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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 65
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Dierkhof, den 29. September 19 ..

Nun ist der Alltag schon in sein Recht getreten. Es ist aber kein grauer Alltag, sondern ein helles Lichtchen durchleuchtet ihn. Amei heißt die weiße Kerze, die auf unserm Hausaltar brennt. Ich bin der glücklichste Ehemann unter der Sonne. Der General bleibt bei uns. Vater Ernst Sleef. Will die Stadtwohnung ganz aufgeben. Er ist das Bindeglied zwischen Sleefkamp und Dierkhof. Er erzählt mir, daß der Jochen arbeitet wie noch mal ein Bauer, daß seine Landwirtschaft aber nach Büchern schmeckt, wie wiederum Tetje Bur meint. »Der Herr hat mehr Maschinen- als Rindviehverstand«, sagt Tetje Bur in seiner Weisheit. Das soll wohl sein. Dafür wissen Tetje und der Administrator eine Menge. Er muß nur drauf hören, der Jochen. Das sind meine Gedanken. Bin schon mal drauf und dran gewesen, hinüberzureiten auf den Sleefkamp. Mit meiner Mutter selig Worten hab' ich mich zurückgehalten. »Du Bräät«, hab' ich zu mir gesagt. Aber ich wollt' hin, weil ich mir keines Diebstahls bewußt bin. Weil die Amei mein eigen war, schon als sie unterm Weihnachtsbaum im vorig' Jahr sang: »Josef, liebster Josef mein ...« Und weil – weil ich den Jochen so arg vermisse – ich muß diesen Grund heraussagen, wenn ich ehrlich sein will. Aber er will mich ja zehn Jahre lang nicht sehen ... Und wenn ich so bei klein alles überdenk, drückt mich wieder der zu enge Rock. –

Die Amei hat mich ein paar Tag kritisch betrachtet. Sie ist büschen unrastig und wunderlich geworden, mal froh, mal ungezogen. – Und weil sie mit nichts hinterm Berge hält, wettert sie heute los – so »zwischen Lichten« war's: »Weißt, Wien, ich geh' wieder in den Sleefkamp oder nach Hannover, ich glaub' nicht, daß du mich liebst. Du machst ein Gesicht wie ein Pott voll Mäuse und kuckst ümmerlos und öwerall nach dem Sleefkamp. Wir woll'n tauschen. Das Großje kommt wieder her, und ich geh' 'rüber.«

»Untersteh dich!« rief ich – und riß sie an mich. Und da hatte die Deern doch wahrhaftig Tränen in den großen Kinderaugen.

»Amei«, sag' ich, »was ist in dich gefahren? Du kannst doch nicht dran denken, zu dem Jochen 'rüberzulaufen, dem du aufgesagt hast? Und willst mir so 'ne Schand antun? Oder wenn's ein Spaß un Bubulum war ... Kannst denn nicht verständig werden? Eines ernsten Bauern ernsthaftes Weib? Oder hab' ich einen solchen Kindskopf gefreit, daß du dich gar nicht schämst, mit so einem Gedanken Ball zu spielen? Amei!« Mir standen die Schweißtropfen auf der Stirn, und ich mußte mich hinsetzen. Da warf sie mit rechtem Ungestüm ihre Arme um meinen Hals. »Ich hab' so Angst«, weinte sie, »so schreckliche Angst. Und hab' doch nie welche gehabt in meinem Leben. Höchstens mal so, wenn der Jochen mich küssen wollte. Aber er wollte es denn auch nicht mehr, weil das Großje es ihm verboten hat. Und nun hab' ich so Angst, so Angst – –«

»Vor Jochen oder vor mir?« fragt' ich ruhig, denn sie zitterte an meiner Brust.

»Es droht dir was, Wien«, jammerte sie. »Ich kann's nicht für mich behalten, es droht dir was. Der Bauer Harmsen war mal bei Vetter Jochen, als der noch glaubte, ich wär' seine Braut – und ich war doch immer deine Amei – gelt, Wien, vom ersten Tage an, als ich so greulich zu dir war. Ja, und das sagte er im Nebenpesel zu Jochen, und die Tür stand viertels auf: ›Das kann Ihrem Vetter Wien den Hals brechen, wenn es 'rauskommt mit der Birgitt Dierks.‹«

»Und was sagte Jochen darauf?« fragte ich ganz kalt.

