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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 66
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Dierkhof, den 1. Oktober 19 ..

Heute fuhr schon der Heidewind arg herbstlich gegen die Fenster. Die Gesine hat Holzfeuer im Wohnpesel angelegt, damit sich Lütt Birgitt nicht verkühlt, wenn sie sich bloßstrampelt.

Meine Amei war schon wieder die erste auf, der Kaffeetisch schon gerüstet; auch gebuttert hatte sie, und nach dem Vieh gesehen, das die Magd Stina besorgt. Ganz schämig sagte mir mein Weib guten Morgen, und ich küßte sie wie ein kleiner Bub, der's zum erstenmal probiert. Hab' ja auch keine große Wissenschaft drin. Und es ist schon arg gut, daß man die Liebe als Lehrmeisterin hat. – Aber die Amei könnt' einen Heiligen aus mir machen, soviel hab' ich schon weg. Doch ich bin noch keiner. Und was sie mir in aller Vertrauensseligkeit sagte, hat mich schier umgeworfen. Ich kam auch gar nicht an sie heran. Sie ließ die ganze Breite des Tisches zwischen uns.

»Wien, ich dank dir«, hub sie an. Ihr schönes Gesichtchen stickte sich rot an, sie ist überhaupt kein »Junge« mehr, den hat sie über Bord geworfen, wenn sie nicht gerade einen Pferderücken unter sich hat. Eine »söte Frawe« ist sie, wie es einmal ein Ahn im Folianten geschrieben hat von einer, die nicht seine eigene war. »Wien, ich dank dir! Daß du die Gesine gestern abend zu mir geschickt hast. Wien, du bist brav. Und, und – und – ja, und fein. Ich bin's ja nicht gewohnt – – weißt – Wien – hab' immer mein eigen Schlafzimmer gehabt. Aber das Großje hat mir's schon gesagt: ›Beim Wien braucht's keinen Zaunpfahl zum Winken, da tut's schon ein kleiner Deuter.‹ Wien, ni wohr, du verstehst mich? Wien, ich dank dir!«

»Also das nennst einen kleinen Deuter? Amei!!« Das konnt' ich gerade herauspressen aus meiner klammen Kehl. Aber Amei stippte Buttersemmel und Kaffeestreifen in ihre Tasse und merkte nichts und hatte großmächtigen Hunger. Und war so froh, und sah wirklich glücklich aus. Zum erstenmal.

Fragt ich sie: »Magst denn die Gesine bei dir haben des Nachts? Die schnarcht doch, daß man es bis ins Dorf hört?«

»Ich höre nichts, Wien, ich schlafe ja so fest. Aber die Gesine schläft ja beim Kind nebenan, ich bin gottlob ganz allein.«

Ich dachte an die Mäuseherberge, den Oberboden mit seiner alten Matratze, und den Spinnweben und den lüttjen Fensterluken und meinte, daß es keine würdige Schlafstatt für den Reichsverweser vom Dierkhof wäre. »Nein, das ist's auch wahrlich nicht«, rief sie lebhaft, und ich meine, wir richten die hübsche Volontärstube für dich her, nebenan im alten Teil. Wir haben ja keinen Volontär und keine Alten.«

»Amei, rück mal büschen näher ran. Sag, warum haben wir eigentlich geheiratet?« Da wurde sie vollends fröhlich, und lachte mich an mit den ehrlichen Heidjeraugen. »Weil ich so schrecklich gern bei dir sein wollte, Wien. Weil du meine Heimat bist. Und so gut und so verläßlich. Was du sagst, das ist immer wahr. Und ich hab' so gräßlich viel geflunkert. Und Jochen auch. Das konnt' ich gar nicht mehr vertragen. Aber mit dem 21. September, das hast du gemacht, Wien, ganz allein, hast mich gar nicht gefragt, hast gesagt zum Pastoren: ›Was soll die Deern dabei, das ist doch Männersach' – – –‹«

Da hab' ich die Amei unterbrochen: »Ja, ja, das hab' ich nun schon öfters gehört, und ich werd's mein Lebtag auswendig können.«

»Oh, oh, das ist schön, Wien. Und ich hab' dich fubbe doll lieb und dank dir vielmals, daß du mich geheiratet hast.« Und sie sah so einzig schön aus und lieb, mein junges Weib, daß ich an den Doktor Kraatz denken mußte, und bin ausgerissen und nach dem Altenteil gelaufen ...

Wirklich ein liebes, schönes Stübchen. Helle große Fenster – feine Tapeten – und Gardinen. Es war wohl als Gastzimmer gedacht. Nun, ich bin ja auch bei mir zu Hause als – Gast. Büschen einsam dünkt mich die ganze Geschichte. Aber das ist ja Wien Sleef, der Knecht, seiner Lebtag gewohnt. – Und die Amei, meine Amei, ist jedes Opfer wert.

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