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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 61
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
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Dierkhof, 30. August 19 ..

Der Doktor verordnet längere Ruhe und Wärme. Nach Feierabend sitze ich im Ohrenstuhl am Krankenlager. Der Patient ist froh um meine Gesellschaft. Ich erfahre viel. Aber Weitzurückliegendes. Das Nahe vermeiden wir. Ist auch nicht so wichtig für den Folianten. Es gilt nachzutragen, was nicht hineingeschrieben worden ist, weil diese Urkunde vernachlässigt wurde. Das soll bei mir nicht vorkommen.

General von Sleef ist ein armer schmaler Junge gewesen, als er auf den Sleefkamp kam. Von einem fern Versippten der einzige Sohn. Vollwaise. Fräulein Kordula Sleef hat sich seiner erbarmt, hat ihn an Kindesstatt angenommen. Eine alte Jungfrau, reich und angesehen nahm alle Muttermühen auf sich, um nicht ausgeschlossen zu sein von diesem heiligsten Beruf. »Ihr Leid, als der Bräutigam starb, hat sie in Segen gewandelt für mich«, sagte der General. »Das ist praktisches Christentum.«

Spät hat er geheiratet und gar eine Gräfin heimgeführt. Gräfinnen kenne ich nur aus Geschichtenbüchern, lebendig habe ich noch keine gesehen. Die Amei soll ihr auf's Haar gleichen. Ein Engel sei sie gewesen. Das wird man Amei nie nachsagen können. Wien, sei ehrlich, war sie es neulich nicht zu dir, als sie mit der weichen Stimme sagte: »Ich hab' dich lieb!?« – – Man soll sich nicht von hohen Vorgesetzten solche Geschichten erzählen lassen. Hinterher schmerzt es unter der linken Westenklappe.

Dierkhof, 31. August 19 ..

In diesem Jahre blüht die Heide, daß es nur so zum Staunen ist. Wenn man in der roten Blust steht oder liegt – man ist in der Kirche. Die ist nicht von Menschenhänden und aus Stein erbaut. Die ist lebendig, und man spürt den Gottesodem. Heilige Heideheimat, der Wien grüßt dich! Alter Ahnenfulliant, nimm diesen Brief auf!

Sleefkamp, den 31. August 19 ..

Lieber Wien! Eigentlich wollt' ich nie wieder die verrückte, unbäuerliche Tat begehen, von einem Hof in den anderen zu schreiben. Der rechte Bauer flucht, schimpft, betet und arbeitet. Aber er schreibt nicht. Freilich, ich bin ja auch kein rechter Bauer, ich will nur einer werden. – Wien, die Amei hat mir alles gesagt. Und ich kannte sie dabei gar nicht wieder. Demütig war sie, es kleidete sie gut. Die Liebe zu Dir hat sie lieblich, beinahe fraulich verwandelt. Sie ist ein braver Kerl, das kann man nicht von allen Frauen sagen. Die Liebe zu Dir trägt also Segen in sich, das habe ich auch an mir gespürt, und deshalb komme ich ja nicht von Dir los, Wien. Es tat mordsmäßig weh, als es mir aufkündigte, das feine, liebe Ding. Aber ich habe es nicht merken lassen. – Und nun müssen wir allen sentimentalen Quark beiseite werfen. Ich bitte dich, Wien, wolle nicht katholischer sein, als der Papst. Die Amei hat mir erzählt, daß Du sie regelrecht weggeschickt hast. Das machen Dir nicht viele nach, Wien. Aber ich hab's nicht anders von dir erwartet, Du lieber Kerl. – Sie will aber Dich, da beißt die Maus keinen Faden ab. – Alles Gute brauche ich Dir nicht zu wünschen, du bist selbst zu tiefst gut. Und die Amei auch. Ihre tausend und etliche Teufeleien und Unarten wirst Du ihr abgewöhnen. Ich dagegen bin ebenso wenig Pädagoge, wie ihr Vater. Du aber, Wien, wirst es schaffen mit Deinem heidjerischen Dickschädel. Gott segne ihn! Gehab Dich wohl, Wien! Die nächsten zehn Jahre wollen wir uns nicht sehen – hörst? Muhme Kordula wird mich wohl öfters besuchen, sie ist für Gerechtigkeit. Und nun dank ich Dir noch für Deine Verschwiegenheit. So denkt doch die Amei gut von mir.

Jürgen-Jochen Sleef.


