch gut, wenn man zurückblättert; und das tu ich, wenn manchmal die Sehnsucht übermächtig wird nach der Amei, die drüben pickfest schläft im Dierkhof, und von Tuten und Blasen nix zu wissen scheint.

Jetzt ist die Obermagd Gesine mal wieder mit dem »Tismus« behaftet, wie die Leut' sagen, und die Amei hat ihr das Kind abgenommen und ist die geborene Mutter, dünkt mich, während man der Gesine trotz allem Getue und Liedersingen immer die Kindsmagd anmerkte – nicht Mutter oder Großmutter. Was ich alter Junggeselle für philosophische Betrachtungen anstelle. Jungeselle? – Na ja. Aber ich las mal wieder im Fulliant, und die Ahnen sprachen mir laut in Ohr und Herz. – »1705, Karsten Sleef: › Die Lieb is für das Weib, die Fründschaft is für den Mann. Das Weib kanns nich ohne Lieb uthollen. Oder manchmal auch, was sie so Liebe nennt. Aber Fründschaft kann es leicht embehren. Wenn sie die Stub voll Nachborweiber hat und hat Spinnrad un Knüttdüg un Schnack un Tühnkram. Un kann losziehen öwer Gott un de Welt, un de slichten Mannslüd, un ok öwer annere Wiwer, denn brukt se keen Fründin. Kümmert sik ok blot üm das Mul von de Annern, un nich ums Herz. Äwer de Mann brükt en Fründ. Dat möt grod nich en Nachbar sien – de Fründ kann wid wegwahnen – – äwer denn denken se doch bei de hildeste Arbeit tomanner hin. Un wer ok gor kein Brief schriewen kunn, de schriewt doch eenen. Un denn kümmt de Annere angefohren. Un denn sitten se tosamen, un een goden Troppen steiht up'n Disch. Heidmärker, rein Gotteswort, Korn un Braunbier. Un denn schnacken un klöhnen se, und das Wief, dat smeten se rut, wenns sik blicken läd. Un gähn mit dem olen Fründ tosamen to Kark, un up'n Heidegottsacker, un schnacken öwer de Steine un Kreuze un lesen sik die Sprüche. Un freun sik, daß se noch nahsten beim Middageten de Kartoffeln öwer de Erd abpellen un eten känen, un se sik nich blot unner de Erd to betrachten bruken, wie die toten Leut. Un deshalb bliw ik dorbi, de Lieb is vor das Wief, un de Fründschaft gehört dem Mann to. Dauert auch allstunds länger durch die Jahrenden hindurch, durch Not und Dod un Kriegsgefahren bis ans selig Ende von die Beiden!«

Ist das nicht seltsam, daß ich heute gerade diesen Passus lesen muß, der über zweihundert Jahre alt ist und noch Geltung hat hütigen Dags? Wie war' das nun schön, wenn der Jochen plötzlich vor mir stünd, wie einstens? Und wir könnten schnacken und tühnen und ernsthaft reden, auch wie einstens, da nichts zwischen uns stund... Herrgott, es ist schwer – –

Dierkhof, den 25. Oktober 19 ..

Heute ist Vater Ernst von Sleef zurückgekommen, nicht allein. Seinen alten ehemaligen Burschen hat er mitgebracht, und fragt, ob ich ihn unterbringen könnt' als Insten. Ist ein Abbauernsohn, ein verständiges Leut'. Hat im Kriege, wenn er auf Urlaub als Verwundeter ging, immer auf Bauernhöfern geholfen, weil er keine Verwandten hatte ringsum. Und auch bislang als Knecht auf einem größeren Hof in der Nähe von Hannover gearbeitet. Kann ihn gut brauchen für den verjagten Knecht. Aber mich dünkt, noch besser kann ihn der Jochen brauchen.

Die Muhme Kordula hat mir's gesteckt. Vater Sleef sagt, er hätte Getreide- und auch Viehverstand. Das ist die Hauptsach' beim Großbauern. Hab' ihn auf »Donner« nüberreiten lassen zum Doktor Jochen Sleef. Ob er ihn brauchen könnt'? Sollt' ihn nur noch zwei Tag beurlauben, damit er das Ausgedinge für den Herrn General könnt' herrichten, und ebenso die großen Möbel im Sleefkamp aufstellen. Hat ihn der Jochen gleich wieder zurückgeschickt den Peder Pedersen. »Für seinetwegen könnt' er dem Teufel und seiner Großmutter eine Wohnung einrichten, und tausend Wochen wegbleiben – er, der Doktor Jochen Sleef brauchte keinen Knecht.« Das war deutlich. Und ich hab' ihn ohne Wort hier behalten, und genug Arbeit ist da.

