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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 63
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Dierkhof, den 4. September 19 ..

Meine Brautwerbung war nun so: Ich schickte wirklich den Hannes mit der blankgeputzten Viktoriachaise nach dem Sleefkamp. Als ich ihm einen bunten Blumenstrutz in seinen Joppenaufschlag steckte und ein paar Sternblumen an den Peitschenschmitz tat – denn alles muß seinen Schick haben, wenn man ein Sleef ist und in den Hochadel friegt,– da fragt er neugierig: »Wem gilt's denn?« Und ich antwort' ihm frei und offen: »Dem Fräulein Amei von Sleef.« Schaut er mich entsetzt an und ringt mit der Sprache. Und weil er fromm und gottesfürchtig ist, sagt er: »Wer ein Weib anstehet, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen.« Und weil ich in der Schuld bin von früher her, so mußt' ich ihm alles in Wahrheit sagen, sonst hätten er und sein Weib mir aufgekündigt. Gab ihm zu hören, daß jetzt die Amei mir gehöre, und der frühere Verspruch mit Wissen und Willen des Doktor Jochen Sleef null und nichtig sei. – »Is recht«, nickte Hannes und fuhr davon. Ich holte mir den Tetje Bur und berichtete ihm gleichfalls alles, und er sagte gar nichts. Das war das Beste, und sein Handschlag hätte ein junges Kalb tot machen können. Und nun hielt ich mir noch eine Andacht, denn ich wußte, wenn erst die Amei zugange war, war's mit der Stille vorbei. Ich nahm feierlich meine Flöte aus dem Futteral. Wie lange schon hatte die da drin gelegen und geschlafen. Mein Leben war ja meist Trauer gewesen und viel böser Ärger. Aber es ist so wunderlich: »Wenn man jemandem die ›Flötentöne beibringt‹, dann braucht man kein Instrument dazu. Ich blies: »Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen.« – Und hinterher noch meiner Mutter bayrisch Liedl: Hab i net a scheenes Röckli an?« Das paßte gut zu meinem schmucken Bräutigamsanzug. – Und dann kamen sie – der Hannes und die Muhme Kordula. Die Amei saß nicht mit im Wagen. Ich hob das Großche einfach auf meine Arme und trug sie gleich in den Wohnpesel, der festlich gerüstet war. – Aber die Muhme stieg erst zum Pflegesohn, dem General herauf und zu mir sagte sie: »Wenn du auch wie ein Pascha tust, mien Söhn, so ist doch der General der Vater von der Amei und steht über dem Pascha, und wir wollen doch um Gotteswillen nicht das vierte Gebot vergessen.« Da mußt' ich ihr rechtgeben, wenn ich auch inwendig bei mir meinte, so sei wohl noch keinem Menschen wie mir der erste Brauttag verschandelt worden durch ein wideres Geschick. Der General schickte das Großche auch gleich wieder herunter und ließ mir sagen, er sei kein Hansnarr und würde erst Verlobung feiern, wenn seine öwerspönige Amei mit dabei wäre und ihn um seinen Segen bäte. Aber er lese gerade in einem schönen Buch, das wolle er mir zu der »einschichtigen« Verlobung schenken. Ich schlug es auf und der Titel war:»Der Widerspenstigen Zähmung.« Ich lachte tüchtig, wußte aber nicht, ob der General es extra für mich geschrieben hatte. Bin kein Schriftgelehrter.

Dann bewunderte die Muhme Kordula den Verlobungstisch mit dem Wein und Kuchen, Tellern und Gläsern. Blühweiß Leinen war aufgedeckt, meiner Mutter Linnen, und die Gesine hatte einen Strauß Mohn und Kornblumen in ein uraltes Glas gestellt, das war von einem Sleef-Ahn meinem Vater vermacht. Gesine hatte bei Mohn und Kornblumen gemurmelt: »All's Leege sall vergahn, all's Gute sall bistahn.« And da lagen auch schon paar Mohnblätter auf dem Tischtuch und gaben rote Flecke. Ich schaffte das »Leege« fix fort.

Muhme Kordula machte ein Gesicht, froh und verlegen zugleich, wie sie da so im bekränzten Ohrenstuhl saß.

»Die Amei ist nicht mitgekommen, Wien.«

»Das seh ich leicht. Hat sie sich umbesonnen?«

»Ach, frag' mich nicht, Wien. Die Pfarrmagd hat wohl gestern gehorcht. Die hat erzählt, daß du dem Pastor gesagt hättst: ›Was soll die Amei hier, das ist doch Männersach'.‹ Sieh, Wien, das muß doch einer Braut weh tun!«

»Der Amei tut niemalen was weh.«

»Das ist so ein verrücktes Mannsurteil, hätt' dich für gescheiter gehalten, Wien.«

»Ich bin nicht gescheit, die Muhme urteilt von sich aus. Aber Erfahrungen hab' ich.«

»Von einer Frauenseele? Wo solltest du die her haben?«

»Die Amei hat keine Seele.«

»Potztausend! Willst du, der Riese, deine Zukunft nur auf den schwachen Körper eines Mädchens aufbauen? Hast Genügen dran, Wien Sleef?? Und wie bist so vermessen meiner Enkelin die Seele abzusprechen?« Das Weiblein war zornrot aufgesprungen und stand kerzengrade vor ihrem Ohrenstuhl. Da fuhr ich mir mit allen zehn Fingern verzweifelt in meinen Haarschopf. »Um Gotteswillen, Muhme Kordula, schaff' mir die Amei! Ihre Seel' werd' ich bei klein schon finden.« Da schob sie sich auch schon zur Peseltür herein. Nicht die Seele grad, aber das ganze liebe, große, blasse, wilde Mädchen.