Als ich den Brief durchgelesen und ihn eingeheftet in das ehrwürdige Buch, habe ich Feierabend gemacht. – An hohen Zeiten arbeitet man nicht. – Die blutrote Heide hatte das fromme Kirchenkleid abgestreift und war wie ein riesiger Hochzeitssaal. Bienen und Schmetterlinge feierten in ihr und mit ihr Hochzeit. Die Sonne lachte auf die Sandwege und die unerhörte Schönheit der roten Dolden gleicherweise herunter. Auf »Gerechte und Ungerechte«. Sie lacht gern, die Sonn'. Aber wenn sie auf Ungutes niederschauen soll, verkriecht sie sich ebenso gern. Ich wanderte feiernd durch die summende Stille. Sogar eine neue Joppe hatte ich angetan. Denn wenn man zum Hochzeitstanz durch die Heide geht, muß alles neu sein. Selbst meinen Haarwald hatte ich mir etwas abtun lassen und auch das Rasiermesser hatte geschabt. Das macht alles Tetje Bur. Mir war recht wie Heilig Abend. Ist ja auch Sonnabend heute. Und morgen – was wird morgen sein – dacht' ich – »heiliger Sonntag weit und breit.«

»Hast was vor, Wien?« hatte mich die alte Gesine gefragt, als ich aus dem Hause wollte, »siehst so unternehmerisch aus ...«

» Wie seh ich aus?« fragt ich zurück und hoffte auf eine Antwort, die sie mir schon einmal vor Jahr und Tag gegeben: »wie nochmal ein Graf.« Aber heut' betrachtete sie mich von Kopf bis Fuß und sagte bewundernd: »Wie ein rechter Bauer.« Nun ja, so soll's sein. Ans Hünengrab kam ich und meinte, die Amei müsse da sitzen und auf mich warten. Aber so kommod macht's das Schicksal nicht. Ich wartete auf sie. Und ich saß mit gefalteten Händen lange Zeit und lebte mein Leben noch einmal durch und buchte Soll und Haben. Das war alles in Ordnung. Dann richtete ich im Geist die Stuben ein für Amei und mich. Die sollte mir keine Generalsausstattung bringen, ich hatte alles. Das Riesenbett, das mir Vater und Mutter hatten zimmern lassen, das wollt' ich behalten. Und die Amei sollte nur ihr schneeweißes Mägdleinbett daneben schieben. Für ihre Wäsche freilich – da sorgte jede Braut gern selbst. Und ich wollte ihr dazu meine Truhe schenken, von 1705. Die reichte für mich und noch für viele glückliche Menschen. Dann ging ich noch zu Pastor Eichstaedt, und konnt' ihn erst in seiner Studierstube nicht finden. Bis er mit seinem rotseidenen Taschentuch durch die Tabakswolke schlug. Da teilte sie sich, und wir konnten miteinander reden.

Die Sache regte ihn etwas auf, er sah zuerst nicht recht klar drin. Aber ich wollte nicht mehr von dem reden, was vergangen war, sondern setzte die Hochzeit fest auf den 21. September. »Warum haben Sie Ihre Braut nicht mitgebracht?« fragte er und sah erstaunt und unbehaglich aus. Aber ich meinte, was sie dabei solle? Hochzeit sei doch Mannessach' und ich führe sie ja in mein Haus, und sie nicht mich in das ihre. Für's übrige hätte ich noch gar nicht mit ihr gesprochen. – Auch den Trauspruch machte ich fest: »Freuet euch, und abermals sage ich euch, freuet euch!« Als Pfarrer Eichstaedt etwas ungemütlich wurde, weil ihm wohl der Spruch nicht fromm und ernst genug dünkte, wurde ich ganz fest und sagte: »Herr Pastor, ich bin nur ein paar Kinderjahre froh gewesen, und späterhin durch viel Not und Tränen und Blut gewandert. Jetzt soll die Freude anheben. Amen.«

Da schwieg er still. Reichte mir die verläßliche Seelsorgerhand. Ich behielt sie in der meinen und rief ganz froh: » Die soll mir meine Jungs taufen.«

Da schob er mich mit großer Mühe zur Tür hinaus. »Aber erst gehn Sie zum Standesbeamten, Bauer Harmsen, der hat jetzt das Wort.«

Mit dem Bauer Harmsen bin ich aber nicht auf gleich, der hat gegen mich gehetzt in der Vorstehersache. Mit dem mache ich's morgen schriftlich. Auch war mein Feiertag zu Ende, ich mußte noch nach meiner »Doria« sehen, der es nicht extra war. Aber als ich fortging, hatte sie gefressen, so meldete es der neue Knecht. Zuerst stieg ich aber zum General hinauf. Der schickte mich weg. Könnt' sich nicht rühren vor Rheuma. Wollt' schlafen. Da hab' ich ihm nicht von der Hochzeit am 21. September erzählt.

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