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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 64
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Dierkhof, den 23. September 19 ..

Ja, das war eine lange Pause. Ich habe sie aber kaum gespürt. Denn ich habe gelebt, was ich sonst nur immer geschrieben hatte. – Und das lebendige Leben ging dem toten Schreibwerk vor. – Vater Ernst Sleef wurde uns ernstlich krank. Das war nicht mehr so einfach, mit Wärmkruken zu behandeln, obwohl ich selbst an mir nur die Naturheilweise erprobte und allstunds für gut befinde. Aber einem alten Militär den Alkohol wegnehmen und den Tabak und schwarzen, starken Kaffee heruntersetzen, weil sein Herz »flattert« – das ist ein Kunststück. Und ihn gar für eine Zeit auf Vegetarisches und Rohkost zu setzen, dazu hätt' ich Feldmarschall oder Generaloberst sein müssen, vielleicht hätte er da gehorcht. Aber zum Unteroffizier sagte er nur: »Es wird dir wohl mal besser werden, Wien, aber etwas für dich tun mußt du beizeiten.« Und doch wächst der Gottessegen an Obst, Gemüse und Pilzen uns schier in die Schüsseln hinein. Aber Doktor Kraatz kommt mit schmerzstillenden Mitteln und setzt sich dann zu ihm und schnackt.

Bei uns ist gesunde Gegend, da braucht der Arzt nicht gleich wieder wegzujagen, und für seine zwanzig Mark kuriert er das ganze Gesinde mit. Ein paar Splitter in Hand und Fuß, oder einen »bösen Finger von heiler Haut« kann jeder Knecht und jede Magd aufweisen.

»'s kommt nix bei 'raus«, sagt Doktor Kraatz.

»Aber was bei rein«, hab' ich ihm entgegnet, denn ich weiß, er hat Talers im Strumpf und Scheine auf der Kreissparkasse.

»Wien, Sie sind zu klug«, schmunzelt er. »Kluge Kinder sterben früh, mich dauern Ihre Eltern.«

Die Amei zog ganz zum Vater, denn Gesine konnte nicht den Haushalt schaffen samt der Soggerpupp und dem kranken General. – Das war nun etwas Schönes für mich. So Ameis Walten zuzuschauen. Und ich konnt' feststellen, daß ich sicher auch mal eine tüchtige Pflegerin haben würde an meinem jungen Weibe. Gewissenhaft und pünktlich, gut und klug ist die Amei als Tochter. Als Braut freilich noch herb wie eine Schlehe und stachlig wie eine Ilexstaude. Ist aber just mein Gusto. Und jetzt in der hilden Erntezeit ganz am Platze, wo man sich jede Minute abgeizen muß. Ich mein' auch, nicht nur das Ziel ist schön – auch der Weg dahin. Und wenn wir oben beim Vater saßen, dann durfte ich ganz verstohlen den Arm um meine Amei legen. Und dann fühlte ich, wie sie sich ganz geruhlich an ihren großen Wien lehnte und ganz stillhielt. Einmal sagte sie auch: »Du bist wie Heimat, Wien.« Das machte froh, und ich habe es richtig gebucht. Im Hauptbuch. Denn so was Seltenes muß man festlegen.

Mitten unter Roggen und Kartoffeln. Die sind ja auch Poesie für den Landwirt, ebenso wie die öwerspönigen Gedichte von Lilien und Rosen, und Liebe für den Stadtmenschen.

Als Doktor Kraatz kam, freute er sich über die verständige Deern und ihre Pflege des ungeduldigen Kranken. Wie praktisch sie alles anfaßte! Und liebreich dazu. Nicht an das Bett stieß, was viele Kranke einfach nicht aushalten können. Und der ziemlich grobe Landdoktor wurde ganz feiner Hund und meinte: »Mein gnädiges Fräulein, ich bewundere Sie!«

Wenn ich so was höre, werde ich fünsch, denn es erinnert mich, daß sie »von Sleef« heißt, und ich meine dann, sie kann und kann nicht zum Knecht Wien passen. Deshalb sagt' ich ihm trotzig, daß sie meine Braut sei. Verlobungskarten hatten wir nicht verschickt, Jochens wegen. Es ist und bleibt doch eine elende Geschichte, und drückt mich wie ein zu enger Rock.