»Der rief schrecklich laut: ›Sie bürgen mir dafür, Bauer Harmsen, daß da nichts verlautet – – sonst rede ich, und dann wird ein Menschenkind sehr unglücklich.‹ – Und das Menschenkind bist du, Wien. Ich weiß es. Sie munkeln es alle ringsum. Und einmal trugen sie's auch der Großje zu. Aber die rief nur immer: ›Schweigt! Schweigt!‹ Und hat die Magd entlassen, die es klatschte. Wien, Wien, warum hast du es mir nicht gesagt, wenn du was getan hast, und wer ist die Birgitt Dierks? Hast du sie lieber als mich, Wien? Hast du mich nur genommen, weil ich dich so schrecklich drum bat?«

Es war ganz aus den Fugen, mein junges Weib, und ich nahm sie auf den Schoß und wiegte sie. Könnt ja gut und gern ihr Vater sein. Und einen heiligen Zorn kriegt ich auf alle Lästermäuler im Dorf. Und so ein Verleumder war dabei gewesen, als ich vom Amt mit Amei zusammengetan wurde. Und hatte ehrbar dagestanden und seine Lex abgelesen. Und wie müßte den Doktor Jochen das Gewissen plagen – der die Amei schonen wollte.

»Ich hab' dir gar nichts zu sagen, Lüttjes«, meinte ich, und strich beruhigend über ihren Kopf und die zarten Schultern. Und trug sie dann auf ihr Bett, wo sie sich recht wie ein Kind zurechtkuschelte. Sie war ja auch eins, und ich schalt mich bitter aus ...

Die Gesine hat sie dann ausgezogen, und sie ist ihr unter den Händen eingeschlafen. Ich aber zog meinen »Donner« aus dem Stall und ritt zu Doktor Kraatz. Der verstaunte sich: »Sie wollen doch unmöglich schon den Geburtshelfer holen, Sleef!« rief er derb. Aber er wurde recht zu dem Berater, den ich just brauchte, als ich ihm von meiner jungen Amei erzählte.

»Hüten Sie das Kind vor sich selbst, Sleef«, sagte er väterlich. »Das hat keine Mutter gehabt, das ist wie ein Füllen auf der Weide groß geworden. Kriegt zwei Bräutigams auf einmal und wird von einem vom Fleck weggeheiratet. Das ist zuviel. Ja, wenn's 'ne stabile Bauerndeern wäre! Aber die von Sleefs sind schon büschen überzüchtet. Wien Sleef, es ist mir aber lieber, die Deern hat Sie gekriegt, anstatt den Doktor Jochen – nichts für ungut, es ist Ihr Vetter. Aber der wäre nicht Abends zu mir geprescht und Nachts wieder zurück, um mich zu fragen, wie man ein verstörtes Weiblein wieder in die Fugen bringt.«

»Doch doch, Herr Doktor, das hätte der Jochen getan«, eiferte ich. »Den verkennen Sie ganz und gar. Ich mein' sogar, der paßt besser zu der seinen Amei von Sleef, als der Bauernknecht Wien ... Aber ich geb' sie nicht her«, rief ich noch und bin davongeritten. Mir war's, als hätte der Doktor mir was nachgerufen und wollte schon umkehren, aber »Donner« dachte nicht dran, mir den Gefallen zu tun. Später hat mir der Arzt erzählt, ich hätte einen durchaus beängstigenden Eindruck gemacht, so daß ihm nicht mal mehr seine Pfeife geschmeckt hätte. Und völlig im Dunkeln getappt wäre er, weil er nicht auf Irrenarzt studiert hätte.

»Donner« fegte in einem Tempo mit mir heim, wie ich's nie einem andern Knecht erlaubt hätte. Gesine glaubte, der »wilde Jäger« wäre zugange. Sie ist fest von den Spukgeschichten aus der Heide überzeugt. Sie berichtete leise, daß Amei fest schliefe, und das sei das Beste für das »arme, junge Blut, das einer Mannsperson in die Hände geraten sei«. Sie gab auch gern meiner Bitte statt, diese Nacht bei Amei zu schlafen, und ich stolperte auf den Oberboden. Da lag eine alte Matratze, die war gut genug für mich Barbaren. Hatte im Kriege noch ganz anders kampiert. Und damals war ich ein besinnlicher Mensch gewesen gegen den jetzigen Unhold, der ein blutjunges Geschöpf an sich gerissen hatte. Anstatt wie ein rechter Gärtner zu warten, bis so eine Knospe sich entfaltete – – –

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