»Mit dem Kismet bin ich hinter euch drein geritten, Großche«, sprudelte sie heraus. »Wollte es ihm lieber selbst sagen, deinem Wien, sonst glaubt er's nicht. Daß ich ihn nicht mag. Sterben will ich lieber!!«

Amei!! Aufgeschrieen hab' ich, daß die olen Wände vom Dierkhof wiederhallten. War aber nicht Zorn, sondern rasende Freude.

»Du hast mich gar nicht lieb, Amei?«

»Nein!«

»Das ist recht. Das Aufgebot hab' ich bestellt – schriftlich. Aber wir gehen noch zusammen hin. Komm her, Amei!«

Sie kam auch ganz gehorsam, wie es sich schickt für mein zukünftig Weib. »Wer nicht gehorchen kann, kann auch nicht befehlen.« Die ältesten Sprüche sind immer noch die besten.

»Amei, hör zu! Heut' ist es das letzte Mal gewesen, daß du das Unrechte behauptest hast, das Gegenteil von dem, was du meinst. Wenn man sich das angewöhnt, wird man ein unwahrer Mensch. Das wär' eine Schand' für Amei von Sleef. Ich frag' dich, wie es Brauch ist auf dem Sleefkamp. – Wir drei sind der Sleefkamp, wenn er auch auf dem Dierkhof tagt. Amei, vor Gott und der Ältesten unserer Sleefsippe frag' ich dich: »Hast du mich lieb?'«

Sagt' das Ding: »Hab' dir's schon einmal gesagt, wie oft soll ich's noch sagen?«

»Dreimal, Amei!« ermahnte die Muhme.

»So sag' ich's also zum zweitenmal: Ich hab' dich lieb, Wien. Aber ungern. Und das drittemal kriegst es erst zu wissen, wenn wir zwanzig Jahr verheiratet sind.«

Wo die Amei etwas zu sagen hat, schwindet alle Feierlichkeit. Sie meinte es aber ehrlich, und ich ließ es gelten. Finster, trotzig und abwehrend sah sie mich an. Da stand Muhme Kordula auf und meinte fein: »Ich gehe büschen im Gewese herum, liebster Wien. Der Hannes und mein Handstock können mich führen.« – Ich brachte sie noch vor die Fleettür und beriet den Knecht.

Auf demselben Fleck im Wohnpesel stand noch die Amei, als ich zurückkam. Mein Heimweh war so heftig nach ihr, daß es schmerzte. Ich bin Heidjer, kann nicht reden, wenn ich soll. Kann nicht zart anfassen, nur derb zupacken. Und fürchte mich – so grob und groß und ungeschlacht ich auch bin. Fürchte mich. – Meine Häßlichkeit und Versehrtheit fiel über mich her, wie eine furchtbare Mahnung: »Dies feine Blut ist nicht für dich.«

Da kam sie auf mich zu und nahm meine linke Hand und besah sie aufmerksam. »Da ist noch die Narbe«, sagte sie, »wo ich dich an Weihnachten gebissen habe.« Sie küßte mit ihren weichen Lippen das Mal. »Wien, so lange das noch zu sehen ist, muß ich dich lieb haben.«

»Das geht nie fort. Gott sei Dank! Aber du mußt es nicht, Amei, wer will dich zwingen?«

»Du, Wien! Ich bin ebenso böse, wie du gut bist. Ich will aber gut werden, und ich kann's nur bei dir. Willst du mich haben, Wien?«

Ich muß die Feder hinlegen. Solch ein Glück, solch eine Heidesonne über verkümmerten Erdreich – – – wer soll's schildern? Leben. – Leben muß man es, leben. – Aber wir vergaßen in unserer Liebe nicht auf das vierte Gebot. Wir zwei stiegen zum Vater Ernst ins Krankenstübchen.

» Er gehört mir«, sagte Amei kurz. Sie ist nicht »gefühlig«. Aber da kann ich ja aushelfen.

»Willst es wagen, Wien? Ich warne dich.« Also Vater Sleef. Aber »mein Herze ging in Sprüngen und konnt' nicht traurig sein«. Der General warf uns kurzerhand hinaus und wünschte, drei Tage unbehelligt zu sein.

Muhme Kordula fand ein Glücksbündel. Sie hatte sich schier ungebührlich lange auf dem kleinen Gewese aufgehalten, um unser Glück nicht zu stören. Hannes griente: »Se hat sik zeigen laten, wat gor nich da wär.«

Nun setzte sie sich zu uns auf das uralte Kanapee der Dierkhofer, und sprach viel gute Worte. Das Beste daran war: »Drüben auf dem Sleefkamp will ein einsamer Mann aufbauen. – Mein Herz ist bei euch. Aber mein Rat und meine Anteilnahme müssen bei Jochen Sleef bleiben.«

Ich fuhr die beiden liebsten Frauen selbst nach dem Sleefkamp. Spät war's geworden, und ich hatte die hart angestrengten Knechte ins Bett geschickt. Wenn der Herr feiert, rackert das Gesinde. – Das wird alles anders.

Wir sprachen nicht bei der Fahrt. Drei Heidjer. Oder vier. Denn der Vollmond stand über uns, und mich dünkte, er schiene heute nur über unsere Heide und unser Glück. – Der Sleefkamp lag still. Auch im Altgedinge, wo der »Einsame« wohnte, brannte kein Licht. Mir würgte es in der Kehle. Muhme Kordula trug ich ins Wohnhaus, Amei führte sie hinauf, lieb und ernst. Wir beide sahen uns nur an.

»Mit Gott!« rief die alte Frau leise. Ich nahm die Mütze ab. Dann ließ ich die Pferde Schritt gehen auf dem weichen Heidesand. Und ich weiß, daß diese Rückfahrt die ernsteste und wunderlichste meines ganzen Lebens war.

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