Der Doktor freilich denkt an so was nicht, er kniff die Augen ganz klein und sagte einen bayrischen Spruch: »Eine Liebschaft im Haus is selten a G'winn, was an Schuhn man derspart, geht an Strümpfen dahin.« – Ich mag so Schluderworte nicht, und meine Amei hat's nicht verstanden, aber der General hat sich gesünder dran gelacht. Deshalb lasse ich sie gelten. – –

Und nun hab' ich ganz vergessen mitzuteilen, daß die Amei am 21. September mir angetraut worden ist. Die Nachfahren werden wissen, daß man in der Roggenernte eben nur an diese denkt und alles andere nebenbei geschafft werden muß. – Dies Wort hab' ich dem Tetje Bur gesagt und an nichts Böses gedacht. Muß mich fürderhin höllisch in acht nehmen, daß die Amei niemalen wieder was erhorcht. Denn sie kehrt es gleich gegen mich mit großer Böswilligkeit. – Als hätt' sie sich kein einmal an mich geschmiegt und mich Heimat genannt. An demselbigen Abend des 21. September hab' ich's gespürt. Als Muhme Kordula nach altem Brauch die »heilige Kammer« aufgeschlossen hatte und mir den Schlüssel übergab, machte ich meine Reverenz vor meinem lieben, angetrauten Weibe, und eine Glückswelle wollt' mir über Kopf und Kragen, Leib und Leben zusammenschlagen.

Sagt die Amei mit weißen Lippen: »Wirst nicht böse sein, Wien, wenn ich beim kranken Vater bleibe fürs erste. Gelt? Der geht noch der Roggenernte vor? Gut Nacht, Wien!«

Und schritt so wie eine junge Heidekönigin von mir fort. Das schneeweiße Gewand und die Brautkrone mit dem geschlossenen Myrtenkranz hatte sie auf dem Trotzkopf und sollte doch die Frauenhaube aufgesetzt haben ums Abendläuten nach Brauch und Sitte.

Muhme Kordula raunte mir zu: »Fein Geduld haben, Wien! 's ist heute ihr Ehrentag, wirst nicht rebellieren, Wien, hörst?« Und sie ging der Enkelin nach, hat ihr Schleier und Kranz abgetan, und sie auf das einschichtige, alte Kanapee gebettet. Dann haben sie beide geweint und den Abendsegen gebetet. Geschieht ihnen recht! – –

Vater Ernst hat schon geschlafen. Muhme Kordula kam auch wieder zu uns herunter. Es war ja nur eine stille Hochzeit gewesen. Mit den Herren Pastoren und dem Landjäger, der mir mit Tetje Bur Trauzeuge war, und ein treuer Spezi für mich geworden ist.

Recht extra war mir nicht nach Ameis Fortgang, und ich entschuldigte mich für ein paar Augenblicke und ging fünsch bis obenhin in die Brautkammer. Wo ich den Feiertagsrock abtat und die neue Joppe anzog. So war ich Landwirt und nicht Hochzeiter. Habe auch ein paarmal in der Kammer gewettert und die Faust geballt und Worte gesagt, die sich gar nicht mit Muhme Kordulas Abendsegen vertrugen. – Und habe der herzlieben Deern dasselbe Heimweh gewünscht nach mir, wie ich es nach ihr hatte.

Bin dann zum Pastoren und dem Landjäger Brodersen und dem Tetje Bur gegangen. Mit extra gutem Wein und besten Zigarren, von denen auch Tetje abbekam. Der schaffte auch noch ein Fäßchen Erlanger Bier hinüber in die Knechtsstube, wo noch einige Dierkhofer Insten, die vom Pastor und auch einige vom Sleefkamp mitfeierten. Doktor Jochen Sleef war nach Hannover gefahren zu einer Studentenkneipe. »Du jagst mir die Sleefkamper bald heim, hörst, Tetje?« hab' ich noch vermahnt, »die Stina soll gut aufpassen, daß es nicht zu spät oder gar früh wird. Morgen geht die Ernte weiter, und auch der Doktor Sleef wird zu rechter Zeit auf Posten sein.« Tetje, der schon aus lauter Freude über mein »Glück« einen lüttgen Haarbüdel sich angetüdert hatte, erzählte mir noch redselig, daß er der »Frau Amei« zu wissen getan habe, was sie für einen Staatsmann von Landwirt kriege, der die Roggenernte vornan stelle und Braut und Hochzeit nur als Nebenfach' abmachen wolle in »düsse hilde Tid«. Da hab' ich ihn freilich geschüttelt, daß ihm Hören und Sehen bei meinem Segenswunsch verging.