Der General war fünsch über den »Teufel und seine Großmutter«, und wollte dem Herrn Newö sagen lassen oder schreiben, daß er »keine Beziehungen zu den Herrschaften unterhalte«, aber ich hab' ihm abgeraten von nachbarlichem Zwist und Stunk. Der Jochen, nach dem mein brüderlich Verlangen steht, will, daß das Tischtuch zwischen uns zerschnitten ist. So will ich nicht den Aufdringlichen machen. Hab' ihm ja zuerst aufgekündigt, als ich Lütt-Birgitt mit heimbrachte und glaubte, die junge Mutter davon sei im Moor versunken ... Ja, wir Sleefs ... Ich weiß wirklich nicht, was sich der Herrgott dabei gedacht hat, als er die Sleefs auf die Welt schickte ...

Es ist aber ein Gutes, daß die herzbrave Muhme Kordula den Doktor Jochen jeden Tag lieber gewinnt. Muß also doch viel an ihm sein, denn sie versieht sich nicht. Aber nun sitzen diese beiden, meine liebsten Menschen – heißt das, die Amei gehört dazu – in Kümmernis und Sorgen; und unsereins ist ausgeschlossen davon. Und könnte doch mitraten und mittaten nach bestem Wissen und Gewissen. Und wie ich in meinen einsamen Pesel eingetreten bin, ist mir's doch, als seien mir Vater und Mutter zum zweitenmal gestorben, und der großmächtige, aufrechte, alte Wien sei ein schmalbrüstig, heimatloses Waislein von dazumal. – – –

Nachts um 3 Uhr.

Was hab' ich da hingeschrieben? Wie oft muß ich in diesem »Fullianten« noch sagen: »Schäm' dich, Wien!?« Saß schier haltlos auf der Ofenbank. Die Birkenscheite knatterten noch im Kachelofen. Es ist Ende Oktober schon bitter kalt bei uns. Durch den fauchenden Wind, der uns nie verläßt. Und wenn ich für jeden sturmfreien Tag einen Taler kriegte und sonst nix hätte, könnt' ich betteln gehn. Aber ich bin reich! Alter Fulliant, ich bin ein König! Und ich gehe durch das Königreich der Freude.

Als ich das Haus schließen wollte wie ein rechter Hausvater, bin ich die Stiege hinaufgegangen in Vater Ernst Sleefs Schlafpesel. Denn aus ihm drang Licht. Es war elf Uhr. Das ist früh für einen General, und spät für einen Bauern. Wollte dem alten Herrn noch Gutenacht sagen. – Aber da war er doch, wie schon oft, über seinem Buch eingeschlafen, und, das Licht hätte fröhlich die ganze Nacht durch gebrannt. Soll aber nicht sein! – Bläst doch Nachtwächter Lange alle Abend: »Bewahrt das Feuer und das Licht, daß uns kein Schade nicht geschicht.« Ich löschte es sacht. Vater schläft noch jung, wie ein Rekrut nach Stallwache oder Gepäckmarsch. – Neben ihm in der Kammer nach Süden schläft Gesine laut wie allstunds. Lütt Birgitt meckert wie eine junge Ziege, sie will sich das Sägen nicht gefallen lassen. Nun kommt das Stübchen von meiner Amei, die »heilige Kammer«, in der mein eigen breites Bett steht und daneben das weiße »Mägdleinbett« meiner söten Frawe. Ich murmel ein »Gottbehüt« beim Vorüberschleichen. Tönt doch wahrhaftig ihr Weinen heraus. – Warum weint mein Weib?

Ich hab' sacht die Klinke niedergedrückt, und die Tür war unverschlossen ... Sie fährt erschrocken hoch, und sitzt da wie ein ängstiges Kind mit großen, scheuen Augen, die von Tränen feucht sind. Davon überzeugte ich mich mit meinem Munde. »Warum weinst, Amei?«

Eine Weile tönte nichts, wie meine Küsse. Sie gab sie mir auch zurück. »Amei, du Söte, warum weinst?«

»Weil – ich – so – glücklich bin!«

»Warum hast mich nicht gerufen, mein Deern? Zu zweit ist man allemal noch glücklicher, als so allein.«

Ich war ja nicht allein – – ich war nur glücklich ... Unruhig hab' ich im Stübchen umhergeschaut, aber mein Weib hielt sich fest an mich gedrückt. »War jemand bei dir, Amei?« Und ich wußt' es, nur der Herrgott konnt's gewesen sein.

Sie hat ihren weichen Mund so nah an mein Ohr gehalten, daß ich gar nichts verstehen konnt'. Ich schüttelte den Kopf. Da schob sie mich ein klein wenig von sich. Hat schon jemand die Amei mit dem trotzigen, braunen Bubengesicht feierlich gesehn? Sie war's. »Denkst wohl an das eine Mal, wo ich nicht ungut, nicht trotzig zu dir war, mein Wien? Wo du ganz meine Heimat warst? Ach Wien, Wien: Ein Kindlein hebt an ... Wir sollen ein Kindlein haben ...« Und schier fromm wiederholte sie: »Ein Kindlein, Wien! Ein Kindlein bekommen wir!«

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