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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 68
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Dierkhof, den 23. Oktober 19 ..

Kam heute die Muhme Kordula angefahren. Mit der brennenden Brasil. »Gott sei Dank«, rief ich, »sie brennt noch. Also bist gut zuwege, Großje?« Ich hob sie wieder aus dem Wagen und trug sie über meine Hausschwelle. »Sei willkommen, Großje! Aber deine Augen sind matter als sonst. Warum hast die Lichter ausgelöscht? Sie wärmten so schön ...«

»Weil ich Feuerung sparen will ... Geh her, Hannes, nimm die Brasil und rauch sie weiter. Es ist schade, sie zu verprassen, wenn sie mir doch nicht schmeckt.« – Der Knecht griente.

»Großje, du hast Sorgen!« Ich nahm ihre beiden feinen Hände in meine Pranken und setzte mich neben die Muhme. »Laß uns teilen, Muhme Kordula!«

»Wien, sag nur nicht: ›geteilter Schmerz, ist halber Schmerz.‹ Diewelchen Sprichwörter sind unwahr. Doppelter Schmerz ist's, wenn man ihn mit einem lieben Menschen teilt. Und der Jochen ist mir mit jedem Tage lieber geworden ... Wie geht's deiner Amei, Wien?«

»Sie blühet wie ein Rosenstock, Großje, aber ich vergeh', ich arm Stackel – –«

»Er lügt«, rief da der Rosenstock und hing mir am Hals. »Sieh dir den Schlagetot an – der ist nicht mit Gift zu tilgen ...«

»Du hast schreckliche Ausdrücke, Amei«, klagte Großje, aber ich küßte mich erst einmal satt, denn so seltene Augenblicke, wo der Ilex nicht sticht, muß man festhalten.

»Laß los!«, kommandierte die Deern, und das hat sie vom General, da kann sie nix für. Deshalb gehorchte ich auch sofort. Muhme Kordula sagte trocken: »Ich seh schon, hier herrscht ›beschränkte Monarchie‹.« Und die Amei tuschelte mir ins Ohr: »Wen hält sie für dumm, dich, oder mich?« Aber Großje war doch recht ernst, ich sah es mit Sorge. Und als mien söte Deern hinausging, um nach dem Rechten zu sehn, seufzte die Muhme tief, und gab dann Hals: »Wien, der Sleefkamp ist nicht mehr derselbe, und der Jochen auch nicht.«

»Wo fehlt's?« fragt' ich kurz.

»Überall! Aber Wien, stopf' mir erst ein leichtes kurzes Pfeifchen, sonst kann ich nicht reden. Lach' nicht, dummer Junge! Ich verhoff', du gibst mir mal etliche hundert Stück Brasil und etliche Pfunde Varinas samt Pfeifchen mit ins Grab, und läßt mir einen Schornstein einbauen.«

»Was ist's mit Jochen, Großje?« Muhme Kordula qualmte heftig.

»Es ist da ein ›Dierk‹, ein Verwandter von der Birgitt. Ein herabgekommener Kerl, früher wohl mal in guten Verhältnissen, der muß Lunte gerochen haben, und hat sich an Jochen herangepirscht. Schon lange, ehvor die Birgitt gestorben ist. Jochen hat ihn kennengelernt, als die Birgitt noch diente, hatte die Bekanntschaft aber längst vergessen. Nun hat sich der Dierk mit einem Drohbrief schon vor Monaten an ihn, den ›reichen Sleefkamper‹ gewendet. Hat um eine Bürgschaft gebeten, eine hohe Summe, und Jochen, der Schafskopp, hat sie ihm gegeben. Sone Bürgschaft ist aber ein Heerwurm, mein lieber Wien, und der Dierks hat sich mit einem ›Linksanwalt‹ zusammengetan. – Der Sleefkamp kann viel tragen, Wien, aber dies ist langsam fressendes Gift .. Und die Ernte war hundsmiserabel, und der Roggen so müde, daß er nach dem Hagel überhaupt nicht wieder aufgestanden ist. Ich habe schon viel reingebuttert – kannst es glauben, Wien. Aber das Hauptunheil liegt doch in der vermaledeiten Bürgschaft.«

»Soll ich mitbuttern, Großche?«

»Biete es um Gotteswillen nicht an, Wien. Das würde den Jochen zu Boden drücken ... Armer Sleefkamp! Aber ich will dir keinen abschließenden Rat geben, Wien, ich tappe selbst im Dunkeln.«

»Der Sleefkamp ist nicht arm, so lang noch ein Blutstropfen in mir läuft, Muhme.«

»Glaub's, Wien! Ihr beide zusammen würdet es schaffen. – Der ›Maschinenbauer‹ und der ›Erdgewachsene‹, aber die Bürgschaft, die läuft allem voran, die holt ihr nicht ein.«

»Auf ›Kismet‹ nicht, Muhme, aber auf ›Donner‹!«

»Probier's, Wien ...«

Noch am Nachmittag stand ich vor dem Sleefkamp. Es waren mehrere Leute da, das beengte mich. Ich sagte zum Knecht Onnen, er möchte mir den Herrn Doktor Jochen Sleef herausholen. – Zwei Herren schlichen auf dem Gewese herum. Sahen aus wie Schnüffler. Ich hab' büschen Menschenkenntnis und taxierte sie auf den »Musche Dierk« und den »Linksanwalt«. »Ob ich was suchte«, fragten sie mich. »Nein, ich hätte es schon gefunden«, sagt' ich. Da machten sie krumme Naslöcher und gingen vom Hofe. Knecht Onnen kam nicht mit Doktor Jochen an, aber mit dem Administrator. Und der richtete mir vom Dr. rer. pol. Sleef aus: »Die zehn Jahre wären noch nicht um.« Das war bitter, und ich bin wie geschlagen heimgeritten. Es ist der zu enge Rock. Sobald ich mich rühren will, krachen die Nähte – – –

Muhme Kordula blieb aber ein paar Stunden da. Das ist schon wie frische Luft, wenn sie auch Knaster pafft. Sie freute sich auch über die Amei, teils mit mir, teils im stillen Beobachten. Wie sie alles so richtig anfaßt und bei kritischen Dingen die Magd Stina fragt, anstatt die Herrin herauszukehren!

»Wien, bist du ganz glücklich? Manchmal gehst du wie auf Federn, und dann wieder ist dein Mund so schmal ... ich kenne doch die Sleefs, und du bist ein ganz echter, du kannst mich niemalen täuschen.« Also die Muhme.

Da sagt ich still: »Mir fehlt der Jochen. Wie's liebe Brot fehlt er mir.« Und bin hinausgegangen.

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