»Nix för ungut«, stamerte er heil verbast, »und ich wünsch' eine gesegnete Nacht.« Das war der eingelernte Hochzeitsspruch, den jeder Vorknecht vom Sleefkamp seinem Herrn wünschen mußte – – Da nickte ich ihm doch noch freundlich zu. Es sollte heut niemand gekränkt werden in meinem Gewese, ich hatte genug an meiner Kränkung zu tun. Mit einem dicken Packen Spielkarten trat ich vor den Pastor. Weil ich mich arg schämte, wollt' ich einen Skat vorschlagen – da brauchte ich nicht viel zu sprechen.

Sagt der Pfarrer: »Mein lieber Freund, wenn ich gescheite Partner habe, wechsle ich lieber Gedanken als Karten mit ihnen.« Er weiß allstunds ein gut Wort, der Pastor Eichstaedt, und wird auch meiner Amei ein rechter Seelsorger sein. So haben wir denn am Hochzeitsabend noch wundergut bisammengesessen und geklöhnt und geschnackt wie rechte, echte Heidjer. Haben dazu geraucht, das beste Kraut, für das sich kein König oder Herzog hätte schämen müssen. Die Muhme blieb bei ihrer Brasil, und den Hochzeitsehrenwein tranken wir langsam und mit Verstand. Ich besaß freilich nicht viel zu jener Stunde. – Jetzt mein' ich den Verstand und nicht den Wein – – –

Das Großje blieb in dieser Nacht im Dierkhof. Die Gesine holte sie herauf in den Gastpesel. Aber beim Gutnachtsagen legte sie die Arme um meinen Hals, daß ich mich tief niederbücken mußte.

»Bist ein Braver – Wien!« sagte sie mit ihrer guten Stimme. Und ich küßte sie auf den weißen Scheitel. – Der Landjäger fuhr den Herrn Pfarrer in der Hochzeitskalesche heim. Und dann sich selbst. Ich winkte ihnen noch lange nach. Drauf hielt ich wunderliche Zwiesprach mit der braunen Heide. Bis die weißen Nebel sie eindeckten, und sie aussah wie das weite Meer – – –

Am andern Morgen haben wir uns allesamt verschlafen. Nur die Sleefkamper nicht, die der Tetje beizeiten heimgejagt hat, so daß sie stramm auf Posten waren, als der Jochen Sleef heimgekehrt ist.

Und die Amei nicht. Die hat mit dem Landjäger die Pferde abgeschirrt, als er sie schon in der Herrgottsfrühe brachte. Hat alle Arbeit der Gesine abgenommen und mir den Frühbrottisch gerüstet mit gutem, starkem Kaffee und frischem Schwarzbrot und altem Hochzeitskuchen: »denn wir sind jetzt schon ein altes Ehepaar«, sagte sie gottlos gleichgültig. Da hab' ich die Tür abgeriegelt und die Amei auf meinen Schoß gesetzt und tüchtig abgeküßt. Trank ihre Süße in mich hinein und wurde immer durstiger. Da wand sie sich aus meinem Arm und schloß die Tür auf, und ich mußte Kaffee trinken. Dann kam der General noch etwas knickebeinig herunter, aber er sagte, er sei in dieser Nacht gesund geworden, weil sein schlimmes Mädchen so gut versorgt sei. Und es standen Tränen in seinen guten Augen.

Um neun Uhr kam ich erst aufs Feld, wo ich auf die schwere Not arbeitete, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Was hätt' ich auch sagen können? Amei, Amei, Amei! Weiter wußte ich nichts. Mittags zwölf Uhr stand ein däftiges, duftendes »Supp-Eten« auf dem blankgescheuerten Tisch. Die Amei hatte es gekocht – rote Backen hatte mein schönes, junges Weib, und strahlende Augen wie der blaue Himmel über der Heide. »Gottlob, daß du da bist, Wien«, rief sie, »es war wie eine Ewigkeit!«

Das machte mich schier trunken. Aber sagen tat ich Stoffel nur: » Du! Du!« Es war ihr dennoch genug. – Sie ist nicht naschhaft und nicht neugierig, die Amei. Sie ist das liebste, beste Weib auf der weiten Welt. – Gut ist sie zutiefst! Herrgott, ich dank' dir!

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